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Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen in Werbeagenturen

Szenario einer Agentur der Zukunft mit familienorientierter Personalpolitik

Diplomarbeit 2005 137 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1 Vorwort

2 Einführung und Problemstellung

3 Gesellschaftspolitischer Kontext
3.1 Demographischer Wandel in Deutschland
3.2 Generationenvertrag
3.3 Familienpolitik in Deutschland
3.3.1 Gesetzliche Grundlagen
3.3.2 Europäischer Vergleich
3.4 Familienorientierte Personalpolitik
3.4.1 Flexible Arbeitszeitmodelle
3.4.2 Praxisbeispiele
3.5 Die Zukunft der Arbeit

4 Frauen und Arbeit
4.1 Historische Entwicklung
4.2 Die Situation der Frauen heute
4.2.1 Kinderbetreuung in Deutschland
4.2.2 Die Rolle der Väter
4.2.3 Alleinerziehende Mütter
4.3 Frauen in Werbeagenturen

5 Agentur der Zukunft
5.1 Voraussetzungen für die Umsetzung
5.2 Unternehmensphilosophie
5.3 Zielgruppe
5.3.1 Mitarbeiter
5.3.2 Potentielle Kunden
5.4 Positionierung
5.5 Organisation
5.5.1 Arbeitszeit
5.5.2 Arbeitsort
5.5.3 Vergütung
5.5.4 Informations- und Kommunikationspolitik
5.5.5 Betreuungseinrichtungen
5.5.6 Personalentwicklung
5.5.7 Führungskompetenz

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

1 Vorwort

Die Vorarbeit zu dem Thema „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen in Werbeagenturen“ begann eigentlich schon vor gut einem Jahr, als ich anfing, mir ernsthafte Gedanken über meine berufliche Zukunft zu machen. Ich wollte wie viele meiner GWK- Kommilitoninnen in die Werbung gehen und besorgte mir alle erdenklichen Informationen für den Berufseinstieg. Bei meiner Recherche bin ich dann durch Zufall auf den Artikel „Die Vorzeigefrau aus dem Wohnzimmer" von Haike Telgheder aus dem Handelsblatt vom 13. Juli 2004 gestoßen, aus dem ich gerne den folgenden Auszug zitieren möchte:

„Karen Heumann ist die einzige Frau, die es in den Vorstand einer deutschen Werbeagentur geschafft hat. Und ohnehin ist sie eine der wenigen weiblichen Spitzenkräfte überhaupt in der Branche. Inzwischen ist Karen Heumann, mittelgroß, schlank, dunkelblonde lange Haare, die Vorzeigefrau der Branche geworden. (...) Und dafür arbeitet die Vorstandsfrau auch hart. Der Arbeitstag endet selten vor 22 Uhr, auch sonntags ist sie oft im Büro. „Kinder lassen sich mit dem Beruf, wie ich ihn mache, nicht verbinden,“ meint Karen Heumann. Das bedauert sie zwar manchmal, aber „mein Job und mein Hobby, die Phänomenologie des Alltags zu erforschen, das ist so interessant, dass ich eigentlich immer und überall „on“ bin.“[1]

Die Aussage Karen Heumanns, dass sich Kinder mit ihrem Beruf nicht vereinbaren lassen, ließ mich aufhorchen und veranlasste mich, nicht nur über meinen zukünftigen Job, sondern auch über meine weiterführende Lebensplanung nachzudenken. Was die Kinderfrage angeht, bin ich als moderne und emanzipierte Frau immer davon ausgegangen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie heute kein Problem mehr darstellt. Die Zeiten meiner Eltern, in denen das Modell der Versorger-Ehe[2] die Gesellschaft dominierte, sah ich spätestens seit der Frauenbewegung zerstört. Warum muss sich eine moderne junge Frau wie Karen Heumann heute immer noch zwischen Karriere und Kindern entscheiden?

Um Antworten auf diese Frage zu finden, nutzte ich im Folgenden jede Gelegenheit, um herauszufinden, wie andere zukünftige Werberinnen mit dem Problem der Vereinbarkeit von Agentur und Familie umzugehen gedenken. Ich befragte einige Kommilitoninnen zu ihren Zukunftsvorstellungen und kam zu dem Ergebnis, dass sich die meisten überhaupt noch keine Gedanken gemacht haben. Die Antworten reichten von der anfänglichen Naivität und Unwissenheit meines Kalibers „gibt es da überhaupt ein Problem?“, über den resignierenden Pragmatismus eines „na dann mache ich das eben bis ich ein Kind bekomme und bleibe dann zu Hause“, bis hin zur kognitiven Dissonanz[3] eines „da mache ich mir doch jetzt noch keine Gedanken drüber.“ Aber es schien, als ob ich mit dem Thema einen wunden Punkt bei den Frauen getroffen hatte, da die Diskussion über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Frauen in Werbeagenturen auch nach meiner kleinen Umfrage nicht abebbte, sondern von den Frauen weitergeführt wurde.

Ich wurde immer wieder auf das Thema angesprochen und gefragt, ob ich denn eine Alternative zu der Entweder-Oder-Entscheidung zwischen Beruf und Familie hätte. Aus dem anfänglichen Scherz, dass ich ja darüber meine Diplomarbeit schreiben könnte, wurde schnell ernst, als ich bemerkte, wie groß das Interesse nicht nur auf Seiten meiner Kommilitonen, sondern auch auf Seiten der Öffentlichkeit war. So wurde ich beispielsweise von einer Frau, die ich im Rahmen eines Englisch-Kurses kennen gelernt hatte, spontan eingeladen, vor dem Frauen Business Club Berlin einen Vortrag zum Thema zu halten. Und auch sonst stieß das Thema, überall wo ich es erwähnte, auf reges Interesse.

So machte ich mich an die Arbeit und verschlang alles, was ich zu dem Thema finden konnte. Es musste in unserer zukünftigen Werbebranche endlich die Möglichkeit geben, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren und wenn diese Chance bis dato noch nicht existierte, dann wäre es höchste Zeit, eine zu entwickeln.

Das Ziel meines Forschungsvorhabens wurde immer klarer. Ich musste eine Agentur der Zukunft mit familienorientierter Personalpolitik entwickeln, um nicht nur für meine Kommilitoninnen und mich eine mögliche Zukunftsperspektive zu entwickeln, sondern auch für alle anderen Frauen, die in der Werbung beschäftigt sind und trotzdem Kinder haben möchten. Denn es wäre nicht nur schade, wenn das große Potential und Talent dieser intelligenten und hoch qualifizierten Frauen ungenutzt bliebe, sobald sie eine Familie gründen, sondern eine regelrechte Verschwendung von Ressourcen und Steuergeldern. Denn welche Volkswirtschaft kann es sich heute noch leisten, qualifizierten Nachwuchs auszubilden, um ihn dann ungenutzt in der Ecke stehen zu lassen? Ganz zu schweigen von den Frauen, die so viele Jahre hart für ihren Abschluss gearbeitet haben, um später mal einen guten Beruf ausüben zu können. Diese Frauen verdienen eine faire Chance. Eine Chance, Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können.

Es ist höchste Zeit, dass sich in Deutschland etwas verändert und ich möchte mit dieser Arbeit einen Beitrag zu dieser Veränderung leisten, denn

Unser Kopf ist rund,

damit das Denken die Richtung

wechseln kann.

Francis Picabia, 1879-1953

französischer Maler spanischer Herkunft

Viel Spaß beim Lesen!

Hinweis: Im Folgenden werde ich auf die explizite Darstellung der weiblichen Form (-in/innen) verzichten, um den Lesefluss zu erleichtern. Selbstverständlich beziehen sich alle Aussagen – so fern nicht anders ausgewiesen – auf beide Geschlechter!

2 Einführung und Problemstellung

Der Generationenvertrag funktioniert nicht mehr. Die Pflegeversicherung wie auch die Renten- und große Teile der Krankenversicherung bauen in Deutschland darauf, dass die Jungen mit ihren Beiträgen die Versorgung der Alten garantieren. Doch nun gerät dieses Konzept ins Wanken, weil die Kinder fehlen. Zwar wünschen sich die 29-bis 34-Jährigen im Schnitt immer noch zwei oder mehr Kinder,[4] doch die bekommen sie dann nicht. Jede dritte Frau bleibt bis Ende dreißig kinderlos.[5]

Die deutsche Bevölkerung schrumpft aber nicht nur, sondern sie wird auch immer älter. Noch 1997 waren 21,5 Prozent der deutschen Bevölkerung unter 20 Jahre alt, fast ebenso viele waren 60 und älter. Im Jahr 2050 dürfte der Anteil der Unter-Zwanzigjährigen auf 15 Prozent gesunken und der der Alten auf 38 bis 40 Prozent gestiegen sein.[6] Immer mehr Alte stehen also immer weniger Jungen gegenüber.

