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Wie arbeitet Alfred Döblin durch die Darstellung der städtischen Thematik in seinem Roman "Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf" intermedial?

Hausarbeit 2008 36 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Intermedialität
2.1 Was ist ein Medium?
2.2 Intermedialität aus literaturwissenschaftlicher Perspektive
2.3 Intermedialität aus medienwissenschaftlicher Perspektive

3. Die Verarbeitung der städtischen Thematik in Döblins ‚Berlin Alexanderplatz’
3.1 Die Montagetechnik
3.2 ‚Berlin spricht’

4. Döblins ‚Berlin Alexanderplatz’ – ein intermediales Phänomen
4.1 Die Großstadt als Medium/Die Medien der Großstadt
4.2 Berlin Alexanderplatz – ein ‚intermedialer Roman’

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Hier wird, aus dem Jahre 1928, von einer Stadt berichtet, die in der Mark Brandenburg gelegen unter dem 52. Grad 31. nördlicher Breite, 13. Grad 25. östlicher Länge, 36 Meter über dem Meeresspiegel, von dem Landkreise Teltow, Zauch-Belzig-Beeskow-Storkow im Süden, von Osthavelland im Westen, Niederbarnim im Osten und Norden umschlossen wird. Diese Stadt Berlin ist ein großes Wesen“ (DÖBLIN 1953, S. 221). Die Darstellung eben dieser Großstadt Berlin in Döblins ‚Berlin Alexanderplatz’ ist Gegenstand der Hausarbeit. Bereits das vorangegangene Zitat von Döblin weist auf seinen bevorzugten Umgang mit Fakten[1] und seine besondere Schreibweise hin, die einen Analyseschwerpunkt in dieser Hausarbeit bildet. Döblins Roman[2] ist ein Novum für diese Zeit. Walter Benjamin (1972) weist darauf hin, dass „[…] selten auf solche Weise erzählt wurde, [und selten] so hohe Wellen von Ereignis und Reflex […] die Gemütlichkeit des Lesers […]“ (WALTER 1972, S. 232; Zus. v. J.P.) in Frage gestellt haben. Aufgrund des Stilprinzips der Montage, durch welches die Großstadt als Konglomerat aus verschiedenen Medien dargestellt wird, kann der Roman nur im Kontext der Intermedialität angemessen untersucht werden.

Im Mittelpunkt der Hausarbeit steht die Frage, wie Alfred Döblin durch die Darstellung der städtischen Thematik in seinem Roman ‚Berlin Alexanderplatz’ intermedial arbeitet. Um dieser Fragestellung nachgehen zu können, soll zunächst der Begriff der Intermedialität umrissen werden. Die Intermedialität nimmt im Hinblick auf die Literaturanalyse eine hervorragende Stellung ein, da die kulturelle Praxis der Literatur multimedial operiert und demzufolge intermediale Bezüge mitreflektiert werden müssen (vgl. PAECH 1998, S. 16). Die Auffassung von Intermedialität ist von der des Mediums abhängig, daher soll vorerst der Begriff des Mediums erläutert werden. Daraufhin wird der Begriff der Intermedialität aus literatur- sowie aus medienwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Die literaturwissenschaftliche Perspektive ist notwendig, da sich die Intermedialität aus der Intertextualität entwickelt hat und der Gegenstand der Hausarbeit der Roman ‚Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf’, also die Literatur, ist. Durch die medienwissenschaftliche Perspektive soll ein weiteres Verständnis von Intermedialität eröffnet werden, da die Intermedialität vor allem ein Thema der Medienwissenschaft ist. Ferner ist die Medienforschung auch in der Literaturwissenschaft von besonderer Bedeutung, da nur so mediale Besonderheiten vor einem nicht-medienbezogenen Hintergrund sichtbar gemacht werden können (vgl. HICKETHIER 1988, S. 66).

