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Schöpferische Musiktherapie mit traumatisierten Menschen im Kontext anthroposophisch orientierter Psychiatrie

Masterarbeit 2008 99 Seiten

Medizin - Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundbegriffe und Geschichte
2.1. Traumatologie
2.1.1. Trauma und Traumafolgen
2.1.2. Psychotherapeutische Traumatologie
2.2. Musiktherapie
2.2.1. Schöpferische Musiktherapie
2.2.2. Anthroposophische Musiktherapie
2.3. Anthroposophie
2.3.1. Die anthroposophische Begriffswelt
2.3.2. Die anthroposophische Psychiatrie und Heilkunst
2.4. Zusammenfassung

3. Der Mensch in Krankheit und Gesundheit
3.1. Das Menschenbild der Traumatologie
3.2. Das Menschenbild der Schöpferischen Musiktherapie
3.3. Das Menschenbild der Anthroposophie
3.4. Zusammenfassung

4. Therapeutische Handlungsstrategien
4.1. Methodik der Psycho-Traumatologie
4.1.1. Das PITT®-Modell
4.1.2. Das KReST-Modell
4.1.3. Das EMDR-Modell
4.2. Methodik der Schöpferischen Musiktherapie
4.2.1. Improvisation
4.2.2. Form und Freiheit
4.2.3. Das Verhältnis von Therapeut und Patient
4.3. Methodik der Anthroposophie
4.3.1. Kunst als Heilmittel
4.3.2. Erkenntnis, Inkarnation und Entwicklung
4.4. Zusammenfassung

5. Zusammenschau
5.1. Theoretische Implikationen
5.2. Praktische Implikationen
5.2.1. Ganzheitliche Diagnostik
5.2.2. Stabilisierung durch Erfahrungsorientierung
5.2.3. Integrationskräfte

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Titel dieser Arbeit enthält kein Fragezeichen. Er ist zunächst einmal eine Arbeitsplatzbeschreibung. Im Rahmen meines Studiums der Schöpferischen Musiktherapie an der Universität Witten-Herdecke hatte ich die Möglichkeit, mit erwachsenen Patienten in der Psychiatrischen Tagesklinik Witten des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke in Einzeltherapien zu arbeiten. Der weltanschauliche und methodische Ansatz des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke und der Psychiatrischen Tagesklinik basiert auf der anthroposophisch erweiterten Medizin. Dieser Ansatz wird in der praktischen Arbeit an der Tagesklinik besonders im Umgang mit und im Blick auf den Patienten deutlich. Diagnose und therapeutische Indikation werden in Fallbesprechungen evaluiert. Im interdisziplinären Team aus Pflegenden, Ärzten, Psychologen und Kunsttherapeuten wird ein gemeinsamer Blick auf den Patienten gerichtet, um diesen ganzheitlich zu erfassen. Ganzheitlich nicht nur in der Vereinigung unterschiedlicher, berufsspezifischer Perspektiven, sondern auch ganzheitlich aus dem zugrunde liegenden, anthroposophischen Menschenbild selbst heraus.

Die Patienten der Tagesklinik kommen mit Symptomen von generalisierter Angst, Panikattacken, Depression, bipolarer Störung, Borderline- Persönlichkeit, latenter Suizidalität, selbstverletzendem Verhalten und Substanzmissbrauch. Aus den Biographien der Patienten zeigt sich, dass eine Mehrheit traumatische Erfahrungen von Gewalt und sexuellem Missbrauch gemacht hat. Obwohl in der psychound kunsttherapeutischen Behandlung der Patienten primär symptomund gegenwartsbezogen gearbeitet wird, muss doch immer mitgedacht werden, dass es sich um Arbeit mit traumatisierten Menschen handelt. Der Umgang mit der gegenwärtigen Symptomatik und die biographische Arbeit mit dem Patienten hat so eine Dimension, die sich in der therapeutischen Situation nicht auf eine funktionale Reintegration in den Arbeitsmarkt beschränken lässt. Aspekte der traumatisierten Persönlichkeit zeigen sich in jeder Begegnung und stellen Ärzte und Therapeuten vor die Aufgabe, ihr Tun und Lassen im Kontext der Anforderungen ihrer Arbeitssituation und den Erkenntnissen der Psycho-Traumatologie zu reflektieren.

Diese Reflexion basiert auf der Geschichte, Methodik und dem Menschenbild der jeweils eigenen ›Schule‹, nach der man arbeitet. Im Titel dieser Arbeit kommen drei Begriffe zusammen, die als solche Denkschulen einen Bogen quer durchs 20. Jahrhundert spannen. Die Anthroposophie als philosophisch-praktische Bewegung zum Beginn, die Anfänge der klinischen Musiktherapie ungefähr zur Mitte und die Herausbildung einer Psycho-Traumatologie zum Ende des 20. Jahrhunderts markieren die Eckpfeiler dieser theoretisch reflektierenden Arbeit und bringen umfängliche und höchst unterschiedliche Wissensund Wissenschaftsbereiche miteinander in Verbindung. Philosophie, Spiritualität, Kosmologie, Musiktheorie, Musiksoziologie, Psychologie, Medizin, Neurobiologie und Kommunikationswissenschaft wären nur einige Kernbereiche, aus denen sich das therapeutische Selbstverständnis speist, mit dem man mit traumatisierten Patienten arbeitet.

An dieser Stelle zeigen sich zwei Dinge: Erstens offenbaren sich durch den Ansatz einer theoretischen Reflexion im Titel dieser Arbeit doch (fast unendlich viele) Fragezeichen und zweitens ist es deshalb notwendig, den Fokus dieser Arbeit massiv zu beschränken. Die Fragen offenbaren sich, sobald man den Blick geschärft auf spezifische Begriffe richtet. Diese sind nicht nur aus der Perspektive eines Ansatzes heraus zu klären, sondern grade auch in den Ergänzungen und Widersprüchen zu erfassen, die sich aus einer Kombination der Perspektiven von Anthroposophie, Musiktherapie und Traumatologie ergeben.

