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Religiöse und weltliche Erotik im Barock

Vergleich von Schefflers „Sie singt von der Süßigkeit seiner Liebe“ und Hofmannswaldaus „Ach daß ich euch nicht meiden müsste"

Seminararbeit 2004 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. HEUTE BEFREMDLICH KLINGENDE EROTIK IM BIBLISCHEN HOHELIED

2. „ACH DASS ICH EUCH NICHT MEIDEN MÜSTE“
2.1. WIE FINDET EIN „SCHLÜPFRIGES“ GEDICHT PLATZ IM BAROCK?
2.2. EINE GALANTE ODE AN DIE BRÜSTE
2.3. LIEBESKLAGE ODER MEHR?
2.4. CHARAKTERISTISCH FÜR GALANTE LYRIK: SYNTHESE ZWISCHEN BEGEHREN UND ERFÜLLEN

3. „SIE SINGT VON DER SÜSSIGKEIT SEINER LIEBE“
3.1. „LIEBE“, „SCHATZ“ UND „KÜSSE“ IN EINEM RELIGIÖSEN GEDICHT?
3.2. GROSSES ZIEL: „EINGES EIN“ MIT GOTT

4. GEMEINSAME MOTIVE – UNTERSCHIEDLICHE SEELISCHE HALTUNG

Literaturverzeichnis

1. HEUTE BEFREMDLICH KLINGENDE EROTIK IM BIBLISCHEN HOHELIED

„Wie bist du schön und so lieblich, o Liebe in Wonnen! Deine Gestalt ist der

Palme gleich, deine Brüste sind wie Trauben. Ich dachte: Ich will auf die Palme

klettern, will pflücken die Dattelrispe, und deine Brüste sollen mir sein wie

Trauben des Weinstocks, der Duft deines Atems wie Apfelduft! Und dein Mund

soll mir sein wie der edelste Wein, der glattweg fließt zu meinen Liebkosungen,

meine Lippen und Zähne benetzend. ‚Ich gehöre meinem Geliebten an und nach

mir hat er Verlangen.“[1]

Dass diese Textstelle aus einem der schönsten Liebeslieder der Weltliteratur, dem biblischen Hohelied des Salomon stammt, das wissen auf Anhieb sicherlich nur sehr wenige; selbst wenn bei der Frage nach der Herkunft Auswahlmöglichkeiten zur Beantwortung gegeben wären – ein hoher Prozentsatz würde vermutlich nicht richtig liegen. Das liegt aber nicht nur daran, dass das Interesse an der Heiligen Schrift immer mehr ein oberflächliches ist, Worte wie „Brüste“, „Liebkosungen“ oder auch „Verlangen“ erscheinen heute in einem religiösen Kontext schlichtweg befremdlich. Das Hohelied aus dem Alten Testament strahlt eine Erotik aus, die sich aus heutiger Sicht für Texte aus dem Umfeld Kirche und Religion verbieten würde. Außerhalb der Kirche hingegen sind die Themen „Sexualität“ und „Erotik“ allgegenwärtig. Es ist schwer vorstellbar, dass dieses Lied mit eindeutigem erotischen Charakter bereits vor etwa 3000 Jahren verfasst wurde und außerdem noch einen Platz in der biblischen Schriftensammlung des Alten Testaments gefunden hat (wobei dieses Alte Testament an Schilderungen sexueller Tatbestände, angefangen von Ehebruch über Vergewaltigung und Inzest bis hin zu Orgien gar nicht so arm ist). Heute herrscht doch die Meinung vor, Sexualität sei frühestens seit den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts enttabuisiert worden. Dabei gab es schon viel früher Zeiten, in denen Sexuelles sagbar war, ehe dann moralisierende Tendenzen erneut zu einer Tabuisierung führten. Vor über 300 Jahren, zur Barockzeit, war eine solche Phase der Duldung zumindest verbaler Freizügigkeit. Besonders auffällig ist die Tatsache, dass Sexualität und Erotik in der so genannten „galanten Zeit“ sowohl in der religiösen als auch der profanen Dichtung eine Rolle spielten. Mit seiner Liedersammlung „Heilige Seelen-Lust oder geistliche Hirtenlieder der in ihren Jesum verliebten Psyche“ ist Johannes Scheffler, auch Angelus Silesius genannt, der berühmteste Vertreter auf Seiten der geistlichen erotischen Barock-Dichtung. Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau hingegen widmete sich vornehmlich der weltlichen Erotik. Weltliche Erotik, geistliche Erotik – kann man Erotik überhaupt in verschiedene Ebenen auftrennen? Und - wenn ja - wo liegen die Unterschiede?

Die oben aufgeworfene Frage gilt es anhand zweier Gedichte zu klären. Zum einen ist dies Hoffmannswaldaus weltlich-erotisches „Ach dass ich euch nicht meiden müste“ aus der Neukirchschen Sammlung mit dem Titel „Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesene und bisher ungedruckte Gedichte“, zum anderen das geistlich-erotische „Sie singt von der Süßigkeit seiner Liebe“ aus der „Heiligen Seelenlust“ von Angelus Silesius.

2. „ACH DASS ICH EUCH NICHT MEIDEN MÜSTE“

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau:

Ach daß ich euch nicht meiden müste /
Ihr schätze dieser dritten welt /
Ihr schnee-gebürgten engel-brüste /
Von lufft und seuffzern auffgeschwellt;
Mit eurer rundten liebligkeit
Mag nichts durchaus verglichen werden /
Weil ihr des himmels und der erden /
Des grossen rundtes bilder seyd.

Ihr die ihr beyde hände füllet /
Ihr seyd hier nicht wie anderwärts
In tausend tüchern eingehüllet /
Und qvält das aug / und klemmt das hertz:
Ihr zeiget bloß und decket frey /
Durch lindes auff- und nieder-wallen /
Daß in euch weissen marmor-ballen
Blut / feuer / geist und leben sey.

Auff euren hügeln / schöne brüste /
Hat eine werthe mildigkeit
Den süssen saamen aller lüste
Zu vollem wachsthum ausgestreut:
Hier ist die süsse frucht der welt /
Die nach dem paradiese schmecket /
Darein der starcke leim verstecket /
Der alle welt zusammen hält.

Ach möchte mir die würffel fallen /
Daß ich nicht dürffte weiter gehn /
Und könte stets euch zucker-ballen
In eurem milch-meer schwimmen sehn /
Ich wolte gern durch manchen kuß /
Euch allerschönsten liebs-altären
Die höchste billigkeit gewähren /
Die man an euch verwundern muß.

Doch nein der himmel wills nicht leiden /
Mein schicksal reist mich von euch hin;
Lebt wohl / ich muß euch ewig meiden /
Wiewohl ich euer sclave bin.
Was denn der mund nicht leisten kan /
Das nehmt ihr schönsten engel-brüste /
Ihr gegenwürffe meiner lüste /
Von liebenden gedancken an.

2.1. WIE FINDET EIN „SCHLÜPFRIGES“ GEDICHT PLATZ IM BAROCK?

Der erste Leseeindruck von „Ach daß ich euch nicht meiden müste“ wirft im Bewusstsein des historischen Hintergrunds zu Lebzeiten Hoffmannswaldaus (1616-1679) Fragen auf: Soviel „Schwulst“ und „Schlüpfrigkeit“[2] in einem Gedicht, das in einer Zeit entstand, in der Europa noch unter dem 30-jährigen Krieg und seinen Folgen litt und andere Barockdichter wie Andreas Gryphius mit drastischen Worten die „vanitas mundi“, die Vergänglichkeit des Irdischen, thematisierten? Soviel Aufmerksamkeit für eine Frau und ihren Körper in einer Zeit, in der „manche Theologen noch die Frage diskutierten, ob Frauen überhaupt Menschen seien“[3] ? Soviel Erotik in einer Zeit, in der die Kirche Sexualität ausschließlich zu Fortpflanzungszwecken duldete und Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe oder zum Lustgewinn als Todsünde galt?[4] Wie ist das zu erklären?

Hier muss zunächst ein Unterschied zwischen Entstehungszeit und Veröffentlichung von Hoffmannswaldaus erotischer Lyrik gemacht werden: Vermutlich aus Angst vor Diskreditierung[5] verhinderte der schon zu seinen Lebzeiten sehr geschätzte Dichter eine frühe Herausgabe seiner frivolen Liebesgedichte. Erst im Spätbarock, nach Hoffmannswaldaus Tod gelangten die erotischen Werke durch eine Auswahlausgabe seiner „Deutschen Übersetzungen und Getichte“ sowie durch Neukirchs Anthologie (ab 1695) an die Öffentlichkeit.

Damals, gut 40 Jahre nach dem verheerenden Krieg (1618-1648) war die Entdeckung des Erotischen Teil eines gerade stattfindenden Zivilisationsprozesses, der sich insbesondere im Kreise des Adels vollzog. Das verstärkte Auseinandersetzen mit dem eigenen Körper und allen seinen Bedürfnissen sollte ein Loslösen vom rein körperlichen Dasein bewirken und somit eine Abgrenzung vom einfachen naiven Menschen, der einem körperlichen Ausgeliefertsein unterlag.[6] Also fand diese Art von „Literatur mit erotischer Thematik, meist in einer geistreich-pointierten Darstellungsweise abgefasst“[7] und „galante Lyrik“ genannt, seinen Platz in der aristokratisch-höfischen Welt. Zum Gesellschaftsleben am Hof gehörte das Rezitieren von Gedichten, wobei nun im neuen Bewusstsein der eigenen Körperlichkeit insbesondere die erotische Dichtung als Folge der „ ‚ernsten oder spielerischen Spannungen zwischen den Geschlechtern, die sich aus ihrem Zusammensein ergaben’ “[8] Gefallen fand.

Zudem herrschten am Hof nicht unbedingt die strengsten moralischen Anschauungen und man unterwarf sich in Adelskreisen im Vergleich zu den niederen Volksschichten „nicht in gleich striktem Maße einer kirchlichen Disziplin“[9].

So ist die Existenz einer zwar vielleicht „schlüpfrigen“ aber durch ihren Beitrag zur „zunehmenden Kultivierung des menschlichen Zusammenlebens“[10] lizenzierten Liebeslyrik erklärbar.

[...]


[1] Die ganze heilige Schrift, Hohelied, 7,7-11, S. 814.

[2] Vgl. Szyrocki, 1997, S. 201.

[3] Erotische Lyrik der galanten Zeit, 1999, S. 105.

[4] Vgl. ebd., S. 100.

[5] Vgl. Niefanger, 2000, S. 125.

[6] Vgl. Niefanger, 2000, S. 36.

[7] Erotische Lyrik der galanten Zeit, 1999, S. 107.

[8] Ebd., S. 108.

[9] Ebd., S. 107.

[10] Niefanger, 2000, S. 37.

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640150021
ISBN (Buch)
9783640150373
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113650
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für NDL
Note
2,0
Schlagworte
Religiöse Erotik Barock Barocklyrik

Autor

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