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Der Konstruktivismus und die realistische Theorie der Sicherheit: Erklärungen für die transatlantischen Beziehungen zwischen Westeuropa und Nordamerika zur Zeit des Kalten Krieges

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 22 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Theoretisch-konzeptionelle Grundlagen
1.1 Konstruktivismus
1.1.1 Die Konzeption der Sicherheitsgemeinschaft
1.1.2 These: die transatlantischen Beziehungen als Sicherheitsgemeinschaft
1.1.3 Empirische Überprüfung
1.2 Neorealismus
1.2.1 These: die transatlantischen Beziehungen als reine Allianz
1.2.2 Empirische Überprüfung

2. Vergleich von Konstruktivismus und Neorealismus hinsichtlich der Fragestellung
2.1 Gegenüberstellung der konkurrierenden theoretischen Ansätze
2.2 Erklärungskraft der Theorien

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zwei völlig unterschiedliche theoretische Zugänge – den Konstruktivismus und die realistische Theorie – hinsichtlich ihrer Erklärungen für die engen transatlantischen Beziehungen zwischen Westeuropa und Nordamerika während des Kalten Krieges zu untersuchen. Diese Kooperation vor allem der damaligen NATO-Staaten sollte gerade im Hinblick auf die teilweise ehemalige Kriegsgegnerschaft im Zweiten Weltkrieg nicht als selbstverständlich angesehen werden. Sie erstreckte sich keineswegs nur auf eine sicherheitspolitische Zusammenarbeit. Vielmehr wurden schon 1956 im Bericht des Dreierausschusses über die nichtmilitärische Zusammenarbeit im Rahmen der NATO Kooperationen nicht nur auf militärischer, sondern auch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene gefordert.[1] Welche Erklärungen können Theorien der internationalen Beziehungen für die engen transatlantischen Beziehungen bieten?

Die Beschränkung der Fragestellung auf den Untersuchungszeitraum Kalter Krieg ist vor allem dem begrenzten Umfang dieser Arbeit geschuldet. Ohne Zweifel wäre eine Betrachtung der jüngsten Entwicklungen durch die „Brille“ der Theorien der internationalen Beziehungen interessant, würde jedoch sicherlich den vorgesehenen Rahmen sprengen.

Da insbesondere der Konstruktivismus einen noch sehr heterogenen Strauß von theoretischen Ansätzen in sich vereinigt, werde ich mich vor allem auf die konstruktivistische Konzeption der Sicherheitsgemeinschaft stützen, die in den späten 50er Jahren erstmals unter der Federführung von Karl Deutsch entwickelt wurde.[2] Hinsichtlich der realistischen Theorie werde ich vor allem Bezug auf den Neorealismus nehmen.

Die Arbeit ist in einen theoretischen Teil und einen Vergleichsteil gegliedert. Ersterer beinhaltet die Darlegung der beiden theoretischen Zugänge. Von ihnen ausgehend sollen jeweils Hypothesen entwickelt und anschließend empirisch überprüft werden. Der zweite Teil stellt die Theorien vergleichend dar, wobei Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden sollen, und beurteilt abschließend deren jeweilige Erklärungskraft in Bezug auf das Thema.

1. Theoretisch-konzeptionelle Grundlagen

1.1 Konstruktivismus

Der Konstruktivismus stellt eine wichtige theoretische Gegenströmung zu den rationalen Theorien der Internationalen Politik dar. Allerdings besteht er derzeit noch aus einem Bündel von zahlreichen ähnlichen theoretischen Ansätzen. Es ist also nicht möglich, von der Theorie des Konstruktivismus als einem homogenen Konzept zu sprechen.[3] Im Folgenden sollen deshalb zunächst die Grundzüge konstruktivistischer Konzeptionen erläutert werden, die allen als gemeinsame Ausgangsbasis dienen. Im anschließenden Kapitel wird dann das für die Argumentation dieser Arbeit wichtige konstruktivistische Konzept der Sicherheitsgemeinschaft dargestellt.

