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Wenn Schüler mobben. Aspekte Neuer Medien und Herausforderungen an die Schulsozialarbeit

Diplomarbeit 2008 112 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Mobbing unter Schülern
2.1 Klärung des Begriffs ‚Mobbing’
2.2 Definitionen des Gewaltund Aggressionsbegriffs
2.2.1 Gewalt, Aggression und Devianz
2.2.2 Mediale Gewalt und ihre Bedeutung im Mobbingprozess
2.3 Mobbing als spezielle Form von Gewalt
2.3.1 Definition: Mobbing
2.3.2 Dem Mobbing ähnliche Verhaltensphänomene
2.3.3 Erscheinungsformen von Mobbing
2.3.4 Typische Merkmale im Mobbingprozess
2.3.5 Mobbing als soziales Phänomen
2.4 Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien
2.4.1 Die Bedeutung der Medien im Jugendalter
2.4.2 Die wichtigsten Medien
2.4.3 Erscheinungsformen
2.4.4 Spezielle Merkmale
2.4.5 Gründe
2.4.6 Auswirkungen auf die Beteiligten
2.4.7 Definition: Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien
2.5 Empirische Untersuchungen – ein Überblick über den aktuellen Stand
2.5.1 Forschungsmethoden und -instrumente
2.5.2 Verbreitung von Schülermobbing
2.5.3 Forschungsstand bei Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien
2.6 Risikoerhöhende Bedingungen und die Risikogruppe
2.6.1 Geschlechtsunterschiede der an Mobbing Beteiligten
2.6.2 Altersunterschiede der an Mobbing Beteiligten
2.6.3 Risikoerhöhende Bedingungen und typische Merkmale des Opfers
2.6.4 Risikoerhöhende Bedingungen und typische Merkmale der Täter
2.6.5 Risikoerhöhende Bedingungen und typische Merkmale des Täter-Opfers
2.6.6 Risikoerhöhende Bedingungen innerhalb der Familie des Opfers
2.6.7 Risikoerhöhende Bedingungen innerhalb der Familie des Täters
2.6.8 Risikoerhöhende Bedingungen innerhalb der Familie des Täter-Opfers
2.6.9 Risikoerhöhende Bedingungen im Schulumfeld

2.6.10 Reaktionen auf Mobbing
2.6.11 Risikomildernde Bedingungen
2.7 Stabilität und Auswirkungen von Mobbing
2.7.1 Stabilität von Mobbing
2.7.2 Auswirkungen auf die Opfer
2.7.3 Auswirkungen auf die Täter
2.8 Fazit

3 Herausforderungen an die Schulsozialarbeit
3.1 Schule
3.1.1 Auftrag der Schule
3.1.2 Kann die Schule diesen Ansprüchen gerecht werden?
3.1.3 Jugendliche im Kontext Schule
3.2 Schulsozialarbeit
3.2.1 Klärung des Begriffs ‚Schulsozialarbeit’
3.2.2 Auftrag der Schulsozialarbeit
3.3 Kooperation von Schulsozialarbeit und Schule
3.4 Handlungsmöglichkeiten der Schulsozialarbeit
3.4.1 Definition: Prävention und Intervention
3.4.2 Handlungsstrategien der Gewaltprävention und -intervention
3.4.3 Das Gernie-Projekt der IGS Hannover-Linden
3.4.4 Interventionskonzepte gegen Mobbing
3.4.5 Rechtliche Aspekte
3.4.6 Prävention: Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien
3.4.7 Intervention: Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien
3.4.8 Medienpädagogik
3.4.9 Die Medien AG der Alfred-Teves-Schule
3.4.10 Gewaltprävention mit medienpädagogischen Anteilen
3.5 Fazit

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturund Quellenangaben

6 Anhang
6.1 Gesetzestexte zu Kapitel ‚3.4.5 Rechtliche Aspekte’
6.1.1 Auszug aus dem Strafgesetzbuch (StGB)
6.1.2 Auszug aus dem Jugendgerichtsgesetz (JGG)
6.1.3 Auszug aus dem Kunsturhebergesetz (KunstUrhG)

1 Einleitung

Mobbing unter Schülern wurde lange Zeit gesellschaftlich nicht wahrgenommen. In den Medien präsent war in Deutschland vor allem Mobbing am Arbeitsplatz. Inzwischen finden sich auch viele Artikel zu Mobbing unter Schülern, dem Thema dieser Diplomarbeit. Aufgrund seiner Aktualität besonders populär ist Mobbing mit Hilfe so genannter ‚Neuer Medien’. Dabei bleibt meist unklar, was Mobbing eigentlich ausmacht.

Mit der zunehmenden wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens steigt auch die gesellschaftliche Akzeptanz. Auch in den rechtlichen Urteilen spiegelt sich zunehmend ein Bewusstsein um die Dimension dieser speziellen Form von Gewalt.

Bundesweite Aufmerksamkeit erhielt im Jahr 2004 der Fall eines 17 Jahre alten Berufsschülers an der Hildesheimer Werner-von-Siemens-Schule, der über drei Monate auf brutalste Weise gequält und gedemütigt und dabei von seinen Peinigern per Handy gefilmt wurde. Die Haupttäter wurden zu 18 Monaten Jugendhaft verurteilt, die Mittäter erhielten niedrigere Strafen. (Vgl. SPIEGEL ONLINE 2005)

Es müssen allerdings nicht körperliche Angriffe sein – Beleidigungen, Hänseleien und Marginalisierung treffen die Opfer genau so schlimm. Die Brisanz des Themas wird deutlich, wenn man die Folgen für die Opfer bedenkt. Gerade Kinder und Jugendliche sind den aggressiven Übergriffen besonders hilflos ausgeliefert. Oft dauert es längere Zeit, bis Mobbing aufgedeckt wird und die Opfer entwickeln schwere psychosomatische Störungen. Die Erfahrungen, die sie in dieser wichtigen Entwicklungsphase machen, wirken prägend auf ihr späteres Leben. Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen, die sie in dieser Zeit begleiten, ihnen zur Seite zu stehen.

Mit dieser Arbeit sollen aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema Mobbing, Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien, sowie Ansätze zur Gewaltprävention und -intervention präsentiert und untersucht werden. Ziel ist es, das Phänomen zu beschreiben, zu erklären und mögliche Handlungsperspektiven auszumachen.

Folgende Leitfragen werden erörtert:

1. Wie verändern die Neuen Medien die Form und die Auswirkungen von Mobbing unter Schülern?
2. Welche Handlungsanforderungen ergeben sich damit für die Schulsozialarbeit?

Betrachtet wírd Mobbing unter Jugendlichen, was weit gefasst die Lebensspanne zwischen 10 und 18 Jahren umfasst.

Wie in der Fachliteratur üblich, wird von Tätern und Opfern die Rede sein. Besonders der Täterbegriff ist negativ belegt. Es tauchen Assoziationen zu extremen Beispielen physischer Gewalt auf, die in den Medien ausgiebig thematisiert wurden. Zudem wechseln die am Mobbingprozess Beteiligten auch ihre Rollen. Der Leser ist also dazu angehalten, die Rollenzuschreibungen objektiv zu betrachten, da Jugendliche sich in einer Entwicklung befinden und für ihr eigenes Handeln noch nicht voll verantwortlich sind.

