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Das Leben des Dichterphilosophen Voltaire und sein Werk 'Candide'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 14 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Das Leben Voltaires

II. Candide ou l’optimisme

Zitatgrundlage

Bibliographie

Voltaire an Doktor Tronchin, 26. Mai 1778

Der Patient der rue de Beaume hat Fieber. Sein irdischer Leib hat geschwollene Beine, auf denen sich rote Flecken zeigen. Er hat die ganze Nacht und auch jetzt noch unter krampfartigen Hustenanfällen zu leiden gehabt. Dreimal hat er Blut gespuckt. Er bittet um Verzeihung, daß er um eines Kadavers willen noch so viel Mühe verursacht. [i]

I. Das Leben Voltaires

François- Marie Arouet, welches der eigentliche Name des französischen Dichterphilosophen Voltaire ist, wird als jüngstes von fünf Kindern am 21. November 1694 in Paris geboren. So schwach und gebrechlich er als Kind auch erscheint, so zäh und widerstandsfähig ist er dennoch gleichermaßen, so dass er nie ernsthaft erkrankt. Seine Kindheit steht noch unter dem Glanze der ludovizischen Epoche, er kennt Menschen, die derselben unmittelbar entstammen.[ii]Im sozialen Kontext betrachtet nimmt sein Elternhaus die Schwelle zwischen Adel und gehobenem Bürgertum ein. Voltaire verliert seine Mutter, ihrerseits von adliger Herkunft, schon 1701, als er acht Jahre alt ist. Sein Vater hat die Stellung eines anerkannten und sehr wohlhabenden Notars inne. Obwohl die Gesinnung im Geburtshause Voltaires freimütig und offen vonstatten geht, trägt sie trotzdem keine libertinerhaften Züge. Einer Klientin seines Vaters, nämlich der Madame Ninon de Lenclos, hat der junge Voltaire es zu verdanken, dass ihm von ihrer, nach ihrem Tod 1705, eine nicht unbeträchtliche Summe zum Kauf von Büchern zukommt. Auf heftigen Widerstand stößt Voltaire wenige Jahre später bei seinem Vater, als er schließlich doch die Grenze vom Mondänen hin zum Libertinertum[iii] überschreitet.

In den Jahren 1704 bis 1710 besucht er das vornehme jesuitische Collège Louis-Le-Grand: “Bei den Jesuiten (…) lernt Voltaire viel Latein, weniger Griechisch, noch weniger Französisch, am wenigsten Naturwissenschaftliches und moderne Geschichte, vor allem Weitläufigkeit und selbstverständliche Hinnahme des gesellschaftlichen Vorrangs der Aristokratie.”[iv]

Ebendort ist er auch die ganze Zeit über mit jungen Adligen zusammen, verkehrt mit ihnen und wird nahezu wie ihresgleichen. Anstelle von Rebellion, die sich in einer weiter unten gelegenen Gesellschaftsschicht der oberen gegenüber oftmals einzustellen pflegt, ist Voltaire im Gegenteil von dem Drang besessen dazuzugehören. Als Notarssohn ist er zudem dieser Möglichkeit im vornherein nicht völlig enthoben. Schnell begreift er, dass es zu diesem Zweck gewisser intellektueller, besonders aber auch finanzieller Mittel bedarf, um in der Abendgesellschaft nicht als kleinlich zu gelten. Da es ihm an Geist und Wortwitz nicht mangelt, erhält er schon früh Zugang zum Temple, einer clubähnlichen Stätte des Libertinertums.

Noch überzeugen seine zahlreichen Gedichte mehr durch ihre äußere Form als durch ihren Inhalt. Weil sein Vater im Bemühen Einfluss auf seinen Sohn dahingehend zu nehmen bestrebt ist, ihn aus der seines Erachtens ungünstigen Gesellschaftsumgebung herauszunehmen, schickt er ihn 1713, der Junge ist 19 Jahre alt, als Sekretär zum französischen Gesandten nach Haag. Doch schon kurz darauf wird er nach Frankreich zurückgeschickt, weil er sich mit einem Mädchen namens Olympe Dunoyer verlobt hat, deren Mutter sich jedoch für ihre Tochter jemand Besseren erhofft hatte. Wieder in Paris, entstehen bereits die ersten Gedanken zu seinem ersten Werk, dem Oedipus, doch es vergehen noch fünf Jahre, bis es fertig gestellt wird. Mit diesem Frühwerk manifestiert sich der leidenschaftliche Drang zum Dramatischen in Form der Tragödie.

