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Die Rolle der Textilindustrie im englischen Industrialisierungsprozess

Volkswirtschaftliche Aspekte, Führungssektordiskussion, Mechanisierung und Rationalisierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 29 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen und Definitionen
2.1 Definitionen
2.1.1 Textilien
2.1.2 Industrie
2.1.3 Textilindustrie
2.1.4 Industrialisierung / Industrielle Revolution
2.2 Gründe für den Beginn der Industrialisierung in England

3. Die Rolle der Textilindustrie im englischen Industrialisierungsprozess
3.1 Überblick über die textiltechnischen Innovationen
3.2 Volkswirtschaftliche Aspekte
3.3 Soziale Folgeerscheinungen der Industrialisierung

4. Führungssektordiskussion

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Modell der wirtschaftlichen Entwicklung in „langen Wellen“

Abbildung 2: Spinnmaschine von Lewis Paul und John Wyatt

Abbildung 3: Die Spinning Jenny von James Hargreaves

Abbildung 4: Die Water Frame von Richard Arkwright

Abbildung 5: Die Spinning Mule von Samuel Cromton

Abbildung 6: Produktivitätsentwicklung im Spinnverfahren

Abbildung 7: Mechanischer Webstuhl von Edmont Cartwright

Abbildung 8: Produktivitätsentwicklung im Webverfahren

Abbildung 9: Anstieg der Baumwollimporte

Abbildung 10: Ausfuhr von Baumwollstoffen aus Großbritannien

Abbildung 11: Bevölkerungsentwicklung in Großbritannien

Abbildung 12: Phasen der Industriellen Revolution in England

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Wachstum des Sozialproduktes in England

Tabelle 2: Berufliche Schichtung der Bevölkerung in England und Wales

Tabelle 3: Entwicklung der Reallöhne von 1700 bis 1849

1. Einleitung

Die folgende Arbeit befasst sich mit der Rolle der Textilindustrie im englischen Industrialisierungsprozess.

Zu Beginn der Arbeit werden zunächst die grundlegenden Begriffe und Definitionen erklärt. Desweiteren werden die Gründe für die frühe Industrialisierung in England aufgezeigt. Bis zum Beginn der Industrialisierung erfolgte die Garn- und Textilherstellung hauptsächlich als Nebenerwerb zur Landwirtschaft. Spinnen und Weben sowie die Produktion von Textilien fand deshalb meist in den Wintermonaten statt und war zum größten Teil für den Eigenbedarf bestimmt.

Im Hauptteil wird die Rolle der Textilindustrie im englischen Industrialisierungsprozess dargestellt. Begonnnen wird mit einem Überblick über die textiltechnischen Entwicklungen und Innovationen während des Industrialisierungsprozesses verbunden mit der Mechanisierung und der Rationalisierung der Produktion in der Textilindustrie. Anschließend werden die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft dargestellt. Da sich der Industrialisierungsprozess der Textilindustrie jedoch nicht nur auf den wirtschaftlichen Bereich auswirkte, werden im Anschluss daran die sozialen Folgeerscheinungen der Industrialisierung aufgezeigt.

Den Abschluss der Arbeit bildet die Führungssektordiskussion, in der zusammenfassend erörtert wird, ob der Textilindustrie eine führende Rolle im englischen Industrialisierungsprozess zugeordnet werden kann. In einem kurzen Exkurs wird dann abschließend im Vergleich die Rolle der Textilindustrie im deutschen Industrialisierungsprozess bewertet.

2. Grundlagen und Definitionen

2.1 Definitionen

2.1.1 Textilien

Als Textilien (lat.: texere= weben, flechten) werden Materialien bezeichnet, die aus verspinnbaren Fasern hergestellt sind. Zu ihnen zählen nach DIN 60 000 Faserstoffe für den textilen Einsatz, textile Halbfabrikate und Fertigwarenfabrikate, wie z.B. Garn und Zwirn sowie die daraus hergestellten textilen Fertigwaren (z.B. Kleidung).[1]

Nach ihrem Ursprung werden die Faserstoffe in Naturfasern und Chemiefasern gegliedert. Zu den Naturfasern zählen sowohl pflanzliche Fasern wie Baumwolle, Flachs und Hanf als auch tierische Fasern wie Wolle, Naturseide und Haare sowie mineralische Fasern wie Asbest. Diese natürlichen Fasern und Haare werden erst durch das Spinnen zu Garnen und Gespinsten für die weitere Verarbeitung verwendungsfähig gemacht. Eine Ausnahme bildet jedoch die Naturseide, wenn sie als Endlosfaden anfällt.[2]

