Lade Inhalt...

Timbuktu als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit im Wandel der Geschichte

Magisterarbeit 1998 103 Seiten

Afrikawissenschaften - Kultur und Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellen und Methode
2.1. Quellen
2.1.1. Primärquellen
2.1.2. Bewertung der Quellen
2.2. Methode

3. Die Geschichte Timbuktus als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit
3.1. Die Gründung der Stadt
3.1.1. Die Ursprünge Timbuktus
3.1.2. Der Sudan vor dem Aufstieg Timbuktus
3.1.2.1. Der Transsahara-Handel
3.1.2.2. Die Ausbreitung des Islam in Westafrika
3.2. Der Aufstieg Timbuktus zum Gelehrtenzentrum unter Mali
3.2.1. Historischer Überblick
3.2.2. Die Gründung einer Gelehrtentradition
3.2.2.1. Der Einfluß der Politik Mansa Mussas
3.2.2.2. Der Aufstieg Timbuktus
3.2.2.3. Die ersten Gelehrten Timbuktus
3.3. Die Stadt unter den Tuareg
3.3.1. Historischer Überblick
3.3.2. Die Ulama unter den Tuareg
3.4. Timbuktu unter Songhai-Herrschaft: Sonni Ali
3.4.1. Historischer Überblick
3.4.2. Die Ulama unter Sonni Ali
3.4.2.1. Die Politik Sonni Alis gegenüber den Gelehrten Timbuktus
3.4.2.2. Die verbleibenden Gelehrten Timbuktus
3.5. Die Blütezeit Timbuktus unter den Askia
3.5.1. Historischer Überblick
3.5.2. Die Blüte Timbuktus als Gelehrtenstadt
3.5.2.1. Die Gelehrten Timbuktus unter den Askia
3.5.2.2. Organisation, Umstände und Inhalt der Lehre
3.5.2.3. Bedeutung der Gelehrten Timbuktus im soziokulturellen Kontext des Sudan
3.5.3. Die Ulama als politische Akteure
3.5.3.1. Die Politik Askia Mohammeds
3.5.3.2. Der politische Einfluß der Ulama unter den Askia
3.6. Die marokkanische Eroberung und die Herrschaft der Arma
3.6.1. Historischer Überblick
3.6.2. Die Gelehrtentradition unter den Arma
3.7. Das 19. Jahrhundert
3.7.1. Historischer Überblick
3.7.2. Die Gelehrtentradition im 19. Jahrhundert

4. Zusammenfassung

Anhang

Begriffsverzeichnis

Zeittafel

Bibliographie

1. Einleitung

Der Mythos, der der Stadt Timbuktu bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts anhaftete, als die ersten Berichte von europäischen Augenzeugen bekannt wurden, war vorwiegend durch den enormen Goldreichtum des Sudan[1] bedingt, für den die Stadt in den Augen der Europäer stellvertretend war (Herbert 1980: 449). Timbuktu war in Wirklichkeit jedoch nur ein Umschlagplatz für den Handel zwischen Schwarzafrika und dem Norden und verfügte selbst weder über natürliche Ressourcen noch über Produktionsstätten. Ein anderer Reichtum Timbuktus hingegen war der Stadt selbst und ihrer bewegten Geschichte entwachsen, wenn auch der Handel und äußere Einflüsse hierbei eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielten: Timbuktu entwickelte sich im Laufe seiner Geschichte zu einem Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit[2] und übte als solches Einfluß auf die politische und kulturelle Entwicklung Westafrikas aus.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Tradition[3] genauer zu beleuchten, ihre Entwicklung vor dem Hintergrund der Geschichte zu skizzieren und die unterschiedlichen Faktoren zu benennen, die zu ihrer Entstehung, zu ihrer Blüte und zu ihrem Niedergang beitrugen. Ein zentraler Faktor, der hierbei verdeutlicht werden soll, ist die Wechselwirkung zwischen der Gelehrtentradition, der islamischen Religion, der ökonomischen Prosperität und der politischen Stabilität. So soll weiterhin analysiert werden, in welchem Verhältnis die Gelehrten[4] Timbuktus während der verschiedenen Epochen und Reiche zu den jeweiligen Machthabern standen und welche Rolle sie für die Geschicke der Stadt gespielt haben. Schließlich wird untersucht, in welcher Weise Timbuktu als Zentrum der Lehre die kulturelle und religiöse Entwicklung Westafrikas geprägt hat.

Diese Arbeit soll einen Beitrag leisten zu einem Verständnis der Entwicklung Timbuktus als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit im Wandel der Geschichte und im Spannungsfeld

zwischen konkurrierenden Mächten und Interessen, zwischen afrikanischer Tradition und äußeren Einflüssen, zwischen Religion, Wirtschaft und Staat. Sie wird eingeleitet mit einer Vorstellung und Bewertung der Quellen sowie einer Darlegung der Methode. Der Hauptteil der Arbeit ist chronologisch aufgebaut, wobei einzelne zeitübergreifende Aspekte wie z. B. die Organisation der Lehre in Timbuktu stellvertretend für alle Epochen an gegebener Stelle behandelt werden. Am Anfang steht nach der Beschreibung der Stadtgründung eine kurze Darstellung des Handels und der Ausbreitung des Islam im Sudan vor dem Aufstieg Timbuktus. Da diese beiden Faktoren mit der Gelehrtentradition in engem Zusammenhang stehen, erscheint es unabdingbar, hierauf zu Beginn der Arbeit einzugehen. Danach wird die Geschichte Timbuktus als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit wiedergegeben, wobei jedes Kapitel einen durch die historischen Ereignisse gegebenen Abschnitt der Stadtgeschichte behandelt. Innerhalb der Kapitel folgt einem kurzen historischen Überblick jeweils eine genauere Betrachtung der Fakten und Entwicklungen, die den Aspekt der Gelehrtenstadt betreffen.

2. Quellen und Methode

2.1. Quellen

2.1.1. Primärquellen

Die Hauptquellen dieser Arbeit sind die sogenannten Tarikhs, von Gelehrten Timbuktus in arabischer Sprache verfaßte Chroniken. Es handelt sich um

- den Tarikh El-Fettach, der gemeinhin Mahmud Kati und einem seiner Enkel zugeschrieben wird,
- den Tarikh Es-Sudan, verfaßt von Abderrahman Es-Sadi, sowie
- den Tedzkiret en-Nisian, dessen Autor unbekannt ist.