Im darauffolgenden Kapitel wird die Verarbeitung der städtischen Thematik in Döblins ‚Berlin Alexanderplatz’ untersucht. Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht vor allem die von Döblin verwendete Montagetechnik. Sein Roman wird aufgrund der montageartigen Darstellung auch als „Montageroman“ (KELLER 1980) bezeichnet. Darüber hinaus soll der Roman hinsichtlich der einmontierten Zitate und der Verwendung der Sprache, vor allem der filmischen Schreibweise, überprüft werden. Bei der Analyse werden Döblins Theorien über die Epik immer wieder besondere Beachtung finden.

Im letzten Kapitel werden die ersten beiden Kapitel aufeinander bezogen, um der Frage, wie Döblin in seinem Roman intermedial arbeitet, nachgehen zu können. Zum einen wird hierbei auf der Grundlage der Beschreibung des Medienbegriffs dargelegt, inwiefern die Großstadt Berlin als Medium bzw. als Konglomerat aus verschiedenen Medien begriffen werden kann, oder lediglich ein Sinnbild für das menschliche Kollektiv darstellt. Zum anderen werden die Besonderheiten von Döblins Schreibweise auf die Konzepte der Intermedialität bezogen und erarbeitet, inwiefern Döblins Schaffen als intermedial bezeichnet werden kann.

In der Schlussbetrachtung werden abschließend die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst sowie die Besonderheiten des Romans noch einmal hervorgehoben.

2. Der Begriff der Intermedialität

Die Intermedialitätsforschung bildet ein breites Feld mit unterschiedlichen Konzepten, Ansätzen und Auffassungen von Intermedialität[3]. Der Begriff der Intermedialität dient häufig als „‚Sammelbegriff’“ (RAJEWSKY 2004, S. 10), der auf unterschiedlichen Ebenen verwendet wird (vgl. ebd., S. 10). Ochsner und Grivel weisen darauf hin, dass sich noch immer die Frage stellt, was mit dem Begriff ‚Intermedialität’ tatsächlich gemeint ist (vgl. OCHSNER/GRIVEL 2001, S. 4). Auch der ihr zugrunde liegende Begriff des Mediums lässt sich nicht klar definieren. Je nachdem auf welcher Ebene der Begriff des Mediums angesiedelt ist, wirkt sich dies auf die Beschreibung des Phänomens der Intermedialität aus (vgl. FÜGER 1998, S. 42). Daher soll im Folgenden zunächst der Begriff des Mediums umrissen werden, um anschließend auf den Begriff der Intermedialität einzugehen. Dieser wird zum einen aus der literaturwissenschaftlichen, und zum anderen aus der medienwissenschaftlichen Perspektive beleuchtet, um das Phänomen der Intermedialität möglichst umfassend begreifen zu können.

