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Der Konflikt zwischen Bildungsbürgertum und Bourgeoisie in Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“

Seminararbeit 2004 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Gründerzeit und Bourgeoismentalität
2.1.1 Die wilhelminische Gesellschaft zur Zeit der Reichsgründung
2.1.2 Frau Jenny Treibel als „Musterstück einer Bourgeoise“
2.1.2.1 Feudale Lebensformen und Adelsenthusiasmus des Bourgeois
2.1.2.2 Sentimentalität und falscher Idealismus als Charakterzug des
Bourgeoisen
2.1.3. Kritik an der „Bildung“
2.1.4. Treibels „Verirrung“ in die Politik
2.2 Die Auseinandersetzung zwischen Macht und Geist
2.2.1. „Geldsackgesinnung“ als „Zeitkrankheit“
2.2.2. Kritik am Bildungsbürgertum
2.2.3 Die Kluft zwischen Bildungsbürgertum und Bourgeoisie
2.3 Fontanes Realismusverständnis und Erzählstil
2.3.1 Wie äußert sich Fontanes Realismus?
2.3.2 Bedeutung des Gesprächs und Multiperspektivität
2.3.3 Ironie und Humor
2.3.4 Formen der Gesellschaftskritik

3. Schluss

Literaturangaben

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Fontane, der bereits als Zwanzigjähriger Gedichte und Balladen veröffentlichte, sich darüber hinaus als Journalist, Kritiker und Reiseschriftsteller einen Namen machte, fand zu der Kunst, für die er heute am meisten geschätzt wird, der Kunst des Romaneschreibens, erst als Sechzigjähriger. Er sorgte dafür, dass der deutsche Realismus den Anschluss an den europäischen Realismus gewann, und schrieb noch große realistische Romane, als andere Dichter sich bereits mit dem Naturalismus identifizierten.

„Frau Jenny Treibel“ entstand zu einer Zeit, als die Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft einen fundamentalen Wandel erfuhren. Nicht mehr die Unterschiede zwischen Adel und Bürgertum, sondern die Unterschiede innerhalb des Bürgertums – vor allem zwischen Bildungs- und Besitzbürgertum - stellen die zentrale Problematik des Romans dar.

„Eine Kommerzienrätin (...), die in ihrer Jugend Grünkram verkauft hat (...), verhindert die Heirat ihres Sohnes mit der Tochter ihres einstigen Verehrers. Das ist die ganze Fabel. Aber was wird unter seinen Händen aus diesen nicht weiter interessanten Vorkommnissen! Durch seine Kunst werden sie zu hohen und breiten Gesellschaftsspiegeln, die die Dinge, die Allüren des Adels, die Anschauungen des Bürgertums und die Beschränktheit der Bourgeoisie, in lebendigstem Lichte zurückwerfen.“[1] – So beschreibt der Fontane-Biograph Herbert Roch den Roman „Frau Jenny Treibel oder ‚Wo sich Herz zum Herzen find’t’“, welcher erstmals 1892 erschien. Und der Roman ist in der Tat mehr als ein Roman des Realismus – er ist ein kritisches Spiegelbild der wilhelminischen Gesellschaft zu Ende des 19. Jahrhunderts.

2. Hauptteil

2.1 Gründerzeit und Bourgeoismentalität

2.1.1 Die wilhelminische Gesellschaft zur Zeit der Reichsgründung

Bei der Gründung des deutschen Reiches 1871 in Versailles handelte es sich nicht um den Triumph einer demokratischen Volksbewegung, sondern um eine „Reichsgründung von oben“. Die bürgerlich-liberale Bewegung, die für die nationale Einigung des „Flickenteppichs“ deutscher Fürstentümer und Reichsstädte gekämpft hatte, war 1848 gescheitert. 23 Jahre später wurde sie den Deutschen aus der Hand des Reichskanzlers Bismarck beschert, wobei der Adel weiterhin alle politische Macht innehatte, und das Bürgertum sich resigniert aus der Politik zurückzog. Die Jahre nach der Reichsgründung – die sogenannten Gründerjahre - waren gekennzeichnet durch einen enormen Wirtschaftsaufschwung, der vor allem durch die französischen Reparationszahlungen ermöglicht wurde. Ein Teil des Bürgertums sah durch diesen Boom die Möglichkeit – wenn es schon auf politisches Mitspracherecht verzichten musste - , zumindest wirtschaftlich aufzusteigen. Während also die Aristokratie in der Politik nach wie vor den Ton angab, übernahm die Klasse des kapitalistischen Großbürgertums wie Industrielle, Financiers und Geschäftsleute die ökonomische Vormachtstellung. Damit einher ging ein Mentalitätswandel: Die neue Schicht des Großbürgertums verstand sich nicht mehr als Teil des Gesamtbürgertums, sondern entwickelte die Neigung, sich dem Adel anzugleichen und einen Adels- oder Ratstitel zu erwerben. Das Bürgertum vereinte sich nicht zu einer homogenen Schicht, wie die bürgerlich-liberale Bewegung ursprünglich gehofft hatte; die „Bourgeoisie“, also die zu Besitz gekommene kapitalistische Klasse des Bürgertums, und das traditionelle Bildungsbürgertum drifteten zunehmend auseinander.

