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Es klingt in ihren Welten...

Über die Musik in ausgewählten Märchen von Astrid Lindgren

Hausarbeit 2008 16 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Astrid Lindgren, eine abweichende Biographie
2.1. Über ihre Märchen
2.2. Über ihre Musik
2.3. Der Moment der Verzauberung

3. Der Drache mit den roten Augen

4. Allerliebste Schwester

5. Klingt meine Linde

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Inspririert durch einen Artikel über die Funktion von Musik in europäischen Märchen, angeregt durch ein wiedergefundenes Buch und immer wieder bewegt von der weitreichenden Dimension der Geschichten Astrid Lindgrens bin ich der Versuchung erlegen, die Verwendung von Musik in ausgewählten Märchen der schwedischen Autorin zu beschreiben. Kaum eine ihrer Welten findet ohne Musik statt, und es lässt sich bei genauerem Hinsehen bzw. -hören eine Regelmäßigkeit, ja eine unterschwellige Präsenz von Musik wahrnehmen. In den Momenten, wenn sich das tiefste Seelische in die vermeintlich für Kinder geschriebenen Geschichten schleicht, wenn sich die Psyche, das Bewusstsein verändert, der Zustand der Wahrnehmung und des Gemüts sich – meist – verbessert, nimmt die Autorin die Mittel der Musik zuhilfe, um die Szenerie zu vervollständigen, den Klang hinzuzufügen, der im Kopf des Lesers das Gesamtbild, die buchstäbliche Stimmung abrundet.

In der Sammlung Märchen fallen einige Geschichten besonders auf, in denen Musik eine tragende wenn nicht gar eine Schlüsselrolle spielt, allen voran Klingt meine Linde, unter dessen Titel ein eigener Band herausgegeben wurde, der die dunkle Seite der menschlichen Seele zum Thema macht, auf märchenhafte Weise zwar, doch mit einer bedrückenden Vehemenz. Durch Zufall fiel mir ein - sehr zu empfehlendes - Buch über Lindgren und ihre Märchen in die Hände, in dem die Autorin Vivi Edström die Essenz der betreffenden Märchenzusammenstellung folgendermaßen beschreibt: „Das Anliegen des Märchens ist Leben, Tod und Liebe, einfach die Tatsache, wie schwer es ist, Mensch zu sein.“ Dann folgt: „Der Rhythmus, d. h. die Musik in diesen Texten, die so traurig, manchmal auch bedrückend ist, kann zu Tränen rühren.“1 Um so erstaunlicher, dass auf diesen übertragenen Sinn nicht weiter eingegangen wird, denn hier ist tatsächlich nicht die beschriebene Musik gemeint, sondern die sprachliche, semantische Form und der Fortgang der Sätze, die Stilmittel wie Wiederholung, die manchmal an Stereotypie erinnernde, gebetsmühlenartige Vorsprechung bestimmter Verse und Sätze als Ritual oder als Erinnerung. Zwischen den Zeilen wird Musik wahrgenommen, auch wenn das Wort „Musik“ als Metapher für etwas, sagen wir: Persönliches verwendet wird, etwas Fließendes, die Stimmung Beeinflussendes, das doch viele der Geschichten begleitet - auch dies ein musikalischer Begriff.

Die Kopplung von schmerzlichen Schicksalen, seelischem Leid und verstärkt vorkommender Musik erklärt die hier fokussierten Geschichten Allerliebste Schwester, Der Drache mit den roten Augen und Klingt meine Linde. Auch wenn es manchmal nur kurze Momente sind, in denen der Leser nicht nur vor dem geistigen Auge eine Welt sieht, sondern plötzlich eine Welt hört, sind diese doch manchmal der Höhepunkt, nicht selten der schmerzhafteste Augenblick der Geschichte.

Auch Beschreibungen von Musik, die eine Szene einleitet oder begleitet, eine Situation ritualisiert oder kommentiert, erscheinen wieder und wieder. In Bezug darauf werden im Folgenden die restlichen Märchen aus dem Sammelband und die Bücher Mio, mein Mio, Die Brüder Löwenherz und Ronja Räubertochter berücksichtigt, wobei es sich teilweise nur um kurze Verweise handelt.

Da bei Lindgren, wie bei jedem anderen schaffenden Künstler wohl auch, ein Zusammenhang mit der Persönlichkeit nicht zu leugnen und ein Widerspiegeln der eigenen Wünsche, Trauer und Liebe in den Geschichten zu erkennen ist, erscheint es mir sinnvoll, zu Anfang einen Einblick in die eher ungewöhnlichen Lebensstationen der Autorin abseits der bekannten Daten und Aufzählungen zu geben. Die Dimension ihres Schaffens eröffnet sich bei genauerem Hinsehen besonders in der Tragweite, die wohl noch in die meisten Kinderzimmer reicht und somit in die Diskussion, welche Werte noch geschätzt werden und wo sich Prioritäten verschieben, denn was ist der Inhalt von Märchen anderes als die Vermittlung eines bestimmten Weltbildes, das man selbst für richtig hält und an dem man sein Umfeld teilhaben lassen will? Diese Möglichkeit hat Lindgren genutzt wie keine andere.

