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Lachen über Hitler?

"To be or not to be" als kritische Komödie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 26 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. TO BE OR NOT TO BE
1.1 Inhalt von TO BE OR NOT TO BE
1.2 Wahrnehmung und Wirkung
1.2.1 TO BE OR NOT TO BE und der polnische Widerstand
1.2.2 Das Remake von Brooks

2. Lachen über Hitler- Komödie vs. Tragödie
2.1 Die Tragödie- das ästhetische Mitleid
2.1.1 Die Tragödie bei Aristoteles
2.1.2 Die Tragödie und der Rezipient
2.1.3 Tragödie und Manipulation
2.2 SCHINDLER’S LIST
2.2.1 Inhalt und Wirkung
2.2.2 Gemeinsamkeiten
2.3 Die reflexive Kraft der Komödie
2.3.1 Die Komödie im Verhältnis zur Tragödie
2.3.2 Die Komödie und das Lachen des Publikums
2.3.3 Das Wissen des Rezipienten
2.3.4 Komödie und Stellungnahme

3. Fazit

Bibliographie

Einleitung

Was das Komische an Hitler betrifft, möchte ich nur sagen, dass es, wenn wir nicht ab und zu über Hitler lachen können, noch viel schlechter um uns bestellt ist als wir glauben.

Es ist gesund zu lachen, auch über die dunkelsten Dinge des Lebens, sogar über den Tod.1

Glaubt man Annette Insdorf, dann werden durch Komödien über den Holocaust zwei wesentliche Fragen aufgeworfen2: In wiefern ist Humor ein adäquates Mittel, um das Grauen darzustellen? Und: Welche neuen Erkenntnisse kann ein humoristischer Ansatz zu diesem Thema bringen?

Die Annahme, dass eine komödiantische Bearbeitung eines eigentlich tragischen Themas einen Erkenntniszuwachs bietet, scheint erst mal sehr abwegig. Wird doch seit Aristoteles die Komödie als oberflächliche Stiefschwester der Tragödie angesehen. Es scheint immer noch so, dass ein wirklich ernstzunehmender Film, der dem Attribut kritisch gerecht werden soll, eine dramatische oder tragische Bearbeitung der entsprechenden Thematik aufweisen muss.

Das dies nicht immer so sein muss, zeigt sich anhand der Anti-Nazi-Komödie TO BE OR NOT TO BE von Ernst Lubitsch. Hier mischen sich intelligente Gesellschaftskomödie und Anti-Nazi-Film zu einem anspruchsvollen und sehr kritischen Gesamtkunstwerk, das seit 1942 kaum an Aktualität verloren hat.

Dem stelle ich als Vertreter einer tragisch-dramatischen Bearbeitung der Holocaust- Thematik SCHINDLER’S LIST gegenüber.

So zeigt sich, dass die scheinbar „authentischere“ Tragödie sich dem Risiko aussetzt, den Zuschauer zu überwältigen und dadurch in seinen angenommenen Ansichten zu bestätigen.

In der Tat entschärft die Tragödie das Grauen, indem sie das Geschehen mit dem Nimbus des Erhabenen umkleidet und damit affirmativ wirkt.3

Die intelligente Komödie dagegen bietet durch ihren subversiven Witz die Grundlage für neue Reflexions- und Erkenntnisprozesse. Die so bezogene Position des Zuschauers zum Film, die durch und mit dem Lachen entsteht „’impft’ gegen die Versuchung, sich fürderhin in irgendeiner Weise – sei es durch Faszination, sei es durch Furcht – von ihm [dem Diktator] beeindrucken zu lassen.4

1. TO BE OR NOT TO BE

1.1 Inhalt von TO BE OR NOT TO BE

To be or not to be, that is the question - Whether 'tis nobler in the mind to suffer The slings and arrows of outrageous fortune, Or to take arms against a sea of troubles, And, by opposing, end them.5

Die Handlung von TO BE OR NOT TO BE ist verschlungen und Lubitsch nimmt sich die Freiheit, nicht alles Geschehen vollständig aus zu erzählen. Der Zuschauer befindet sich in unterschiedlichen Wissenszuständen: mal weiß er mehr, mal weniger als die Protagonisten und manchmal scheint sich sein Wissen mit dem der Schauspieler regelrecht zu ergänzen.

