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Grundkonzepte der Aphasieforschung und ihre Bedeutung für das Krankheitsbild mehrsprachiger Patienten

Examensarbeit 2006 70 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

0. Begriffsklärung
0.1. Aphasien
0.2. Mehrsprachigkeit

1. Historischer Überblick
1.1. Die Antike
1.1.1. Die ersten Dokumente
1.1.2. Die Anfänge des Lokalisationsgedankens
1.2. Das Mittelalter
1.3. Die Renaissance
1.4. Das 18. Jahrhundert
1.5. Das 19. Jahrhundert
1.5.1. Paul Broca
1.5.2. John Hughlings Jackson
1.5.3. William Ogle – Die Entdeckung der amnestischen Aphasie
1.5.4. Heymann Steinthal: Die Psycholinguisten betreten die Bühne
1.5.5. Carl Wernicke
1.6. Zusammenfassung

2. Aphasie und Mehrsprachigkeit
2.1. Der Wiederherstellungsprozess als Ausgangspunkt
2.2. Das Gesetz von Ribot und die Regel von Pitres
2.3. Klassifikation der Restitutionsverläufe
2.3.1. Synergistic recovery
2.3.2. Successive & selective recovery
2.3.3. Antagonistic recovery
2.3.4. Mixed recovery
2.4. Zusammenfassung
2.5. Erklärungsversuche für die Restitutionsmuster anhand einer strengen Lokalisationstheorie

3. Mögliche Formen der Organisation und Repräsentation mehrerer Sprachen im menschlichen Gehirn
3.1. Die mögliche Rolle der rechten Hirnhemisphäre beim monolingualen Menschen
3.1.1. Der Wada-Test
3.1.2. Untersuchungen an Patienten nach erfolgter Kommissurotomie
3.1.3. Der dichotische Hörtest
3.2. Die Rolle der rechten Hirnhemisphäre beim mehrsprachigen Menschen
3.3. Mögliche Faktoren mit Einfluss auf die Lateralisierung mehrerer Sprachen im menschlichen Gehirn
3.3.1. Sprachspezifische Faktoren
3.3.2. Spracherwerbsfaktoren
3.4. Der Switch Mechanismus
3.5. Anatomieunabhängige Hypothesen zur Organisation mehrerer Sprachen im menschlichen Gehirn
3.5.1. Die Energietheorie von Green
3.5.1.1. Die subsystem hypothesis
3.5.1.2. Die activation threshold hypothesis
3.6. Das limbische System
3.7. Bildgebende Verfahren in der Hirnforschung

4. Fazit
4.1. Das einsprachige Gehirn
4.2. Das mehrsprachige Gehirn

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anhang

Einleitung

Die Frage nach der Funktionsweise des menschlichen Gehirns ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Kein anderes Organ im menschlichen Körper gibt auch der modernen Wissenschaft, aller Fortschrittlichkeit zum Trotz, so viele Rätsel auf. Gerade deswegen ist die Beschäftigung mit diesem Thema so faszinierend. Eine der wohl interessantesten Fragestellungen ist die Verbindung zwischen Sprache und Gehirn. Theorien zu dieser Verbindung entwickelten sich aus der medizinischen Notwendigkeit, Patienten zu helfen, die nach einer Schädigung des Gehirns mit Sprachproblemen zu kämpfen hatten. Die Medizin, die vielleicht älteste Wissenschaft überhaupt, legte den Grundstein für die intensive Beschäftigung mit diesem Thema. Die Liste der Disziplinen, die sich im Laufe der Jahrhunderte der Diskussion anschlossen, ist schier endlos: Philosophie, Theologie, Neurolinguistik, Psycholinguistik, Psychologie...

Diese Arbeit wird versuchen, den Vorgängen im menschlichen Gehirn, die uns erlauben, eine oder mehrere Sprachen zu verwenden, auf die Spur zu kommen. Die zentrale Frage dieser Arbeit steht seit Beginn der Aphasieforschung im Mittelpunkt des Interesses: Wie ist Sprache im Gehirn eines Menschen repräsentiert/organisiert? Nur über eine Klärung dieser Frage wird man in die Lage versetzt, die Krankheitsbilder von Aphasiepatienten richtig zu interpretieren. Der Aspekt der Mehrsprachigkeit wird mit der Erweiterung der Ausgangsfrage auf zwei oder mehr Sprachen zum Tragen kommen. Es wird klar werden, dass die beiden konkurrierenden Hauptkonzepte der Aphasieforschung - Lokalisation und Holismus - auch heute noch die Aphasieforschung sowohl bei Ein- wie auch bei Mehrsprachigkeit beeinflussen.

