Lade Inhalt...

Die Gründung der CDU. Geboren aus dem Widerstand?

Seminararbeit 1995 25 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Parteien – Das Ende von Weimar
2.1 Ein starker Staat ohne Parteien
2.2 Das Prinzip der „kleinen Gemeinschaften“

3 Ein bewährter Neuanfang
3.1 Politisches Vakuum
3.2 Vorsichtige Lizenzvergabe
3.3 Neue Kontakte

4 Die CDU und das Erbe des Widerstands
4.1 Katakombengeist
4.2 Erste Programme (1945–1946)
4.2.1 Keine Erwähnung des Widerstands
4.2.2 Legitimation durch das Christentum
4.2.3 „Organischer“ Staatsaufbau
4.2.4 Zwischen Plan- und Marktwirtschaft
4.2.5 Parlamentarische Verfassung

5 Schluß

Quellen

Literatur

1 Einleitung

„Die geistigen Wurzeln der CDU liegen in der Sozialethik der christlichen Kirchen, in der liberalen Tradition der europäischen Aufklärung und im christlich motivierten Wider- stand gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime.“[1] Diese grundlegende De£nition entstammt nicht einem der ersten Programme, sondern einer Veröffentlichung aus jüngster Zeit. Der „christlich motivierte Widerstand“ als geistige Wurzel der CDU wurde und wird immer häu£ger genannt, doch selten näher erläutert. Seine Erwähnung allein muß oft der historischen Selbstbestimmung genügen. Das Zitat scheint den Widerstand als geistigen, das heißt als einen der inhaltlichen Ursprünge der Christlich-Demokratischen Union zu bestimmen, und impliziert damit zumindest die teilweise Übernahme der Ideen des Wider- stands in die CDU-Programmatik. Selbst umgekehrt – und bei weitem radikaler – ließe sich die De£nition deuten: die CDU als eine Konsequenz der Pläne und Vorstellungen des Widerstands!

Die Kritik mancher Widerstandskämpfer am Weg der frühen CDU verstummt angesichts so unre¤ektiert benannte Ursprünge, und auch Hans Mommsen scheint allein mit seiner These, im Neuanfang Deutschlands keines der Ziele des Widerstands verwirklicht zu se- hen.[2]

Publikationen wie die oben zitierte umgehen die Schwierigkeiten, die ein Vergleich der Zielvorstellungen des Widerstands und der frühen CDU-Programmatik mit sich bringt, sie vermengen Gegensätze, wie sie größer nicht sein könnten: das mordende System und Über- legungen zu alternativen (Übergangs-) Regierung auf der einen, das besetzte Deutschland und die wählerwerbende Charakteristik der Parteiprogramme auf der anderen Seite. Meist begnügt man sich deshalb mit der Nennung der Gründungsmitglieder der CDU(D), die tat- sächlich nahezu sämtlich aktiv Widerstand leisteten oder wenigstens zu ihm Verbindung hatten.

Die Verbindung der Ideen des Widerstands zu den Gründungszirkeln der CDU, zu den

ersten Programmen und Aufrufen soll im Folgenden beleuchtet werden.[3] Die für eine sinnvolle Untersuchung wesentlichen zeitgeschichtlichen Bedingungen und Voraussetzun- gen der ersten Parteigründungen sind in Anbetracht des beträchtlichen Umfangs dieses Aspekts und der erheblichen regionalen Eigenentwicklungen nur knapp dargestellt. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Frühgeschichte der CDU würde den Rahmen die- ser Arbeit bei weitem sprengen. Hier verweise ich auf die ausgezeichnete Publikation von Gurland.[4]

