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Turn-Taking im kulturellen Vergleich

Eine empirische Studie

Magisterarbeit 2008 94 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kommunikationswissenschaftlicher Aspekt

3. Konversationsanalyse

4. Begriffserklärung
4.1 Kommunikation
4.2 Alltagsgespräche
4.3 Turn-Taking

5. Funktionsweise des Turn-Taking
5.1 Turn-Bildung durch die Vier-Felder-Lehre von Karl Bühler
5.2 Merkmale des Turn-Taking
5.3 Rule-Set
5.4 Intonation
5.5 Nonverbale Äußerungen
5.6 Konsequenzen

6. Funktionsstörungen des Turn-Taking
6.1 Unterbrechungen
6.2 Unproblematische Typen des Overlaps
6.3 Problematische Typen des Overlaps
6.4 Ablauf eines Overlaps
6.5 Auflösung eines Overlaps

7. Reparatur-Mechanismen des Turn-Taking

8. Datenmaterial
8.1 Kriterien zur Auswahl des Datenmaterials
8.2 Beschreibung des Datenmaterials

9. Transkriptionssystem: Transana

10. Untersuchungsergebnisse für Deutschland
10.1. Turns
10.1.1 Anzahl der Turns
10.1.2 Länge der Turns
10.2 Turn-Taking
10.2.1 Rule-Set
10.2.2 Turneinleitende Floskeln
10.3 Pausen
10.4 Intonation
10.5 Nonverbale Merkmale
10.5.1 Mimik
10.5.2 Gestik
10.5.3 Körperpositur
10.6 Funktionsstörungen
10.6.1 Anzahl der Overlaps
10.6.2 Art der Overlaps
10.6.3 Ort der Overlaps
10.6.4 Dauer der Overlaps
10.7 Reparatur-Mechanismen

11. Untersuchungsergebnisse für Großbritannien
11.1. Turns
11.1.1 Anzahl der Turns
11.1.2 Länge der Turns
11.2 Turn-Taking
11.2.1 Rule-Set
11.2.2 Turneinleitende Floskeln
11.3 Pausen
11.4 Intonation
11.5 Nonverbale Merkmale
11.5.1 Mimik
11.5.2 Gestik
11.5.3 Körperpositur
11.6 Funktionsstörungen
11.6.1 Anzahl der Overlaps
11.6.2 Art der Overlaps
11.6.3 Ort der Overlaps
11.6.4 Dauer der Overlaps
11.7 Reparatur-Mechanismen

12. Vergleich Deutschland und Großbritannien
12.1. Turns
12.1.1 Anzahl der Turns
12.1.2 Länge der Turns
12.2 Turn-Taking
12.2.1 Rule-Set
12.2.2 Turneinleitende Floskeln
12.3 Pausen
12.4 Intonation
12.5 Nonverbale Merkmale
12.5.1 Mimik
12.5.2 Gestik
12.5.3 Körperpositur
12.6 Funktionsstörungen
12.6.1 Anzahl der Overlaps
12.6.2 Art der Overlaps
12.6.3 Ort der Overlaps
12.6.4 Dauer der Overlaps
12.7 Reparatur-Mechanismen

13. Fazit

14. Literaturverzeichnis

Appendix

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Aufbau Transana 2.12

Abb. 2: Big Brother Deutschland 2004 gesenkter Blick (a)

Abb. 3: Big Brother Deutschland 2004 gesenkter Blick (b)

Abb. 4: Big Brother Deutschland 2004 Körperpositur

Abb. 5: Big Brother Großbritannien 2002 Blickkontakt

Abb. 6: Big Brother Großbritannien 2002 Körperpositur (a)

Abb. 7: Big Brother Großbritannien 2002 Körperpositur (b)

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Transcript Notation

Tab. 2: Anzahl der Turns in Deutschland

Tab. 3: Turn-Länge in Wörtern in Deutschland

Tab. 4: Gesamte und durchschnittliche Turn-Länge in Deutschland

Tab. 5: Rule-Set in Deutschland

Tab. 6: Einleitende Floskeln in Deutschland

Tab. 7: Verteilung der Pausen in Deutschland

Tab. 8: Die Intonation und deren Auswirkung in Deutschland

Tab. 9: Gestik des Sprechers und Hörers in Deutschland

Tab. 10: Körperpositur des Sprechers und Hörers in Deutschland

Tab. 11: Arten der Overlaps in Deutschland

Tab. 12: Verteilung der Overlaps in Deutschland (a)

Tab. 13: Verteilung der Overlaps in Deutschland (b)

Tab. 14: Pausenlänge und Pausenverteilung in Deutschland

Tab. 15: Anzahl der Turns in Großbritannien

Tab. 16: Turn-Länge in Wörtern in Großbritannien

Tab. 17: Rule-Set in Großbritannien

Tab. 18: Einleitende Floskeln in Großbritannien

Tab. 19: Verteilung der Pausen in Großbritannien

Tab. 20: Die Intonation und deren Auswirkung in Großbritannien

Tab. 21: Gestik des Sprechers und Hörers in Großbritannien

Tab. 22: Körperpositur des Sprechers und Hörers in Großbritannien

Tab. 23: Arten der Overlaps in Großbritannien

Tab. 24: Verteilung der Overlaps in Großbritannien (a)

Tab. 25: Verteilung der Overlaps in Großbritannien (b)