Einen wesentlichen Ausgangspunkt stellt für den Konstruktivisten das Abrücken von der Idee des nutzenmaximierenden Homo Ökonomikus dar. Diese ist zentral für rationalistische Theorien und besagt, dass Ideen, Werte und soziale Normen lediglich dazu da sind, schon bestehende Interessen zu rechtfertigen.[4] Im Gegensatz dazu stellt der Konstruktivismus das Konzept des Homo Sociologicus[5] in den Mittelpunkt. Werte, Ideen, Identitäten und soziale Normen, aber auch Kommunikationsprozesse der Akteure gewinnen an Bedeutung. Die Struktur des Internationalen Systems ist für den Konstruktivisten weniger die materielle Verteilung von Kapazitäten, sondern vielmehr die Verteilung von Werten, Normen, Identitäten, usw. Die Akteure konstruieren sich ihre Umgebung selbst. Das heißt, sowohl Denken und Handeln der Akteure, als auch die Struktur des Internationalen Systems sind einem laufenden Entwicklungsprozess unterworfen. Soziales Lernen bekommt einen zentralen Stellenwert. Strukturen sind nicht fix und einfach da, sondern veränderlich und formbar.[6] Anders, als im Neorealismus, bei dem die Anarchie im internationalen System als Ausgangspunkt des Verhaltens der einzelnen Staaten betont wird, spielt sie im Konstruktivismus eine weniger zentrale Rolle. Wie Wendt in einer seiner Publikationen darlegt, ist Anarchie das, was die Staaten daraus machen.[7] Anarchie wird hier nicht als unveränderliche Tatsache wahrgenommen, sondern vielmehr als Ergebnis des Handelns der einzelnen Akteure. Somit sind kooperative Sicherheitssysteme, in denen sich die Staaten positiv miteinander identifizieren, so dass die Sicherheit des Einzelnen als gemeinsame Verantwortung aller wahrgenommen wird, möglich.[8]

Allen konstruktivistischen Ansätzen ist gemein, dass sie die soziale Komponente der Politik betonen und dass sie davon ausgehen, dass die Verhaltensweisen der Akteure, soziale Normen und die Strukturen des internationalen Systems beständiger Veränderung unterworfen sind.

Im Folgenden soll die für den Konstruktivismus zentrale Konzeption der Sicherheitsgemeinschaft erläutert werden, die zu erklären versucht, wie im internationalen System Sicherheit hergestellt wird. Anschließend soll geklärt werden, inwiefern sie die transatlantischen Beziehungen zur Zeit des Kalten Krieges erklären kann.

1.1.1 Die Konzeption der Sicherheitsgemeinschaft

Die Konzeption der Sicherheitsgemeinschaft wurde in den späten 50er Jahren von Karl Deutsch in die wissenschaftliche Diskussion gebracht. Für ihn ist: „A security community is a group of people which has become integrated“[9]. Diese integrativen Prozesse erreichen bei einer Sicherheitsgemeinschaft eine Stufe derart, dass sich innerhalb eines bestimmten Territoriums eine Art „sense of community“ entwickelt, die letztlich zu „peaceful change“ innerhalb der Gemeinschaft führt.[10] Um es mit anderen Worten auszudrücken: Gemeinsame Wertvorstellungen, Normen, Institutionen und Praktiken führen über einen längeren Zeitraum hinweg dazu, dass sich die Mitglieder einer Sicherheitsgemeinschaft gegenseitig besser einschätzen können und deshalb stabile und verlässliche Erwartungen friedlicher Veränderung aneinander haben. Gewalt wird nicht mehr als probates Mittel zur Konfliktlösung angesehen und die Vorbereitungen für eine gewaltsame Lösung eines möglichen Konfliktes innerhalb der Gemeinschaft halten sich in engen Grenzen bzw. sind nicht vorhanden. Wesentlich ist für die Idee der Sicherheitsgemeinschaft also die Konzeption von Sicherheit als Sicherheit nach Innen. Das heißt, Sicherheit bezieht sich auf das Innere der Gemeinschaft und entsteht letztlich dadurch, dass die Unsicherheit hinsichtlich des Verhaltens der anderen Akteure, über Kommunikations- und Integrationsprozesse bis zu einem gewissen Grad eliminiert wird.

Deutsch unterscheidet zwischen verschmolzenen Sicherheitsgemeinschaften, also dem politischen Zusammenschluss von verschiedenen Einheiten beispielsweise im Rahmen einer Föderation, und pluralistischen Sicherheitsgemeinschaften.[11] Letztere sind für die vorliegende Arbeit von Bedeutung und zeichnen sich dadurch aus, dass sie aus Gemeinschaften von Staaten mit jeweils autonomer Regierung bestehen.

