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Adab - Alt-Arabische Literatur als Schlüssel zum gegenwärtigen Verständnis

Hausarbeit 2005 27 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Arabistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Adab – als Verstehenshilfe
1. Einleitung
1.1 Begriff, Definition und Bedeutungswandel von Adab

II. Adab- Geschichte, Charakteristika und Werke
2. Die Evolution der Adab-Literatur
2.1 Verschriftlichung
2.2 Sesshaftwerdung
2.3 Gesellschaft
2.4 Politik
3. Pioniere der Adab-Literatur
4. Adab-Werke
4.1 Charakteristika von Adab-Werken
4.2 Standarisierte Textsorten
4.3 Narrative Textsorten
4.4 Appellative Textsorten
4.5 Adab der Hofsekretäre und Fürstenspiegel
5. Al-Ğāhiẓ und al-Ma̒arri – Zwei herausragende Adab-Autoren
5.1 Al-Ğāhiẓ- der Glotzäugige
5.2 al-Ma̒arrī – Der Dichter-Asket

III. Adab - eine vergessene Literaturgattung?

Literaturverzeichnis:

I. Adab – als Verstehenshilfe

1. Einleitung

Der 11. September kam und alles lag in Scherben. Die Welt – man verstand sie nicht mehr. Dann hieß es nur noch „wir“ und „sie“. Den Menschen in den westlichen Staaten war mit einem Schlag klar geworden, dass sie die arabische Kultur nicht verstanden, sie ihnen fremd war. „Sie“ stand repräsentativ für alle Araber, sogar alle Muslime, von denen man sich nun bedroht fühlte und sich abgrenzen wollte. Doch warum kann der Westen eine Kultur nicht verstehen, deren Gedankengut seit Hunderten von Jahren den lateinischen Sprachraum in Form von Übersetzungen infiltriert? Hatte man womöglich den Geist der Übersetzungen nicht verstanden? Was heißt es also zu verstehen?

Laut Pierre Bourdieu bedeutet verstehen „sich gedanklich in (den anderen) hineinzuversetzen“ und „Partei für ihn zu ergreifen[1].“ Dies beinhaltet die Kenntnis der Existenzbedingungen des Anderen, seines Sozialraums, gesellschaftlicher Mechanismen und Dynamiken. Bourdieu betrachtet das Individuum als Produkt äußerer Determinanten, wie Tradition, Gesellschaft, Religion und Geschichte. Demnach ist ein Verständnis der arabisch sprechenden Menschen eng mit der Einsicht in historische Bedingungen heutiger „sozialer und psychischer Prägungen“ verstrickt. Wie kann also das gegenseitige Verständnis der unterschiedlichen Kulturen gefördert werden, um zu einem respektvollen Miteinander zu finden?

Diese Hausarbeit versucht zu einem interkulturellen Dialog beizutragen. Angesichts der bestehenden Unsicherheit vieler Deutscher gegenüber dem arabischen Gedankengut, möchte ich hiermit zu einem bessern Verständnis der reichen arabischen Kultur- und Literaturgeschichte verhelfen und vielleicht einige neue Aspekte und Zusammenhänge aufwerfen. Es lohnt sich bis in frühislamische Zeiten zurückzugehen, denn gegenwärtige Verhaltensmuster und arabische, ethische Vorstellungen gründen im Altarabischen. Besonders das Adab dient der Entschlüsselung altarabischer Lebensbedingungen, der Sozialräume und des Verhaltens. Doch was genau ist Adab?

1.1 Begriff, Definition und Bedeutungswandel von Adab

Die etymologische Geschichte des Wortes Adab spiegelt die Entwicklung der arabischen Kultur von der vorislamischen Zeit bis zur Moderne wider. Man nimmt an, dass Adab vom Plural ādāb abgeleitet wurde, der ursprünglich den Plural zu daʿb, Sitte und Gewohnheit, bildete. In der vorislamischen Zeit war Adab ein Synonym von sunna, bedeutete demnach vor allem Gewohnheit, Brauch, Sitte, Moral und Verhaltenskonformität gemäß einer lobenswerten, tradierten Stammesnorm.[2]

Nach Erscheinen des Islam änderte sich die Wortbedeutung, ebenso wie sich Bräuche und Gewohnheiten der beduinischen Konvertiten wandelten. Die Innovation war das Hinzukommen von neuen Wortbedeutungen, wobei die alte Bedeutung von Adab nie komplett überholt wurde. Zu Beginn der abbasidischen Epoche stand Adab für die gute Erziehung, Höflichkeit, Eleganz, Etikette und Verfeinerung, im Gegensatz zu den alten, vorislamischen Sitten. Diese ethisch-soziale Bedeutung von Adab hielt sich durch das ganze islamische Mittelalter. Doch Adab hatte zu Beginn der Umayyadenzeit eine weitere Bedeutung angenommen. Adab bezeichnete die Summe des Wissens, das einen Mann zum Adīb, also urbanen, kultivierten und höflichen Zeitgenossen, machte. Die Grundkenntnisse des Adīb umfassten Rhetorik, Grammatik, Lexikografie und Metrik der arabischen Sprache, sowie Dichtkunst, Geschichte der arabischen Stämme und ihres Brauchtums.

Im Laufe der islamischen Expansion wurde dieses arabische Konzept von Adab als Folge des Kontakts mit fremden Kulturen ausgeweitet. Die Bildung des kosmopoliten Adīb war interkulturell und beinhaltete nun auch Kenntnisse indischer, persischer und hellenistischer Literatur. Dieser transnationale Kulturbegriff des Adab wurde aber wenig später eingeschränkt. Adab bedeutete dann vorrangig die nötigen Erfahrungen und das Zugangswissen zur Beamtenlaufbahn, wie das Adab von Wesiren, Sekretären und Richtern. Bald darauf wurden Handbücher die fachspezifisches Wissen für Juristen und Beamte vermitteln sollten, Adab-Werke genannt. Somit wurde die Signifikanz von Adab auf eine Literaturgattung reduziert.

H.A.R. Gibb entwarf eine interessante Theorie zum Bedeutungswandel von Adab, die auf einer Konkurrenz zwischen der persischen und der arabischen scholastischen Tradition fußt. Demnach tauchte der Begriff Adab häufig in den Titeln persischer Hofsekretäre und anderen Vertretern der iranischen soziokulturellen Welt auf. Gegner der persischen Schule konterten und integrierten den Begriff ebenfalls in ihre Titel, um ihre arabische Sicht von Adab, d.h. korrektem ethischen und sozialen Verhalten, darzustellen (Bonebakker 1990: 22). Durch die häufige Nennung in Titeln arabischer und persischer Gelehrter, wurde der Name schließlich zum Programm, d.h. er stand für die Literaturgattung. Aber die Gleichsetzung von Adab mit einem Genre ist bis heute, wegen dem Abwechslungsreichtum und der Heterogenität der als Adab bezeichneten Werke, umstritten (Bonebakker 1990: 27-30=. Diese Arbeit verwendet den Begriff Adab vorrangig als Literaturgattung oder Genre und nennt die typischen literarischen Werke dieser Gattung Adab-Werke. Außerdem ist der hier verwendete Adab-Begriff vom gegenwärtigen arabischen Sprachgebrauch abzugrenzen. Denn heute bezeichnen Adab und der Plural Ādāb Literatur im weitesten Sinne, während ein Schriftsteller Adīb heißt (Encyclopaedia of Islam 2001, Bonebakker 1990: 15-30). Doch zum Verständnis der Adab-Literatur ist mehr als eine begriffliche Definition notwendig. Im folgenden sollen die wichtigsten Faktoren analysiert werden, die das Milieu charakterisieren aus dem sich Adab herausbildete.

II. Adab- Geschichte, Charakteristika und Werke

2. Die Evolution der Adab-Literatur

2.1 Verschriftlichung

Eine erste Etappe in der Entwicklungen der schriftlichen arabischen Literatur, vollzog der Umayyaden-Kalif‚ ̒Abd al-Malik (685-705). Er ließ die Verwaltungssprache vereinheitlichen und sorgte für die erste Standardisierung der arabischen Schrift. Für die Entfaltung des arabischen Schrifttums und die beachtliche Literaturproduktion des 9. und 10. Jahrhunderts, war außerdem die Schlacht der Araber mit chinesischen Truppen am Talas im heutigen Kirgistan entscheidend. Damals im Jahre 751 fielen den Arabern chinesische Papierfabrikanten in die Hände. In den Folgejahren verbreitete sich die Papierproduktion rasch über den Iran in den Irak (794) und schaffte somit die Grundlage für die Verschriftlichungswelle des 9. Jahrhunderts (Halm 2004: 34).

2.2 Sesshaftwerdung

Doch gab es neben den neuen technischen Möglichkeiten durch die Einführung des Papiers in den arabischen Raum auch gesellschaftspolitische Bedingungen, welche die Entwicklung einer schriftlichen literarischen Tradition begünstigten bzw. erst ermöglichten. Ein solcher Faktor war die Aufgabe des Beduinentums, die nach Aufkommen des Islam die arabische Halbinsel erfasste. Erst nach der Sesshaftwerdung war die Basis für die Sammlung von Schriftstücken und Büchern gelegt, da diese vorher der Mobilität einer nomadischen Lebensweise durch Größe und Gewicht abträglich waren. Die mündlichen Tradition der Beduinen wandelte sich so – beschleunigt durch die einherschreitende Urbanisierung – in eine schriftliche. Diese Veränderung der Lebensweise schlug sich auch thematisch nieder. Mit dem Verlassen der Wüste wurden das Thema der Wüstenlandschaft, des Zeltplatzes, der Wüstenbewohner und ihrer Tiere irrelevant. Stattdessen interessierte sich die junge städtische Bevölkerung für ethische, philosophische und religiöse Themen.

2.3 Gesellschaft

Ein Nebeneffekt der Urbanisierung war die Auflösung der Stammesstrukturen und zunehmende Individualisierung der Gesellschaft. Zu Beginn der islamischen Expansion schlossen sich nicht-arabische Konvertiten zum Islam, wie Inder, Perser und Türken, arabischen Stämmen an. Dabei waren die Konvertiten keineswegs mit den Arabers gleichgestellt, sondern lediglich durch Klientenverträge an die arabische Elite gebunden. Die Zahl der zugewanderten „Mawāli“ (dt: Klienten) stieg stetig an, besonders in den Städten des Irak. Das Bevölkerungswachstum und die Durchmischung der Völker begannen die Stammesstruktur zu unterwandern. Die schiere Anzahl der Menschen konnte nicht mehr in das Stammessystem integriert werden. Dies führte daher hin zu einer multi-kulturell-orientierten Gesellschaft- deren Führung aber weiterhin fest in arabischen Händen lag.

Ein wichtiger gesellschaftspolitischer Einflussfaktor des neunten Jahrhunderts war die Bewegung der Šu̒ūbīya. Diese Strömung war die intellektuelle Reaktion auf den arabischen Führungsanspruch und die Dominanz. Die Šu̒ūbīya war in erster Linie ein literarisches Phänomen. Anfangs wurde sie hauptsächlich von den Persern und Aramäern des Irak getragen. Das vergangene sasanidische Zeitalter wurde idealisiert und die Überlegenheit der Perser propagiert. Die geforderte Vormachtstellung der Perser wurde durch soziale und kulturelle Argumente – nicht religiöse – begründet. Zum Beispiel, war das abbasidische Verwaltungssystem nach persischem Muster organisiert. Die Leitung des administrativen Apparats übernahmen die einflussreiche Klasse der persischen Hofsekretäre. Dies galt Anhängern der Šu̒ūbīya als Beweis für die Überlegenheit des sasanidischen Verwaltungssystems und dessen Beamten.[3] Diese Konkurrenz zwischen Arabern und Persern wurde häufig in der Adab-Literatur thematisiert. Bekanntester Gegner der Šu̒ūbīya war der berühmte Dichter, al-Ğāhiẓ, auf dessen Werk ich später noch eingehen werde.

2.4 Politik

Zentral für das Milieu aus dem sich die Adab-Literatur herausbildete, war der aufgehende Stern der Abbasidendynastie. In Chorassan begann 747 ein Aufstand unter Abu Muslim. Die Rebellion richtete sich gegen die Umayyaden, wegen deren Weltlichkeit, Vergnügungssucht und Diskriminierung der Nicht-Araber, v.a. der Perser. Vom Nordosten des Irans zogen unzufriedene arabische Stammeseinheiten unterstützt von Mawāli in Richtung Damaskus. 750 fiel erst der Irak an die Aufständigen, wenig später die umayyadische Hauptstadt Damaskus. Abu 'l-̒Abbās as-Saffah, ein Nachkomme Muhammads Onkel al-̒Abbās, wurde als neuer Kalif proklamiert. Mit dem Abbasidenkalifat brach eine Epoche des wachsenden persischen Einflusses an. Auch geografisch verlagerte sich der Schwerpunkt der Macht in Richtung Iran, denn die Abbasiden gründeten 758 ihre Hauptstadt „medīnatu as-Salām“ ( Stadt des Friedens) im Irak bei Bagdād. Die Stadtplanung und Architektur vieler Gebäude war ebenfalls von den Persern inspiriert. Die neue Hauptstadt übte eine große Attraktion aus, daher kam es zur obenerwähnten, rasanten Urbanisierung. Bereits 60 Jahre nach der Stadtgründung war das junge Bagdād mit einer Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt der Welt. Es bildete sich auch rasch eine abbasidische, höfische Kultur heraus, die das Klima für eine Blütezeit der Wissenschaft, Kultur und Literatur schaffte. Dies ging einher mit einem „brain-drain“ in Richtung Bagdād. Kalifen, Wesire, Richter und Minister wurden Mäzene für Künstler und Intellektuelle, luden diese an den abbasidischen Hof und verköstigten sie. In der Bagdader Periode florierten Theologie, Philosophie, außerdem begann man die Rechts- und Hadītwissenschaften zu systematisieren und setzte sich mit Grammatik und Sprachwissenschaft auseinander. Selbst als eine Zeit der politischen Unruhe und Konflikte folgte und der Kalifensitz aus strategischen Gründen von Bagdad nach Samarra verlegt wurde, nahmen die literarische und intellektuelle Produktion keinen Abbruch. Dies setzte sich auch durch die buyidisch kontrollierte Periode von 945 bis1048 fort. Trotz weiterhin wechselnder Ausübung der Realmacht sollte das abbasidische Kalifat bis zum Einfall der Mongolen 1258 bestehen bleiben[4].

[...]


[1] Bourdieu, Pierre; Verstehen, in: Das Elend in der Welt, UVK: Konstanz (1997), S.786

[2] nach Nallino, C.A., La Litterature arabe, in: Bonebakker, S.A., Adab and the Concept of Belles Lettres, in: ‘ Abbasid Belles Lettres, The Cambridge History of Arabic Literature, Cambridge, UK (1990), S. 16

[3] Meisami, Julie; Starkey, Paul; Encyclopaedia of Arabic Literature, London: Routledge (1998), S. 4-7

[4] Meisami, Julie; Starkey, Paul; Encyclopaedia of Arabic Literature, London: Routledge (1998), S. 4-7; Halm, Heinz, Die Araber, München: C.H. Beck (2004), S. 33- 38

Details

Seiten
27
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640147984
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113584
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Orientalistik
Note
1,5
Schlagworte
Adab Alt-Arabische Literatur Schlüssel Verständnis Seminar Klassische Arabische

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