Tab. 26: Pausenlänge und Pausenverteilung in Großbritannien

Tab. 27: Vergleich der Turn-Länge

Tab. 28: Das Rule-Set im Vergleich

Tab. 29: Vergleich der turneinleitenden Floskeln

Tab. 30: Vergleich der Pausenverteilung

Tab. 31: Pausenlänge im Vergleich

Tab. 32: Aktivität in Gestik der der Sprecher im Vergleich

Tab. 33: Passivität in Gestik der Sprecher im Vergleich

Tab. 34: Aktivität in Gestik der Hörer im Vergleich

Tab. 35: Passivität in Gestik der Hörer im Vergleich

Tab. 36: Aktivität in Körperpositur der Sprecher im Vergleich

Tab. 37: Passivität in Körperpositur der Sprecher im Vergleich

Tab. 38: Aktivität in Körperpositur der Hörer im Vergleich

Tab. 39: Passivität in Körperpositur der Hörer im Vergleich

Tab. 40: Arten der Overlaps im Vergleich

Tab. 41: Orte der Overlaps im Vergleich

Tab. 42: Durchschnittliche Dauer der Overlaps im Vergleich

1. Einleitung

Emanuel A. Schegloff, Harvey Sacks und Gail Jefferson (1974) gelten als die wichtigsten sowie richtungweisenden Vertreter der Konversationsanalyse und haben sich bereits in den 70er Jahren intensiv mit dem Thema Turn-Taking auseinandergesetzt. Ihr Aufsatz „A Simplest Systematics for the Organization of Turn-Taking for Conversation” legt auf der Basis empirischer Untersuchungen grundlegende Regeln des Sprecherwechsels fest, die noch heute immer wieder von Wissenschaftlern zitiert werden. Weitere empirische Untersuchungen, die zur Spezifizierung des gesamten Systems des Sprecherwechsels beitragen, wurden bis zu Beginn der 90er Jahre verstärkt durchgeführt. Im Folgenden Zeitraum gibt es kaum noch Literatur, auf die man zurückgreifen kann. Der Grund hierfür ist mir allerdings unbekannt. Ich kann nur annehmen, dass der Aufwand des Transkribierens von Gesprächsausschnitten auf Videos zu groß war und die Forscher abgeschreckt hat. Dem wirken inzwischen jedoch die Transkriptionssysteme entgegen, die teilweise gratis genutzt werden können. Vollkommen ausgereift sind diese Programme jedoch noch nicht.

Da meine Magisterarbeit sich mit dem kulturellen Vergleich des Phänomens Turn-Taking beschäftigt, ist es mein Ziel, die vor allem von Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) aufgestellten Regeln im deutschen und englischen Sprachraum anzuwenden, um zu untersuchen, welche kulturellen Unterschiede es zwischen Deutschland und Großbritannien gibt. Hierbei geht es ausschließlich um die gesprochene Sprache in Alltagsgesprächen und welchen Einfluss unter anderem Intonation, Blick, Körperhaltung und Pausensetzung auf den Prozess des Sprecherwechsels haben. Die grundlegende Frage, die ich mir im Rahmen dieser Arbeit stelle, lautet, ob es bei der Organisation von Sprecherwechseln in Alltagsgesprächen kulturelle Unterschiede gibt und wie diese im Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien ausfallen.

Bevor ich mit den empirischen Untersuchungen beginne, werde ich auf die theoretischen Grundlagen des Sprecherwechsels eingehen. Hier beziehe ich mich hauptsächlich auf die Klassiker Emanuel A. Schegloffs, Harvey Sacks´ und Gail Jeffersons, die sich mit den Grundregeln des Sprecherwechsels, dessen Ablauf und mit auftretenden Störungen auseinandersetzen. Die Klärung dieser Begriffe und das Erkennen grundlegender Zusammenhänge dieses komplexen Systems sind Grundvoraussetzung für das Verständnis der anschließenden Untersuchungen.

Nachdem die theoretische Basis für die empirischen Untersuchungen gelegt wurde, werde ich mich mit den Alltagsgesprächen praktisch auseinandersetzen. Als Untersuchungsgrundlage nutze ich Gesprächsausschnitte aus der deutschen und englischen Fernsehshow „Big Brother“, da dieses Material frei zugänglich ist und die Gesprächsteilnehmer in einer für die Teilnehmer der Show relativ neutralen Umgebung auf Video aufgezeichnet wurden.

Mit der Hilfe eines Transkriptionssystems werde ich die im Videoformat aufgezeichneten Gespräche transkribieren und anschließend in Bezug auf Intonation, Pausenlänge, Blickrichtung und weitere Merkmale untersuchen. Abschließend werden die Ergebnisse der deutschen und englischen Gesprächsausschnitte gegenübergestellt und ich werde untersuchen, in welchen Merkmalen es in Deutschland und Großbritannien Ähnlichkeiten gibt und in welchen Bereichen sich der Sprecherwechsel unterscheidet.

Diese empirische Untersuchung ist wichtig, da der interkulturelle Kontakt und Austausch ein großer Bestandteil der modernen Welt sowie der fortschreitenden Globalisierung ist. Mit meinen Untersuchungen im Rahmen der Magisterarbeit möchte ich dazu beitragen, dass es zwischen den Kulturen weniger kommunikationstechnische Missverständnisse gibt, um das interkulturelle Zusammenleben und Arbeiten harmonischer zu gestalten und die Fallibilität der Kommunikation auf ein Minimum zu reduzieren.

2. Kommunikationswissenschaftlicher Aspekt

Dieser kommunikationswissenschaftliche Beitrag beschäftigt sich ausschließlich mit der gesprochenen Sprache. Es geht um die verbale und nonverbale zwischenmenschliche Kommunikation, an der mindestens zwei Individuen beteiligt sind. Es wird untersucht, wie der Sender den Empfänger durch bestimmte Regeln des Turn-Taking steuern und beeinflussen will und wie Sender und Empfänger mit diesen Regeln in verschiedenen Kulturen umgehen. Diese Untersuchungen basieren auf den Methoden der Konversationsanalyse. Das heißt, im ersten Schritt werden bereits vorhandene Daten und Hypothesen gesammelt, im zweiten Schritt wird überprüft, ob sich die Gesprächsteilnehmer an den zuvor aufgestellten Hypothesen orientieren und ob sie ihre Erwartungen und Handlung daran ausrichten. Abschließend wird untersucht, welche Auswirkungen diese Regeln und Hypothesen auf die Strukturierung des Sprecherwechsels haben. (vgl. Levinson 1994)

Ich habe es mir zum Ziel gesetzt, die Struktur und Funktionsweise des Sprecherwechsels als einen Bestandteil der zwischenmenschlichen Kommunikation mit der Hilfe theoretischer und empirischer Methoden zu untersuchen, um die interkulturelle Kommunikation zu vereinfachen und zu verbessern.

