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Eliten in Lateinamerika - Am Beispiel Chile von 1964 – 1973 unter der Administration Eduardo Frei und Salvador Allende

Bachelorarbeit 2008 49 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Thematik, Theorien und These
2.1 Elite – Soziologie: Power Structure Research nach Hans Jürgen Krysmanski
2.2 International Political Economy: Structural Power nach Susan Strange
2.3 These, Erkenntnisinteresse und Untersuchungsobjekt

3.0 Allgemeine historische Hintergründe zu Chile
3.1 Die Geschichte der Agrarpolitik
3.2 Untersuchungsobjekt: Agrarpolitik unter Eduardo Frei (1964 – 1970)
3.3 Untersuchungsobjekt: Agrarpolitik unter Salvador Allende (1970 – 1973)
3.4 Resümee und Analyse des Untersuchungsobjektes Agrarpolitik

4.0 Die Geschichte der Kupferpolitik
4.1 Untersuchungsobjekt: Kupferpolitik unter Eduardo Frei (1964 – 1970)
4.2 Untersuchungsobjekt: Kupferpolitik unter Salvador Allende (1970 – 1973)
4.3 Resümee und Analyse des Untersuchungsobjektes Kupferpolitik

5.0 Schlussfolgerung / Fazit

Ankürzungsverzeichnis

Anmerkungen / Endnoten

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.0 Einleitung

„Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur“ (Jean-Paul Friedrich Richter *1763 - †1825). Diese Worte beschreiben meiner Meinung nach den Weg, den Eduardo Frei und Salvador Allende mit ihren Zielen in der Agrar- und Kupferpolitik gegangen sind. In Chile, einem Land, welches durch die Kolonisation der Spanier seit dem 16. Jhd. geprägt wurde, versuchten beide einen gesellschaftlichen Wandel durch ehrgeizige Reformvorhaben zu realisieren. Immer wiederkehrende Schwierigkeiten in der Neuordnung der Agrar- und Kupferpolitik ließen sie von ihren Bemühungen nicht abbringen. Dabei bildete der parlamentarische Weg einer Gesetzes- und Verfassungsänderung nur einen Aspekt der politischen Auseinandersetzung. Auf der einen Seite versuchten politische Eliten aus Chile die Verabschiedung der Reformvorhaben zu verhindern. Auf der anderen bauten inter- sowie transnationale politische Eliten außenpolitischen Druck auf, um auf diese Weise die Reformvorhaben zu erschweren. Auch auf außerparlamentarischer Ebene wurden beide Präsidenten mit einer ablehnenden Haltung von Teileliten konfrontiert.

Woran lässt sich dieses Haltung der Eliten erklären? Befürchteten konservative Landherreneliten in der Agrarreform die Zerstörung ihrer gesellschaftlichen Stellung? Sahen hingegen wirtschaftliche Eliten ihr Kapital gefährdet?

In dieser Abschlussarbeit werde ich versuchen, die genaueren Umstände der Agrar- und Kupferpolitik zu beleuchten. Dabei soll der inhaltliche Teil der politischen Debatte aufgezeigt sowie die Planung der Umverteilung und ihre letztendliche Durchführung untersucht werden. Ebenso wie die Umstände näher erörtert werden sollen, werde ich auch die Ergebnisse der Agrar- und Kupferpolitik untersuchen. Entsprachen sie den gesetzten Erwartungen oder konnten nur Teil- oder Etappenziele erreicht werden? Im Kern dieser Arbeit geht es um nationale sowie inter- und transnationale Eliten und deren Möglichkeiten, Einfluss auf die Umverteilungspolitik zu nehmen. Es soll geklärt werden, inwieweit die Eliten bereit waren, die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Waren sie sich über die möglichen Folgen im Klaren und bereit, für sie einzustehen oder stellten sie ihre Interessen über gesamtgesellschaftliche Ziele, sodass auch negative Konsequenzen für sie als eine notwendige Komponente betrachtet wurden?

Im Fokus der Analyse stehen die Verbindungen zwischen den einzelnen Teileliten im Hinblick auf ihre Kooperations- aber auch Konfliktbereitschaft. Inwieweit konnten also Teileliten ihre Interessen gegenüber anderen Teileliten durchsetzen? Und wo stießen sie an die Grenzen ihrer Einflussmöglichkeiten? Ebenso stellt sich die Frage, ob bestimmte Konstellationen von Teileliten eine übermächtige Verbindung darstellten, gegen die andere Teileliten machtlos waren. Stand es in ihrer Macht, die chilenische Reformpolitik nach ihren Interessenslagen zu steuern oder konnten sie diese nur geringfügig verändern?

