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Christa Wolfs "Medea. Stimmen": Eine feministische Interpretation

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Matriarchat - Patriarchat
2.1 Begriffsklärung: Matriarchat
2.2 Kolchis und Korinth

3 Medeas Entwicklung zur bösen Hexe
3.1 Medea, die Kindsmörderin
3.2 Der Mord an Apsyrtos
3.3 Medea und Jason
3.4 Die Intrigen gegen Medea

4 Schluss

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1996 erscheint Christa Wolfs Roman Medea. Stimmen. Die Autorin, die 1929 im ostdeutschen Landsberg a. d. Warthe geboren wurde, interpretiert den Medea-Mythos auf feministische Art und Weise neu, wobei sie die männliche Kolonisierungsgeschichte kritisiert, die aus dem Mythos das machte, was wir heute noch von ihm kennen: die Geschichte einer schwarzen Magierin, die zahlreiche Verbrechen begeht und ihre Kinder umbringt. Sie versucht zu zeigen, dass der Mythos instrumentalisiert wurde, um die Herrschaftsstrukturen des Patriarchats zu festigen. Um erzählen zu können, wie es wirklich gewesen ist – so weit man bei einem Mythos von einem Wirklichkeitsanspruch sprechen kann – versucht sie in die tiefen Schichten einzutauchen, den Kern aus den zahlreichen Bearbeitungen herauszuschälen. Bei ihren Recherchen findet sie u. a. Unterstützung von der Anthropologin Heide Göttner-Abendroth. Der Roman zeigt, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, um ihre Macht zu sichern, und dass Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird. Medea, die als moralische und hilfsbereite Person dargestellt wird, wird zum Sündenbock, zum Opfer, das sich gegen Verleumdungen und Intrigen nicht wehren kann. „Sie haben aus jedem von uns den gemacht, den sie brauchen“, sagt Medea zu Jason. „Aus dir den Heroen, und aus mir die böse Frau“[1]

Die vorliegende Arbeit geht in diesem Zusammenhang auf Medeas Herkunft ein, die in vielem einen Gegensatz zum patriarchalen Korinth darstellt, was erklärt, warum Medea dort immer eine Fremde bleibt. Des Weiteren werden wichtige Motive behandelt, die in der Rezeptionsgeschichte immer wieder aufgegriffen wurden, wie zum Beispiel das der Kindsmörderin. Denn all diese Aspekte behandelt auch Christa Wolf, weist ihnen allerdings eine andere Bedeutung zu, die die Gestalt der Medea schließlich in einem vollkommen anderen Licht erscheinen lässt.

2 Matriarchat - Patriarchat

Obwohl darüber immer noch keine Einigkeit herrscht, wird heute von vielen Forschern davon ausgegangen, dass die Menschheit über die meiste Zeit in einem Matriarchat, beziehungsweise zumindest in einer Gesellschaftsform mit starken matriarchalen Strukturen, lebte. In Medea. Stimmen stellt Christa Wolf mit Kolchis eine Kultur im Übergang zum Patriarchat und mit Korinth eine Stadt dar, die bereits patriarchalisiert ist. Daher weisen beiden einige Gemeinsamkeiten, aber auch zahlreiche Unterschiede auf. Zuvor soll noch auf eine genauere Definition des Matriarchatsbegriffs eingegangen werden.

2.1 Begriffsklärung: Matriarchat

Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth definiert den Begriff Matriarchat auf vier verschiedenen Ebenen. Dabei betont sie, dass Matriarchat nicht als Gegenteil von Patriarchat, also „Herrschaft der Väter“, gesehen werden darf, sondern dass das Wort arché auch mit „Anfang“ übersetzt werden kann, und somit die Bezeichnung „Am Anfang die Mütter“ den Sinn vielmehr trifft.

Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate Ausgleichsgesellschaften, was bedeutet, dass es nicht um Akkumulation von Gütern, sondern um eine gerechte Verteilung geht. Die Frauen haben die Kontrolle über die wesentlichen zum Leben notwendigen Güter, wie Nahrungsmittel, Felder und Häuser. Eine Clanmutter wacht zudem über den Schatz der Familie.

Auf der sozialen Ebene handelt es sich um Verwandtschaftsgesellschaften, die durch Matriliniarität und Matrilokalität gekennzeichnet sind. Durch die Einheirat in andere Clans vergrößert sich die verwandtschaftliche Ausdehnung und es entstehen egalitäre und miteinander solidarische Verbandsgruppen. Die Männer bleiben meist auch nach der Hochzeit im Haus ihrer Herkunftsfamilie, ziehen also nicht zu ihrer Frau, weshalb sie die soziale Vaterschaft für die Kinder der Schwestern übernehmen.

Die politische Ebene lässt Matriarchate als egalitäre und friedliche Konsensgesellschaften erkennen. Entscheidungen werden innerhalb des Clanhauses einstimmig beschlossen. Geht es um Entscheidungen für das ganze Dorf, so sendet jedes Haus einen Abgeordneten, der die Interessen des Clans vertritt. So sollen Hierarchien und die Ausbildung von Machtgefällen, sei es zwischen den Geschlechtern oder Generationen, vermieden werden.

