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Zwangsversicherung wegen Marktversagen: Theoretische Analyse und praktisches Beispiel

Seminararbeit 2007 20 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eine kurze Übersicht über die Versicherungsmärkte
2.1 Funktionen der Versicherungsmärkte
2.2 Versicherungsarten

3 Marktversagen auf Versicherungsmärkten: Ursachen und Lösungen
3.1 Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse
3.2 Adverse Selektion
3.3 Transaktionskosten

4 Anwendung am Beispiel der gesetzlichen
Krankenversicherung
4.1 Staatseingriffe gegen Marktversagen
4.2 Probleme der gesetzlichen Krankenversicherung

5 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Bedeutung des Themas „Versicherung“ ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen. Immer wieder dreht sich die wirtschaftspolitische Debatte um die notwendigen Änderungen im Versicherungswesen, um die Rolle des Staates und die für diese Branche spezifischen Probleme.

Die Versicherungsindustrie – und die Sozialversicherung insbesondere – spielt eine große Rolle im wirtschaftlichen Leben, was die nachfolgenden Zahlen beweisen: Die Beitragszahlungen sind in der Sozialversicherung mehr als dreimal so hoch wie in allen Zweigen der Privatversicherung und betrugen in 2005 41% des durchschnittlichen Bruttolohns (darunter die gesetzliche Rentenversicherung: 19,5%, die gesetzliche Krankenversicherung: 13,3%). Die Summe aller Sozialversicherungsauzahlungen macht ein Drittel des BIP aus. Die Höchstbeiträge zu den einzelnen Sozialversicherungszweigen addierten sich auf ca. 1900 Euro pro Monat.[1]

Auf den Märkten für Versicherungsleistungen können erhebliche Probleme beobachtet werden, hervorgerufen durch besondere Merkmale dieser Märkte, die ein „Marktversagen“ verursachen können: eine Situation, wo das Gleichgewicht auf nicht-regulierten Märkten keine Pareto-optimale Allokation darstellt.

In der vorliegenden Arbeit werden diese Besonderheiten von Versicherungsleistungen in Bezug auf das Marktversagen und die Zwangsversicherung – als mögliche Lösung für die Erreichung eines höheren Effizienzgrades – theoretisch untersucht.

Abschnitt 2 liefert zuerst eine kurze Übersicht über die Versicherungsmärkte, wobei speziell auf deren Funktionen (Abschnitt 2.1) und wichtigste Versicherungszweige, nämlich die gesetzliche Renten- und Krankenversicherung (Abschnitt 2.2), eingegangen wird. In Abschnitt 3 werden drei mögliche Gründe des Versagens der freien Märkte – Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse, asymetrische Information und hohe Transaktionskosten – betrachtet und der Staatseingriff gerechtfertigt.

Die theoretische Analyse wird durch ein praktisches Beispiel mit der gesetzlichen Krankenversicherung illustriert, da sie für das zweitgrößte Ausgabenvolumen in der Sozialversicherung jedes Jahr verantwortlich ist und über 90% der Bevölkerung in Deutschland mit der gesetzlichen Krankenversicherung konfrontiert ist. Außerdem sind auf dem Markt für Gesundheitsgüter die „Marktunvollkommenheiten“ am stärksten ausgeprägt, womit sich der Abschnitt 4 näher befasst.

2 Eine kurze Übersicht über die Versicherungsmärkte

2.1 Funktionen der Versicherungsmärkte

Unser Wissen über vergangene und zukünftige Phänomene ist unvollständig, wodurch ökonomische Entscheidungen viel komplexer werden. Die Institution zur Minderung der Risiken stellt die Versicherung dar, die auch als „Geschäft mit der Unsicherheit“ bezeichnet werden kann.

