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Der Andeutungsstil in Fontanes Effi Briest

Eine Untersuchung anhand ausgewählter Textstellen

Seminararbeit 2007 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. DIE TECHNIK DER VORAUSDEUTUNG

3. UNTERSUCHUNG DES ANDEUTUNGSSTILS ANHAND AUSGEWÄHLTER TEXTSTELLEN
3.1 BESCHREIBUNG DES BRIESTSCHEN ANWESENS IN HOHEN-CREMMEN
3.2 GESPRÄCH ZWISCHEN EFFI UND IHREN FREUNDINNEN
3.3 „EFFI, KOMM.“
3.4 DIE VERFÜHRUNG

4. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS:

1. Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der von Theodor Fontane verwendeten Technik der Vorausdeutung oder des Andeutungsstils in seinem Roman „Effi Briest“. Um diese Technik zu veranschaulichen, müssen zunächst die theoretischen Begrifflichkeiten geklärt werden, um danach dem Leser anhand ausgewählter Textpassagen die Verwendung dieses Stils zu verdeutlichen. Fontane eignet sich für eine solche Untersuchung deshalb besonders, da er diese Möglichkeit der Lesersteuerung besonders häufig, differenziert und variantenreich einsetzt1. Er bedient sich dieser Methode einerseits aus ästhetischen Gesichtspunkten einer poetischen Darstellungsweise, und andererseits um Kritik an der gesellschaftlichen Situation und der Stellung der Frau zu üben. Durch die von ihm gewählte Methode ist ihm dies mög-lich, ohne seine Zeitgenossen zu brüskieren oder gar gesellschaftlichen Anstoß zu erregen. Auch sein Gefallen am Versteckspiel während seiner Kinderzeit könnte ein Motiv dafür sein, dass er seine Romane so gestaltet, dass man durch seine Andeutungen immer wieder auf kommende Ereignisse aufmerksam gemacht wird, deren Klarheit und Gewissheit sich erst am Ende des Romans abzeichnen. Auch wenn die-se These gewagt ist, so kann sie dennoch den Versuch einer Erklärung darstellen, um seinen Stil zu verstehen und sich heute nachvollziehbar zu machen, aus welchen Beweggründen er sich für diesen entschied2.

Auch seine Äußerung „Es prickelt mich, etwas entstehen zusehen.“3 könnte ein Indiz für seine Vorgehensweise sein.

Grundsätzlich kann man sagen, dass sein Roman „Effi Briest“ voll ist von Andeutungen, er aber ungeachtet dessen noch eine poetische Struktur verfolgt, die den Leser förmlich an das Buch fesseln soll und dieser begierig darauf ist zu erfahren, wie die Entwicklung weitergeht.

In dieser Arbeit wurden nur einige prägnante Textstellen herausgegriffen, um dieses literarische Stilmittel herauszuarbeiten und gleichzeitig die Übersichtlichkeit der Arbeit zu wahren. Sie stellen in der vorliegenden Form keinen Anspruch auf Vollständigkeit dar.

2. Die Technik der Vorausdeutung

Zunächst sollte auf die von Fontane verwendete Technik der Vorausdeutung eingegangen werden, um die theoretische Grundlage zu schaffen, auf die sich diese Arbeit stützt. In diesem Zusammenhang sollen auch weitere Begriffe Erwähnung finden, die in Verbindung mit dieser Technik synonym verwendet werden können wie die Begriffe der Vieldeutigkeit und der Mehrdeutigkeit.

Die Technik der Vorausdeutung kann allgemein definiert werden als eine andeutende Vorwegnahme auf erst später eintretende Ereignisse, durch die der Leser in die vom Erzähler gewünschte Richtung gelenkt wird und die zur Strukturierung des Textes beiträgt4. Durch die Verwendung von Vorausdeutungen im Text kann der Erzähler die Spannung erhöhen, indem er die Erwartungen des Lesers in eine bestimmte Richtung lenkt und die Aufmerksamkeit auf besondere Aspekte des Geschehens richtet.

Man unterscheidet zwischen der Vorausdeutung durch die Figuren und durch den Erzähler. Fontane bedient sich dieser Technik in besonders differenzierter Weise, indem er die Vorausdeutungen überwiegend durch die im Roman handelnden Figuren aussprechen lässt5 und diese nur äußerst selten vom auktorialen Erzähler vorgenommen werden. Auch die Art und Weise, wie er Vorausdeutungen vornimmt, ist vielfältig. Nicht nur durch Gespräche zwischen den einzelnen Figuren, sondern auch durch die Handlung der Figuren und die symbolische Verwendung von Motiven deutet er an, in welche Richtung sein Roman gehen wird.

Grundsätzlich zu unterscheiden gilt es jedoch die Begriffe der Eindeutigkeit, der Mehrdeutigkeit und der Vieldeutigkeit, bei deren Untersuchung ich mich im Wesentlichen auf Gerhard Kurz6 stützen werde. Denn all diese Begriffe können einem in den Sinn kommen, wenn man von Andeutung oder Vorausdeutung spricht.

Die Frage, die sich im Zusammenhang mit der vorliegenden Untersuchung und diesen Begriffen stellt, ist diejenige, ob diese Stilmittel bei „Effi Briest“ zur Anwendung kommen oder nicht.