Die Chemiefasern umfassen alle Textilfäden und –fasern, die chemisch hergestellt wurden. Unterschieden werden Chemiefasern aus zellulosischen Fasern (z.B. Viscose) und aus synthetischen Fasern (z.B. Polyester).[3]

Neben den Naturfasern und den Chemiefasern bestehen zudem Fasermischungen aus Naturfasern und Naturfasern, Naturfasern und Chemiefasern und Chemiefasern und Chemiefasern. Diese Mischungen ermöglichen eine Kombination der positiven Eigenschaften der einzelnen Fasern sowie einen Ausgleich ihrer nachteiligen Eigenschaften.[4]

2.1.2 Industrie

Die Industrie ist ein Teil des Produzierenden bzw. spezieller des Verarbeitenden Gewerbes. Im Gegensatz zur gewerblichen Produktion werden bei der industriellen Produktion arbeitsteilig in einzelnen Produktionsstufen und unter dem Einsatz technischer Produktionseinrichtungen und Energie relativ gleichförmig und in Massenherstellung Halb- und Fertigprodukte für einen meist anonymen, spezifischen und überregionalen Absatzmarkt erzeugt. Aufgrund der größeren Betriebsstätten und der höheren Beschäftigtenzahl werden größere Produktionswerte und Umsätze erzielt als bei der gewerblichen Produktion. Zudem besteht eine Trennung von Produktions- und Arbeitsstätten sowie zwischen Wohnort und Betriebsanlagen. Ein weiteres Merkmal der Industrie ist die Differenzierung der Arbeitskräfte zwischen an- und ungelernten Arbeitern und Facharbeitern.[5]

2.1.3 Textilindustrie

In den Betrieben der Textilindustrie werden die textilen Rohstoffe zu textilen Halb- und Fertigfabrikaten verarbeitet. Diese Verarbeitung umfasst verschiedene Produktionsstufen. In der Stufe der Vorbereitung wird der Rohstoff zunächst geöffnet und gereinigt. Anschließend wird der Faserstoff für das Spinnen durch Krempeln und Kämmen aufbereitet, so dass parallelisierte Faserbänder entstehen. In der zweiten Produktionsstufe erfolgt die Garnherstellung, indem man den Rohstoff gleichzeitig verdreht und verstreckt, so dass ein gleichmäßiger Faden entsteht. Im nächsten Schritt folgt die Flächenherstellung. Durch das Verkreuzen der Kett- und Schussfäden entsteht das Gewebe. In den letzten Produktionsstufen kann dieses Gewebe beispielsweise durch Bleichen, Färben oder Bedrucken veredelt sowie abschließend konfektioniert werden.[6]

2.1.4 Industrialisierung / Industrielle Revolution

Als Industrialisierung wird der Vorgang der räumlichen Ausbreitung von Industrien und der damit verbundenen Form des rationellen arbeitsteiligen Wirtschaftens, verbunden mit dem Herauswachsen der Industrie aus der gewerblichen Handarbeit sowie der zunehmenden Aufgliederung in verschiedene Produktionsschritte, bezeichnet.

Der Prozess der Industrialisierung bezieht sich jedoch nicht nur auf den wirtschaftlichen Bereich, sondern er wird zudem durch soziale Folgeerscheinungen und die Entstehung der Industriegesellschaft begleitet.

Der Begriff der Industriellen Revolution ist nicht gleichbedeutend mit dem reinen Industrialisierungsprozess. Die Industrielle Revolution ist das Ergebnis verschiedener historischer, politischer und technischer Kräfte im Zusammenspiel mit der Industrialisierung und bewirkte rasche technologische, ökonomische und soziale Veränderungen, die in Großbritannien etwa im Jahr 1760 einsetzten und den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft markierte.[7]

2.2 Gründe für den Beginn der Industrialisierung in England

Das Zusammentreffen zahlreicher Einflussfaktoren aus dem politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich und die Entwicklung von grundlegenden technischen Neuerungen, die in zyklischen Abständen gehäuft auftraten, lösten wirtschaftliche Wachstumsschübe aus und begünstigten den frühen Beginn der Industrialisierung in England (Vgl. Abbildung 1).[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Modell der wirtschaftlichen Entwicklung in „langen Wellen“[9]

Quelle: Heineberg, H. 2003, S. 114

Schon im 17. Jahrhundert bildete England aufgrund seiner zentralen geographischen Lage und der guten Seeweganbindung das Zentrum des europäischen Handels. Aufgrund der weltweit größten Handelsflotte sowie ihrer Kolonien, entwickelte sich England zur größten Handelsmacht in Europa.

