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Das Überlegensheitsgefühl der Mexikaner gegenüber der US-amerikanischen Kultur

Anhand ausgewählter mexikanischer und chicano Literatur

Examensarbeit 2007 91 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Kulturbegriff
1.2 Die Entstehung eines kulturellen Überlegenheitsgefühls
1.3 Das Verhältnis von Mexiko zu den USA
1.4 Die Sicht der Mexikaner auf die kulturellen Werte der US-Amerikaner

2 Octavio Paz
2.1 Biographie von Octavio Paz
2.2 Die Mexikanität im Labyrinth der Einsamkeit
2.2.1 Der pachuco als Ausgangspunkt auf der Suche nach der Mexikanität
2.2.2 Die USA als indirekter Spiegel der Mexikanität
2.3 Unterschiede in der kulturhistorischen Entwicklung von Mexiko und den USA
2.3.1 Die USA – eine ‚ sociedad exclusiva

3 Carlos Fuentes
3.1 Biographie von Carlos Fuentes
3.2 Der Einfluss von Paz auf Fuentes
3.3 Fuentes’ Lebenswelt zwischen Mexiko und den USA
3.4 Mexikanische Intellektuelle in den USA – Carlos Fuentes und Jorge G. Castañeda
3.5 Die Auseinandersetzung mit den USA im essayistischen Werk
3.6 Der alte Gringo – Gringo viejo
3.7 Die gläserne Grenze – La frontera de cristal
3.7.1 La capitalina – kulturelle Einöde
3.7.2 El despojo - Die Überlegenheit der aristokratischen Kultur Mexikos
3.7.3 La pena – Kritik an der US-amerikanischen Doppelmoral / Heuchelei
3.7.4 La frontera de cristal – mexikanische Höflichkeit
3.7.5 Las amigas – kulturelle Unterschiede in Bezug auf Liebesfähigkeit / Beziehungen
3.7.6 La raya del olvido – familiärer Zusammenhalt und Loyalität bei den Mexikanern
3.7.7 Malintzin de las Maquilas – die Ausbeutung der Maquiladora-Arbeiterinnen
3.7.8 Río Bravo, Río Grande – Zusammenführung der einzelnen Erzählungen
3.7.8.1 Dan Polonsky
3.7.8.2 Gonzalo Romero
3.7.8.3 Leonardo Barroso
3.7.8.4 José Francisco
3.7.8.5 US-Amerikanische Protagonisten
3.7.9 Kritik an Aspekten von Fuentes’ Darstellung der US-amerikanischen Kultur

4 Schlusswort

Literaturverzeichnis
Primärliteratur – Carlos Fuentes
Primärliteratur – Octavio Paz
Sekundärliteratur

Internetquellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Überlegenheitsgefühl der Mexikaner gegenüber der US-amerikanischen Kultur. Das Thema wird anhand verschiedener Werke des berühmten mexikanischen Schriftstellers Carlos Fuentes behandelt. Die Schwerpunkte liegen auf seinen Essays sowie den Werken Gringo viejo und La frontera de cristal. Carlos Fuentes gehört zu jenen Schriftstellern, die sich ihr Leben lang mit der – den mexikanischen Literaturdiskurs bestimmenden – Frage nach der mexikanischen Identität/Nationalität auseinandergesetzt haben und in diesem Zusammenhang auch immer mit ihrem unmittelbaren Spiegel, den USA. Selbst dort aufgewachsen und lange Zeit an US-amerikanischen Universitäten lehrend hat der Autor den Vorteil beide Kulturkreise von einer Innen- wie Außenperspektive betrachten zu können. Daher erscheinen seine Betrachtungen über die USA besonders interessant. Sie nehmen neben den allgemein kritisierten politisch-militärischen Handlungen auch die kulturellen in den Blick.

Die Prämisse für ein Überlegenheitsgefühl liegt in der Bewertung von Unterschieden, welche daher im ersten Teil der Arbeit herausgearbeitet werden. Bei der Auseinandersetzung mit den sich kontrastierenden Kulturräumen Mexiko-USA werden neben den kulturellen auch wirtschaftliche und politische Aspekten aufgrund ihrer vielfältigen Interdependenzen zueinander miteinbezogen.

Fuentes’ schriftstellerische Karriere und sein Blick auf das Verhältnis von Mexiko zu den USA wurde stark von seinem geistigen Mentor Octavio Paz geprägt. Es wird daher zunächst auf die Paz’sche Konzeption der Differenzen und ihrer historischen Ursprünge zwischen Mexiko und den USA eingegangen. Da erstens das Überlegenheitsgefühl, das sich in einer expliziten wie impliziten Kritik gegenüber der US-amerikanischen Kultur äußert, in direkter Verbindung zu der Frage nach der mexikanischen Identität steht und sich zweitens Paz und Fuentes literarisches Werk durch die Suche nach ihr auszeichnet, darf sie keinesfalls unberücksichtigt bleiben, denn: „La historia de México es la del hombre que busca su filiación, su origen.“[1]

Vor der Untersuchung des Überlegenheitsgefühls in der Literatur wird einleitend kurz das Verhältnis von Mexiko zu den USA sowie die Sicht der Mexikaner auf die kulturellen Werte der US-Amerikaner skizziert.

Das Überlegenheitsgefühl der Mexikaner entstammt einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber ihrem mächtigen Nachbarn im Norden, der USA, dem bereits Samuel Ramos in seinem den mexikanischen Identitätsdiskurs bestimmenden Werk El perfil del hombre y la cultura en México aus dem Jahre 1934 entgegenwirken wollte. In diesem Sinne entwickelt Paz in seinem El laberinto de la soledad (1950) seine noch ein halbes Jahrhundert später gewichtige Konzeption der mexikanischen Identität anhand der Spiegelung Mexikos mit dem Anderen, der USA, am Beispiel der pachucos (der in den 50er Jahren in den Vereinigten Staaten lebenden Mexikanern). Nach Paz liegt das Mexikanische (‚ lo mexicano’) jedoch nicht im Minderwertigkeitsgefühl, sondern in der Einsamkeit und der Inbegriff der mexicanidad in der mestizaje. Archetypisch für den Synkretismus von indigener und europäischer Kultur sieht er die Mexikaner als Kinder der Verräterin Malinche und des Eroberers Cortés. Hieraus erwächst einerseits das Gefühl der Einsamkeit, da die Mexikaner sich weder der einen noch der anderen Kultur zugehörig fühlen, und gleichzeitig fühlt man sich als ‚Bastard’ minderwertig. Die von Paz entwickelte Dialektik der Einsamkeit des Mexikaners ließe sich somit auf das Minderwertigkeitsgefühl übertragen, aus dem sich nun auf dem Weg der Suche nach der eigenen Identität und im Laufe dieses Selbstfindungsprozesses ein Überlegenheitsgefühl herausgebildet hat, welches sich auch in der Literatur widerspiegelt. Eben diese Entwicklung gilt es in der vorliegenden Arbeit zu untersuchen und zu belegen.