3. Konversationsanalyse

Die Konversationsanalyse untersucht die Organisation sowie den Ablauf von Alltagsgesprächen und dessen Sprecherwechsel. Hierbei gehen Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) als richtungweisende Vertreter der Konversationsanalyse insbesondere auf das Phänomen des Turn-Taking ein, welches den Kern dieser Analyse bildet. Ihr Forschungsziel ist es, die Struktur, die einerseits vorgegeben ist andererseits jedoch lokal gelenkt wird, zu erkennen, damit Alltagsgespräche ohne fehlerhafte Überschneidungen und Überlappungen ablaufen können.

Stephen C. Levinson (1994) beschreibt die Konversationsanalyse in

„Pragmatik“ als eine empirische Vorgehensweise, denn die hier erlangten wissenschaftlichen Erkenntnisse werden überwiegend durch das Verfahren der Induktion gewonnen. Die Einzelphänomene werden schlussfolgernd zusammengefasst, indem man von vielen Einzelfällen auf das Allgemeine schließt. Im Fall der Konversationsanalyse heißt das, dass Alltagsgespräche ausgewertet und auf Gemeinsamkeiten untersucht werden. Insbesondere wird beobachtet, welche Auffälligkeiten beim Sprecherwechsel hervorstechen und wie häufig sich diese in verschiedenen Gesprächen des Alltags wiederholen. Der Wortwechsel zwischen den Gesprächsteilnehmern wird ständig nach immer wieder auftretenden Mustern abgesucht, damit keine voreiligen Schlüsse aus einigen wenigen Daten gezogen werden. Bevor eine Theorie entsteht, muss diese durch umfangreiches Daten- und Untersuchungsmaterial bewiesen werden. Auf diese Weise möchte man eine überstürzte Bildung von Theorien vermeiden und aus dem vorhandenen Datenmaterial werden nur Schlüsse gezogen, die mit Beweisen belegt werden können. (vgl. Levinson 1994)

In den folgenden Kapiteln gehe ich auf die theoretischen Einzelheiten der Konversationsanalyse ein und werde damit eine wissenschaftliche Grundlage für das Verstehen des Phänomens Turn-Taking beziehungsweise den Sprecherwechsel schaffen. Es wird sich zeigen, dass die Konversationsanalyse aus vielen kleinen einzelnen Fakten besteht, die zusammengefügt ein komplexes Gebilde ergeben, das noch weiter erforscht werden muss. Denn nur so können wir verstehen, wie der Sprecherwechsel in Alltagsgesprächen so geordnet ablaufen kann.

4. Begriffserklärung

4.1 Kommunikation

Lenke, Lutz und Sprenger (1995) beschreiben den Begriff Kommunikation in

„Grundlagen sprachlicher Kommunikation“ als einen Prozess zum Austausch beziehungsweise zum Übertragen von Informationen. Kommunikation verfolgt somit das Ziel, Informationen zu übermitteln und auszutauschen. Dieses Mitteilen der Informationen und Zeichen bildet den zentralen Aspekt von verbaler und nonverbaler Kommunikation. Als nonverbale Kommunikation werden hier Mimik und Gestik aufgeführt, während die verbale Kommunikation als ein Kommunikationsprozess, basierend auf der menschlichen Sprache beschrieben wird.

Da dieser Prozess noch äußerst statisch und einseitig erscheint, erweitern wir ihn auf die interaktive Kommunikation. Der Sender teilt dem Hörer etwas mit, anschließend empfängt der Hörer diese Nachricht und reagiert darauf. Es kommt somit zu einer wechselseitigen Beziehung, in der für diese Arbeit nur der Wechsel der Redner interessant ist und wie diese Übergänge des Rednerwechsels gestaltet werden. Gerold Ungeheuer (1987) nennt diese interaktive Kommunikation kommunikative Interaktion, dessen Grundformen die sozio-perzeptive Kommunikation beziehungsweise der sozio-perzeptive Kontakt, die nonverbale Kommunikation sowie die verbale Kommunikation sind. Die sozio-perzeptive Kommunikation beruht auf den Erfahrungen, die jeder Einzelne bisher gemacht hat. Diese Erfahrungen, die Ungeheuer (1987) als individuelle Welttheorie beschreibt, werden mit der Handlung verknüpft. Das heißt, dem Sender wird vom Empfänger eine bestimmte Handlung beziehungsweise ein bestimmtes Handlungsziel, basierend auf der individuellen Welttheorie des Empfängers, unterstellt. Der Sender übermittelt somit eine Information und der Empfänger interpretiert diese anschließend entsprechend seiner eigenen bisher gemachten Erfahrungen. Ausschließlich auf der Basis der Schnittmenge der bisher von beiden gemachten Erfahrungen ist zu erkennen, wann der Sprecher zum Beispiel eine Redepause zum Nachdenken macht oder eine Lücke lässt, damit jemand anderes das Wort ergreifen kann (vgl.

