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Geschichte der Rundfunkorchester

Seminararbeit 2007 15 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Entstehung und Herausbildung der Rundfunkorchester im Hörfunk der Weimarer Republik

3 Programmpolitik im Dritten Reich

4 Neubeginn nach 1945

5 Zusammenfassung

6 Quellenund Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Rundfunkorchester, die neben den Vokalensembles als so genannte Rundfunkklangkörper unter der Trägerschaft einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft stehen, können im Vergleich zu anderen Kulturorchestern auf eine weniger weitreichende Tradition zurückblicken. Ihre Entwicklung ist seit der Einführung des Unterhaltungsrundfunks in Deutschland 1923 untrennbar mit der technischen und programmgeschichtlichen Entwicklung des Mediums Rundfunk verbunden. Wobei der Terminus Rundfunk bis zur Einführung des Fernsehens zunächst ausschließlich für den Hörfunk gebräuchlich war. Mit dem Aufbau der bis 1924 gegründeten Sendegesellschaften, welche, entsprechend des selbst auferlegten Kulturauftrages, innerhalb des Sendegebietes die wachsende Rundfunkteilnehmerzahl flächendeckend mit „Nachrichten und Darbietungen künstlerischen, belehrenden und unterhaltenden […] Inhalts“[1] zu versorgen beabsichtigten, begann auch die Etablierung rundfunkeigener Ensembles, um den steigenden Bedarf der Hörer an vorwiegend musikalischen Darbietungen zu erfüllen. Dabei vollzog sich dieser Aufbauprozess innerhalb des deutschen Sendegebietes nur annähernd parallel, bedingt durch differente technische, personelle und finanzielle Voraussetzungen von Sender zu Sender unterschiedlich.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die allgemeine Entstehung und Herausbildung der Rundfunkorchester aufzuzeigen und sie im Hinblick auf ihre sowohl programmgeschichtliche als auch technische und personelle Entwicklung, verbunden mit einer einhergehenden Ausweitung der Aufgabenbereiche zu betrachten. Eine Einbindung in den jeweils gesellschaftspolitischen Kontext kann dabei in diesem begrenzten Rahmen nur bedingt erfolgen. Vertiefte Darstellungen einzelner Aspekte sowie technische und gesetzliche Grundlagen des Mediums Rundfunk müssen weiteren Einzelbetrachtungen vorbehalten bleiben.

Zur allgemeinen und umfassenden Geschichte der Rundfunkorchester in Deutschland ist die Quellenlage eher als ungünstig und sehr differenziert zu bezeichnen. Während zur überblicksartigen Geschichte des Rundfunks zwar vielfältige Literatur[2] existiert, werden dabei jedoch die Rundfunkensembles kaum berücksichtigt. Eine Ausnahme bildet die von Leonhard herausgegebene Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer Republik, welche sich, auf den Zeitraum von 1923 bis 1933 beschränkend, im Rahmen der Programmgeschichte und ihrer musikalischen Inhalte auch vereinzelt mit den rundfunkeigenen Ensembles beschäftigt. Weiterhin existieren Chroniken einzelner Orchester[3], deren Veröffentlichungen anlässlich von Jubiläen zur medienwirksamen Selbstdarstellung entstanden und vorwiegend auf regionale und biographische Aspekte gerichtet sind. Zur detaillierteren Darstellung spezifischer Aspekte böten Quellen in den Archiven der jeweiligen Sendegesellschaften Auskunft, können jedoch in diesem Rahmen nicht berücksichtigt werden.

2 Entstehung und Herausbildung der Rundfunkorchester im Hörfunk der Weimarer Republik

Als der Hörfunk am 29.Oktober 1923 zunächst in Berlin und dann bis zum Folgejahr über acht weitere Sendegesellschaften als Unterhaltungsrundfunk für die Öffentlichkeit in Deutschland seinen regelmäßigen Programmdienst aufnahm, war der kulturelle Auftrag durch die Gründerväter aus Industrie, Wirtschaft und Kultur als Ziel festgelegt.

„Gegenstand des Unternehmens ist die Veranstaltung und drahtlose Verbreitung von Vorträgen, Nachrichten und Darbietungen künstlerischen, belehrenden, unterhaltenden, wirtschaftlichen sowie sonst weitere Kreise der Bevölkerung interessierenden Inhalts in … und weiterem Umkreise“[4].