2.1 Was ist ein Medium?

Der Begriff des[4] Mediums ist einerseits ein Terminus in verschiedenen Wissenschaften, und andererseits ein alltagssprachlicher Begriff[5] mit unterschiedlichen Bedeutungen (vgl. HOFFMANN 2002, S. 11). Das Wort ‚Medium’ kommt aus dem Lateinischen und wurde als substantivierte und neutrale Form des Adjektivs ‚medius’ ins Deutsche übernommen. Das Adjektiv ‚medius’ bedeutet übersetzt so viel wie ‚in der Mitte von, vermittelnd’. Etymologisch verwandt ist das Wort Medium unter anderem mit dem deutschen Wort ‚Mitte’ (vgl. MOCK 2006, S. 185)[6]. Medium hat demnach vor allem eine Vermittlerfunktion. Nach Mock ist die Bedeutung von „‚Medium’ als Kommunikationsmittel“ (ebd., S. 185) seit dem 20. Jahrhundert die gebräuchlichste. Der Begriff Medium wird im Sprachgebrauch überwiegend im Plural als ‚die Medien’ verwendet[7]. Im Hinblick auf die Massenkommunikation werden Medien als „technische Verbreitungsmedien verstanden“ (HICKETHIER 1988, S. 52). Aus dieser Definition fallen allerdings jegliche Medien, wie unter anderem auch das ‚Medium Literatur’[8], heraus. Demnach erweist sich der massenkommunikationstheoretisch definierte Medienbegriff als zu eng gefasst (vgl. ebd., S. 53). Eine weitere in der Literatur gebräuchliche Definition sieht „das ‚Medium’ als Informationsträger bzw. –vermittler, [das] ‚Informationen’ von einem ‚Erzeuger’ zu einem ‚Empfänger’ [transportiert]“ (MÜLLER 1994, S. 127). Auch bei dieser Definition steht die technische Informationsumwandlung im Vordergrund. Ein enger Medienbegriff, unter dem lediglich technische Kommunikationsmittel als Medien zu verstehen sind, erweist sich als unzureichend, da er wesentliche Dimensionen nicht erfasst (vgl. STAIGER 2007, S. 61). Nach Hickethier muss demnach eine Einbettung der Medien in die Gesellschaft erfolgen. Die Medienwissenschaft macht hierbei nicht die Gesellschaft als Ganzes zu ihrem Gegenstand, „[…] sondern die Besonderheiten dieser Kommunikation am Gegenstand der dabei benutzten medialen Produkte […]“ (HICKETHIER 1988, S. 54). „Als Medium gelten hier […] [demnach] einerseits der technische und sozio-ökonomische Distributionsapparat […], mit dem Nachrichten einem Publikum vermittelt werden (z.B. die Medien Buch, Illustrierte), andererseits aber auch die besonderen Ausdrucksmittel eines Kodes […]“ (NÖTH 1985, S. 131; Zus. v. J.P.).

In der Medien- und Kommunikationswissenschaft stehen die Auswirkungen auf die Struktur des Vermittelten sowie die Bedeutungskonstitution aufseiten des Produzenten und Rezipienten im Mittelpunkt der Betrachtung (vgl. MÜLLER 1994, S. 127). Diese Grundüberzeugung geht auf Marshall McLuhans Aussage „the medium is the message“[9] (zit. n. MOCK 2006, S. 187) zurück. Medien werden als notwendige Mittel der Kommunikation betrachtet und bilden demnach die Grundlage jeglicher Transfer- und Konstruktionsleistung. Mock nennt für das Medium als Mittel der Kommunikation drei Grundverständnisse. Das Medium dient hierbei zum einen als Mittel der Wahrnehmung, worunter physikalische Medien bzw. Kontaktmaterien, wie zum Beispiel die Luft, fallen, und zum anderen als Mittel der Verständigung, wie zum Beispiel die mündliche und die schriftliche Sprache. Nach dieser Auffassung ermöglichen es Zeichen und Zeichensysteme erst, Bedeutungen in wahrnehmbare Signale zu übersetzen, denen sich dann konventionalisierte Bedeutungen zuordnen lassen. Zuletzt nennt Mock das Medium als Mittel der Verbreitung, womit er sich auf den technischen Medienbegriff und somit auf Medien, wie zum Beispiel den Fernseher oder den Computer, bezieht. Darüber hinaus kann der Begriff der Medien auch für eine Form von Kommunikation stehen. Medien sind dabei Verwendungsweisen bestimmter Kommunikationsmittel, die kommunikative Zwecke erfüllen. Sie sind in diesem Sinne Formen der institutionalisierten und sozialen Verwendung von Mitteln der Kommunikation, wie zum Beispiel der Brief oder die Zeitung (vgl. ebd., S. 189ff.).

Die literatur- und kulturwissenschaftliche Verwendung der Terminologie der Medien[10] zielt vor allem auf die ästhetischen sowie strukturellen Aspekte. So steht hier unter anderem die Veränderung des Erzählens durch die kameraästhetischen Möglichkeiten im Vordergrund (HICKETHIER 1988, S. 60).