Abschluss einer Versicherung mit einer bestimmten Prämie gewährleistet die Deckung der im Falle eines Schadens entstehenden Ansprüche. Anstoss zur Versicherung sind damit die Gefahren in der Lebensstruktur (wie Krankheit, Unfall, Tod) und in der Lebenskultur (Arbeitslosigkeit, Vermögensverlust).[2]

Versicherungsleistungen werden von Individuen gekauft, da das menschliche Verhalten in vielen Fällen durch Abneigung gegenüber dem Risiko, also durch Risikoaversion, gekennzeichnet ist. In der Versicherungsökonomie wird diese Tatsache im Konzept der Risiko-Nutzenfunktion beschrieben, das im Anhang dargestellt ist.

Versicherung ist ein abhängiger Wirtschaftszweig, dessen Entwicklung von der Entwicklung anderer Sektoren abhängt und ohne diese nicht denkbar ist: Sie dient der Produktion und Konsumtion, dem Verkehr und Handel, dem Zahlungsverkehr, der Erhaltung und Schaffung der Vermögensbestände. Durch die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen wurden die Unternehmen und private Haushalte mit immer größeren Risiken konfrontiert, was eine erhöhte Versicherungsnachfrage nach sich zieht. Auch führt der Fortschritt der Technologie zu einer Zunahme der Verletztlichkeit, da die akzeptierbare Fehlermarge und somit die Folgengröße der Unfälle und Managementfehler immer größer werden.[3]

Die Bedeutung der Versicherung kann man auch indirekt aus den volkswirtschaftlichen Funktionen ermitteln. Die Versicherung verbessert die Risikoallokation durch Minimierung der Transaktions- und Schadenkosten, schützt bestehendes Vermögen und akkumuliert Kapital in den Versicherungsunternehmen (VU) durch die Prämieneinnahmen.[4] Außerdem dient die Versicherung der Kontrolle des Unternehmensverhaltens, da die Prämienhöhe mit dem Risikoumfang steigt, was die Unternehmen zur Risikoreduktion zwingt.

Zur Messung des Beitrags der Branche zur Wohlfahrt, d.h. den Nettovorteilen aus dem Kauf und Verkauf von Versicherungsleistungen, kann die Summe aus Konsumenten- und Produzentenrente herangezogen werden (Abb.1). Unter dem Preis versteht man hier das Verhältnis Prämienvolumen/Schadenzahlungen. Als Indikator der Quantität der Versicherungsleistungen dienen die Schadenzahlungen. Bei vollkommener Konkurrenz entspricht das Prämienvolumen der Fläche ODFH und die Kosten des VU der Fläche OCFH. Die Wohlfahrt entspricht der Summe aus Konsumenten- (DEF) und Produzentenrente (CDF).[5]

Abb. 1: Beitrag der Versicherungsbranche zur Wohlfahrt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Zweifel und Eisen (2000), S.14

2.2 Versicherungsarten

Die Versicherung in Deutschland ist teilweise über öffentliche Sozialsysteme, teilweise auf der Grundlage der privatwirtschaftlichen Wahlentscheidungen im Rahmen der Individual-versicherung, organisiert.

Die deutsche Konzeption der Sozialversicherung geht auf Bismarck zurück. Sie wurde 1883 zur Schwächung der Arbeiterbewegung eingeführt und hatte also politische und nicht ökonomische Hintergründe. Die Sozialversicherung hat sich seitdem nicht viel verändert: sie legt das Schwergewicht auf die Finanzierung der Sozialausgaben durch Beiträge der Arbeitnehmer.[6]

Die Sozialversicherung umfasst alle Pflichtversicherungen (Renten-, Kranken-, Unfall-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung) und dominiert in Deutschland eindeutig gegenüber der individuellen (z.B. Lebensversicherung). Allein die Beitragszahlungen sind in der Sozialversicherung mehr als dreimal so hoch wie in der Individualversicherung.[7]

Im Folgenden werden die Grundzüge der quantitativ bedeutsamsten Zweige der Sozialversicherung - Renten- und Krankenversicherung – dargestellt, deren Gesamtauszahlungen in 2003 17,9 % des BIP (381,8 Mrd. Euro) betrugen (vgl.: 2001 – 17,5 %; 362,2 Mrd. Euro).[8]

Die gesetzliche Rentenversicherung ist eine auf dem Umlageverfahren basierende Zwangsversicherung, d.h. die Beiträge der Erwerbstätigen werden direkt als Altersrenten an die Ruheständler ausgezahlt. Die Versicherung umfasst alle Arbeitnehmer, deren Bruttoeinkommen oberhalb einer Mindestverdienstgrenze (2004: 29.428 Euro jährl.) liegen. Die Versicherungsbeiträge werden als fester Prozentsatz des monatlichen Bruttoverdiensts (2005: 19,5 %) erhoben, wobei das Einkommen nur bis zu einer oberen Grenze (2005: 5.200 Euro) berücksichtigt wird.