1.1 Kulturbegriff

In dieser Arbeit operiere ich mit einem Kulturbegriff, den Ortega y Gasset folgendermaßen definiert: „Cultura es el sistema vital de las ideas en cada tiempo.[2]

In Anlehnung daran formuliert der chicano Gómez-Quiñones, der mit beiden hier zu vergleichenden Kulturkreisen vertraut ist, etwas differenzierter:

Culture encompasses the customs, values, attitudes, ideas, patterns of social behaviour and arts common to members of a group and provides a design for living embracing specific historically derived material traits. Culture, ethnicity, identity, language, history, nationhood, nationality are all related; each may be seen as a part or as encompassing the others. Culture is both subjective and objective; it is both ideal and material. […]. Ethnic characteristics are meaningful culturally only when expressed in relation to other individuals of a person’s own group and/or in relation to other groups. Identity involves a cultural framework. An individual consciously identifies with the culture and practices the sum of it. […] Nonetheless culture is on the whole integrative and this requires time which assumes the form of “tradition”. To stress “tradition” is to view how culture is acquired rather than to see of what culture consists. Humans are actors within culture; they can and do act upon culture consciously.[3]

An diesen Kulturbegriff schließt sich auch der Begriff der nationalen Identität an, der im Hinblick auf die Frage nach der mexikanischen Identität nicht außer Acht gelassen werden darf und unter welchem Folgendes verstanden werden kann:

[…]: ‘the continuous reproduction and reinterpretation of the pattern of values, symbols, memories, myths and traditions that compose the distinctive heritage of nations, and the identification of individuals with that pattern and heritage and with its cultural elements.’[4]

Die angesichts des Fortschreitens der Globalisierung und der Migrationsströme von James Clifford (Writing Culture 1986), Ulf Hannerz und Homi Bhabha proklamierte Hybridkultur erscheint auf den ersten Blick berechtigt. Bhabha argumentiert, dass

[…] the location of culture today is not in some pure core inherited from tradition, but at the edges of contact between civilizations where new, “in-between”, or hybrid, identities are being forged. In our plural, postmodern times the edges increasingly define the core; the margins more and more constitute the centre.[5]

Aus der Tatsache, dass die Kulturen einander überlappen und die Horizonte ineinander verschwimmen, lässt sich jedoch nicht automatisch schussfolgern, dass sie alle identisch wären. Eben deshalb macht es trotz aller Einwände auch weiterhin Sinn von „Kulturen“ zu reden,[6] denn die Diffusion von Kulturelementen ist so alt wie die Kultur selbst. Jede Kultur ist von anderen beeinflusst, jede hat Elemente von anderen in sich aufgenommen und integriert – jede ist „hybrid“.[7]

Bei der kulturellen Durchmischung lässt sich zwischen einer inneren und äußeren unterscheiden. Neben der inneren kulturellen sowie medialen Durchmischung wie sie von Carlos Monsiváis[8] und Nestor Garcia Canclini beschrieben wird, verkörpern chicano -Künstler wie Guillermo Gómez-Peña[9] die Folgen der äußeren Migration (in diesem Fall in die USA):

La migración, por ende, cuestiona hoy más que nada a la identidad primero y luego a la unidad nacional. A la identidad, porque al moverse, en su periplo o en su asentamiento en una tierra diferente a la donde se nació, las personas modifican sustantivamente sus comportamientos culturales, al incorporar fatalmente nuevas formas de accionar cotidianamente. Así, sin dejar de ser lo que originalmente se era (mixteco, nahua, chinanteco, chol), se crea, en los hechos, una nueva esencia étnica, que bien se puede definir, para simplificar, utilizando, sin ningún sentido peyorativo, un termino muy común entre nosotros: los “oaxacalifornianos”, que no son ni totalmente oaxaqueños ni tampoco californianos. Y así, en lugar de disminuir se puede decir que las etnias de México, y las del mundo en general, por los procesos de sincretismo multidimensional que genera la migración, se están multiplicando, ampliándose así, por ende, las prácticas culturales.[10]

Des Weiteren wurde in den 80iger Jahren die institutionalisierte Kategorie des “lo mexicano” als eine mythifizierende Homogenisierung kritisiert. So zeigt Roger Barta in La jaula de la melancolía, dass die essentialistische Identitätskonzeption die historische Spezifik der multiplen und ungleichen Arten von dem Leben verschiedener Identitäten ignoriert. Es gäbe nicht EINE nationale Identität, sondern viele mexikanische Identitäten. Nach Bartra dient der essentialistische Mythos zur Legitimation der Ausbeutung der Bevölkerung durch die staatliche Macht und dazu ein einziges Subjekt der nationalen Geschichte zu projizieren, um das Land zusammenzuführen.[11]

Der essentialistische Kulturbegriff scheint somit aufgrund der kulturellen Mischungen überholt und weicht einem konstruktivistischen. Für die Analyse der hier zu behandelnden Thematik wäre es jedoch wenig sinnvoll die letztere Kulturkonzeption zugrunde zu legen, da es um eine Abgrenzung von Kulturräumen geht, deren Betrachtung leichter aus dem Zentrum als von den Rändern her stattfindet. Was zwar zur Folge hat, dass mit Stereotypen operiert werden muss, Fuentes dies jedoch als Herausforderung begreift und zur Provokation nutzt.