Ein erstes Manuskript des Tarikh El-Fettach wurde 1911 von A. Bonnel de Mézières in Timbuktu gefunden (Mauny 1961: 38). Es ist betitelt mit: Chronique du chercheur pour servir à l’histoire des villes, des armées et des principaux personnages du Tekrour, wobei mit Tekrur nicht das mittlere Senegaltal sondern das islamisierte Westafrika gemeint ist (Cornevin 1966: 219) Über seine Urheberschaft war man sich lange Zeit im unklaren. Man schreibt dieses Geschichtswerk heute Mahmud Kati (1468-1543) zu, der es 1519 begonnen hatte, sowie Ibn al-Mukhtar, einem seiner Enkel, der es bis 1665 fortsetzte (Mauny 1961: 39)[5]. Mahmud Kati war ein Soninke und verbrachte sein Leben in Timbuktu, wo er zeitweise das Amt des Kadi ausübte und den Titel des Alfa trug (Houdas & Delafosse 1964: Einleitung zum Tarikh El-Fettach). Er war ein enger Freund Askia Mohammeds, den er auf seiner Wallfahrt nach Mekka begleitete, und diente ebenfalls dessen Nachfolgern als Berater. Der Tarikh El-Fettach umfaßt neben einer ausführlichen Darstellung des Lebens und der Regierung Askia Mohammeds hauptsächlich die Geschichte des Reiches Songhai sowie der ersten Jahrzehnte des marokkanischen Paschalik. Hinzu kommen einige wertvolle Informationen zu Mansa Musa und dem Reich Mali. Man konnte nachweisen, daß der Tarikh El-Fettach im 19. Jahrhundert von Seku Amadu, dem Herrscher Massinas, verfälscht wurde[6], um sich als letzten Kalifen des Islam auszugeben

Abderrahman Es-Sadi, der Autor des Tarikh Es-Sudan, wurde am 28. Mai 1596 in Timbuktu geboren. Er entstammte einer angesehenen Familie und war Notar in Djenné bevor schließlich ab 1627 das Amt des Imam der Moschee von Sankore in Timbuktu bekleidete. Später war er zudem Sekretär am Hofe der Paschas und spielte ab 1629 eine Vermittlerrolle am Hof der Paschas (Houdas 1964: Einleitung zum Tarikh Es-Sudan). Es-Sadi schrieb den Tarikh Es-Sudan ungefähr zwischen 1627 und 1655, dem Jahr seines Todes (Mauny 1961: 39). Der westlichen Wissenschaft wurde dieses monumentale Geschichtswerk erstmals durch Heinrich Barth zugänglich gemacht, der ein Exemplar des Tarikh Es-Sudan auf seiner Reise durch Westafrika in Gando entdeckte, dieses für seine Reisen und Entdeckungen verwendete, es jedoch irrtümlich dem Gelehrten Ahmed Baba zuschrieb. Erst Felix Dubois konnte nachweisen, daß Es-Sadi der wahre Urheber des Tarikh Es-Sudan ist (Dubois 1897: 351f). Der Tarikh Es-Sudan enthält die einzigen überlieferten Angaben über die Gründung Timbuktus und die frühe Phase der Stadtentwicklung. Ein großer Teil des Werkes ist - wie beim Tarikh El-Fettach - der Geschichte Songhays und des Paschaliks bis 1655 gewidmet. Zusätzlich beinhaltet das Werk Es-Sadis ausführliche Biographien der Gelehrten Timbuktus sowie der Imams der Moscheen Djingereber und Sankore, die im Zusammenhang mit dieser Studie von großem Wert sind. Schließlich gibt der Autor uns wichtige Informationen zu Mali und dem Mansa Musa sowie eine Beschreibung der Stadt Djenné, dem südlichen Pendant von Timbuktu, und ihrer Gelehrten. Teile des Tarikh Es-Sudan sind an das Werk Ibn Battutas sowie - was die Biographien betrifft - an die Schriften Ahmed Babas angelehnt.

Der Tedzkiret en-Nisian schließlich ist ein biographisches Wörterbuch aus der Zeit des Paschalik, welches detaillierte Informationen zu den in Timbuktu regierenden Paschas bis 1751 bietet. Sein Autor läßt seinen Namen ungenannt, was M. Abitbol darauf zurückführt, daß dieser sein Werk auf bereits existierende Schriften stützte (Abitbol 1979: 13). Cissoko mutmaßt, daß der Autor ein in Timbuktu geborener Peul war (Cissoko 1969: 54). Die einzigen Angaben zu seiner Person gibt das Werk selber. So wurde er im Jahre 1700 geboren und schloß sein Werk im Jahre 1751 ab (Tymowski 1990: 351). Der Tedzkiret en-Nisian bietet, wenn er auch weitaus weniger ausführlich als die Tarikhs ist, eine Weiterführung der Geschichtsschreibung bis ins 18. Jahrhundert. Er erlaubt es, die Periode des Paschalik zu rekonstruieren und die Geschichte Timbuktus in diesem unzureichend dokumentierten Zeitraum nachzuverfolgen. Für die vorliegende Arbeit lag diese Primärquelle (durch den Umzug der Pariser Bibliothèque Nationale bedingt) leider nicht im Original vor, es konnten jedoch Sekundärquellen wie das Buch Michel Abitbols: Tombouctou et les Arma verwendet werden, die den Tedzkiret en-Nisian umfassend ausschöpfen. Ähnliches gilt für eine Reihe weiterer Quellen wie z. B. das Biographische Lexikon der Gelehrten des Sudan des Ahmed Baba aus Timbuktu (siehe Cherbonneau 1854-55) und andere Quellen, die nur in arabischer Sprache vorliegen, jedoch von mehreren Autoren in den Sekundärquellen aufgegriffen und ausgewertet werden.