Nach Klärung zweier zentraler Begriffe dieser Arbeit wird zunächst die historische Entwicklung der Aphasieforschung dargestellt und teilweise kritisch beleuchtet werden. Dies ist nötig um zu verstehen, wo die Wurzeln der einzelnen miteinander konkurrierenden Theorien dieses Forschungsgebietes liegen. Der erste Teil schließt mit einer kurzen Zusammenfassung und einigen offenen Fragen ab.

Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich auf die verschiedenen Theorien zur Aphasie bei Mehrsprachigkeit eingehen, um im dritten Teil dann die daraus resultierenden Modelle zur Repräsentation und Organisation mehrerer Sprachen im menschlichen Gehirn zu diskutieren.

Im vierten Teil werde ich meine eigenen Überlegungen zur Repräsentation von Sprache(n) im menschlichen Gehirn formulieren, die im Wesentlichen eine Synthese der beiden auf den ersten Blick scheinbar nur schwer vereinbaren Hauptkonzepte anstreben.

Die Arbeit schließt mit einer kurzen Zusammenfassung der zentralen Punkte.

0. Begriffsklärung

In diesem kurzen Abschnitt sollen zunächst die beiden zentralen Begriffe Aphasien und Mehrsprachigkeit definiert werden.

0.1. Aphasien

Unter Aphasien verstehe ich in Anlehnung an Bußmanns Lexikon der Sprachwissenschaft „eine Reihe von erworbenen zentralen Sprachstörungen (verursacht durch einen Hirnschaden aufgrund von Gefäßerkrankungen, Tumor, Unfall etc.), bei denen Verständnis und Produktion von mündlichem und schriftsprachlichem Ausdruck unterschiedlich stark betroffen sein können.“[1]

0.2. Mehrsprachigkeit

Unter Mehrsprachigkeit verstehe ich die Fähigkeit eines Menschen, sich in verschiedenen Situationen mit Hilfe zweier oder mehrerer Sprachen (L1, L2, etc.) ausdrücken und zwischen diesen Sprachen nach Belieben wechseln zu können. Im Rahmen dieser Arbeit habe ich auf eine Unterscheidung zwischen Zwei- und Mehrsprachigkeit verzichtet, da eine solche Unterscheidung meiner Auffassung nach für die zentrale Frage dieser Arbeit nicht von Bedeutung ist. An entsprechender Stelle wird auf Unterschiede zwischen natürlicher, schon während der frühen Kindheit erworbenen, und künstlicher, d.h. etwa durch Schulunterricht erlangten, Mehrsprachigkeit eingegangen werden.

1. Historischer Überblick

Bei der Beschäftigung mit jedem Feld in der Wissenschaft ist es sinnvoll, sich mit den Wurzeln der aktuell diskutierten Standpunkte zu beschäftigen. Speziell im Fall der Aphasieforschung wird deutlich werden, dass die heute diskutierten Positionen ihren Ursprung teilweise schon in der Antike haben. Auch wird man bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Aphasieforschung schnell feststellen, dass die Behauptung, Broca und Wernicke markierten den Beginn der modernen Aphasieforschung, so nicht haltbar ist.

1.1. Die Antike

1.1.1. Die ersten Dokumente

Da Aphasien durch Verletzungen des Gehirns entstehen, kann man davon ausgehen, dass es Aphasien schon so lange gibt, wie es Menschen gibt. Schon im alten Ägypten war man mit diesem Phänomen vertraut. Das wohl bekannteste älteste Dokument, in dem eine Sprachstörung Erwähnung findet, ist das so genannte Edwin-Smith-Papyrus[2]. In diesem vielleicht ersten Medizinerhandbuch werden verschiedene Krankheitsfälle dargestellt, unter ihnen auch Kopfverletzungen, die offensichtlich aphasische Störungen nach sich zogen: „Im Fall 17 ist ein Patient aufgrund einer Oberkiefer Fraktur als ‚sprachlos’ beschrieben, und die Fälle 19, 20 und 22 weisen Schläfenverletzungen auf, in deren Folge die Betroffenen ‚sprachlos’ sind.“[3] Interessant ist die Tatsache, dass die Ägypter offenbar keinen Zusammenhang zwischen Gehirn und Sprache sehen. Bedingt durch eine kardiozentrische Weltsicht, die das Herz als wichtigstes Organ des Menschen ansieht, misst man dem Gehirn keine größere Bedeutung zu.