Wie ist es nun möglich, dass sich solche pluralistischen Sicherheitsgemeinschaften im internationalen System entwickeln und etablieren? Von zentraler Bedeutung ist offensichtlich das Entstehen von Vertrauen und von transnationaler Identität. In diesem Zusammenhang lassen sich verschiedene Faktoren ausmachen, die die Entstehung einer Sicherheitsgemeinschaft begünstigen können. Solche Katalysatoren für den Beginn von zwischenstaatlicher Kooperation und Kommunikation können beispielsweise Transformationsprozesse oder das Vorhandensein einer externen Bedrohung sein.[12] Letztere führt zunächst zur Bildung einer reinen Allianz und kann, sofern die Ausgangsbedingungen günstig sind, die Entwicklung einer Sicherheitsgemeinschaft bedeuten. Begünstigende Ausgangsbedingungen sind vor allem eine gewisse Homogenität hinsichtlich kultureller, politischer, sozialer oder auch ideologischer Faktoren. Ist erst einmal eine Basis für Kooperationen da, sind die ersten Voraussetzungen für das Entstehen von gegenseitigem Vertrauen und kollektiver Identität geschaffen. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang auch das Ausmaß zwischenstaatlicher Transaktionen und Interaktionen. Deutsch erkannte schon in den 60er Jahren die Bedeutung von Transaktionen für die Integration politischer Gemeinschaften, wobei sein Ansatz, das Ausmaß der postalischen und telephonischen Kommunikation als Indikator für politisches Zusammenwachsen herzunehmen, heute etwas merkwürdig erscheinen mag.[13] Transaktionen im wirtschaftlichen Bereich sind besonders auch hinsichtlich von Spill-over – Effekten wichtig, da sie zunehmende Kooperation in der Sicherheitspolitik ermöglichen. Der Entwicklung einer Sicherheitsgemeinschaft förderlich sind ggf. auch internationale Organisationen und Institutionen, da sie nicht nur Orte sozialen Lernens und der Sozialisation staatlicher Akteure sind, sondern einen einheitlichen Rahmen für Kooperation bereitstellen und damit die Entwicklung von gegenseitigem Vertrauen ermöglichen.[14] Adler und Barnett weisen dezidiert auch auf die Bedeutung von Macht und Wissen hinsichtlich der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Sicherheitsgemeinschaften hin: „In other words, power can be a magnet; a community formed around a group of strong powers creates the expectations that weaker states that join the community will be able to enjoy the security and potentially other benefits that are associated with that community”.[15] Wie oben im Zusammenhang mit internationalen Organisationen bereits erwähnt, spielt soziales Lernen eine wichtige Rolle für das Entstehen einer kollektiven Identität. Es findet in allen sozialen Prozessen statt und wird von Barnett und Adler definiert als „active process of redefinition or reinterpretation of reality on the basis of new causal and normative knowledge“.[16]

Sind in einer politischen Gemeinschaft ein gewisses Maß an gegenseitigem Vertrauen und kollektiver Identität geschaffen, kann sich das etablieren, was Deutsch als „peaceful change“[17], stabile Erwartungen friedlicher Veränderung der Mitglieder aneinander, bezeichnete. Damit kann von der Existenz einer Sicherheitsgemeinschaft ausgegangen werden, wobei diese weniger eine Frage der Zeit ist, sondern vielmehr die Frage, inwiefern sich Mechanismen zur friedlichen Konfliktlösung innerhalb der Gemeinschaft etabliert haben.

[...]


[1] NATO Information Service 1990; S. 411ff.

[2] Siehe hierzu v.a. Deutsch et al. 1957.

[3] Vgl. Zehfuss 2001; S. 54.

[4] Vgl. Boeckle/ Rittberger/ Wagner 2001; S. 106.

[5] Zum Begriff des Homo sociologicus vgl. Hasenclever et al. 1997; S. 155.

[6] Vgl. Müller 2002; S. 379.

[7] Vgl. Wendt 1992.

[8] Vgl. Wendt 1992; S. 400.

[9] Deutsch 1957; S. 5.

[10] Vgl. Deutsch 1957; S. 5.

[11] Vgl. Deutsch 1957; S. 6f.

[12] Vgl. Adler/ Barnett 1998; S. 37 f.

[13] Vgl. Deutsch 1964.

[14] Vgl. Adler/ Barnett 1998; S. 41 ff.

[15] Adler/ Barnett 1998; S. 39 f.

[16] Barnett/Adler 1998; S.422.

[17] Siehe S. 5.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640162529
ISBN (Buch)
9783656419051
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114905
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Schlagworte
Welche Erklärungen Konstruktivismus Theorie Sicherheit System Beziehungen Westeuropa Nordamerika Zeit Kalten Krieges Außen- Sicherheitspolitik Zeiten Umbruchs Kalter Krieg transatlantische Beziehungen Neorealismus Nato

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Titel: Der Konstruktivismus und die realistische Theorie der Sicherheit: Erklärungen für die transatlantischen Beziehungen zwischen Westeuropa und Nordamerika zur Zeit des Kalten Krieges