Wichtig zu erwähnen ist abschließend, dass das, was als Medium bezeichnet wird, sich im historischen Verlauf grundlegend verändert. „Überlagerung und wechselseitige Durchdringung, Vermischung der Gestaltungsformen und Vermittlungsweisen prägen zunehmend die Entwicklung der Medien“ (HICKETHIER 1988, S. 56). Demnach sind Medien nach Hickethier nur im historischen Kontext der Gesellschaft zu bestimmen (vgl. ebd., S. 69). Diesen Aspekt greift Fohrmann auf und erweitert ihn dahin, dass er den Medienbegriff insgesamt als einen relationalen Begriff betrachtet. Die spezifischen Eigenschaften und Funktionen von Medien sind laut Fohrmann nur im Medienvergleich zu rekonstruieren, wobei der Vergleich von einer medialen Reflexion begleitet wird. Dabei geht er von einer fünfstelligen Relation bei der Medienbestimmung aus: „Ein Medium a läßt [!] sich bestimmen im Bezug auf ein Medium b, wobei man eine gemeinsame Bezugsgröße c benötigt. Der Vergleich findet ebenfalls in einem Medium (d) statt, das intrikaterweise in der Regel mit einem der verglichenen Medien identisch ist. Und der Vergleich vollzieht sich in einer Form (einem Text […] o. ä.) (e)“ (FOHRMANN 2004, S. 7). Die Begriffsbestimmung des Mediums ergibt sich nach Fohrmann demnach nicht aus einer Medienontologie[11]. Ferner knüpft er an Hickethier an, indem er davon ausgeht, dass die Vergleichparameter nur in einer Rahmung verwendbar sind, welche sich wiederum an den Prozessen kultureller und gesellschaftlicher Evolution orientieren. Fohrmann geht infolgedessen von der Annahme aus, dass der Medienbegriff als ‚black box’ verstanden werden kann und erst durch die Rahmung seine jeweilige Bestimmung erfährt. Er baut demnach den Medienbegriff nicht in eine bereits entwickelte Theorie ein, sondern untersucht die transzendentalen Bedingungen unter denen der Begriff der Intermedialität betrachtet wird (vgl. ebd., S. 6ff.).

„Ein mediales Produkt wird dann intermedial, wenn es das multimediale Nebeneinander medialer Zitate und Elemente in ein konzeptionelles Miteinander überführt, dessen (ästhetische) Brechungen und Verwerfungen neue Dimensionen des Erlebens und Erfahrens eröffnen“ (MÜLLER 1994, S. 128). Dieses ‚multimediale Nebeneinander’, die Intermedialität, wird in den folgenden Abschnitten näher betrachtet und aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

2.2 Intermedialität aus literaturwissenschaftlicher Perspektive

Schriftsteller entwickeln sich immer mehr zu ‚multimedialen Wortproduzenten’ (vgl. FOHRBECK/WIESAND 1972, S. 173). Die neuen Medien haben die Literaten erreicht. Auch Brecht weist auf den Einfluss der neuen technischen Medien auf die literarische Produktion hin. „Die Technifizierung der literarischen Produktion ist nicht mehr rückgängig zu machen“ (BRECHT 1963, S. 156). Die Intermedialität hat in die Literaturwissenschaft Einzug genommen. „Sprache und Literatur können aus kulturwissenschaftlicher Perspektive nicht mehr losgelöst von ihren Medien und ihrer Medialität betrachtet werden, weil kulturelle Praxis immer zugleich mediale Praxis bedeutet“ (STAIGER 2007, S. 102).

Nach Thomas Eichler verweist der Begriff Intermedialität „[…] auf mediale Brückenschläge, das Zusammenspiel verschiedener Medien“ (EICHLER 1994, S. 11). Wie der Begriff der Intermedialität aus literaturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet wird, soll im Folgenden dargelegt werden[12].