Ein weiterer wichtiger Bedingungsfaktor für den Beginn der Industrialisierung war, dass England einen zusammenhängenden und überschaubaren Wirtschaftsraum und gleichzeitig auch das größte einheitliche Handelsgebiet ohne Binnenzölle und andere Handelshemmnisse in Europa darstellte. Desweiteren gab es keine Gewerbebeschränkungen durch Zünfte, und England konnte bereits zum Beginn der Industrialisierung auf ein weit entwickeltes Banken- und Versicherungssystem aufbauen.

Eine wesentliche Vorraussetzung für die frühe Entwicklung war außerdem die Effizienzsteigerung und die erhöhte Produktivität in Ackerbau und Viehzucht durch neue Techniken, Zuchtmethoden und den Einsatz von Düngemitteln. Durch den Wechsel von der Dreifelder- zur Wechselfruchtwirtschaft konnten ertragsreichere Ernten in den landwirtschaftlichen Großbetrieben erzielt werden. Dies sicherte die Versorgung mit Nahrungsmitteln und bildete, neben dem medizinischen Fortschritt und den verbesserten Hygienebedingungen, die Vorraussetzung für ein starkes Bevölkerungswachstum und führte zu einem erhöhten Angebot an in der Industrie einsetzbaren Arbeitskräften.

Erst das Zusammenspiel all dieser Faktoren führte zu einem Multiplikatoreffekt und begünstigte die frühe industrielle Entwicklung Englands sowie den Ausbau der Textilindustrie.[10] Welche Rolle die Textilindustrie im englischen Industrialisierungsprozess spielte, wird nun im folgenden Kapitel dargestellt.

3. Die Rolle der Textilindustrie im englischen Industrialisierungsprozess

3.1 Überblick über die textiltechnischen Innovationen

Schon seit Jahrhunderten bestand bei der Textilherstellung ein Ungleichgewicht in der Produktivität von Spinnen und Weben. Auch die besten Spinnerinnen konnten auf einem Handspinnrad, einem seit dem Mittelalter zur Herstellung von Textilien genutzten Gerät, immer nur einen Bruchteil der Garnmenge produzieren, die von einem Weber auf einem Trittwebstuhl benötigt wurde. Für grobe Garne waren mindestens vier Spinnerinnen erforderlich um einen Weber mit Garn zu versorgen. Für feine Garne waren es sogar bis zu zwölf Spinnerinnen.[11]

Mit dem Beginn der Industrialisierung in Großbritannien verschärfte sich dieser Konflikt stetig. In der Textilindustrie bestand steigender Garnhunger. Der einzige Ausweg aus dieser Situation lag in der Veränderung und damit der Verbesserung der Spinntechnik, die das gleichzeitige Spinnen von mehreren Fäden durch eine Spinnerin ermöglichte. Deshalb stellte die Society of Arts in einem Preisausschreiben die Aufgabe, eine Maschine zu erfinden, die „[…] sechs Fäden aus Wolle, Flachs, Hanf oder Baumwolle auf einmal spinnen und nur eine Person brauchen würde, um mit ihr zu arbeiten und sie zu bedienen.“[12]

Die erste Spinnmaschine, erfunden und konstruiert von Lewis Paul und John Wyatt, erhielt im Jahr 1738 ihr Patent. Sie erfüllte zwar nicht die Anforderungen der Society of Arts, sechs Fäden auf einmal zu spinnen, verbesserte jedoch den Prozess des Spinnens erheblich: Wolle oder Baumwolle wurden vor dem Spinnen mit Hilfe einer Handkarde zu langen, lockeren und gleichmäßigen Stricken verarbeitet. Zwischen einem Walzenpaar, deren Walzen sich unterschiedlich schnell drehten, wurden diese Stricke dann zunächst verstreckt, indem die Fasern auseinander gezogen wurden und dann einem zweiten sich schneller drehenden Walzenpaar zugeführt, so dass ein noch dünnerer Faserstrang entstand. Dieser wurde dann schließlich einer Flügelspindel zugeführt, die sich noch schneller drehte als das zweite Walzenpaar, so dass der Strang während der Verdrehung auch noch einmal zusätzlich verstreckt wurde.[13]