Im Herbst 1715 stirbt Ludwig XIV. Von nun an dürfen Gedanken in einer etwas freieren Form geäußert werden. Dennoch verbannt man Voltaire aufgrund seiner freizügigen, besonders aber invektiv anmutenden Verse aus Paris. Die Verbannung trifft ihn jedoch nicht allzu schwer, verbringt er doch die Zeit recht angenehm in Sully- sur- Loire beim Herzog von Sully, der ihm vom Gymnasium und vom Temple her freundschaftlich verbunden geblieben ist. Bald nach seiner Begnadigung 1717 bezichtigt man ihn abermals der Abfassung gewisser Pamphlets, was ihm dieses Mal einen elfmonatigen Aufenthalt in der Bastille beschert. Dort bietet sich ihm aufgrund der äußersten Beschränkung etwaiger Ablenkungen und Zerstreuungen die Gelegenheit, sich dem Schreiben in vollem Ernste zu widmen, weswegen man sagen kann, dass durch die Freiheitsstrafe der inneren, künstlerischen Freiheit erst Ausdruck verliehen werden konnte, gepaart natürlich nach wie vor mit seinen innigsten Bestrebungen epischen Ruhm zu erlangen.

Nachdem Voltaire im April 1718 aus der Bastille entlassen worden ist, kommt es im November desselben Jahres zur Uraufführung des Oedipus, in der er selbst mitspielt, indem er die Schleppe des Oberpriesters hinter diesem herträgt, woraus geschlossen wurde, dass er seine eigene Tragödie nicht unbedingt ernst genommen habe.[v]

Einen Wendepunkt im Leben des Voltaire markiert ein Streit im Jahre 1726, der sich zwischen ihm und dem Chevalier de Rohan, seinerseits einem sehr alten Adelsgeschlecht entstammend, entfacht und infolge dessen Voltaire von Dienern des Chevalier auf offener Straße schmachvoll zusammengeschlagen wird. Voltaire fühlt sich zutiefst beleidigt und verlangt nach einer gewissen Zeit, denn er muss sich zuerst noch in körperliche Form bringen, nach Genugtuung. Der Chevalier geht zum Schein darauf ein, zeigt seinen Widersacher jedoch hinterrücks bei der Polizei an und lässt ihn festnehmen.[vi] Wieder landet Voltaire für kurze Zeit in der Bastille. Voltaire geht daraufhin ins Exil nach England, wo er bis März 1729 bleibt. Durch das Kennenlernen eines anderen Volksgeistes und der damit einhergehenden Vergegenwärtigung der eigenen französischen Wurzeln steigert sich der Schaffensdrang Voltaires ins wahrhaft Göttliche und Elementare.[vii]

In England erlernt er auch binnen 18 Monaten die englische Sprache so gut, dass er seine Untersuchungen über die epische Dichtkunst auf englisch veröffentlichen kann. Seine englischen Briefe, 1734 auf französisch (Lettres philosophiques) erschienen, zeugen inhaltlich von Voltaires Bewunderung der englischen Toleranz besonders hinsichtlich nicht-katholischer Religionsgemeinschaften. Seine Begeisterung für Shakespeare und Milton[viii] ist gewissen Grenzen unterworfen, wohl deshalb, weil ihm ein Mangel an Naturverbundenheit zu eigen ist, der eine Befremdung besonders diesen Poeten gegenüber hervorruft. Es sei dies wie bei einem vom Meer Begeisterten, der bedauerlicherweise an der Seekrankheit leide.[ix]

Zwischen 1729 und 1733 erscheinen sein “Brutus“, “Caesars Tod“, Eriphyle, Samson und vor allen Za ï re, welches als das Meisterwerk aller seiner dramatischen Unterfangen gerühmt wird.[x]

In die Jahre 1740-1743 fallen Voltaires Reisen zu König Friedrich II., mit dem er bereits seit 1736 in Briefkontakt steht. Nachdem sie sich 1740 und 1743 persönlich getroffen haben, ist der in der Korrespondenz noch sehr herzliche anmutende Charakter ihres Verhältnisses bereits persönlichen Interessen gewichen. Während Friedrich die Anwesenheit des großen französischen Dichters eher als Prestige nutzt, gibt sich Voltaire als eine Art französischer Diplomat, der durch die Beziehung zu Friedrich auf Mittel hofft, die Gunst am heimatlichen Hofe zu erwerben.