Rajewsky hat im Jahr 2000 eine Arbeit zur Intermedialität vorgelegt, die noch 2006 von Gudrun Marci-Boehncke als „Standardwerk“ (MARCI-BOEHNCKE 2006, S. 16) bezeichnet wird. Daher sollen im Folgenden zunächst die Grundgedanken von Rajewsky zur Intermedialität vorgestellt werden, bevor daran anschließend die Probleme dieser Auffassung erörtert werden sowie Ergänzungen von anderen Autoren vorgenommen werden. Rajewsky versucht in ihrer Arbeit, den Begriff der Intermedialität für den Deutschunterricht zu definieren und zu kategorisieren. Intermedialität im weiteren Sinne versteht Rajewsky „[…] als Hyperonym für die Gesamtheit aller Mediengrenzen überschreitende Phänomene“ (RAJEWSKY 2004, S. 12), bei denen mindestens zwei konventionell als distinkt wahrgenommene Medien involviert sind. Unter Intermedialität im engeren Sinne nimmt Rajewsky eine Differenzierung in drei verschiedene Subkategorien von Intermedialität vor. Sie unterscheidet dabei die Formen Medienkombination, Medienwechsel sowie die intermedialen Bezüge. Unter Medienkombination fasst Rajewsky die „punktuell oder durchgehende Kombination mindestens zweier konventionell als distinkt wahrgenommener Medien, die sämtlich im entstehenden Produkt materiell präsent sind“ (ebd., S. 20). Das heißt, dass Intermedialität hier als kommunikativ-semiotischer Begriff verwendet wird, der auf der Addition von mindestens zwei medialen Systemen beruht. Ein Beispiel für die Medienkombination ist das Kunstlied, bei dem das Medium Musik sowie das Medium Lyrik ohne klare Dominanz kombiniert werden. Im Hinblick auf die Medienkombination beschäftigt sich die Forschung vor allem mit den Formen sowie Funktionen der Kombination der verschiedenen Medien sowie mit der Bedeutungskonstitution innerhalb eines medialen Systems (vgl. ebd., S. 12ff.). Der Medienwechsel beruht auf der „Transformation eines medienspezifisch fixierten Produkts in ein anderes, konventionell als distinkt wahrgenommenes Medium“ (ebd., S. 20), wobei im Gegensatz zur Medienkombination nur letzteres in seiner Materialität präsent ist. Der Begriff der Intermedialität weist in diesem Sinne eine produktionsästhetische Orientierung auf. Ein Beispiel für den Medienwechsel ist die Literaturverfilmung, bei der die Literatur in den Film transformiert wird, zuletzt jedoch nur der Film in seiner Materialität präsent ist. Die Intermedialitätsforschung beschäftigt sich hinsichtlich des Medienwechsels vor allem mit den Veränderungen und Kontinuitäten, die durch diesen hervorgerufen werden sowie mit der unterschiedlichen Strukturierung im Zielprodukt (vgl. ebd., S. 15ff.). Die letzte Subkategorie der Intermedialität im engeren Sinne sind die intermedialen Bezüge, also der Bezug eines Mediums auf ein bestimmtes Produkt eines anderen Mediums (Einzelreferenz) oder auf ein oder mehrere Subsystem(e) eines anderen Mediums (Systemreferenz)[13]. Beim intermedialen Bezug ist im Gegensatz zur Medienkombination und zum Medienwechsel nur ein Medium beteiligt und nur ein Medium in seiner Materialität präsent. Die Strukturen des anderen Mediums werden mit den eigenen Mitteln lediglich simuliert. Das intermediale Verfahren muss demnach so markiert sein, dass es vom Leser als Rekurs auf ein anderes Medium wahrgenommen wird. Probleme können hinsichtlich der Markierungen entstehen, wenn die Identifizier- und Nachweislichkeit der intermedialen Bezüge nicht gegeben ist. Ein Beispiel für einen intermedialen Bezug ist die filmische Schreibweise[14]. Der Autor schreibt als ob er über die Instrumente des Filmes verfügen würde und evoziert somit die Strukturen des Mediums ‚Film’[15]. Rekursverfahren dieser Art können metamediale Reflexionsräume schaffen und sind für die Bedeutungskonstitution sowie die Analyse, zum Beispiel von Texten, von besonderer Relevanz (vgl. ebd., S. 16ff.).