2.0 Thematik, Theorien und These

2.1 Elite – Soziologie: Power Structure Research nach Hans Jürgen Krysmanski in der Tradition von C. Wright Mills

Zu einem der ersten und wichtigsten Vertreter zählt C. Wright Mills mit seinem Buch: The Power Elite (1956), in dem er die innere Machstruktur der USA beschreibt. Als Ansatzpunkt seiner Analyse wählte der Autor dabei die neuartigen Planungsstrategien und Reformen der Administration Franklin D. Roosevelt zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Waren bis zu dato noch wenige, reiche Familien in den einzelnen Bundesstaaten an den Schaltstellen der Macht, so konzentrierten sich diese zunehmend in einer entstandenen Washingtoner Bürokratie in Form von institutionellen Planungsstäben, welche nach politischer Mitbestimmung strebten. Ebenso spielen nach Meinung des Autors Konzerne, die politische Generalität und auch die Medien zunehmend eine wichtige Rolle (Mills 1962: 46ff.).

„Die Zentralisierung sämtlicher Macht- und Informationsmittel bringt es mit sich, daß einige wenige in unserer Gesellschaft bestimmte Positionen einnehmen, von denen aus sie auf die anderen herabsehen und die Alltagswelt der Durchschnittsmensche mit ihren Entscheidungen beeinflussen können“ (Mills 1962: 15).

Dabei betont der Autor besonders, dass es sich bei der Elite der Mächtigen nicht um „einsame Herrscher“ handelt, sondern um eine durch „Berufspolitiker der mittleren Machtsphäre“ fundamentierte Oberschicht (Mills 1962: 16). Er nimmt folgende Untergliederung vor:

„An der Spitze jedes der drei erweiterten und zentralisierten Bereiche sind jene Führungsschichten entstanden, die die wirtschaftliche, politische und militärische Elite bilden“ (Mills 1962: 22).

Grundlegend als Elite oder zur Elite gehörend definiert der Autor diejenigen, die den größten Reichtum an Gütern, Geld und Macht besitzen, wodurch sie ihr hohes Ansehen erlangen. (vgl.

Mills 1962: 22 – 24; Klöckner 2007: 23). In Chile, wie in einigen anderen Ländern Lateinamerikas, wird dem Militär eine ungewöhnliche und einzigartige Rolle eines Verfassungswächters beigemessen. In seiner eigen definierten Rolle zur „[...] inneren Verteidigung des Staates [...]“ kommt dem Militär eine Schlüsselposition als letzte exekutive Macht zu, zu welcher es sich selbst berufen fühlt (Mires 1975: 38ff.). Dies erklärt sich aus der Tatsache heraus, dass seine Stellung ihm die Möglichkeit einräumt „[…] Entscheidungen von größter Tragweite zu treffen […]“ (Mills 1962: 16; o.a. Hartmann 2002: 77).

Aufbauend auf die deskriptive Analyse von Charles Wright Mills (1962) entwickelte Hans Jürgen Krysmanski (2004) das Ringmodell der Machteliten. Der Autor geht von einer Ringburg aus, welche in vier Segmente unterteilt ist (Krysmanski 2004: 50ff. & 57). Im Kern befinden sich die Superreichen, auch Geldelite genannt, welche sich durch ihre Reichtümer auszeichnen. Diese bilden die Quelle ihrer Macht und haben somit einen enormen Einfluss auf alle gesellschaftlichen Bereiche. Die Geldelite ist vornehmlich mit Kapitalverwertungsprozessen beschäftigt, wodurch sie nie in ernsthafte Gefahr gerät, ihre Machtposition einzubüßen. Im inneren Ring befinden sich die Konzerneliten oder Verwertungseliten. „Sie bestehen aus den Chief Executive Officers aus Industrie, Finanz und Militär, die gewissermaßen einen Schutzring um den Kern der Superreichen formen und mit ihnen gemeinsam den Komplex der Corporate Community/Upper Class […]“ bilden (ebd.: 51). In diesem Kreis kann es, aufgrund ökonomischer Interessen, zu Konflikten kommen, besonders zwischen den Vorständen von TNCs. Den nächsten Ring bilden die Verteilungseliten bzw. politische Eliten. Sie setzen sich aus allen Gruppen zusammen, die mit politics in Verbindung stehen. Diese Gruppe ist maßgeblich für den Zusammenhalt des ganzen Systems verantwortlich und bemüht sich zudem um ein Minimum an Verteilungsgerechtigkeit (vgl. ebd.: 58). Den äußeren Ring bildet die technokratische Elite, auch Wissensmacht genannt. Nach Meinung des Autors besteht dieser Ring aus einem Millionenheer von Helfern. Zu den Wichtigsten gehören Vertreter aus Wissenschaft, Medien, Kultur und Technik (vgl. ebd.: 60).

