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Das Problem mit der Nationalhymne: Einheitshymne vs. SED-Doktrin

Essay 2007 12 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Einleitung – Fragestellung/Problemkreis

Wie im zuletzt verfassten Essay „Die Staatsflagge der DDR: Die ‚Spalterflagge’“ aufgearbeitet, brachte die anlässlich der Genfer Gipfelkonferenz 1955 durch Molotows getätigte Entäußerung im Hinblick auf die Existenz von zwei eigenständigen deutschen Staaten eine Prägung der Denke und des Handeln der DDR-Verantwortlichen mit sich. Die Umsetzung der sich herauskristallisierenden Zweistaatentheorie Walter Ulbrichts zeigte sich unter anderem, und hier aus Gründen der Abgrenzung gegenüber der Bundesrepublik Deutschland besonders symbolträchtig, in der Einführung des Hammer-und-Zirkel- Emblems in die schwarz-rot-goldene Trikolore im Jahre 1959 und in den vor allem in den 1960er Jahren folgenden vielfältigen Versuchen, die Hammer-und-Zirkel-Flagge zu internationaler Geltung kommen zu lassen. Ziel war die Untermauerung des eigenen Eigenständigkeits- und Eigenstaatlichkeitsanspruches. Wie sah es nun mit einem weiteren Nationalsymbol, der Hymne der DDR aus? Ging von dieser ebenfalls eine „Spaltermentalität“ aus?

Hattenhauer bringt die von Nationalsymbolen ausgehende Intention auf den Punkt und unterstreicht damit ihre Bedeutung: Nationale Symbole vermögen es, zunächst unanschauliche, die Gemeinschaft tragenden Ideen zur Anschauung zu bringen. Die Möglichkeit eines persönlichen Bekenntnisses des Bürgers und dessen Anteilnahme ist dadurch impliziert.1 Nationale Symbole (oder auch staatliche Symbole)2 besitzen also die „Kraft“, den Bürger „mitzunehmen“. Anders als jedoch im Falle der Nationalflagge gab es in Ost und West nach dem zweiten Weltkrieg von Anfang an zwei unterschiedliche deutsche Hymnen. Hieraus ergibt sich also im Allgemeinen kein Abgrenzungsproblem der DDR zur BRD. Das Problem mit der DDR-Nationalhymne war anders gelagert: Wie verhält es sich, wenn der Text der DDR-Hymne, z.B. „Deutschland, einig Vaterland“, nicht (mehr) den von der SED-Führung gewollten Ideen und der propagierten Politik entspricht. Honecker & Co wollten Anfang der 1970er Jahre eben nicht, dass die DDR-Bürger an dem Bedeutungsrepertoire von „Deutschland, einig Vaterland“ Anteil nehmen.

Im Folgenden soll eben genau dieses Dilemma zwischen Nationalhymnen- Wirklichkeit bzw. deren Aussagekraft und der politischen Orientierung der DDR- Verantwortlichen beleuchtet werden. Ein kurzer Exkurs über die Schwierigkeiten mit der Nationalhymne in der BRD wird vorangestellt. Über einen flüchtigen Blick auf die Schaffung der DDR-Nationalhymne im Jahre 1949 soll dann ausführlich das Anfang der 1970er Jahre auftretende Problem der SED-Führung mit der Nationalhymne herausgearbeitet werden. Es wird detailliert auf den Widerspruch zwischen der Ablehnung einer Wiedervereinigung beider deutschen Staaten auf der einen Seite und dem, eine Einheit des deutschen Vaterlandes ausdrückenden Hymnentext auf der anderen Seite einzugehen sein. Zu fragen ist, wie dieser Misere seitens der DDR beigekommen wurde, immerhin musste „Deutschland, einig Vaterland“ bedrohlich auf den Eigenständigkeits- und Eigenstaatlichkeitsanspruch und damit auf das nationale Selbstverständnis der DDR(- Verantwortlichen) gewirkt haben.

Exkurs – Probleme mit der Nationalhymne auch im anderen deutschen Staat

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das seit 1890 allmählich zur Nationalhymne aufgestiegene Lied „Das Deutschlandslied“ bzw. „Lied der Deutschen“ wurde nach 1945 nur in der Bundesrepublik Deutschland gesungen: Die Melodie stammt von Franz Joseph Haydn aus dem Jahre 1797, die Verse stammen aus der 1841 angesetzten Feder von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. In der Weimarer Republik erhielt das Lied 1922 Verfassungsstatus. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbot zunächst die Militärregierung der Alliierten (USA, England, Frankreich und Sowjetunion) nicht nur den Gesang nationalsozialistischer Lieder, sondern ganz allgemein „deutscher Nationalhymen“. Ab 1948, als der Widerstand der westlichen Alliierten im Zeichen ihrer veränderten Deutschlandpolitik nachließ, kam es in der BRD zu vielfältigen Diskussionen über die Nationalhymne. Letztendlich konnte sich Bundeskanzler Konrad Adenauer mit seinem Plädoyer für den Erhalt von Melodie und Lied des „Deutschlandliedes“ gegenüber dem Bundespräsidenten Theodor Heuss, deraufgrund „der geschichtlichen Tragik unseres Schicksals“ 3 für die Einführung einer neuen Symbolgebung und damit einer neuen Hymne votierte, durchsetzen. Seit 1952 war das Hoffmann-Haydnsche Lied offiziell H]ymne der BRD, auch wenn diese – anders als die Farben schwarz-rot-gold – nicht im Grundgesetz verankert wurde.