Zudem bergen die beiden Pole des essentialistischen versus dem konstruktivistischen Kulturbegriffs den Widerspruch eines radikalen Partikularismus auf der einen und eines heimlichen Universalismus auf der anderen Seite in sich. Das Problem für eine interkulturelle Verständigung liegt also darin, dass sie gleichzeitig von zwei unvereinbaren Prämissen ausgeht. Während eine von ihnen besagt, dass die Andersartigkeit der fremden Kultur tatsächlich als solche ernst genommen werden muss und daher nicht in vertraute Verständigungshorizonte assimiliert werden sollte, schwingt gleichzeitig die Vermutung mit, dass das Andere wohl doch nicht so grundsätzlich fremd sein kann, da es sich sehr wohl in bekannte Kategorien übersetzen lässt.[12] Hingewiesen auf diesen doppelten Widerspruch hat der US-amerikanische Kritiker J. Hillis Miller (1994):

The double contradictory gesture of cultural studies says at once that the other is really other and may be kept safely outside, and at the same time that the other is not really other and may be made a ‚ heimlich’ member of the family.[13]

Selbst wenn essentialistische Kulturtheorien einerseits den Nachteil haben, von einer homogenen und damit verfälschten Identität auszugehen, verfügen sie andererseits über den Vorteil des Zusammenschlusses und Identitäten überhaupt erst sichtbar zu machen, wessen sich Fuentes bei seiner Konstruktion einer mexikanischen Identität auch bedient. In diesem Zusammenhang kritisiert die Literaturwissenschaftlerin Vittoria Borsò an Fuentes’ Position als Schriftsteller, dass sein Standort des Schreibens die Gegenwart des kosmopolitschen Autors sei und er sich immer noch an einem anderen – utopischen, ahistorischen – Ort befinde als die Kultur, über die er schreibt. Nach Borsò mache Fuentes nicht den Schritt, der zur Hybridität führt, und zwar nicht allein im Sinne einer kulturellen Mischung, sondern im Sinne einer epistemologischen Beweglichkeit und im Bewusstsein, dass Verortungen in der Zeit oder im Raum das Produkt kultureller Fiktion seien.[14]

1.2 Die Entstehung eines kulturellen Überlegenheitsgefühls

Die Voraussetzung für die Entstehung eines Überlegenheitsgefühls ist die Bewertung von Unterschieden. Man fühlt sich dem Anderen überlegen, weil man seine Andersartigkeit als besser bewertet. Für die Analyse, inwieweit sich die Mexikaner der US-amerikanischen Kultur überlegen fühlen, müssen zunächst die hervorstechendsten kulturellen Unterschiede herausgearbeitet werden, um daran anschließend die Bereiche und Gründe für die Entstehung eines Überlegenheitsgefühls zu beleuchten. Das Problem, das sich bei einer solchen Fragestellung und Vorgehensweise zwangsläufig ergibt, ist die Schwierigkeit, von „den Mexikanern“ und „der US-amerikanischen Kultur“ zu sprechen, da man hier stark differenzieren müsste, was jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Aus diesem Grund wird sich die folgende Analyse auf die Darstellung in den Werken bekannter mexikanischer Autoren beschränken, wobei ich mir der Komplexität bewusst bin, die den Umgang mit solchen verallgemeinernden Begriffen beinhalten.

Eine Funktion des Überlegenheitsgefühls der Mexikaner ist es, von den US-Amerikanern als gleichwertiger Partner behandelt zu werden. Mexiko ist den USA wirtschaftlich unterlegen und politisch instabiler. Es kann jedoch wenigstens auf seine langen kulturellen Traditionen zurückgreifen, die den US-Amerikanern wiederum fehlen. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die Mexikaner ihre Kultur weniger kräftig gegen die US-Amerikaner behaupten bzw. die Kultur der US-Amerikaner nicht so stark abwerten würden, wenn die US-Amerikaner der mexikanischen Kultur mehr Respekt entgegen brächten.

Ausgehend von den essayistischen Werken Octavio Paz’, hier insbesondere El laberinto de la soledad und El ogro filantrópico, werde ich die US-amerikanische der mexikanischen Kultur gegenüberstellen und versuchen, im Ansatz die Einstellung der Mexikaner gegenüber der US-amerikanischen Kultur herauszufiltern.

Daran anschließend wird versucht zu zeigen, wie Carlos Fuentes das sich bereits in seinen Essays Tiempo mexicano, Nuevo tiempo mexicano und El espejo enterrado abzeichnende Überlegenheitsgefühl der Mexikaner gegenüber der US-amerikanischen Kultur literarisch in seinen Romanen Gringo viejo und La frontera de cristal umgesetzt hat.

1.3 Das Verhältnis von Mexiko zu den USA

Nuestra percepción conflictiva de los Estados Unidos ha sido la de una democracia interna y un imperio externo: el Dr. Jekyll y Mr. Hyde. Hemos admirado la democracia. Hemos deplorado el Imperio. Y hemos sufrido sus acciones, interviniendo constantemente en nuestras vidas en nombre del destino manifiesto, el gran garrote, la diplomacia del dólar y la arrogancia cultural.[15]

Es ist anzunehmen, dass das Minderwertigkeitsgefühl ausgelöst wird durch die empfundene Bedrohung der USA als einzig verbliebene Weltmacht, die erstmals in der Geschichte keine gleichwertigen Rivalen mehr hat. Einen Nachbarn zu haben, der weltweit der einzige Staat ist, der zu dauerhafter globaler Projektion militärischer Macht in der Lage ist, muss beängstigend wirken. Zudem besitzen die USA nicht nur eine der stärksten Volkswirtschaften der Erde, sondern sind gleichzeitig die Nation, die leichter als jeder andere Staat in der Lage ist, eigene Vorstellungen als weltweite Normen durchzusetzen, in Einzelfällen sogar im Alleingang. Mit ihrem ausgeprägtem Nationalstolz demonstrieren sie ihre Überlegenheit, die sich auf einer historisch einmaligen Synthese von wirtschaftlicher Stärke, weltweiter kultureller Meinungsführerschaft und militärischer Überlegenheit gründet. Aufgrund der geographischen Lage ist Mexiko gezwungen, sich mit den USA auseinanderzusetzen, wobei das ungleiche Machtverhältnis zwischen beiden Staaten die Konflikte zusätzlich verstärkt. Mexiko fühlt sich bedroht und sieht sich als Tor zum restlichen Lateinamerika zudem gezwungen, sich noch stärker als andere lateinamerikanische Staaten von dem US-amerikanischen Einfluss abzugrenzen. Es möchte von den USA trotz seiner wirtschaftlichen und politischen Defizite als ebenbürtiger Partner behandelt werden. Zur Demonstration seines Gleichstellungsanspruches betont Fuentes daher den Bereich, in dem Mexiko den USA überlegen ist, nämlich den kulturellen.