Alle vier Ringe dieses Modells bauen aufeinander auf und sind ebenso voneinander abhängig. Die Möglichkeit eines Wechsels der Protagonisten zwischen den Ringen ist prinzipiell gegeben, bildet jedoch eher die Ausnahme. In den Kern des Modells, also zur Geldelite, zu gelangen, ist quasi ausgeschlossen. Somit kann bei diesem Modell von einer Zentripetalkraft gesprochen werden, welche die einzelnen Ringe und deren Protagonisten in der Bahn hält (vgl. ebd.: 58).

2.2 International Political Economy: Structural Power nach Susan Strange

„Die strikte Trennung von Ökonomie und Politik ist bei ihr ebenso aufgehoben wie die zwischen der nationalen und internationalen politischen Ökonomie“ - mit diesen Worten beschreibt Hans-Jürgen Bieling (2006: 382) treffend den besonderen Charakter des Strukturen Macht Ansatzes von Susan Strange (1988) in der IPE. Die Autorin geht dabei von zwei Arten der Macht aus die in der IPE vorherrschend sind.

„Relational power, as conventionally described by realist writers of textbooks on international relations, ist he power of A to get to B to do something they would not otherwise do“ (Strange 1994: 24).

Diese Art von Macht sieht Strange (1988) jedoch nicht als eigentliche Gestaltungsoption in der IPE. Diese Rolle spricht sie strukturaler Macht zu:

„[…] the power to shape and determine the structures of the global political economy within which other states, their political institutions, their economic enterprises and (not least) theirs scientists and other professional people have to operate“ (Strange 1988: 24f).

Explizit weist die Strange (1988) darauf hin, dass sich strukturale Macht nicht nur auf die politische Ebene der IPE bezieht. Des Weiteren betont sie die schwierige Unterscheidung politischer und ökonomischer, aber auch ideologischer Dimensionen von strukturaler Macht (vgl. Strange 1988: 25; o.a. Bieling 2006: 387f.). Demzufolge ist ihrer Meinung nach „[…] structural power […] be found not in a single structure but in four separate distinguishable but related structures“ (Strange 1988: 26). Die security structure bildet dabei den Machtrahmen, bei dem es um „Schutz- und Abwehrmechanismen […] bzw. Vermeidung von Gewalt“ geht (Bieling 2006: 388). Den Sicherheitsbegriff legt die Autorin jedoch über nationalstaatliche und internationale Ebenen hinweg. Für sie zählen ebenso „[…] Umweltprobleme, Währungs- und Finanzmarktkrisen, Arbeitslosigkeit, Hungersnöte [und] (waffen-)technologische Entwicklungen […]“ dazu (Bieling 2006: 389; vgl. Strange 1988: 33f. et al.). Die Wichtigkeit der security structure stellt Strange (1988) nicht zwangsläufig an oberste Stelle. In Abhängigkeit von inneren und äußeren Gefahren oder bei drohender Gefahr (z.B. Terrorgefahr) nimmt diese einen höheren oder niedrigeren Rang ein. Dennoch stellt sie fest:

„Security is, after all, the most basic of basic human needs. In fear of death, most human beings are ready to sacrifice wealth, to abandon social status or political position, and to accept injustice and the loss of freedom“ (Strange 1994: 45).

Der production structure spricht Strange (1988) die „Schlüsselentscheidung“ über die „Verteilung ökonomischer Ressourcen“ zu (Bieling 2006: 389f.). Dabei können Veränderungen dieser ad hoc zu Irritationen in den Macht- und Klassenverhältnissen einer Gesellschaft führen. Wesentliche Änderungen auf internationaler Ebene sieht sie dabei in der Interaktion von Regierungen und Wirtschaft, welche durch Transnationalisierung von Macht- und Kontrollstrukturen hervorgerufen wird (vgl. Bieling 2006: 390; Strange 1988: 76ff.).