Der Fokus dieser Arbeit beschränkt sich dazu auf zentrale Begriffe der Anthroposophie und anthroposophischen Heilkunst, Schöpferischen Musiktherapie und der Traumatologie. Systematisch wird das spezifische Verständnis dieser Begriffe aus den geschichtlichen Ursprüngen der drei Ansätze entwickelt (Kapitel 2). Wie die verschiedenen Begriffe zusammenspielen, zeigt sich in den unterschiedlichen Menschenbildern, die als Funktionsmodelle für die komplexen Situationen fungieren, in denen Kategorien wie gesund und krank gedacht werden (Kapitel 3). Aus diesen Kategorien wiederum lassen sich Diagnostik, Indikation und therapeutische (Inter-)Aktion als methodisches Instrumentarium des jeweiligen Ansatzes verstehen und ableiten (Kapitel 4). In einem letzten Schritt werden die unterschiedlichen Perspektiven zusammengeführt und die Implikationen für die praktische Arbeit evaluiert (Kapitel 5). Die theoretische Reflexion verbleibt so nicht als Selbstzweck, sondern verbessert den ganzheitlichen Umgang mit traumatisierten Patienten.

Die Grenzen dieser Arbeit liegen sowohl in der ausschnitthaften Darstellung der Ansätze als auch in der nur angedeuteten Vernetzung mit angrenzenden Wissenschaftsbereichen. So wird z. B. nicht die komplette Begriffswelt der Anthroposophie erläutert, sondern lediglich mit einigen Kernbegrifflichkeiten gearbeitet. Die Darstellung der musiktherapeutischen Methodik beschränkt sich auf den Ansatz der Schöpferischen Musiktherapie nach Nordoff und Robbins. Die Einbettung der Psycho-Traumatologie in den Kontext anderer psychotherapeutischer Verfahren und der psycho-somatischen Medizin muss unterbleiben. Die Analogien in der Behandlung von psychischen und somatischen Traumata und die ergänzenden Erkenntnisse aus Neurologie, Hirnund Gedächtnisforschung können lediglich andeutungsweise erfolgen.

Trotz der Einsicht, jede (!) Form inklusiver Sprache als »subtile Form struktureller Gewalt« (Reddemann, 2007b, S. 16) zu interpretieren, ist in der formalen Frage um die Wahl des richtigen Genus im Dienste einer nicht sexistischen aber einheitlich lesbaren Textproduktion bisher keine allgemeingültige Lösung erzielt worden. Im Dienste der Lesbarkeit und Einheitlichkeit verwendet diese Arbeit deshalb die inklusiv zu verstehende, männliche Sprachform. Da die Ausführungen im Kontext klinischer Arbeit stehen, wird durchgängig von Patienten gesprochen.

2. Grundbegriffe und Geschichte

In diesem Kapitel wird zunächst ein grundlegendes Verständnis für den geschichtlichen Hintergrund der Psycho-Traumatologie, Musiktherapie und Anthroposophie erarbeitet. So lassen sich aus den Wurzeln der jeweiligen Bewegung, der Motivation ihrer Entstehung und der Denktradition, auf der sie fußt, ihr Menschenbild und ihre Methodik verstehen und Implikationen für die praktische Arbeit ableiten.

Dabei werden ausgewählte, aber zentrale Begriffe des jeweiligen Fachbereichs eingeführt, die im weiteren Verlauf der Arbeit zunehmend differenziert, in ihrer Relevanz für die Thematik eingeordnet und auf metatheoretischer Ebene reflektiert werden.

Die Darstellung erfolgt dabei ›rückwärts‹ durch die Zeit und beginnt mit der noch jungen Disziplin der Traumatologie, die sich als eigenständiger, interdisziplinärer Ansatz der Psychotherapie gegen Ende des 20. Jahrhunderts etabliert hat. Darauf folgt die Darstellung der geschichtlichen und ideologischen Umstände, unter denen es ungefähr zur Mitte des 20. Jahrhunderts zur Gründung der institutionalisierten Musiktherapie kam. Als teils verwandt]e, teils aber doch polare Ansätze werden hier die klinische Improvisation in der Nordoff-Robbins Musiktherapie und die Arbeit mit musikimmanenten Wirkmechanismen der anthroposophischen Musiktherapie vorgestellt. Die abschliessende Darstellung der Anthroposophie, die als philosophisch-lebenspraktische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Rudolf Steiner gegründet wurde, liefert die geistesgeschichtlichen Grundlagen nach, aus denen viele Entwicklungen in integrativer und ganzheitlicher Medizin, Wissenschaft und letztlich auch der Musiktherapie zu verstehen sind.

2.1. Traumatologie

Der Begriff des Traumas geht auf das griechische τράυμα (Gemoll, 1965, S. 746) zurück und bedeutet übersetzt zunächst einfach nur ›Wunde‹ oder ›Verletzung‹. Damit ist nicht näher spezifiziert, ob es sich um eine körperliche Verletzung (z. B. im Organoder Nervengewebe) oder um eine offene seelische Wunde (psychische und psychosomatische Verletzung) handelt. Der Begriff des Traumas ist damit eine Zustandsbeschreibung. Ein Trauma ist eine bestehende, innere und bzw. oder äußere Wunde, die durch eine aktive Verletzung von außen hervorgerufen wurde.

Obwohl sich in der Behandlung von Traumata hoch spezialisierte medizinische Disziplinen entwickelt haben, die sich entweder dem eher somatischen Trauma (z. B. Neuro-Traumatologie) oder dem eher psychischen Trauma (Psycho-Traumatologie) widmen, gibt es immer eine enge Verbindung zwischen den körperlichen und seelischen Auswirkungen einer traumatischen Erfahrung. Der in dieser Arbeit fast durchgängig verwendete Begriff der Traumatologie ist deswegen bewusst offen gehalten und versteht sich inklusiv potentieller somato-psychischer Korrelationen. Nur wenn lediglich die psychische und psychotherapeutische Dimension der Traumabehandlung angesprochen werden soll, wird der Begriff der Psycho-Traumatologie verwendet.

Eine traumatische Erfahrung ist ein Ereignis von existenzieller Bedrohung. Dieses Ereignis kann plötzlich (›aus heiterem Himmel‹) und mit einer Heftigkeit eintreten, die zu einer überflutenden Stressreaktion (Schock-Zustand) führt. Dieses Ereignis kann aber auch ein Versagen der Anpassungsfähigkeit an eine dauerhafte, progrediente Bedrohungssituation sein. Beispiele traumatischer Situationen sind Umweltund Verkehrskatastrophen, soziale oder sexuelle Gewalt, Deprivation, Folter, Vertreibung, Krieg und Terror. Für die Frage traumatischer Folgeerkrankungen macht es keinen Unterschied, ob man als direktes Opfer oder als Augenzeuge traumatischer Ereignisse in seinen Grundfesten erschüttert wird (genauere Ausführungen zur Definition eines Traumas finden sich im Kapitel 2.1.1.).