1.1.2. Die Anfänge des Lokalisationsgedankens

Der durchaus noch aktuell diskutierte Gedanke einer genauen Lokalisation von geistigen Fähigkeiten im menschlichen Körper geht zurück auf das antike Griechenland und das römische Imperium. Zu dieser Zeit ist Gegenstand der Diskussion allerdings nicht die Frage, wo im Gehirn des Menschen welche kognitiven Fähigkeiten auszumachen seien, vielmehr diskutiert man darüber, ob das Herz oder das Hirn Sitz dieser Fähigkeiten sei. Die gesamte Diskussion um diese Frage darzustellen, würde den Rahmen, den ich für den historischen Teil meiner Arbeit eingeteilt habe, bei weitem sprengen, daher möchte ich nur kurz auf die meiner Meinung nach wichtigsten und interessantesten Standpunkte und ihre Vertreter eingehen. Als Erster stellt Alkmaion[4] eine Verbindung zwischen dem Gehirn und menschlicher Wahrnehmung/menschlichem Denken her. Platon[5] geht von einer Dreiteilung der ‚Seele’ des Menschen aus, lokalisiert die Sprache, als Teil der Vernunft und des Geistes, aber eindeutig im Kopf. Herophilos[6] schließlich ist der Erste, der Teile des Gehirns genauer beschreibt.

Erasistratos[7] stellt die Verbindung zwischen der Größe bzw. Komplexität von Teilen des Gehirns und der Leistungsfähigkeit des Menschen her, so dass man ihn als antiken Vater der auch heute noch diskutierten Lokalisationslehre ansehen kann. Trotz dieser Tendenzen zur Abkehr vom kardiozentrischen Weltbild bleibt dieses zunächst aber noch bestimmend, was vor allem dem starken Einfluss Aristoteles’ auf die wissenschaftliche Diskussion zugeschrieben werden kann.[8]

Eine wichtige Erkenntnis in Bezug auf die Funktionsweise des Gehirns erlangt der römische Gladiatorenarzt Galen[9], der sensorische und motorische Nervenbahnen im Gehirn entdeckt und dementsprechend sensorische und motorische Fähigkeiten in verschiedenen Teilen des Gehirns lokalisiert. Was Sprachstörungen angeht, stellt Galen nur fest, „dass das Wortgedächtnis durch Kopfverletzungen beeinträchtigt werden kann.“[10] Galen begründet auch die Ventrikel- oder Zellentheorie, auf die im folgenden Abschnitt über das Mittelalter genauer eingegangen werden wird, da sie für diese Epoche bestimmend ist.

1.2. Das Mittelalter

Nicht umsonst gibt es das geflügelte Wort des „finsteren Mittelalters“. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es in dieser Zeit keine größeren wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt, denn die Wissenschaft liegt brach. Man neigt dazu, auf das Wissen der Antike zurückzugreifen.

Im Mittelalter ist die vorherrschende Theorie über die Funktionsweise des Gehirns die so genannte Zellenlehre (auch Ventrikeltheorie genannt), die sich auf Galens Erkenntnisse stützt. Galen vermutet „wie [auch] Herophilos hunderte Jahre vor ihm“[11], dass den Ventrikeln eine besondere Rolle im Gehirn zukommt. „In den beiden Lateralventrikeln (als erste Zelle verstanden) wird die Vorstellungskraft, im dritten Ventrikel (der zweiten Zelle) die Vernunft und im vierten Ventrikel (der dritten Zelle) das Gedächtnis lokalisiert“.[12]

Diese, hier sehr kurz umrissene, Theorie ist die Basis, auf der Gelehrte im Mittelalter aufbauen, wobei man die Ventrikel nicht mehr als anatomisch gegeben, sondern eher als theoretische Konzepte auffasst. Da leider keinerlei Belege für Aphasie bzw. deren Erforschung zur Zeit des Mittelalters existieren, lässt sich nur vermuten, dass die Gelehrten damals – in Anlehnung an Galens Behauptung, bei aphasischen Symptomen wäre das Wortgedächtnis beschädigt (siehe 1.1.2.) – aphasische Störungen als Störungen des Gedächtnisses ansehen, deren Entstehung also mit einer Läsion des vierten Ventrikels in Verbindung bringen.