Neben diesen drei Hauptquellen für die Geschichte Timbuktus geben noch eine Reihe anderer Primärquellen Aufschluß über die Stadt zu unterschiedlichen Epochen sowie über Ereignisse im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit. Die erste Primärquelle, die in dieser Hinsicht relevante Informationen enthält, ist die 1068 veröffentlichte Beschreibung Nordafrikas des andalusischen Geographen El-Bekri. Dieses Werk entstand zwar vor der Gründung Timbuktus, enthält jedoch interessante Informationen in Bezug auf die frühe Verbreitung des Islam und die Bevölkerung des Gebietes, in welchem kurze Zeit später Timbuktu entstehen sollte. Der erste, der die Stadt in einem Reisebericht erwähnte, war Ibn Battuta. Der 1304 in Tanger geborene Weltreisende bereiste in den Jahren 1352-53 den Sudan und besuchte 1353 Timbuktu. Seine Beschreibung der Stadt ist zwar kurz, stellt jedoch den einzigen Augenzeugenbericht aus der Zeit der Vorherrschaft Malis dar. Ibn Battutas Beschreibung des Sudan enthält zudem eine Fülle von Informationen zum Reich Mali, zum Islam am Hofe des Mansa sowie zur Stadt Walata, deren Funktionen als Handels- und Gelehrtenstadt wenig später von Timbuktu übernommen wurden. In Bezug auf das Reich Mali und insbesondere für die Wallfahrten seiner Herrscher sind als weitere wichtige Quellen das 1336-38 geschriebene Masalik des aus Damaskus stammenden Al-Omari sowie das Werk des Ibn Khaldun, eines 1332 in Tunis geborenen Geschichtswissenschaftlers, zu nennen. Diese beiden Gelehrten hatten im Gegensatz zu Ibn Battuta niemals die Gebiete südlich der Sahara bereist, verfügten jedoch über gute Informanten (Mauny 1961: 34,37). Der nächste Reisende, der einen Augenzeugenbericht von Timbuktu hinterlassen hat ist Leo Africanus. Der 1493 in Grenada geborene und in Fes aufgewachsene marokkanische Geograph bereiste zweimal Westafrika bevor er in Gefangenschaft sizilianischer Korsaren geriet, zum Christentum konvertierte und unter der Schirmherrschaft des Papstes 1526 seine Beschreibung Afrikas schrieb. Diese enthält eine recht ausführliche Beschreibung der Stadt Timbuktu, welche Leo Africanus zwischen 1510 und 1514 zur Zeit der Askia wahrscheinlich zweimal besucht hat (Mauny 1961: 46).

Aus dem 19. Jahrhundert sind schließlich mehrere Berichte europäischer Reisender überliefert, die im Rahmen dieser Arbeit über allgemeine historische Informationen hinaus von großem Nutzen sind. Sie sind gleichzeitig ein Beleg der relativen Bedeutungsabnahme der Stadt und ihrer Gelehrtentradition und ein Zeugnis dessen, was trotz ungünstiger Rahmenbedingungen von dieser übrig blieb. Der erste Europäer, der Timbuktu erreichte und davon Zeugnis ablegte, war der 1799 in der Vendée geborene Franzose René Caillié. Nachdem der Schotte Gordon Laing bereits 1826 Timbuktu besucht hatte, jedoch auf dem Rückweg ermordet wurde, gelang es Caillié, der sich als Muslim getarnt hatte, nach einem zweiwöchigen Aufenthalt in der Stadt (20. April bis 4. Mai 1828) wieder zurück nach Europa zu gelangen und eine detaillierte Beschreibung Timbuktus zur Zeit Seku Amadus in Europa zu veröffentlichen. Noch ausführlicher ist der Reisebericht Heinrich Barths, der in den Jahren 1849-55 im Auftrag der englischen Regierung Westafrika bereiste und sich mit kurzen Unterbrechungen vom 7. September 1853 bis zum 8. Mai 1854 unter der Obhut des Kunta-Scheichs Sidi Ahmed al-Bakay in Timbuktu aufhielt. Barth war der erste europäische Wissenschaftler, der die Stadt besuchte und er gilt aufgrund seiner umfangreichen und für die damalige Zeit beispiellosen Forschungsarbeit als Begründer der modernen Afrikaforschung. Sein Bericht zeichnet ein präzises Bild der Stadt zur Zeit des Machtkampfes zwischen Peul, Kunta und Tuareg. Die letzte, den für die vorliegende Arbeit gewählten Zeitraum betreffende Primärquelle ist der Reisebericht des Österreichers Oskar Lenz (1848-1925), der von 1879 bis 1880 als türkischer Arzt verkleidet Westafrika bereiste und sich vom 1. bis zum 19. Juli 1880 in Timbuktu aufhielt. Seine Aufzeichnungen sind - bedingt durch den kurzen Aufenthalt - weniger ausführlich als die Barths, enthalten jedoch gerade in Bezug auf die Reste der Gelehrtentradition einige interessante Details.

2.1.2. Bewertung der Quellen

Die im vorigen Abschnitt vorgestellten und als Fundament dieser Arbeit benutzten Primärquellen sind von unterschiedlicher Aussagekraft und Qualität und es ist notwendig, sie in Hinblick auf die Umstände ihrer Entstehung und vor allen Dingen unter Berücksichtigung der Situation und der Subjektivität ihrer Autoren zu prüfen und zu bewerten (siehe Jones 1990 : 25). Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen lokalen Chroniken (Tarikh El-Fettach, Tarikh Es-Sudan und Tedzkiret en-Nisian), Reiseberichten (Ibn Battuta, Leo Africanus, René Caillié, Heinrich Barth und Oskar Lenz) sowie Aufsätzen von arabischen Gelehrten, die sich auf Informanten stützten, ohne die beschriebenen Gebiete oder Ereignisse selbst gesehen zu haben (El-Bekri, Ibn Khaldun, Al-Omari).

Die erstgenannten Quellen besitzen zweifellos die größte Aussagekraft, da sie von einheimischen afrikanischen Gelehrten geschrieben wurden, die gewissermaßen Bestandteil dessen waren, was sie beschreiben. Es ist jedoch angebracht, zu differenzieren. Große Teile des Tarikh El-Fettach und des Tarikh Es-Sudan beziehen sich auf den Zeitabschnitt vor der Geburt der Autoren und sind lediglich eine Übernahme oraler Traditionen, Aussagen älterer Augenzeugen bzw. damals vorhandener schriftlicher Quellen. So können den Tarikh El-Fettach betreffend lediglich die Ereignisse vom Ende des 15. Jahrhunderts bis 1665 und im Falle des Tarikh Es-Sudan nur jene zwischen dem Ende des 16. Jahrhunderts und 1655 von den Autoren selbst miterlebt worden sein. Man kann jedoch davon ausgehen, daß die Autoren wegen der von ihnen bekleideten Ämter und aufgrund ihres hohen Bildungsgrades Zugang zu seriösen Quellen hatten und vor allen Dingen den notwendigen methodischen Hintergrund zur Auswertung dieser Quellen besaßen. Ein wichtiger Umstand hingegen, der bei der Auswertung der Tarikhs zu beurteilen ist, ist die Tatsache, daß die Autoren Muslime waren und somit die Ereignisse und Herrscher vom Standpunkt des Islam aus betrachteten und beurteilten (Ki-Zerbo 1981: S.129). Ein weiterer, die Objektivität Katis und Es-Sadis einschränkender Faktor ist die Tatsache, daß sie selbst der Gruppe der Ulama angehörten, was zwangsläufig zu einer zusätzlichen Einseitigkeit der Darstellung führt und die Glorifizierung der Gelehrten in den Tarikhs erklärt. Schließlich ist der Umstand zu nennen, daß Mahmud Kati ein enger Vertrauter und Freund des Askia Mohamed war, was ihn einerseits in die Lage versetzte, Ereignisse wie dessen Wallfahrt aus erster Hand zu berichten, ihn andererseits jedoch ein stark idealisiertes Bild des Songhai-Herrschers zeichnen ließ, welches zudem durch eine sehr negative Darstellung der Person Sonni Alis kontrastiert wird.

