Lade Inhalt...

Der Sand und die menschliche Erkenntnisfähigkeit im Erzählwerk von Jorge Luis Borges

Seminararbeit 2006 17 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Einführung in El Libro de Arena

die Unendlichkeit und der Sand

die Instabilität und der Sand

Sand als notwendiges Fundament des Menschen

Schlussbetrachtung

Literaturhinweise

Einleitung

In dieser vorliegenden Hausarbeit soll der Versuch unternommen werden, Borges, dem Baumeister diskursiver Labyrinthe[1], auf der zweiten Erzählebene nach Piglia zu folgen. Für die Entstehung einer möglichen Interpretation ist es daher unabläßlich, den im Text auftauchenden Verweisen nachzugehen, sie gegenüber zu stellen, und dialektisch zu einem brauchbaren Ergebnis zu führen. In dieser Hausarbeit sollen die Möglichkeiten von Erkenntnis und ihre Bedingungen im Erzählwerk von Borges untersucht werden. Nach Meinung des Verfassers eignet sich dafür insbesondere die Kurzgeschichte El Libro de Arena als Hauptbezugspunkt, auf die sich die folgenden Überlegungen stützen werden. Dabei wird versucht werden, die einzelnen Handlungsstränge auf ihren philosophischen Gehalt hin zu überprüfen, wobei der Sand als zentrales Moment in jedem Kapitel der Hausarbeit richtungweisend für die Interpretation sein wird.

Im ersten Schritt gilt es die Kurzgeschichte in Kürze vorzustellen und einen Ausgangspunkt für die weitere Untersuchung zu formulieren. Im zweiten Schritt wird exemplarisch die Unendlichkeit und ihre Metapher, der Sand, als Erkenntnisproblem dargestellt. Im dritten Schritt wird die Erkenntnis und ihre Grundlage selbst zum Gegenstand der Untersuchung. Zuletzt wird sich darum bemüht, ein Urteil synthetisch aus den vorherigen Kapiteln herzuleiten, welches den Zusammenhang zwischen der Erkenntnis und dem Sand offen legt. Nämlich dass der Sand die Erkenntnis bedingt und zugleich ihr Fundament bildet. Daraus lassen sich überdies gewisse Rückschlüsse ziehen, in welche Kultur- und Geistesbewegung Borges selbst einzuordnen ist. Dies gilt es, im Folgenden zu belegen.

Einführung in El Libro de Arena

In Borges’ Erzählung El Libro de Arena bekommt der Protagonist, ein kürzlich pensionierter Bibliothekar, eines Abends Besuch von einem unbekannten Antiquar, der ihm ein einzigartiges Buch verkaufen möchte. Dieser hatte es bei Bikanir von einem Tschandala, einem Angehörigen der niedrigsten Kaste Indiens, erworben. Während der autodiegetische Erzähler das Buch fachlich versiert untersucht, muss er immer mehr feststellen, dass es seiner Vorstellung von Büchern in radikaler Weise entgegensteht. Die Seitenzahlen sind willkürlich nummeriert, die Buchstaben sind ihm fremd und vor allem scheint es, unendlich viele Seiten zu besitzen.

„ …se llamaba el Libro de Arena, porque ni el libro ni la arena tienen ni principio ni fin.” (El Libro de Arena, S. 69)[2]

Fasziniert von diesem rätselhaften Unmöglichen kauft er es dem Antiquar ab und veräußert dafür seine gesamte Rente sowie ein Erbstück seiner Eltern. Er verfällt dem Buch, das ihn zunehmend beherrscht, isoliert von der Außenwelt und ihm den Schlaf raubt. Schließlich gelingt es ihm, sich von dem Buch, das dem gesunden Menschenverstand widerspricht, zu befreien. Ohne irgendeine rationale Erklärung gefunden zu haben, versteckt er das unendliche Buch in der Nationalbibliothek.