Strange bezeichnet diese als „triangular diplomacy“, bei der einerseits zwischen Regierungen und TNKs und andererseits zwischen TNKs untereinander kommuniziert werden muss. In diesem Aktionsfeld wird der Kampf um Weltmarktanteile geführt, in dem die Produktion und Distribution der Waren den Bedingungen angepasst werden (vgl. Bieling 2006: 389f.). Zusammengefasst ergibt sich für Strange in der production structure die Frage: „[…] by whom and for whom, by what method and on what terms?“ (Strange 1988: 64).

Die financial structure spiegelt die „Kontrollmacht über die Funktionsweise und Entwicklung der Ökonomie“ wieder (Bieling 2006: 391). Diese unterscheidet Strange (1988) in:

„[…] two inseparable aspects […] the first the power to create credit is shared by Governments and banks […] the second, the exchange rates between the different moneys, or currencies, are determined by the policies of governments and by markets […]“ (Strange 1988: 90).

Besonders betont wird die eingeschränkte Handlungsmacht der nationalen Akteure, wie der Zentralbanken. Die äußeren transnationalen Einflüsse wirken sich durch die Globalisierung umso deutlicher auf alle Bereiche der financial structure aus. Demzufolge sind Regulationsmechanismen, z.B. zur Geldwertstabilität auf nationaler Ebene, meist wirkungslos, da diese durch exogene Faktoren der globalen Finanzmärkte erodiert würden (vgl. Strange 1988: 90ff.). Ein ebenso deutliches Augenmerk richtet die Autorin auf das internationale Kreditwesen, besonders auf die Worldbank und IMF. Die amerikanisch dominierte Finanzwelt ist vor allem für LDCs, welche die Kriterien kaum oder gar nicht erfüllen können, ein stetiges Wachstums- und Entwicklungshemmnis.

„Credit is literally the lifeblood of a developed economy. Like blood in the human anatomy, mony in the predominate from of creditmoney has to reach and renewevery part of economie. It has to circulate regularly and reliably“ (Strange 1988: 91).

Somit stellt Strange (1988) eine entwickelte Finanzstruktur als notwendige Bedingung für Prosperität fest. Gleichzeitig weist sie aber auf den sozial zerstörerischen Effekt und die damit bedingte Instabilität in der IPE hin. Aus diesem Grund erhebt sie die Notwendigkeit politischer Kontrolle ins Zentrum der Kriterien für weltweite Kreditvergabe.

Die knowledge structure wirkt auf den ersten Blick der IPE nicht zugehörig, Strange (1988) sieht in ihrer Verbreitung und Weitergabe jedoch eine bedeutende Machtquelle des Wissens und der Information. Eine besondere Schwierigkeit stellt die Erfassung dieser Struktur aus Kommunikationskanälen, wie z.B. Universitäten, Massenmedien und Elitennetzwerken dar (vgl. Strange, 1988: 119; Bieling 2006: 393f.). Denn die Weitergabe von Wissen macht sich in vielen Fällen erst durch die Nichtweitergabe kenntlich.

„Firstley, there are changes in the provision of and control over information and Communication systems. Secondly, there are changes in the use of language and non-verbal channels of communication. And thirdly, there are changes in the fundamental perceptions of and beliefs about the human condition which influence value judgements and, through them, political and economic decisions and policies“ (Strange 1988: 120).

Die herausragenden Eigenschaften der knowledge structure durchdringen alle Bereiche der beschriebenen Kommunikationssysteme. Somit erhöhen sich durch neue Informationstechnologie, bei nicht gegebenen materiellen Ressourcen, die Möglichkeiten der Einflussnahme. Diese wissensbasierte Ressource gewinnt somit an Bedeutung und kann zivilgesellschaftlich, zum Beispiel von sozialen Gruppen (auf nationaler oder internationaler Ebene) ebenso ausgeübt werden, wie zuvor nur von Gruppen mit materiellen Machtressourcen (vgl. Bieling 2006: 393ff.).

Alles in allem betont Strange (1988) die amerikanische Dominanz in der entstehenden IBC. Dabei hat sie besonders das Zusammenspiel von „[…] amerikanischen Finanzmetropolen, den Headquarters der TNKs und dem politischen Entscheidungszentrum in Washington […]“ im Visier (Bieling 2006: 396f.). Aus dieser Beobachtung leitet sie die Existenz eines „nonterritorial empire“ ab, welches über die internationalen Machtstrukturen entscheidet und diese nachhaltig beeinflusst (ebd.).