Eindeutigkeit liegt vor,] wenn man für einen Satz oder eine Phrase nur genau eine Deutung finden kann und es keine Alternative beim Verständnis dieses Satzes gibt.

Da es bei einzelnen Wörtern jedoch in der Regel auf den Gebrauch im Kontext ankommt, können Wörter nie eindeutig sein, sondern sind immer vieldeutig, erst im kontextuellen Gebrauch kann somit eine Eindeutigkeit vorliegen7. Worin besteht nun die Eindeutigkeit bei Effi Briest?

Wenn man bei Effi Briest überhaupt von Eindeutigkeit sprechen kann, dann nur in den Nebensträngen der Erzählung. Denn in der Haupthandlung des Geschehens wird äußerst selten eine eindeutige Position bezogen. Um ein Beispiel zu nennen: Eindeutig kann hier Innstettens Heiratsantrag an Effi bezeichnet werden, auch wenn dieser noch nicht einmal von ihm persönlich an sie vorgebracht wurde – und dies ist bereits wieder ein Beleg dafür, dass es sich auch hier nicht um Eindeutigkeit handelt. Eindeutig wäre, wenn ein Dialog zwischen Innstetten und Effi stattgefunden hätte, indem er zu ihr sagt: „Willst du meine Frau werden?“ oder in dieser Art, dem Ausdrucksstil der Zeit natürlich angepasst. Aber lassen wir diesen Sachverhalt als eindeutig gelten. Denn was mit Sicherheit nie eindeutig Erwähnung gefunden hat, ist der Tatbestand des Ehebruchs. Dies mag zum einen am Kontext der Zeit liegen oder an der Epoche. Denn in der Epoche des Realismus wurden hässliche Dinge gerne tabuisiert. Hierzu zählten unter anderem Sexualität, Gewalttätigkeit, Arbeit und Krankheit. Diese Art der Tabuisierung gilt jedoch nicht für Fontanes Werke in dieser beschriebenen Art und Weise. Er lässt seine Romanfiguren vielmehr Missstände diskutieren, was in vielen seiner Romane auch erkennbar wird8.

Er spricht die Themen vielleicht nicht so an, dass unmissverständlich zu verstehen ist, um was es geht, sondern umschreibt den Sachverhalt auf eine poetische Weise, die sogar dem Hässlichen noch einen gewissen Liebreiz verleiht. Fontane bedient sich – um es am Beispiel dieses Sachverhalts nur kurz zu veranschaulichen – einer sehr blumigen Sprache um nicht zu sagen: „Effi ging ein Verhältnis mit Crampas ein.“ Mehrdeutig hingegen (semantisch Polysemie oder Ambiguität genannt) bedeutet, dass die Semantik mehr als nur eine Bedeutung zulässt oder diese weitere Bedeutung durch die Art der Formulierung sogar provoziert wird9. Mehrdeutigkeit findet in der Literatur häufig Verwendung, denn jeder Text kann durch verschiedene Leser unterschiedlich verstanden werden, je nachdem welchen persönlichen Schwerpunkt man dem Text setzt. Kontrastiv sei hier ein Gesetzestext zu nennen, der zwar auch unterschiedlich interpretiert werden kann, über dessen Interpretationsalternativen jedoch letztendlich entschieden werden muss, um somit nur eine – allgemeingültige – Interpretationsmöglichkeit zuzulassen10. Als Beispiel für den hier vorgestellten Beg-riff kann man die Spaziergänge Effis zum Strand benennen. In erster Bedeutung geht sie nur spazieren, um sich frische Luft zu verschaffen und aus gesundheitlichen Gründen. In zweiter Bedeutung jedoch – und diese lässt sich nur daraus erschließen, dass der Roman bis zu diesem Punkt bekannt ist und man aufgrund der schon vor-her im Text gemachten Andeutungen darauf vorbereitet wurde – trifft sie in den Dü-nen mit Crampas zusammen. Doch dieser Tatbestand findet so keine Erwähnung, und der Leser ist selbst dazu aufgefordert, anhand des bisher erworbenen Kenntnis-standes der Dinge die Sachverhalte zu kombinieren.

[...]


1 Reisner, Hans-Peter/Siegle, Rainer: Lektürehilfen Theodor Fontane „Effi Briest“, Stuttgart 1993, S. 138.

2 Aust, Hugo: Fontanes Poetik, in: Grawe, Christian (Hrsg.) Fontane-Handbuch, Stuttgart 2000, S. 447.

3 Aust S. 447.

4 Meid, Volker: Sachwörterbuch zur deutschen Literatur, Stuttgart 1999, S. 547.

5 Reisner/Siegle S. 138.

6 Kurz, Gerhard: Macharten. Über Rhythmus, Reim, Stil und Vieldeutigkeit, Göttingen 1999.

7 Kurz S. 101.

8 Aust S. 421.

9 Kurz S. 102.

10 Naumann, Dietrich: Wissenschaftstheoretische Voraussetzungen der Texterschließung, in: Brackert, Hel-mut/Stückrath, Jörn (Hgg.): Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 82004, S. 469.

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640166374
ISBN (Buch)
9783640166510
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115238
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Geisteswissenschaftliche Sektion, Fachbereich Literaturwissenschaft
Note
1,5
Schlagworte
Andeutungsstil Fontanes Effi Briest Bilddiskurse Romanen Theodor Fontane

Autor

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Titel: Der Andeutungsstil in Fontanes Effi Briest