Ungeheuer 1987). Ungeheuer (1987) beschreibt den sozio-perzeptiven Kontakt wie folgt:

„Ein Gespräch zwischen zwei Menschen beschränkt sich nicht auf das notwendige kommunikative Tun. Vielmehr wird vom ersten Wahrnehmungskontakt an, der den jeweils anderen in seiner Erscheinung präsentiert, eine Einschätzung und Beurteilung der gesamten Person aufgebaut, die zwischen den beiden Kommunikationspartnern eine Beziehung zugrunde legt, welche auch ohne jede kommunikative Aktion hätte zustande kommen können.“ (Ungeheuer 1987, S.322)

Bei Gerold Ungeheuer (1972) geschieht die verbale oder auch sprachliche Kommunikation

„… durch gesprochene oder geschriebene Rede zwischen Individuen, die sich in ständigem Prozedieren innerer Handlungen befinden, - und nicht durch Überreichen semantisch- einschichtig kodierter, gesprochener oder geschriebener Texte, die zu dekodieren sind. Das Kommunikationsziel wird zu erreichen versucht, indem die Kommunikationspartner nach den Regeln des Kommunikationssystems auf mehreren inneren Ebenen prozedieren“ (Ungeheuer 1972, S.21)

Wobei wir uns nur auf die gesprochene Sprache konzentrieren, da der Sprecherwechsel hier besonders interessant erscheint. Er ist einerseits spontan und individuell, andererseits aber auch gelenkt durch Regeln und Normen. Die nonverbale Kommunikation, die eng mit der verbalen Kommunikation verbunden ist, bezeichnet Ungeheuer (1983) als „…die Gesamtheit aller derjenigen Kommunikationshandlungen, die keine Sprechhandlungen sind.“ (Ungeheuer 1983, S.2). Allerdings muss auch nonverbale Kommunikation über eine Intention verfügen, bevor man sie Kommunikation nennen darf. Ungeheuer (1983) drückt das wie folgt aus: „es sind Lösungen praktischer Probleme, wobei das gesetzte Ziel darin besteht, dem Partner ein Wissen zukommen zu lassen.“ (Ungeheuer 1983, S.2)

Diese Arbeit beschränkt sich auf die Face-to-Face Kommunikation und deren Rednerwechsel. Für die Teilnehmer an einem Gespräch ist es wichtig, dass diese über einen Erfahrungsschatz verfügen, der sich überschneidet. Nur so kann es auf der Grundlage gemeinsamer Erfahrungen und gemeinsamen

Wissens zur Verständigung zwischen den Kommunikationspartnern kommen. In dieser Arbeit stelle ich mir die Frage, ob sich die Kommunikation und explizit der Sprecherwechsel in den verschiedenen Ländern unterscheiden und wenn es Unterschiede gibt, welche es sind. Des Weiteren ist interessant, ob diese kulturellen Unterschiede starken Einfluss auf das Zusammentreffen von Menschen verschiedener Kulturen haben.

4.2 Alltagsgespräche

Das Alltagsgespräch bildet die Untersuchungsgrundlage im empirischen Teil dieser Arbeit, da die untersuchten Gespräche aus Alltagssituationen der Gesprächsteilnehmer stammen. Alltagsgespräche sind weniger an Normen gebunden als formalisierte Gespräche wie mündliche Prüfungen oder Gerichtsverhandlungen. Die Gesprächsteilnehmer agieren miteinander, gehen aufeinander ein und passen sich während des Gesprächs an das soziale Umfeld an.

Hans Ramge (1987) schreibt in „Alltagsgespräche“, dass der Bereich, in dem Alltagsgespräche stattfinden, vom sozialen Bezugsfeld jedes Einzelnen abhängt. Bereich beschreibt hier den Abschnitt, in dem der einzelne Mensch lebt und in dem er seine alltäglichen Erfahrungen sammelt. Der Alltag eines jeden Individuums entsteht demnach aus der Einbindung in die gesellschaftlichen Institutionen.

Ramge (1987) beschreibt Alltagsgespräche auf folgende Weise:

„Unter „Alltagsgesprächen“ verstehen wir sprachliche Interaktionen in den Interaktionssituationen, die den sozialen Räumen der Gesprächsteilnehmer angehören. In den von (fast) allen Mitgliedern unserer Gesellschaft erfahrenen sozialen Räumen (Familie und berufliche Tätigkeit, Dienstleistungsbereich, der Bereich sozialen Verkehrs, der der Herstellung und Aufrechterhaltung sozialer Kontakte dient) gelten diejenigen sprachlichen Interaktionen als „Alltagsgespräche“, die ohne weitere biographische Bedeutung für den einzelnen routinemäßig geführt werden.“ (Ramge 1987, S. 21)

Alltagsgespräche beziehungsweise deren sprachliche Äußerungen basieren auf

Handlungen. Das bedeutet laut Gerold Ungeheuer (1972), dass sprachliche Äußerungen in Gesprächen intentional, zielgerichtet und geplant sind. John R. Searle (1983) unterteilt diese Äußerungen in den Äußerungsakt, Propositionalen Akt, Illokutionären Akt und Perlokutionären Akt.

Der Äußerungsakt (Lokution) bezieht sich ausschließlich auf die Äußerung der Wörter und Wortketten, ohne weiterführende Gedanken einzubeziehen und ohne die Absicht kommunizieren zu wollen. Der Propositionale Akt macht dahingegen auf etwas aufmerksam, verfolgt mit seiner Äußerung aber nicht unbedingt ein Ziel. Aus diesen Gründen lasse ich diese beiden Teile des Searle’schen Sprechaktes in meinen Betrachtungen außen vor. Man sollte allerdings bedenken, dass der Äußerungsakt sowie der Propositionale Akt ein Bestandteil des Illokutionären und des Perlokutionären Aktes sind, da sie dessen Grundlage bilden.