2 Parteien – Das Ende von Weimar

2.1 Ein starker Staat ohne Parteien

Für die Gruppe um Goerdeler galt – wie für die anderen Widerstandskreise auch – die zer- splitterte Parteienlandschaft der Weimarer Republik als ein dominanter Auslöser der poli- tischen Krise der frühen 30er Jahre. Das mathematische Prinzip des Verhältniswahlrechts, die anonyme Wahl einer Liste und eines „papiernen Programms“ kapselte den Gewählten vom Wähler ab.[5] So erkannte man zwar die theoretische Gerechtigkeit der Weimarer Ver- fassung an, war aber gleichzeitig von der politischen Schwäche des Systems überzeugt. Die Unfähigkeit zu Koaltitionen lastete Goerdeler allein den unzähligen Parteien an.[6] Die- se Erkenntnis spiegelt sich in den Vorstellungen der Gruppe um Goerdeler wieder. Einige Ansätze gingen von einer autoritär regierenden, elitären Herrschergruppe aus. Nach von Hassels und Popitz Ansicht mußte der Staat – bei Hassel allerdings dezentral organisiert

– über der Gesellschaft stehen.[7] Sogar ein „völkischer Führerstaat ohne Hitler“ war nicht unvorstellbar[8], von Goerdeler allerdings – seinen liberalen Prinzipien treu bleibend – rund- weg abgelehnt.[9] Er, der erst 1940 vom Gedanken der Neuinstallation einer Monarchie abgekommen war, stellte in seiner schon zitierten Schrift „Das Ziel“ ein den Parlamenta- rismus beargwöhnendes Denken zur Schau. Allerlei restriktive Maßnahmen, die den Ein-

¤uß von Parteien begrenzen sollten unterstreichen dies. Am deutlichsten zu sehen ist die Vorsicht vor den „gefährlichen Kräften“ der Parteien im äußerst eingeschränkten direkten Mehrheitswahlrecht.[10]

Auf die öffentlichen Meinungsbildung legte die Gruppe um Goerdeler keinen großen Wert. Goerdeler hoffte, das Volksvereinende des Nationalsozialismus aufrecht erhalten zu kön- nen, um eine erneute Zersplitterung in Parteien zu vermeiden. Er ging in seinen Überle- gungen davon aus, daß seine Ziele schon ihrer Vernunft wegen allgemeingültigen Charak- ter besäßen. Nie handelte er im Hinblick auf eine mögliche Opposition. Wohl empfand er den Kreisauer Kreis als eine Konkurrenz, doch ist er in seinen Notizen nicht davon ausge- gangen, sein Programm müßte mittels einer Partei gegen Opponenten verteidigt werden.[11] Indirekt aber unterstützte er mit seinem Mehrheitswahlrecht im Grunde genommen ein Zwei- oder Dreiparteiensystem.[12] Anzeichen für eine interkonfessionelle Partei gibt es in der Umgebung der Goerdeler-Gruppe nur schemenhaft. Bernhard Letterhaus mag an eine solche gedacht haben.[13]

Goerdelers Vertrauen, nach dem Ende Hitlers eine Regierung ohne meinungsbildende In- stanzen und Konkurrenzdruck einsetzen und eine Verfassung installieren zu können, die vom Mißtrauen gegenüber dem Wähler geprägt war, mag viele Ursachen gehabt haben. Sicherlich hatten die Weimarer Republik und ihr Parlamentarismus ein abschreckendes Beispiel geliefert. Hinzu kommt, daß die führenden Widerstandskräfte fast sämtlich kei- ne typischen Parlamentarier und in der Weimarer Zeit parteilos waren.[14] Genauso wußte

Goerdeler, wie schwer das „von Propaganda verseuchte Volk“ wieder zu Vernunft und De- mokratie zurückkehren würde. Ekkehard Klausa bemerkt ganz richtig, daß Hitler noch 1944 jede freie Wahl gewonnen hätte.[15] Im übrigen waren die Gruppierungen des Wider- stands so isoliert von dem, was es zu retten galt, dem Volk – Ian Kershaw titelt ganz richtig

„Widerstand ohne Volk“ –, daß ein Neubeginn, der den mündigen Bürger vernachlässigt, in etwa nachvollziehbar wird.[16]

Die Vorstellungen Goerdelers tragen unverkennbar elitäre Züge. Erklärbar werden sie durch die Tatsache, daß nahezu alle Widerstandskräfte der oberen Mittel- und der Ober- schicht angehörten und meist im Staatsdienst gestanden hatten. Hier regte sich gegen Hitlers Politik noch am ehesten Ablehnung, während der Mittelstand der nationalsozia- listischen Propaganda fast völlig erlegen war.