Als erster befasste sich der Pionier der Mobbingforschung Dan Olweus (2006) mit Schülermobbing. Einen wichtigen Einblick in den derzeitigen Forschungsstand bieten Herbert Scheithauer, Tobias Hayer und Franz Petermann (2003). Françoise D. Alsaker (2003) untersuchte das Mobbing unter Kindern; einiges aus ihrer Arbeit trifft auch auf Mobbing unter Jugendlichen zu. Ausführliche Informationen zum Internetund Handymobbing bietet das britische ‚department for children, schools and families’ (DCSF 2007), in dessen Ratgeber für Schulen eine Vorstellung der Problematik wie auch Handlungsvorschläge zur Prävention und Intervention enthalten sind. Wie auf Schülermobbing reagiert werden kann, beschreibt Mustafa Jannan (2008).

Die Diplomarbeit gliedert sich im Wesentlichen in zwei Teile. Als erstes wird ein Überblick zu ‚Mobbing unter Schülern’ gegeben. Nach der Klärung der wichtigsten Begriffe und einer Positionierung in der Gewaltthematik wird Mobbing als spezielle Form von Gewalt definiert und mit seinen Hauptmerkmalen und Ausprägungen beschrieben.

Die spezielle Erscheinungsform Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien wird in einem gesonderten Kapitel behandelt, das mit einer Definition abschließt. Zunächst wird jedoch die Bedeutung der Medien für Jugendliche skizziert. Die wichtigsten Medien werden vorgestellt und die Ausprägungen dieser Form von Mobbing betrachtet. Dann wird auf die Beteiligten im Mobbingprozess eingegangen.

Es folgt ein Überblick über den aktuellen Stand der Mobbingforschung. Die wichtigsten Forschungsmethoden und -instrumente werden vorgestellt. Nationale und internationale Erkenntnisse zur Verbreitung von Schülermobbing und zu Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien allgemein verdeutlichen den Umfang und die Brisanz des Themas.

Welche typischen Merkmale die Risikogruppen aufweisen und welche Bedingungen für sie risikoerhöhend bzw. risikomildernd wirken, wird dann beschrieben. Die Stabilität und Auswirkungen von Mobbing werden erläutert, bevor im Fazit auf wesentliche Punkte der Thematik Bezug genommen wird.

Aus der dargestellten Problematik ergeben sich ‚Herausforderungen an die Schulsozialarbeit’. Wie darauf reagiert werden kann ist Thema des zweiten Schwerpunktes dieser Arbeit. Die erfolgreiche Bekämpfung von Schülermobbing erfordert eine Kooperation von Schule und Schulsozialarbeit, die sich idealerweise mit ihren speziellen Aufträgen ergänzen.

Die Handlungsmöglichkeiten der Schulsozialarbeit werden anhand von Gewaltprä- ventionsund Interventionsmaßnahmen erläutert. Nach einem Einblick in die Handlungsstrategien wird als praktisches Beispiel das Gernie-Projekt der IGS Hannover- Linden vorgestellt. Zwei ausgewählte Interventionskonzepte zeigen, wie auf akute Mobbingfälle reagiert werden kann. Dazu gehören auch die rechtlichen Grundlagen. Nun sind Präventionsund Interventionsmöglichkeiten bei Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien das Thema. Auf eine Einführung in die Theorie der Medienpä- dagogik folgt eine Vorstellung der Medien AG der Alfred-Teves-Schule in Gifhorn sowie eines Konzeptes, das medienpädagogische Elemente in die Gewaltprävention einbezieht. Abschließend werden die wichtigsten Aspekte im Fazit beleuchtet.

In der ‚Schlussbetrachtung’ werden die gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Thematik dieser Diplomarbeit und der Leitfragen untersucht.

Die ausschließliche Verwendung der männlichen Personalform dient der Übersichtlichkeit, das weibliche Geschlecht in derselben Rolle soll damit keineswegs ausgeschlossen sein.

2 Mobbing unter Schülern

Mobbing hat viele Gesichter, ist komplex und in der Praxis schwer greifbar. Zahlreiche Untersuchungen beschäftigten sich in der Vergangenheit mit diesem Phänomen. Mit der Weiterentwicklung interaktiver Kommunikationsmedien, die inzwischen fester Bestandteil der jugendlichen Lebenswelt sind, treten jedoch plötzlich neue Aspekte in den Blick. Was Mobbing ist, welche Struktur es hat, wen es wo treffen kann, und wie da die so genannten ‚Neuen Medien’ ins Bild passen, soll Gegenstand dieses Kapitels sein.

Nach der nun folgenden Definition der wichtigsten Begriffe werden die grundsätzlichen Merkmale von Mobbing vorgestellt. Die Erscheinungsform ‚Mobbing über interaktive Kommunikationstechnologien’ wird als Schwerpunkt dieser Arbeit in einem gesonderten Kapitel behandelt. Es folgt ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu konventionellem Mobbing und Mobbing über Neue Medien. Anschließend wird auf die Bedingungen der Risikogruppen, die Stabilität sowie die Auswirkungen eingegangen, welche Mobbing auf Betroffene haben kann. Im letzten Kapitel werde ich die im Hinblick auf die Thematik dieser Arbeit wichtigsten Aspekte herausarbeiten.

2.1 Klärung des Begriffs ‚Mobbing’

In deutschen Studien auch als ‚Schikanieren’, ‚Quälen’, ‚Stänkern und Gewalt’ bezeichnet, in Österreich ‚Sekkieren’ genannt, in der Schweiz ‚Plagen’; ‚bully/victim problems’ in Australien und Europa – die Bezeichnungen werden im wissenschaftlichen Diskurs länderspezifisch unterschiedlich benannt und verweisen auf die Komplexität des Phänomens. Der aus dem angloamerikanischen Raum stammende Begriff ‚Bullying’ und das norwegische ‚Mobbing’ sind die in der deutschen Literatur gebräuchlichen Bezeichnungen.

Der Begriff ‚Mobbing’ hielt im deutschsprachigen Raum zuerst als Beschreibung für Schikane am Arbeitsplatz Einzug. (Vgl. Kulis, M. 2005: 7ff)

Im alltäglichen Sprachgebrauch wie in der deutschen Fachliteratur ist ‚Mobbing’ auch im Zusammenhang mit Schülergewalt inzwischen häufiger als ‚Bullying’ anzutreffen.

Eingehende Forschungen zu dieser speziellen Form von Gewalt unter Schülern betrieb der Norweger Dan Olweus schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, in denen er den damals aus der Tierforschung auf das menschliche Sozialverhalten übertragenen Begriff ‚Mobbing’ verwendete.

Das englische Verb ‚to mob’ bedeutet ‚herfallen über’, das aus dem lateinischen abgeleitete Substantiv ‚mob’ bezeichnet eine ‚Horde oder Masse’. (Vgl. Schnecke, J. 2003: 16f)

Die ursprünglich also nur plurale Bedeutung wurde mit der Einführung in die Gewaltthematik um die singulare erweitert, in der eine Einzelperson jemand anderen quält.