Eine Weiterentwicklung der Spinnmaschine erfolgte im Jahr 1758. Im Gegensatz zu der Konstruktion von 1738 zeigt die Spinnmaschine von 1758 nur noch ein Walzenpaar. Deshalb fand das Verstrecken des Faserbandes nur gleichzeitig mit dem Verdrehen zwischen den Walzen und der Flügelspindel statt (Vgl. Abbildung 2).[14]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Spinnmaschine von Lewis Paul und John Wyatt

Quelle: Paulinyi, A. / Troitzsch, U. 1991, S. 287

Erst im Jahr 1764 gelang es James Hargreaves, einem Weber aus Stanhill bei Blackburn, eine Spinnmaschine zu konstruieren, die den Anforderungen des Preisausschreibens nicht nur entsprach, sondern -mit acht Spindeln ausgerüstet- diese sogar noch übertraf. Dieser Spinnapparat wurde als Spinning Jenny berühmt (Vgl. Abbildung 3). Die Namensgebung erfolgte wahrscheinlich nach dem Vornamen seiner Tochter oder aufgrund einer Anspielung auf die Abkürzung des Wortes engine (– gin – ginny – jenny).[15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Spinning Jenny von James Hargreaves

Quelle: Bohnsack, A. 2002, S. 162

Die Spinning Jenny war eine Zweiphasenmaschine für die Hausindustrie, die die Tätigkeit einer Spinnerin mit technischen Mitteln nachahmte. Nicht Flügelspindeln, wie bei der Konstruktion von Lewis und Wyatt, sondern Absetzspindeln kamen hier zum Einsatz, so dass sich der Spinnvorgang in zwei Phasen gliederte. Durch die Drehung des Handrades und dem gleichzeitigen Zug an der Klaue (verbreiterte Hand), wurden in der ersten Phase die Fasern verstreckt und verdrillt. Dabei war darauf zu achten, dass dies weder zu schnell noch zu langsam geschah, da sonst entweder die Fäden rissen oder aber überdreht wurden. Waren die Fäden schließlich stark genug versponnen, wurde das Handrad zurückgedreht, damit sich die oberen Garnwindungen von den Spindeln abwickeln konnten. Nun begann die zweite Phase des Spinnprozesses mit dem erneuten Vorwärtsdrehen des Handrades. Die fertigen Fadenstücke wickelten sich auf die Spindeln auf, und der Spinnprozess konnte wieder von Anfang beginnen.[16]

[...]


[1] Vgl. Lösch, J. 1971, S. 345

[2] Vgl. Lösch, J. 1971, S. 237

[3] Vgl. Lösch, J. 1971, S. 56f.

[4] Vgl. Peek & Cloppenburg KG 2004, S.29

[5] Vgl. Heineberg, H. 2003, S. 149f.

[6] Vgl. Lösch, J. 1971, S. 370ff.

[7] Vgl. Heineberg, H. 2003, S. 151ff. und Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG 2006, abgerufen am: 10.04.2007

[8] Vgl. Heineberg, H. 2003, S. 114

[9] Theorie der „langen Wellen“ von Kondratieff: Seit der Industriellen Revolution bildeten sich vier bis fünf „lange Wellen“ mit jeweiligem wirtschaftlichen Aufschwung durch wichtige Basisinnovationen

[10] Vgl. Paulinyi, A. / Troitzsch, U. 1991, S. 272ff.

Vgl. Artz, P. C. 2006, abgerufen am 15.04.2007

[11] Vgl. Rübberdt, R. 1972, S. 18 und Paulinyi, A. / Troitzsch, U. 1991, S. 282ff.

[12] Paulinyi, A. 1989, S. 45

[13] Vgl. Bohnsack, A. 2002, S. 159

[14] Vgl. Paulinyi, A. 1989, S. 49

[15] Vgl. Bohnsack, A. 2002, S. 161 und Paulinyi, A. 1989, S. 60

[16] Vgl. Bohnsack, A. 2002, S. 161ff.

Details

Seiten
29
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640153015
ISBN (Buch)
9783640155002
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114505
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Note
1,3
Schlagworte
Rolle Textilindustrie Industrialisierungsprozess Hauptseminar Geschichte Textilwirtschaft Mechanisierung Rationalisierung Führungssektordiskussion Volkswirtschaft

Autor

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Titel: Die Rolle der Textilindustrie im englischen Industrialisierungsprozess