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"Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt" - Das Hungern nach Anerkennung in Franz Kafkas "Ein Hungerkünstler"

Seminararbeit 2007 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Hungern für die Kunst

2. Hungerkünstler im 19. Jahrhundert
2.1 Dr. Henry Tanner
2.2 Giovanni Succi
2.3 Betrugsfälle in der Hungerkunst

3. Die Wandlung von Kafkas Hungerkünstler vom ‚Star’ zum ‚Toten’
3.1 Motivationen des Hungerkünstlers
3.2 Das soziale Umfeld des Hungerkünstlers
3.3 Das Ende des Hungerkünstlers

4. Ein Hungerkünstler im 21. Jahrhundert: David Blaine

5. Zwei Seiten der Medaille

6. Literaturverzeichnis

1. Hungern für die Kunst

Es gibt eigentlich nichts zu sehen, als einen Menschen hinter Gitter oder Glas, der so langsam leidet, dass man ihn vorerst – lange Zeit nicht leiden sieht. Dieser langsame Qualprozeß ist (…) zwar von wissenschaftlichem Wert, aber im Großen und Ganzen doch eine Schaustellung, die nicht schön ist. Jeder große Zauberakt, jede nervenkitzelnde Vorbereitung tollkühner Luftakrobaten sind in ihrem Endeffekt wirksamer als diese Schaustellung, die zwar qualvoll ist, aber doch einem wenig schönen Endzweck dient.[1]

Was kann einen Menschen dazu bewegen, sich aus freien Stücken tagelang alleine einsperren zu lassen und nichts zu essen? Essen ist eine Lebensnotwendigkeit, ein Genuss und oftmals eine soziale und gesellschaftliche Angelegenheit. Auch die Freiheit ist ein Privileg, das im Laufe der Geschichte immer wieder hart erkämpft werden musste. Heute würde wohl kaum mehr jemand freiwillig und über längere Zeit auf Freiheit und Nahrung verzichten wollen, doch im 19. Jahrhundert war das Schauhungern sehr populär. So genannte Hungerkünstler verdienten ihren Lebensunterhalt durch ihre, im wörtlichen Sinne, brotlose Kunst. Sie ließen sich bis zu 40 Tage lang, gut sichtbar für Zuschauer, einsperren und demonstrierten ihre ‚Kunst’, indem sie in dieser Zeit komplett auf Nahrung verzichteten. Der Gedanke daran scheint uns heute eher befremdlich, doch auf das zeitgenössische Publikum übten diese „Hungerkünstler“ eine Faszination aus. Auch wenn der finanzielle Aspekt dabei eine gewisse Rolle spielte (für das Anschauen wurden Eintrittsgelder erhoben), stand doch immer das Hungern als Schauspiel im Vordergrund.

Dieser Thematik nahm sich auch Franz Kafka (1883-1924) in seiner Erzählung Ein Hungerkünstler an. Die Geschichte handelt von einem ‚Hungerkünstler’, der, anfangs noch von allen bewundert, immer mehr in Vergessenheit gerät und am Ende vollständig verschwindet, „weil [er] nicht die Speise finden konnte, die [ihm] schmeckt.“[2]

Im Blickpunkt der folgenden Arbeit soll eine Analyse Kafkas Erzählung stehen, die erläutert, aus welchen Gründen heraus der ‚Hungerkünstler’ seine Kunst präsentiert, wie seine Beziehung zu den Menschen in seinem Umfeld aussieht und wie seine Kunst ihr Ende findet. Den Rahmen der Arbeit bildet die Darstellung zweier ‚Hungerkünstler’ im 19. Jahrhundert und der Bezug zu heute am Beispiel eines Hungerkünstlers des 21. Jahrhunderts.