Rajewsky nähert sich dem Begriff der Intermedialität aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive. Bei ihrer Kategorisierung geht es vor allem um Intermedialität in und mit Texten, wohingegen offen bleibt, was ein Medium ist (vgl. ebd., S. 26). Dies könnte unter anderem auf das Defizit von umfassenden Reflexionen zum Medienbegriff in der Literaturwissenschaft hinweisen (vgl. STAIGER 2007, S. 116).

Gudrun Marci-Boehnckes Auffassung lässt sich an Rajewskys Definition von Intermedialität anschließen, da sie Rajewskys Kategorien aufgreift und diese um die Rezipientensicht erweitert. Sie geht der Frage nach, was in der Wahrnehmung von intermedialen Texten neu entsteht, was in Einzelmedien[16] nicht vorhanden ist. Sie untersucht infolgedessen das Spezifische der intermedialen Rezeption und geht davon aus, dass der Rezipient für die Frage der Medialität konstitutiv ist (vgl. MARCI-BOEHNCKE 2006, S. 22f.). Im Gegensatz zu Rajewsky geht Gudrun Marci-Boehncke von einem erweiterten, semiotischen Textbegriff[17] aus. Ferner setzt sie die aktive Beteiligung des Rezipienten an der Konstitution der Textbedeutung voraus, um die „Leerstellen“ (ebd., S. 19) im Text zu schließen. An diesen Leerstellen kann nach Marci-Boehncke das andere Medium ansetzen, um zum Beispiel durch die Literaturverfilmung die Bilder auszufüllen (vgl. ebd., S. 18f.). Marci-Boehncke spricht sich durch die Wahl eines weiten Textbegriffs, der auch nichtsprachliche Medienprodukte mit einschließt (vgl. STAIGER 2007, S. 107), dagegen aus, die Intertextualität unter die Intramedialität[18] zu subsumieren (vgl. RAJEWSKY 2004, S. 20). Der Begriff der Intertextualität ist nach ihr weiterhin als ‚eigenständiger Begriff’ notwendig, um einen Text in Bezügen zu anderen Texten besser zu verstehen. Im Gegensatz zur Intertextualität konstituiert sich die Intermedialität erst durch den Rezipienten. Darüber hinaus legt Marci-Boehncke im Gegensatz zu Rajewsky eine Definition von Medium vor, die sie allerdings nicht konkret ausführt oder reflektiert. Marci-Boehncke bezieht sich auf den semiotischen Medienbegriff, dessen Auffassung nach sich „[…] Medien als Zeichensysteme […] verstehen [lassen], die Geistiges vermitteln“ (MARCI-BOEHNCKE 2006, S. 20; Zus. v. J.P.)[19]. Demnach unterliegen Medien der Deutung durch den Rezipienten. Je nach Zeichenpräsentation im jeweiligen Medium, wird die Bedeutung, als Ergebnis eines Interpretationsprozesses, vom Rezipienten bestimmt. „Intermedial ist eine solche Präsentation, wenn im Zeichensystem des Mediums ein anderes Medium oder ein Medienprodukt eines anderen Mediensystems in irgendeiner Weise präsent ist“ (ebd., S. 21). Im Hinblick auf die Präsenzformen verweist Marci-Boehncke auf die Einteilung von Rajewsky (vgl. ebd., S. 20ff.).

[...]