Der Standpunkt, die ideologische Prägung, der Bildungsgrad und die Natur der Kontakte ist auch bei der zweiten Gruppe von Berichterstattern, den Reisenden, zu berücksichtigen, deren Aufzeichnungen aufgrund der durch den Umstand der Reise bedingten Beschränkung auf oberflächliche Beobachtungen weniger gehaltvoll sind als die der Erstgenannten (siehe Harding 1992: 11). Stellt Ibn Battuta noch den Typ des islamischen Gelehrten dar, der bei Händlern und Gelehrten zu Gast war, so ist Leo Africanus bereits mit Vorsicht zu genießen, da sein Werk dem Papst gewidmet war und teilweise sehr herablassende Züge in Bezug auf die Afrikaner und den Islam trägt. Zudem wurden Bedenken geäußert, ob er überhaupt alle von ihm beschrieben Gebiete besucht hat (Mauny 1961: 47). Er läßt beispielsweise den Niger in entgegengesetzter Richtung fließen, eine Fehlinformation, die nicht gerade dafür spricht, daß er wirklich in Timbuktu war. Die europäischen Reisenden des 19. Jahrhunderts waren wie Leo Africanus Christen. Die islamisch geprägte Gelehrtentradition mag ihnen somit nur bedingt zugänglich gewesen sein. Dies gilt vor allen Dingen für René Caillié und Oskar Lenz. Caillié, sprach zwar arabisch, war jedoch nur ein einfacher ungebildeter Bäckerssohn, der lediglich zwei Wochen in Timbuktu verweilte. Lenz war zwar ein Wissenschaftler, war aber des Arabischen nicht mächtig und verweilte ebenfalls nur zwei Wochen in der Stadt. Am aussagekräftigsten ist daher der Bericht von Heinrich Barth, einem versierten Wissenschaftler, der sich mehrere Monate als Gast eines bedeutenden Gelehrten in Timbuktu aufhielt, mit Gelehrten auf arabisch diskutierte und über umfangreiche historische und kulturelle Kenntnisse verfügte. Bei allen drei europäischen Reisenden ist jedoch - ebenso wie bei der späteren Sekundärliteratur ihrer Landsleute - zu berücksichtigen, daß die Autoren die fremde Kultur häufig durch eine eurozentrische Brille betrachteten und beurteilten (Jones 1990: 32). Ähnliches gilt auch für die arabischen Autoren, die häufig den Standpunkt eines orthodoxen Islam vertraten und sich über die heidnischen Praktiken der Afrikaner empörten.

Diejenigen Berichte schließlich, die sich lediglich auf Informanten berufen, sind noch kritischer zu prüfen als die Reiseberichte. Es scheint jedoch, daß die Autoren größtenteils über seriöse Informanten verfügten. So erhielt El-Bekri seine Informationen teilweise von maghribinischen Kaufleuten, die den Sudan aus eigener Anschauung kannten, und Al-Omari bezieht sich unter anderem auf die Angaben eines engen Vertrauten des Mansa Mussas sowie eines gewissen Ibn Said Othman Ed-Dukkali, der 35 Jahre in Mali und dessen Hauptstadt gelebt hat. Zudem werden viele der Zusatzinformationen, die jene Autoren für den Gegenstand dieser Studie liefern, von den Tarikhs rückblickend bestätigt und ergänzt. Ibn Khaldun schließlich hat das Verdienst, erstmals größere geschichtliche Zusammenhänge aufzuzeigen (Harding 1992: 67).

Abschließend ist festzustellen, daß die Quellenlage für das Thema dieser Studie relativ dünn ist, was jedoch nicht zuletzt ein generelles Problem für die Geschichte Afrikas darstellt. Die Dokumentation ist für den Zeitraum beginnend mit der Songhai-Vorherrschaft bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, sowohl was die Quantität als auch was die Qualität der Quellen angeht, am besten. Die Periode von der Stadtgründung bis zum 15. Jahrhundert ist mit Ausnahme der Regierungszeit Mansa Mussas spärlicher dokumentiert, wenngleich die Tarikhs diesen Mangel zum großen Teil ausgleichen. Auch das späte 17. sowie das 18. Jahrhundert sind im Gegensatz zur Epoche der Songhai weniger gut dokumentiert, wohingegen die europäischen Reiseberichte für das 19. Jahrhundert wiederum ein präziseres Bild zeichnen.

2.2. Methode

Als zeitlicher Rahmen für diese Studie wurde der Zeitraum von der Gründung Timbuktus im 12. Jahrhundert bis zur Ankunft der Franzosen gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewählt. Dieser lange Abschnitt erscheint gerechtfertigt, da das Ziel der Arbeit ist, nicht nur darzustellen, daß Timbuktu ein Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit war, sondern auch dessen Entwicklung und unterschiedliche Ausprägung während der verschiedenen Epochen zu behandeln. Die Einbeziehung der Stadtgründung und der allgemeinen historischen Rahmenbedingungen ist wichtig, um die Genese der Gelehrtentradition zu erklären. Der Einschnitt am Ende des 19. Jahrhundert bot sich an, da die kurz vorher verfaßten europäischen Reiseberichte als eine Reihe ausführlicher Primärquellen nach zwei spärlich dokumentierten Jahrhunderten die Möglichkeit bieten, den historischen Bogen zu schließen und den Niedergang der Gelehrtentradition nachzuvollziehen.

Die Geschichte Timbuktus und seiner Gelehrten ist auch die Geschichte der verschiedenen Eroberer der Stadt, die jeweils neue Rahmenbedingungen für die Lehre setzten. So erfolgt die Darstellung der Gelehrtentradition in chronologischer Form, um die historischen Ereignisse den Entwicklungen in Bezug auf die Gelehrten und die Lehre gegenüberstellen zu können. Diese Art der Gliederung wurde gewählt, da die Arbeit den langen Zeitraum von acht Jahrhunderten umfaßt, wobei die Evolution der Gelehrtentradition aufs Engste mit den sich verändernden politischen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen verknüpft war. Schließlich erlaubt diese Darstellungsform, die Kontinuität zu verdeutlichen welche Timbuktu als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit charakterisiert und den Begriff der Gelehrtentradition rechtfertigt.