2. Hungerkünstler im 19. Jahrhundert

2.1 Dr. Henry Tanner

Die Hungerkunst erreichte ihre Blütezeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem amerikanischen Mediziner Dr. Henry S. Tanner. Er wanderte 1848 mit 17 Jahren von England nach Amerika aus und eröffnete nach seinem Medizinstudium zusammen mit seiner Frau eine Praxis in Ohio. Tanner war ein Vertreter der Homöopathie und zugleich der Ansicht, dass eine befristete Nahrungsenthaltung zahlreiche Leiden heilen würde.[3] Im Jahr 1880 erfuhr er von Mollie Fancher, einer Frau, die angeblich mehrere Jahre lang gefastet hatte. Als der Mediziner William Hammond eine öffentliche Untersuchung an ihr durchführen wollte, lehnte sie jedoch ab. Tanner wollte bei dieser Untersuchung für Mollie einspringen, konnte sich aber mit Hammond nicht über die Art der Aufsicht einigen und beschloss, sein Experiment ohne Unterstützung zu beginnen.[4] So führte der 50jährige am 28. Juni 1880 in der Clarendon Hall in New York City einen 40tägigen Fastenversuch durch, bei dem es ihm nur erlaubt war, Wasser zu trinken.[5] Unter ständiger Aufsicht „verbrachte er seine Zeit – in einer Hängematte liegend oder auf einem Wagen sitzend – mit Zeitunglesen oder im Gespräch mit seinen Bewachern.“[6] Dieses Fastenexperiment war sowohl gesellschaftlich als auch finanziell äußerst lukrativ. Tanner bekam viele Briefe, Geschenke, einen Heiratsantrag und sogar ein Angebot von einem Museum, das ihn – für den Fall, dass er das Experiment nicht überleben sollte – ausgestopft ausstellen wollte. Zudem bezahlte auch jeder Besucher, der den ‚Künstler’ sehen durfte, ein Eintrittsgeld von 25 Cent, was ihn am Ende der 40 Tage zum stolzen Besitzer von 137.640 Dollar machte.[7] Selbstverständlich zog Tanners Experiment nicht nur finanzielle, sondern auch körperlich sichtbare Folgen nach sich. Er fühlte sich häufig unwohl, schwach und schlapp und musste sich gegen Ende der Fastenzeit fast täglich übergeben. Zudem nahm er während dieser 40 Tage 35 Pfund ab und wog am Ende nur noch 61 Kilogramm.[8]

Wie bereits erwähnt, übten Hungerkünstler eine enorme Faszination auf das Publikum aus und ernteten große Bewunderung. Auch Henry Tanner bekam viel Anerkennung für seine Leistung, doch musste er auch Kritik annehmen. Anerkannte Mediziner nannten sein Experiment „rücksichtslos, absurd und volksbetrügerisch“[9], meinten, es hätte nur einen geringen wissenschaftlichen Wert und die Art seiner Darbietungsweise läge „zwischen einer Varieté-Vorstellung und einer Werbung für eine patentierte Hängematte“[10]. Trotz dieser scharfen Kritik, mit der auch zahlreiche andere Hungerkünstler konfrontiert wurden, wiederholte Tanner mehrfach Fastenexperimente und wurde so immer populärer. Er brachte den Stein ins Rollen und seinem Beispiel sollten noch viele andere Künstler folgen, wodurch sich das Schauhungern bald nach und nach in ganz Europa verbreitete.[11]

2.2 Giovanni Succi

Einer dieser Nachahmer Tanners und zugleich wohl der berühmteste aller Hungerkünstler war der Italiener Giovanni Succi aus Cesenatico. Während einer Afrikareise konnte er aufgrund einer Krankheit einige Tage keine Nahrung zu sich nehmen. Da er sich danach wesentlich besser fühlte, meinte er, „er hätte eine große Entdeckung gemacht und nahm an, daß er von einem Geist erfüllt wäre, der es ihm ermöglichte, seine Kräfte zu bewahren oder seinen Körper zu stärken“.[12] Er hungerte daraufhin mehrmals für längere Zeit in Afrika und nahm dabei auch gelegentlich Gifttränke zu sich.[13] Aufgrund von eintretenden Wahnbildern wurde er – zurück in Europa – zweimal in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Seine eigentliche Karriere begann, einen Monat nach seinem zweiten Klinikaufenthalt, im Juni 1886 mit einer kleinen, 14tägigen Hungerkur in Forli. Bereits zwei Monate später startete er ein weiteres Fastenexperiment über 30 Tage in Mailand.[14] Unter ständiger Überwachung, größtenteils durch Ärzte, war es ihm erlaubt, täglich Wasser und ein Glas Liqueur, den er selbst erfunden hatte, zu trinken.[15] Sein Bekanntheitsgrad wuchs enorm, sogar ausländische Besucher kamen und zahlten, um den ‚Künstler’ zu sehen, und so gastierte er bald in vielen Großstädten Europas, zum Beispiel in Paris, London, New York und Wien.[16] 1896 trat Succi vom 29. März bis zum 28. April mit seiner bekannten 30tägigen Hungertour im Hotel Royal in Wien auf, wobei nur speziell ausgewählte Gäste zugegen sein durften.[17] Bei seinem Abschiedsmahl führte Succi aus, dass sein Experiment zwar der Wissenschaft diene, dass er aber auch hoffe, die Menschen davon überzeugen zu können, was durch Willenskraft alles möglich sei.[18] Für die nun kommenden 30 Tage wurde ausreichend Krondorfer Mineralwasser bereitgestellt[19] und zahlreiche Ärzte engagiert, die regelmäßig seine Werte maßen, seinen Wasserverbrauch kontrollierten und seine körperlichen Funktionen testeten. Im Unterschied zu Tanner schien seinem Körper das Fasten offensichtlich nichts auszumachen.