1.3. Die Renaissance

Die Renaissance markiert einen Neubeginn in der wissenschaftlichen Forschung. Es entstehen umfassende Werke, die sich mit den verschiedensten Forschungsaspekten befassen. Das Universalgenie Leonardo da Vinci darf hier nicht unerwähnt bleiben, treibt er doch die anatomische Forschung durch seine Sektionen, die ihm allerdings auch Probleme mit der Kirche einbrachten, entscheidend voran und begründet so die moderne anatomische Forschung.

Für die Hirnforschung sei der Belgier Andreas Vesalius genannt, der 1543 sein siebenbändiges Werk De humani corporis fabrica herausbringt und die Ventrikeltheorie Galens widerlegt. Thomas Willis[13], der Entdecker des Diabetes mellitus, beschreibt in seinem Werk Cerebri Anatome die Anatomie des Gehirns.

Einen wichtigen Schritt in der Aphasieforschung macht der deutsche Arzt Johannes Schenck[14], indem er die Idee der Sprachstörung – im Gegensatz zur Sprechstörung - entwickelt. Schenck beschreibt Fälle, bei denen seine Patienten ihre Zungen normal bewegen, jedoch nicht richtig sprechen können.[15]

Schließlich findet sich im 17. Jahrhundert der erste Bericht über Therapieversuche.[16]

1.4. Das 18. Jahrhundert

Das 18. Jahrhundert ist aufgrund zweier Personen von besonderer Bedeutung für die Aphasieforschung: Emanuel Swedenborg und Johann Gesner.

Swedenborg formuliert den modernen Lokalisationsgedanken[17], also die Annahme, dass „verschiedene Funktionen an verschiedenen anatomischen Stellen am Cortex repräsentiert sein müssen“[18] und begründet ihn sowohl medizinisch wie auch philosophisch: „Philosophisch müsse es so sein, damit die Hirnfunktionen sich nicht gegenseitig beeinflussen und in ihrer Wirkungsweise stören können; klinisch sei es notwendig, um pathologische Phänomene […] erklären zu können.“[19]

Johann Gesner veröffentlicht in den Jahren 1769-1776 ein umfangreiches Werk zu verschiedenen Krankheiten. Eine der von ihm besprochenen Krankheiten bezeichnet er als Sprachamnesie. Ausgesprochen genau ist die Erfassung der Symptome (Jargon, Neologismen, Perseverationen, Automatismen, Lese-, Schriftsprachstörungen etc.[20]). Gesner vermutet in der Sprachamnesie eine Störung eines Teiles des menschlichen Gedächtnisses, motorische Störungen schließt er aus.[21] Mit der Vorstellung Gesners, Funktionen im menschlichen Gehirn seien selektiv störbar, „ist die erste assoziationistische Aphasietheorie entstanden, die das ausgehende 19. Jahrhundert beherrschen sollte.“[22] Gesner beschreibt auch als einer der Ersten „Störungen des Lesevermögens zweisprachiger Patienten, die in den jeweiligen Sprachen unterschiedlich stark auftreten, […].“[23] Dieser Aspekt bleibt zwar weitgehend unbeachtet, trotzdem markiert Gesners Arbeit den Beginn der Erforschung der Aphasie bei Mehrsprachigkeit.