In seinen in englischer Sprache verfassten Texten die Bezeichnung ‚Bullying’ verwendend, begründet Olweus die Nutzung des Begriffs ‚Mobbing’ in der deutschen Übersetzung seiner Literatur (als Bezeichnung für diese spezielle Form der Gewaltausübung unter Schülern) mit der Schwierigkeit, das Wort ‚Bully’ für den Sprachgebrauch ‚einzudeutschen’. (Vgl. Olweus, D. (4) 2006: 11)

In dieser Arbeit halte ich mich an Olweus und verwende den im deutschen Sprachgebrauch weitestgehend etablierten Begriff ‚Mobbing’ als Überbegriff für jene Form der Schülergewalt.

Zugunsten der Lesbarkeit spreche ich außerdem an Stelle von ‚mobben’ von ‚schikanieren’, ‚drangsalieren’ oder ‚peinigen’. Bei den Opfern verwende ich zur Beschreibung der erlebten Aggressionen den Begriff ‚Viktimisierung’.

Für Mobbing über Neue Medien gibt es in der Presse und Literatur viele Begriffe. Es wird unter anderem als ‚E-Bullying’ oder differenzierter ‚Onlinemobbing’ und

‚Handymobbing’ bezeichnet. Durchzusetzen scheint sich der Begriff ‚Cyberbullying’.

‚Eingedeutscht’ findet man auch ‚Bullying’ durch ‚Mobbing’ ersetzt. In dieser Arbeit soll darauf verzichtet werden. Stattdessen wird die Rede sein von ‚Mobbing über interaktive Kommunikationstechnologien bzw. Kommunikationsmedien’ sowie ‚Handyund Internetmobbing’.

2.2 Definitionen des Gewaltund Aggressionsbegriffs

Das Phänomen Mobbing kann nicht beschrieben werden, ohne sich mit Aggressionsund Gewaltbegriffen auseinander zu setzen. Im Folgenden werden unterschiedliche Blickwinkel zu diesem Thema vorgestellt. Der Stellenwert medialer Gewalt in diesem Zusammenhang wird Thema des letzten Kapitels sein.

2.2.1 Gewalt, Aggression und Devianz

Warum und wie Gewalt entsteht, kann nicht mit monokausalen Erklärungen beantwortet werden. Der Gewaltbegriff wurde in der Vergangenheit vielfach diskutiert und unterschiedlich definiert. An dieser Stelle folgt ein Überblick über die unterschiedlichen Positionen der Gewaltdiskussion. Ziel ist es, eine Begriffsbestimmung herausarbeiten, die der besonderen Ausprägungsform ‚Mobbing unter Schülern’ in dieser Arbeit gerecht wird.

Den Blick auf soziale Systeme gerichtet, arbeitet die Soziologie mit dem Leitbegriff des ‚abweichenden Verhaltens’ (‚Devianz’), der sich auf den Verstoß gegen Normen bezieht, die ein System seinen Mitgliedern auferlegt. Demnach ist jede Abweichung als Teil eines Interaktionsprozesses zu verstehen, „in dem gesellschaftlich machtvolle Definitions-Instanzen entsprechende Etikette verteilen“ (Tillmann, K.-J. u.a. 1999: 24). Die menschlichen Bedürfnisse kollidieren mit den normierten, institutionellen Verhaltensanforderungen. Die Produktion von ‚abweichendem Verhalten’ steigt mit dem Grad der Spezifizierung eines solchen Regelwerks. Beispielhaft sei hier die Schule genannt, deren Anforderungen die Schüler mit dem Abschreiben von Hausaufgaben bis hin zur Schulverweigerung begegnen. (Vgl. Tillmann, K.-J. u.a. 1999: 24f)

Durch die institutionellen Sanktionen (Strafen und Zuschreibungen) auf die Devianz werden die Anforderungen für die Betroffenen erhöht, die allerdings nicht über ein ausreichendes Verhaltensrepertoire zum Umgang mit solchen Situationen verfügen und darauf mit weiteren Abweichungen reagieren. Es erfolgt eine ‚Etikettierung’. Aus dieser Erfahrung heraus definieren sie sich selbst als ‚Abweichler’. (Vgl. Zitzmann, C. (2) 2007: 25)

Ursprünglich beinhaltet der Aggressionsbegriff durchaus friedliches und konstruktives Verhalten; so kann von positiver und destruktiver Aggression gesprochen werden. Dan Olweus benutzt ein Modell, in dem sich Gewalt als spezielle Ausprägung von Aggression versteht. (Vgl. ebd.: 16)

In der mir vorliegenden Literatur ist im Zusammenhang mit Mobbing aus psychologischer Sicht ausschließlich von destruktiver Aggression die Rede. Alsaker beschreibt so Aggression als Handlung mit einer deutlichen Schädigungsabsicht. Sie merkt an, dass für Außenstehende weder die Intention des Handelns immer erkennbar ist, noch muss sich die aggressive Person dessen bewusst sein. Dass ihre Handlungen negative oder verletzende Konsequenzen für die geschädigte Person haben, wissen jedoch die allermeisten. Im Zusammenhang mit Mobbing ist es demnach also sinnvoll, aggressives Verhalten als ein solches zu definieren, „dessen Ziel es ist, jemand anderen zu verletzen oder (als) ein Verhalten, das zumindest im Bewusstsein um eine allfällige verletzende Wirkung ausgeübt wird“ (Alsaker, F. D. 2003: 19).

Melzer, Schubart und Ehninger (2004: 51-54) stellen ein Modell zu den Dimensionen des Gewaltbegriffs vor, das unterschiedliche Positionen im wissenschaftlichen und politischen Raum zusammenfasst. Demnach wird übergeordnet die Anwendung von physischem oder psychischem Zwang als Gewalt bezeichnet. Die moralische Bewertung kann sowohl positiv wie auch negativ erfolgen – in ‚Dilemma-Situationen’ führt die Aufrechterhaltung eines Wertes zum Verstoß gegen einen anderen.

‚Gewalt in Machtund Herrschaftsbeziehungen’ beiseite lassend, macht für diese Arbeit die Vertiefung der Aspekte ‚strukturelle Gewalt’ und ‚personelle Gewalt’ Sinn – beide haben Schädigung und Leiden von Menschen zur Folge.