Je klarer sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Lateinamerika eine gegenläufige Richtung einer Demokratisierung abzeichnete, desto skeptischer wurden die Intellektuellen gegenüber den Vereinigten Staaten als ein nachzuahmendes Modell. Dies wurde zudem noch durch die US-amerikanische Expansionspolitik verstärkt. Die Skepsis wuchs einmal aufgrund des sogenannten Manifest Destiny (dt.: offenkundige Bestimmung), unter dem man die US-amerikanische Doktrin des 19. Jahrhunderts versteht, nach welcher die USA einen göttlichen Auftrag zur Expansion hätten, insbesondere über Nordamerikas Grenze in Richtung Pazifik. Keine bestimmte Politik oder Ideologie beinhaltend bezeichnet es allgemein die negativen Elemente des Expansionismus (Anaktualismus) vereinigt mit Exzeptionalismus, Nationalismus und Rassismus. Weiterhin schienen die mexikanischen Intellektuellen desillusioniert durch die Monroe Doktrin und die aggressive Außenpolitik, die zuerst mexikanisches Gebiet, dann die Philippinen, Puerto Rico und Cuba beanspruchte. Fuentes und andere Intellektuelle hatten das Gefühl, dass die Kolonialmacht Spanien durch eine andere ersetzt werden würde.

Frühere Schriftsteller wie Rodó konnten Länder wie Griechenland als kulturelle Modelle hochhalten, ohne ihre sozioökonomische Politik zu diskutieren. Schriftsteller wie Fuentes können kulturelle Errungenschaften nicht losgelöst von sozialem und politischem Unrecht betrachten. Man wird stets daran erinnert, dass die Vereinigten Staaten das „neue Imperium“ Lateinamerikas bilden und somit eine Bedrohung seiner Kultur darstellen. Der Unterschied zu den Beziehungen postkolonialer Staaten und ihren Kolonialmächten liegt jedoch darin, dass in Mexiko der koloniale Einfluss von Spanien und Europa ausging und sich somit bereits eine eigenständige Kultur herausgebildet hat, bevor die USA ihren Einfluss ausüben konnten. Vielleicht liegt hierin der Grund dafür, dass sich bei dem Aufeinandertreffen der beiden Kulturen weniger eine Hybridkultur bildet, wie es von Homi Bhabha in Bezug auf andere postkoloniale Länder proklamiert wird, sondern sich in Mexiko vielmehr ein Überlegenheitsgefühl gegenüber der US-amerikanischen Kultur ausgebildet hat. Ein weiterer Unterschied zu anderen postkolonialen Staaten und deren Literaturen liegt darin, dass die Mexikanität der Inbegriff der Vermischung der indigenen mit der europäischen Bevölkerung ist. Nach Said (Culture and Imperialism) versucht die postkoloniale Literatur indigener Schriftsteller, sich von der eurozentristischen Dominanz und Perspektive zu lösen. Mexiko hingegen versucht sich nicht von der Kultur seiner ehemaligen Kolonialmacht zu lösen, da sie schon mit der ursprünglich ansässigen Kultur verschmolzen ist, sondern sich gegen den US-amerikanischen Einfluss zu wehren. Militärische und ökonomische Vormachtstellung impliziert nämlich noch keine kulturelle Überlegenheit. Insbesondere diese ökonomischen und sozialpolitischen Dichotomien der beiden Staaten, die jeweils genau komplementär gewichtet sind, verschärfen m. E. das Überlegenheitsgefühl der Mexikaner gegenüber der nordamerikanischen Kultur. Da Mexiko in diesen Bereichen den USA unterlegen ist, kann es den USA wenigstens im kulturellen Bereich als mindestens gleichwertiger Partner selbstbewusst gegenübertreten. Auch der bekannte Literaturkritiker Edward Said (Culture and imperialism 1994) sieht in der nordamerikanischen Hegemonie eine Bedrohung der Stabilität und kulturellen Identität schwächerer Staaten.

1.4 Die Sicht der Mexikaner auf die kulturellen Werte der US-Amerikaner

In einer vergleichenden Studie der Psychologen Díaz-Guerrero (der in Mexiko und den USA studierte) und Lorand Szalay über psychokulturellen Tendenzen, in diesem Fall über die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Mexikanern, Kolumbianern und US-Amerikanern, wurde mit der Methode der freien Wortassoziationen die Wahrnehmung der verschiedenen Partizipanten von zehn Themenbereichen ermittelt. Zu den Themen gehören die Bereiche Familie, Freundschaft, Verständnis, Gesellschaft, Liebe und Sexualität, Religion und Moral, Erziehung und Bildung, Wirtschaft und Geld, Arbeit und beruflicher Erfolg, Regierung und Politik sowie nationale und ethnische Konzepte. Die hier evaluierte Sicht der Mexikaner von auf die US-amerikanische Kultur stimmt größtenteils mit der von Fuentes überein:

Los mexicanos hacen gran hincapié en el poder y la fuerza de los Estados Unidos de Norteamérica desde los puntos de visa militar, económico y financiero. En el sentido positivo destacan la tecnología, el desarrollo y el progreso; en el sentido negativo, los mexicanos están preocupados por la guerra, el capitalismo, la explotación y el imperialismo. Sus alusiones a las características humanas y culturales de los estadounidenses son escasas; éstas incluyen la libertad, la inteligencia y la justicia, así como la incomprensión y el racismo.

La imagen colectiva que sustentan los mexicanos de los estadounidenses muestra gran coincidencia con la que tienen acerca de ese país, con una fuerte insistencia en la riqueza, el dinero, el poder y en los elementos negativos del síndrome “capitalismo, explotación, imperialismo”. Es importante darse cuenta de que esta explotación probablemente no se refiera a la explotación estadounidense por estadounidenses, sino a la explotación del Tercer Mundo por los estadounidenses.[16]

Die Ergebnisse dieser Studie entsprechen denen einer weiteren Untersuchung von Arizpe, in der in den USA sowie in Mexiko und Mexiko City beheimatete Mexikaner zu ihrer Ansicht über die US-amerikanische Kultur befragt wurden:

Con respecto a qué les gusta de la cultura estadounidense, una respuesta resume la tendencia general: “¿Cultura? No sé si son (sic) cultura, es casi puro capitalismo; su facilidad de hacer dinero, su mercadotecnia”. […] Muchos entrevistados expresaron ambivalencia. Un migrante mencionó “su nacionalismo, que os lleva a joder a los demás; ellos no entienden que no se deben meter”, aunque aseguró que admira “el nivel de estudio, la preparación, la responsabilidad” de los estadounidenses.[17]

Die Mexikaner sehen in der US-amerikanischen Kultur keine Kultur in ihrem Sinne, da ihr eben das fehlt, was die mexikanische Kultur ausmacht: Sitten, Bräuche, Traditionen und moralische Werte. Dieses kulturelle Defizit der USA wird besonders von Fuentes in seiner Selbstbehauptung der mexikanischen Kultur hervorgehoben, um so die Anerkennung für eine Gleichberechtigung Mexikos von Seiten der USA zu provozieren.

2 Octavio Paz

Paz wie Fuentes zählen zu den wichtigsten und innovativsten Schriftstellern der mexikanischen Gegenwartsliteratur.