[1] Ziolkowski erklärt, dass Döblin von Fakten fasziniert war, und dass diese auch in seinen Roman ‚Berlin Alexanderplatz’ eingingen (vgl. ZIOLKOWSKI 1980, S. 128). Allerdings weist Döblin in seiner Theorie ‚Bau des epischen Werkes’ darauf hin, dass es nicht genügt, die Fakta „[…] aus den Zeitungen zu stehlen und in […] [die] Werke einzurühren […]“ (DÖBLIN 1989b, S. 115; Zus. v. J.P.). Vielmehr sollte der Autor selbst Faktum sein, um sich in seinem Werk frei bewegen zu können. Im Epischen soll er den Darstellungsmöglichkeiten folgen können, nach denen sein Stoff verlangt. Ein guter Autor lässt nach Döblin „[…] im Epischen die Zwangsmaske des Berichts fallen […]“ (ebd., S. 115) und bewegt sich in seinem Werk so, wie er es für nötig hält (vgl. ebd., S. 115).

[2] In der Literatur lässt sich eine Diskussion dahin verzeichnen, ob der Roman ‚Berlin Alexanderplatz’ ein Großstadtroman (vgl. z.B. Koopmann 1983, S. 77) oder ein Bildungsroman (vgl. z.B. Benjamin 1972, S. 236) ist. Einen wichtigen Beitrag zur gattungspoetologischen Diskussion liefert Susanne Ledanff (1981) in ihrem Artikel ‚Bildungsroman versus Großstadtroman’. In dieser Hausarbeit wird in Anschluss an Becker davon ausgegangen, dass Döblins Roman sowohl ein Großstadt- als auch ein Bildungsroman ist (vgl. Becker 1993, S. 311). Ferner sei darauf hingewiesen, dass Döblin sein Buch ‚Die Geschichte vom Franz Biberkopf’ betitelt und somit die Frage nach der Gattung bewusst vermeidet. Schwimmer weist darauf hin, dass Begriffe wie ‚Geschichte’ und ‚Buch’ (Döblin teilt seine Geschichte in neun Bücher ein) Döblins Bemühungen akzentuieren, möglichst sachlich zu schreiben und das Fiktive, Erfundene zugunsten der Realität, der „nüchternen Faktizität“ (SCHWIMMER 1973, S. 35) auszuschalten. Zudem verdeutlicht die Vermeidung des Begriffs ‚Roman’ Döblins Neigung zum Epischen (vgl. ebd., S. 35). Auffallend ist jedoch, dass in der Taschenbuchausgabe vom dtv (2007) das Deckblatt mit ‚Alfred Döblin : Berlin Alexanderplatz : Roman’ betitelt ist, und somit Döblins Kritik am damaligen Roman (vgl. DÖBLIN 1989b, S. 217ff.) bei der Verwendung des Begriffs ‚Roman’ mitgedacht werden muss. Dies wird bei der Verwendung des Begriffs Roman in den folgenden Ausführungen vorausgesetzt.

[3] Für einen Überblick über die Entwicklung der Intermedialitätsdebatte sei hier auf Rajewsky verwiesen (vgl. RAJEWSKY 2004, S. 8-12).

[4] Bei der Darstellung einiger Mediendefinitionen soll es in dieser Hausarbeit nicht um Vollständigkeit gehen, sondern vielmehr um eine Veranschaulichung der Spannbreite medientheoretischer Bemühungen. Aufgrund der Heterogenität und Inkohärenz der Ansätze soll eine Auswahl getroffen werden, die für die weitere Betrachtung als notwendig erscheint.

[5] Auf den alltagssprachlichen Begriff soll hier nicht näher eingegangen werden. Der Schwerpunkt liegt auf dem Begriff des Mediums in den verschiedenen Wissenschaften, da nur dieser für die Frage, ob die Großstadt in Döblins Berlin Alexanderplatz als Medium angesehen werden kann, relevant ist.

[6] Einen Überblick über die Geschichte des Medienbegriffs sowie über den lexikalischen Bedeutungswandel des Medienbegriffs gibt Hoffmann (2002) in seinem Buch ‚Geschichte des Medienbegriffs’, S. 9ff. Auf die Geschichte des Medienbegriffs soll hier nicht näher eingegangen werden, da der Roman ‚Berlin Alexanderplatz’ in den Jahren 1927 bis 1929 entstand (vgl. SCHRÖTER 1978, S. 93), und der Begriff des Mediums vor dieser Zeit daher keine Relevanz für die Fragestellung hat.