Was passieren müsste, um die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland vor dem Kollaps zu bewahren, malt der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg aus: „Entweder bringen alle Frauen im gebärfähigen Alter in den kommenden Jahrzehnten im Schnitt nicht mehr nur 1,3 sondern 3,8 Kinder zur Welt oder es wandern in den nächsten 50 Jahren rund 188 Millionen junge Ausländer ein. Oder das Rentenalter steigt langfristig auf 73 Jahre.“[7] Dieses Szenario macht schnell deutlich, dass die Sozialsysteme dringend überholt werden müssen, um bestehen bleiben zu können. Wer also Kinder aufzieht und damit die Verantwortung für die Versorgung zukünftiger Generationen übernimmt, sollte in Zukunft finanziell entlastet werden. Damit ist es jedoch noch nicht getan. Denn jedem dürfte klar sein, dass kein Paar für Nachwuchs sorgt, nur weil es nun 15 Euro mehr pro Kind zum Ausgeben hat (wie es die Kindergelderhöhung von 2002 vorsah). Doch wie lässt sich sonst vermeiden, dass sich Deutschland allmählich in eine Gesellschaft ohne Kinder verwandelt?

Maßnahmen wie die Anfang des Jahres 2001 eingeführte „Elternzeit“ sollen jungen Familien helfen, die Kinder gemeinsam zu betreuen und ihre Jobs in Teilzeit weiterführen zu können. Aber auch wenn die amtierende Familienministerin Renate Schmidt überzeugt ist, dass die Elternzeit bereits breit akzeptiert sei und stark genutzt werde, zeigen die demographischen Zahlen noch keine Trendwende. Es geht den jungen Familien sowieso in den wenigsten Fällen ums Geld. Was sie brauchen sind ausreichende Betreuungsangebote, damit auch die Mütter wieder arbeiten gehen können. Doch hier stößt der Staat an seine Grenzen. Neben der Regierung sind also auch die Unternehmen gefragt, etwas in punkto familienfreundlicherer Personalpolitik zu unternehmen. Schon im eigenen Interesse sollten sie sich z.B. stärker um den weiblichen Nachwuchs bemühen, da mit dem Sinken der Bevölkerungszahlen in Deutschland auch der Pool an gut ausgebildeten Nachwuchskräften für die Wirtschaft immer kleiner wird. Im globalen Wettbewerb kann es sich Deutschland einfach nicht mehr leisten, auf hoch qualifizierte Frauen zu verzichten.

Seit 1949 sind laut Artikel 3 des Grundgesetzes Männer und Frauen gleichberechtigt und spätestens seit der Frauenbewegung in den 60er Jahren wurde diese Gleichberechtigung auch erfolgreich ausdiskutiert. Deutsche Frauen sind heute unabhängig, gut ausgebildet, gehen einem Beruf nach und verdienen ihr eigenes Geld. Männer und Frauen sind einander, zumindest auf den ersten Blick, gleichgestellt und Unterschiede lassen sich kaum noch ausmachen. Im Studium sind die Frauen ehrgeizig und leistungsorientiert und erzielen im Schnitt sogar bessere Abschlüsse als die Männer. Eigentlich müssten diese hoch qualifizierten Frauen in eine rosige Zukunft blicken, da ihre hohe Qualifikation einen wichtigen Karrierevorsprung verspricht. Doch die Realität sieht leider immer noch anders aus. Von zehn Führungskräften in Deutschland ist nur eine weiblich. Gerade mal zwölf Frauen sitzen in den Führungsetagen der 600 wirtschaftsstärksten Unternehmen in Deutschland.[8] Anders als in der Ausbildung und im Alltag ist die Frauenfrage in der Wirtschaft also noch nicht geklärt.

Die Genfer Politologie-Professorin Than-Huyen Ballmer-Cao, verantwortlich für eine gerade erschienene Studie zur Gleichstellungsfrage in der Schweiz, hat festgestellt, dass sich zwar die Rollenbilder verändert haben, aber die Verhaltensmuster der Geschlechter bisher weitestgehend gleich geblieben sind.[9] In einem informativen Überblick über die Entwicklung der Frauenerwerbsarbeit in Europa zwischen 1980 und 1992/3 stellt die französische Soziologin Margaret Maruani fest: „Obwohl eine Angleichung des Erwerbsverhaltens von Männern und Frauen zu beobachten ist, dauern die beruflichen Ungleichheiten an. Sie äußern sich in einer weiterhin starken beruflichen Segregation ebenso wie im dauerhaften Auftreten von Beschäftigungsformen, die in erster Linie Frauen vorbehalten sind. Das bedeutet, dass die berufliche Stellung der Frauen bei weitem nicht mit ihrem Anteil an der erwerbstätigen Bevölkerung und der Wirtschaft korrespondiert.“[10]

Der Einstieg in eine Führungsposition und der berufliche Aufstieg innerhalb eines Unternehmens sind für Frauen zwar keine Unmöglichkeit mehr, aber eine Selbstverständlichkeit wie für Männer sind sie noch lange nicht. Spätestens bei der Geburt des ersten Kindes ist es mit der Karriere erst einmal vorbei, denn in Deutschland eine Familie zu sein, bedeutet auch heute noch in den meisten Fällen, dass die Mutter sich um den Haushalt und die Kinder kümmert und der Vater das Geld nach Hause bringt. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft waren 2002 nur 62 Prozent der 15- bis 64-jährigen Frauen berufstätig.[11]

Frauen müssen sich in Deutschland also immer noch häufig zwischen Kind und Karriere entscheiden. Während in anderen Ländern seit vielen Jahren zahlreiche und sehr unterschiedliche öffentliche Betreuungsmodelle für Kinder entwickelt wurden, hat sich die deutsche Familienpolitik seit Jahrzehnten kaum verändert. In Deutschland sind Familie und Kinder immer noch Privatsache. Das Familienleben findet nicht im öffentlichen Raum, sondern hinter verschlossenen Türen statt. Dementsprechend schwer ist es auch, einen Krippenplatz oder eine Tagesmutter für ein Kind unter drei Jahren zu finden. Zumal die Fremdbetreuung kleiner Kinder in Deutschland sowieso gesellschaftlich wenig akzeptiert ist. Frauen gelten in ihrer Umgebung schnell als „Rabenmütter“, die ihr Kind abschieben. „Rabenvätern“ passiert das wohl eher selten. Auch für ältere Kinder ist das Betreuungsangebot in Deutschland spärlich. Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen sind in Deutschland eher die Ausnahme und auch sie werden von der Öffentlichkeit sehr kritisch beäugt. Oft haben also Mütter in Deutschland gar keine andere Wahl, als nach der Geburt - zumindest für eine Zeit lang- ihren Beruf an den Nagel zu hängen und das häufig in den entscheidenden Jahren ihrer Karriere.

Dass dies nicht zwangsläufig so sein muss, zeigen uns unsere europäischen Nachbarländer. Besonders in den skandinavischen Ländern Schweden, Dänemark und Norwegen gibt es ein gut ausgebautes Netz an Institutionen und öffentlichen Betreuungseinrichtungen, die Eltern bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie entlasten. In diesen Ländern gelten Kinderbetreuung und Erziehung als öffentliche Aufgabe und die Tatsache, dass Kinder nicht ausschließlich von der Mutter, sondern auch von anderen Menschen erzogen werden, wird dort ausgesprochen positiv bewertet. Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass es zwischen der Erwerbsbeteiligung von Frauen und der Geburtenrate eines Landes einen Zusammenhang geben muss. Während in Deutschland nur 62 Prozent der Frauen erwerbstätig sind und die Geburtenrate mit nur 1,37 Kindern pro Frau eine der niedrigsten innerhalb der EU ist, sind in Frankreich über 70 Prozent aller Frauen berufstätig. Sogar 45 Prozent der Mütter von drei Kindern haben einen Job.[12] Trotzdem rückte Frankreich im Jahr 2000 mit einer Geburtenrate von 1,89 Kindern in der Baby-Rangliste weit nach oben.