2. Astrid Lindgren, eine abweichende Biographie

Im letzten ]Jahr wurde der 100. Geburtstag von Astrid Lindgren gefeiert, ein Jubiläum im Gedenken an die bekannteste Kinderbuchautorin der Welt. Die Schwedin wird im Jahre 1907 auf dem Hof Näs, in der Nähe von Vimmerby, einer kleinen schwedischen Stadt in Småland als zweites Kind des Ehepaares Ericsson geboren und verlebt dort gemeinsam mit ihren drei Geschwistern eine ausgesprochen glückliche, ländlich-idyllische Kindheit, die sich in vielen ihrer Erzählungen (Die Kinder von Bullerbü, Michel aus Lönneberga, Madita) widerspiegelt und manifestiert.

Nachdem sie 18jährig bei einer ortsansässigen Zeitung ein Voluntariat begonnen hat, erwartet sie bald von dem dortigen, verheirateten Chefredakteur ein Kind, was damals eine Straftat darstellte, und so muss sie die Stadt und ihre Familie verlassen, in Kopenhagen heimlich ihren Sohn Lasse zur Welt bringen und ihn dort bei Pflegeeltern vorerst, für die nächsten drei Jahre, zurücklassen. Sie zieht nach Stockholm, ohne Arbeit, ohne Geld und beginnt eine Ausbildung zur Sekretärin. Sie kämpft für das Recht, ihr Kind bei sich zu haben und es aufziehen zu können. Im Jahr 1931 heiratet sie und bekommt 1934 eine Tochter. Erst 1944 schreibt sie ihre erste Geschichte auf, Pippi Langstrumpf, und stößt damit sowohl auf Begeisterung als auch auf große Kritik in den Zeiten der autoritären Erziehung und des Kriegs, so dass vorerst eine überarbeitete Fassung des Buches veröffentlicht wird. Durch viele weitere Bücher, deren Aufzählung an dieser Stelle müßig erscheint, erreicht sie nicht nur in Schweden einen hohen Bekanntheitsgrad; es existieren Publikationen auf der ganze Welt in über 70 Sprachen. Doch die negativen, persönlichen Erfahrungen, die meist verschwiegen werden, bilden weiterhin den Gegenpol zu der oft so heiteren und vermeintlich ungetrübten Welt, die sie in ihren Geschichten beschreibt. Ihr Ehemann ist Alkoholiker und stirbt 1952 im Delirium. Die Bullerbü-Welt erscheint als ein Ersatz für das eigene, oft unglückliche Leben, das Gefühl und die Trauer darüber, nicht mehr Kind zu sein, wie sie selbst im Alter von 13 Jahren formuliert2. Da Ihr Herz offenbar für die Kinder schlägt, bleibt sie den Rest ihres Lebens ungebunden und setzt sich an unterschiedlichen Fronten für den Erhalt ihrer Werte ein. Sie kämpft u. a. für den Tierschutz und unterstützt viele Projekte zur Förderung und zum Schutz von Kindern; insbesondere propagiert sie gegen Gewalt, nicht nur die gegenüber Kindern, sondern in globaler Hinsicht und führt zum Thema Frieden sogar einen Briefwechsel mit Michail Gorbatschow. „Über den Frieden sprechen heißt ja, über etwas sprechen, das es nicht gibt“3, sagt sie in ihrer Dankesrede, als sie 1978 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird und spricht von einem unerreichbaren Ziel der Menschheit. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise beweisen die Tragweite ihres kreativen Schaffens. Mit ihren Büchern und der darin vertretenen Moral und dem Menschenbild leistet sie ihren unmessbaren Beitrag für die Zukunft.

1976 sieht sie sich durch ein Gesetz gezwungen, 102% Steuern zu zahlen und schreibt daraufhin das Märchen Pomperipossa in Monismanien4, das als sogenanntes Steuermärchen zu einer schwedischer Revolution gegen die Steuergesetze führt.

Bereits 1966 wird in Berlin-Spandau die erste Schule in Deutschland nach Astrid Lindgren benannt. Heute tragen ca. 150 Schulen ihren Namen.

Etliche Straßen werden nach ihr benannt, ihr Portrait ziert eine Briefmarke, und zu ihrem 90. Geburtstag wird sie zur "Schwedin des Jahres in der Welt" gewählt.

Im Alter von 94 Jahren verstirbt die Ikone der Kinderbuchliteratur in Stockholm.