1.5. Das 19. Jahrhundert

Von zentraler Bedeutung für die Aphasieforschung sind die Arbeiten von Franz Josef Gall. Gall weist dem Neocortex eine zentrale Bedeutung zu und vertritt die Ansicht, „dass geistige Fähigkeiten in bestimmten Teilen des Gehirns zu lokalisieren seien.“[24] Weiterhin geht er davon aus, dass, je stärker eine bestimmte geistige Fähigkeit bei einem Menschen ausgeprägt ist, der entsprechende Teil des Gehirns dieses Menschen umso größer sein muss. Da die Fähigkeiten eines Menschen sich vor allem in der Kindheit, d.h. im Wachstum, bilden, das Gehirn während dieser Phase also an bestimmten Stellen größer wird und damit Druck auf den Schädel ausübt, kann man – so Galls „Phrenologie“ – an der Kopfform erkennen, über welche geistigen Fähigkeiten ein Mensch verfügt. Gall lokalisiert als Erster ein Sprachzentrum, nämlich in der „Hirnpartie, die auf der hinteren Hälfte des Orbitaldaches aufruht.“[25]

Als Gegenbewegung der Lokalisationstheorie entwickelt sich im 19. Jahrhundert der Holismus, der davon ausgeht, dass man kognitive Fähigkeiten nicht eindeutig lokalisieren kann, sondern dass das Gehirn als Ganzes funktioniert, jeder Teil des Gehirns also alle Aufgaben erledigt.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Frage, ob und welche Hirnhälfte für Sprache entscheidend ist, noch nicht diskutiert worden. Auch Broca legt sich nicht eindeutig fest (siehe 1.5.1.). Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Marc Dax schon 1836 auf eine Verbindung zwischen einer Verletzung der linken Hirnhälfte und Sprachstörungen hinweist. Wie so oft in der Wissenschaft geht dieser wichtige Hinweis unter, weil Dax’ Arbeit nicht publiziert wird und dementsprechend nicht in die Diskussion einfließen kann.

1.5.1. Paul Broca

Brocas Arbeiten sind zu umfangreich, um sie im Rahmen eines kurzen historischen Überblicks ausgiebig zu diskutieren. Im Folgenden werde ich also nur kurz und knapp seine Forschungen umreißen.

Im Verlauf seiner Arbeit – Broca ist unter anderem Mitbegründer der Pariser Anthropologischen Gesellschaft - wird Broca ein Patient vorgestellt, der außer der Silbe „tan“ und einigen Automatismen nichts mehr äußern kann. Dieser Umstand führt dazu, dass man den Patienten allgemein als Monsieur Tan bezeichnet. Broca bezeichnet die Sprechstörung[26] dieses Patienten als „Aphemie“. Nach dem Tod des Patienten führt Broca eine Autopsie durch:

„Als Läsionsort kann Broca den linken Frontallappen festmachen, der insgesamt stark degeneriert ist, aber das Zentrum der Läsion ist der mittlere Teil des Frontallappens.“[27]

Durch diese Autopsie und seine Kenntnis des Patienten ist für Broca klar erwiesen, dass Aphemie keine Auswirkungen auf die Intelligenz des Betroffenen hat. Auch ist für ihn der „Sitz der Sprache“ eindeutig lokalisierbar, wobei überraschend ist, dass er, der gemeinhin als Vater der Aphasiologie gilt, den Zusammenhang zwischen der linken Hirnhälfte und Sprachstörungen erst einige Jahre später erkennt. Tesak merkt zu Recht an, „dass Broca eher über eine Sprech- und weniger über eine Sprachstörung spricht, dass die Erfassung und Überprüfung der Symptome relativ dürftig ist und dass die Ursache des Problems möglicherweise degenerativer Natur gewesen ist.

Insgesamt wird deutlich, dass der Fall Leborgne[28] ein eher ungünstiger Startpunkt für die Geburt der Aphasiologie ist.“[29]

Diese erste Annahme Brocas wird durch einen zweiten von ihm untersuchten Patienten namens Lelong gestützt. Auch bei diesem Patienten sind die zweite und dritte frontale Hirnwindung lädiert. Broca kommt daraufhin zu dem Schluss, dass die Hirnwindungen selbst in den Fokus der Untersuchungen rücken müssen. Doch auch bei dieser Untersuchung Brocas gibt es Grund zur Kritik:

„[…] nachträgliche Untersuchungen [zeigen], dass beide Hemisphären des Gehirns von Lelong Atropien aufweisen, wie sie bei seniler Demenz auftreten. Somit ist auch der zweite Fall Brocas ein etwas untypischer Fall von Aphasie (im Sinne der klassischen Lehrmeinung).“[30]

In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass das Gehirn von Brocas erstem Patienten, Leborgne, von Pierre Marie am Anfang des 20. Jahrhunderts erneut untersucht wird, der „Läsionen nicht nur im frontalen, sondern auch im parietalen Bereich fest[stellt].“[31] Dies veranlasst Marie zu der Annahme, dass es nur eine Form von Aphasie gibt. Die Broca-Aphasie ist seiner Ansicht nach eine Wernicke-Aphasie[32] mit Anarthrie, d.h. einer Störung der Bewegungsabläufe, die für Sprachproduktion nötig sind.

Beide von Broca zuerst untersuchten Fälle sind also als eher untypisch für eine Aphasie zu bezeichnen, jedoch hält sich die Meinung, Broca markiere den Beginn der Aphasieforschung, hartnäckig. Um diesen Standpunkt zu entkräften, sei hier noch kurz erwähnt, dass seine Forschungsergebnisse durchaus nicht neu waren. Bereits Bouillaud und Auburtin hatten einige Jahre zuvor ähnliche Studien veröffentlicht, wurden aber wohl nur unzureichend rezipiert und diskutiert.

1865 entwickelt Broca das Konzept der Sprachlateralisation, in dem er die Meinung vertritt, die linke Hirnhemisphäre – und nur diese – sei bei Rechtshändern entscheidend für die Sprache. Bei Linkshändern hingegen sei es möglich, dass das Sprachzentrum in der rechten Hirnhälfte zu finden sei. Weiterhin entwickelt er einen Gedanken, der mir äußerst wichtig erscheint und auf den ich im Verlauf dieser Arbeit zurückkommen werde. Broca vermutet nämlich, dass die Hirnhälfte, die nicht entscheidend für Sprache ist (also seiner Meinung nach die linke bei Rechtshändern, die rechte bei Linkshändern), bei einem Ausfall der entscheidenden Hirnhälfte eventuell Aufgaben übernehmen könnte, also quasi als Backup- System fungiert.

Obwohl der Name Broca in der Aphasieforschung oft nur in Verbindung mit der so genannten Broca-Aphasie, die auch motorische Aphasie genannt wird, auftaucht, hat Broca doch viel mehr getan, als nur diese, von ihm „Aphemie“ genannte, Aphasieform zu erforschen. In der Tat legt er ein eigenes Klassifikationssystem vor, das vier verschiedene Aphasieformen kennt. Im Rahmen dieses Systems „nimmt [Broca] die bis heute beliebte [...] Zweiteilungen motorisch/sensorisch, Broca-Aphasie/ Wernicke-Aphasie, flüssig/nicht-flüssig vorweg.“[33] Es ist also falsch, zu behaupten, Wernicke sei der Entdecker der sensorischen Aphasieform.

1.5.2. John Hughlings Jackson

Die Lokalisationslehre ist die vorherrschende Theorie im 19. Jahrhundert, jedoch nicht die einzige. Als wichtiger Vertreter einer nicht-lokalisationistischen Theorie sei John Hughlings Jackson genannt. Seine Arbeiten stoßen zwar bei seinen Zeitgenossen zumeist auf Ablehnung - der Lokalisationsgedanke ist gemeinhin zu dominant - jedoch schafft er die Grundlage für den klassischen Holismus. Im 20. Jahrhundert erfahren Jacksons Arbeiten neue Aufmerksamkeit und seine Überlegungen werden neu diskutiert. Ein besonderer Verdienst Jacksons ist es, sich in seinen Forschungen nicht nur die linke Hemisphäre zu beschränken, sondern auch der rechten Hälfte des Gehirns seine Aufmerksamkeit zu widmen.[34]

Jackson entwickelt ein Modell, das vom Gehirn gesteuerte Funktionen als in einer Hierarchie organisiert vorsieht. Seiner Ansicht nach sind die ureigensten Funktionen in den Teilen des Gehirns zu finden, die sich als Erstes im Laufe der Evolution entwickelt haben. Höhere Funktionen, eben auch die Sprache, sind im Neocortex, dem seiner Ansicht nach „jüngsten“ Teil des Gehirns, lokalisiert. Mit diesen höheren Funktionen ist der Mensch in der Lage, die niederen Funktionen zu kontrollieren. Wird nun ein Teil des Gehirns geschädigt, werden die Arbeitsabläufe im Gehirn umstrukturiert, um die Funktion des Systems sicherzustellen. Mit dieser Auffassung schließt sich Jackson der Sichtweise Brocas in Bezug auf die Reorganisationsfähigkeit des Gehirns an.