Die ursprüngliche Definition ‚struktureller Gewalt’ bezeichnet das, was die Entfaltung der individuellen Möglichkeiten von Menschen verhindert, als Gewalt. Diese indirekte Gewalt ist dem gesellschaftlichen System immanent. Kritisiert wird die Weite dieses Gewaltverständnisses, denn ein Zustand wie Armut würde somit zu Gewalt erklärt. Eine Eingrenzung des Begriffs wäre möglich, indem Armut als ‚Nährboden für Gewalt’ bezeichnet würde. Die Betrachtung von ‚struktureller Gewalt’ in diesem Sinne kann zum Verständnis der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen jugendlicher Gewalthandlungen beitragen und ist deshalb erwähnenswert. (Vgl. Melzer, W.; Schubart, W.; Ehninger, F. 2004: 51-54/ Tillmann, K.-J. u.a. 1999: 22-23)

Direkter ist der Zusammenhang zu ‚personaler Gewalt’ als „rohe, gegen Sitte und Recht verstoßende Einwirkung auf Personen“ (Melzer, W.; Schubart, W.; Ehninger, F. 2004: 52). ‚Physische Gewalt’, wie Vandalismus, Diebstahl, und Schläge, ist als mittelbare Gewalt gut erkennbar. Dagegen tritt ‚psychische Gewalt’ als unmittelbare Form der Gewaltanwendung nicht so offen zu Tage – sie reicht von Beschimpfung und Diskriminierung bis hin zu gesellschaftlicher Ausgrenzung. (Vgl. Melzer, W.; Schubart, W.; Ehninger, F. 2004: 52-54/ Olweus, D. (4) 2006: 22f/ Tillmann, K.-J. u.a. 1999: 18- 22)

Mobbing ist im Bereich der ‚personalen Gewalt’ einzuordnen – was diese spezielle Form der Gewalt ausmacht, wird im Kapitel 2.3 differenzierter dargestellt.

Das gleiche Phänomen beschreibend, werden die Begriffe ‚Aggression’ und

‚Gewalt’ innerhalb dieser Arbeit gleichberechtigt verwendet.

2.2.2 Mediale Gewalt und ihre Bedeutung im Mobbingprozess

Kinder und Jugendliche werden über die so genannten ‚Neuen Medien’ zunehmend mit Gewaltdarstellungen oder -abbildungen konfrontiert und produzieren mit ihren multimedial ausgestatteten Mobiltelefonen selber gewalthaltige Bilder und Filme. Diese Abbildungen realer Gewalt, in denen die Hauptrolle mit dem Opfer ‚besetzt’ ist, werden in Umlauf gebracht und von anderen Gleichaltrigen gesehen.

Innerhalb einer Mobbingepisode sind die interaktiven Kommunikationsmedien ein Mittel zum Zweck, wie in Kap. 2.4 genauer skizziert wird. Welche Auswirkungen der Konsum medialer Gewalt auf die Jugendlichen hat, ist innerhalb des Themas Mobbing über interaktive Kommunikationsmedien nur am Rande interessant und kann nicht weiter diskutiert werden. Für eine genauere Auseinandersetzung zu den Wirkungen von medialer Gewalt verweise ich auf Kuncziks und Zipfels (2006) Referenzwerk zu diesem Thema.

2.3 Mobbing als spezielle Form von Gewalt

Nachdem geklärt ist, welchen Stellenwert das Phänomen Mobbing in der Aggressionsund Gewaltdiskussion hat, stellt sich nun die Frage nach seinen speziellen Charakteristika, Erscheinungsformen und Merkmalen, die es von anderen Verhaltensphänomenen abgrenzt.

2.3.1 Definition: Mobbing

In den Ausführungen zu Mobbing unter Schülern wird meist auf die Definition von Olweus Bezug genommen: „Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist“ (Olweus, D. (4) 2006: 22).

Es sind also vier Aspekte, die bei Mobbing vorliegen:

3. Intentional aggressives Verletzen, also absichtliches Drangsalieren eines anderen.
4. Diese ‚negativen Handlungen’ können einerseits als unmittelbare Gewalt verbal (durch Drohen, Spotten, Hänseln, ...) oder physisch (durch Schlagen, Kneifen, Festhalten, ...) geschehen, andererseits aber auch als mittelbare Gewalt ohne den Gebrauch von Worten oder Körperkontakt, also indirekt durch z.B. Ausschluss von einer Gruppe, Fratzenschneiden und schmutzige Gesten. ‚Negative Handlungen’ beziehen also alle Formen von aggressivem und rücksichtslosem Handeln mit ein, welche verletzen und das Selbstwertgefühl des Opfers beeinträchtigen können.
5. Mobbing findet wiederholt und über einen längeren Zeitraum statt, ist also eine Abfolge ‚negativer Handlungen’.
6. Es liegt ein asymmetrisches Kräfteverhältnis in einer interpersonalen Täter-Opfer- Beziehung vor – dieses Kräfteungleichgewicht kann auf physischer Stärke, aber auch auf der soziostrukturell und/ oder psychologisch stärkeren Position der mobbenden Person beruhen. Das Mobbing-Opfer kann sich nur schwer selbst verteidigen und ist gegenüber dem Täter in irgendeiner Weise hilflos.

(Vgl. Alsaker, F. D. 2003: 17ff/ Kulis, M. 2005: 10f/ Olweus, D. (4) 2006: 22f)

2.3.2 Dem Mobbing ähnliche Verhaltensphänomene

Mobbing ist eine spezielle Form von Gewalt oder Aggression, die sich systematisch gegen bestimmte Opfer richtet. Konzepte der Auseinandersetzung, bei denen ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis vorliegt, sind eindeutig auszugrenzen. Dazu gehören Tobspiele, Necken, Belästigungen, Zurückweisungen durch Gleichaltrige und Viktimisierung durch Gleichaltrige. Die Grenzen sind jedoch oft fließend und die genannten Verhaltensweisen können im Mobbing auch eingesetzt werden, um Außenstehende zu täuschen. (Vgl. Alsaker, F. D. 2003: 21/ Kulis, M. 2005: 10f/ Olweus, D. (4) 2006: 22f/ Scheithauer, H.; Hayer, T.; Petermann, F. 2003: 20-23)

2.3.3 Erscheinungsformen von Mobbing

Für diese Arbeit macht eine erste Unterscheidung von direktem und indirektem Mobbing Sinn, da viele der mir vorliegenden Autoren mit diesen Definitionen arbeiten.

Direktes Mobbing als offene Konfrontation mit dem Opfer wird dabei weiter in physische und verbale Angriffe unterschieden. Als physische Aggressionen gelten alle körperlichen Berührungen, die von dem Opfer nicht gewünscht sind. Verbale Angriffe umfassen Aktionen wie Auslachen, Beschimpfen, Einmischen und Bloßstellen, aber auch Drohungen und Erpressungen, die oft mit körperlichen Angriffen einhergehen. (Vgl. Alsaker, F. D. 2003: 22ff)

Bei der indirekten Aggression liegt der Fokus des Täters darauf, seine Schikane nicht offensichtlich erscheinen zu lassen. Er versucht also den Eindruck zu vermitteln, er habe das Leiden des Opfers nicht beabsichtigt. Dazu gehören auch soziale Manipulationen über Umwege – mit dem Vorteil, dass der Täter unentdeckt bleibt.

Speziell auf die Manipulation von Beziehungen bezogen, lässt sich dem noch die relationale Aggression hinzufügen. Dabei wird einer Person über ihre sozialen Beziehungen Schaden zugefügt. Ziel sind die Beschädigung der Beziehungen des Opfers und die soziale Ausgrenzung, was indirekt, aber auch direkt geschehen kann.

Alle Formen von Aggression, die nicht physische Gewaltanwendung beinhalten, lassen sich als psychische Aggression zusammenfassen.