2.3 These, Erkenntnisinteresse und Untersuchungsobjekt

An dieser Stelle werde ich die Wahl des Untersuchungszeitraums begründen und aufzeigen, inwieweit dieser von besonderem Interesse zur Beantwortung meiner These ist. In Anlehnung an die Geschichte Chiles stehen die Regierungen unter Eduardo Frei und Salvador Allende unter besonderen Vorzeichen. Diese beiden Regierungsperioden führten ab 1964 zur Ablösung einer, seit der Unabhängigkeit Chiles von Spanien, im Wechsel regierenden, landbesitzenden Elite. Seit diesem Zeitpunkt sind die nun oppositionellen Machthaber nicht mehr Agierende, sondern zu Reagierenden der politischen Auseinandersetzung geworden (vgl. u.a. Huneeus: 1981; Nohlen: 1973; Valenzuela: 1978). Somit bildete der Zeitabschnitt, ab 1964 bis zum Militärputsch im Jahre 1973, in der Geschichte Chiles eine exemplarische Rolle, in der die politischen Akteure erstmals die parlamentarischen Positionen tauschten. Nicht mehr Großgrundbesitzer standen an den Schalthebeln der Macht, sondern neue politische Akteure, die in die regierenden Machsphären Chiles eintraten.

Die in dieser Abschlussarbeit bearbeitete These möchte die Vorgehensweise der politischen Einflussnahme chilenischer Eliten untersuchen. Einerseits bilden parlamentarische Handlungen eine Untersuchungseinheit, andererseits außerparlamentarische Ereignisse, die die politische Landschaft beeinflusst oder gar maßgeblich beeinträchtigt haben. Dabei soll der These nachgegangen werden, ob die Eliten ihre nachweislich hohe Beteiligung an Geschehnissen, die zur Destabilisierung der Demokratie Chiles geführt haben, bewusst eingenommen haben (vgl. De Vylder: 1974; Huneeus: 1981; Lawrezki: 1975; Mires: 1975; Valenzuela: 1978; Verdugo: 2003). Präziser formuliert, gehe ich von der These aus, dass die Einflussmöglichkeiten von nationalen und/ oder inter- sowie transnationalen (Teil-) Eliten in Chile, zwischen 1964 und 1973, so weitreichend waren, dass die von den Regierungen eingeleitete Umverteilungspolitik von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen ist und demzufolge gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Konsequenzen ein einkalkuliertes Risiko für (Teil-) Eliten darstellten. Um diese These zu untersuchen, werde ich zunächst das Handlungspotenzial der beiden Präsidenten, Frei und Allende, im Blick auf ihre politisch und gesellschaftlich ambitionierten Veränderungen untersuchen. Befanden sich diese beiden Regierungen und deren Unterstützer in einer Art babylonischer Gefangenschaft, die kein oder kaum politisches Gestaltungs- und Umsetzungspotenzial zuließ? Zur Beantwortung dieser Frage habe ich die Untersuchungsgegenstände, Agrarreform sowie die Kupferpolitik, gewählt.

In der Bearbeitung der These stehen die nationalen chilenischen Eliten im Fokus der Analyse. Sie bilden zwar den Hauptaspekt, jedoch spielen inter- und transnationale Eliten ebenso eine eminente Rolle in diesem Kontinuum. Die Begründung dafür ergibt sich aus dem für Chile bis heute signifikant hohen Exportanteil an Bodenschätzen, welcher einen vergleichbar hohen Anteil an ausländischem Kapital in der chilenischen Wirtschaft ausmacht.

Unter dem Begriff Eliten soll in dieser Abschlussarbeit eine Funktionselite verstanden werden. Es geht um differenzierte Funktionseliten (vgl. Mills und Strange), welche, in der Tradition von Robert Michels (1911), eine „[…] Oligarchisierung von menschlichen Zweckorganisationen […]“ darstellen (Hartmann 2004: 33). Dabei stehen Elitenkooperationen und –konflikte im Mittelpunkt des hier verwendeten Elitenbegriffs. Die in den Werken von Mosca (1947), Pareto (1955) und Michels (1911) synchron verwendeten Begriffe, wie Eliten, herrschende Klasse, regierende Klasse, politische Klasse, obere Klasse, Aristokratie oder Oberschicht, sollen die mehrdimensionale Bedeutung der Begrifflichkeiten nicht in Frage stellen (vgl. Hartmann 2004: 37). Meine Wahl des Begriffs, Eliten, geht auf das Ringmodell der Machteliten von Hans-Jürgen Krysmanski zurück, wobei nicht der Begriff an sich, sondern die Machtsphären in denen er Verwendung findet, entscheidend sind (vgl. Klöckner 2007: 21).