Deutschland bildet bereits heute das Schlusslicht der europäischen Geburtenzahlen und zu allem Überfluss sinkt die Rate auch noch kontinuierlich nach unten. Von den 1965 geborenen Frauen wird jede dritte keine Kinder mehr bekommen. Bei den Akademikerinnen werden sogar über 40 Prozent ohne Nachwuchs bleiben.[13]

Das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft Frauen aller Branchen. Auch wenn in großen Unternehmen wie der HypoVereinsbank oder in vereinzelten Kleinbetrieben wie dem EDV-Dienstleistungs-unternehmen Comet Computer aus München (auf die ich später noch einmal ausführlich zu sprechen kommen werde) bereits erste Anstrengungen in Sachen familienorientierter Personalpolitik unternommen wurden, bilden diese Unternehmen in Deutschland eher die Ausnahme als die Regel. Die meisten Betriebe sind immer noch stark an der Arbeitsorganisation und der Unternehmenskultur der „old economy“ ausgerichtet, in der überlange Arbeitszeiten als Zeichen von Loyalität und Identifikation mit dem Unternehmen gelten.[14] Auch in innovativen, jungen Branchen wie der Werbung, sitzt man immer noch von 9 oder 10 Uhr morgens open end im Büro und das mindestens 5 Tage die Woche und oft auch am Wochenende. Flexible und innovative Arbeitszeitmodelle wie Jobsharing, Teilzeit- und Telearbeit, Arbeitszeitkonten oder Sabbaticals sind hier immer noch die Ausnahme. Aber wie soll eine Frau mit Kind gleichzeitig 10-12 Stunden im Büro sitzen und sich um ihren Nachwuchs kümmern?

Das Ziel meiner Arbeit ist es, eine Lösung für das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen in Werbeagenturen zu finden, indem ich das Szenario einer zukunftsorientierten Agentur mit familienorientierter Personalpolitik entwerfe. Denn durch die innovative Nutzung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in Kombination mit dem Einsatz flexibler und individueller Arbeitszeitmodelle ist es meiner Ansicht nach möglich, eine Agentur zu schaffen, in der Frauen Beruf und Familie miteinander vereinbaren können.

Um das Szenario einer solchen Agentur entwickeln zu können, werde ich mich zunächst mit dem Kontext des Themas auseinandersetzen. Ich muss mich intensiv mit dem Konzept der familienorientierten Personalpolitik beschäftigen, um es zu verstehen und später für die geplante Agentur anwenden zu können. Ich werde mich deshalb zunächst mit den gesellschaftlichen und politischen Hintergründen der Familienpolitik beschäftigen, um daraus die Anforderungen einer familienorientierten Personalpolitik an die Wirtschaft abzuleiten. Um dem Aspekt der Zukunftsorientierung Rechnung zu tragen, werde ich die verschiedenen Dimensionen um die Perspektive der Zukunft der Arbeit erweitern, um nach der Beleuchtung der historischen und gegenwärtigen Situation der Frauen in Deutschland, Ideen für eine zukünftige Perspektive entwickeln zu können. Diesen theoretischen Background zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen in Deutschland benötige ich, um die im 1. Teil erworbenen Erkenntnisse auf den 2. Teil meiner Arbeit anwenden zu können, bei dem es dann konkret um die Entwicklung eines Szenario einer Agentur der Zukunft mit familienorientierter Personalpolitik gehen wird. Bauen wir also zunächst das Fundament, auf das die Agentur der Zukunft gebaut werden kann.

3 Gesellschaftspolitischer Kontext

3.1 Demographischer Wandel in Deutschland

Die deutsche Bevölkerung wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich altern und schrumpfen. DIE ZEIT spricht bereits jetzt schon von einer „vergreisten Republik“.[15] Das Statistische Bundesamt geht in seiner jüngsten Berechnung der „Bevölkerung Deutschlands bis 2050“ davon aus, dass die deutsche Bevölkerung von heute rund 82,5 Millionen auf durchschnittlich 75 Millionen im Jahr 2050 zurückgehen wird.[16] War vor 50 Jahren noch jeder dritte Deutsche unter 20 Jahre alt und lediglich jeder siebte älter als 59 Jahre, so ist heute lediglich jeder fünfte Deutsche unter 20, aber schon fast jeder Vierte im Seniorenalter. Diese Entwicklung wird sich laut Studie in Zukunft noch weiter verstärken. So wird 2050 nur noch jeder Sechste unter 20 sein und jeder Dritte bereits 60 Jahre und älter. Mit der zunehmenden Lebenserwartung wird auch die Zahl der 80-Jährigen und Älteren erheblich ansteigen. Heute leben etwa 3,2 Millionen Personen dieses Alters in Deutschland. 2050 werden es laut Statistischem Bundesamt bereits 9,1 Millionen sein.[17]

Abb.1: Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 2003

Die demographischen Veränderungen zeigen sich besonders deutlich in der Deformation der so genannten „Bevölkerungspyramide“. Sah die graphische Darstellung der Bevölkerung um 1910 tatsächlich einmal wie eine Pyramide aus, gleicht ihr Aussehen heute eher einem Pilz. In Zukunft wird der Pilz noch deutlich schmaler werden, weil die Bevölkerung von zwei Seiten her altert: Die Menschen werden nicht nur immer älter, sondern es werden gleichzeitig auch immer weniger Kinder geboren.

Abb.2: Bevölkerungspyramide

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenQuelle: Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 2003

Deutschland gehört mit einer durchschnittlichen Rate von 1,38 Kindern pro Frau schon heute weltweit zu den Staaten mit der niedrigsten Geburtenhäufigkeit. Die letzten Erhebungen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2000 haben ergeben, dass in der Europäischen Union lediglich Italien (1,24), Spanien (1,23), Griechenland (1,29) und Österreich (1,34) noch niedrigere Geburtenraten aufweisen.[18]

Abb.3: Zusammengefasste Geburtenziffern in ausgewählten Staaten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.) Angaben nicht vorhanden

Quelle: Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 2003

Die niedrige Geburtenhäufigkeit führt dazu, dass auch die Anzahl der potentiellen Mütter immer kleiner wird. So wird die Zahl der Frauen im geburtsfähigen Alter von knapp 20 Millionen im Jahr 2001 auf lediglich 14 Millionen im Jahr 2050 sinken.[19]

Die Geburtenrate in Deutschland liegt bereits seit 1972 unter dem zur Bestandssicherung notwendigen Niveau von 2,1 Kindern.[20] Dieser Durchschnitt ist notwendig, weil in entwickelten Gesellschaften mit niedriger Sterblichkeitsrate das für die Finanzierung des sozialen Systems günstigste Verhältnis der Zahl der über 60jährigen zur Zahl der 20-bis unter 60jährigen genau dann erreicht wird, wenn die durchschnittliche Geburtenrate 2,1 beträgt. „Wir müssen wieder mehr Kinder in Deutschland bekommen,“ warnt der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg, wobei er konkretisiert, dass vor allem die lebenslange Kinderlosigkeit zu verringern sei, da diese seinen Berechnungen zufolge der entscheidende Grund für die niedrige Geburten-Rate (von 1,38 Kindern pro Frau) in Deutschland sei. Denn wenn Frauen in Deutschland Kinder haben, haben sie im Durchschnitt 2,1, was zur Bestandssicherung bereits vollkommen ausreichen würde.[21]

Der Anteil der Frauen, die Zeit ihres Lebens kinderlos bleiben, ist von den Geburtsjahrgängen 1940 bis 1965 von 10,6 Prozent auf 32,1 Prozent gestiegen.[22] Bei den Akademikerinnen werden sogar über 40 Prozent ohne Nachwuchs bleiben.[23] Der entscheidende Grund dafür, dass sich immer weniger Frauen für ein Kind entscheiden, besteht laut Birg darin, dass die Entscheidungen bezüglich des Berufs wie z.B. der Berufseinstieg und die Bindung an einen Partner sowie die Entscheidung für oder gegen eine Familiengründung zeitlich häufig zusammenfallen. „Durch diese beiden folgenreichsten und unaufschiebbaren Eröffnungsentscheidungen am Beginn der Biographie polarisieren sich dann die Lebensläufe.“[24] Hinzu kommt, dass die bestehenden Strukturen, die die Vereinbarkeit von Erziehungs- und Erwerbsarbeit erleichtern sollen, bei weitem nicht ausreichen.[25] Und so fällt bei über einem Drittel der Frauen die Entscheidung zwischen Kindern und Karriere zu ungunsten der Nachkommenschaft aus.