Desde la década de los 50, Fuentes y Paz han encabezado las corrientes literarias más fuertes y innovadores en México.[18]

Die kulturellen Unterschiede, die Paz in seinen Essays anhand der unterschiedlichen historischen, religiösen, politischen und ökonomischen Voraussetzungen der beiden Staaten herausarbeitet, sind verbunden mit der Frage nach der ‚ mexicanidad’ – der Identitätssuche des in der mexikanischen Kultur verwurzelten Individuums als Ausdruck der Suche eines Konzepts für die Zukunft des mexikanischen Volkes und Staates. Für Paz ist die Abgrenzung zum Anderen, zur otro lado (den USA), für Mexiko besonders relevant, da hier zwei gegensätzliche Kulturräume aufeinandertreffen: die angelsächsisch-protestantische mit der hispanisch-katholischen. Durch die Spiegelung im Anderen entwickelt Paz sein Konzept der mexikanischen Identität. An dieses Konzept anknüpfend wird im weiteren Verlauf der Arbeitdargestellt, wie Fuentes diese Thematik in seinen literarischen und essayistischen Werken verarbeitet und welche Positionen er hinsichtlich der gegenwärtigen Beziehung Mexikos zu den USA bezieht. In Lateinamerika und speziell in Mexiko besaßen Literaten bis in die sechziger Jahre hinein großen Einfluss auf die Konstruktion und Definition der nationalen und kulturellen Identitäten. Denn im 19. Jh. waren Schriftsteller gleichzeitig Staatsmänner, Politiker, Militärs und Diplomaten und damit intellektuelle und politische Elite in einem. Es gab kaum eine Differenzierung von Disziplinen, was dazu führte, dass die politischen und literarischen Diskurse zusammenfielen[19]. Diese literarische Tradition zeichnet sich bei Paz und Fuentes ab, die beide im diplomatischen Dienst Mexikos standen und stets politisch engagiert waren. Fuentes ist es glücklicherweise bis heute noch.

2.1 Biographie von Octavio Paz

Geboren wurde Octavio Paz am 31. März 1914 in Mexiko-Stadt als Sohn eines Journalisten und Mitarbeiters des Sozialrevolutionärs Zapata, dessen Vater wiederum ein prominenter liberaler Intellektueller war, der aus einer Familie stammt, die – stolz auf ihre kreolische Abstammung – seit mehreren Generationen in Mexiko lebte. Octavio Paz war bereits mit 17 Jahren Mitbegründer einer literarischen Zeitschrift und begann gleichzeitig zu publizieren, womit er den Grundstein seiner schriftstellerischen Karriere legte. Im Laufe der Zeit erschienen zahlreiche Zeitschriften unter seiner Leitung.

Schon während seines Jura- und Philosophiestudiums engagierte er sich politisch. Seine dichterische Leidenschaft entfaltete sich u. a. durch die persönliche Bekanntschaft mit den älteren Dichtern und Philosophen Mexikos. Nachdem er einige Jahre als Lehrer arbeitete, erhielt er 1944 ein Stipendium, woraufhin er sich zwei Jahre in San Francisco und New York aufhielt. Die folgenden 23 Jahre seines Lebens verbrachte Paz im diplomatischen Dienst im Ausland, zuerst in Europa (v.a. Paris), dann in den USA, Indien und Japan, bis er dieses Amt 1968 aus Protest gegen das Massaker an demonstrierenden Studenten in seiner Heimatstadt niederlegte und sich im freiwilligen Exil im Ausland, z.B. als Gastprofessor in den USA, aufhielt. Nach seiner Rückkehr 1971, die durch die Freilassung der politischen Gefangenen in Mexiko motiviert war, hielt er sich bis zu seinem Tode am 19. April 1998 in seiner Heimatstadt Mexiko City auf..

Im Jahr 1950 erschien sein Buch über das Wesen des Mexikaners, das bald zum Klassiker wurde: El laberinto de la soledad. Dieses Werk, das die Mythen Mexikos und der Mexikaner reflektiert, ist Paz´ Antwort auf zwei existentielle Fragen: Was heißt es, im 20. Jahrhundert Mexikaner zu sein, und welche Bedeutung hat Mexiko in dieser Epoche? Damit begann der Teil des Werkes, der Paz zu einem der wichtigsten Lyriker und Essayisten der Gegenwartsliteratur machte. Er wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, wie dem Premio Cervantes (1981), dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1984) und dem Nobelpreis für Literatur (1990). Seine Poesie bricht mit den traditionellen Formen und Richtlinien. Auch seine schriftstellerischen Werke zeugen von einem ganz eigenem, sehr impulsiven und klarem Stil.[20]

2.2 Die Mexikanität im Labyrinth der Einsamkeit

Mexiko ebenso wie die meisten anderen lateinamerikanischen Staaten schauten mit Neid auf die Entwicklung und die durch die US-amerikanische Lebensart herrschende Ordnung der Vereinigten Staaten. Damals und teilweise noch heute misst sich Mexikos Fort- und Rückschritt an den USA. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Octavio Paz in seinem Essay El laberinto de la soledad bei der Reflexion über die Essenz des Mexikaners mit den Unterschieden zwischen den Mexikanern und den US-Amerikanern beginnt. Selbiges unternahmen bereits einige Jahre zuvor die Essayisten José Enrique Rodó mit seinem Ariel und José Martí in Nuestra América in Bezug auf Lateinamerika.[21]

Die Dialektik – wie sie Paz für die Einsamkeit der Mexikaner entfaltet – lässt sich auf das Überlegenheits- resp. Unterlegenheitsgefühl der Mexikaner gegenüber der nordamerikanischen Kultur übertragen. Es wurzelt in der mexikanischen Revolution, also in der Suche nach der mexikanischen Identität. Mit dem Ausbruch der Revolution im Jahr 1910 vertraten die Schriftsteller und Intellektuellen nun nicht mehr lediglich ästhetisch-kosmopolitische Ziele, sondern auch politisch-soziale. Dabei wurde José Vasconcelos aus der Gruppe „Athenäum der Jugend“ mit seinem populärstem Essay La raza cósmica. Misión de la raza iberoamericana von 1925 zu einem der geistigen Führer der Revolution. Seine Gedanken übten einen gewaltigen Einfluss auf den gesamten iberoamerikanischen Subkontinent aus, sie manifestierten die Verteidigung der hispanischen Kultur gegenüber dem angelsächsischen Pragmatismus und waren ein absolutes Bekenntnis zum Mestizismus.[22] Bereits an dieser Stelle zeigt sich die von Paz ausformulierte und von Fuentes aufgenommene Unterscheidung einer ‚ sociedad inclusiva’ und einer ‚ sociedad exclusiva’, auf welche im Weiteren noch näher eingegangen wird.