2.1.2 Frau Jenny Treibel als „Musterstück einer Bourgeoise“

Schon im ersten Kapitel des Romans „Frau Jenny Treibel“ fällt mit Wilibald Schmidts Charakterisierung seiner Jugendfreundin Jenny das Stichwort. Frau Jenny Treibel ist ein „Musterstück“ (S.13), ein „Typus“ (S. 86), der die von Fontane so verachtete Bourgeoisgesinnung verkörpert. Fontanes Absicht, die bourgeoise Mentalität zu thematisieren, erscheint noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass der Roman in seinem frühesten Entwurf „Frau Bourgeoise oder ‚Wo nur Herz und Seele spricht’“ heißen sollte. Es geht also nicht um ein Individuum, sondern um einen Typus, der charakteristische Eigenschaften einer bestimmten sozialen Gruppe – in diesem Falle der Bourgeoisie bzw. des Großbürgertums – verkörpert.

2.1.2.1 Feudale Lebensformen und Adelsenthusiasmus des Bourgeois

Das Wort „Bourgeois“ bezeichnet im 19. Jahrhundert den neureichen, im Zuge der Gründerjahre zu Besitz gekommenen Großbürger. Damit einher ging die „Feudalisierung“ des Großbürgertums, die Angleichung an den Adel, die sich vor allem in der Nachahmung aristokratischer Lebensformen äußerte. So gönnen sich Treibels eine herrschaftliche Villa mit Dienerschaft, Luxuskarosse und parkartiger Gartenanlage. Auch die zahlreichen Diners mit ihrem oberflächlichen Geplänkel schmecken nach Adel. Dies entspricht der Neigung des Großbürgers nach Repräsentation und Selbstdarstellung. Die für den Bourgeois typische Adelsbegeisterung kommt bei Jenny besonders gut zum Ausdruck, während ihr Mann andere Motive hat, mit dem Adel (hier verkörpert von Lieutenant Vogelsang und den Damen Bomst und Ziegenhals) zu verkehren. Treibel hat vor allem den politisch-gesellschaftlichen Aufstieg im Auge, bei dem ihm der Adel von Nutzen sein könnte. Dies ist ein weiteres Merkmal der großbürgerlichen Gesellschaften: Gäste werden nicht nach persönlicher Zuneigung, sondern nach wirtschaftlich-politischen Interessen und Renommee geladen: Adlige und Militärs, der Sänger Adolar Krola („Krola war seit fünfzehn Jahren Hausfreund, worauf ihm dreierlei einen gleichmäßigen Anspruch gab: sein gutes Äußere, seine gute Stimme und sein gutes Vermögen“, S. 24), Corinna, nur weil sie so gebildet ist. Auch der Umgang miteinander, bei dem höfische Formen kopiert werden, soll aristokratische Etikette imitieren, was jedoch bestenfalls lächerlich wirkt. Weiterhin kennzeichnend für den „Bourgeoisstandpunkt“ ist die konsequente Abgrenzung nach unten, wie sie auch Jenny betreibt – ein Faktum, welches angesichts ihrer Herkunft aus kleinbürgerlichen Verhältnissen als besonders widersinnig anmuten muss („Jetzt marschiert jeder Küchenjunge durch den Vorgarten“, S. 15; „Frau Jenny präsentierte sich in vollem Glanz, und ihre Herkunft aus dem kleinen Laden in der Adlerstraße war in ihrer Erscheinung bis auf den letzten Rest getilgt“, S. 24).

2.1.2.2 Sentimentalität und falscher Idealismus als Charakterzug des Bourgeoisen

„’...Wo sich Herz zum Herzen find’t’. Dies ist die Schlußzeile eines sentimentalen Lieblingsliedes, das die 50-jährige Kommerzienrätin im engeren Zirkel beständig singt und sich dadurch Anspruch auf das ‚Höhere’ erwirbt, während ihr in Wahrheit nur das Kommerzienrätliche, will sagen viel Geld, das ‚Höhere’ bedeutet. Zweck der Geschichte: das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeoisstandpunkts zu zeigen, der von Schiller spricht und Gerson meint...“.[2] So schrieb Fontane 1888 an seinen Sohn über „Frau Jenny Treibel“. Diese Aussage treffen wir fast o-Ton in Prof. Wilibald Schmidts Bemerkung „Sie liberalisieren und sentimentalisieren beständig, aber das ist alles Farce; wenn es gilt, Farbe zu bekennen, dann heißt es: ‚Gold ist Trumpf’, und weiter nichts“ (S. 88).

[...]


[1] Roch, Herbert: Fontane, Berlin und das 19. Jahrhundert, Berlin 1962, S. 257

[2] Brief an Theodor Fontane, 9. 5. 1888

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640142859
ISBN (Buch)
9783640143351
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113955
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
Konflikt Bildungsbürgertum Bourgeoisie Theodor Fontanes Roman Jenny Treibel“ Proseminar

Autor

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