Die gesetzliche Rentenversicherung wird seit geraumer Zeit nicht nur aus Versicherungsbeiträgen, sondern zusätzlich durch Steuereinnahmen finanziert (2005: ca. 30 % der Gesamtausgaben).[9]

Die Rentenhöhe verändert sich mit der Zeit durch die Alterung der Bevölkerung und steigende Anzahl der Ruheständler; so wird prognostiziert, dass der Anteil der 65 Jahre oder älteren Personen zu 15 bis 64 Jahre alten Personen in 2040 bei über 53 % liegen wird (2001: 27,5 %). Um diesem Prozess entgegenzuwirken, sind Reformen notwendig, z.B. wurde das Rentenalter von 65 auf 67 Jahre angehoben und die Rentenhöhe relativ zum Erwerbseinkommen von 69,9 % auf 64 % gesenkt.[10]

Die weitgehend identischen Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland – wobei es zur Zeit sieben Spitzenverbände der GKV existieren - erfassen alle Arbeitnehmer (und ihre nicht erwerbstätigen Ehepartner und Kinder), deren Bruttoarbeitseinkommen unterhalb einer oberen Grenze liegen (2005: 3.525 Euro monatlich). Die Beiträge werden als fester Prozentsatz des monatlichen Bruttoeinkommens erhoben (2005: 14,2 %). Arbeitnehmer, deren Einkommen mehr als 3.525 Euro beträgt, unterliegen nicht mehr der gesetzlichen Versicherungspflicht und können sich alternativ zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auch privat versichern.[11] Eine weitere Möglichkeit für sie besteht auch im Verzicht auf die Versicherung.

Daneben sind auch weitere Berufsgruppen versicherungspflichtig: Landwirte, Studenten, Künstler etc. Selbständige und Beamte sind von der Versicherungspflicht befreit. Über den Staatseingriff und einige der gegenwärtigen Probleme der GKV siehe Abschnitt 4.

3 Marktversagen auf Versicherungsmärkten: Ursachen und Lösungen

3.1 Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse

In vielen ökonomischen Situationen kann man nachweisen, dass ein Individuum oft irrationale, d.h. seinen Nutzen nicht maximierende Entscheidungen trifft, was sich auch in der Versicherungsnachfrage vermuten lässt. Der Versicherungskäufer (VK) ist z.B. oft nicht im Stande, seine Krankheitswahrscheinlichkeit richtig einzuschätzen, oder hat eine zu hohe Gegenwartspräferenz. Die mangelnde Markttransparenz führt auch dazu, dass die Qualität des Versicherungsschutzes, also der Sicherheitsgrad und Preiswürdigkeit schlecht beurteilt werden können.[12]

[...]


[1] Jahrbuch 2005, S. 59-60

[2] Zweifel, Eisen, 2000, S. 2-3

[3] Zweifel, Eisen, 2000, S. 5-7

[4] Hollenders, 1985, S. 284

[5] Zweifel, Eisen, 2000, S. 13-14

[6] Zweifel, Eisen, 2000, S. 381

[7] Jahrbuch 2005, S. 60

[8] Wigger, 2006, S. 218

[9] Wigger, 2006, S. 225-227

[10] Wigger, 2006, S. 228-229

[11] Wigger, 2006, S. 233

[12] Hollenders, 1985, S. 107

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640181476
ISBN (Buch)
9783640181568
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114385
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspolitik
Note
1,7
Schlagworte
Zwangsversicherung Marktversagen Theoretische Analyse Beispiel Seminar

Autor

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