Die als geistiges Anliegen der Revolution zugrundeliegende Suche nach dem mexikanischen Wesen konstituierte eine essayistische Epoche schlechthin. Zu ihr zählen der berühmte Essay von Samuel Ramos El perfil del hombre y la cultura en México aus dem Jahre 1934. Ramos’ Werk bildet die eigentliche Grundlage der ‚ Filosofía de América ’. In ihm liegt der Kern des Überlegenheitsgefühls der Mexikaners gegenüber der US-amerikanischen Kultur. Er versuchte zu seiner Zeit wie Fuentes heutzutage, die mexikanischen Minderwertigkeitskomplexe abzubauen: „Der Mexikaner ist nicht minderwertig, er fühlt sich minderwertig!“[23] und erkannte schon damals, dass der Mexikaner bei sich ein fremdes Maß anlegt, welches nicht von ihm selbst, sondern von Europa geschaffen wurde. Die Übernahme fremder kultureller Werte führt jedoch lediglich zu Imitationssucht und Sterilität. Mit den Worten: „Werde, der du bist!“ wollte Ramos den Mexikaner zur Selbstbesinnung aufrufen und ihm, trotz aller Verlockungen aus dem Norden, Vertrauen zum Mexikanertum einflößen. Eine sehr ähnliche kulturnationalistische Tendenz wird auch in verschiedenen Essays von Fuentes (El espejo enterrado und Nuevo tiempo mexicano) in Bezug auf den Vergleich mit den USA erkennbar, auf welche im folgendem Kapitel noch näher eingegangen wird. Es geht bei Ramos und Fuentes darum, dass sich die Mexikaner auf ihre eigenen kulturellen Werte rückbesinnen und sich nicht an anderen bemessen, also weder an Europa noch den USA.

Nach Paz ist es jedoch kein durch den „ungleichen“ Vergleich von Kulturen ausgelöstes Minderwertigkeitsgefühl, sondern das aus seinem Anderssein hervorrührende Gefühl der Einsamkeit, welches den Mexikaner identifiziert:

La existencia de un sentimiento de real o supuesta inferioridad frente al mundo podría explicar, parcialmente ante los demás y la violencia inesperada con que las fuerzas reprimidas rompen esa máscara impasible. Pero más vasta y profunda que el sentimiento de inferioridad, yace la soledad. Es imposible identificar ambas actitudes: sentirse solo no es sentirse inferior, sino distinto. El sentimiento de soledad, por otra parte, no es una ilusión – como a veces lo es el de inferioridad – sino la expresión de un hecho real: somos, de verdad, distintos. Y, de verdad, estamos solos. […] pero la soledad del mexicano, bajo la gran noche de piedra de la Altiplanicie, poblada todavía de dioses insaciables, es diversa a la del norteamericano, extraviado en un mundo abstracto de máquinas, conciudadanos y preceptos mortales. […] La realidad esto es, el mundo que nos rodea, existe por sí misma, tiene vida propia y no ha sido inventado, como en los Estados Unidos, por el hombre.[24]

Paz betont nicht nur die generelle Andersartigkeit der Mexikaner, sondern zudem ihre Andersartigkeit im Vergleich mit der US-amerikanische Lebenswelt.

Die Parallelen zwischen Ramos und Fuentes sind nicht verwunderlich. Fuentes bekannte sich dazu, wie viel er dem Pazschen Werk verdankt. Ebenso hat Paz Jahre zuvor ein ähnliches Bekenntnis in Bezug auf Ramos Einfluss auf sein Werk El laberinto de la soledad abgelegt.[25] Fuentes reiht sich somit in die Tradition der mexikanischen Essayistik von Vasconcelos, Ramos und Paz ein, deren Suche nach der mexikanischen Identität bestimmt war von der engen – wenn auch widerwilligen – Tuchfühlung mit dem Koloss im Norden.

2.2.1 Der pachuco als Ausgangspunkt auf der Suche nach der Mexikanität

Paz entdeckte seine mexikanische Identität erst während seiner von Armut und inneren Krisen geprägten Aufenthalte in San Francisco und später in New York, die seine daraufhin folgende mehrjährige Reflexion über das Mexikanertum auslösten. Auf ihnen beruhen seine ersten Gedanken zu seinem Werk El Laberinto de la soledad.

Bei Paz ist die Frage nach seiner nationalen (mexikanischen) Identität eng mit der Frage nach seiner persönlichen Identität verknüpft, so wie es auch bei Fuentes’ Essay El espejo enterrado der Fall ist. Paz identifiziert sich mit den mexikanischen Einwanderern bzw. mit den US-amerikanischen Staatsbürgern mexikanischer Herkunft, den sog. chicanos oder auch pachucos, für ihn eine der extremsten Formen des ‚ ser mexicano’:

Empecé a comprender lo que significaba ser mexicano porque me sentí solidario de los mexicanos maltratados, de los “pachuchos”, de los que ahora llaman chicanos. Me sentí un chicano y pensé que el chicano era uno de los extremos del mexicano. Me di cuenta de que los mexicanos teníamos la posibilidad de convertirnos en ese ser oprimido, marginal que es el pachuco. Me reconocí en los pachuchos y en su loca rebeldía contra su presente y su pasado.[26]

Am Beispiel der pachucos, den jungen Rebellen, zeigt Paz, wie das Aufeinandertreffen der beiden Kulturräume zu Konflikten führt. Einerseits negieren die pachucos ihre mexikanische Vergangenheit, wodurch sie sie erst recht bestätigen, und andererseits wollen sie sich durch ihre Andersartigkeit von der nordamerikanischen Gesellschaft distanzieren. Ihre bewusste Nichtanpassung an den US-amerikanischen Lebensstil grenzt sie automatisch aus der Gesellschaft aus, von der sie jedoch aufgrund ihres Aussehens ohnehin ausgegrenzt werden, auch wenn sie sich anpassen würden. Der wahre Grund der Diskriminierung liegt jedoch nicht in ihrem Rebellentum. Auch die eingewanderten Arbeiter, die ihre mexikanischen Traditionen und ihre Sprache bewusst oder unbewusst beibehalten. Sie zeichnen sich durch ihre Eigenschaft der kulturellen Nichtanpassung aus, die nach Paz auf der „insensibilidad frente al futuro[27] basiert. Die Vergangenheit ist den Mexikanern stets präsent, was sie wahrscheinlich auch zur der US-amerikanischen Minderheitengruppe macht, die am besten ihre Identität wahren konnte.[28] Dies ist sicherlich auch ein Grund, warum in der Großstadt Los Angeles, in der schon damals über eine Millionen Bürger mexikanischer Abstammung lebten, die von mexikanischen Einflüssen brodelnde Atmosphäre sogar für den sprachgewandten Dichter Paz schwierig einzufangen war:

[…] - la atmósfera vagamente mexicana de la ciudad, imposible de apresar con palabras o conceptos. Esta mexicanidad – gusto por los adornos, descuido y fausto, negligencia, pasión y reserva – flota en el aire. Y digo flota, porque no se mezcla ni se funde con el otro mundo, el mundo norteamericano, hecho de precisión y eficacia.[29]

Die Ausgrenzung der chicanos aus der angelsächsischen Gesellschaft, auf die Paz mit der Metapher des „in der Luft Schwebens, aber sich nicht Vermischens“ anspielt, ist aber nicht nur auf den Erhalt ihrer mexikanischen Ursprünge zurückzuführen, sondern liegt begründet in Paz’ These über die angelsächsischen Tradition der sociedad exclusiva:

Fieles a sus orígenes, lo mismo en su política interior que en la exterior, los Estados Unidos han ignorado siempre al otro. En el interior al negro, al chicano o al puertorriqueño; en el exterior: a las culturas y sociedades marginales.[30]

Für die Lösung der inneren und äußeren Konflikte der USA müssen sie zuerst zu ihren Ursprüngen zurückkehren, um ihre Tradition des Ausschlussprinzips zu berichtigen:

[…]: si los Estados Unidos no construyen una democracia multirracial, su integridad y su vida estarán expuestas a graves amenazas y terribles conflictos.”[31]

Sie müssen lernen, das Andere / die Anderen außer- und innerhalb des eigenen Landes zu akzeptieren[32], damit sie durch den Austausch mit anderen Kulturen nicht nur ihr eigenes Spiegelbild bleiben, sondern sich selbst durch die Spiegelung in Anderen erkennen können.[33]

Paz kritisiert die Unfähigkeit der US-amerikanischen Kultur, die Alterität anderer Kulturen zu akzeptieren. Dem pachuco bleibt keine andere Möglichkeit, als sich durch die Betonung seiner Andersartigkeit gegenüber der US-amerikanischen Kultur zu behaupten.[34] Das Überlegenheitsgefühl der pachucos ist also bedingt durch die Ablehnung der mexikanischen Kultur von Seiten der US-Amerikaner. Das von Paz beschriebene Phänomen der in den Vereinigten Staaten lebenden Mexikaner / US-amerikanischer Staatsbürger mexikanischer Herkunft (den sog. mexican-americans) lässt sich nun nach über einem halben Jahrhundert auf das generelle Verhältnis zwischen Mexiko und den USA übertragen. Mexiko fühlt sich gezwungen, im Zuge fehlender Anerkennung der USA seine kulturelle Andersartigkeit besonders hervorzuheben. Im Gegensatz zu der abstrakten Moral des American Way of Life, die nicht wirklich an kulturelle Praktiken gebunden ist, möchte der pachuco sich als einen Teil von etwas Lebendigerem und Konkreterem fühlen[35], denn die mexikanische Kultur zeichnet sich besonders durch ihren Reichtum an kulturellen Praktiken, Symbolen und Bräuchen aus, welche der US-amerikanischen fehlen.

2.2.2 Die USA als indirekter Spiegel der Mexikanität

Octavio Paz thematisiert in seinen diversen gesellschaftspolitischen Essays wie El espejo indiscreto (1976) , México y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones (1978), Inventar la democracia: América Central, Estados Unidos, México (1985), Arte e identidad (1986) die Frage nach der mexikanischen Identität, bei der die USA als indirekter Spiegel auf der Suche nach der Mexikanität dienen.

Cierta, la pareja contradictoria […]: cómo olvidar que yo mismo era (y soy) parte de una paradoja no menos peregrina: la de México y los Estados Unidos.”[36]

Paz analysiert die Gründe für die Unterschiedlichkeit zwischen Mexiko und den USA hinsichtlich ihrer historischen, politischen, religiösen und ökonomischen Entstehungsgeschichte. Für Mexiko ist die Abgrenzung zur otro lado (den USA) relevant, da diese als indirekter Spiegel dienen, denn “cada vez que, como la madrastra del cuento, le preguntábamos por nuestra imagen, nos enseñaba la del otro.”[37] Dabei beschreibt er das ambivalente Verhältnis der Mexikaner zu ihrem Nachbarn, ihrem indirekten Spiegel, wie folgt:

Desde que los mexicanos comenzaron a tener conciencia de su identidad nacional, a mediados del siglo XVIII, se interesaron en sus vecinos. Al principio con una mezcla de curiosidad y desdén; después, con admiración y entusiasmo, pronto teñidos de temor y de envidia. La idea que tiene el pueblo de México de los Estados Unidos es contradictoria, pasional e impermeable a la crítica; más que una idea es una imagen mítica.[38]

Die Sicht auf die US-amerikanische Kultur ist also unmittelbar mit der Frage nach der eigenen mexikanischen Identität verknüpft. Wobei das Spektrum vom anfänglichen Interesse und Neugierde bis hin zur Abschätzung und Bewunderung reicht – eine Mischung aus Angst und Neid. Bei Paz ist die widersprüchliche Vorstellung der Mexikaner von den USA durch die mangelnde kritische Auseinandersetzung mit der US-amerikanischen Kultur geprägt. Daher sticht die kritische Haltung gegenüber der US-amerikanischen Kultur bei Paz wie bei Fuentes hervor.

In seinem Essay México y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones entmysthifiziert Paz diese Vorstellung der Mexikaner von den USA, indem er die unüberwindbaren, allgegenwärtigen Gegensätze verdeutlicht, welche sich auf drei Ebenen zusammenfassen lassen. Die erste Ebene beinhaltet die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Aspekte. Paz charakterisiert sie durch folgende Gegensatzsätze: Reichtum – Armut, Entwicklung – Unterentwicklung, Macht – Schwäche, Dominanz – Abhängigkeit.[39] Die beiden folgenden für die zu behandelnde Themenstellung wichtigen Ebenen beinhalten die kulturellen / sozialen Aspekte der mexikanischen Identität, anhand derer im weiteren Verlauf der Arbeit die Überlegenheit gegenüber der US-amerikanischen Kultur dargestellt werden soll. Sie können offensichtlich auftreten als kulturelle Praktiken, Symbole, Verhaltensweisen, Tänze, Feiern und Feste, die Einstellung zur Arbeit und Freizeit zu Frauen, Kindern, alten Menschen, Fremden, Feinden und Verbündeten, der Umgang mit dem Tod und Geistern und der Zeit, die Lebens-, Liebes- und Esskultur, wobei das folgende Zitat die Weite des kulturellen Feldes verdeutlicht:

[...]