Zum jetzigen Zeitpunkt erfährt die Traumatologie eine Hochphase: die (oftmals undifferenzierte) Verwendung des Trauma-Begriffs in der Öffentlichkeit grenzt ans Inflationäre. »Der in den Medien angebotene ›Traumatourismus‹ des Reality-TV dient so der eigenen Beruhigung [… und] dient der eigenen Psychohygiene, der Vergewisserung, dass wir unbeschadet noch am Leben sind und das Erschrecken wieder einmal die anderen trifft« (Peichl, 2007, S. 51). Aber auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung erscheint es, als müsse in einem Akt der Selbsthygiene ein schändliches Versäumnis aufgeholt werden, das die Opfer traumatischer Gewalt über Jahrzehnte in der medizinisch-psychologischen Behandlung zusätzlichen Demütigungen aussetzte. Die Anfänge der Psycho-Traumatologie liegen zwar im 19. Jahrhundert, doch die Diskussion um die psychischen und organischen Folgeerkrankungen traumatischer Ereignisse blieb zumeist auf eine Abwertung der Symptome als Simulation oder Betrug zum Erlangen von Opferentschädigungen beschränkt.

So erkannten bereits 1896 Jean-Martin Charcot und später Sigmund Freud in den als ›Hysterie‹ bei Frauen umschriebenen Symptomen »Ausdruck und Folge von sexueller Misshandlung in der Kindheit« (Besser, 2008, S. 1). Durch den massiven gesellschaftlichen Druck und eine kollektive Verleugnung (Inzest und sexueller Missbrauch ›durften‹ zum damaligen Zeitpunkt nicht existieren) war Freud dazu gezwungen, seine Erkenntnisse bereits 1897 zu widerrufen. Mit fataler Konsequenz deutete er – gegen seine Überzeugung – die biographischen Angaben seiner Patienten zu »unbewussten ödipalen Fantasien und Inzestwünschen« (ebd.) um.

»Die Psychoanalyse […] wollte nicht mehr als jüdische ›Skandaltheorie‹ in der Wiener Gesellschaft gelten« (Peichel, 2007, S. 57). Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde die Vorstellung aufrecht erhalten, dass ein gesunder Mensch jede traumatische Erfahrung nach kurzer Zeit überwinden könne. Bestehende psychische und organische Folgeerkrankungen wurden so auf eine prämorbide Persönlichkeitsstruktur, schlechtes Erbgut, Simulation oder Hypochrondrismus zurückgeführt.

In Amerika konnte dieses Paradigma durch die massiven psycho-somatischen Auswirkungen einer auf breiter Front traumatisierten Vietnam-Generation nicht mehr aufrecht erhalten bleiben. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist zunächst nicht stetig, sondern unterliegt einem gewissen ›Zeitgeist-Phänomen‹. Durch die Auseinandersetzung mit den Spätfolgen des Holocaust, regelmäßigen Anstößen durch die Frauenbewegung zum Thema sexuelle und häusliche Gewalt und eine öffentliche Anteilnahme an der Asylpolitik gegenüber Folteropfern gewinnt die Traumatologie aber zunehmend an Bedeutung.

In Deutschland führen nicht etwa die Folgen des zweiten Weltkrieges zu einer dauerhaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit traumatisierten Menschen, sondern erst der ICE-Unfall von Eschede im Jahr 1998. Hunderte von Menschen verloren ihre Angehörigen und Überlebende und Helfer machten traumatische Erfahrungen, die nicht zuletzt durch die neue Qualität der medialen Berichterstattung in die Bevölkerung getragen wurden. Eine ganze Nation nahm als Augenzeuge an der Katastrophe Anteil. In der Konsequenz übernahm die Bundesbahn zum ersten Mal nicht nur die Verantwortung für die finanziellen Folgeschäden der Katastrophe, sondern kümmert sich seitdem auch um die psychologische (Langzeit-) Betreuung der Betroffenen. Auch das Verständnis für ›Betroffenheit‹ ändert sich. In den Selbsthilfegruppen finden sich nicht nur Überlebende und Helfer, sondern auch Augenzeugen und Anwohner zusammen.

Traumatische Ereignisse erschüttern den Glauben und das Vertrauen in die Sicherheit und Berechenbarkeit unserer Existenz so tiefgreifend, dass sie auch noch Jahrzehnte später und bei völlig unbeteiligten Personen eine psychische Nachwirkung im kulturellen Weltund Selbstbild entfalten können. Beispiele hierfür sind der Untergang der Titanik, der zum Symbol des gescheiterten Vertrauens in die Allmacht der modernen Wissenschaft und des technischen Fortschritts geworden ist oder der Holocaust, dessen gnadenloser und systematischer Völkermord an den Juden durch die Deutschen noch heute in die Sprachlosigkeit führt. Ein aktuelles Beispiel sind die einstürzenden Türme des World-Trade-Centers. Viele Menschen machten die Erfahrung eigener Dissoziation und konnten lange Zeit nicht fassen, dass die Fernsehbilder dokumentarisch und keine Hollywood-Produktion sind. Die bleibende Ohnmacht gegenüber dem Terror erklärt die Schockstarre, mit der die Weltbevölkerung seitdem die Maßnahmen des Anti-Terrorkampfes toleriert.

Die Folgen einer traumatischen Lebenserfahrung sind widersprüchliche Verhaltens-, Denkund Handlungsstrukturen. »Traumata […] unterliegen häufig einem Zwang des Vergessens, der Sprachlosigkeit und auch der Wiederholung« (Besser, 2008, S. 2). Der Schlüssel zum Weg aus dieser Sprachlosigkeit und dem wiederholt erfahrenen Leiden scheint in einem heilsamen Erinnern zu liegen.