Trotzdem hatte die BRD einige Schwierigkeiten mit der Hymne. Zum einen lehnte so Mancher nach der Zeit der nationalsozialistischen Aufmärsche und des vaterländischen Singen schlicht das Singen der Hymne ab. Zum anderen hatten zwölf Jahre Nationalsozialismus einen unappetitlichen Nachgeschmack hinterlassen. Hatten die Nationalsozialisten doch „die Hymne nicht nur zwangsweise an das Horst-Wessel-Lied und den ‚Hitlergruß’ gekoppelt, sondern das Lied selbst durch ihre Politik desavouiert“4. An dem Lied klebte damit ein unschwer zu verdrängender Makel. Aus diesen Gründen wurde auch nicht mehr die erste Strophe „Deutschland, Deutschland über alles“, sondern die weniger bekannte dritte Strophe „Einigkeit und Recht und Freiheit“ bei Staatsanlässen gesungen, was wiederum sicherlich anfänglich fremd oder gar verfremdet anmutete. In der Folge kam es eben dann auch dazu, dass bei offiziellen Anlässen die Hymne der BRD nicht erklang oder dass bei Spielen der Fußballnationalmannschaft die Mannschaft beim Spielen der Hymne stumm blieb, der Fußballfan aber die erste Strophe „Deutschland, Deutschland über alles“ sang. So auch anlässlich des Gewinns der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern, woraufhin der schweizerische Rundfunk sofort seine Übertragung abbrach. In anderen Fällen wurden Ersatzhymnen wie Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ gespielt oder einfach simple Trompetensignale. Die dritte Strophe des „Deutschlandliedes“ und damit die „neue“ Nationalhymne war in der Bevölkerung weithin weniger bekannt als die erste Strophe. Erst die 1980er Jahre waren hier mehr identitätsstiftend. So setzte sich zum Beispiel bei Internationalen Fußballspielen das Mitsingen der dritten Strophe bei Erklingen der Hymne, sowohl bei Spielern als auch beim Publikum, durch.

Exkurs – Die Entstehung der DDR-Nationalhymne

Auch wenn in der Literatur sich unterschiedliche Angaben dazu finden lassen, wann und von wem der Auftrag erging, eine Nationalhymne für die DDR zu erschaffen5, wurden in jedem Fall der Schriftsteller Johannes Robert Becher (1891-1958) und der Komponist Hanns Eisler (1898-1962) im Herbst 1949 beauftragt, eine Hymne zu schreiben bzw. zu komponieren.

[...]


1 Hattenhauer, Hans: Deutsche Nationalsymbole. Geschichte und Bedeutung, München 20064, S. 7.

2 Auf die Problematik, dass im Falle der DDR und der BRD nur eingeschränkt von Nationalsymbolen zu sprechen ist, wurde im letzten Essay (siehe dort) hingewiesen: Es ist zu unterscheiden zwischen Nationalsymbolen im eigentlichen Sinne, also Symbolen die kraft gemeinsamer Geschichte von beiden deutschen Staaten übernommen worden waren, und eben reinen Staatssymbolen.

3 Theodor Heuss, seinerzeit Bundespräsident; Zit. nach: Jeismann, Michael: Die Nationalhymne. In: François, Etienne/ Schulze, Hagen (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte. Band III, München. 20022, S. 662.

4 Jeismann, S. 660.

5 Reichel spricht davon, dass Hymne bereits zirka einen Monat vor Gründung der DDR, also im September 1949 vom SED-Politbüro in Auftrag gegeben wurde (Vgl. Reichel, Peter: Schwarz, Rot, Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole nach 1945, München 2005, S. 45f.), während Schurdel den 10. Oktober 1949 nennt (also drei Tage nach der Gründung der DDR), an dem Wilhelm Pieck in seiner Funktion als Präsident der DDR Becher um die Hymne bat (Vgl. Schurdel, Harry: Die Hoheitssymbole der Deutschen Demokratischen Republik, in: Vorsteher, Dieter (Hg.): Parteiauftrag: Ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR, Berlin 1997. S. 56.).

Details

Seiten
12
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640167142
ISBN (Buch)
9783640167302
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115171
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
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