Zu seinen grandiosen Leistungen während des Fastens gehörte es, Dauermärsche durchzuführen oder in schwerer Eisenrüstung zu Pferde Fechtübungen zu veranstalten sowie 72 Stunden lang Reden zu halten, wobei er über philosophische und theologische Themen zu improvisieren pflegte.[20]

Succi war nicht nur ein Künstler im Hungern, sondern auch ein Künstler des Entertainments. Er verstand es, auf grandiose Art und Weise sein Publikum bei Laune zu halten, immer wieder zu überraschen und sich selbst höchst erfolgreich zu vermarkten. So ließ er sich zum Beispiel mehrere Male von einem Sportfotographen ablichten und verteilte dann diese Bilder – persönlich oder per Post – mit einem Autogramm an seine ‚Fans’ und Bewunderer.[21] Beendet wurde Succis Hungervorstellung am 27. April mit einem sechsgängigen Menü und langen Konversationen.[22]

Wie schon Henry Tanner, musste auch Giovanni Succi viel Kritik einstecken. Das „Illustrierte Wiener Extrablatt“, das täglich über ihn berichtete, blieb dabei zumeist objektiv, doch das Satireblatt „Kikeriki“ polemisierte heftig gegen ihn und sein Publikum.[23] Mit stark antisemitischen Tendenzen wurde letzteres als „hauptsächlich jüdisch“[24] bezeichnet und das ganze Schauspiel als ein „Judenschwindel“[25] deklariert. Immer wieder wurde Succi des Betruges bezichtigt und tatsächlich sollte sich schon bald herausstellen, dass diese Behauptungen zutrafen.

[...]


[1] Payer, Peter. Hungerkünstler in Wien. Zur Geschichte einer verschwundenen Attraktion. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 2000 (= Wiener Geschichtsblätter. Beiheft 5/2000), S. 12 [Kurztitel: Payer, Wien].

[2] Kafka, Franz. Kritische Ausgabe. Drucke zu Lebzeiten. Hg. von Kittler, Wolf, Hans-Gerd Koch und Gerhard Neumann. Frankfurt am Main: Fischer 1994, S. 349 [Kurztitel: Kafka, Hungerkünstler].

[3] Vgl. Vandereycken, Walter, Ron van Deth und Rolf Meermann. Hungerkünstler, Fastenwunder, Magersucht. Eine Kulturgeschichte der Essstörungen. Zülpich: Biermann 1990, S. 100 [Kurztitel: Vandereycken, Hungerkünstler].

[4] Vgl. ebd., S. 101.

[5] Vgl. ebd., S. 101.

[6] Payer, Hungerkünstler, S. 4.

[7] Vgl. ebd., S. 4.

[8] Vgl. ebd., S. 4f.

[9] Vandereycken, Hungerkünstler, S. 102.

[10] Ebd., S. 102.

[11] Vgl. Payer, Hungerkünstler, S. 4.

[12] Vandereycken, Hungerkünstler, S. 104.

[13] Vgl. ebd., S. 104.

[14] Vgl. Payer, Hungerkünstler, S. 4.

[15] Vgl. ebd., S. 5.

[16] Lange-Kirchheim, Astrid. Franz Kafka „Ein Hungerkünstler“ – Zum Zusammenhang von Eßstörung , Größenphantasie und Geschlechterdifferenz (mit einem Blick auf neues Quellenmaterial). In: Cremerius, Johannes u.a. (Hg.): Größenphantasien. Würzburg: Königshausen und Neumann 1999 (= Freiburger Literaturpsychologische Gespräche. Jahrbuch für Literatur und Psychoanalyse 18), S. 291f . [Kurztitel: Lange-Kirchheim, Hungerkünstler].

[17] Vgl. Payer, Hungerkünstler, S. 13.

[18] Vgl. Lange-Kirchheim, Astrid. Nachrichten vom italienischen Hungerkünstler Giovanni Succi. Neue Materialien zu Kafkas Hungerkünstler. In: Cremerius, Johannes u.a. (Hg.): Größenphantasien. Würzburg: Königshausen und Neumann 1990 (= Freiburger Literaturpsychologische Gespräche. Jahrbuch für Literatur und Psychoanalyse 18), S. 327 [Kurztitel: Lange-Kirchheim, Succi].

[19] Vgl. Payer, Hungerkünstler, S. 14.

[20] Lange-Kirchheim, Hungerkünstler, S. 291f.

[21] Vgl. Payer, Hungerkünstler, S. 14.

[22] Vgl. ebd., S. 16.

[23] Vgl. ebd., S. 18.

[24] Ebd., S. 18.

[25] Ebd., S. 18.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640163182
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115041
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Sprach- und Literaturwissenschaften
Note
2,3
Schlagworte
Speise Hungern Anerkennung Franz Hungerkünstler Essen Essstörungen Literatur Kafka

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Titel: "Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt" - Das Hungern nach Anerkennung in Franz Kafkas "Ein Hungerkünstler"