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Von der Wochenschau zur Tagesschau

Entwicklung und Bedeutung einer Nachrichtensendung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Anfänge der Wochenschau

3. Die Wochenschau in der Weimarer Republik

4. Die Wochenschau im Dienste der Nationalsozialisten

5. Die Wochenschau als alliiertes Mittel der Umerziehung

6. Die Wochenschau wieder in deutscher Hand

7. Beginn und Entwicklung der Tagesschau

8. Die Tagesschau als wichtiges Mittel der Grundversorgung

9. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Guten Abend. Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.“ So oder ähnlich tönt es jeden Abend um 20.00 Uhr den heute etwa 10 Millionen Zuschauern entgegen. Die Tagesschau – die Nachrichtensendung par excellence des Ersten – beginnt. Den Namen „Tagesschau“ kennt in Deutschland praktisch jeder, weswegen sicher viele auch glauben, die Tagesschau sei uralt. Es stimmt zwar, dass sie mit ihren heute 55 Jahren, die älteste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen ist, aber Nachrichten verbreitete man über das Medium Film bereits Ende des 19. Jahrhunderts durch die sogenannten Wochenschauen, die in Kinos gezeigt wurden.

Diese Hausarbeit widmet sich der Entwicklung der Nachrichten von der Wochenschau bis zur Tagesschau im Allgemeinen und der Entstehung und Bedeutung der Tagesschau für die Grundversorgung im Besonderen. Diese Entwicklung beginnt mit den ersten Wochenschauen noch vor dem Ersten Weltkrieg und dann in der Weimarer Republik. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Vereinnahmung der Wochenschauen durch die Nationalsozialisten gerichtet. Kurz wird die Wochenschausituation während der Besatzungszeit nach 1945 geschildert und daran anschließend gezeigt, wie die Wochenschau wieder in deutsche Hände und unter staatlichen Einfluss kam. Das 7. und 8. Kapitel behandeln die Tagesschau und ihre Bedeutung für den Grundversorgungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Die Ausführungen zur Entwicklung der Wochenschau verdanken sich größtenteils dem Buch „Wochenschau, westdeutsche Identität und Geschichte in den fünfziger Jahren“ von Uta Schwarz, die vor ihre eigentliche Untersuchung eine übersichtliche und gut lesbare Geschichte der Wochenschau stellt. Der Internetaufsatz „Die Wochenschau als Mittel der Propaganda“ von Bernd Kleinhans vertieft die Bedeutung der Wochenschau unter dem Banner der Nationalsozialisten und auf filmportal.de finden sich ergänzende Informationen zu den Wochenschauen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Dem Gesamtkomplex „Tagesschau“ widmet sich Horst Jeadickes Buch „Tatort Tagesschau“, das zum 50. Geburtstag der Nachrichtensendung abgefasst wurde. Älter, aber nicht minder informativ ist die Aufsatzsammlung „Von der Kino-Wochenschau zum aktuellen Fernsehen“, zusammengestellt von Karl Reimers. Unter dem Titel „Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in gesellschaftlicher Verantwortung“ beschäftigt sich Manfred Kops mit Anspruch und Wirklichkeit der Öffentlich-Rechtlichen und so dient das Buch als Grundlage für die Frage nach dem Grundversorgungsauftrag und welche Rolle die Tagesschau dabei einnimmt. Unterstützt werden diese Ausführungen durch Ausschnitte aus dem Rundfunkstaatsvertrag, wie auch aus dem ARD-Jahrbuch 2006.

2. Die Anfänge der Wochenschau

Während es die ersten Photos bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gab, lernten die Bilder erst gegen Ende des 19. und frühen 20. Jahrhunderts das Laufen. Diese Filme waren allerdings bis zur Einführung des Ton-Films um 1930 zunächst noch stumm. Erklärungen und Anmerkungen wurden, wenn nötig durch Titeltafeln zwischen den Filmsequenzen eingeblendet.