2.1. Über ihre Märchen

Es herrsche in ihren Büchern eine Flucht vor der Realität, lautet der Vorwurf, die Bullerbü-Idylle sei eine Idealisierung der Zustände, und so würde heutzutage Kindern und Jugendlichen vorgegaukelt werden, die Welt sei gut, obwohl sie es schon längst nicht mehr ist. Vergegenwärtigt man sich die momentanen gesellschaftlichen Entwicklungen, die Modernisierung durch technische Errungenschaften und immer mehr Medien, die nicht aufzuhaltende Beschleunigung der Kommunikation und somit der Zeit, bewirkt der Gehalt ihrer Geschichten fast eine Beklemmung, die sich durch den vermeintlich unüberwindlichen Gegensatz zur Realität aufdrängt. Dort ist die Rede von Ruhe, familiärer Geborgenheit, Vertrauen und Naturverbundenheit. Es wundert nicht, dass heute viele Kritiker ihre Erzählungen als altmodisch und utopisch bezeichnen. Die Zeichen der Zeit sprechen gegen eine phantasierte Welt voller Räuber, Trolle, Gnome, gegen die unberührten Wälder voller Wildpferde, gegen Treue, das Wohl und den Zusammenhalt der Familie als höchstes Gut und eine behütete Kindheit – überspitzt gesprochen. Die Werte haben sich verschoben. „Aber Nintendo und Teletubbies ersetzen Astrid Lindgren nicht“ lautet der Titel einer Laudatio in der ZEIT anlässlich des Todes Lindgrens 2002 und betont den nicht wegzudenkenden Stellenwert von Lesen und Vorlesen, die Prägung durch das geschriebene Wort und Literatur in jeglicher Form, die die „Grundlage für jede ästhetische Erfahrung“ bildet.5

Die Sehnsucht nach einer heilen Welt, einer Welt des Friedens, des Glücks und der Freude ist allgegenwärtig, kann nicht geleugnet und darf nicht vergessen werden. Dies steht im Gegensatz zu einer unheilvollen, gewalttätigen, immer mehr verrohenden Welt ohne Zeit für Spiel und Genügsamkeit.

„Wie soll man in einer Welt leben, in der es das Böse gibt?“6 fragt eine andere Autorin der ZEIT in einem Artikel anlässlich des 100. Geburtstags Astrid Lindgrens und bricht damit eine Lanze für die Notwendigkeit, insbesondere für Kinder, sich eine Welt neben der Welt aufrechterhalten zu müssen in Zeiten der Not, des Kriegs und des Leids. Der Mensch hat zu allen Zeiten mithilfe von Geschichten, Kunst und Musik allzu unerträgliche Situationen meistern können, indem er sich durch Phantasie und Vorstellungskraft eine andere Welt schaffen konnte. Dieses von kritischen Zungen sogar als Eskapismus bezeichnete Verhalten dient dem Überlebensschutz im psychischen Sinne und der mentalen Flucht vor zu großem Schmerz und Verletzungen. Denn: Nur Bücher „verbreiten den Glanz, der alles Elend der Welt verschwinden lässt“. Und Märchen insbesondere „lassen Seelenbilder entstehen, Märchen gehören zum menschlichen Urerbe, bilden das kollektive Unbewusste.“7

Sooft die ersten Lebensjahre durch ihr eigenes Werk gespiegelt dargestellt und zwangsläufig ein wenig verherrlicht werden, so erschütternd wirken dagegen die Tatsachen, die ihr Leben als erwachsene Frau begleiteten und ihre Geschichten ebenso prägten wie die heile Welt, die sie immer wieder entstehen lässt und die ihr so oft als eine kaum noch existierende vorgeworfen wird. Es erscheint nicht abwegig, wenn man manche Geschichten vorerst als persönliche Schmerzverarbeitung und als Versuch einer indirekten Wiedergutmachung interpretiert. So lebt doch in den ersten drei Lebensjahren der eigene Sohn von ihr getrennt, der Sohn, für den sie als junges Mädchen ihre Heimat und die Idylle verlassen hat, schwanger von einem verheirateten Mann mit Kindern. Ihre erfundene Pippi Langstrumpf hat keine (anwesenden) Eltern, betet abends zu ihrer Mutter im Himmel und sehnt sich nach ihrem Vater, der als Piratenkapitän die Südsee bereist. Bo Vilhelm Olsson, der bei - ihn nicht liebenden - Pflegeeltern lebt, begibt sich im Land der Ferne auf die Suche nach seinem Vater, dieser wiederum sehnt sich nach seinem Sohn, dem Prinzen Mio. Es wird oft vergessen, mit welchen Themen sich die Autorin in ihren Geschichten auseinandersetzt. Die Heiterkeit, die kindliche Freude, das kreative Spiel, die Gabe der Phantasie und des Einfallsreichtums, der die Charaktere auszeichnet, ist nur ein Aspekt des Werks. Viele ihrer Erzählungen sind von Einsamkeit, Trauer und Not gekennzeichnet, sogar tiefen Existenzängsten und Tod. Den im folgenden berücksichtigten Märchen ist diese Thematik, die dunkle Seite, gemeinsam.

[...]


1 Edström S. 177

2 www.astrid-lindgren.de

3 www.boersenverein.de/sixcms/media.php/806/1978_lindgren.pdf

4 www.astridlindgren.de/omastrid/politik/possa1.htm

5 http://zeus.zeit.de/text/archiv/2002/06/200206_1._leiter.lindgr.xml

6 www.zeit.de/2007/46/Astrid-Lindgren?page=all

7www.pool-mag.net/content1.html?id=204&iid=10

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640168040
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115195
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
Schlagworte
Astrid Lindgren Musiktherapie Märchen und Musik

Autor

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