Dass die Geburtenrate in Deutschland rückläufig ist, lässt sich schon seit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beobachten. Seit den 70er Jahren liegt die Sterberate in Deutschland bereits über der Geburtenrate. Die daraus resultierende Abnahme der Bevölkerung konnte zwar bisher durch Zuwanderungen weitestgehend kompensiert werden, aber das wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. Berechnungen der UN zufolge müssten bis 2050 188 Millionen Menschen nach Deutschland einwandern, um den demographischen Schwund auszugleichen. Das sei jedoch weder politisch durchsetzbar noch praktisch realisierbar.[26]

Experten der Enquete-Kommission „Demographischer Wandel“ sind bereits 2002 zu dem Schluss gekommen, dass die Zuwanderung keinen Ausweg aus der demographischen Alterung Deutschlands darstelle.[27] Herwig Birg kommt zu dem gleichen Ergebnis. „Die jüngeren Einwanderer würden den Altenquotienten nur kurzfristig verringern, aber langfristig sogar erhöhen, da sie bald selbst zur Gruppe der 60-Jährigen und Älteren gehören.“[28] Doch wie lässt sich die „Vergreisung“ Deutschlands verhindern?

Birg rät Deutschland dringlich zu einer „an demographischen Strukturen orientierten Politik, die Frauen dazu ermutigt, Kinder zu bekommen, nicht mehr, sondern überhaupt,“[29] denn dass die Deutschen per se keine Kinder wollen, stimmt nicht. Umfragen zeigen, dass der hohe Wert der Familie gebrochen ist und dass sich immerhin 74 Prozent aller Kinderlosen durchaus Kinder wünschen und am liebsten gleich zwei.[30] Warum viele diesen Wunsch aber nicht verwirklichen, liegt laut dem Professor für Sozialpolitik und Soziologie Franz-Xaver Kaufmann an der „mangelnden Nachwuchspolitik in Deutschland.“[31] Hierzu gehöre vor allem, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch tarif-, sozial- und arbeitsrechtliche Anpassungen in der Arbeitswelt und durch den problemlosen Zugang zu ganztägig geöffneten Betreuungseinrichtungen für Kinder zu erleichtern. Dies sei laut Kaufmann vor allem deshalb notwendig, weil Kinder und Karriere heute keine konkurrierenden Perspektiven mehr für Frauen darstellen dürfen. Empirisch lasse sich sogar ein positiver Zusammenhang zwischen der Frauenerwerbsquote und der Fertilitätsrate feststellen. Sind die Arbeitsmarktaussichten für Frauen relativ gut und können sie Beruf und Familie miteinander vereinbaren, ist auch die Fertilität höher.[32] Dieser Aufbau von „Humanvermögen“[33] ist laut Professor Dr. Max Wingen, Professor für Bevölkerungswissenschaft und Familienpolitik an der Universität Konstanz, für unsere Gesellschaft zwingend notwendig, wenn wir unsere sozialen Sicherungssysteme langfristig aufrechterhalten wollen. Denn „jede Generation muss eine ausreichende Zahl von Menschen heranbilden, die sich als produktive Arbeitskräfte, engagierte Bürger und verantwortungsvolle Eltern in den Generationenzusammenhang einbringen.“[34]

3.2 Generationenvertrag

In Deutschland beruhen die gesetzliche Renten- und Pflegeversicherung sowie auch große Teile der Krankenversicherung darauf, dass die jüngere Generation mit ihren Beiträgen die Versorgung der Älteren garantiert. Da der Großteil der Systeme des deutschen Sozialstaats Ende des 19. Jahrhunderts jedoch für eine wachsende oder zumindest stabile Bevölkerung konzipiert wurde, funktioniert der „Generationenvertrag“ im 20. Jahrhundert ­(bei einem Rückgang der Geburtenrate) nicht mehr.[35] Das deutsche System der Alterssicherung ist im internationalen Vergleich für die demographisch bedingten Veränderungen besonders ungünstig konstruiert. Das seit 1957 bestehende Umlageverfahren erschwert die Bildung von Sachkapital und führt aus Mangel an ökonomischen Anreizen zur Reduktion der Kinderzahl, da die Rentenansprüche überwiegend von den Beiträgen der erzielten Einkommen abhängen.[36] „Das Motiv, zur Absicherung des Alters selbst Kinder zu bekommen, entfällt, weil ein Zusammenhang zwischen eigenem Nachwuchs und Alterssicherung nicht mehr gesehen wird.“[37] Wenn man das bisherige Umlageverfahren also ohne Beitragserhöhungen und ohne eine Kürzung des heutigen Rentenniveaus von 70 Prozent beibehalten möchte, bleibt laut Birg nur noch die Möglichkeit, das Ruhestandsalter von 60 auf 73 Jahre anzuheben.[38] Wir werden in Zukunft länger arbeiten müssen, um die Rentensysteme zu entlasten, da „immer länger leben und immer weniger arbeiten nicht mehr zusammen passt.“[39]

Die gesetzliche Krankenversicherung trifft es besonders schwer, weil die mit steigendem Alter zunehmenden Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit unausweichlich sind. Die demographische Alterung erhöht ihre Ausgaben und senkt ihre Einnahmen. Laut Birg werden die Einnahmen der gesetz-lichen Krankenversicherung aufgrund der demographisch abnehmenden Zahl der Beitragszahler bis 2040 um rund 30 Prozent sinken. Die jährlichen Ausgaben werden ihrerseits jedoch um 22 Prozent steigen.[40] Diese Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben entsteht auch in der gesetzlichen Pflegeversicherung, denn auch hier steigen die Pro-Kopf-Ausgaben mit zunehmendem Alter steil an. Der Trend zur Kinderlosigkeit stellt ein zusätzliches Problem dar, da der größte Teil der Pflegeleistungen bisher von den Familienmitgliedern erbracht wurde. Durch die erhöhte Anzahl an Pflegebedürftigen, die aufgrund von Kinderlosigkeit jedoch außerfamiliäre Leistungen in Anspruch nehmen müssen, steigen die Kosten enorm.[41]

Wenn man den Generationenzusammenhang nun nicht vollständig aus der Sozialpolitik ausklammern will, muss man über entsprechende Modifikationen des Systems nachdenken. Ein Beispiel dafür wäre die Erweiterung des Generationenvertrags auf einen so genannten „Dreigenerationenvertrag".[42] Der Dreigenerationenvertrag sieht vor, dass jede Generation zwei Leistungen zu erbringen hat: Sie muss erstens ihre Eltern ernähren, indem sie Rentenbeiträge zahlt, die durch Umlageverfahren direkt als Rentenzahlungen an die Älteren weitergegeben werde und sie muss zweitens auch für ihre Kinder sorgen, wozu zu allererst die Zeugung eigener Nachkommen gehört. Die Generation, die alt wird, muss also in Zukunft selbst vorgesorgt haben. Entweder, indem sie Kinder in die Welt gesetzt und großgezogen hat, die zur Sicherung der Rente ihrer Eltern im Umlageverfahren beitragen (Humankapitalbildung), oder indem sie gespart und auf diese Weise Vorsorge für das Alter getroffen hat (Realkapitalbildung).[43] Ein solcher Ansatz würde zur Einführung einer von der Kinderzahl abhängigen Rente führen.

Welchem Ansatz der Rentendebatte schließlich der Vorzug gegeben wird, bleibt abzuwarten. Für Professor Dr. Max Wingen steht jedoch fest, dass es „insgesamt gelingen muss, die größtmögliche Entscheidungsfreiheit für die einzelnen Eltern wirtschaftlich und außerwirtschaftlich abzusichern, um ihren eigenen Lebensentwurf besonders mit Blick auf die Bedürfnisse der Kinder verwirklichen zu können“.[44] Die Verantwortung hierfür liegt allerdings nicht allein in der Familie, sondern auch in der Politik und Wirtschaft, die Infrastrukturen bereitstellen müssen, um die Familien in ihren Lebensentwürfen zu unterstützen.