Schon Ende des ersten Weltkrieges wurde der Funk, noch ausschließlich für die militärische Nachrichtenübermittlung gedacht, auch zur Unterhaltung der Soldaten mit musikalischen Live-Vorträgen[5] „missbraucht“. Und seit Mai 1923[6] konnten nicht zahlende Funkbastler über Versuchssendungen aus Königs Wusterhausen von Stationsmitarbeitern vorgetragene „Sonntagskonzerte“ empfangen. Doch wollte man die nun Gebühren zahlende Hörerschaft für das neue Medium gewinnen, so musste man die anfangs nur wenige Stunden ausgestrahlten Programme nach den Hörbedürfnissen der Rundfunkteilnehmer ausrichten. Um deren Wünsche systematisch zu erfassen, startete die Programmzeitschrift „Der deutsche Rundfunk “ 1924 erstmals eine Hörerbefragung, welche im Ergebnis eine Forderung nach quantitativer Ausweitung der Programme zeigte und wonach das Interesse neben Tagesneuigkeiten und Zeitangaben vorrangig musikalischen Darbietungen wie Operette, Kammermusik, gemischten Konzerten, Tanzmusik, Oper und Chormusik galt[7].

Diesem Bedürfnis nach musikalischer Unterhaltung konnten die Programmgestalter auf verschiedenen Wegen nachkommen, sowohl durch direkte Live-Übertragungen aus den Opernund Konzerthäusern vor Ort, als auch Live-Übertragungen von Konzerten aus sendeeigenen Räumen, oder aber auch in noch begrenztem Maße über Schallplattenkonzerte. Denn bereits 1920 wurde Schallplattenmusik von Reichspostbediensteten in Königs Wusterhausen in Versuchsprogrammen gesendet[8], ebenso bestand das einstündige Eröffnungsprogramm der Berliner Radio-Stunde neben Live-Vorträgen von Instrumentalund Gesangssolisten auch aus Musik von Voxplatten[9]. Zunächst war die Speicherkapazität und damit auch das verfügbare Repertoire noch sehr begrenzt und nicht alle Sendeanstalten nutzten diese Möglichkeit von Anfang an, doch erkannte die Industrie den werbewirksamen Charakter sogenannter Schallplattenkonzerte und verzichtete zunächst auf Entgelte. Ein zunehmender Einsatz dieser Tonträger im Rundfunk gegen Ende der zwanziger Jahre, der bis zu einem Viertel der Programmzeit einnahm, führte infolge der wirtschaftlichen Krise in einer Auseinandersetzung mit der um ihren Umsatz fürchtenden Schallplattenindustrie 1931/32 zum „Schallplattenkrieg“ und letztlich zu einer Sendebeschränkung auf 60 Stunden pro Monat[10]. Was besonders kleineren, weniger finanzkräftigen Sendegesellschaften Schwierigkeiten bereitete, ein etwa 14stündiges Programm anzubieten.

Opern-Übertragungen, in Berlin schon 1920 möglich, waren aufgrund des Live-Charakters beliebt und gestatteten im „demokratischen“ Sinne des Rundfunks nun auch einem breiteren Publikum Zugang zu den Werken. Doch nicht alle Spielhäuser nutzten die Chance einer Zusammenarbeit mit dem neuen Medium, stattdessen verweigerten skeptische Kulturinstitutionen sowohl aus Konkurrenzgründen als auch angesichts juristischer Unklarheiten, aber auch aufgrund der noch unvollkommenen Klangwiedergabe aus Angst um ihren guten Ruf die Übertragungsrechte, wie die Leipziger Oper bis Ende 1925[11], die Staatstheater Hamburg und Stuttgart sogar bis 1928[12].

So bestand eine Alternative in der fallweisen Verpflichtung von freien Orchestern und Solisten für rundfunkeigene Konzerte, was zwar eine stilistisch vielfältige aber kostspielige Programmgestaltung bedeutete, doch um eine flexible und kostengünstige Produktion zu sichern, blieb letztlich nur der Aufbau eigener Ensembles[13], welcher sich allmählich vollzog und bis Ende der Zwanziger seinen Abschluss fand.

Aufgrund der Neuheit des Mediums Rundfunk und den noch fehlenden Erfahrungswerten hinsichtlich technischer Übertragung, war die akustische Wiedergabe musikalischer Darbietungen in den von Experimenten geprägten Anfangsjahren noch unvollkommen.