Speziell im Gebiet des Mobbing gibt es zusätzliche Ausprägungen, die erst neuerdings erfasst werden. Dabei handelt es sich unter anderem um homophobisches Mobbing, was aus einer Angst vor dem Fremden herrührt. Das kann die Andersartigkeit in den Eigenschaften oder sexuellen Präferenzen einer Person sein und äußert sich in verbalen Angriffen (z.B. ‚Der ist voll schwul!’). Ähnlich scheinen die Ursachen für Mobbing mit fremdenfeindlichem Hintergrund zu sein. Eine neue Variante ist Mobbing, bei dem die Neuen Medien als Instrument für die aggressiven Übergriffe eingesetzt werden (ausführlich in Kapitel 2.4). (Vgl. Scheithauer, H.; Hayer, T.; Petermann, F. 2003: 28-33)

2.3.4 ypische Merkmale im Mobbingprozess

Obwohl Schülermobbing sehr unterschiedliche Strukturen aufweist, wiederholen sich bestimmte Grundelemente:

Die Erniedrigung von Mobbing-Opfern setzen die Täter, bewusst oder unbewusst, strategisch ein. Das geschieht in verbaler Form (auslachen, beschimpfen, bloßstellen, etc. in der Öffentlichkeit) und physisch (bespucken oder Zwang zu erniedrigenden Taten). Das Ziel solcher Angriffe ist es, das Opfer auf den untersten Platz der Hierarchie zu verweisen, sowie allen zu zeigen, wie wertlos es ist und dass es dementsprechend behandelt werden darf. Als Folge nimmt sich der Betroffene selbst nach und nach als wertlos wahr.

Der größte Teil der Mobbing-Opfer reagiert mit Schweigen auf solche Vorfälle. Die Gründe dafür sind unterschiedlicher Natur. Einerseits ist es die Angst vor der Rache der Mobbing-Täter, die durch eine Meldung beim Lehrer in Schwierigkeiten geraten können. Die Gewalttäter drohen oft mit weiteren Attacken, sollten die Vorfälle zur Sprache gebracht werden. Hinzu kommt die berechtigte Angst des Opfers, vor solchen Vergeltungsschlägen nicht ausreichend geschützt werden zu können. Eine weitere Hemmschwelle könnte sein, dass gemobbte Jugendliche sowie Beobachter der Situation dies als Petzen ansehen. Diese Einschätzung ist zu einem großen Teil abhängig vom Verhalten des Lehrers, dessen Reaktion auf gemeldete Vorfälle das Verhalten der Schüler prägt. Das Melden von Mobbingepisoden sollte vom Lehrer als ‚Hilfe holen’ oder

‚Partei ergreifen’ umgedeutet werden. Untersuchungen belegen, dass 80% der betrof-

fenen Schüler an weiterführenden Schulen in Norwegen und Großbritannien das Thema Mobbing mit ihren Lehrern nie thematisiert hatten. Ein Grund dafür könnte sein, dass Mobbing-Opfer von sich aus selten über die Vorfälle sprechen – in der Oberstufe sprachen weniger als die Hälfte der Schüler mit ihren Lehrern darüber. Nur ein Drittel der norwegischen Schüler berichtete zu Hause von ihren schwierigen Erlebnissen. Unklar ist, ob sie ihren Eltern in einer Form von den Erlebnissen berichteten, die den Ernst der Situation erkennen ließ, denn erst als Gesamtmuster zeichnen die Episoden ein dramatisches Bild. Reagieren die Eltern auf den einzelnen Vorfall mit gut gemeinten Ratschlägen (‚du musst dich selber wehren’), fühlen sich die Kinder nicht ernst genommen und werden nichts weiter davon erzählen. Viele Opfer verschweigen ihre Situation aus Scham – es ist ihnen unangenehm, dass sie sich selber nicht wehren können oder sie meinen, selbst damit klarkommen zu müssen. Oft schätzen sie die Ereignisse auch nicht als ‚wichtig’ genug ein, um erzählt zu werden. Wenn Opfer von Schülermobbing mit der Zeit ihre Situation als ‚normal’ empfinden, da sowieso niemand etwas dagegen unternimmt und sie sich nicht ernst genommen fühlen, fügen sie sich oft in ihr Schicksal, dass sich ihrer Ansicht nach kaum ändern lässt.

Die Opfer von Mobbing sind einem Gefühl der Hilflosigkeit ausgeliefert, da die Angriffe zwar systematisch erfolgen, aber Zeitpunkt und Ort der negativen Handlung nicht vorhersehbar sind. Der betroffene Schüler kann sich auf die Angriffe nicht vorbereiten, sich nicht gegen sie zur Wehr setzen; er spürt den Kontrollverlust, der ein Gefühl von Inkompetenz erzeugt. Als Folge davon hört er auf sich zu wehren, was seine Position als ‚williges Opfer’ noch mehr festigt.

Damit geht eine starke soziale Isolation des Opfers einher. Unbeliebt bei den Mitschülern, hat es keine wirklichen Freunde in der Klasse und erfährt in einer bedrohlichen Mobbingsituation keine Unterstützung.

Über diese Passivität der Mitschüler lässt sich spekulieren. Einerseits könnte die geringe Beliebtheit des Opfers in der Klasse ein Grund dafür sein. Andererseits haben die Täter Macht in der Klasse und zeigen das durch entsprechendes Auftreten. Niemand der Zuschauer will die Ungunst des Täters auf sich lenken und selbst in die Rolle des Opfers fallen. Für das Selbstwertgefühl ist es besser, sich von der Opferrolle zu distanzieren, sich also nicht mit den Opfern zu identifizieren. Es herrscht also ein hoher Stresspegel in Klassen mit Mobbingproblemen; eine Lösung führt auch zu einer Erhö- hung des Selbstwertgefühls der Mitschüler.

Die schon angesprochene Passivität der Erwachsenen hat verschiedene Ursachen. Einerseits sind Mobbingsituationen geprägt von Unübersichtlichkeit; Außenstehende können Mobbing von anderen Konfliktsituationen nur schwer unterscheiden, wenn die Kenntnisse über die Vorgeschichte der Situation fehlen. Oft versuchen Erwachsene aus einem Bedürfnis nach Gerechtigkeit heraus den Geschehnissen selbst auf den Grund zu gehen und ‚beide Seiten’ zu verstehen, was dazu führt, dass die Täter ihre Version der Geschichte erzählen, die eingeschüchterten Opfer jedoch außen vor beleiben. Ein weiterer Grund für das fehlende Eingreifen von Lehrern sind ihre fehlenden Kenntnisse über Mobbing, was zu falschen Einschätzungen führt und mit Hilflosigkeit der Situation gegenüber verbunden ist. Hinzu kommt, dass die aggressiven Handlungen der Täter sich auch gegen Erwachsene richten können und viele Lehrer deshalb auch ein Eingreifen zu fürchten scheinen.