Illokutionärer sowie Perlokutionärer Akt sind intentional und verfolgen somit ein Ziel, wodurch Gespräche, wie bereits beschrieben, zu einer Handlung werden. Will der Sprecher den Hörer nur über einen bestimmten Sachverhalt informieren, handelt es sich um einen Illokutionären Akt. Soll aber zusätzlich noch eine Änderung im Verhalten des Hörers herbeigeführt werden, spricht man von einem Perlokutionären Akt. Diese beiden Akte der Searle’schen Sprechakttheorie sind grundlegend für die Untersuchungen des Turn-Taking anhand von Alltagsgesprächen. Nur wenn hinter den Äußerungen in Gesprächen eine Intention steckt, kommt es zu einem Sprecherwechsel, da sonst niemand zu einer Handlung oder Reaktion auf das vom Sprecher Kommunizierte aufgefordert werden würde. (vgl. Searle 1983)

Im Rahmen dieser Arbeit beschränke ich den Begriff Alltagsgespräch auf Unterhaltungen zwischen zwei oder mehreren Gesprächsteilnehmern, die sich in ihrer Art und Weise täglich wiederholen oder wiederholen können. Es sind Gespräche, die sich bezüglich ihrer Organisation an kein strenges Regelwerk halten müssen, aber dennoch ohne große Probleme funktionieren. Interessant ist, wie der Sprecherwechsel organisiert ist und sich innerhalb des Gesprächs selbst regelt.

4.3 Turn-Taking

Gespräche setzen sich aus einzelnen Turns, dem gesamten Gesprächsabschnitt eines Sprechers, zusammen. Diese können in ihrer Länge von nur einem Wort bis zu mehreren Sätzen variieren. Die Grundeinheit eines Turns bilden die Turn Constructional Units (TCU), von denen auch die Länge des Turns abhängt. Nach jedem Unit kann es zu einem vom Sprecher geplanten oder ungeplanten Ende eines Gesprächsschritts kommen und der nächste Sprecher beginnt zu reden. Es ist somit zu einem Turn-Taking gekommen. Mit Turn-Taking ist genau dieser Sprecherwechsel innerhalb eines Gespräches gemeint. Erst redet A, dann B und anschließend wieder A.

Um herauszufinden, wie Turn-Taking funktioniert und abläuft, konzentriert man sich bei den Untersuchungen im Rahmen der Konversationsanalyse insbesondere auf die anteilsmäßige Verteilung der Redebeiträge auf die verschiedenen Sprecher, auf die vorkommenden Pausen und Störungen durch zum Beispiel Unterbrechungen, auf die Möglichkeiten, einen Turn zu halten sowie auf den Sprecherwechsel an sich.

Grundvoraussetzung für ein Gespräch ist, dass immer nur eine Person auf einmal spricht, wobei es beim Turn-Taking auch zu einem Moment des Simultansprechens kommen kann. Diese Situation löst sich im Normalfall jedoch umgehend wieder auf. Turn-Taking ist für die Organisation des Gesprächsablaufs zuständig und gilt somit als Merkmal und Bestandteil von Gesprächen zwischen zwei oder mehreren Teilnehmern. Da die Länge und Anordnung der Turns variieren können, sind die Übergänge durch bestimmte Techniken der Turn-Zuteilung geregelt und koordiniert. Diese Techniken variieren jedoch und werden lokal gelenkt. (vgl. Schegloff, Sacks, Jefferson 1974)

Es gibt zwei Möglichkeiten der Turn-Zuteilung in Gesprächen. Entweder der nächste Sprecher wählt sich selbst aus oder der momentane Sprecher bestimmt den nachfolgenden Redner. Hierfür gibt es ein System von Regeln, auf das ich im nachfolgenden Punkt Rule-Set genauer eingehen werde. Hält man sich an die Regeln des Sprecherwechsels, vermeidet beziehungsweise reduziert man Situationen des Simultansprechens, die von den Gesprächsteilnehmern ab einer gewissen Länge als Störung empfunden werden können.

Um den Sprecherwechsel zu verstehen, sind die Strukturen solcher Gespräche und deren Regelwerk interessant.

5. Funktionsweise des Turn-Taking

5.1 Turn-Bildung durch die Vier-Felder-Lehre von Karl Bühler Voraussetzung für das Funktionieren des Turn-Taking sind einige Regeln, die lokal in den einzelnen Gesprächsschritten gesteuert werden. Ein Gesprächsschritt beginnt laut Liisa Tiittula (1987), „wenn ein Gesprächsteilnehmer zu sprechen beginnt und endet, wenn er aufhört zu sprechen und ein anderer das Sprechen beginnt.“ (Tiittula 1987, S.6)

Bringt man die Bildung der einzelnen Turns, die sich zu einem Gespräch zusammenfügen, mit Karl Bühler (1999) in Verbindung, stößt man auf seine Vier-Felder-Lehre, die das dritte Axiom in seinem Werk „Sprachtheorie“ bildet. Er unterscheidet hier nach subjektsbezogenen und subjektsentbundenen Phänomenen. Zum ersten Phänomen zählen Sprechakt und Sprechhandlung, während Sprachwerk und Sprachgebilde subjektsentbunden sind.

Einer Sprechhandlung geht immer ein Plan voraus, da Handlungen mit einer Intention verbunden sind. Mit der Sprechhandlung bezeichnet die Vier-Felder- Lehre das bereits realisierte, aber vom Hörer noch nicht rezipierte Sprechen. Die Sprechhandlung bezieht sich hierbei auf das Problem, das mit dem Gespräch gelöst werden soll und ist deshalb subjektsbezogen. Subjektsentbunden ist das Sprachwerk, da dieses überindividuell ist. Hiermit meint man das sprachlich Hervorgebrachte, das man zwar hört, aber in noch keinen Zusammenhang mit dem kommunizierten Inhalt bringt. Ebenfalls subjektsentbunden ist das Sprachgebilde, welches die Fähigkeit des Sprechens bezeichnet. Sprachwerk und Sprachgebilde können also als Grundvoraussetzungen gesehen werden, über die jeder Gesprächsteilnehmer verfügen muss. Der abschließende Sprechakt, mit dem wir uns bei John R. Searle (1983) bereits auseinandergesetzt haben, verbindet das Gesagte, also die Sprechhandlung, mit einem Sinn. Dieser Sinn ist subjektsbezogen und ergibt sich aus dem gesamten Kontext und den gegebenen Umständen der Sprechsituation.

