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Die Italienreise im 17. und 18. Jahrhundert

Unterwegs in Italien mit Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottfried Seume

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 21 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Goethe und Seume – Zwei ungleiche Italienreisende
2.1 Goethes „Italienische Reise“
2.2 Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“

3. Die Entwicklung der Italienreise bis ins 18. Jahrhundert

4. Reiseplanung und Ausrüstung
4.1 Reiserouten
4.2 Reiseperioden
4.3 Ausrüstung und Notwendigkeiten
4.3.1 Reiseführer, Landkarten und Stadtpläne
4.3.2 Pässe, Geld und Sprache

5. Die Transportmittel

6. Gasthäuser und Herbergen

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Italien gehört noch heute zu einem der beliebtesten Urlaubsziele deutscher Touristen. Der Grund dafür ist einfach: Italien bietet fast für jeden Urlauber etwas. Wer nur baden will, dem steht eine Kilometer lange Küste zur Verfügung. Wer wandern oder die Natur genießen will, kann dies in einer herrlichen Landschaft tun. Und der Kunst- und Geschichtsbegeisterte kommt in Italien, dem antiken Nabel europäischer Kultur, ebenfalls auf seine Kosten. Das Klima ist mild und praktisch jeder italienische Ort von Deutschland aus in maximal zwei Tagen bequem mit dem Auto zu erreichen. Das ist das 21. Jahrhundert. Aber wie sah es mit der Italienbegeisterung und überhaupt mit der Italienreise im 17. und 18. Jahrhundert aus? Was bewegte die Menschen von damals nach Italien zu gehen und wie ging solch eine Reise von statten? Diese Fragen werde ich in dieser Hausarbeit zu beantworten versuchen.

Die Quelle, die ich hauptsächlich dazu benutzt habe, ist Attilio Brillis Buch „Reisen in Italien“. Ausführlich und gut verständlich erklärt Brilli darin die Entwicklung der Italienreise vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Neben vielen ausdrucksvollen Zitaten aus Reiseerzählungen, die Brillis Erläuterungen untermauern, ist das Buch mit zahlreichen Bildern damaliger Künstler illustriert, die die Italienreise auch auf der sinnlichen Ebene dem Leser erfahrbar machen sollen.

Zudem habe ich die Reisebeschreibungen zweier deutscher Dichter gelesen und miteinander verglichen. Dies ist zum einen Johann Wolfgang von Goethes „Italienische Reise“ und zum andern Johann Gottfried Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. Auch wenn Seume erst im frühen 19. Jahrhundert und damit 15 Jahre nach Goethe nach Italien ging, so glaube ich doch, dass man die Reisebeschreibungen beider Dichter einander gegenüberstellen und so Schlüsse für die Italienreise ziehen kann.

Deswegen werde ich zunächst auf diese beiden Reisenden, in Bezug auf ihre Persönlichkeit, Reiseintention, die gemachten Erlebnisse und deren Schilderungen eingehen, bevor ich kurz die Entwicklung der Italienreise bis ins 18. Jahrhundert vorstelle. Der Rest der Hausarbeit ist dann der Durchführung solch einer Reise gewidmet und umfasst neben der Reiseplanung und Ausrüstung, auch eine Beschreibung der damals gebräuchlichen Transportmittel und der Herbergen, in denen die Reisenden unterkamen. Im Mittelpunkt sollen dabei nicht nur die praktischen Aspekte der Italienreise stehen, es soll dem Leser dadurch auch klar werden, welche Gefahren und Entbehrungen die Reisenden von damals auf sich nehmen mussten.

2. Goethe und Seume – Zwei ungleiche Italienreisende

Hans Magnus Enzensberger beginnt seinen Aufsatz „Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus“ damit, dass er abwechselnd beschreibende Textpassagen aus Jean Pauls „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke; oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs“ und aus Max Frischs „Homo Faber“ aufeinander folgen lässt. Enzensberger will mit diesen zwei Reisebeschreibungen, die gut „eineinhalb Jahrhunderte“[1] auseinander liegen deutlich machen, dass sie trotz ihrer Unterschiede mit der „Entfaltung einer Sache“[2], nämlich dem Tourismus zu tun haben. Die Texte zeigen aber auch, dass die Art und Weise einen Ort oder ein Ereignis zu sehen von der Zeit und den Umständen, in denen der Autor lebt, vor allem aber von dessen Persönlichkeit abhängen.