Und letztendlich macht Mobbing nicht nur den Tätern Spaß, sondern auch den Zuschauern. Neben den aggressiven Handlungen, die möglicherweise Angst auslösen, können Situationen entstehen, die Lachen auf Kosten der Opfer zur Folge haben. Diese

‚komischen’ Situationen entstehen allerdings nicht zufällig, wie bei einem Missgeschick, sondern werden von dem Mobbenden vorsätzlich und systematisch immer wieder provoziert. Betroffene versuchen dabei oft ihre Verlegenheit durch Mitlachen zu verbergen. (Vgl. hierzu insgesamt Alsaker, F. D. 2003: 24-30)

2.3.5 Mobbing als soziales Phänomen

Mobbing kann sich vor allem deshalb an Schulen entwickeln, weil hier Menschen regelmäßig in gleicher Konstellation zusammentreffen und die Opfer ihren Peinigern nicht einfach entgehen können. (Vgl. Alsaker, F. D. 2003: 31)

Viele Untersuchungen weisen darauf hin, dass Mobbing unter Schülern am häufigsten in gleichgeschlechtlichen Dyaden verläuft, dass also Mädchen häufiger Opfer von Mädchen werden und Jungen häufiger als Peiniger von Jungen in Erscheinung treten. (Vgl. Scheithauer, H.; Hayer, T.; Petermann, F. 2003: 34f)

Olweus (2006: 29ff) dagegen konnte zwar nachweisen, dass über 80% der Jungen von Geschlechtsgenossen schikaniert wurden, aber auch 60% der Mädchen den Angriffen von Jungen ausgesetzt waren. Zudem wurden 15-20% von Jungen und Mädchen gemobbt.

An zwei Dritteln der Mobbingübergriffe sind neben Täter und Opfer auch noch andere Schüler mit speziellen Funktionen beteiligt. Mobbing geschieht also in Gruppenprozessen, in denen die Beteiligten unterschiedliche Rollen einnehmen: So finden sich neben dem Täter und dem Opfer auch noch Assistenten des Täters, die z.B. das Opfer festhalten; es gibt Verstärker des Täters, die ihn ermutigen und als Zuschauer fungieren, sowie Verteidiger des Opfers, die zu Hilfe kommen oder versuchen es zu trösten; die Außenstehenden halten sich von der Situation fern – sie stellen die größte Gruppe. Einige Schüler lassen sich außerdem keiner eindeutigen Rolle zuordnen. (Vgl. Scheithauer, H.; Hayer, T.; Petermann, F. 2003: 34f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Rollenzugehörigkeiten im Gruppenprozess (n. Scheithauer, H.; Hayer, T.; Petermann, F. 2003: 35)

Das Schema beschreibt eine typische Mobbingsituation in starker Vereinfachung. Obwohl sich in Schulklassen, die über eine längere Zeit eine Gruppe bilden, bestimmte Positionen der Beteiligten etablieren, sind die Beteiligten nicht unbedingt auf ihre Rollen festgelegt. Am Anfang steht immer die Suche nach Sicherheit. Die Mitglieder der Gruppe wägen unbewusst die Situation ab und nehmen anschließend einen bestimmten Platz ein, der in einer veränderten Situation anders sein kann. (Vgl. Zitzmann, C. (2) 2007: 21)

So gibt es auch noch den Typus der Täter-Opfers, das zwischen beiden Positionen wechselt. Opfer können auch als Verstärker oder Außenstehende in Erscheinung treten. (Vgl. Kulis, M. 2005: 97f)

Die typischen Merkmale von Täter, Opfer und Täter-Opfer werden Kap. 2.6 genauer behandelt.

In den Rollen der Täter, Verstärker und Assistenten werden eher Jungen beobachtet, während Mädchen in der Gruppe der Verteidiger und Außenstehenden überwiegen. (Vgl. Scheithauer, H.; Hayer, T.; Petermann, F. 2003: 34f)

Kulis (2005: 96f) betont die Schwierigkeit, in den Untersuchungen indirekte und relationale Aggression nachzuweisen. Das heißt, dass in den Statistiken womöglich Mädchen als Täter, Verstärker oder Assistenten unterrepräsentiert erscheinen.

Vermutlich treten verstärkende Sozialisationswirkungen dadurch auf, dass Täter, Verstärker und Assistenten sowie Opfer und Verteidiger soziale Netzwerke (wie Freundschaften) bilden. (Vgl. Scheithauer, H.; Hayer, T.; Petermann, F. 2003: 34f)

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Betrachtung der Stabilität der einzelnen Rollen im Mobbingprozess über eine längere Zeit. Die Ausbildung von Täterund Opferrollen braucht am meisten Zeit und ist am wenigsten frei wählbar. Täter werden zu einem großen Teil von ihren Persönlichkeitsmerkmalen determiniert, während die Opferrolle von Täter und Mitschülern zugewiesen wird. Die höchste Stabilität besteht in der Wahrnehmung der Schüler für die Opferrolle, was eine Veränderung dieser Position im Klassenkontext fast unmöglich macht. Ein Klassenwechsel als Interventionsmaß- nahme würde jedoch den Eindruck vermitteln, Aggression könne man sich nur durch Rückzug entziehen. Es stellt sich also die Frage, an welcher Stelle sich unter Einbeziehung der Mitschüler eingreifen ließe. Die am wenigsten stabile Gruppe ist die der Verstärker, was darauf hindeutet, dass hier von außen Einfluss genommen werden kann, das Verstärkerverhalten langfristig zu unterbinden. Damit würde der soziale Einfluss der Täter beträchtlich reduziert. Zu beachten ist allerdings, dass Verstärker oft auch in die Rolle von Täter oder Assistent wechseln – was wiederum zu einer Verschärfung der Situation führt. Eine Gruppe, mit der man guten Einfluss auf Mobbingsituationen aus- üben könnte, sind die Außenstehenden. Hier überwiegt die Zahl der Mädchen, die statistisch gesehen ein höheres soziales Engagement an den Tag legen als Jungen. Das Verteidigerverhalten ist bei beiden Geschlechtern stabil, was für geschlechtshomogene Interventionsmaßnahmen spricht. (Vgl. Kulis, M. 2005: 102-108)

2.4 Mobbing per interaktive Kommunikationsmedien

An dieser Stelle folgt komprimiert ein Überblick über die Erscheinungsform ‚Mobbing per interaktive Kommunikationstechnologien’. Wichtig ist eine Abgrenzung deshalb, weil die Thematik besondere Aspekte aufweist, welche sich wesentlich vom konventionellen Mobbing unterscheiden.

Eine Einführung in die Bedeutung von Medien im Jugendalter bringt die (mediale) Lebenswelt der Schüler näher. Die wichtigsten Technologien, mit deren Hilfe Mobbing erfolgen kann, werden dann vorgestellt; es folgen Beschreibungen zu den Erscheinungsformen und speziellen Merkmalen. Welche Gründe die Täter haben, diese Form des Mobbings zu nutzen und welche Auswirkungen das auf die Opfer hat, wird anschlie- ßend behandelt. Am Ende steht eine Definition von Mobbing über interaktive Kommunikationstechnologien.