Die Vier-Felder-Lehre ist bei jedem einzelnen Turn wieder anzuwenden und wiederholt sich demzufolge nach jedem Turn-Taking. (vgl. Bühler 1999)

5.2 Merkmale des Turn-Taking

Emanuel A. Schegloff, Harvey Sacks und Gail Jefferson (1974) haben in ihrem Aufsatz „A Simplest Systematics for the Organization of Turn-Taking for Conversation” spontane Gespräche auf ihre Merkmale untersucht. Herausgekommen ist dabei eine Liste von vierzehn Eigenschaften, die in jedem spontanen Gespräch zu beobachten sind und ein Alltagsgespräch ausmachen. Laut Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) ist in jedem Gespräch folgendes zu beobachten:

1. Der Sprecherwechsel wiederholt sich oder tritt zumindest ein.
2. In den meisten Fällen spricht nur eine Person auf einmal.
3. Simultansprechen kommt vor, ist in der Regel jedoch von kurzer Dauer.
4. Übergänge von einem zum nächsten Turn ohne eine Lücke (GAP) und Überlappung (OVERLAP) sind üblich.
5. Die Reihenfolge der Turns ist nicht festgelegt, sondern variiert.
6. Die Länge der Turns ist nicht festgelegt, sondern variiert.
7. Die Länge des Gesprächs wurde vorab nicht festgelegt.
8. Was die Gesprächsteilnehmer sagen, wurde vorab nicht festgelegt.
9. Die Zuteilung der einzelnen Turns an die Gesprächsteilnehmer wurde vorab nicht festgelegt.
10. Die Anzahl der Gesprächsteilnehmer kann variieren.
11. Das Gespräch kann fortlaufend sein oder unterbrochen werden.
12. Im Gespräch werden Techniken der Turn-Zuweisung genutzt.
13. Es werden verschiedene Turn Constructional Units genutzt, damit Turns je nach Situation nur ein Wort umfassen oder deutlich länger sein können.
14. Es gibt Reparaturmechanismen, die bei Fehlern und Störungen des Sprecherwechsels greifen. Bemerken zum Beispiel zwei

Gesprächsteilnehmer, dass sie zur gleichen Zeit reden, wird einer frühzeitig stoppen. (vgl. Schegloff, Sacks, Jefferson 1974)

Treffen diese vierzehn Punkte zu, handelt es sich um ein Alltagsgespräch, wie es im empirischen Teil untersucht wird.

5.3 Rule Set

Da wir bisher geklärt haben, welche Eigenschaften ein Alltagsgespräch ausmachen und was wir unter Turn-Taking verstehen, gehen wir nun auf die Regeln ein, die den Ablauf des Sprecherwechsels unter den Gesprächsteilnehmern lenken.

Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) haben Grundregeln aufgestellt, die sie während ihrer Untersuchungen beobachtet haben. Dieses Rule-Set ist allgemein gehalten und gilt für jedes Alltagsgespräch.

„I. Für jeden Turn gilt an der ersten wechselrelevanten Stelle: a) Voraussetzung ist hier, dass der Redebeitrag bisher auf der Verwendung einer Technik basiert, mit der der gegenwärtige Sprecher den folgenden auswählt. Wählt der momentane Sprecher den nächsten Sprecher aus, hat der ausgewählte Gesprächsteilnehmer das Recht und die Verpflichtung, als nächster zu sprechen. Kein anderer hat dieses Recht oder diese Verpflichtung und der Sprecherwechsel erfolgt an dieser Stelle.
b) Hier verwendet der Sprecher keine Technik der Auswahl des nächsten Sprechers. Hier kann es zu einer Selbstauswahl des nächsten Sprechers kommen. Wer zuerst beginnt, gewinnt das Recht auf den Redebeitrag und der Sprecherwechsel erfolgt an diesem Punkt.
c) Auch hier verwendet der Sprecher keine Technik der Auswahl des nächsten Sprechers. Hier kann der gegenwärtige Sprecher mit seinem Beitrag fortfahren, sofern niemand anderes versucht, den nächsten Turn für sich zu ergreifen.

II. Ist es am ersten wechselrelevanten Platz zu keinem Wechsel der Sprecher gekommen, sprich 1a und 1b sind nicht eingetreten und es kam somit zu 1c, kommen die Regeln 1a bis 1c an jedem nächsten wechselrelevanten Platz wieder zum Einsatz, bis es zu einem Sprecherwechsel gekommen ist.“ (Übersetzung aus: Mazeland 1980, S.78)

Diese Regeln zeigen auf, welche Möglichkeiten des Turn-Taking es gibt und nach welchem Schema diese ablaufen. Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) gehen in ihrem Rule-Set jedoch nicht darauf ein, woran die wechselrelevanten Stellen, die Transition Relevant Places (TRP) genannt werden, zu erkennen sind und wo diese auftreten können. Außerdem gibt es keine Regelungen in Bezug auf eventuelle Störungen und wie diese behoben werden können.

Damit die Regeln erweitert werden können, müssen die zuvor genannten Merkmale der Alltagsgespräche genauer analysiert werden. Jeder Einzelne dieser vierzehn Punkte nutzt die Regeln auf unterschiedliche Weise. Im Rahmen ihrer Untersuchungen haben Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) folgendes herausgefunden:

1. Der Sprecherwechsel wiederholt sich oder tritt zumindest ein. Allerdings muss es nicht an jedem TRP zu einem Sprecherwechsel kommen, da als Alternative zu den Regeln 1a und 1b, für den Fall dass niemand den Turn ergreift, auch auf Regel 1c zurückgegriffen werden kann.

2. In den meisten Fällen spricht nur eine Person auf einmal.

Das System teilt die einzelnen Turns den einzelnen Sprechern zu. Der Sprecher bekommt vom Beginn seines Turns bis zur erstmöglichen Beendigung des Turns das exklusive Recht zu sprechen. Dieses Recht erneuert sich, wenn Regel 1c eingetreten ist.