[1] Paz, O.: El laberinto de la soledad, México 1950 [1982]: 18.

[2] Enciclopedia de la Cultura Española, Ed. Nacional, Madrid 1976, Tomo IV: 321.

[3] Gómez-Quiñones, J.: On culture, 1982: 292f.

[4] Smith, A.: Nationalism. Theory, Ideology, History, 2001: 18.

[5] Bhabha, Homi: Life at the Border: Hybrid Identities of the Present, 1997: 30f.

[6] Vgl. Hauck, G.: Kultur. Zur Karriere eines sozialwissenschaftlichen Begriffs, 2006: 186.

[7] Vgl. Ebd. 16.

[8] “El siglo XX es, entre otras cosas y muy fundamentalmente, época de migraciones voluntarias y a la fuerza, […] En otro sentido, no tan dramático, pero igualmente profundo, es siglo es de poderosos e interminables migraciones culturales. […] En las metamorfosis inevitables y en los desplazamientos de hábitos, costumbres y creencias, los migrantes culturales son vanguardias a su manera, que al adoptar modas y actitudes de ruptura abandonan lecturas, devociones, gustos, usos del tiempo libre, convicciones estéticas y religiosas, apetencias musicales, cruzadas de nacionalismo, concepciones juzgadas «inmodificables» de lo masculino y de lo femenino. Estas migraciones son, en síntesis, otro de los grandes paisajes de nuestro tiempo.”, in: Monsiváis, C.: Aires de familia, 2000: 155f.

[9] „Salí de la Ciudad de México en 1978 para ir a estudiar arte en California, „la tierra del futuro“ como veía mi generación perdida. Demasiado joven para ser un hipeteca y demasiado Viejo para ser punketo, yo era un rebelde partido den dos, un escritor y artista que no encontraba espacio para respirar en la cultura official sofocante de Mexico. Allá los cartels del arte y la literature estaban estructurados al mode de la jerarquía eclesiástica y tenían que rendirle cuentas a un jefe intocable que era el arzobispo y el árbitro definitivo de lo acceptable como “alta cultura” y “mexicanidad”: Don Octavio Paz.”, in: Gómez-Peña, G.: Al otro lado del espejo. Reflexiones de un artista fronterizo, 2002: 53.

[10] Gómez Montero, S.: Tiempos de cultura, tiempos de frontera, 2003: 196.

[11] Vgl. dazu: Anderson, D. J.: La frontera norte y el discurso de la identidad en la narrativa mexicana del siglo XX, 1995: 131.

[12] Vgl. Tonn, H.: „In America, and yet never to be in America“: Symbolische Welten der Andersartigkeit in der Literatur der Mexiko-Amerikaner, 1996: 116.

[13] zitiert nach Ebd.

[14] Borsò, V.: Fuentes – peregrino entre dos mundos – Zur Archäologie des XX. Jahrhunderts, 2002: 314f.

[15] Fuentes, C.: El espejo enterrado, 1992 [Madrid 1997]: 483.

[16] Díaz-Guerrero, R. / Szalay, L. (Hg.): El mundo subjetivo de mexicanos y norteamericanos, 1993: 21.

[17] Arizpe, Lourdes (Hg.): Los retos culturales de México, 2004: 24.

[18] García Gutiérrez, G. (Hg.): Carlos Fuentes. La región más transparente, 1982: 43.

[19] Vgl.: Srna, E.: Die Problematik des Grenzraumes Mexiko – USA

[20] Vgl.: http://www.suhrkamp.de/autoren/paz/paz.htm; http://www.uni-hamburg.de/Akamusik/historie/programmheft_2004_2.pdf

[21] Vgl. García Núñez, F.: Notas sobre la frontera norte en la novela mexicana, 1988b: 160f.

[22] Vgl. Paz, O.: Das Labyrinth der Einsamkeit, 1969 [1970]: 13.

[23] “[…], en donde no se afirma que el mexicano sea inferior, sino que se siente inferior, lo cual es cosa muy distinta. Si en algunos casos individuales el sentimiento de inferioridad traduce deficiencias orgánicas o psíquicas reales, en la mayoría de los mexicanos es una ilusión colectiva que resulta de medir al hombre con escalas de valores muy altos, correspondientes a países de edad avanzada. Lo invitamos, pues, a penetrar en nuestras ideas con entera ecuanimidad.”, in: Ramos, S.: El perfil del hombre y la cultura en México, 1934 [1976]: 52.

[24] Paz, O.: El laberinto de la soledad, 1950 [1982]: 18.

[25] Vgl. Paz, O.: Das Labyrinth der Einsamkeit, 1969 [1970]: 14.

[26] “Octavio Paz por él mismo, 1944-1954”, in: www.arts-history.mx/horizonte/cuadernos/paz4.html

[27] Paz, O.: El espejo indiscreto, 1976 [1987]: 29.

[28] Vgl. Ebd.

[29] Paz, O.: El laberinto de la soledad, 1950 [1982]: 12.

[30] Paz, O.: México y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones, 1978 [1987]: 57.

[31] Paz, O.: Arte e identidad (Los hispanos de los Estados Unidos), 1986 [1995]: 534.

[32] Vgl.: Paz, O.: M éxico y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones, 1978 [1987]: 57.

[33] “Si la soledad del mexicano es la de las aguas estancadas, la del norteamericano es la del espejo.”, in: Paz, O.: El laberinto de la soledad, 1950 [1982]: 25.

[34] „Incapaces de asimilar una civilización que, por lo demás, los rechaza, los pachucos no han encontrado más respuesta a la hostilidad ambiente que esta exasperada afirmación de su personalidad.“, in: Ebd.: 13.

[35] Vgl. Ebd.: 13f.

[36] Paz, O.: M éxico y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones, 1978 [1987]: 35.

[37] Paz, O.: El espejo indiscreto, 1976 [1987]: 22.

[38] Paz, O.: M éxico y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones, 1978 [1987]: 35.

[39] Vgl.: Ebd.: 36.

Details

Seiten
91
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640170074
ISBN (Buch)
9783640172511
Dateigröße
878 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115503
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Mexikaner US-amerikanischen Kultur

Autor

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Titel: Das Überlegensheitsgefühl der Mexikaner gegenüber der US-amerikanischen Kultur