2.4.1 Die Bedeutung der Medien im Jugendalter

Das Medienhandeln Jugendlicher ist geprägt von Medienkonvergenz im Angebot und der Nutzung von interaktiven Kommunikationstechnologien. (Vgl. Wagner/ Theunert (Hg.) 2006: 15-19)

Aufgewachsen mit Computer, Internet und Handy, nehmen die Medien in der Lebenswelt Jugendlicher einen wichtigen Stellenwert ein. Sie sind ein selbstverständlicher Bestandteil der (Medien-) Sozialisation geworden: Einerseits verschaffen Handy und Internet Jugendlichen Zugang zu anderen Sozialisatoren, andererseits nutzen Mädchen und Jungen die Medien zur Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben. Identitätsbildung ist dabei das übergeordnete Sozialisationsziel. (Vgl. Süss 2004: 65)

Interaktive Kommunikationsmedien bieten Jugendlichen also nicht nur die Möglichkeit Kontakt zu Freunden zu halten und sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, sie sind auch ein wichtiger Teil der Identitätsenwicklung. Einem jugendlichen Mobbing-Opfer mitzuteilen, es solle zu seinem eigenen Schutz diese Medien nicht mehr benutzen, würde eine Abtrennung von seinem sozialen Leben bedeuten und wahrscheinlich als Strafe verstanden werden. (Vgl. DCSF 2007: 10)

Neben dem großen Nutzen, den die Medienkonvergenz mit sich bringt, ist auch die Möglichkeit des Missbrauchs entsprechend groß. Handyund Internettechnologien ermöglichen eine neue Dimension von aggressiven Übergriffen, die durch besondere Kennzeichen geprägt ist. Es handelt sich dabei weniger um eine neue Form von Mobbing, als vielmehr um eine Methode, welche die Neuen Medien instrumentalisiert, und, bis auf physische Aggressionen, alle beschriebenen Erscheinungsformen einschlie- ßen kann.

Mobbing über Neue Medien kann innerhalb eines bestehenden Mobbingprozesses als zusätzliche Möglichkeit eingesetzt werden, um das Opfer zu schikanieren. Oft spielen sich die aggressiven Handlungen aber auch nur im medialen Raum ab oder beginnen dort und werden in der Realität fortgesetzt. (Vgl. ebd.: 6)

2.4.2 Die wichtigsten Medien

Jede Technologie bietet Möglichkeiten des Missbrauchs. Die Medien, welche Jugendliche für aggressive Übergriffe nutzen, werden nun genauer erläutert.

Mobiltelefone haben sich zu einer multifunktionalen Kommunikationsplattform entwickelt. Laut JIM-Studie besitzen fast alle Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren ein Handy (vgl. mfps 2007: 10). An vorderster Stelle der beliebtesten Handyfunktionen steht das Telefonieren sowie Erhalten und Schreiben von SMS. Außerdem nutzen die Jugendlichen das Gerät um die Uhrzeit anzuzeigen, Fotos und Filme zu machen und zu versenden, um Handyspiele zu spielen, Musik zu hören, im Internet zu surfen und Fern zu sehen. (Vgl. ebd.: 58f)

Das Handy ist damit das wichtigste Instrument der Jugendlichen, um ihre sozialen Netzwerke zu pflegen. Bei dieser Vielzahl von Funktionen können fast alle Möglichkeiten des Mobbings über Neue Medien mit dem Handy erfolgen. Die Aktivitäten eines Kindes per Mobiltelefon lassen sich für Eltern weitaus schwerer überwachen als z.B. die Computernutzung. Gefahr besteht vor allem durch das kostenlose Versenden oder Erhalten von Daten per Bluetooth (Funk auf kurze Distanz) oder MMS (Multimedia Messaging Service; das Versenden von multimedialen Nachrichten an andere mobile Endgeräte oder an normale E-Mail-Adressen). Sie erleichtern Jugendlichen den Austausch von (jugendgefährdenden) Informationen, die sich, einmal in Umlauf gebracht, so gut wie gar nicht kontrollieren lassen. (Vgl. DCSF 2007: 15f)

Fast alle Haushalte der deutschen Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren haben einen Internetzugang, der von ihnen mitbenutzt wird. Das Internet bietet unterschiedlichste Plattformen, die von der überwiegenden Mehrheit der Jugendlichen pro Wochentag nach eigener Einschätzung durchschnittlich 114 Minuten genutzt werden (vgl. mfps 2007: 37f).

Am meisten nutzen die Jugendlichen Instant Messenger und schreiben E-Mails. Außerdem hören sie Musik, nutzen das Internet zur Informationsbeschaffung oder diskutieren in unterschiedlichen Foren. Sie chatten, schauen sich Filme an und stellen sie ins Internet und nutzen die Möglichkeit der Internet-Telefonie. Interessant ist, dass sich ein Viertel der Jugendlichen aktiv am ‚Web 2.0’ beteiligt und mehrmals pro Woche eigene Inhalte produziert und einstellt; besonders aktiv sind die 14-17 Jahre alten Jugendlichen. Der größte Teil bleibt bei ‚Wikipedia’, ‚Youtube’ oder ‚MySpace’ jedoch passiv. Etwa ein Sechstel der Jugendlichen betreibt eine eigene Homepage, um sich zu präsentieren. (Vgl. ebd.: 40f)

Eine Möglichkeit, in privatem Rahmen Textbotschaften in Echtzeit auszutauschen (also zu ‚chatten’), bieten ‚Instant Messenger’. Um miteinander in Kontakt zu treten, müssen beide Personen das Programm des gleichen Anbieters auf dem Computer installieren. Über die Kontaktliste können die Benutzer sehen, wer gerade online ist, was zur Beliebtheit der Anwendungen wesentlich beiträgt. Gespräche sind nicht für Außenstehende einsehbar (Sicherheitsaspekt), wie das in ‚Chats’ der Fall ist. Populäre Instant Messenger-Programme sind in Deutschland ‚ICQ’ und ‚Windows Live Messenger’. (Vgl. DCSF 2007: 16f/ mfps 2007: 52ff)

Die meisten der Instant Messenger bieten auch ‚Voice Over Internet Protocols’ (VOIP) an, die zusätzlich telefonieren per Mikrofon und Lautsprecher über den Computer ermöglichen. Kostenfrei ist das möglich, wenn beide Parteien den gleichen Anbieter nutzen, kostengünstig können Anrufe auf Festnetz und Mobiltelefon getätigt werden. Der Vorteil ist, dass Anrufe weltweit für den gleichen Preis möglich sind. Instant Messenger sind unter Jugendlichen beliebt, da sie sich so mit ihren Freunden schnell und effektiv austauschen können. Für einige Jugendliche ist es wichtig, viele virtuelle Freunde zu haben, obwohl sie sich nur mit wenigen wirklich austauschen – bei einigen Anbietern können in der Kontaktliste bis zu 600 Personen gespeichert werden.

Unter Einsatz einer Webcam können über Instant Messenger auch Videokonferenzen getätigt werden. Sie eigenen sich auch zum Aufzeichnen von Videos oder fotografieren. Hier besteht die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche unangemessene Aufzeichnungen von sich übermitteln. Die Überwachung von Instant Messengern und Videokonferenzen ist für Eltern schwierig. Immerhin kann bei den meisten Instant Messenger-Anbietern das Protokollieren der Tätigkeiten aktiviert werden. (Vgl. DCSF 2007: 16ff)

In ‚Chatrooms’ können sich Menschen aus aller Welt in Echtzeit per Textnachrichten austauschen. Etwa die Hälfte der Jugendlichen weist Kenntnisse dazu auf, 30% nutzen diese Möglichkeit des Austauschs intensiv (vgl. mfps 2007: 49).