Auf der denkerisch-weltanschaulichen Ebene lassen sich Matriarchate als sakrale Gesellschaften charakterisieren. Es gibt kein dualistisches Denken. Die Menschen sehen sich als Teil der Natur, die allgemein als heilig gilt. Es handelt sich um Göttinnen-Kulturen. Die Göttin steht für das Leben, den Tod und die Wiedergeburt, an die geglaubt wird. Auch das hohe Ansehen der Frauen lässt sich damit erklären, dass sie es sind, die die Verstorbenen wieder auf die Welt bringen.[2]

Was den Kultur- und Strukturbruch auslöste, die das Patriarchat entstehen ließen, kann nicht eindeutig gesagt werden. Eine Theorie ist, dass es immer schon patriarchale Stämme gegeben hat, die die friedlichen matriarchalen Stämme unterwarfen, oder dass das sich ausbreitende Wissen über den Zusammenhang von Zeugung und Geburt die Frauen entmachtete. Es wurde den Männern zum Anliegen sicher zu gehen, dass ihre Frauen ihnen treu waren, um Gewissheit zu haben, welche Kinder wirklich von ihnen sind, was bei der Vererbung von Besitz eine Rolle spielt.

Wie Christa Wolf ist auch Böttcher, der Autor von Die große Mutter. Zeugungsmythen der Frühgeschichte davon überzeugt, dass vor den Königen Königinnen regiert haben, die den Thron nach ihrem Tod ihren Töchtern überlassen haben. Die Frauen waren also die Erbinnen und Familienoberhäupter. Verbunden mit der Erkenntnis, dass der Mann an der Zeugung beteiligt ist, wird er sich seiner körperlichen Überlegenheit bewusst. So erklärt sich Böttcher die Entwicklung hin zur Vormachtstellung des Mannes, die mit einer Umwertung der Werte rasend schnell einherging.[3] Alles worauf sich das Leben der Menschen gründete - Religion, Tradition, Erfahrung - schien nun keine Gültigkeit mehr zu haben. Man wusste nicht, wie der Mann an der Zeugung der Kinder beteiligt war, sondern nur, dass er es war. Es entstand ein neues Mysterium, ein Zauber, über den man nur spekulieren konnte. Schrittweise wurde aus der Muttergöttin ein Vatergott, der ihre wichtigste Eigenschaft, nämlich Leben zu spenden, übernahm. Dies ging einher mit einer allgemeinen Aufwertung des Mannes und einer Abwertung der Frau und ihrer Eigenschaften.

2.2 Kolchis und Korinth

Medea stammt aus Kolchis, dem östlichsten Teil der damaligen Welt, das von ihrem Vater Aietes regiert wird. Kolchis wird im Umbruch vom Matriarchat ins Patriarchat gezeigt, und zwar im dritten Jahrtausend vor Christus. Christa Wolf hat diesen Übergang, der in etwa 2500 Jahre in Anspruch genommen hatte, auf eine Generation zusammengezogen. Die weiterhin existenten matriarchalen Züge werden vor allem im Vergleich zwischen Kolchis und Korinth, das bereits patriarachalisiert ist, deutlich.

Das Weltbild der Kolcher entspricht dem einer sakralen Gesellschaft.

Man erfährt, dass bei ihnen männliche Leichen an Bäumen aufgehängt werden, damit Vögel das Fleisch von den Knochen picken können. Für die Wiedergeburt würde die Göttin die Zerstückelten wieder zusammensetzten. Diese Art, mit den Verstorbenen umzugehen, entspricht der Vorgehensweise, die in dem jungsteinzeitlichen matriarchalen Dorf Catal Hüyük im heutigen Nordanatolien üblich war.

Die Korinther, die nicht an Wiedergeburt glauben, und ihre Verstorbenen in einer prachtvoll angelegten Gräberstadt bestatten, finden diese Sitte barbarisch.

Die Kolcher halten sich des Weiteren in ihren Hütten Schlangen, was in Korinth nicht verstanden wird, denn „die Veränderung dieses Symbols im Laufe der Zeit geht mit dem Verschwinden der Göttinnenreligionen und dem Aufkommen patriarchaler Religionen einher.“[4] Deshalb kennen die Korinther die Bedeutung der Schlange, die als Symbol der Geburt und der Wiedergeburt gilt, nicht mehr.

Obwohl sie sich für so zivilisiert halten, wird der Mord an der Königstochter billigend in Kauf genommen, da er einer höheren Sache, nämlich der Herrschaftssicherung des Kreon, dient. Während Aietes Medea bei den Totenritualen für ihren Bruder nicht in Gesicht blicken kann, heißt es von Kreon:

„Dieser König hier hat keine Gewissensbisse, wenn er seine Macht auf einen Frevel gründet, er sieht jedem frech ins Gesicht.“[5]

Laut Akamas, der Medea die Moral der Korinther erklärt, sei das gut, was nützlich ist; der Zweck heiligt also die Mittel, eine Einstellung, die Medea, als Vertreterin der Kolcher, nicht teilt, wie sich Akamas erinnert:

[...]


[1] Wolf, Christa: Medea. Stimmen. München2 1998. S. 52.

[2] Göttner-Abendroth, Heide: Moderne Matriarchatsforschung. Ihre Ergebnisse und ihre Aktualität. Quelle: http://www.goettner-abendroth.de/de/index.php?page=matriarchat.

[3] Vgl. Böttcher, Helmut M.: Die große Mutter. Zeugungsmythen der Frühgeschichte. Düsseldorf 1968. S. 59.

[4] Mann, A.T.; Jane Lyle: Mystische Sexualität. Wettswil2 1997. S. 18.

[5] Wolf: Medea: S. 96.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640162642
ISBN (Buch)
9783640164172
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114935
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft / Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Christa Wolfs Medea Stimmen Eine Interpretation Seminar Medearezeptionen Antike Gegenwart

Autor

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