3. Simultansprechen kommt vor, ist in der Regel jedoch von kurzer Dauer.

Das Simultansprechen, das bei Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) Overlap genannt wird, tritt meistens bei Anwendung von Regel 1b, der Selbstauswahl, auf. Da derjenige im nächsten Turn das Rederecht erhält, der an einem TRP als erstes zu reden beginnt, versucht jeder, der den nächsten Turn ergreifen will, als erstes zu sprechen. Somit ist die Möglichkeit auf einen Overlap enorm groß. Ein Grund für die Kürze von Overlaps ist, dass sie an TRPs vorkommen. An diesen Stellen kann oder sollte der momentane Redner seinen Turn beenden und der nächste beginnt bereits mit seinem Turn. So kommt es zu einer kurzen Überlappung der Beiträge, da die Sprecher eine Lücke vermeiden wollen, die sich aber schnell wieder auflöst.

4. Übergänge von einem zum nächsten Turn ohne eine Lücke (Gap) und Überlappung (Overlap) sind üblich.

Das Rule-Set ermöglicht ein schnelles und problemloses Turn-Taking an den TRPs. Meistens läuft der Übergang zwischen den beiden Turns jedoch nicht vollkommen störungsfrei ab. Häufig kommt es an Übergängen zu kleinen Lücken oder kleinen Überlappungen.

5. Die Reihenfolge der Turns ist nicht festgelegt, sondern variiert.

Die einzelnen Turns werden während des Gesprächs jeweils den Gesprächsteilnehmern zugeteilt, wobei es für jede Zuteilung eine Reihe von Alternativen gibt (Regel 1a bis 1c). Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) charakterisieren das System des Turn-Taking als ein Local Management System, da es immer nur den nächsten Turn innerhalb des Gesprächs zuteilt. Die Verteilung der Redebeiträge wird somit lokal kontrolliert und variiert. Allerdings sind die Variationen der Redebeiträge nicht wahllos.

6. Die Länge der Turns ist nicht festgelegt, sondern variiert.

Da die TCUs, aus denen die Turns bestehen, unterschiedlich lang sein können und die Möglichkeit der freien Auswahl durch den Sprecher aus diesen unterschiedlich langen TCUs besteht, kann die Länge der einzelnen Turns variieren. Durch Regel 1c hat man die Möglichkeit, mehr als ein einziges TCU zu produzieren. Somit ist vom System keine maximale Länge der Turns vorgegeben.

7. Die Länge des Gesprächs wurde vorab nicht festgelegt.

Das Turn-Taking System sagt nichts über die Länge und das Beenden eines Gesprächs aus. Es erlegt jedoch Beschränkungen auf, wie das Gesprächsende oder die Gesprächslänge durch das Rule-Set gesteuert werden können. Regel 1a besagt zum Beispiel, es sollte an dieser Stelle zu keinem Ende des Gesprächs kommen. Dies geschieht hier auch selten, da der nächste Redner bereits vom momentanen Redner ausgewählt wurde. Das Beenden eines Gespräches wird intern geregelt.

8. Was die Gesprächsteilnehmer sagen, wurde vorab nicht festgelegt. Allerdings gibt es einige ritualisierte Abläufe, in denen der Inhalt vorab klar ist. So können First Turns oft Grüße beinhalten und Next Turns den Gegengruß. Der Next Turn wurde somit durch den vorangegangenen Turn inhaltlich beschränkt. Diese Arten von Aussagen nennt man Adjacency Pairs. Hier wird die Aussage des nächsten Sprechers durch den ersten Teil des Adjacency Pairs, wie zum Beispiel den Gruß, eingeschränkt.

9. Die Zuteilung der einzelnen Turns an die Gesprächsteilnehmer wurde vorab nicht festgelegt.

Das Rule-Set von Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) maximiert die Anzahl der nächsten potentiellen Sprecher. Mit Regel 1a kann der momentane Redner jeden anderen Teilnehmer als nächsten Sprecher auswählen. Regel 1b erlaubt jedem anderen Gesprächsteilnehmer, außer dem momentanen Sprecher, sich als nächsten Redner selbst auszuwählen. Somit ist jeder Teilnehmer, der momentan nicht spricht, ein potentieller nächster Redner. Im Rahmen von Regel 1c wird der derzeitige Sprecher von der Wahl als nächster Sprecher nicht ausgeschlossen, was ein within-turn-event genannt wird. Auf Grund dieser drei Regeln hat an jedem TRP jeder das Recht als nächster das Wort zu ergreifen.

10. Die Anzahl der Gesprächsteilnehmer kann variieren.

An einem Gespräch können sich mehrere Teilnehmer beteiligen. Die Anzahl dieser Gesprächsteilnehmer kann während des Gesprächs variieren, indem neue Teilnehmer hinzukommen und momentane Teilnehmer aus dem Gespräch ausscheiden. Das Turn-Taking System begrenzt die Anzahl der Teilnehmer nicht, bevorzugt aber eine geringere Zahl. Im Rule-Set werden zwei Sprecher bevorzugt, der momentane und der nächste. Gibt es drei Gesprächsteilnehmer ist einer außen vor, bei vier Teilnehmern werden zwei nicht beachtet. Bei zwei Teilnehmern kann derjenige, der nicht das Wort hat, an jedem nächsten TRP den nächsten Turn besetzen und ist mit Sicherheit der nächste Sprecher. Bei drei Gesprächsteilnehmern hat man diese Sicherheit nicht. Ab vier Teilnehmern gibt es sogar die Möglichkeit, dass sich das Gespräch in mehr als eins spaltet und somit zwei Konversationen nebeneinander laufen.