[Hier] verlaufen die Irritationslinien quer durch Figuren und Zuschauer hindurch: auch das Kinopublikum wird immer wieder Täuschungen und Unklarheiten ausgesetzt über den Stand, die Voraussetzungen oder den Fortgang der Handlung.6

So beginnt der Film mit einer Szene in Warschau, die vorgibt zu zeigen wie Adolf Hitler im August 1939 ein Bad in der Menge nimmt. Wie sich kurz darauf herausstellt, handelt es sich aber um den Darsteller Bronski, der seine schauspielerischen Fähigkeiten durch eine Konfrontation mit der Wirklichkeit, also den Warschauer Bürgern, beweisen will. Bronski ist Mitglied des Ensemble des Teatr Polski, das mit seinen beiden Stars Maria und Joseph Tura in Warschau große Erfolge feiert.

Bronskis „Hitler“ ist Teil der Probe für das Schauspiel „Gestapo“. Um die Deutschen nicht zu verärgern, wird das Nazi-Stück verworfen und stattdessen Hamlet wieder ins Programm aufgenommen.

Für die Schauspieler bedeutet dies Routine und sie kehren zu ihren alltäglichen Problemen zurück: Maria Tura sorgt sich um ihre Affäre mit dem jungen Flieger Sobinski, Joseph Tura um sich selbst und seine Schauspielkunst und der Nebendarsteller Greenberg um die ihm versagte Karriere als Shylock-Darsteller.

Der Einmarsch der deutschen Truppen im September 1939 verändert die Lage für Polen und die Schauspieler des Teatr Polski radikal. Warschau wird von deutschen Bomben erheblich zerstört, das Theater geschlossen und die Schauspieler auf die Straße gesetzt.

Der junge Flieger Sobinski kämpft als Teil des polnischen Geschwaders der Royal Air Force von England aus gegen die Deutschen, kehrt aber aus dem Exil in London zurück, um den polnischen Widerstand in Warschau vor dem Verräter Professor Siletzky zu warnen, der im Besitz einer Liste mit den Namen der polnischen Widerständler ist.

Sobinski findet Unterschlupf bei seiner ehemaligen Affäre Maria Tura. So wird das gesamte Ensemble des Teatr Polski in die Agenten-Affäre um Professor Siletzky verwickelt. Denn um zu verhindern, dass die Namensliste von Professor Siletzky an die Gestapo übergeben wird, ist das gesamte Ensemble gezwungen, mit Hilfe der Requisiten und Kostüme des abgesetzten Dramas „Gestapo“ eine „reale“ Inszenierung zu improvisieren. Joseph Tura gibt sich dabei je nach Anforderung der Situation als der Warschauer Gestapo-Chef Erhardt oder umgekehrt für die Nazis als Professor Siletzky aus.7

Maria Tura und die anderen Schauspieler unterstützen ihn dabei, in dem sie die Rollen spielen, die sie lieben: Maria Tura ist die verführerische Hilflose, Bronski ein überzeugender Hitler und Greenberg darf endlich seinen Shylock-Monolog vor versammelter (Nazi-)Mannschaft sprechen. Sowohl Maria und Joseph Tura, als auch dem restlichen Ensemble gelingt es dabei ihre charakterlichen, d.h. menschlichen, Schwächen (eheliche Untreue, Eitelkeit, mangelndes schauspielerisches Vermögen) in notwendige und hilfreiche Werkzeuge ihrer Darstellung zu verwandeln.

In diesem lebensgefährlichen Verwechslungsspiel gelingt es den Schauspielern, die Namenliste zu vernichten, Professor Siletzky zu töten und so den polnischen Widerstand zu retten. In einem amüsant-dramatischen Showdown verlassen sie in Hitlers Privatflugzeug Polen, um dann in London als gefeierte Helden und Schauspieler mit dem HAMLET wieder auf der Bühne zu stehen.

1.2 Wahrnehmung und Wirkung

Ende des Jahres 1941 gedreht, wird TO BE OR NOT TO BE 1942 uraufgeführt.8 Lubitsch ist zu dieser Zeit bereits ein berühmter und erfolgreicher Regisseur in Hollywood. Bekannt für seine sexy comedies, die mit viel Witz und gutem Gespür für Timing und Schnitt intelligente Unterhaltung bieten, hat er zu Beginn der 1940er Jahre „sein ureigenes filmästhetisches Arsenal politisiert zum Zweck einer Auseinandersetzung mit der Nazi-Herrschaft“9.