In dieser Kurzgeschichte wird der fiktive Borges in eine Situation versetzt, in der etwas in seine reale Welt, die gleichzeitig auch die des Lesers ist, einbricht und das bekannte Realitätskonzept samt seiner Naturgesetze in Frage stellt. Hierbei handelt es sich um das literarische Motiv der Unendlichkeit, die in Form eines Buches vergegenständlicht auftritt. Das, was sich der Mensch bereits in Gedanken kaum vorzustellen vermag, erhält in dieser phantastischen Erzählung den Status von Wirklichkeit. Da der Protagonist das Buch empirisch erfassen kann, wird er dazu gezwungen, dessen Existenz anzuerkennen und jegliche Möglichkeit einer Sinnestäuschung zugleich auszuschließen. Es wird das objektive Phantastische[3] präsentiert, welches sich nicht mehr als subjektiv halluziniert erklären lässt. Das Irreale wird real. Und das tradierte Wissen und seine Regelsetzungen, um die Welt zu ordnen, verlieren ihre Gewissheit. Sie werden als verkürzt, defizitär vorgeführt, die die wahren waltenden Kräfte bislang erfolgreich aus ihrem Ordnungsschema ausgrenzen konnten. Die Tatsache des Ausschlusses wird evident, wenn man den Umstand betrachtet, von wem der Antiquar das unendliche Buch erhalten hatte. Wie oben bereits erwähnt, handelt es sich um jemanden, der zur untersten Schicht der hierarchisch aufgebauten Gesellschaft Indiens zählt. „Diese Kaste ist ausgeschlossen und verhasst, muss abgeschieden wohnen und fern von der Gemeinschaft mit anderen.“[4]

Beide, der Tschandala sowie das unendliche Buch, scheinen die öffentliche Ordnung zu bedrohen, da ihr Wesen als anormal betrachtet wird.[5] Sie sind die Repräsentanten einer Gegenordnung zum common sense .

Die Unendlichkeit und der Sand

In El Libro de Arena thematisiert Borges die Unendlichkeit in ihrer Ganzheit. Es werden zwar all ihre Ausdrücke vorgestellt, aber keines wird zum zentralen Motiv erhoben[6]. Die Unendlichkeit im Raum und in der Zeit findet ihre Erwähnung beispielsweise in einem Ausspruch des Antiquars:

„Si el espacio es infinito estamos en cualquier punto del espacio. Si el tiempo es infinito estamos en cualquier punto del tiempo.“ (El Libro de Arena, S. 69)

Das potentiell Unendliche, also die potentiell unendliche Teilbarkeit, wird bereits in der Einleitung vorgestellt:

„La línea consta de un número infinito de puntos; el plano, de un número infinito de líneas; el volumen, de un número infinito de planos…“ (El Libro de Arena, S. 68)

Und schließlich findet das absolut Unendliche seinen Ausdruck in dem Buch aus Sand, welches keine Grenzen aufweist.

[...]


[1] Vgl. Hanke-Schäfer, Adelheid: Jorge Luis Borges zur Einführung, Hamburg: Junius 1999, S.57

[2] aus: Borges, J. L.: “El Libro de Arena” , in: Obras Completas 1975-1985, María Kodama y Emecé Editores, Barcelona 1989, S. 68-71

[3] Lachmann, Renate: Erzählte Phantastik. Zur Phantasiegeschichte und Semantik phantastischer Texte, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002 (stw 1578), S. 22

[4] Hegel, Georg W. F.: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, S. 183

[5] In Wahnsinn und Gesellschaft analysiert Foucault die abendländische Kultur und ihre Repressionsmechanismen gegenüber dem, was nach einem bestimmt definierten Normalisierungsprofil als Wahnsinn zu betrachten sei. Foucault versteht den Wahnsinn als das Andere der Vernunft und diese wiederum als Prozess der Exklusion, der ihr Anderes, das Fremde zum Schweigen bringt.

[6] In „La perpetua carrera de Aquiles y la tortuga“ befasst sich Borges mit dem Problem des potentiell Unendlichen

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640161195
ISBN (Buch)
9783640161324
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115355
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Romanisches Seminar
Note
1.0
Schlagworte
Sand Erkenntnisfähigkeit Erzählwerk Jorge Luis Borges Fiktionen“ Romanisches Seminar Fiktion Phantastisch Unendlichkeit Gegenaufklärung Libro de arena

Autor

Zurück

Titel: Der Sand und die menschliche Erkenntnisfähigkeit im Erzählwerk von Jorge Luis Borges