Die Quellen dieser Studie wurden zum einen den Bibliotheken der Institute für Afrikanistik und für Völkerkunde sowie des Rautenstrauch-Joest-Museums für Völkerkunde in Köln und zum anderen der Bibliothèque Nationale in Paris entnommen, deren Fundus insbesondere wegen der Tarikhs und diverser französischsprachiger Sekundärliteratur für diese Arbeit unentbehrlich war.

Die Untersuchung der Gelehrtentradition Timbuktus stützt sich soweit wie möglich auf die genannten Primärquellen, wobei die Tarikhs von überragender Bedeutung sind. Doch werden auch die anderen Primärquellen genauestens auf verwendbare Hinweise untersucht, um eine Einseitigkeit des dokumentarischen Unterbaus zu vermeiden. Dabei werden einerseits die von den Primärquellen genannten Fakten präsentiert und interpretiert und andererseits die von den Sekundärquellen gegebenen, teils gegensätzlichen Interpretationen hinzugefügt und diskutiert. Zur Darstellung der weniger gut dokumentierten Epochen werden zudem - wie bereits oben angedeutet - eine Reihe von Aufsätzen und Studien der modernen Geschichtswissenschaft zu Westafrika hinzugezogen, die entweder zusätzliche arabischsprachige Quellen bzw. orale Überlieferungen verwenden oder in Bezug auf unzureichend fundierte Sachverhalte diverse, teils konträre Thesen wagen. Diese werden dann jeweils gegenübergestellt und vergleichend bewertet.

Die im Text genannten historischen Daten sind mit Beginn der Tuareg-Herrschaft bis ins 17. Jahrhundert hinein - sowie keine andere Referenz angegeben ist - dem Tarikh Es-Sudan entnommen, da dieser zu mehreren Ereignissen ausführlichere Angaben macht. Die im Tarikh El-Fettach angegebenen Daten weichen zudem nur geringfügig von den Angaben Es-Sadis ab. Da Timbuktu als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit von einer Reihe bedeutender Persönlichkeiten gestaltet und getragen wurde, sind im Text die Namen historischer Personen fett hervorgehoben. Diese Art der Darstellung wurde darüber hinaus aus Gründen besserer Lesbarkeit und Orientierung innerhalb der Arbeit gewählt.

Die meisten der in der Arbeit erwähnten Ortsnamen finden sich im Anhang auf der in der Abbildung 1 dargestellten Karte wieder, die darüber hinaus einen Überblick über die wichtigsten Handelswege des westlichen Sudan im Mittelalter gibt. Schließlich sind zur Vermittlung einer chronologischen Übersicht die wichtigsten Eckdaten der Geschichte Timbuktus ebenfalls im Anhang dieser Arbeit in einer Zeittafel dargestellt.

Zuletzt sei erwähnt, daß eine historische Arbeit lediglich versuchen kann, mit Hilfe der erwähnten Methoden der historischen Wahrheit nahezukommen (Vansina 1961: 155). Es handelt sich hierbei jedoch nur um ein Abwägen zwischen mehr oder weniger wahrscheinlichen Möglichkeiten und man sollte sich nicht der Illusion hingeben, sich jemals im Besitz dieser Wahrheit zu befinden.

3. Die Geschichte Timbuktus als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit

3.1. Die Gründung der Stadt

3.1.1. Die Ursprünge Timbuktus

Der Tarikh Es-Sudan datiert die Ursprünge Timbuktus auf den Beginn des 12. Jahrhunderts (Es-Sadi 1964: 35-36). Er führt weiterhin aus, daß die Gründung der Stadt auf die Tuareg Magcharen aus der Region von Arouane zurückgehe, die ihre Herden jeden Sommer in die Nähe des Niger führten, um sie dort weiden zu lassen. Hier gründeten sie eine kleine Ansiedlung, die sie während der Regenzeit, wenn sie sich mit den Herden im Norden aufhielten, von einer alten Sklavin namens „Tombouctou“ bewachen ließen. Dieser Name bedeutet nach dem Tarikh Es-Sudan in der Landessprache „Die Alte“ und wurde schließlich zur Bezeichnung der Ansiedlung verwendet.

Heinrich Barth zweifelt diese vom Tarikh Es-Sudan überlieferte Erklärung der Namensentstehung an und argumentiert ausgehend von der Annahme, die Stadt habe von Anfang an eine Songhai-Bevölkerung aufgewiesen, daß der Name auf das Songhai-Wort „Tumbutu“ zurückgehe, was „Höhle“ oder „Mutterleib“ bedeutet und sich auf die Lage der Stadt in einer Senke beziehe (Barth 1858: IV, 419). Eine weitere mögliche Interpretation der Etymologie Timbuktus ist durch eine an die Berbersprache der Tuareg angelehnte Übersetzung gegeben: Die Wurzel tin oder ten meint so viel wie „Ort von“ und buctu könnte der Eigenname der von Es-Sadi erwähnten alten Frau sein oder aber „Nabel“ bedeuten (Cissoko 1996: 19 / Epaulard in den Anmerkungen zu Africanus 1956: 467).

Es besteht bis heute in der Wissenschaft keine endgültige Klarheit über die Bedeutung des Namens der Stadt. In Bezug auf ihre Gründer läßt sich jedoch ein allgemeiner Konsens ausmachen. H. Lhote legt unter Berufung auf A. Richier und O. Houdas, den Übersetzer der Tarikhs, dar, daß die Magcharen, von denen der Tarikh Es-Sudan spricht, nicht etwa ein Tuaregstamm sind, sondern daß es sich vielmehr um die Aristokratenklasse der Tuareg im allgemeinen handelt, die diese selbst mit Imajeuren bezeichnen (Lhote 1956: 350). Er schließt weiterhin aus den Angaben von El-Bekri, daß es sich bei den Gründern Timbuktus nur um die Adeligen der Stämme Medassa und Messufa, Untergruppen der Sanhadja-Berber[7] gehandelt haben kann (El-Bekri 1965: 337). Cissoko bestätigt - wie die meisten anderen Autoren - diese These und ergänzt, daß es wahrscheinlich die Medassa gewesen sind, die als Ansässige des Gebietes Timbuktu gegründet haben und daß die Messufa als ein den Salzhandel kontrollierender Stamm für den Ausbau der Stadt zum Handelszentrum verantwortlich sind (Cissoko 1996: 22).