2.1.1. Trauma und Traumafolgen

Traumatische Erfahrungen sind plötzliche oder anhaltende Erlebnisse existentieller Bedrohung des eigenen Lebens mit dem Ohnmachtsgefühl der eigenen Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit. Nicht jedes Lebensereignis, das als belastend empfunden wird und mit Emotionen von Angst, Wut, Trauer, Schmerz, Neid oder Enttäuschung verbunden ist, wird automatisch traumatisch. Es kann in gesunden oder auch neurotischen Problemlö- sungsstrategien verarbeitet werden. Ein traumatisches Erlebnis kann nicht verarbeitet werden. Es entsteht durch das Scheitern jeder Problemlö- sungsstrategie und fragmentiert die Persönlichkeit.

Man differenziert den Begriff in ›man-made‹ Traumata (soziale und sexuelle Gewalt) und apersonale Traumatisierungen (Naturkatastrophen, Schicksalsschläge wie persönliche Verluste oder schwere Erkrankungen). Während der Blick bei diesen Begriffen auf den Einzelnen gerichtet ist, gibt es auch den Begriff der kollektiven Traumatisierung. Diese kann zwar auch ›man-made‹ sein, ist aber nicht individuell gerichtet (z. B. Kriege). Die vernichtendsten Folgen für die Seele haben ›man-made‹ Traumata. Das Urvertrauen in das menschliche Gegenüber wird grundlegend erschüttert und der Mensch ist in seiner Individualität und persönlichen Da- Seins-Berechtigung verletzt. Häufig wird zum ›Schutz‹ des Täters die traumatische Erfahrung auf einen eigenen Mangel oder Fehler zurückgeführt (Täter-Introjekt) und resultiert in Gefühlen der Scham und Wertlosigkeit.

Der mit der traumatischen Erschütterung des Selbst einhergehende

Verlust des guten Objekts ‹ ist – analytisch/ objektbeziehungstheoretisch gesprochen – ein weiterer Aspekt, der den oft persistierenden Symptomen unterlegt ist. Traumatisierte Menschen verlieren den Glauben an und das Wissen um das Gute in der Welt (in den Menschen), das Urvertrauen, ihre Grundsicherheit (Besser, 2008, S. 4).

Weniger verheerend für die Persönlichkeit können sich apersonale Traumatisierungen auswirken. Sie ermöglichen es, die traumatische Erfahrung im Deutungskontext eines Schicksalsschlages, der nicht persönlich gegen das Selbst gerichtet ist, zu integrieren. Ähnlich verhält es sich bei kollektiven Traumatisierungen, die zusätzlich den ›Trost‹ bieten, nicht alleine von dem Schicksal betroffen zu sein. Dessen ungeachtet sollten diese Formen der Traumatisierung nicht verharmlost werden. Die persönlichen Konsequenzen und potentiellen Langzeitfolgen sind individuell und nicht in Graden messbar.

Ein weiteres Differenzkriterium ist die Dauer und der Zeitpunkt der Traumatisierung. Typ-1 Traumata sind begrenzte Ereignisse mit akuten Folgen, die mittels vorhandener resilienter Fähigkeiten (s. S. 32), Selbstregulation und Trost von außen verarbeitet werden können. Typ-2 Traumata bezeichnen meist kumulative (chronische) Traumatisierungen über einen längeren Zeitraum, die nicht verarbeitet werden können und zum Ausbruch einer chronischen Symptomatik führen. Frühe Traumatisierungen (im Säuglingsalter) haben andere Konsequenzen als Traumatisierungen im Jugendalter, wenn bereits stabile Persönlichkeitsstrukturen gebildet und resiliente Verhaltensweisen erlernt wurden. Eine frühe Traumatisierung führt zu einer erhöhten seelischen Vulnerabilität und fast zwangsläufig zu einem Typ-2 Trauma. Viele psychische Erkrankungen sind so in ihrer Pathogenese auf frühe traumatische Wurzeln zurückzuführen. Symptome von Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), Borderline-Persönlichkeit, Depression, generalisierter Angststörung, Unruhe und zahlreiche Somatisierungen können Folgeerkrankung einer traumatischen Erfahrung sein, ohne das diese offenliegt oder in der Behandlung erkannt wird.

In der traumatischen Situation gerät der Mensch in einen Zustand des Ausgeliefertseins und der Erstarrung (freeze), der durch die Blockade der ontogenetisch veranlagten Reaktion auf Angst und Schmerz, nämlich Flucht (flight) oder Kampf (fight), ausgelöst wird. Die Trias aus existentieller Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht nimmt den Menschen in eine ›traumatische Zange‹, die auf die Formel ›no fight + no flight = freeze‹ gebracht werden kann. Es werden »subkortikal zwar kurzfristig emotional-affektive […] Reaktionen und archaische psychomotorische Schutzund Anpassungsmöglichkeiten aktiviert[,…] diese können jedoch nicht in gezielte Reaktionen und kortikal gesteuerte bewusste Handlungen umgesetzt werden« (Besser, 2008, S. 3). Das Freezing umschreibt einen Zustand, in dem jede intrapsychische Handlungsund Problemlösungsstrategie versagt. Die autoprotektiven Schutzmechanismen des Körpers distanzieren den Menschen vom traumatischen Geschehen (peritraumatische Dissoziation). Körpereigene Opiate lähmen und zerreissen letztendlich die kontinuierliche und strukturierte Verarbeitung und Integration der Situation ins Gedächtnis. »Es kommt nicht nur zum Erstarren bzw. ›Einfrieren‹ […] dieser Erfahrung als Ganzes, sondern zum Fragmentieren der sensorischen, kognitiven, emotionalen und körperlichen Erlebensaspekte des traumatischen Ereignisses im Gedächtnis« (Besser, 2008, S. 3). Die Traumafragmente werden isoliert und dissoziiert im Gedächtnis abgelegt (Intrusion). Eine Kontextualisierung und Verarbeitung der traumatischen Erfahrung wird damit unmöglich. Bei schwerer oder kumulativer Traumatisierung kann es durch die Zersplitterung der (Selbst-)Wahrnehmung und Gedächtnisstruktur zu einer Fragmentierung der Gesamtpersönlichkeit kommen.