Der preußische Nationalist und Militarist Oskar Meßter drehte 1897 den ersten „Dokumetarfilm“ mit dem Titel „Am Brandenburger Tor zu Berlin“, der nicht mehr als eine Minute lang war und seinem Titel folgend auch nichts weiter zeigte, als eine belebte Ansicht vom Brandenburger Tor. Trotzdem kann Meßter damit als Begründer der Wochenschau angesehen werden.[1]

Umso mehr verwundert es, dass die ersten richtigen Wochenschauen, die in den deutschen Kinos gezeigt wurden, nicht von deutschen, sondern von französischen Produzenten kamen. Ein Grund dafür ist, dass die Franzosen großen Gefallen an dieser Art der Aktualitätenschau fanden und damit bald zu den großen Wochenschauproduzenten Europas gehörten. Das Pathé Journal 1906, entwickelt von Charles Pathé, das Eclaire Journal 1907, wie auch die Gaumont Actualités von 1910 – um nur einige zu nennen – wurden nicht nur in den heimischen Kinos gezeigt, sondern auch ins Ausland exportiert, unter anderem eben auch nach Deutschland. Und da die Filme zunächst stumm waren, bedurfte es keiner aufwendigen Übersetzung, lediglich die Titeltafeln mussten bei Bedarf geändert werden. Die erste deutsche Aktualitäten-produktion mit dem Namen „Der Tag im Film“ kam erst 1911 auf den Markt. Ihr folgten neben der Eiko-Woche 1913 mehrere weitere deutsche Wochenschauen.[2]

Bis 1906 hatte das Kinoprogramm aus mehreren etwa gleich langen Kurzfilmen, dokumentarischer oder fiktionaler Art bestanden, die teilweise durchgehend hintereinander gespielt wurden und aus den verschiedenen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens stammten.[3]

Erst mit der Etablierung fester Filmtheater in Deutschland um 1910 und der Einführung des langen Spielfilms, vollzog sich der Übergang zur Programmform des klassischen Kinos, wo die Wochenschau ein fester Bestandteil des Kinoprogramms war und in der Regel vor dem Hauptfilm gezeigt wurde.

Als typischer Kinogänger und Wochenschau-Rezipient wurde der leichtlebige Flaneur der westlichen Städte und Metropolen angesehen, denn „anstatt die Zeitung zu lesen, geht der Flaneur der Pariser Boulevards für 10 centimes ins Pathé Journal, sieht am Eingang die Plakate mit den telegraphisch übermittelten Börsenberichten an, vergewissert sich im Kino über das, was in der letzten Zeit sich in der Welt ereignet hat, und verlässt den Raum im Vollgefühl eines gebildeten, kosmopolitisch interessierten Westeuropäers.“[4]

Die höher gebildeten Schichten blieben dem Kino meist fern, da es ihrem geistigen Niveau als zu flach erschien und die Zeitung mehr Informationen enthielt als die Wochenschauen. Tatsächlich verband man mit den Wochenschauen – und das nicht immer zu Unrecht – weniger das Wort „Informationsvermittlung“, als vielmehr „Unterhaltung“ und „Sensation“. Und was konnte man denn schon von dem Medium Film, das als Attraktion und Kuriosität auf Rummelplätzen groß geworden war anderes erwarten? Kein Wunder also, dass der Film, das Kino und damit auch die Wochenschauen bei den Regierenden in keiner großen Gunst standen und damit wenig bis gar keine Förderung erfuhren.[5]

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ließ Meßter ab 1914 für seine Meßter-Woche Kriegsberichte an der Front drehen. Um die Kriegsberichterstattung aufzulockern beinhalteten seine Wochenschauen auch zahlreiche unterhaltende Elemente, wie Preisrätsel, Karikaturen oder Werbung für Mode, aber auch Aufrufe zur Anpassung des privaten Verbrauchs an die Kriegszeiten.[6]

Meßter erkannte sehr bald das propagandistische Potential des Films und begann Mitte des Krieges bei der Heeresleitung verstärkt um den Einsatz der Wochenschauen als Propagandamittel zu werben. Tatsächlich erließ der Generalstab bald eine Leitlinie für Photographen am Kriegsschauplatz, der sich auch Kameramänner zu fügen hatten:

„Es wird von jedem Photographen vorausgesetzt, dass er mit Rücksicht auf die Lebensinteressen des Staates bei allen wichtigen Aufnahmen darauf bedacht ist, in erster Linie das vom vaterländischen Standpunkt Wichtige – nicht Sensationelles – aufzunehmen, also hauptsächlich das, was geeignet ist, die nationale Werbetätigkeit im Auslande zu fördern.“[7]