Bei El-Bekri finden wir ebenfalls einen Hinweis darauf, daß bereits vor Timbuktu ein kommerzielles Zentrum in dessen Nachbarschaft existierte, dessen Funktion im folgenden von Timbuktu übernommen werden sollte. Dies war die Stadt Tirekka, welche ebenfalls am Nigerufer gelegen war und deren Markt Händler aus Ghana und Tadmekka angezogen habe (El-Bekri 1965: 337).

Der Tarikh Es-Sudan bemerkt in Bezug auf die weitere Entwicklung Timbuktus, daß die Stadt durch die günstige Lage bedingt im folgenden eine große Anziehung auf die Händler, „vom Land und vom Wasser her kommend“, ausgeübt und sich nach und nach zu einem Zentrum des Handels entwickelt habe. Dabei seien zuerst Soninke-Händler aus dem Wagadou (Ghana) und dann Händler aus allen benachbarten Gegenden gekommen (Es-Sadi 1964: 36).

3.1.2. Der Sudan vor dem Aufstieg Timbuktus

Bevor der Aufstieg Timbuktus unter der Vorherrschaft Malis dargestellt werden kann, ist es notwendig, auf die historischen Rahmenbedingungen und Entwicklungen im Sudan vor der Expansion dieses Reiches einzugehen. In Bezug auf die Wurzeln der Gelehrtentradition Timbuktus sind hierbei vor allen Dingen zwei Aspekte von fundamentaler Bedeutung: Der Handel und der Islam. Beide Aspekte sind eng miteinander verflochten, da einerseits der Islam sich entlang der Handelsrouten ausbreitete, andererseits der Handel durch die gemeinsame Religion seiner Protagonisten gestützt wurde und zudem einen allgemeinen Wohlstand auslöste, der zur Basis einer gelehrten, islamischen Elite wurde (Hiskett 1984: 304). Dieser Dualismus drückte sich - wie im Abschnitt 3.5.2.2. noch genauer dargestellt werden soll - in der Tradition der afrikanischen Gelehrsamkeit dadurch aus, daß die meisten Gelehrten gleichzeitig auch Geschäftsleute waren oder zumindest von diesen materiell unterstützt wurden (Lewis 1966: 20). Die Wechselbeziehung zwischen dem Handel und der vom Islam inspirierten Gelehrtentradition ist ein Kontinuum der westafrikanischen Geschichte, welches sich wie ein roter Faden durch diese Arbeit zieht. Die Entwicklung beiden Faktoren vor dem Aufstieg Timbuktus soll im folgenden skizziert werden.

3.1.2.1. Der Transsahara-Handel

Der Transsahara-Handel existierte vermutlich bereits seit dem 5. Jahrhundert (Niane 1984: 118). Der Motor dieses seit dem 10. Jahrhundert ständig wachsenden Handels zwischen Nordafrika und dem Sudan (Niane 1984: 615) war einerseits der Reichtum des Sudan an Gold, welches insbesondere für das Währungssystem des arabischen Nordens sehr gefragt war (Levtzion 1971: 122) und andererseits die Salzminen der Sahara. Das Salz wurde von Norden her unter Federführung der Berber und der Araber mit Karawanen zu den sudanesischen Städten am Südrand der Sahara transportiert. Vom Süden her wurde das Gold von sudanesischen Händlern, den Diula, zu diesen Städten gebracht, denen die Rolle eines Zwischenlagers und Umschlagplatzes zukam. Repräsentanten der Händlerfamilien, sowohl Berber und Araber als auch Diula, ließen sich dort nieder, um den Handel zu steuern und zu kontrollieren.[8]

Im 11. Jahrhundert war der bedeutendste Anziehungspunkt dieser Karawanen Kumbi Saleh (Ghana), Hauptstadt des Reiches Ghana. El-Bekri berichtet im Zusammenhang mit Ghana vom Überfluß des Goldes und dem regen Handel mit dem Norden (El-Bekri 1965: 330-31). Kumbi Saleh hatte die Funktion als Endpunkt der Karawanen der Stadt Audoghast streitig gemacht, einem weiter im Westen gelegenen Zentrum der Lamtuna, einer Untergruppe der Sanhadja-Berber. Das Reich Ghana ist das erste Beispiel für eine weitere Konstante, die die Geschichte aller mittelalterlichen sudanesischen Reiche prägte: Der Reichtum dieser Staaten basierte auf den enormen Einkünften des Transsahara-Handels und die Kontrolle dieses Handels sowie der Städte, die - wie später Timbuktu - dessen Brückenköpfe bildeten, stellte einen großen Machtfaktor dar und war das ständige Bestreben ihrer Herrscher (Levtzion 1971: 122).

Mit der Zerstörung Ghanas durch die Soso unter Sumanguru Kante im Jahre 1203 wurde die Emigration der muslimischen Händlerfamilien ausgelöst, die vor der Unterdrückung des animistischen Herrschers flohen. Diese zogen 1224 in das östlich von Kumbi Saleh gelegene Dorf Biru, welches unter dem Berbernamen Walata schnell wuchs und die kommerziellen Funktionen Kumbi Salehs übernahm (Delafosse 1912: II, 165-66). Jene Stadt zog im folgenden die bereits erwähnten benachbarten Messufa an, denen eine wichtige Rolle als Karawanenführer (Ibn Battuta 1968: 391) sowie als Besitzer der Salzminen von Taghaza zukam (Levtzion 1977a: 352). Mit dem Aufstieg Walatas zum neuen kommerziellen Zentrum verschob sich die Hauptachse des Transsahara-Handels weiter nach Osten und in Richtung des Nigerbogens. Timbuktu selbst war zu diesem Zeitpunkt - wie aus dem Tarikh Es-Sudan hervorgeht - durch eine meridionale Achse mit Walata verbunden. Es ist zwar möglich, daß bereits eine Nord-Süd-Verbindung zwischen der wachsenden Berbersiedlung und den Salzminen von Taghaza bestand, doch endete die Hauptachse der Salzkarawanen in Walata. Timbuktu sollte erst mit der Eroberung durch Mali an Bedeutung gewinnen.

Im Osten schließlich entwickelte sich die Stadt Gao vermutlich ab dem 8. Jahrhundert zum Endpunkt einer östlichen Route des Transsahara-Handels und wurde aufgrund ihrer wachsenden kommerziellen Relevanz von den Herrschern des noch unbedeutenden Songhai-Reiches zur Hauptstadt gewählt. Während Audoghast und Kumbi Saleh mit Marokko Handel trieben, orientierte sich die von Gao und der benachbarten Berberstadt Tadmekka ausgehende Handelsroute in Richtung Algerien und wahrscheinlich auch nach Ägypten (Levtzion 1971: 143).