3.3 Familienpolitik in Deutschland

Die Familie steht im Artikel 6 des deutschen Grundgesetzes „unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung."[45] Der Familie wird damit eine hohe Bedeutung für Staat und Gesellschaft beigemessen. Doch was genau ist eigentlich eine Familie?

Der Brockhaus klärt uns auf, dass es zwar rechtlich keinen feststehenden Begriff für die Familie gebe, aber dass man darunter meist die Ehegatten mit ihren Kindern verstehe.[46] Dieses klassische Bild einer Familie ist immer noch in den meisten Köpfen verankert, obwohl die Realität heute oft anders aussieht. Die klassische Versorger-Ehe, in der der Mann für den Lebensunterhalt der Familie aufkommt und die Frau Heim und Kinder betreut, ist genauso wie die vollständige Kernfamilie ein rückläufiges Modell. Neben der herkömmlichen Groß- bzw. Kleinfamilie entstehen neue Familienkonzepte wie z.B. nichteheliche Lebensgemeinschaften, Patchwork-Familien, Alleinerziehende mit Kindern wie auch homosexuelle Lebensgemeinschaften. In Deutschland besteht bereits heute nur noch ein Drittel der Haushalte aus der traditionellen Kernfamilie.[47]

Auch die Funktion der Familie hat sich gewandelt. Zum Ende des 19.Jahrhunderts, in einer noch landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft, glich die Familie eher einer Produktionsgemeinschaft, in der die Arbeitskraft der Kinder dazu dienen sollte, den Lebensabend der Eltern zu sichern. Der Aufwand für die Kinder und ihr späterer Nutzen sollten sich in etwa die Waage halten. Mit der Industrialisierung hat das Kinderhaben den materiellen Nutzen jedoch weitestgehend eingebüßt. Dem Aufwand für Kinder steht nur noch der „emotionale Nutzen“ gegenüber.[48] Die zentrale Aufgabe der Familienpolitik liegt deshalb darin, wieder einen gesunden Ausgleich zwischen Aufwand und Nutzen der Kindererziehung zu schaffen.

Bereits in den sechziger Jahren gab es Grundgedanken zum Thema „Bezahlung“ einer elterlichen Erziehungsarbeit und diese Gedanken werden auch heute noch heftig diskutiert. Sie basieren auf der Grundlage, dass „Kinderbetreuung eine Leistung ist, die auch im Interesse der Gemeinschaft liegt und deren Anerkennung verlangt,“ wie es das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung zur Kinderbetreuung im Januar 1999 formulierte.[49] „Die Eltern bauen mit der Erziehung ihrer Kinder ein Humankapital auf, von dessen Nutzen Dritte nicht ausgeschlossen werden können.“[50] Deshalb sind laut Dr. Heinz Lampert, Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Universität Augsburg, „weitere Verbesserungen familienpolitischer, monetärer und infrastruktureller Leistungen erforderlich, wenn dem Trend entgegengewirkt werden soll, dass sich mehr und mehr Menschen scheuen, die mit der Geburt, der Versorgung und Erziehung der Kinder verbundenen Verluste an Einkommen, Sozialversicherungsansprüchen, beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und Freizeit auf sich zu nehmen.“[51] An diesem Punkt ist die Familienpolitik gefragt. Doch die sei in Deutschland laut Sachverständigenkommission des Fünften Familienberichts immer noch ein Stiefkind der Sozialpolitik.[52] Der geringe Stellenwert der Familien-politik zeigt sich schon darin, dass der Anteil an Leistungen für Ehe und Familie am Bruttoinlandsprodukt 1965 4,3 Prozent und 1998 immer noch geringe 4,6 Prozent betrug, während die gesamte Sozialleistungsquote in dieser Zeit von 23,2 Prozent auf 33,6 Prozent gestiegen ist.[53] Auch das Kindergeld blieb immer „ein Bestandteil der finanzpolitischen Manövriermasse“[54] und wurde je nach politischer Lage und wirtschaftlicher Konjunktur erhöht oder reduziert.

Professor Dr. Max Wingen sieht die Zukunft der Familie in „wechselnden Arrangements der Geschlechterarbeitsteilung in individuell angelegten Lebensverläufen.“[55] Für ihn werden „weder das historisch überholte Familienmodell der strikten geschlechterspezifischen Arbeitsteilung noch das sozialistische Familienmodell der funktionalen Gleichheit von Mann und Frau das Leitbild einer zukunftbezogenen Familienpolitik sein. Es ist vielmehr das sozial- und familienpolitisch entsprechend unterstützte Nebeneinander unterschiedlicher Kombinationen von im Einzelfall unterschiedlich langen Sequenzen von dominierender Erwerbsarbeit und Familienarbeit und zwar in betont gleichberechtigungsorientierter Aufteilung zwischen den Geschlechtern.“[56] Um das zu erreichen, sei allerdings nicht allein die staat-liche Politik gefordert, sondern auch die Wirtschaft. So müsse neben der Einrichtung eines Erziehungsgeldes nicht nur der kulturelle Umdenkungsprozess gefördert werden, sondern auch eine Reihe arbeitsrechtlicher Maßnahmen wie z.B. flexible Arbeitsregelungen oder Rückkehransprüche und Fortbildungsangebote während des Erziehungsurlaubs ergriffen werden.[57] Nicht isolierte Einzelmaßnahmen führen laut Wingen zum Ziel, sondern integrativ geplante Maßnahmenbündel. Im Folgenden werde ich nun die einzelnen Maßnahmen vorstellen, die „integrativ geplant“ zur Familienförderung in Deutschland beitragen sollen. Ich werde zunächst die politischen Maßnahmen vorstellen, die Deutschland zur Familienförderung eingeführt hat, um daraufhin die wirtschaftlichen Möglichkeiten der familienorientierten Personalpolitik näher zu beleuchten.

3.3.1 Gesetzliche Grundlagen

Das deutsche Grundgesetz garantiert seit 1949 die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde der Artikel 3 im Rahmen einer Überprüfung des Grundgesetzes um den Zusatz „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“[58] erweitert. Im selben Jahr ist auch das Zweite Gleichberechtigungsgesetz in Kraft getreten. Dieses „Frauenfördergesetz“ sollte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie speziell in der Bundesverwaltung und den Gerichten des Bundes fördern. Das Verbot der geschlechtlichen Benachteiligung im Arbeitsleben sollte verschärft werden und erweiterte Mitwirkungsrechte von Betriebsrat und Personalrat bei der Frauenförderung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erwirkt werden. Das Beschäftigtenschutzgesetz sollte außerdem vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz schützen.[59]

Da das Frauenfördergesetz jedoch „das verbindliche Staatsziel der tatsächlichen Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht erreicht hatte,“[60] wurde es 2001 durch das Bundesgleichstellungsgesetz ersetzt. Dieses soll die tatsächliche Gleichstellung im öffentlichen Dienst entscheidend voranbringen. Es sieht insbesondere die bevorzugte Berücksichtigung von Frauen mit gleicher Qualifikation im Falle ihrer Unterrepräsentanz sowie konkrete Benachteiligungsverbote vor.[61] Zu dem Gleichstellungsgesetz kommen verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Sicherung von Frauen im Rahmen des Pflegeversicherungsgesetzes, der Ausbau des Mutterschutzes sowie die verbesserte Berücksichtigung von Erziehungszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung. 2001 wurde das neue Elternzeitgesetz eingeführt, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch die gemeinsame Betreuung der Kinder verbessern soll. Vor der Einführung des neuen Elternzeitgesetzes sprach man noch von Erziehungsurlaub. Dieser Begriff wurde jedoch bewusst durch Elternzeit ersetzt, um die Komplexität des Aufgabenfeldes nicht durch das Wort Urlaub abzuschwächen.