2.2 Das Prinzip der „kleinen Gemeinschaften“

Genauso wie die Gruppe um Goerdeler lehnte auch der Kreisauer Kreis jede Rückkehr zum Alten ab. Das galt sowohl für Verfassungen vor der Weimarer Republik, als auch für deren zerstrittenen Parlamentarismus. Sie sahen sich vor allem auf sozialem Gebiet als „Revo- lutionäre“, die ihrer Meinung unsozialen und reaktionären Vorstellungen der Goerdeler- Gruppe, von ihnen als „Herrenclub“ tituliert, lehnten sie weitgehend ab.

Politisch verantwortlich sollte wieder jeder Einzelne werden, und politisches Leben in die kleinste Einheit, zum Menschen, zurückkehren. Mit dem identitätstiftenden Konzept der

„kleinen Gemeinschaften“ – der Familie, dem Wohnort, dem Landkreis – meinte man die Entfremdung von Politik und Gesellschaft aufheben zu können. Der forcierte „Aufbau von unten nach oben“ sah Gründung und Ein¤ußbereich von Parteien nur in einem für den Einzelnen überschaubaren Rahmen vor, keinesfalls aber in einem so zentralistisches Parteiensystem wie dem der Weimarer Republik.[17]

Auch im Kreisauer Kreis hoffte man, den Neubeginn gemeinsam zu schaffen, ohne sich erneut in alten Interessens- oder Klassenkon¤ikten zu verheddern. Ein wichtiger Schritt dazu sollte sein, die Arbeiterschaft und die Kirchen wieder zusammenzubringen. Eine Art deutsche Labour Party schien einigen der richtige Weg. Diese Idee würde nach Kriegsen- de in Gesprächen zwischen Sozialdemokraten und ehemaligen Zentrumspolitikern eine – wenn auch ergebnislose – gedankliche Fortsetzung erfahren.[18]

Im Kreisauer Kreis hatten sich tief gläubige Menschen zusammengefunden. Für sie stell- te das NS-Regime vor allem eine Abkehr von allen christlichen Werten dar. Durch die Entfremdung der Deutschen von Gott war die Grausamkeit des Nationalsozialismus erst möglich geworden. Man war sich im Kreisauer Kreis einig, daß die deutsche Bevölkerung allein durch eine „sittliche und religöse Erneuerung“, durch eine Wiederbesinnung auf die göttliche Ordnung gerettet werden könne. „Die innere Neuordnung des Reiches ist die Grundlage zur Durchsetzung eines gerechten und dauerhaften Friedens.“, ist in der Notiz Moltkes über die Grundsätze für die Neuordnung zu lesen.

Ein ständiger Belastungspunkt für die Weimarer Republik, der Konfessionenkon¤ikt, war im Kreisauer Kreis überwunden. Die Kreisauer waren sich deutlich bewußt, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Protestanten für die Zukunft werden würde. Das Christentum, mit ihm der Ruf nach einer inneren Neuordnung, und die Interkonfessio- nalität sollten für die junge CDU zur grundlegenden Basis werden.

Zusammenfassend ist zu sagen, daß der Blick auf eine mögliche programmatische Linie von den Plänen des Widerstands zu einer „christlichen demokratischen Union“ schon durch die völlig andere Ausgangslage verdeckt ist. In den Kreisauer Notizen ging es um das Fun- dament einer sofort nach dem Umsturz einzusetzenden Regierung, die Parteiprogramme von 1945 hingegen konnten nichts anderes tun, als Möglichkeiten und Perspektiven vorzu- stellen. Ob allerdings an Teile der Widerstandsprogramme quasi rückerinnert wurde, als sich die ersten Gründungszirkel trafen, soll im Weiteren die zentrale Frage sein.

[...]