Alarmund Stressreaktionen werden vom Gehirn auf ›schnellen Datenwegen‹ verarbeitet. Impulsive Verhaltensantworten auf akute Bedrohungssituationen werden durch Kleinhirn und Hirnstamm gesteuert und sind nicht veränderbar. Das repräsentionale Gedächtnis ermöglicht es uns, diese Automatismen planvoll zu unterbrechen. »Der Rückgriff auf verinnerlichte und erinnerbare Repräsentanzen ermöglicht verzögerte Antworten und damit planvolle und gezielte Reaktionen, statt mit flight, fight oder freezing reagieren zu müssen« (Streeck-Fischer, 2006, S. 170). Das Gehirn lernt und verarbeitet positive Erfahrungen und Problemlösungsstrategien auf diesen ›langsamen Datenwegen‹. Die Fähigkeit zur Reizdiskriminierung und Selbstregulation wird durch die Neuroplastizität des Gehirns langsam erworben. Traumatisierungen wirken sich ungünstig auf die erfahrungsabhängige Plastizität des Gehirns aus und liefern den traumatisierten Menschen relativ ungefiltert und ›ohnmächtig‹ an die vegetativen Stressreaktionen seines Körpers aus. Das Verhalten kann als ständig wechselnder, bipolarer Vorgang beschrieben werden. Das Kontinuum der Überregung (Hyper-Arrousal) kippt in das Kontinuum der Dissoziation. Angst, Unruhe, Hyperaktivität, Halluzinationen und aggressive Durchbrü- che wechseln sich ab mit Erstarrung, Vermeidung, Betäubung, Depersonalisation, Derealisation und Sprachlosigkeit (vgl. Streeck-Fischer, 2006, S. 128). Der Mensch verharrt also dauerhaft in den durch die traumatische Situation ausgelösten, widersprüchlichen körperlichen Programmen aus Kampfbereitschaft und Submission.

Zu den Symptomen einer Traumatisierung gehören so Angst, Überregung, Hyperaktivität, Alpträume, somato-sensorische Erinnerungen von Traumafragmenten in Form von Flashbacks (›als ob es jetzt geschehen würde‹), multisensorische Halluzinationen, Autound Fremdaggression und Impulsdurchbrüche. Aber auch gegenläufige Symptome wie Erstarrung (Freezing), Vermeidungsverhalten, Beziehungsabbrüche, affektive und sensorische Betäubung, Gefühlsabschaltung und -einengung sind typische Traumafolgen.

Die Auswirkungen einer frühen Traumatisierung sind besonders deutlich greifbar und äußern sich zumeist in einer schwerwiegenden Kontaktund Persönlichkeitsstörung. Aus der Forschungsarbeit an Resilienzund Schutzfaktoren bei Säuglingen entwickelte John Bowlby in Zusammenarbeit mit Mary Ainsworth ein System zur Kategorisierung von Bindungsstilen (vgl. Peichl, 2007, S. 150-156). Es beschreibt das Bindungsverhalten zwischen Mutter und Kind in den Qualitäten A (unsicher-vermeidend), B (sicher, balanciert); und C (ambivalent-unsicher), das durch die Kontextfaktoren von individuellem Temperament des Kindes (Irritierbarkeit, Beruhigbarkeit, Emotionalität) und sozio-ökonomischer Belastung der Eltern beeinflusst wird. Früh traumatisierte Säuglinge zeigen bereits in der akuten Phase ein gestörtes Bindungsverhalten, das sich nicht in die Typen A bis C eingruppieren lässt. Nachträglich wurde der Bindungsstil D (desorganisiert, desorientiert) hinzugefügt. Die tiefgreifende Fragmentierung der Persönlichkeit wird hier in einer fundamentalen Desorganisation der basalen Kommunikationsund Synchronisationsmöglichkeiten (vgl. S. 36 zum Thema intraund interpersoneller Interaktion) greifbar. Es kommt zu Stö- rungen der Selbst-, Affekt-, und Impulsregulierung. Die Desorganisation der eigenen Person setzt sich in einer Desorientierung in der Welt fort. Dem traumatisierten Kind ist es aus dem inneren Chaos der fragmentierten Persönlichkeit heraus unmöglich, Strukturen in der Welt zu erkennen und sich selber im Spiel in einen strukturierten Zusammenhang zu bringen. Die Folge ist ein »Zusammenbruch der Dialektik von Realität und Fantasie« (Streeck-Fischer, 2006, S. 117), der die realistische Einschätzung der eigenen Wirkmächtigkeit in der Welt verzerrt. Der Aufbau eines Kohä- renzgefühls (vgl. S. 32) wird so nahezu unmöglich. Der andauernde Stress des akuten Traumas führt zudem zu einer organischen Schädigung des Gehirns durch die Einschränkung der Neuroplastizität (vgl. S. 34). Stö- rungsbilder, die mit einer frühen Traumatisierung in Verbindung gebracht werden, reichen von der Post-Traumatischen-Belastungs-Störung (PTBS) oder komplexen traumatischen Belastungsstörung über Borderline-Persönlichkeitsstörungen bis zum Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts- Syndrom (ADHS) und zur Multiple Complex Development Disorder (MCDD). Die Diskussion um diese Begrifflichkeiten (vgl. Streeck-Fischer, 2006, S. 72-82) offenbart eine tiefgreifende, aber schwer zu fassende Destabilisierung in der inneren Organisation der Persönlichkeit, die sich in instabiler und unregulierter Emotionalität und Sozialität äußert.

Wie lange eine Traumatisierung ›eingekapselt‹ werden kann, wird in der Arbeit mit alten Menschen deutlich. Eine ganze Generation von kriegstraumatisierten Menschen ist in Deutschland nun in einer Lebensphase, die traumaaktivierend wirken kann. Die häufig kumulativen Traumatisierungen des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsjahre sind in Deutschland in einer Art kollektiver Dissoziation verarbeitet worden. Wirtschaftswunder und Sozialstaat, Absicherung und Versorgung können als unbewusste, unausgesprochene Entschädigung interpretiert werden. Zu den Bewältigungsstrategien gehört auch das Versprechen neuer sozialer Integration durch Vollbeschäftigung, soziale Marktwirtschaft, Wiederaufbau, Kirchenrenaissance (entgegen dem pseudo-religiösen NS-Staat) und eine Wiedergutmachung in Form des Kurwesens (das heute fast nicht mehr existent ist). Unbewusste Zugeständnisse wie Vorruhestandsregelungen sind angepasst an die Bedürfnisse der Schuldund Schamgemeinschaft. »[E]ine ganze Nation, die unter posttraumatischen Stress leidet – mit allen Folgeerscheinungen: emotionale Kälte, Alpträume, fehlgeleitete Wut und oft heimlicher Selbsthass« (Weber, 2003, S. 152), kommt nun in eine Lebensphase, in der sie sich mit den eigenen Traumatisierungen auseinanderzusetzen beginnt.