[7] So liegen zum Beispiel im Wortschatzlexikon der Universität Leipzig die Häufigkeitsangaben bei Medium bei 3353 und bei Medien bei 19041. Die Zahlen geben an, wie häufig das Wort bei der der Datenbank zugrunde liegenden Analyse gesehen wurde und weisen infolgedessen darauf hin, dass das Wort Medien um 70 % häufiger verwendet wird als das Wort Medium (vgl. WÖRTERBUCH DICT.UNI-LEIPZIG.DE 2007).

[8] Es sei darauf verwiesen, dass es in den Literaturwissenschaften heterogene Positionen und unterschiedliche Antworten auf die Frage nach der Literatur als Medium gibt. Je nach Medienbegriff werden der Literatur mediale Dimensionen zugeschrieben oder nicht (vgl. STAIGER 2007, S. 114).

[9] Das Medium bleibt dabei als message unsichtbar. McLuhan fordert, dass die Medien daher als Systeme aufgefasst werden müssen, da „[…] der Inhalt eines Mediums immer [bereits] ein anderes Medium[, also intermedial,] ist“ (zit. n. BICKENBACH 2004, S. 123; Zus. v. J.P.).

[10] Die Auseinandersetzung mit den Medien in der germanistischen Sprach- und Literaturwissenschaft mündete in eine bis heute andauernde Debatte um ihre Öffnung gegenüber den Medien. Die Diskussion spannt sich zwischen denen, die die neuen Medien als Gefahr für die Literatur ansehen und denen, die eine Neuorientierung der Sprach- und Literaturwissenschaft als Medienwissenschaft fordern auf (vgl. STAIGER 2007, S. 91ff.).

[11] Eine nähere Auseinandersetzung mit der Medienontologie erfolgt in Abschnitt 2.3 durch die Darlegung des Intermedialitätsbegriffs von Jens Schröter.

[12] Es sei darauf verwiesen, dass die Ausführungen zur Intermedialität aus literatur- sowie aus medienwissenschaftlicher Perspektive keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern nur einen Ausschnitt aus der derzeitigen Intermedialitätsdebatte darstellen. Zur Geschichte des Intermedialitätsbegriffs sei hier auf Jürgen E. Müller (1998) verwiesen.

[13] Beispiele zur Einzel- sowie zur Systemreferenz erfolgen im vierten Kapitel.

[14] Eine differenziertere Darstellung der filmischen Schreibweise wird im dritten Kapitel vorgenommen.

[15] Den intermedialen Bezügen weist Rajewsky daher einen „‚Als ob’-Charakter“ (RAJEWSKY 2004, S. 27) zu.

[16] Der Begriff der Einzelmedien ist nach Staiger problematisch geworden, da nach ihm „[…] die Zeit der klar voneinander abgrenzbaren Einzelmedien vorüber ist“ (STAIGER 2007, S. 68).

[17] Unter Texten versteht Marci-Boehncke „[…] alle symbolisch verfassten Produkte des Menschen, in denen Bedeutungen auf zeichenhafte, symbolische oder ikonische Weise präsent werden“ (MARCI-BOEHNCKE 2006, S. 18).

[18] Unter Intramedialität versteht Rajewsky Phänomene, die nur ein Medium involvieren (vgl. RAJEWSKY 2004, S. 13).

[19] vgl. Abschnitt 2.1 Mocks Auffassung von Medium als Mittel zur Verständigung.

Details

Seiten
36
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640162710
ISBN (Buch)
9783640164240
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114945
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,0
Schlagworte
Alfred Döblin Darstellung Thematik Roman Berlin Alexanderplatz Geschichte Franz Biberkopf

Autor

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