3.0 Allgemeine historische Hintergründe zu Chile

Die chilenische Geschichte beginnt schon relativ früh nach der Entdeckung der Neuen Welt mit der Inbesitznahme durch spanische Conquistadores. Die Verteilung von ungefähr sechzig repartamientos [i] wird auf das Jahr 1544 festgeschrieben und damit eine neue Kolonie des spanischen Königreichs gegründet. Im Zeitverlauf bis zur Revolution von 1810 bestand das Hauptinteresse der besitzenden Latifundistas [ii] darin, die Handelsbeziehungen mit dem spanischen Festland zu intensivieren und nicht etwa, einen eigenen Binnenmarkt zu entwickeln. Dadurch manifestierte sich eine ausgeprägte Abhängigkeit gegenüber dem vom Britischen Empire dominierten Weltmarkt. Die Revolution von 1810 führte zur Entstehung eines, durch die Agrar-, Bergbau- und Handelsbourgeoisie geprägten, national-liberalen und nun unabhängigen Staates. Dieser wurde weiterhin durch Rückeroberungsversuche der Spanier überschattet. Endgültig implementierte sich die chilenische Unabhängigkeit mit der ersten Verfassung von 1812 unter einer revolutionären Diktatur (vgl. Münster 1972: 11 – 16). In dieser Verfassung fand sich die „[…] Expansion und Entwicklung des merkantil-kapitalistischen Weltsystems“ wieder und bevorzugte vor allem „[…] eine kleine Oligarchie miteinander verwandter und befreundeter oder bekannter Familien […]“ (Eßer 1972: 11).

Seit der Unabhängigkeit Chiles erzielte die Exportindustrie steigende Zahlen, besonders im Kupfer- und Salpeterbereich, von denen allein der Kupferexport 66 % des Exportvolumens ausmachte. Der bilaterale Handel mit dem Britischen Empire wurde ausgeweitet und betrug im Jahre 1875 insgesamt 49% des gesamten chilenischen Außenhandels. Aber auch das Deutsche Reich begann intensive Handelsbeziehungen mit Chile aufzunehmen und entwickelte sich zum zweitgrößten Handelspartner, insbesondere im Salpeterbereich (vgl. Birle et al. 2007: 32f.; Münster 1972: 17f.). Jedoch ist hervorzuheben, dass die „[…] wichtigsten Wirtschaftssektoren sich nicht in den Händen der Oligarchie, sondern [in Händen] ausländischer Unternehmer […]“ befanden (Eßer 1972: 20). Besondere Unterstützung durch beide Nationen erhielt Chile im Pazifikkrieg von 1879 bis 1884 (auch Salpeterkrieg genannt), der mit der Erschließung von ressourcenreichem Territorium gegen Bolivien und Peru geführt wurde. Die wirtschaftliche Dominanz in Chile wurde umkämpft und die „[...] US-Wirtschaft hatte Ende des 19. Jahrhundert die bis dahin eindeutige Überlegenheit des englischen und deutschen Wirtschaftspotenzials aufgeholt“ (Münster 1972: 21). In den Jahren um die Jahrhundertwende verschob sich die wirtschaftliche Dominanz endgültig zu Gunsten der USA, sowohl in Chile als auch in ganz Mittel- und Südamerika. Lag der Anteil Britanniens 1895 noch bei 80 %, so halbierte sich dieser bis zum Jahre 1910. Dennoch wurden große Anstrengungen unternommen, die Kupfervorkommen im neuen Norden Chiles zu erschließen und die vorhandenen Vorkommen unter Kontrolle zu bringen (vgl. Eßer 1972: 22ff). In der Nachkriegszeit des Pazifikkrieges war Chile geprägt durch Machtverschiebungen im politischen System und politische Instabilität. Die bis dahin vereinigte (oligarchische) politische Klasse zersplitterte in drei polarisierte Strömungen. Konservative, Liberale und Radikale kämpften divergent um die Macht im Kongress, welcher bis zur Verfassungsreform von 1925 als oberste Legislative zu betrachten ist (vgl. ebd. Nohlen 1973: 47ff.). Zwischen „[…] 1891 und 1925 gab es 121 Kabinette mit zusammen 530 Ministern“, die durch den Kongress mit einfacher Mehrheit be- und abberufen werden konnten (Eßer 1972: 23). Mit dem New Yorker Börsencrash von 1929 und der Entdeckung eines synthetischen Salpeterersatzstoffes der Haber-Bosch-Synthese (1921), welcher die kostenintensive Förderung überflüssig machte, war die Zeit zwischen den Weltkriegen durch eine wirtschaftliche Depression gekennzeichnet. In den Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges und des Koreakrieges erholte sich die chilenische Wirtschaft durch einen hohen Bedarf an Kupfer sowie anderen Exportgütern wie zum Beispiel Weizen. Von einigen Putschversuchen abgesehen, beruhigte sich auch die politische Lage, als sich die Mittelschicht, als starke Kraft, durchsetzen konnte und die oligarchische Oberschicht dazu zwang, sich wieder zu vereinigen (vgl. Eßer 1972: 23 – 30).