Im Rahmen der Elternzeit soll auch den Vätern durch den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit die Chance gegeben werden, sich an den Erziehungsaufgaben zu beteiligen. „In Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten haben Eltern einen Anspruch auf Ermäßigung ihrer Arbeitszeit in der Elternzeit, soweit dem nicht dringende betriebliche Gründe entgegenstehen.“[62] Gleichzeitig würden aber auch die Frauen durch eine Teilzeitbeschäftigung die Möglichkeit erhalten, den Kontakt zum Beruf auch während der Elternzeit aufrecht zu erhalten. Beide Elternteile können die Elternzeit auch gemeinsam nehmen und in dieser Zeit bis zu je 30 Stunden pro Woche einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Mit der Möglichkeit, einen Anteil von bis zu 12 Monaten Elternzeit mit Zustimmung des Arbeitgebers auch noch bis zum 8. Geburtstag des Kindes nehmen zu können, sollen die Regelungen dem Anliegen vieler Eltern entgegen kommen, sich zum Beispiel gerade in der wichtigen Phase der Einschulung verstärkt um ihre Kinder kümmern zu können.[63]

Die Probleme des Elternzeitgesetzes liegen vor allem in den vielfältigen Ausnahmeregelungen, die es den Arbeitgebern ermöglichen, den Anspruch auf Elternzeit durch die Vorschiebung zum Beispiel „dringender betrieblicher Gründe“ zu untergraben. Außerdem ist der alte Arbeitsplatz nach der Elternzeit nicht gesetzlich abgesichert, das heißt, dass man zwar Anspruch auf einen Job hat, aber nicht unbedingt auf den, den man vorher hatte. Vor dem beruflichen Abstieg haben vor allem die Männer Angst: „Sie lehnen Teilzeitarbeit oder Kinderpausen ab, aus Ehrgeiz und Angst, die Auszeit könne ihrer Karriere schaden, aber auch aus falsch verstandener Männlichkeit“ wie der Direktor des „Fatherhood Project“ in New York James A. Levine herausgefunden hat.[64]

Die Elternzeit wird trotz geschlechtsneutraler Ausgestaltung der gesetzlichen Grundlagen fast ausschließlich von Frauen in Anspruch genommen. Obwohl in einer aktuellen Umfrage 78 Prozent der befragten Männer angaben, die Möglichkeit gut zu finden, dass Väter Elternzeit in Anspruch nehmen können,[65] ist der Anteil der Männer, die dieses Angebot auch tatsächlich wahrnehmen, mit etwa 1,5 Prozent verschwindend gering.[66] Bei den Sozialleistungsansprüchen verhält es sich ähnlich. Obwohl auch sie geschlechtsneutral formuliert sind, bestehen dort vor allem auf den Gebieten der Alters- und Arbeitslosensicherung erhebliche geschlechtsspezifische Differenzen. Eine wesentliche Ursache dafür ist die starke Anbindung der Leistungen an die Dauer der vorherigen Erwerbstätigkeit und die Höhe des Erwerbseinkommens, das bei Frauen durch die Erziehungsarbeit häufig deutlich geringer ausfällt.[67]

Dies alles zeigt, dass die gesellschaftliche Realität dem Anspruch des Grundgesetzes noch lange nicht gerecht wird. In der deutschen Familienpolitik gibt es Defizite, die es zu identifizieren und auszugleichen gilt. Welche das im Einzelnen sind und wie wir sie am besten in den Griff bekommen können, zeigt uns ein Blick „über den deutschen Tellerrand hinaus“, denn der reicht laut Familienministerin Renate Schmidt aus, „um klar zu sehen, woran es hierzulande mangelt und wie wir zu überzeugenden Lösungen für Familien gelangen und damit für die Gesellschaft insgesamt. Es ist auch in der Familienpolitik weder sinnvoll noch notwendig, das Rad ständig neu erfinden zu wollen.“[68]

3.3.2 Europäischer Vergleich

Eine europäische Familienpolitik gibt es noch nicht. Jeder Mitgliedstaat der europäischen Union hat seine eigenen Regeln und Gesetze zu diesem Thema. Auf EU-Ebene existiert seit 1999 lediglich eine „Europäische Beobachtungsstelle für Familienangelegenheiten,“ die die Tendenzen und Entwicklungen der Familienpolitik in den einzelnen Ländern verfolgt.[69] Die skandinavischen Länder Schweden, Dänemark und Norwegen gelten neben Frankreich als die Vorbilder in Sachen Familienpolitik. Um Ideen entwickeln zu können, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch in Deutschland verbessert werden kann, ist es notwendig, sich diese Länder einmal genauer anzuschauen. Denn nur im direkten Vergleich der einzelnen Handlungsfelder können wir die Defizite der deutschen Familienpolitik aufspüren und neue Handlungsalternativen entwickeln.

Die jüngsten Zahlen des OECD[70] Employment Outlook 2004 zeigen, dass die skandinavischen Frauen international die höchsten Erwerbsquoten aufweisen. In Norwegen waren 2003 72,9 Prozent der Frauen berufstätig, dicht gefolgt von Schweden mit 72.8 Prozent und Dänemark mit 70,5 Prozent. Die Erwerbsquote von deutschen Frauen liegt mit 58,7 Prozent deutlich darunter.[71] Außerdem arbeiten Frauen in Deutschland häufiger Teilzeit als in den anderen analysierten Ländern. Mit 36,3 Prozent liegt die Teilzeitquote deutlich über Frankreich und den skandinavischen Ländern. In Frankreich arbeiten zum Beispiel nur 22,8 Prozent der Frauen in Teilzeit und in Schweden sogar nur 20,6 Prozent.[72] Das ist insofern erstaunlich, als dass in allen analysierten Ländern trotz höherer Erwerbstätigkeit der Frauen mehr Kinder geboren werden als in Deutschland. Während die Geburtenrate in Deutschland bei durchschnittlich nur 1,38 Kindern pro Frau liegt, werden zum Beispiel in Dänemark (1,77) und Norwegen (1,85) deutlich mehr Kinder geboren. Frankreich ist von unseren Vergleichsländern mit einer Rate von 1,88 der absolute Spitzenreiter in punkto Fertilität.[73] Die Familienministerin Renate Schmidt erklärte diese Zusammenhänge in einer Pressemitteilung vom 5. Oktober 2004 wie folgt: „Es bestätigt sich im internationalen Vergleich immer wieder folgendes: Die Länder, die eine gute Infrastruktur für Familien wie z.B. ein gutes Angebot an Kinderbetreuung haben und in denen deshalb Frauen und Männer leichter Beruf und Familie vereinbaren können, verzeichnen in der Regel auch eine höhere Geburtenrate.“[74] Schauen wir uns also die Kinderbetreuung in den Beispielländern einmal genauer an.

Frankreich wird in Sachen Kinderbetreuung immer als ein europäisches Vorbild genannt, weil dort eine nahtlose Kinderbetreuung von der Krippe bis zur Ganztagsschule angeboten wird. Kleinkinder können schon ab einem Alter von zweieinhalb Monaten in die so genannten „crèches“ (Krippen) gebracht werden oder von einer Tagesmutter betreut werden. „Das französische Tagesmütternetz ist vorbildlich, stellt es doch für etwa 600.000 französische Familien mit Kleinkindern 300.000 zugelassene Tagesmütter zur Verfügung.“[75] Diese Art von privater Betreuung ist für die Eltern auch nicht einmal teuer, denn sie bezahlen nur ein Viertel der entstehenden Kosten. Die Sozialversicherung übernimmt der Staat und die Kosten für die Betreuung sind steuerlich absetzbar.[76] Fast 100 Prozent der Kinder zwischen drei und sechs Jahren besuchen danach die „école maternelle“, in der sie von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr (und auf Wunsch auch davor und/oder danach) durch qualifiziertes Personal betreut werden.[77] Auch in den Schulen werden die Kinder bis 16.30 Uhr betreut. Wie in der „école maternelle“ wird auch hier vor und nach der offiziellen Schulzeit eine zusätzliche Betreuung angeboten.[78]

Ähnlich dicht ist das Betreuungsnetz auch in den skandinavischen Ländern. Dort haben Eltern sogar häufig einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz. In Schweden beispielsweise haben alle Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren Anspruch auf einen Platz in einer Vorschultagesstätte und die Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren werden nach der Schule in so genannten Freizeitzentren betreut.[79] 76 Prozent der schwedischen Kinder von ein bis sechs Jahren und 73 Prozent der bis 12-Jährigen nehmen diese Einrichtungen in Anspruch. Ihre Öffnungszeiten richten sich sogar nach den Arbeitszeiten der Eltern.[80] In Dänemark und Norwegen ist die Situation ähnlich. Auch hier werden die Kinder von der Krippe bis zur Schule auch am Nachmittag betreut. In Dänemark gibt es wie in Frankreich zusätzlich zu dem öffentlichen Betreuungsangebot auch eine so genannte kommunale Tagespflege, in der die Kinder privat betreut werden können. Die Zuzahlung zu diesem Angebot beträgt für die Eltern höchstens 30 Prozent der Betriebsausgaben.[81]

In Deutschland besteht das größte Defizit in der Betreuung der Kinder zwischen null und drei Jahren. Für nur 2,7 Prozent gibt es zur Zeit in Westdeutschland einen Krippenplatz (in Ostdeutschland für immerhin 37 Prozent).[82] Ein rechtlicher Anspruch auf Kinderbetreuung besteht in Deutschland erst für Kinder ab drei Jahren in einem Kindergarten und auch dort können die Eltern ihre Kinder oft nur bis 12 Uhr mittags lassen, da es für die Nachmittagsbetreuung zu wenige Plätze gibt.