Bereits 1939 hatte er mit NINOTSCHKA eine sogenannte politische Komödie gedreht, die vom damaligen Publikum aber nur zurückhaltend aufgenommen wurde.10 Deutschland hatte gerade mit Zustimmung des stalinistischen Russlands Polen überfallen und damit den Zweiten Weltkrieg in Gang gesetzt. Ein Film über eine sowjetische Sonderbeauftragte in Liebesnöten traf nicht den Geist der Zeit und stieß auf ein unwilliges Publikum.

Auch die Reaktion des Publikums auf seine Antinazi-Komödie TO BE OR NOT TO BE fällt verhalten bis feindselig aus.11 Beachtet werden muss hierbei aber, dass die heutigen Angaben zum damaligen Erfolg deutlich auseinander gehen. Bei Kathy Laster und Heinz Steinert heißt es: „TO BE OR NOT TO BE war sofort ein großer Erfolg“12, während Spaich von der „größte[n] Katastrophe seiner [Lubitschs] Laufbahn“13 spricht. Sicher ist, dass dieser Film heutzutage zu Lubitschs großen Meisterwerken, zählt in dem er geschickt den „Stil der unterhaltsamen, wortwitzigen, intelligenten sogenannten Gesellschaftskomödie“14 mit einer politischen bzw. gesellschaftlichen Botschaft verbindet.

Viele seiner Witze werden als geschmacklos und unpassend empfunden. So wird der von Erhardt über Turas Schauspielkunst geäußerte Satz „Was der mit Shakespeare gemacht hat, das machen wir heute mit Polen.“ besonders beanstandet.

Dem Film wurde weiterhin vorgeworfen, „dass die darin dargestellten Nazis nicht jene bellenden, brutalen Uniformchiffren sind, die sich als Erzählkonvention zu diesem Zeitpunkt schon eingebürgert hatten.“15

1.2.1 TO BE OR NOT TO BE und der polnische Widerstand

Die vielfältige Kritik gegen TO BE OR NOT TO BE hatte neben dem Vorwurf der Banalisierung der Nazis einen weiteren Schwerpunkt: das Leiden der polnischen Bevölkerung würde der Lächerlichkeit preisgegeben.16

Die Kritik ging soweit, dass Lubitsch sich immer wieder zu Rechtfertigungen gezwungen sah. In einem Brief an Herman G. Weinberg schreibt Lubitsch 1947: “This picture never made fun of Poles, it only satirized actors and the Nazi spirit and the foul Nazi humor”.17

Wenn Lubitsch im Verlauf des Films die heldenhaften Taten des polnischen Widerstands in einem ca. 20-minütigen Abschnitt zeigt, dann ist das durchaus ernst gemeint.

Für rund zwanzig Minuten verliert die Geschichte fast völlig den Charakter einer Komödie und nimmt stattdessen die Form eines realistischen Kriegsdramas an.18

Aber manch Zuschauer wird skeptisch geblieben sein. Denn wenn die Bilder explodierender Züge und Gebäude auf der Leinwand vorbeiziehen und der Off- Kommentator dies als Racheaktionen dem polnischen Widerstand zuweist, dann hat der Zuschauer bereits in den ersten zehn Minuten des Films gelernt, dass weder die Bilder noch die Off-Stimme verlässliche Quellen sind. Lubitsch überlässt es also dem Zuschauer zu entscheiden, ob es den aktiven polnischen Widerstand, wie er im Film gezeigt wird, wirklich gibt.

Dazu kommen weitere Szenen und Dialoge im Film, die als subtile Kritik an den Polen verstanden werden können. Wenn z.B. Joseph Tura seiner Frau erklärt: „Ich bin ein guter Pole, ich liebe mein Vaterland, aber ich liebe auch meine Pantoffeln.“ Woraufhin seine Frau antwortet: „Ich will doch hoffen, dass Polen zu erst kommt.“ Dann kann das auch als eine Kritik an dem mangelnden politischen Engagement der Polen und ihrer teilweise freundlich, passiven Hinnahme der Nazi-Okkupation gesehen werden. Das Gleiche gilt für den von Erhardt geäußerten Satz: „We do the concentrating and the Poles do the camping.”

Es wird deutlich gezeigt, dass schon die polnische Zensur, bevor Deutschland Polen besetzt hat, aus Angst oder eben aus Opportunismus das Anti-Nazi-Schauspiel “Gestapo” hat streichen lassen.