Die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs ist, aus chilenischer Sicht, ebenso von ideologischen Auseinandersetzungen gezeichnet wie in dem Rest der Welt. Verbote der KP Chiles gehörten ebenso dazu wie die steigende wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von den USA und ihren Verbündeten im Kalten Krieg. Eine wachsende Liberalisierung der Wirtschaft und die Verringerung des chileschen Protektionismus (geringe Einfuhrzölle für US-Produkte, Steuererleichterungen für US-Unternehmen) prägten die Zeit bis 1964 nachhaltig (vgl. Eßer 1972: 23 – 27; Nohlen 1973: 54 – 60).

3.1 Die Geschichte der Agrarpolitik

Die Entstehung einer Struktur aus Besitzenden und Besitzlosen in Chile weist Parallelen zur Geschichte anderer lateinamerikanischer Länder auf. Die Ureinwohner (in Chile Mapuche[iii]) wurden meist als Sklaven im eigenen Land gehalten oder bekämpft (Arauco-Krieg[iv]). Übertragen auf den Agrarsektor in Chile heißt das, dass sich eine nahezu unveränderte Besitz- und Betriebsstruktur über Jahrhunderte seit der Kolonisation manifestiert hat (vgl. Nohlen 1971: 53;). Ähnlich drückte es Klaus Eßer (1972) aus:

„Das System war solange perfekt, wie es den Landherren gelang, ihre Arbeiter nach außen abzuschirmen, ihnen Einsicht in die eigene Lage zu verwehren und ihnen die Überzeugung von der Unveränderlichkeit der Verhältnisse einzuprägen“

(Eßer 1972: 67).

Das System der Latifundistas wurde erstmals durch die in der Verfassung von 1925 festgeschriebene soziale Funktion von Grund und Boden angetastet. Drei Jahre später wurde die Caja de Colonización Agrícola (CdCA) gegründet, mit dem Ziel, Staatsländereien, aber auch unwirtschaftlichen Privatbesitz zu veräußern und aufzuteilen. Ebenso sorgte die CdCA für das notwendige Startkapital in Form von Kleinkrediten, um Betriebsmittel oder Saatgut kaufen zu können (vgl. Weischet 1974: 1ff.; o.ä. Imbusch 1995: 149). Des Weiteren waren die Ratenzahlungen und Zinssätze fixiert, wodurch eine Ver- oder Überschuldung der neuen Landbesitzer vermieden werden sollte. Jedoch stellte die zunehmende und wachsende Inflation einen Schwund an finanziellen Mitteln für die CdCA dar, weil der Realwert des Geldes sich im Zeitverlauf mehr als halbierte. Dadurch ergab sich ab Mitte des Jahres 1944 ein Liquiditätsproblem, welches zu einer verringerten bis eingestellten Tätigkeit der CdCA führte (ebd.). Die Bilanz hört sich mit einer Umwandlung von 434.000 ha (434 km²) Land auf 3884 neue Besitzer zunächst positiv an, bildet jedoch unter Berücksichtigung des Zeitrahmens von dreißig Jahren nicht einmal ein einigermaßen zufriedenstellendes Ergebnis (ebd.). Im Jahr 1955 entfielen auf 34.810 der 150.959 landbesitzenden Familien über 91,6 % des landwirtschaftlich bis dahin erschlossenen, nutzbaren Bodens Chiles. Anders ausgedrückt, wird 91,6 % des Landes auf 23 % der Familien aufgeteilt (Eßer 1972: 65).