In ‚Chats’ tauschen sich die Teilnehmer in Interessensgruppen entweder in öffentlichem Rahmen oder auch über private Kommunikationsfenster aus. So ist es möglich, Menschen aus aller Welt mit gleichen Interessen kennen zu lernen. Wie auch bei anderen Anwendungen hat jeder Nutzer einen ‚Nickname’ und kann jede beliebige Identität annehmen, obwohl einige Anbieter ausführliche Personendaten bei der Registrierung verlangen. Überprüft werden sie jedoch nicht, was die Anwendungen für Kinder und Jugendliche sehr attraktiv macht. Für viele Menschen ist es eine Möglichkeit, in einem geschützten Raum Themen anzusprechen, die sie aus Schüchternheit in der Realität nicht kommunizieren können. In der Regel haben Chats eine ‚Netiquette’ (Kunstwort aus engl. ‚net’ und ‚etiquette’, deutsche Schreibweise auch oft ‚Nettiquette’), in der kommunikative Standards mit möglichen Sanktionierungen aufgelistet sind. Öffentliche Chats werden oft, aber nicht immer, moderiert. Trotzdem ist die Gefahr des Missbrauchs groß, da vieles auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist. (Vgl. DCSF 2007: 17f)

38% der Jugendlichen berichten von unangenehmen Begegnungen im Chat, der größte Teil der Betroffenen war weiblich. Die Hälfte der Jugendlichen wurde im Chat schon nach persönlichen Daten (Name, Telefonnummer) gefragt, 39% der Nutzer verweigerte die Ausgabe der Daten. 33% stellten schon telefonischen Kontakt zu Chat- Bekanntschaften her und 28% der Nutzer berichteten von einem Treffen. (vgl. mfps 2007: 49-52)

E-Mails sind für die meisten Menschen ein selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens geworden. Es gibt kommerzielle Anbieter und kostenfreie, die sich über Werbung finanzieren. Auch hier ist es einfach, sich unter falschem Namen ein Nutzerkonto

anzulegen, da die Angaben nicht ausreichend überprüft werden. Per E-Mail können Videoclips, Bilder oder Texte versendet und persönliche E-Mails unangemessenerweise weitergeleitet werden. Auch das Versenden von Computerviren ist möglich.

In ‚Sozialen Netzwerken’ können Jugendliche eigene Homepages bzw. Profile anlegen und z.B. an öffentlichen Diskussionsgruppen teilhaben oder in ‚blogs’ Tagebuch führen. Wiederum hat jeder Nutzer eine Kontaktliste und kann sehen, wann seine Freunde online sind. (Vgl. DCSF 2007: 18f)

In der JIM-Studie rangieren Soziale Netzwerke in der Popularität der Jugendlichen realtiv weit hinten (s.o.: ‚Web 2.0’). Grund dafür war unter anderem, dass internationale Netzwerke wie ‚MySpace’ lange Zeit nur in englischer Sprache angeboten wurden (vgl. Sulake Corporation Oy 2008). Inzwischen gibt es jedoch eine größere Auswahl in deutscher Sprache, wie z.B. ‚schülerVZ’, auf das nun näher eingegangen wird. Als Ableger von ‚studiVZ’, das im Rahmen einer Studienarbeit entwickelt wurde, auf Anhieb durchschlagenden Erfolg hatte und nun zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört, nehmen die Gestalter der Plattform ihre Rolle im Jugendschutz sehr ernst und arbeiten mit Jugendschutzorganisationen und der FSM (Freiwillige Selbstkontrolle der Multimedia-Diensteanbieter) zusammen. Es wirbt mit dem Anspruch auf Authentizität, da hier die Nutzer nicht mit ihrem ‚Nickname’, sondern unter ihrem richtigen Namen präsent sind – damit bildet es eine Verknüpfung zum Alltag der Jugendlichen. Diese können in ‚schülerVZ’ sehr differenziert über die Sichtbarkeit und Freigabe von Daten an Außenstehende und ‚Freunde’ bestimmen. In die Gestaltung ihres Verhaltenskodex wurden die jugendlichen Nutzer mit einbezogen. ‚SchülerVZ’ bietet umfassende Informationen für Schüler, Eltern und Lehrer, auch über das Verhalten in Krisenfällen wie Mobbing. Das Unternehmen beschäftigt außerdem mehrere Sozialpädagogen und einen Jugendschutzbeauftragten. (Vgl. studiVZ Ltd./ studiVZ Ltd. 2008/ schülerVZ)

Im Prinzip nutzen Jugendliche den virtuellen Raum zu den gleichen Zwecken wie die reale Welt: Zur Selbstdarstellung, um Selbstwert zu erfahren, ihre Identität zu entwickeln, zum Meinungsaustausch und zur Pflege von Kontakten. Viele Jugendliche investieren entsprechend Zeit in die Gestaltung und Aktualisierung ihrer Profile, oft werden dort private Informationen veröffentlicht. Zudem können z.B. ‚MySpace’- Profile über Suchmaschinen wie Google gefunden werden (Profile in ‚schülerVZ’ sind nur für Mitglieder einzusehen). Die Möglichkeiten des Missbrauchs sind entsprechend groß. (Vgl. DCSF 2007: 19)

Videoclips können auf Videoportale wie ‚YouTube’ geladen werden, um sie anderen zu zeigen. Auch hier gibt es die Möglichkeit, die Daten entweder einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen oder nur wenigen den Zugriff zu erlauben. Die Videofilme werden von den Nutzern bewertet und kommentiert. Das Filmmaterial kann auch in andere Websites eingebettet werden. Der Zugriff auf die Filme ist sehr einfach und das Angebot ist groß. Minderjährige können also auch leicht an jugendgefährdende Inhalte gelangen. Wiederum besteht die Gefahr, dass sie durch das Veröffentlichen ihrer privaten Filme blamiert oder zum Ziel aggressiver Übergriffe werden. Außerdem können Täter gefilmte Mobbingepisoden leicht öffentlich machen, um das Opfer bloß- zustellen. (Vgl. DCSF 2007: 20)

Fast alle Haushalte der deutschen Jugendlichen besitzen inzwischen einen Computer. Er ist bei ihnen fest in den Alltag integriert, und zwar vorwiegend um für die Schule zu arbeiten. Schulcomputer nutzen nur 16% der deutschen Schüler. (Vgl. mfps 2007: 31-34).

Virtuelle Lernplattformen (‚VLU’, Virtual Learning Environments’) werden in Deutschland primär an Universitäten eingesetzt, sind jedoch auch für den schulischen Einsatz konzipiert und werden in Großbritannien dort auch genutzt. Es sind komplexe Anwendungen, über die Lerninhalte bereitgestellt werden und Lernvorgänge organisiert werden können. Möglich sind unter anderem Einzelund Gruppenarbeit, ausführliche Begleitung der Lernenden durch die Lehrenden, Prüfungen, Evaluation und komplette Kurse. International beliebt ist das Programm ