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Themen und Motive in der Country Music als Spiegel der US-Gesellschaft

Seminararbeit 2007 21 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsangabe

Vorwort

1. Country Music als Spiegel der US-Gesellschaft
1.1 Kulturgeschichtliche und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen
1.2 Country Music und ihr Publikum
1.3 “Thank God I’m a country boy”: Themen und Motive in Country Music
1.3.1 Die Verteidigung der amerikanischen Werte und Normen als Reaktion auf den 11. September

Literaturverzeichnis

Webquellenverzeichnis

Anhang

“What country music seems to do is relflect an mirror life. It is a return to what is familiar and warm in difficult times. Country, with its honesty, roots, warmth and familiar way it touches the people is the way to go.”[1]

Vorwort

Country Music ist zu einem gewissen Grade ein Spiegelbild des US-amerikanischen Wertesystems, diese Grundannahme wurde von dem Titel unseres Seminars bereits konturiert. Das Kernstück der US- Gesellschaft, ist das Leitbild vom „American Way of Life“, jenem identitätsstiftenden Glaubenssatz, der die ethnisch durchmischte Bevölkerung solidarisiert. Die Werte und Normen des „American Way of Life“, so die Überlegung, werden thematisch auf verschiedene Weise von den Texten zeitgenössischer Country Music zitiert. Neben den klassischen Idealen wie Freiheit, Gleichheit, Liberalismus usw. impliziert das Wertesystem der amerikanischen Gesellschaft auch ideologische Grundhaltungen, wie Patriotismus oder Konservativismus.

Besonders in Zeiten militärischer Konflikte und der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus, hat die Verteidigung der uramerikanischen Werte in der Country Music Konjunktur. Der 11.September 2001 steht dabei lediglich am Ende einer Folge von historischen Ereignissen, die jeweils einen merklichen Anstieg politischer Statements in Country-Songs induziert haben. Das Fachbuch mit dem programmatischen Titel „Country Music Goes To War“[2] etwa, folgt der Verbindung von Konfliktsituationen und Veröffentlichungen im Country Bereich vom amerikanischen Bürgerkrieg bis zum aktuellen Konflikt im Irak. Dass die Künstler textlich bisweilen sehr drastisch Position beziehen, soll im Folgenden an ausgewählten Songs, u.a. zu den Terroranschlägen des 11.Septembers aufgezeigt, werden.

Für ein tiefgreifenderes Verständnis der Rolle von Country Music in den USA gilt es zunächst die gesellschaftspolitischen und historischen Rahmenbedingungen abzustecken. Gerade im europäischen Raum, schreibt man der amerikanischen Lebenswelt oftmals eine Simplizität zu, die viele kulturelle Eigenheiten unberücksichtigt läßt. So wird z.B. ausgeblendet, dass im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ganz unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander prallen. Und zwar nicht im Sinne offensichtlicher Gleichberechtigungsdefizite, wie der ethnischen Barriere zwischen schwarzen und weißen Amerikanern. Die Gegensätze zwischen anderen Gesellschaftsgruppen sind mitunter deutlich subtiler, z.B.:

1. Die soziale Kluft zwischen der Unterund Oberschicht
2. Die geschichtlich bedingte Distanzierung zwischen Nordund Südstaatlern
3. Die Ablehnung der ländlichen Bevölkerung gegenüber der urbanen Lebensart

Es wird aufzuzeigen sein, wie sich diese gesellschaftlichen Widersprüche in der Rezeption und Schaffung von Country Music widerspiegeln.

Im Vorhinein läßt sich bereits absehen, dass Countrytexte ein hohes Identifikationspotential bei der - mehrheitlich aus der amerikanischen Arbeiterklasse und Mittelschicht stammenden - Hörerschaft evoziert. Der amerikanische Musikwissenschaftler John Buckley verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutungsebene der „Symbolic World“. Folgt man der Kernthese seines Essays „Country Music and American Values“[3], konstruieren die Themen der Country Music eine „Kunstwelt”, die in der Lücke zwischen der realen Darstellung der Alltagspraxis seiner Rezipienten und deren Wunschprojektionen arbeitet: “The fictive world created by country music is not the same as the real world of the audience members, but it is one they can easily understand and with which they can identify.“[4]

Die Identifikationsbereitschaft der Hörer mit den Textbotschaften des Künstlers, hängt natürlich auch davon ab, wie gut sich letzterer zu inszenieren weiß. Obwohl Countrystars wie Toby Keith oder Faith Hill Millionengagen einstreichen, tun sie gut daran, sich bodenständig und publikumsnah zu präsentieren.

Insofern läßt sich die Ebene der „Symbolic World“ auch auf das Image des Country Künstlers applizieren. Verkaufsfördernde Symbole wie Cowboyhut, Pickup Truck und Südstaaten-Attitüde werden mitunter so prononciert herausgekehrt, dass Authentizität in der Country-Szene zu einem relativen Wert degeneriert.

1. Country Music als Spiegel der US-Gesellschaft

1.1 Kulturgeschichtliche und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen

So elementar die kulturgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen für die Bedeutung der Country Music in den USA sind, sie werden ausgerechnet in akademischen Beiträgen von amerikanischen Autoren in wichtigen Punkten ausgeklammert.[5] In den, bisher zahlenmäßig noch recht überschaubaren, deutschsprachigen Publikationen zum Thema, wird der Zusammenhang von landesspezifischen Hintergründen und dem großen Erfolg der Country Music in den USA sehr gründlich beleuchtet.

Die Kulturwissenschaftlerin Victoria Meyer-Hoffmann etwa, sieht den Erfolg zeitgenössischer Country Music vor allem darin begründet, dass sie den „SouthernAmerican Way of Life“ affimiert.[6] Der Zusatz

„Southern“ verweist explizit auf die Adaption der traditionsbewußten Mentalität der Südstaaten. Kulturgeschichtlich beruht diese Mentalität auf einer einfachen, ländlichen und werteorientierten Lebensweise. Der „typische Südstaatler“ ist demnach tendenziell konservativ, fleißig, sparsam und tiefreligiös.[7] Das historische Bild der „Southerner“ kennzeichnet sich überdies durch eher einfältige Ansichten, wie Meyer-Hoffmann aufzeigt: „Viele Südstaatler zeigten sich als sehr intolerant und lehnten eine Vielzahl von Menschen ab, die nicht ihren Normen entsprachen, neben Schwarzen auch Fremde, Außenseiter, A- theisten und Homosexuelle. Sie mißtrauten aber auch Bankern und Rechtanwälten, die in ihren Augen keine ehrbare körperliche Arbeit verrichteten. Sie hielten sich dagegen für die „echten“ Amerikaner, da sie ihrer Meinung nach im Bürgerkrieg Kampfbereitschaft und Überlebenswillen bewiesen hätten.“[8] Der „Redneck“ als Inbegriff dieser Lebenshaltung, verkörpert gewissermaßen den Widerpart des Nordstaatentypus, im Volksmund „Yankee“. Aus dem gegenseitigen Konkurrenzdenken infolge des Bürgerkriegs, resultiert bis in die Gegenwart ein subtil wahrnehmbares Spannungsverhältnis zwischen der Nordund Südbevölkerung des Landes. So ist die stolze Verteidigung der regionalen Zugehörigkeit in der modernen US-Gesellschaft noch immer verankert.

In den vergangenen Jahren ist es sogar zu einer regelrechten Renaissance der Südstaatenmythologie gekommen. Diese Entwicklung äußert sich einerseits in der Rückbesinnung auf die Pioniertugenden von einst (Fleiß, Frömmigkeit usw.), andererseits in der Transformation des – ursprünglich eher negativ konnotierten - „Redneck“-Begriffs. Das Bild vom rohen, ungebildeten Landarbeiter hat sich in ein modernes, sogar trendiges Erscheinungsbild invertiert, das auch für die Imagebildung der Country-Künstler eine wichtige Rolle spielt. Gleichzeitig gilt der Redneck als wurzeltreuer Südstaatler, der sich den negativen Einflüssen der Mehrheitskultur widersetzt, wie James C. Cobb in seinem Essay „Country Music and the Southernization of America“ verdeutlicht: „The redneck, who had once been scorned for his crudity and lack of sophistication, now emerged as a hero who had resisted the corrupting influences of mainstream society.“[9] Die positive Besetzung des Redneck-Begriffs ist durchaus symptomatisch für den zunehmenden Einfluß der Südstaatenmentalität auf die Landeskultur insgesamt. Meyer-Hoffmann beschreibt diesen Prozeß in Anlehnung an Cobb treffend als „Southernization of America“. Das angestaubte Ideal vom „American Way of Life“ ergänzt sie folgerichtig um den zeitgemäßeren Zusatz „Sou-thernAmerican Way of Life“.[10]

Nichtsdestotrotz ist der „American Way of Life“ nach wie vor das nationale Leitbild der Amerikaner. So bekräftigte der Präsident George W. Bush erst unlängst, dass der amerikanische Lebensstil nicht verhandelbar sei („the way of life' of the Americans is not negotiable“). Ebenso ist der Mythos des „American Dream“ noch immer ein integraler Bestandteil der amerikanischen Identität. Jedes Individuum, so der idealisierte Volksglaube, kann „durch harte Arbeit und eigene Willenskraft das eigene Leben verbessern“.[11] Beispielhaft für diese Vorstellung ist die allgemein bekannte Wendung „from rags to riches“. Kulturgeschichtlich beruht die Idee des verdienten sozialen Aufstieg durch harte Arbeit, auf dem ethischen Konzept der Puritaner. Überhaupt bildet das puritanische Erbe das historische Fundament der modernen US-Gesellschaft. Folgt man Meyer-Hoffmann, läßt sich auch die Vorstellung des Exeptionalismus, auf die orthodoxe Lebenshaltung der Puritaner zurückführen, die den europäischen Kontinent verlassen hatten, um in Amerika im Sinne Gottes eine tugendhafte Zivilisation zu erschaffen.[12] Der Exeptionalismus, so die Autorin weiter, erkläre mithin die eigenwillige Außenpolitik der Amerikaner, die sich in dem Glauben verankert finde, man sei als Auserwählte Gottes dazu verpflichtet, Gutes in die Welt zu bringen.[13] Es wird interessant sein zu sehen, ob und inwiefern diese stark polarisierende Denkweise auch in exemplarischen Country Songtexten verhaftet ist.

Ein weiteres Herzstück des „American Way of Life“ ist das Ideal der Mittelklassefamilie. Geprägt in den fünfziger/sechziger Jahren, lässt sich die vorbildliche amerikanische Mittelklassefamilie durch eine klare Verteilung stereotyper Rollenmuster typisieren: Während die Frau die Aufgabe der Hausfrau und Mutter einnimmt, fungiert der Mann als Ernährer und Familienvorstand, im Sinne eines Patriarchen.[14] Bedingt durch die gestiegen Selbstverwirklichungschancen für Frauen und den stärkeren Mobilitätsanforderungen der modernen amerikanischen Berufswelt, ist das Ideal der Mittelklassefamilie in den vergangenen Jahren ins Wanken geraten. Geglättet wird diese Entwicklung allerdings durch die Rekultivierung der traditionellen (Familien)Werte. Die wieder erstarkte Affinität der Amerikaner zu ihren „core values“, spiegelt sich auch in den Wahlsiegen von George W. Bush wider. Der Republikaner war bereits in seinem ersten Wahlkampf mit dem Versprechen angetreten, die Führung des Landes verstärkt auf den etablierten Werten des „American Way of Life“ aufzubauen. Er folgte damit dem Erfolgsrezept, das bereits Ronald Reagan zu großer Beliebtheit verholfen hatte, der den „American Spirit“ wie kein anderer für seine Sache zu nutzen wußte. Begünstigt wurde Bushs Linie mithin durch die offenkundige Verletzung des moralischen Volksempfinden im Zuge der Lewinsky-Affäre seines Vorgängers Clinton, zumal dieser, mit seiner liberalen Ausrichtung, den konservativen Kräften ohnehin ein Dorn im Auge war. Auch bei seiner Wiederwahl rangierte George Bush, trotz umstrittener politischer Entscheidungen, in einer guten Ausgangsposition. Als Reaktion auf den Schock des 11.Septembers und die angespannte Situation in der Folgezeit, positionierte er sich erfolgreich als „Stabilisator“, wiederum indem er die Nation darauf einschwor, auf die tradierten Werte zu vertrauen. Alles in allem hat sich sozusagen eine „postkonservative“ Stimmung herausgebildet, die im Wesentlichen eine Rückbesinnung auf die Grundfesten des „American Way of Life“ abbildet.

Mit Blick auf die im Vorwort angeführten Gegensätze zwischen den verschiedenen Lebensentwürfen der US-Gesellschaft, ist auch die Ablehnung der ländlichen Bevölkerung gegenüber der urbanen Lebensart ein interessanter kultureller Reibungspunkt. Die USA als ein Land, in dem prosperierende Urbanität und provinzielle Abgeschiedenheit inhomogen nebeneinander existieren, ist trotz der volkseigenen Glaubenssätze demographisch gespalten. Die wiederum eher subtil wahrnehmbare Kluft zwischen den Großstädtern einerseits und den Bewohnern ländlicher Gegenden anderseits, äußert sich vor allem in einem beiderseitigen Misstrauen bzw. in einer klischeebehafteten Voreingenommenheit, wie US- Experte Thomas Kleine-Brockhoff verdeutlicht: „Für viele Bewohner von Los Angeles oder New York liegen dazwischen sechs Stunden Überflugszone. Und am Boden vermuten sie Kreaturen, die zu dick sind und zu enge Hosen tragen, die mit Knarren und Gebetbüchern fuchteln, die rassistisch oder homophob oder ultranationalistisch sind. Umgekehrt sehen die Bewohner des Kernlandes sich selbst als arglos und rechtschaffen, als bescheiden und bodenständig, wertetreu und heimatverbunden: uramerikanisch eben. Die Bewohner des blauen Amerikas erscheinen ihnen elitär, materialistisch und wertevergessen.“[15] Meyer-Hoffmann beschreibt das Phänomen passend mit der von Kleine-Brockhoff übernommenen Definition einer „Apartheid der Lebensverhältnisse“.[16]

Alle hier skizzierten gesellschaftspolitischen und kulturhistorischen Rahmenbedingungen, die Meyer- Hoffmann in ihrem umfangreichen Überblick noch um einige weitere Punkte ergänzt, sind der Schlüssel für ein tiefergehendes Verständnis der Rolle von Country Music in den USA. Die folgenden Kapitel werden zeigen, welche direkten und indirekten Bezugspunkte sich zwischen den kulturellen Eigenheiten und dem Repertoire an Themen und Motiven in der Country Music deduzieren lassen.

[...]


[1] Zitat nach Neil Rockoff, General Manager Radio KFM-AM (Los Angeles) Vgl. Charles Jaret: Chracteristics of Successful and Unsuccessful Country Music Songs, in: George H. Lewis (Hrsg.):All that Glitters: Country Music in America, Bowling Green Press 1993, S. 175

[2] Charles K. Wolfe, James E. Akenson (Hrsg.):Country Music Goes to War, University Press of Kentucky 2005

[3] John Buckley: Country Music and American Values, in: George H. Lewis (Hrsg.):Allthat Glitters: Country Music in America, a.a.O., S. 198-207

[4] Vgl. John Buckley: a.a.O., S.206

[5] Es sind Ausnahmen zu nennen z.B. Bill C. Malone:Don't Get above Your Raisin': Country Music and the Southern Working Class, University of Illinois Press 2006

[6] Vgl. Victoria Meyer-Hoffman:DerErfolg zeitgenössischer Country Music durch die Affirmation des "(Southern) American Way of Life", Magisterarbeit an der Universität Lüneburg 2006, S. 5

[7] Vgl. Victoria Meyer-Hoffman: a.a.O., S. 31

[8] Vgl. Victoria Meyer-Hoffman: a.a.O., S. 31

[9] James C. Cobb:Country Music and the Southernization of America, in: George H. Lewis (Hrsg.):Allthat Glitters: Country Music in America, Bowling Green Press 1993, S.80

[10] Vgl. Victoria Meyer-Hoffman: a.a.O., S. 32

[11] Vgl. ArtikelAmerican Dream, in: Interaktives Nachschlagewerk,Die Brockhaus Enzyklopädie Digital, Brockhaus Verlag. Bibliographisches Institut Mannheim 2005

[12] Vgl. Victoria Meyer-Hoffman: a.a.O., S. 9

[13] Vgl. Victoria Meyer-Hoffman: a.a.O., S. 10

[14] Vgl. hierzu auch: Victoria Meyer-Hoffman: a.a.O., S. 14

[15] Rez. nach Victoria Meyer-Hoffmann: a.a.O., S. 16. Originalquelle Thomas Kleine-Brockhoff:Die vereinten Halbnationen. In: Volker Ulrich/Felix Rudloff (Hrsg.): Der Fischer Weltalmanach aktuell USA, Frankfurt am Main 2005, S. 14

[16] Vgl. Victoria Meyer-Hoffmann: a.a.O., S. 16

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640170883
Dateigröße
895 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115710
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Schlagworte
Themen Motive Country Music Spiegel US-Gesellschaft

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