Der damalige Generalstabchef Ludendorf erkannte die politische Wirkung des Films und erreichte 1917 einen Zusammenschluss aller Kräfte in der Universum-Film AG (UFA) und somit eine Intensivierung der Kriegspropa-ganda. Durch die zunehmende Kriegsberichterstattung wuchs in der deutschen Bevölkerung der Wunsch nach mehr Sensationen und damit auch nach mehr Filmen. Doch durch die gegen Kriegsende zunehmende Zensur wurde es immer schwerer geeignetes Material zu liefern, so dass es sogar vorkam, dass Kampfhandlungen gestellt wurden.[8]

Das alles änderte trotzdem nichts daran, dass das Deutsche Reich 1918 die Waffen strecken und kapitulieren musste. Der Krieg in Europa war beendet, die inneren Unruhen im Deutschland der Weimarer Republik sollten dagegen erst noch beginnen. Nutznießer dieser politischen Zerwürfnisse der noch unreifen Republik waren die Nationalsozialisten.

3. Die Wochenschau in der Weimarer Republik

Nach dem Krieg versuchten die demokratischen Kreise der Weimarer Republik die Wochenschauen für ihre politische Werbung im In- und Ausland zu gewinnen, was aber nur geringen Erfolg hatte. Zwar wurden mit Reichsmitteln Filmgesellschaften gegründet und Wochenschauen produziert, daneben existierten aber zudem viele größere und kleinere Privatfirmen, die ebenfalls Nachrichtenfilme herstellten.[9]

Unter staatliche Kontrolle geriet die im Herbst 1917 gegründete UFA, die ab 1925 eine Ufa-Wochenschau produzierte und sich verpflichtete darin den Wünschen des Reichsinnenministeriums zu folgen.[10]

Vor allem konservative und reaktionäre Gruppen nutzen Wochenschauen für ihre politischen Zwecke und bekamen bald die Oberhand auf dem Filmmarkt. Dieser starke Ruck vor allem von rechts, zeigt sich an der bereits erwähnten Ufa-Wochenschau. 1925 noch im Dienste der Weimarer Republik, unterstand sie zwei Jahre später dem deutsch-nationalen Alfred Hugenberg, der mit ihr diesmal Propaganda gegen die Republik betrieb.[11]

Aber auch die Wirtschaft mischte beim Wochenschau-Poker mit und versuchte diese als Werbeträger für sich nutzbar zu machen, denn Wochenschauen trugen durch den Austausch von Nachrichtenfilmen zur nationalen Kultur- und Wirtschaftspropaganda bei. Kein Wunder also, dass Werbung für die Nation und Werbung für die nationalen Produkte Hand in Hand gingen.[12]

Die Wochenschauen der Weimarer Republik dienten nicht der Informationsvermittlung, sondern wurden sowohl von politischen als auch wirtschaftlichen Kräften und Gruppierungen für ihre Zwecke ausgenutzt.

[...]


[1] Kleinhans, Bernd: Die Wochenschau als Mittel der Propaganda. In: http://www.shoa.de/content/view/112/127/ (Stand: 1.8.2007).

[2] Schwarz, Uta: Wochenschau, westdeutsche Identität und Geschichte in den fünfziger Jahren. Frankfurt/New York: Campus Verlag 2002, S. 45f.

[3] Ebd. S. 46.

[4] Ebd. S. 48.

[5] Jaedicke, Horst: Tatort Tagesschau. Eine Institution wird 50. München. Alitera Verlag 2002, S. 40.

[6] Schwarz, Uta: Wochenschau, westdeutsche Identität und Geschichte in den fünfziger Jahren. Frankfurt/New York: Campus Verlag 2002, S. 49.

[7] Jaedicke, Horst: Tatort Tagesschau. Eine Institution wird 50. München. Alitera Verlag 2002, S. 39.

[8] Ebd. S. 40ff.

[9] Schwarz, Uta: Wochenschau, westdeutsche Identität und Geschichte in den fünfziger Jahren. Frankfurt/New York: Campus Verlag 2002, S. 50.

[10] Ebd. S. 50.

[11] Ebd. S. 50.

[12] Ebd. S. 51f.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640155828
ISBN (Buch)
9783640155934
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114163
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften
Note
3,0
Schlagworte
Wochenschau Tagesschau Gesamtkunstwerk

Autor

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