11. Das Gespräch kann fortlaufend sein oder unterbrochen werden.

Ist das Gespräch fortlaufend, beginnt der nächste Sprecher direkt an einem TRP zu reden oder der momentane Sprecher redet weiter. Hier kann es zu einer minimalen Lücke oder einem minimalen Overlap kommen. Kommt es hingegen zu einer Unterbrechung, stoppt der momentane Sprecher an einem TRP und kein anderer ergreift das Rederecht. Der darauf folgende leere Platz in dem Gespräch bildet keine Lücke, sondern einen Lapse, was ein langes Schweigen an einem TRP ist. Die Möglichkeit eines langen Schweigens erhöht sich an allen TRPs, an denen die Regeln nicht zum Einsatz kommen. Gibt es bei 1a ein kurzes Schweigen, handelt es sich um eine Pause bevor der Ausgewählte zu reden beginnt, aber nicht um ein Lapse. Dieses tritt auf, wenn die Regeln 1a bis 1c nicht erfüllt werden und in einem Durchgang immer wieder durchlaufen werden.

12. Im Gespräch werden Techniken der Turn-Zuweisung genutzt.

Der momentane Sprecher wählt den nächsten Sprecher mit einer adressierten Frage aus oder die Gesprächsteilnehmer wählen sich bei nicht adressierten Fragen selbst aus, indem sie zu reden beginnen.

Adressierte Fragen bilden die Basis für die Auswahl des nächsten Sprechers, wobei ein angesprochener Teilnehmer nicht unbedingt der für den nächsten Turn ausgewählte Sprecher ist. Richtet Person A seine Frage an Person B und wählt ihn als nächsten Sprecher, worauf B seine anschließende Antwort an Person A richtet, dann wurde Person A nicht notwendigerweise von Person B als nächster Sprecher ausgewählt, obwohl diese Person direkt angesprochen wurde.

Nicht-Adressierte Fragen sind Adjacency Pairs, deren First-Pair-Part nicht an jemanden Bestimmtes gerichtet ist. Hier wird durch Fragewörter wie „Where?“,

„Who?“ oder „What?“ nur festgelegt, dass es einen Sprecherwechsel geben soll, der aber nicht an eine bestimmte Person als nächsten Redner gebunden ist.

Mit Tag-Questions wie „You know?“ oder „Don’t you agree?“ wählt der momentane Sprecher den nächsten aus. Es handelt sich hier um eine Technik, die auf das Ende eines Turns hinweist und so den Sprecherwechsel einleitet. Diese Technik wird dann angewandt, wenn der Sprecher sich einem TRP nähert, vorher jedoch keine Technik zur Auswahl eines nächsten Sprechers genutzt hat und nun kein anderer den Turn übernimmt. Tag-Questions kommen vor allem vor, wenn die Regel 1c eintritt.

Auch die sozialen Umstände müssen mit einbezogen werden. In einem Gespräch mit zwei Ehepaaren lädt der Sprecher das andere Paar zu einem Film ein. Die Antwort muss von einer Person des anderen Paares kommen, nicht vom Ehepartner des Sprechers.

Unter Starting First versteht man die Basistechnik für die Selbstauswahl unter Regel 1b. Der nächste Redner muss versuchen, hier als erstes das Wort zu ergreifen, wenn er den nächsten Turn ergreifen will. Hierfür werden Appositionen wie „well“, „but“, „and“ und „so“ genutzt, die auf den Beginn eines Turns hinweisen. Diese Regelung motiviert jeden, der sich für den nächsten Turn selbst auswählt, so früh wie möglich am nächsten TRP zu starten.

First Starters sind diejenigen, die unter Regel 1b das Prinzip des Starting First anwenden. Der erste Starter ist der einzige Starter, da dieser das Recht hat, den nächsten Turn in diesem Gespräch zu nutzen. In dem Moment, in dem ein selbst ausgewählter Redner zu reden beginnt, gilt die Selbstauswahl als vollzogen. Es kommt oft vor, dass mehrere Sprecher zugleich zu reden beginnen, wobei einer aber meistens klar der Erste ist.

13. Es werden verschiedene Turn Constructional Units genutzt, damit Turns je nach Situation nur ein Wort umfassen oder deutlich länger sein können.

Die Verteilung des Turn Spaces wird innerhalb des Turns in einem Gespräch organisiert. Es gibt mögliche Stellen zur Beendigung der TCUs, die planbar sind bevor sie auftreten. Untersucht man in einem laufenden Turn, in welcher Weise der nächste Sprecher den nächsten Turn beginnt oder versucht zu beginnen, erkennt man, dass diese Starts nicht fortlaufend auftreten, sondern vereinzelt im Verlauf des Turns an den immer wiederkehrenden TRPs. Um herauszufinden, wo solche TRPs im momentanen Turn vorkommen, verweisen Schegloff, Sacks und Jefferson (1974) auf die Possible Completion Points. Diese werden unter anderem mit Hilfe der Intonation und Phonetik kenntlich gemacht. So ist zum Beispiel zu erkennen, ob es sich bei dem Wort „Was“ um eine Ein-Wort-Frage handelt oder um den Beginn eines Turns. Auch die dreiteilige Struktur der Turns gibt einen Hinweis auf den nächsten TRP. Die Turns beziehen sich im ersten Teil auf den vorherigen Turn, im mittleren Teil geht es um den Inhalt des Turns, mit dem dieser sich auseinandersetzt und abschließend nimmt er Bezug auf den nachfolgenden Turn. Hält man sich an diese Reihenfolge, erkennt der Hörer, wo sich der nächste TRP befindet. An den TRPs kommt es dann zum Einsatz der Regeln 1a bis 1b. Kommt an einem TRP Regel 1c zum Einsatz, wiederholt sich mit Regel 2 der gesamte Prozess.

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Details

Seiten
94
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640170289
ISBN (Buch)
9783640172597
Dateigröße
1014 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115537
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Schlagworte
Turn-Taking Vergleich Sprecherwechsel Kommunikationswissenschaft Gesprächsuntersuchungen Linguistik Magisterarbeit Schegloff Alltagsgespräche Kulturell International Sacks Jefferson Deutschland Großbritannien

Autor

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Titel: Turn-Taking im kulturellen Vergleich