Der Kontrollverlust und das Gefühl des Ausgeliefertseins im Alter können zu einer Reaktivierung des Traumas führen. Während die Geschäftigkeit des Erwachsenenalters den Symptomausbruch für lange Zeit verdrängte, kommt es nun zu einer neuen Erfahrung der eigenen Hilflosigkeit. Die Verrentung bedeutet Zeit zum Denken und Fühlen bei einem gleichzeitigen Aufgabenverlust. Der wichtige Resilienzfaktor eines stabilen Umfeldes bricht im Alter häufig durch eigene Erkrankung, Umzug, eine generelle Destabilisierung oder den Verlust von Freunden und Angehörigen auseinander. Dazu kommen Ohnmachtserfahrungen in Pflege und Krankenhaus, die durch die Erfahrung von Gewalt (z. B. gegen den eigenen Willen gebadet werden oder invasive Massnahmen) oder (unbeabsichtigte) entwürdigende Situationen und Demütigungen traumaaktivierend wirken können. Die eigene Endlichkeit kommt in den Blick und Unerledigtes wird aktuell. Durch das Schwinden des Kurzzeitgedächtnisses wird zudem das Langzeitgedächtnis ›präsenter‹ und im schlimmsten Fall geht die Sprachlosigkeit der traumatischen Scham über in eine demenzielle Sprachlosigkeit.

Hier zeigt sich, dass in der psychotherapeutischen Behandlung traumatisierter Menschen Ansätze von Nöten sind, die auf unterschiedlichste Bedürfnisse von Patienten reagieren können. Dazu gehört ein interdisziplinä- rer Ansatz, der nicht nur eine Traumaverarbeitung als Langzeit-Analyse auf verbaler Ebene proklamiert, sondern Lösungen für Menschen bietet, die von basaler Stabilisierung bis zur Sterbebegleitung reichen.

2.1.2. Psychotherapeutische Traumatologie

Die Psycho-Traumatologie ist ein spezieller Bereich der Psychotherapie. Das Ziel einer psychotherapeutischen Behandlung akut traumatisierter Menschen ist die nachträgliche Integration einer fragmentierten, traumatischen Erfahrung. Die fragmentierte Erinnerung kann ansonsten nicht verarbeitet werden, sondern wird eingekapselt. Dies führt dauerhaft zu einer Einschränkung der Lebensqualität. Sensorische Reize (Trigger), die mit einer traumatischen Erfahrung in Verbindung gebracht werden, führen zu einer unkontrollierten Reaktivierung (Flashback) und Retraumatisierung. Die Unkalkulierbarkeit der Anzahl potentieller Trigger und zugehöriger Traumafragmente erschüttert dauerhaft ein kohärentes Verhältnis zur Welt und führt zu einem phobischen Vermeidungsverhalten vor Situationen, die potentielle Trigger enthalten könnten.

Der Mensch verarbeitet und erschliesst sich die Welt in Form von Geschichten, die einen Anfang, einen Verlauf und ein Ende haben. So kann Bedeutung konstruiert und Lernerfahrung abgespeichert werden. Eine traumatische Erfahrung ist eine Geschichte ohne Verlauf: Sie ist nach dem Anfang eingefroren. Durch die kontrollierte Reaktivierung der traumatischen Situation (Exposition) kann die zersplitterte und dissoziiert eingefrorene Erinnerung neu zusammengesetzt und als Ganzes im Gedächtnis abgelegt werden (Integration). So kann die Geschichte beendet und mit Bedeutung versehen werden. Sie wird Teil der eigenen Vergangenheit und verbleibt nicht unerledigt in der Gegenwart.

Bei kumulativ traumatisierten Menschen ist die Fragmentierung der gesamten Persönlichkeit so tiefgreifend, dass das Ziel einer Reintegration fragmentierter Persönlichkeits-, Wahrnehmungsund Erinnerungsstrukturen des Gehirns zumeist hinter das Ziel der Stabilisierung zurücktritt. Es werden dann Techniken der Selbstregulation gelernt, die den eigenen und bewussten Umgang mit Stress, Angst und Flashbacks ermöglichen sollen. Das vorrangige Ziel einer solchen Therapie ist nicht die Verarbeitung des Traumas, sondern ein Leben mit dem Trauma.

Die Behandlung traumatisierter Menschen in der Psychotherapie ist als solche keine neue Entwicklung. Neu ist der Fokus, der durch ein verändertes Menschenbild der Traumatologie auf den Patienten gerichtet wird. Dieses speist sich einerseits aus funktionalen Erkenntnissen der Neurobiologie und Hirnforschung, andererseits aus Erkenntnissen über die besonderen Anforderungen an die therapeutische Situation und das Selbstverständnis des Therapeuten.

Die im Rahmen dieser Arbeit berücksichtigten Richtungen der Psycho- Traumatologie sind die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT®) nach Luise Reddemann, die Körper-, Ressourcenund Systemorientierte Traumatherapie (KReST) nach Lutz-Ulrich Besser und Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) nach Francine Shapiro, die im Kapitel 4.1.1. bis 4.1.3. als Methoden vorgestellt werden.

Die Arbeit mit traumatisierten Menschen stellt erhöhte Anforderungen an die Selbstreflexion und Belastbarkeit des Therapeuten. Eine komplexe Symptomatik und die oft jahrelangen Therapieverläufe vermitteln den Patienten das Gefühl, ›ein besonders schwerer oder hoffnungsloser Fall‹ zu sein. Diagnosen wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung stigmatisieren den Patienten und vermitteln das Bild einer impliziten ›Therapieresistenz‹, die zusätzliche Schuldgefühle auslöst.

Somit bleiben diese PatientInnen ›Gefangene der alten Traumatisierungen‹ und erfahren auch auf der ›therapeutischen Bühne‹ erneut die Unabwendbarkeit, das Ausgeliefertsein an ihr Schicksal, die Ohnmacht und Hilflosigkeit und auch das ›Selbst-daran-schuld-Sein‹, dass es so gekommen ist. Sie werden vom ›Helfersystem‹ sekundär nochmals traumatisiert, insbesondere wenn ihren Hinweisen auf massive Gewalterfahrungen nicht geglaubt oder deren Bedeutung kaum Rechnung getragen wird (Besser, 2008, S. 8f.).