[1] Aus einer Internet-Publikation der CDU-Bundesgeschäftsstelle (http://www.cdu.de) anläßlich des 50jähri- gen Bestehens der Bundespartei, 1995.

[2] Mommsen, Hans, Der Widerstand gegen Hitler und die deutsche Gesellschaft, in: Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, hrsg. v. Jürgen Schmä- deke und Peter Steinbach, München, 1986, S. 17.

[3] Der Begriff „Widerstand“ bezeichnet hier den sogenannten „bürgerlich-konservativen“ Widerstand im wei- teren, d.h. den Widerstand der Gruppe um Goerdeler und des Kreisauer Kreises im engeren Sinne. Zur Problematik des Widerstandbegriffs siehe auch Klausa, Ekkehard, Politischer Konservatismus und Wider- stand, in: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, hrsg. von Peter Steinbach Johannes Tuchel, Berlin, 1994 oder Wippermann, Wolfgang, Der Widerstand, Lehrhefte zum Studienfach Geschichte, Reihe: Das Dritte Reich, Teil 10, Berlin, 1994.

[4] Gurland, Arcadius R.L., Die CDU/CSU, Ursprünge und Entwicklung bis 1953, hrsg. von Dieter Emig, Frankfurt am Main, 1980. Weitere siehe Literaturverzeichnis.

[5] Goerdeler, Carl F., Das Ziel, 1941, in: Scheurig, Bodo (Hrsg.), Deutscher Widerstand 1938–1944, Fortschritt oder Reaktion? München, 1984, S. 112.

[6] Daß eine große Unbeweglichkeit allerdings auch von den allzu starken Verbänden ausging, wurde nicht berücksichtigt. Vgl. Mommsen, Hans, Verfassungs- und Verwaltungsreformpläne der Widerstandgruppe des 20. Juli 1944, in: Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, hrsg. v. Jürgen Schmädeke und Peter Steinbach, München, 1986, S. 580.

[7] Roon, Ger van, Widerstand im Dritten Reich, Ein Überblick, München, 1981, S. 151. Eine Reaktion auf den entfremdenden Dualismus von Staat und Gesellschaft der Weimarer Republik.

[8] ebd., S. 152.

[9] Goerdeler, a.a.O., S. 117.

[10] ebd.

[11] Ganz im Gegenteil; in Goerdelers Übergangsregierung waren auch „Kreisauer“ vorgesehen, beispielsweise Lukaschek als Verantwortlicher in den Ostprovinzen.

[12] Mommsen, Hans, a.a.O., S. 580.

[13] Gotto, Klaus, Verfolgung und Widerstand unter dem NS-Regime, in: Buchstab, Günter und Klaus Gotto, Die Gründung der Union. Traditionen, Entstehung und Repräsentanten, München, 1981, S. 65f.

[14] Mommsen, a.a.O., S. 580.

[15] Klausa, Ekkehard, Politischer Konservatismus und Widerstand, in: Widerstand gegen den Nationalsozialis- mus, hrsg. v. Peter Steinbach u. Johannes Tuchel, Berlin, 1994., S. 234.

[16] Kershaw, Ian, „Widerstand ohne Volk?“ Dissens und Widerstand im Dritten Reich, in: Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, hrsg. v. Jürgen Schmädeke und Peter Steinbach, München, 1986, S. 779ff. Mommsen spricht von der „Introvertiertheit“ der Neuordnungspläne (Mommsen, Hans, Der Widerstand gegen Hitler und die deutsche Gesellschaft, a.a.O., S. 12)

[17] Grundsätze für die Neuordnung, aus dem Moltke-Nachlaß, in: Roon, Ger van, Neuordnung im Widerstand. Der Kreisauer Kreis innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung, München, 1967, S. 562.

[18] Gurland,a.a.O., S. 31ff. und S. 70ff.

Details

Seiten
25
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783638107129
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1139
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachbereich Geschichte
Note
Schlagworte
CDU Widerstand Nationalsozialismus Parteien Union Kreisauer Kreis Goerdeler

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Gründung der CDU. Geboren aus dem Widerstand?