Die Studioproduktionen wurden ausschließlich live aus nur wenige Quadratmeter großen, mit Teppichen und Vorhängen stark gedämpften Räumen[14] gesendet und der zunächst geringe übertragbare Frequenzbereich der Mikrophone verzerrte die Klangfarben einzelner, obertonreicher Instrumente[15] und machte sie somit für den Hörer undifferenzierbar. Alfred Szendrei, Kapellmeister des Leipziger Sinfonie-Orchesters stellte 1924 fest:

"Im allgemeinen sind große Klangmassen, Orchester, Chöre nach dem heutigen Stand der Technik sehr wenig oder gar nicht zur Wiedergabe geeignet, das Klangergebnis solch großer Massen ist heute noch ziemlich unausgeglichen, daher nicht nur für musikalische, sondern auch für Laienohren nicht sonderlich genussreich".[16]

Demzufolge blieben in der Anfangsphase sowohl Besetzung als auch Repertoire beschränkt. Nach Ludwig Stoffels[17] galten vor allem Kammermusik, Werke von Mozart, Haydn oder Bach für die Übertragung als unbedenklich, dagegen wurden Werke von Brahms, Bruckner oder Wagner aufgrund der monumentalen Partituren als problematisch betrachtet. Alfred Sous[18] bemerkt, dass den akustischen Unzulänglichkeiten durch Auswahl besonders für die Rundfunkübertragung geeigneter Instrumente, wie Klarinette, Trompete, Violine, Kontrabaß und Klavier begegnet wurde, wie Paul Hindemith sie in seiner Komposition „Anekdoten für Radio“ für den Frankfurter Sender einsetzte.

Aufgrund der engen Senderäume, in denen die verschiedenen Positionen für Mikrophon, Stimmen und Instrumente oft auf dem Fußboden markiert waren, fanden die bisherigen Produktionen mit anfänglich kammermusikalischer Besetzung ohne Publikum statt. Diesen fehlenden Kontakt beschrieb 1925 Kurt Weill, Komponist und Rundfunkkritiker, gerade für die Musiker als nachteilig.

[...]


[1] Sous, Alfred: Ein Orchester für das Radio, Frankfurt 1998, S.14.

[2] Dussel, Konrad: Deutsche Rundfunkgeschichte, Konstanz 2004; Koch, Hans Jürgen u. Hermann Glaser: Ganz Ohr. Eine Kulturgeschichte des Radios in Deutschland, Köln 2005; Lenk, Carsten : Die Erscheinung des Rundfunks. Einführung und Nutzung eines neuen Mediums 1923-1932, Göttingen 1997; Lerg, Winfried B.: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland. Herkunft und Entwicklung eines publizistischen Mittels, Frankfurt am Main 1970.

[3] u.a. Sous, Alfred: Ein Orchester für das Radio, Frankfurt 1998; Clemen, Jörg: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters, Altenburg 1999.

[4] Lerg, Winfried B.: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland, Frankfurt Main 1970, S.210.

[5] Sous, Alfred: Ein Orchester für das Radio, Frankfurt 1998, S.12 ff.

[6] Lerg, Winfried B.: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland, Frankfurt Main 1970, S.228.

[7] Lerg, Winfried B.: Die Entstehung des Rundfunks in Deu tschland, Frankfurt Main 1970, S.272 ff.

[8] Dibelius, Ulrich: Musikkultur aus eigener Kraft. In: ARD Jahrbuch 1981, S.28.

[9] Lerg, Winfried B.: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland, Frankfurt Main 1970, S.212 ff.

[10] Lenk, Carsten : Die Erscheinung des Rundfunks, Göttingen 1997, S.188 ff. ; Schumacher, Renate: Dem Ende zu: der Weimarer Rundfunk in den Jahren 1930-1932/33, In: Joachim-Felix Leonhard (Hrsg.) Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer Republik, Band 1, München 1997, S.412 ff.

[11] Clemen, Jörg: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters, Altenburg 1999, S. 35.

[12] Dussel, Konrad: Deutsche Rundfunkgeschichte, Konstanz 2004, S.66.

[13] Stapper, Michael: Unterhaltungsmusik im Rundfunk der Weimarer Republik, Tutzingen 2001, S.54.

[14] Soppe, August: Rundfunk in Frankfurt am Main 1923-1916, München 1993, S.149.

[15] Führer, Karl Christian: Mikrophone, In: Joachim-Felix Leonhard (Hrsg.) Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer Republik, Band 2, München 1997, S.696 f.

[16] Clemen, Jörg: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters, Altenburg 1999, S. 25.

[17] Stoffels, Ludwig: Kunst und Technik, In: Joachim-Felix Leonhard (Hrsg.) Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer Republik, Band 2, München 1997, S.688 ff.

[18] Sous, Alfred: Ein Orchester für das Radio, Frankfurt 1998, S.15.

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640161775
ISBN (Buch)
9783640163748
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113845
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Musikwissenschaftliches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Musikwissenschaft Deutsche Rundfunkorchester Rundfunkklangkörper allgemeine Entstehung und Herausbildung der Rundfunkorchester Runfunkorchester in Deutschland bis 1945 Programmgeschichte und personelle Entwicklung Ausweitung der Aufgabenbereiche der Rundfunkklangkörper Geschichte der Rundfunkorchester in Deutschland rundfunkeigene Ensembles

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