Nachdem Friedrich den Dichter 1750 zur Übersiedlung nach Berlin hat überreden können, verursacht drei Jahre später Voltaires Diatribe du docteur Akakia, ihres Zeichens eine Niedermachung des Präsidenten der Berliner Akademie, Maupertuis, den Bruch zwischen dem König und dem Autor. Voltaire reist im Frühling 1753 in Verbitterung ab.[xi]

An dieser Stelle soll noch kurz der Konflikt zwischen Voltaire und Jean-Jacques Rousseau Erwähnung finden. Hier eine Passage aus einem Brief Voltaires aus dem Jahre 1755 an Rousseau als Reaktion auf dessen Discours sur les sciences et les arts.

Ab 1754 beginnt Voltaire sich allmählich zurückzuziehen, wobei er sich ganz in der Rolle eines Adligen begreift. In Genf erwirbt er ein Gut, von seinem Provinzschloss Ferney aus führt er, der längst zu großem Vermögen gekommen ist, das Leben eines wohltätigen Fürsten. Seine Ansätze zum Kirchengegner treten nun deutlicher in den Vordergrund. Aus dem einstigen Höhnen und der Ironie wird in seiner Ferney- Zeit nun ein offener Angriff gegen die Doktrinen, Institutionen und Hegemonieansprüche der Kirche. Seine geradezu im Kirchenhass kulminierende Haltung bedingt seine Loslösung von der historischen Forschung. Vielmehr noch macht sich eine Unfähigkeit zu denken breit, sobald er sich in seinem Groll vergisst. Die Extraits des sentiments de Jean Meslier, verbittertste Bekenntnisse eines ketzerischen Pfarrers, sowie der Sermon des Cinquante, erscheinen 1762, ihrer Form nach massive Invektiven hauptsächlich gegen die katholische Kirche. In seiner Eigenschaft als Fanatiker, wenn es um seinen Zorn gegen die Kirche geht, wird Voltaire als der Wegbereiter der Französischen Revolution gesehen: “Nicht als heiterer und zynischer Spötter, nicht als gütiger und abgeklärter Weiser bereitet er den kommenden Umsturz vor, sondern als Fanatiker.”[xii]

Bei allem Fanatismus in seinem letzten Lebensabschnitt hat Voltaire jedoch stets ein unermüdliches Eintreten für die Anerkennung der Menschenrechte an den Tag gelegt und sich immer wieder für die Justizopfer seiner Zeit eingesetzt.

Als er 1778 nach Paris, wo er immer gehofft hatte zu Ehren zu kommen, zum Sterben zurückkehrt, werden ihm vonn der Bevölkerung dermaßen viele Ehrerbietungen und Ruhmeszuweisungen zuteil, dass manche seinen Tod am 30. Mai 1778 als eine Folge dieser übermäßigen Ehrungen verstehen. Seine letzte, im Vorjahr entstandene Tragödie Ir è ne wird aufgeführt, seine Büste auf der Bühne mit Kränzen umsäumt.

Mit Voltaire starb “das Muster des liberalen und sozial verantwortlichen modernen Abgeordneten, ein unaufhörlicher Kämpfer für Vernunft und Toleranz nicht nur im Abstrakten, sondern überall da, wo Not am Mann war.”[xiii]

[...]


[i] Leithäuser, 1961, 512.

[ii] Ludwig XIV. (1638-1715), Sohn von Ludwig XIII., regierte seit 1661 allein. Er führte das französische Königtum auf den Gipfel seiner Macht und verkörperte den Höhepunkt des französischen Absolutismus („Sonnenkönig“, französ. Roi Soleil). Durch Überspannung der finanziellen und militärischen Macht Frankreichs leitete er aber auch bereits den Niedergang ein.

[iii] im Sinne einer abwertenden Bezeichnung für theologische Gegner Calvins während der Reformation in Genf (1546-1555).

[iv] Victor Klemperer in seiner Einleitung zu: Voltaire. Sämtliche Romane und Erzählungen. Leipzig 1976, 11.

[v] Klemperer, 2004, 17.

[vi] Leithäuser, 1961, 55f.

[vii] Klemperer, 2004, 21.

[viii] Und gerühmte Werke können ihn zur Raserei bringen, wenn sie voller Absurditäten stecken oder ihm schlecht gebaut und motiviert erscheinen. Miltons Paradise Lost gehört dazu, und Corneilles Rodogune, Günther, 1994, 46.

[ix] Klemperer, 2004, 33.

[x] Ebd., 37.

[xi] Ebd., 42f.

[xii] Klemperer, 2004, 48.

[xiii] Ebd., 52.

Details

Seiten
14
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640143740
ISBN (Buch)
9783640145638
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113501
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich-Meinecke-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Leben Dichterphilosophen Voltaire Werk Candide Wissenschaft Aufklärung

Autor

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