Die Zunahme des Transsahara-Handels und die im nächsten Abschnitt behandelte und mit dem Handel eng verknüpfte Ausbreitung des Islam führten dazu, daß die sudanesischen Endpunkte der Handelskarawanen in zunehmendem Maße durch eine Mischung von sudanesischer Bevölkerung und Berbern gekennzeichnet waren (Levtzion 1977a: 352). Diese Mischung, verbunden mit dem durch den Handel bedingten materiellen Wohlstand, bildete bereits in Kumbi Saleh und in Walata den Nährboden für jene Gelehrtentradition, die Timbuktu ein Jahrhundert später von dieser Stadt erben und zur Blüte führen sollte.

3.1.2.2. Die Ausbreitung des Islam in Westafrika

Der Islam gelangte im 7. Jahrhundert von Ägypten kommend mit den Feldzügen der Araber nach Nordafrika. Hauptsächlich von dort breitete er sich auf zwei verschiedene Weisen in Westafrika aus (Hiskett 1984: 302): Zum einen geschah dies auf friedlichem Wege entlang der Handelsrouten, wobei vor allen Dingen islamisierte Berber aber auch Araber und durch den Kontakt mit den Händlern des Nordens früh islamisierte sudanesische Händlerethnien, wie die Diula[9], eine bedeutende Rolle spielten. Der zweite Weg war die gewaltsame Islamisierung im Zuge von Eroberungen und Jihads, den heiligen Kriegen. Es war der erstgenannte Weg, der in Westafrika zuerst einsetzte und im Gegensatz zur gewaltsamen Bekehrung, dessen frühestes Beispiel der Jihad der Almoraviden war, eine dauerhaftere Islamisierung verursachte (Hunwick 1967b: 115). Die muslimischen Händler ließen sich, angezogen vom Gold sowie von anderen Handelsgütern des Sudan wie Kolanüssen und Sklaven, in den städtischen Zentren südlich der Sahara nieder. Sie bildeten Stützpunkte eines Handelsnetzes, welches sich des Islam als einigendem Band und der arabischen Sprache und Schrift als Kommunikationsmittel in einem durch Abwesenheit jeglicher Literalität gekennzeichneten Gebiet bediente (Hunwick 1967b: 128). Der Handel bewirkte eine dauerhafte Konvertierung zum Islam, da dieser eine Vertrauensbasis zwischen Händlern unterschiedlichster Herkunft schuf und gleichzeitig einen umfangreichen Verhaltenskodex in Bezug auf die Handelsaktionen enthielt (Hiskett 1984: 30).

Die zunehmende Islamisierung brachte jedoch nicht nur einen neuen monotheistischen Glauben und eine Schriftkultur mit sich, sondern bewirkte im Laufe der Jahrhunderte auch eine kulturelle Öffnung und über die Literalität einen Zugang zu den arabischen Wissenschaften, zur Rechtslehre, zur Geschichtsschreibung, zur Astronomie und zu anderen Disziplinen (Hiskett 1984: 30). Mehr noch, diese „geschriebenen“ Wissenschaften und die institutionierte Lehre waren im Sudan bis zum Beginn der Neuzeit ausschließlich an die muslimische Religion geknüpft (Mauny 1961: 528).

Im Westen des Sudan, im bereits im ersten Jahrtausend von den Soninke gegründeten Reich Ghana, wurden die vor Ort ansässigen Muslime von den Herrschern in Ehren gehalten. Auch wenn letztere noch Anhänger der traditionellen Religion waren, schätzten sie die Muslime aufgrund ihrer weitreichenden Verbindungen und des wegen ihrer Handelstätigkeit ständig wachsenden Einflusses und Reichtums. El-Bekri berichtet von einem muslimischen Viertel in der Hauptstadt Ghanas mit zwölf Moscheen und zahlreichen Gelehrten und Juristen[10]. Er führt weiterhin aus, daß der König seine Übersetzer, den Schatzmeister und die meisten seiner Wesire aus den Reihen dieser Muslime auswählte (El-Bekri 1965: 328-29). Auf diese Art und Weise gewann der Islam zunehmend an Einfluß und wurde für die Herrscher Ghanas und die anderen afrikanischen Souveräne, die sich nach und nach zur neuen Religion bekehrten, ein interessanter Machtfaktor. Dabei übernahmen sie diese nicht in ihrer orthodoxen Form und mit gleichzeitiger Unterdrückung des alten Glaubens, sondern sie integrierten ihn vielmehr als neues machtvolles Kultelement in ihre traditionellen Systeme (Hunwick 1967b: S. 129). Sie machten sich jene Elemente des Islam und der muslimischen Kultur zu eigen, die es ihnen erlaubten, ihre eigene Machtposition zu stärken und auszubauen (Lewis 1966: 35). In den späteren Großreichen Mali und Songhai waren die Herrscher zudem genötigt, der sehr heterogenen und multi-ethnischen Zusammensetzung der Staaten den nötigen Zusammenhalt zu vermitteln, wobei sich der Islam als einigendes Band als vorzügliches politisches Mittel erwies (Levtzion 1971: 155).

Im Falle Ghanas scheint der Übertritt der Herrscherklasse zum Islam, wenn er auch durch eine bereits länger andauernde Präsenz und Einflußnahme islamisierter Händler vorbereitet worden war, in engem Zusammenhang mit dem Jihad der Almoraviden gestanden zu haben (Al-Zuhri 1968: 182/zitiert in Levtzion 1980: 186). Die Almoraviden, Angehörige der Sanhadja-Berber, die unter der Führung des Ibn Yasin zu einem orthodoxen, die malikitische Schule[11] vertretenden Islam bekehrt worden waren, führten im 11. Jahrhundert einen Jihad gegen die Völker des Südens. Dieser heilige Krieg hatte jedoch nicht nur religiöse Motive, sondern bezweckte auch, die Kontrolle über den Transsahara-Handel zu gewinnen. Seine Akteure, die

Sanhadja, wendeten sich im Anschluß an die militärische Eroberung der islamischen Wissenschaft zu und verbreiteten den neuen Glauben auf friedliche Weise, indem sie als Händler und Wanderpriester die Handelsrouten des Sudan bevölkerten. Es waren die Nachkommen dieser Sanhadja, die - wie bereits im Abschnitt über den Handel angedeutet - später nach Walata zogen und vor allem im 16. Jahrhundert eine herausragende Rolle unter den Gelehrten Timbuktus spielten (Hiskett 1984: 44).