Auch die Schulzeit bietet den deutschen Müttern oft keine Entlastung, da die weiterführenden Betreuungsangebote am Nachmittag sehr rar sind. Viele deutsche Eltern müssen daher entweder auf eine teure Tagesmutter zurückgreifen oder selbst zu Hause bleiben, um sich um den Nachwuchs kümmern. Die zweite Variante wird in Deutschland jedoch sehr viel stärker unterstützt. In keinem anderen Land ist beispielsweise die Elternzeit so lang wie in Deutschland. Eltern können hier bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres ihres Kindes in Elternzeit gehen.[83] In den übrigen analysierten Ländern fällt diese Zeit wesentlich geringer aus als in Deutschland. In Schweden z.B. umfasst die Elternzeit nur maximal 480 Tage, von denen 390 Tage unter den Eltern aufgeteilt werden können. Äußerst interessant ist hierbei, dass 60 dieser 390 Tage allein dem Vater vorbehalten sind und diese auch nicht an die Mütter übertragen werden können. Fest reservierte Zeiten für Väter gibt es zwar auch in den anderen Ländern, aber sie fallen dort deutlich geringer aus.[84] Weit weniger großzügig als in den Vergleichsländern erweist sich in Deutschland jedoch die finanzielle Unterstützung während der Elternzeit. Das Erziehungsgeld richtet sich hier nach einer Einkommensgrenze und wird maximal 24 Monate gezahlt.[85] In den anderen untersuchten Ländern wird das Erziehungsgeld unabhängig vom Einkommen für bis zu 18 Monate gezahlt und fällt dort insgesamt höher aus als in Deutschland. Beim Kindergeld ist Deutschland wieder etwas großzügiger. Für das erste bis dritte Kind erhalten Eltern in Deutschland 154 €, ab dem vierten Kind 179 € monatlich.[86] Die anderen Länder liegen deutlich unter diesem Satz und bewilligen Kindergeld zum Beispiel wie in Frankreich erst ab dem zweiten Kind.[87] Die französische Familienpolitik versucht mit dieser Maßnahme, den Kinderreichtum der Familien zu fördern.[88] Ein weiterer Unterschied in den finanziellen Leistungen besteht darin, dass in Deutschland nur angestellte Frauen Anspruch auf Mutterschaftsgeld haben (in Höhe des durchschnittlichen monatlichen Nettoeinkommens). Selbständige haben hierzulande keinerlei Ansprüche und können sich gegen das „Risiko“ Schwangerschaft auch nicht privat versichern. In den skandinavischen Ländern erhalten auch selbständige Frauen Unterstützung.

Aus dem Vergleich mit den skandinavischen Ländern Schweden, Dänemark und Norwegen und unserem Nachbarn Frankreich lässt sich für die deutsche Familienpolitik folgendes Fazit ziehen:

Das Betreuungsangebot für Kinder in Deutschland muss verbessert werden. Insbesondere fehlt es an öffentlichen oder subventionierten privaten Einrichtungen für Kinder unter drei Jahren. Eine Betreuungsdichte von 2,7 Prozent in Westdeutschland ist einfach zu wenig. Außerdem braucht Deutschland mehr Ganztagsschulen und Horte, damit auch die Betreuung älterer Kinder am Nachmittag gewährleistet ist. Die Vergleichsländer machen uns vor, dass eine bessere Betreuungssituation der Kinder die Geburtenrate und die Beschäftigungsquote von Frauen fördert. Auch die langen Aussetzzeiten der deutschen Frauen nach der Geburt können problematisch sein. Die lange Elternzeit birgt die Gefahr, dass der zwischenzeitliche Qualifikationsverlust zu hoch ist. Eine Anpassung der Elternzeit an den europäischen Standard von maximal 18 Monaten wäre deshalb sinnvoll. Außerdem könnte man auch in Deutschland darüber nachdenken, einen Teil der Elternzeit wie in Schweden ausschließlich für die Väter zu reservieren, da die Väterförderung nicht nur den Vätern und ihren Kindern nutzt, sondern auch die Mütter entlastet. Eine finanzielle Entlastung in Form von Erziehungsgeld sollte es im Übrigen für alle Eltern geben. Die heutige Regelung, die das Erziehungsgeld nur für gering Verdienende vorsieht, benachteiligt die höher Qualifizierten und Führungskräfte und gerade die bekommen ja keine Kinder mehr. Außerdem sollten auch selbständige Frauen in Deutschland wie in den skandinavischen Ländern Anspruch auf Erziehungsgeld haben. Gerade Kleinstunternehmerinnen, die z.B. eine Ich-AG gegründet haben, sind bei einer Mutterschaft sozial überhaupt nicht abgesichert. Einkommenseinbußen gerade in der ersten Zeit nach der Geburt eines Kindes könnten hier durch den Bezug von Erziehungsgeld deutlich abgemildert werden.

Das sind jedoch nur die politischen Maßnahmen, die man zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie einsetzen könnte. Im nächsten Kapitel werde ich meinen Schwerpunkt der „familienorientierten Personalpolitik“ vorstellen, der zeigt, dass auch die Unternehmen dazu beitragen können, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie entscheidend zu verbessern.

3.4 Familienorientierte Personalpolitik

Die deutsche Wirtschaft kümmert sich nach wie vor unzureichend um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das ist die zentrale Erkenntnis der jüngsten repräsentativen Umfrage der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung zum Thema familienorientierte Personalpolitik. Nur etwa 4,5 Prozent der Betriebe bieten frauenfördernde und familienfreundliche Maßnahmen an.[89] Und auch dort sei das Spektrum der möglichen betrieblichen Maßnahmen noch nicht voll ausgeschöpft. Viele Unternehmer sind zwar der Meinung, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe sei, aber eigene Angebote könnten sie sich in der derzeitig wirtschaftlich schlechten Lage nicht leisten.[90] So ist es auch nicht erstaunlich, dass 44 Prozent der befragten Unternehmen die „fehlenden Geldmittel“ als größtes Hemmnis bei der Umsetzung einer familienorientierten Personalpolitik angeben. Das Vorurteil, dass eventuelle betriebliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie so kostenintensiv seien, dass sie ohne finanzielle Fördermaßnahmen nicht umzusetzen sind, hält sich beharrlich. Aber stimmt diese Annahme überhaupt?

[...]