Das erste Gesetz zur Agrarreform (Gesetz Nr. 15020) wurde 1962 unter dem Präsidenten Jorge Alessandri Rodríguez verabschiedet und sollte die in der Verfassung festgeschriebene soziale Funktion durch die Möglichkeit der Enteignung von Landbesitz untermauern. An Stelle der CdCA tritt die Corporación de la Reforma Agraria (CORA), welche als Dachorganisation für weitere Institutionen wie den Obersten Rat zur Förderung der Landwirtschaft oder auch das Institut für Finanzierung von agrarwirtschaftlicher Forschung dient (vgl. Weischet 1974: 3ff.). Wider Erwarten einer juristischen oder gewalttätigen Gegenwehr der betroffenen Landbesitzer, wurde ein Kompromisskurs angestrebt. Sicherlich war dies ein Weg gewesen, um einer möglichen Enteignung zu entgehen und wenigsten nicht mit ganz leeren Händen dazustehen. So wurde in der Regel eine Entschädigung über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren vereinbart, bei dem 10 % des Verkehrswertes sofort ausgezahlt wurden. Erwähnenswert ist an dieser Stelle die Tatsache, dass neben einer 4 % Verzinsung ein Inflationsausgleich in voller Höhe vereinbart wurde, welcher zum Beispiel für das Jahr 1962 allein 28 % betrug. Auf diese Weise konnten die einstigen Latifundistas dem Fehler entgehen, der zu Beginn bei der CdCA gemacht wurde und können sogar als Inflationsgewinner betrachtet werden, die ihre reale Kaufkraft zusätzlich steigern konnten (vgl. ebd.).

Kumulativ wurde im Zeitraum von 1929 bis 1964 die Umwandlung einer Fläche von 1.069.765 ha vorgenommen, davon allein 635.165 ha ab dem Jahr 1956, welches als Erfolg betrachtet werden kann (vgl. Weischet 1974: 53, Tabelle 4). Jedoch ist zu erwähnen, dass allein davon 550.404 ha auf die Provinzen Magallanes in der südlichen XII. Region (Región de Magallanes y de la Antártica Chilena) entfällt und zum größten Teil einen eher suboptimalen, landwirtschaftlich nutzbaren Boden darstellt (vgl. ebd.).

[...]


[i] repartamientos sind die Vorläufer der Riesenlatifundien, d.h. große Landflächen, die nur durch Flüsse und Gebirgsketten abgegrenzt wurden. Diese wurden von und unter den spanischen Kolonisten auf- und verteilt.

[ii] Latifundistas sind Großgrundbesitzer. Reiche und einflussreiche Familien, die große Ländereien als direktes Eigentum besitzen. Jeder Latifundo ist in einer Art Lehnsystem aufgebaut, in der Arbeiter dem Patron unentgeltlich dienen und dafür im Gegenzug ein kleines Stück Land zur Selbstversorgung bewirtschaften und auf diesem wohnen dürfen.

[iii] Die Mapuche sind ein indigenes Volk Südamerikas. Ihr abgestammtes Gebiet erstreckt sich auf die Staaten Chile und Argentinien. Die Mapuche teilen sich in drei Volksgruppen auf: Picunche, Huilliche und Pehuenche, wobei die Pehuenchen die bekannteste und größte Gruppe bilden.

[iv] Als Arauco-Krieg bezeichnet man den kriegerischen Konflikt zwischen der Bevölkerung der Mapuche und den spanischen Eroberern sowie später dem chilenischen Staat im Süden des heutigen Chile. Dieser 300 Jahre lang andauernde Konflikt wurde erst durch chilenische und argentinische Truppen 1881 mit der endgültigen Besetzung des Mapuchelandes beendet. Zuvor mussten sich spanische Truppen immer wieder hinter den Fluss „Bio Bio“ zurückziehen, da sie erbitterten und im Gegensatz zu den meisten anderen amerikanisch-indigenen Völkern erfolgreiche Gegenwehr leisteten.

Details

Seiten
49
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640149407
ISBN (Buch)
9783640149841
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114657
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Schlagworte
Lateinamerika Beispiel Chile Administration Eduardo Frei Salvador Allende Eliten Herrschaft Landreform Diktatur Elitensoziologie

Autor

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Titel: Eliten in Lateinamerika - Am Beispiel Chile von 1964 – 1973 unter der Administration Eduardo Frei und Salvador Allende