Bezüglich der Islamisierung der Herrscherdynastie des Reiches Mali, welches zu Beginn des ersten Jahrtausends noch unbedeutend und von geringem Ausmaß war, erfahren wir genaueres von El-Bekri: Dessen Herrscher sei von einem Muslim, der als Gast an seinem Hof verweilte, zum Islam bekehrt worden, indem dieser ihm die Überlegenheit des neuen Glaubens gegenüber dem Fetischkult im Zusammenhang mit der Überwindung einer langen Dürreperiode zeigte (El-Bekri 1965: 333-34). Delafosse mutmaßt unter Bezug auf Ibn Khaldun, daß es sich um den König Baramendana gehandelt hat und setzt als mögliches Datum seiner Bekehrung das Jahr 1050 an (Delafosse 1912: II, 174-175). Die frühen Herrscher Malis scheinen jedoch nur einen sehr oberflächlichen Islam praktiziert zu haben und die breite Masse des Volkes praktizierte weiterhin traditionelle Religionen (El-Bekri 1965: 334).

Von Es-Sadi schließlich erfahren wir genaueres zu den Ursprüngen des Islam im Reich Songhay, welches im Osten eine noch unbedeutende Existenz führte, jedoch im 15. Jahrhundert expandieren und für Timbuktu von kapitaler Bedeutung sein sollte. Der erste König dieses Reiches, welcher zum Islam übertrat, tat dies um das Jahr 1010 und hieß Za-Kosoi (Es-Sadi 1964: 5). Womöglich bestand jedoch schon vor diesem Zeitpunkt, zu dem die Za-Dynastie die Stadt Gao als ihre Hauptstadt wählte, in jener Stadt eine muslimische Führung (Hiskett 1984: 32-33)

Der Islam war in den ersten Jahrhunderten seiner Existenz im Sudan geographisch auf die Städte und sozial auf eine elitäre Schicht im Dunstkreis der Könige und der Kaufleute entlang der Handelsrouten beschränkt. Eine Ausnahme bildeten die früh islamisierten Stämme der Sahara (Tapiéro 1969: 58), wobei insbesondere jene der Sanhadja-Konföderation - wie oben gezeigt - einen großen Einfluß ausübten. Die Medassa, eine Untergruppe dieser Konföderation, die bereits zu Zeiten El-Bekris in der Nähe des Nigerbogens lebten und den Islam praktizierten (El-Bekri 1965: 337), werden - wie im vorangehenden Kapitel gezeigt - als Gründer Timbuktus angesehen. Die Bevölkerung Timbuktus war also von Anbeginn der Stadt islamisiert. Diese Tatsache wird von Es-Sadi bestätigt, der bemerkt (Es-Sadi 1964: 36/eigene Übersetzung):

„Niemals wurde Timbuktu vom Kult der Fetische beschmutzt, auf dem Boden dieser Stadt hat sich niemals jemand vor anderen Göttern als dem Gütigen verbeugt.“

Timbuktu sollte jedoch erst später, im Zuge der sich durch die Expansion des Reiches Mali ändernden ökonomischen und religiösen Rahmenbedingungen, zu einem städtischen Zentrum anwachsen und inspiriert durch die Tradition eines urbanen Islam, dessen afrikanische Ausprägung sich bereits seit geraumer Zeit in Städten wie Kumbi Saleh, Walata oder Gao entwickelt hatte, zu einem Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit avancieren.

[...]


[1] Der Begriff „Sudan“ wird hier und im folgenden zur Bezeichnung der zwischen Sahara und tropischem Regenwald gelegenen Zone Westafrikas verwendet.

[2] Unter „Gelehrsamkeit“ wird im Rahmen dieser Arbeit ausschließlich jene elitäre Form der Lehre verstanden, die durch einen gewissen Grad von wissenschaftlicher Institutionalisierung gekennzeichnet ist. Die traditionelle afrikanische Wissensvermittlung im Sinne von oraler Initiation wird hierbei außer acht gelassen.

[3] Der Begriff der „Gelehrtentradition“ scheint gerechtfertigt, da es sich um ein kontinuierliches, von Generation zu Generation weitergegebenes Charakteristikum der Stadt Timbuktu handelt.

[4] Als Synonym für „Gelehrte“ wird in dieser Arbeit häufig der arabische Begriff „Ulama“, teilweise auch die Bezeichnung „ Professoren“ verwendet.

[5] In der Literaturangabe wird zur Vereinfachung lediglich der Name Mahmud Katis angegeben.

[6] Es war ein gewisser Al-Mukhtar ben al-Tahir, Schüler Al-Mukhtar al-Kuntis und Ulama Timbuktus, der im Auftrag Seku Amadus diese Manipulationen am Tarikh El-Fettach vornahm (Saad 1983: 215-16).

[7] Die Sanhadja bildeten eine lose Konföderation von Nomadenstämmen, zu denen die Messufa, die Medassa, die Lamtuna und die Juddala gehörten. Diese Konföderation besaß ein gewisses Maß an zentraler Organisation und hatte zum Hauptzweck die Kontrolle des Transsahara-Handels.

[8] Einen Überblick über die mittelalterlichen Handelsverbindungen zwischen Nordafrika und dem Sudan gibt die in Abbildung 1 gezeigte Karte, die darüber hinaus alle im folgenden genannten Ortsnamen enthält.

[9] „Diula“ ist ein Malinke-Wort und bedeutet „Händler“. Eine andere, ältere Bezeichnung ist „Wangara“. Ethnisch gesehen gehen die Diula auf die Malinke und die Soninke zurück (Wilks 1981: 234-35). Diese sudanesischen Händler strömten vor allen Dingen während der Hegemonie Malis in die Gelehrtenstädte (Saad 1983: 25).

[10] Bei diesen muß es sich zumindest zum Teil um Soninke gehandelt haben, die bereits damals über eine Gelehrtentradition verfügten (nach Al-Zuhri 1968; zitiert in Saad 1983: 4).

[11] Die malikitische Schule islamischen Rechts geht auf den Imam Malik aus Mekka (795 n.Chr.) zurück und entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten zur wichtigsten und einflußreichsten Strömung des Islam südlich der Sahara (Lewis 1966: 16))

Details

Seiten
103
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783640133529
ISBN (Buch)
9783640135455
Dateigröße
849 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113527
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Afrikanistik
Note
1,0
Schlagworte
Timbuktu Zentrum Gelehrsamkeit Wandel Geschichte

Autor

Zurück

Titel: Timbuktu als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit im Wandel der Geschichte