[1] http://www.total-e-quality.de/teq/aktuelles.php?cid=1&aid=100

[2] Die Versorger-Ehe beschreibt den dominanten Familientypus der Industriegesellschaft, in der der männliche Haushaltsvorstand die ökonomische Basis seiner Ehefrau und seiner
Kinder sicherte, nach: Bertram, Hans: Familien leben. Neue Wege zur flexiblen Gestal-
tung von Lebenszeit, Arbeitszeit und Familienzeit, Gütersloh 1997, S.9

[3] Der Begriff der kognitiven Dissonanz stammt aus der Psychologie und beschreibt „die
Unvereinbarkeit von Erfahrungen und Informationen zu der persönlichen Einstellung bzw.
zu zuvor getroffenen Entscheidungen des menschlichen Individuums. Grundlage der von
Leon Festinger 1957 begründeten Theorie ist die Annahme, dass Menschen dazu neigen,
einmal getroffene Entscheidungen beizubehalten. http://www.lexikon-definition.de/Kognitive-Dissonanz.html

[4] 14. Shell- Jugendstudie 2002, unter http://www.shell-jugendstudie.de

[5] Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.73

[6] Statistisches Bundesamt Deutschland: Datenreport 2004. Zahlen und Fakten über die
Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2004, unter:
http://www.destatis.de/datenreport/d_datend.htm

[7] Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.192

[8] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familienorientierte Personalpolitik. Checkheft für kleinere und mittlere Unternehmen, Berlin 2004, S.4

[9] Ballmer-Cao, Than-Huyen: Sozialer Wandel und Geschlecht, Bern 2000, S.48

[10] Maruani, Margaret: Erwerbstätigkeit von Frauen in Europa, in: Informationen zur Raum-
entwicklung von 01/95, S.37

[11] Statistisches Bundesamt: Leben und Arbeiten in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2002, Wiesbaden 2003

[12] Statistisches Amt der Europäischen Gemeinschaften: Eurostat Jahrbuch 2003. Der statistische Wegweiser durch Europa, Zürich 2004, S.48

[13] Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.73

[14] Dellekönig, Christian: Der Teilzeit-Manager. Argumente und erprobte Modelle für innovative Arbeitszeitregelungen, Frankfurt am Main 1995, S.40

[15] Niejahr, Elisabeth: Die vergreiste Republik, in: DIE ZEIT vom 14/10/04

[16] Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050. Ergebnisse der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2003, S. 27

[17] Ebenda, S. 29

[18] Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050. Ergebnisse der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2003, S. 12

[19] Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050. Ergebnisse der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2003,S. 6

[20] Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.117

[21] Ebenda

[22] Birg, Herwig: Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in
Deutschland und Europa, in: Leipert, Christian (Hrsg.): Demographie und Wohlstand.
Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft, Opladen 2003, S. 27

[23] Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.73

[24] Ebenda, S.77

[25] Sinn, Hans-Werner: Das demographische Defizit. Die Fakten, die Folgen, die Ursachen
und die Politikimplikationen, in: Leipert, Christian (Hrsg.): Demographie und
Wohlstand. Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft, Opladen 2003, S. 57

[26] UN: Replacement Migration, New York 2000, S.25

[27] Deutscher Bundestag: Enquete-Kommission Demographischer Wandel, Berlin 2002

[28] Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.117

[29] Ebenda, S.192

[30] Klingholz, Reiner: Demographie. Was Deutschland erwartet, in: GEO Magazin von
05/04

[31] Kaufmann, Franz-Xaver: Der Generationenvertrag muss kinderfreundlich werden, in:
FAZ vom 29/12/00

[32] Kohler, Hans-Peter: Die Neue Demographie, Manuskript 2000

[33] Wingen, Max: Familienpolitische Denkanstöße, Grafschaft 2001, S. 134

[34] Kaufmann, Franz-Xaver: Der Generationenvertrag muss kinderfreundlich werden, in:
FAZ vom 29/12/00

[35] Börsch-Supan, Axel: Alterung und Schrumpfung. Die ökonomischen Folgen, Mannheim
2003

[36] Kaufmann, Franz-Xaver: Der Generationenvertrag muss kinderfreundlich werden, in:
FAZ vom 29/12/00

[37] Kirchhof, Peter: Der Friede zwischen den Generationen, in: Rheinischer Merkur vom
04/09/03

[38] Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.183

[39] Ebenda

[40] Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.190

[41] Ebenda

[42] Kaufmann, Franz-Xaver: Der Generationenvertrag muss kinderfreundlich werden, in:
FAZ vom 29/12/00

[43] Miegel, Meinhard: Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit
verdrängen, München 2002, S.43

[44] Wingen, Max :Familienpolitik als Gesellschaftspolitik der Zukunft, in: Die Neue Ordnung von 02/01

[45] http://www.bundesregierung.de/Gesetze/-,4222/Grundgesetz.htm

[46] Der Brockhaus in einem Band, Mannheim 2003

[47] Schmidt, Renate: S.O.S. Familie, Hamburg 2003, S.57

[48] Ebenda, S.23

[49] Opielka, Michael: Das Konzept „Erziehungsgehalt 2000“, in: Aus Politik und
Zeitgeschichte B 3-4/00, S. 13

[50] Kleinhenz, Gerhard: Familienleistungsausgleich. Wann sind Kinderlasten gerecht ver-
teilt?, Stuttgart 1997, S.54

[51] Lampert, Heinz: Aktuelle Probleme der Familienpolitik, in: Mückl, Wolfgang J.(Hrsg.):
Familienpolitik. Grundlagen und Gegenwartsprobleme, Paderborn 2002, S.97

[52] Kaufmann, Franz-Xaver: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaft- liche und politische Bedingungen, München 1995, S.180

[53] Deutsche Bundesregierung: Sozialbericht 2001, Berlin 2002, S.8

[54] Kaufmann, Franz-Xaver: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaft- liche und politische Bedingungen, München 1995, S.180

[55] Wingen, Max: Familie als Gesellschaftspolitik der Zukunft, in: Mückl, Wolfgang J.
(Hrsg.): Familienpolitik. Grundlagen und Gegenwartsprobleme, Paderborn 2002, S.78

[56] Ebenda [57] Wingen, Max: Aufwertung der elterlichen Erziehungsarbeit in der Einkommensvertei-
lung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B3-4/00, S.3ff

[58] http://www.bundesregierung.de/Gesetze/-,4222/Grundgesetz.htm

[59] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Maßnahmen und Gesetze
zur Gleichstellung seit 1949, Berlin 2002, S.10

[60] http://www.bundestag.de/bp/2001/bp0109/0109044a.html

[61] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Maßnahmen und Gesetze
zur Gleichstellung seit 1949, Berlin 2002, S.13f

[62] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Erziehungsgeld, Elternzeit, Berlin 2004, S.83f

[63] Ebenda

[64] Horsch, Evelyn; Speck, Maria: Karrierekiller Kind, München 1999, S.1

[65] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Bericht über die Aus- wirkungen der §§15 und 16 Bundeserziehungsgeldgesetz, Berlin 2004, S.15

[66] Franks, Suzanne: Das Märchen von der Gleichheit, Stuttgart 1999, S.159

[67] Klammer, Ute: WSI-Frauendatenreport, Berlin 2000, S. 269f

[68] Schmidt, Renate: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Hamburg 2003, S.158

[69] Europäische Kommission: Familienleistungen und Familienpolitik in Europa.
Manuskript, Berlin 2002, S.3

[70] Abkürzung für „Organisation for Economic Cooperation and Development“,
http://www.oecd.org

[71] OECD Employment Outlook 2004, S. 296

[72] Ebenda, S. 310

[73] vgl.Tabelle S.14

[74] http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Presse/pressemitteilungen,did=20934.html

[75] Schmidt, Renate: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Hamburg 2003, S.161

[76] fast 4ward:Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Deutschland im europäischen Vergleich 2004, S.12

[77] Fix, Birgit: Familienpolitik im internationalen Vergleich: von Europa lernen,
http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Programme/a_Familienpolitik/s_877.html

[78] Schmidt, Renate: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Hamburg 2003, S.161

[79] Schwedisches Institut: Tatsachen über Schweden. Kinderbetreuung in Schweden 2002,
http://www.sweden.se

[80] Ebenda

[81] fast 4ward:Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Deutschland im europäischen
Vergleich 2004, S.24

[82] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Lebenswünsche, Geburtenrate und Kinderbetreuung in Deutschland, Berlin 2004, S.13

[83] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Erziehungsgeld, Elternzeit, Berlin 2004, S.49

[84] fast 4ward:Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Deutschland im europäischen Vergleich 2004, S.54

[85] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Erziehungsgeld, Elternzeit, Berlin 2004, S.13

[86] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Staatliche Hilfen für Familien, Berlin 2004, S.8

[87] Europäische Kommission: EUROPA – MISSOC. Vergleichende Tabellen zur sozialen
Sicherheit in den Mitgliedsstaaten 2000, Berlin 2001, S.34

[88] Schmidt, Renate: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Hamburg 2003, S.160

[89] Gemeinnützige Hertie-Stiftung: Strategien einer familienbewussten Personalpoli tik, Frankfurt am Main 2003, S.22

[90] Gemeinnützige Hertie-Stiftung: Strategien einer familienbewussten Personalpolitik, Frankfurt am Main 2003, S.22

Details

Seiten
137
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640174430
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115397
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Vereinbarkeit Beruf Familie Frauen Werbeagenturen

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Titel: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen in Werbeagenturen