Die Polen sind also nicht ausschließlich Opfer, auch sie lassen sich in der ersten Szene von dem Bronski-Hitler blenden. Statt ihn zu verjagen bestaunen sie ihn ehrfurchtsvoll, bis ein kleines Mädchen dem Schwindel ein Ende bereitet.

Die polnische Beteiligung an der Herrschaft der Nazis zeigt sich ganz besonders in der Figur des Professor Siletzky. Klug, weltgewandt und einnehmend bringt er die jungen Piloten des polnischen Geschwaders dazu, ihm zu vertrauen und die Namen des polnischen Widerstands zu verraten. Auch bei Maria Tura versucht er sein Glück und verspricht ihr ein luxuriöses, ein besseres Leben, wenn sie den Nazis hilft. Professor Siletzky ist gerissner, klüger als die anderen Nazis und damit gefährlicher. Er durchschaut die Maskerade der Schauspieler und weil er nicht getäuscht werden kann, muss er erschossen werden.

Die Schauspieler sind zwar in der Lage die deutschen Nazi-Vertreter mit den ihn gegeben Mitteln zu bekämpfen, aber der wirklich gefährliche Nazi ist der aus dem eigenen Land, der eigenen Bevölkerung.

Es bleibt die ganze Zeit unklar, ob Professor Siletzky Pole oder Deutscher ist. Anscheinend har er lange nicht in Warschau gelebt, aber das schließt nicht aus, dass er Pole ist und damit ein polnischer Nazi. Die polnische Nationalität an sich schließt also den Nationalsozialismus noch nicht per se aus.

Überhaupt verbindet Lubitsch den polnischen Widerstand immer wieder mit einem starken polnischen Nationalismus. Die Verfolgung der Juden durch die Nazis ist keine offensichtliche Handlungsmotivation für die Schauspiel-Truppe. Sie berufen sich aber mehrfach auf ihre Pflicht als polnische Patrioten.19

Auch wenn Lubitsch auf die Bedrohung der jüdischen Polen durch die nationalsozia- listische Besatzung nicht explizit eingeht, gibt es doch den Schauspieler Greenberg, der sich so mit dem Shylock-Monolog identifiziert, dass man in Kombination mit seinem “jüdischen” Namen, davon ausgehen kann, dass er als Repräsentant für die jüdische Bevölkerung in Polen steht. Denn Shylock Monolog darf er auch vor der Besetzung der Nazis nicht auf offener Bühne sprechen. Der Monolog des selbstbewussten, nach Gleichberechtigung strebenden Juden ist auch in Polen kein erwünschtes (Abend-)Programm, schon gar nicht gesprochen von einem jüdischen Schauspieler.

Auf sehr subtile Weise gelingt es Lubitsch also die Okkupation durch die Nazis darzustellen, ohne dabei den Opportunismus, den Antisemitismus und den

[...]


1 Charlie Chaplin 1942

2 “Comic films about the Holocaust raise two major questions: to what extent is humor appropriate when dealing with such devastation? And what illumination can a perspective of humor provide that is not possible in a serious approach?” Insdorf 1983, S. 59

3 Leiteritz 1998, S.160

4 Leiteritz: 1998, S. 156

5 Shakespeare: Hamlet. 3.Akt, 1. Szene

6 Nauman 1983, S. 258

7 Rasner spricht von einem „geradezu schizophrenen Rollenchaos“. „Die charakterlichen Parallelen, die sich dabei zwischen Erhardt und Tura auftun, sind ebenso grotesk wie beunruhigend.“ Vgl. Rasner 1984, S. 192f.

8 Metzler 1995

9 Naumann 1983, S. 261

10 Vgl. hierzu Spaich 1992

11 Manch Kritiker vermutet die Ursache in der Trauer um Carole Lombard, die drei Wochen nach Ende der Dreharbeiten von TO BE OR NOT TO BE am 16.1. 1942 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

12 Laster/ Steinert 2003, S.231

13 Spaich 1992, S. 348

14 Naumann 1983, S.266

15 Weingarten 2005, S. 82

16 Vgl. Weingarten 2005

17 zitiert nach Loewy 2003, S. 127

18 Rasner 1984, S. 191

19 Vgl. Laster/Steinert 2003. Als Beispiel hierfür ist ebenfalls die oben zitierte Pantoffel-Szene geeignet.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640148738
ISBN (Buch)
9783640150700
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114019
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Zentrum für Antisemitismusforschung
Note
1,0
Schlagworte
Lachen Hitler Filmische Inszenierungen Holocaust

Autor

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Titel: Lachen über Hitler?