Dies zeigen zwei Schriftsteller, die beide im Alter von 38 Jahren nach bzw. durch Italien reisten und ihre Reiseerlebnisse auch veröffentlichten. Zum einen der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, der im Jahre 1786 nach Italien aufbrach und Johann Gottfried Seume, der etwa 15 Jahre später seinen „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ antrat. Und wenn auch die zeitlichen Abstände dieser beiden Italienreisenden nicht so stark voneinander abweichen, so tun es doch ihre Reisebeschreibungen. Im Folgenden sollen diese Schriftsteller kurz vorgestellt werden.

2.1 Goethes „Italienische Reise“

Ende des Sommers 1786 ist Goethe auf einem Kuraufenthalt in Karlsbad, von dem er sich, wie er gleich zu Beginn seiner „Italienschen Reise“ schreibt, früh um drei Uhr wegstiehlt, weil man ihn sonst nicht fortgelassen hätte.[3] Seit gut zehn Jahren steht Goethe nun schon als Geheimrat in Diensten des Herzogs Karl August von Weimar und seine politischen Aufgaben lassen dem ehemaligen Stürmer und Dränger und Autor des „Werther“ fast keine Luft für seine literarische Tätigkeit. Auch Goethes Liebe zur verheirateten Charlotte von Stein scheint immer mehr in eine Sackgasse zu laufen.

So beschließt der 38-Jährige endlich seiner lange gehegten Sehnsucht nachzukommen und nach Italien zu reisen, um dort seine alte Kreativität wieder zu gewinnen oder, wie er es an vielen Stellen der „Italienischen Reise“ ausdrückt, in Italien wiedergeboren zu werden. Dabei ist sein eigentliches Ziel aber weniger Italien, als vielmehr die Stadt Rom. „Die Begierde, nach Rom zu kommen, war so groß, wuchs so sehr mit jedem Augenblicke, daß kein Bleiben mehr war, und ich mich nur drei Stunden in Florenz aufhielt.“ (Goethe, S. 110f.)

Die politischen Zustände Italiens waren ihm fast vollkommen gleichgültig.[4] Goethe hat nur Augen für die Natur und vor allem für die Kunst, und auch da interessiert ihn auch nur die Kunst der Antike und der Renaissance. Die architektonischen Baustile der Gotik, Romanik und des Barock beachtet er gar nicht oder sie fallen ihm sogar negativ auf.

„Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben, aber man muß es denn doch tun und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen. Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet.“ (Goethe, S.115)

In Rom wohnt er mit einem befreundeten Maler namens Tischbein in einer Künstlerkolonie und widmet sich praktisch den ganzen Tag dem Studium der antiken Künste.[5] Dazu malt er Bilder, schreibt Briefe an seine Freunde in Weimar, und nimmt sein literarisches Werk wieder auf, indem er seine „Iphigenie auf Tauris“ in Versform[6] bringt und Pläne für seine Dramen „Egmont“ und „Torquato Tasso“ schmiedet, die er während der Reise auch fertig stellt. Daneben ist er stets darauf bedacht, sein geologisches Wissen zu vermehren und studiert mit Beharrlichkeit die verschiedenen Pflanzen, um seine Theorie von einer „Urpflanze“ zu bestätigen. In den Gärten von Palermo schreibt er dazu:

„Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken könnte. Eine solche muß es denn doch geben! Woran würde ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären?“ (Goethe I&II, S. 238)

„Rom ist eine Welt, und man braucht Jahre, um sich nur erst drinnen gewahr zu werden“ (Goethe I&II, S. 131). Und so verbringt Goethe auch fast zwei Jahre in Italien und vor allem in Rom. Um das Finanzielle musste er sich in dieser Zeit keine Sorgen machen. Sein Gehalt wurde ihm vom Weimarer Hof weiter bezahlt, wenn sich auch Friedrich Schiller über diesem Umstand aufregte:

„Während er in Italien malt, müssen die Voigte und Schmidts für ihn wie Lasttiere schwitzen. Er verzehrt in Italien für Nichtstun eine Besoldung von 1800 Thalern, und sie müssen für die Hälfte des Geldes doppelte Lasten tragen.“[7]

In Italien lebt Goethe praktisch nur für die Kunst und für seine Naturbetrachtungen und verkehrt meist in wohlhabenden Kreisen. Der Blick für das wirkliche Italien, das längst nicht mehr von der antikem Reichtum geprägt ist, sondern dessen Bewohner verarmt sind, fehlt Goethe. Und das gibt er selbst zu:

„So entfernt bin ich jetzt von der Welt und allen weltlichen Dingen, es kommt mir recht wunderbar vor, wenn ich eine Zeitung lese. Die Gestalt dieser Welt vergeht, ich möchte mich nur mit dem beschäftigen, was bleibende Verhältnisse sind, und so nach der Lehre des *** meinem Geiste erst die Ewigkeit verschaffen.“ (Goethe III, S. 39)

An vielen Stellen seiner „Italienischen Reise“ merkt man, dass er über die Not der Menschen hinwegsieht. Als er bemerkt wie Bettler und Straßenhunde sich um weggeworfene Wurstschalen streiten, erklärt er lediglich trocken: „Handwerks-neid ist überall zu Hause“ (Goethe I&II, S. 240). Erst im April 1788 ist Goethe Rom überdrüssig und schreibt:

„Noch bin ich in Rom mit dem Leibe, nicht mit der Seele. Sobald der Entschluß fest war, abzugehen, hatte ich auch kein Interesse mehr, und ich wäre lieber schon vierzehn Tage fort.“ (Goethe III, S. 181)

Die zahllosen Erinnerungen und in Italien verfassten Briefe gibt Goethe aber nicht gleich nach seiner Rückkehr nach Weimar heraus. Erst gut 26 Jahre später, in den Jahren 1816 und 1817, nachdem er seine Aufzeichnungen überarbeitet, Stellen geglättet und andere Teile aus dem Gedächtnis erweitert hat, veröffentlicht er sie unter dem Titel „Aus meinem Leben. Zweiter Abteilung Erster und Zweiter Teil“. Dieser sollte dann 1826 in die bekannte „Italienische Reise“ geändert werden.[8]

2.2 Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“

Im Jahre 1802, also etwa 15 Jahre nach Goethe, bricht Johann Gottfried Seume zu seinem „Spaziergang nach Syrakus“ auf. In neun Monaten wandert er von Leipzig nach Syrakus, einer kleinen Stadt auf Sizilien und wieder zurück. Dabei legt er fast 800 Meilen zu Fuß zurück und veröffentlicht schon 1803 seine Reiseerlebnisse, die ganz anders sind als die Goethes.[9]

Denn Seumes Beschreibung orientiert sich an der italienischen Wirklichkeit. Ihm geht es nicht um die Vergangenheit und ihre Ruinen, ihn interessiert die Gegenwart.[10] Er sieht das Land nicht wie Goethe mit einer künstlerischen Verklärung, sondern erkennt und beschreibt die Realität, in der die Menschen leben. Seume wendet sich dabei nicht gegen alle Obrigkeit, kritisiert aber mitunter scharf das häufig falsche Verhalten der Machthaber, das zur Verarmung des Volkes führt:[11]

„Nie habe ich eine solche Armut gesehen, und nie habe ich mir sie nur so entsetzlich denken können. […] Ich blickte fluchend rund um mich her […] und hätte in diesem Augenblicke alle sizilische Barone und Äbte mit den Ministern an ihrer Spitze ohne Barmherzigkeit vor die Kartätsche stellen können.“ (Seume, S. 125)

[...]


[1] Enzensberger, Hans Magnus: Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus, in: Merkur. 12. Jahrgang. Heft 8. August 1958, S. 702.

[2] Ebd., S. 702.

[3] Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. Erster und zweiter Teil. 2.Auflage. München 1968, S. 5.

[4] Friedenthal, Richard: Goethe. Sein Leben und seine Zeit. München 1963, S. 289.

[5] Friedenthal, S. 293.

[6] Friedenthal, S. 300.

[7] Friedenthal, S. 302.

[8] Goethe I&II, Nachwort von Harald Keller, S. 314.

[9] http://gaebler.info/ahnen/paul/johannes-seume.htm

[10] http://gaebler.info/ahnen/paul/johannes-seume.htm

[11] Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. 9.Auflage. München 2003, S. VIII (Vorrede).

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640156627
ISBN (Buch)
9783640156597
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114181
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Volkskunde/Europäische Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Italienreise Jahrhundert Reiselust Tourismus Urlaubskultur Forschungsfelder

Autor

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Titel: Die Italienreise im 17. und 18. Jahrhundert