In der Arbeit mit traumatisierten Patienten äußern sich beim Therapeuten häufig aggressive Gegenübertragungsphänomene. Von größter Wichtigkeit ist der reflektierte Umgang des Therapeuten mit der eigenen, narzisstischen Kränkung, wenn er dem Patienten nicht helfen kann. Ein dahingehend sensibilisierter Umgang mit dem Patienten ist der zentrale Paradigmenwechsel, der sich in der Entwicklung der Psychotherapie zur Traumatherapie abzeichnet.

2.2. Musiktherapie

Die Geschichte der Musiktherapie zu beschreiben, stellt uns vor die Frage, wann und wo ihre Anfänge liegen. Als therapeutische Disziplin im klinisch-universitären Kontext ist sie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etabliert. Das Wissen um die heilsame Kraft der Musik und ihre praktische Anwendung ist deutlich älter. Versucht man den Ursprüngen der Musik auf den Grund zu gehen, so wird man in der Auffassung vieler Anthropologen auch zu den Ursprüngen, ja zur Geburtsstunde des Menschen geführt (vgl. Swallow, 2002, S. 41f.). Die unbelebte Schöpfung ›macht‹ Geräusche (z. B. das Tosen des Meeres und das Heulen des Windes), das Tier bringt mit seinen Lauten Klänge hervor, aber nur der Mensch macht Musik.

Musik gibt Identität und stiftet Gemeinschaft. »Musik ist eine universale Erfahrung in dem Sinne, daß alle an ihr teilhaben können« (Nordoff & Robbins, 1983, S. 13). Wir denken und sprechen über Musik in Kategorien, die uns als Menschen stets in unserem Wesen, in unserer Ganzheit angehen. Musik ist so konstitutiv für das Wesen des Menschen. Ähnlich bodenlos wie die Frage ›Was ist der Mensch?‹ ist auch die Frage ›Was ist Musik?‹. Der philosophischen Bodenlosigkeit dieser ›Seins-Fragen‹ des Menschen stellt das Musizieren aber eine praktische Erfahrung gegenüber, die uns in eine Ganzheit stellt, uns umfängt und heilsam wirkt. Larry Dossey sagt dazu: »Musik hilft Menschen, den Sinn ihres Lebens zu finden und zu erkennen, indem sie sie für etwas sensibilisiert, das mächtiger und erhabener ist als sie selbst - egal wie man es nennt: ›das Spirituelle‹, Gott, Göttin, das Absolute oder anders« (zitiert bei Weber, 2003, S. 156).

Musik hat eine künstlerische, eine therapeutische und eine spirituelle Dimension. Dies ist ein Urwissen der Menschheit, das bis heute in Heiltraditionen wie dem Schamanismus lebendig ist. Was uns als Musiktherapeuten mit dieser Tradition vereint, ist die Erfahrung mit und das Vertrauen und der Glaube an die Macht der Musik.

Auch der Begriff der Therapie hat in seinen Ursprüngen eine spirituelle Komponente. Von der griechischen Wortbedeutung des Therapeuten (0sqansurýç [therapeutés]: [Gottes]-Verehrer) und der Therapie (0sqansía [therapeía]: [Gottes]-Verehrung/ [Gottes]-Dienst) ist heute noch der Aspekt des Dienens und Anstrebens der Ganzheit (Heilung - Begleitung zum Höchsten) präsent (vgl. Gemoll, 1965, S. 372).

2.2.1. Schöpferische Musiktherapie

Die schöpferische Musiktherapie oder Nordoff-Robbins Musiktherapie basiert auf der Arbeit und den Gedanken des amerikanischen Komponisten Paul Nordoff und des englischen Heilund Sonderpädagogen Clive Robbins. Im Vertrauen auf die heilsame Kraft der Musik, ungeahnte Potentiale im Menschen freizulegen, nutzten sie ab 1959 Musik zur Kommunikation mit behinderten und emotional gestörten Kindern.

Die künstlerische, therapeutische und spirituelle Dimension der Musik war ihnen dabei stets Grundlage allen Tuns. Auch sie wird als Ganzheit begriffen: so geht das Therapeutische in der Musik z. B. nicht zulasten ihres künstlerischen Wertes. Daraus ergeben sich Implikationen für das Menschenbild und die Methodik der schöpferischen Musiktherapie. Die Mehrdimensionalität der Musik spiegelt sich im Selbstverständnis des Therapeuten als Künstler und Begleiter auf einem spirituellen Weg und verhindert z. B., Musik zur funktionalen Hilfsdisziplin in der therapeutischen Arbeit verkommen zu lassen.

Auch der universale Aspekt der Musik, Kontakt und Gemeinschaft zu stiften, der in der modernen Kunstmusik verloren zu gehen drohte, wurde wieder ganz ins Zentrum künstlerisch-therapeutischen Strebens gesetzt. Benjamin Britten erkannte in dem von Nordoff und Robbins vollzogenen Brückenschlag zwischen Kunst und Therapie heilsame Aspekte für beide Seiten:

In diesem eigenartigen Moment der Musikgeschichte, in dem die Gültigkeit der Kommunikation in der Kunst in Frage gestellt wird, [ist es] heilsam[,…] wie ein Komponist sich bescheiden und unbefangen auf jede Freiheit einläßt, nur geleitet vom Erfolg seines Kommunizierens und durch Verantwortungsgefühl für das Wohlbefinden seiner jungen, kranken Hörer (Nordoff & Robbins, 1983, S. 9).

Frei und unbefangen – improvisierend – ließen Nordoff und Robbins sich auf Menschen ein, die sich der gesellschaftlichen Norm entziehen. Ihr Glaube an die innere, wahre Bedeutung jedes Lebens (Schicksal und Biographie), Ehrfurcht, die Frische authentischer, emotionaler Erfahrung und die Inspiration der Musik lässt musikalisches Tun so zur Therapie werden (Nordoff & Robbins, 1983, S.133).