Jackson führt den Begriff der „Proposition“ ein. Für ihn besteht Sprache nicht nur aus Wörtern und Sätzen, sondern vielmehr aus der Fähigkeit, Aussagen machen zu können. Seiner Definition nach ist eine Aphasie der Verlust dieser Fähigkeit. Weiterhin verfügt der Mensch über eine innere und eine äußere Sprache. Die äußere Sprache ist die „normale“ Sprache, wohingegen die innere Sprache die Sprache ist, mit der der Mensch denkt. Da beide zum Sprachsystem gehören, sind bei einer Aphasie auch die Denkprozesse eines Menschen gestört, denn auch für das Denken sind Propositionen unerlässlich. Von besonderer Bedeutung sind in Jacksons Theorie auch die Sprachautomatismen. Für ihn sind sie ein Zeichen dafür, dass es innerhalb der Sprache, wie auch bei allen anderen Hirnfunktionen, eine Hierarchie gibt. Die automatisierten Äußerungen sieht Jackson als Zeichen für eine Basisebene der Sprache, die allerdings unabhängig von Propositionen ist. Diese Basisebene unterscheidet er von der intellektuellen Sprache, die auf Propositionen nicht verzichten kann. Eine solche Hierarchie der Sprache wirkt sich auch auf deren Anfälligkeit für Störungen aus. Seiner Vorstellung nach sind die „höheren, willkürlichen Aspekte der Sprache sehr viel anfälliger für Störungen als unwillkürliche Äußerungen wie emotionale Sprache, Ausrufe oder automatisierte Redewendungen […].“[35] Da Jacksons Ansicht nach das Denken bei Aphasikern gestört ist, ist es nur klar, dass sie auch sprachlich auf das Grundgerüst zurückfallen müssen. Diese beiden Sprachebenen sind anatomisch getrennt: Die Verantwortung für die Basisebene sieht Jackson bei der rechten, die für die intellektuelle Sprache bei der linken Hirnhälfte. Jackson wehrt sich jedoch gegen eine genaue Lokalisation von Sprache im Gehirn. Sein wichtigster Kritikpunkt an der Lokalisationslehre ist, dass es „zwei verschiedenen Dinge [sind], die Läsion, welche die Sprache schädigt, und die Sprache selbst zu lokalisieren.“[36] Überraschend in diesem Zusammenhang ist, dass auch Jackson von einer größeren Bedeutung der Broca-Zone für die Sprache ausgeht und einige Aspekte seiner Theorie durchaus an anatomischen Gegebenheiten festmacht. Man kann also sehr wohl darüber streiten, ob Jackson „ der Gegenpol zu den Sprachlokalisationisten“[37] ist.

1.5.3. William Ogle – Die Entdeckung der amnestischen Aphasie

In seiner Arbeit Aphasia and Agraphia geht William Ogle von einem stark vereinfachten Wortverarbeitungsmodell aus. Diesem Modell nach wird bei der Produktion eines Wortes zunächst durch eine Idee oder Vorstellung (semantische Merkmale) ein bestimmtes Wort abgerufen und dann artikuliert. Eine Störung dieser Fähigkeit, also eine Störung in der Verbindung zwischen Idee und Wort, führt zu einem zögerlichen Sprechen und zu häufigen Paraphasien. Ogle nennt dies amnemonische Aphasie, ein Terminus, der später durch amnestische Aphasie ersetzt wird.

Ogle unterscheidet auch zwischen Aphasie und dem von ihm eingeführten Begriff der Agraphie[38]. Er weist zwar darauf hin, dass Aphasien und Agraphien häufig zusammen auftreten, es jedoch auch zu „Reinformen“ dieser Störungen kommt. Als Schlussfolgerung hieraus vermutet Ogle, dass verschiedene Sprachzentren im Gehirn existieren, die jeweils für das Sprechen bzw. das Schreiben verantwortlich sind. Die Sprachrezeption spielt bei Ogles Theorie keine Rolle:

„The Patient hears and understands all that is said to him as well as if in perfect health. There is no diminution in his power of interpreting symbols, of converting them into ideas.”[39]

1.5.4. Heymann Steinthal: Die Psycholinguisten betreten die Bühne

Heymann Steinthal ist der erste „echte“ Linguist, der sich mit Aphasien beschäftigt. Entsprechend umfassend ist seine Kritik an dem bisherigen Vorgehen der Mediziner:

„Man hat die Krankheitsbilder viel zu unvollständig und ungenau aufgenommen; unseren Ärzten ist noch nicht klar geworden, worin die Function der Sprache besteht […] [Für eine Lokalisation von Sprache im Gehirn] ist es aber vor allem nötig, dass [die Ärzte] die psychischen Erscheinungen genauer beobachten, dass sie dieselben sorgfältiger analysieren, nach ihrem Inhalt und ihrer Form besser kennen lernen.“[40]

Entsprechend lehnt Steinthal die Vorstellung, geistige Funktionen könnten eindeutig einem Organ bzw. dem Teil eines Organs zugeschrieben werden, ab. Steintal entwickelt eine eigene Klassifikation, in die erstmals in der Aphasieforschung nicht nur Störungen auf der Wortebene, sondern auch auf der Satzebene mit einbezogen werden. Er unterscheidet die Aphasie als Störung auf der Wortebene von der Akataphasie, die sich auf der Satzebene bemerkbar macht. Um diese Störungen zu erklären, bedient sich Steinthal eines psycholinguistischen Sprachverarbeitungsmodells, das drei entscheidende Elemente kennt: organische Mechanik, psychische Mechanik und Inhalt. Ersteres meint den Artikulationsapparat, letzteres meint die Verbindung zwischen Idee und Wort – also den semantischen Teil der Sprache. Die psychische Mechanik „ist in etwa die Sprachverarbeitung im engeren Sinne“[41], die sich aber nicht in einem Teil des Gehirns lokalisieren lässt, sondern ein Prozess ist, an dem das Gehirn als Ganzes beteiligt ist.

[...]


[1] Bußmann 1990: 88.

[2] Als Entstehungszeitraum vermutet man ca. 3000-2200 v. Chr.

[3] Tesak 2001: 13.

[4] (ca. 500 v. Chr.).

[5] (429-348 v. Chr.).

[6] (ca. 335 bis 280 v. Chr.).

[7] (ca. 304-250 v. Chr.).

[8] Vgl. Tesak 2001: 17.

[9] (ca. 129-199 n. Chr.).

[10] Tesak 2001: 21.

[11] Tesak 2001: 19.

[12] Tesak 2001: 19.

[13] (1621-1675).

[14] (1530-1598).

[15] Vgl. Tesak 2001: 31f.

[16] Vgl. Tesak 2001: 33.

[17] In Abgrenzung zu der Lokalisationsdiskussion in der Antike vgl. 1.1.2.

[18] Tesak 2001: 37.

[19] ibid.

[20] Gesner benutzt natürlich nicht die heutige Terminologie.

[21] Vgl. Tesak 2001: 44.

[22] Tesak 2001: 45.

[23] König-Linek: 1995: 8.

[24] Tesak 2001: 49.

[25] Gall, zitiert nach Tesak (2001: 50), der wiederum nach Lesky (1979: 154) zitiert.

[26] Broca spricht in der Tat von einer Sprechstörung. Vgl. Tesak 2001: 63.

[27] Tesak 2001: 62.

[28] „Monsieur Tans“ richtiger Name.

[29] Tesak 2001: 63.

[30] ibid.

[31] König-Linek 1995: 16.

[32] Zu Wernicke siehe 1.5.5.

[33] Tesak 2001: 66.

[34] Vgl. Ender 1994: 95.

[35] König-Linek 1995: 14.

[36] Schulte 1994: 139, zitiert nach Tesak 2001: 74.

[37] Tesak 2001: 71.

[38] Psychrembel 1990: 29 bezeichnet Agraphie als „Verlust od. schwere Störung der Schreibfähigkeit“.

[39] Ogle 1867: 94, zitiert nach Tesak 2001: 77.

[40] Steintal 1871: 464, 472f, zitiert nach Tesak 2001: 85.

[41] Tesak 2001: 87.

Details

Seiten
70
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640170951
ISBN (Buch)
9783640172818
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115720
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Schlagworte
Grundkonzepte Aphasieforschung Bedeutung Krankheitsbild Patienten

Autor

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Titel: Grundkonzepte der Aphasieforschung und ihre Bedeutung für das Krankheitsbild mehrsprachiger Patienten