Der Gedanke des Schicksals und der Schicksalspflege als Motivation und treibende Kraft hinter dem therapeutische Selbstverständnis von Nordoff und Robbins ist ein grundlegendes Bindeglied zur anthroposophisch orientierten Musiktherapie. »The worldview (weltanschauung) put forward in Anthroposophy had inspired in both men an attitude of reverence for the meaningfulness of human destiny« (Robbins, 2000, S. 15).

Paul Nordoff begann sich in den frühen 1940er Jahren intensiv mit der Anthroposophie auseinanderzusetzen. Verheiratet mit einer Eurythmistin und im Team mit Clive Robbins, einem in der anthroposophischen Heilpädagogik arbeitenden Sonderpädagogen, waren die Urimpulse der therapeutischen Arbeit mit Musik klar anthroposophisch orientiert. Dazu gehörte aber nicht nur die Akzeptanz der Autorität der von Rudolf Steiner formulierten, philosophischen Denkmodelle und durch Meditation gewonnenen Einblicke, sondern auch das Bewusstsein der Notwendigkeit eines ›eigenen‹ Weges: nicht gekennzeichnet durch einen substantiellen Dissens mit dem Geist der Anthroposophie, sondern vielmehr durch die Frage der gelebten Praxis und Weiterentwicklung des von Rudolf Steiner begründeten Denkansatzes.

Although an earnest student of Steiner‘s considerations of music, he [Nordoff] was by virtue of his creative nature and wide musical experience an independent thinker, and his innovative compositions and performances could be challenging to those committed to prevailing anthroposophical traditions (Robbins, 2000, S. 14).

So finden sich in den Schriften Steiners nur relativ wenige und primär philosophische Ausführungen zur Wirkung der Musik (vgl. Steiner, 1984 & 1989). Eine Nutzbarmachung der Erkenntnisse für ein heilpädagogisch inspiriertes, musiktherapeutisches Konzept machte eine Weiterentwicklung der Ideen dringend erforderlich, zu der auch die Arbeit und Forschung von Dr. Herbert Geuter beitrug. »Anthroposophy and Geuter‘s guidance inspired a philosophical-spiritual vision that sustained the creative stance with which Nordoff and Robbins worked« (Robbins, 2000, S. 16).

Der therapeutischen Vision von Nordoff und Robbins liegt ein tiefes Verständnis des Schöpferischen zugrunde. Wir alle sind als Geschöpfe Teil der Schöpfung (wir besitzen eine Gestalt/ Form) und haben gleichzeitig den inneren Drang zum Schöpferischen (zur Mit-Gestaltung/ Form-Gebung). Wir begreifen uns gleichzeitig als geschaffen und als werdend. Unser Dasein unterliegt also einem Zeitbegriff von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in dem wir uns prozesshaft wahrnehmen und definieren. »Das Schöpferische […] ist jene Urkraft, welche die Schöpfung, das Sein als fortlaufenden Prozeß hervorbringt« (Timmermann, 1987, S. 98). So ist die Selbsterfahrung des Menschen und seines ›in-der-Welt-Seins‹ verbunden mit dem Schöpfungsbegriff. Der Urgrund allen Seins liegt nach der Denktradition zahlreicher Zivilisationen (von Plato über Konfuzius bis Jung) in einer jenseitigen Welt der Ideen. Das Schöpferische »ist die überpersönliche Kraft der Verwirklichung dieser Ideen, Urbilder, Archetypen, durch die sie lebendig werden, Gestalt annehmen, sich als Persönlichkeit manifestieren« (Timmermann, 1987, S. 98).

Das Schöpferische findet sich im Konzept des ›Music Child‹ und »bezeichnet das Zusammenwirken von rezeptiven, kognitiven und expressiven Fähigkeiten« (Nordoff & Robbins, 1986, S.1), die jedem Menschen innewohnen. Ähnlich dem Konzept des ›inneren Kindes‹ (vgl. S. 48), tragen Menschen jeden Alters ein ›Music Child‹ in sich, das erweckt werden kann und das uns auf Musik ansprechen und sie mit persönlicher Bedeutung füllen lässt. Durch aktive, schöpferische Exploration finden wir zu intraund extrapersoneller Integration (der Erfahrung eines geschlossenen Selbst und eines Selbst, das Teil einer größeren Ganzheit ist) und zur Selbstverwirklichung. Das Vertrauen auf die schöpferische Kraft im Individuum ist ein Vertrauen auf seine Problemlösungsstrategien, auf seine Potentiale zur selbstbestimmten Gestaltung seiner Zukunft, seinen Wunsch nach Ganzheit/ Heilung und sein Streben nach Freiheit.

Ursprünglich entwickelt für die Arbeit mit behinderten Kindern, findet der Ansatz der schöpferischen Musiktherapie heute Anwendung von der Frühchenbetreuung, über die Arbeit mit behinderten Kindern, der Jugendund Erwachsenenpsychiatrie, Neurorehabilitation, Schmerzbehandlung bis zur Arbeit mit alten Menschen im Kontext von Demenz und Sterbebegleitung. Aktuelle Entwicklungen weiten das Wirkungsfeld des Musiktherapeuten vom klinischen Kontext in die Mitte der Gesellschaft aus (zur ›Community Music Therapy‹ vgl. Findeisen, 2005).

Im geschichtliche Nachgang muss es heute als positive Fügung gesehen werden, dass es zwischen Nordoff und Robbins und eher ›dogmatisch‹ orientierten Leitern anthroposophischer Pflegeeinrichtungen zum Bruch kam. So entwickelte sich mit der schöpferischen Musiktherapie ein modernes Therapieverfahren, das sich primär durch Offenheit auszeichnet: Offenheit gegenüber aktuellen Entwicklungen und Anforderungen aus Medizin und Gesellschaft; Offenheit aber auch gegenüber den Wurzeln eines spirituell-ganzheitlichen Verständnisses von Mensch, Musik und Kosmos.

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Details

Seiten
99
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640153756
ISBN (Buch)
9783640155392
Dateigröße
712 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114925
Institution / Hochschule
Universität Witten/Herdecke – Medizinische Fakultät - Institut für Musiktherapie
Note
1,4
Schlagworte
Psychiatrie Anthropsophie Musiktherapie Nordoff-Robbins Trauma Therapie Schöpferische Musiktherapie

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Titel: Schöpferische Musiktherapie mit traumatisierten Menschen im Kontext anthroposophisch orientierter Psychiatrie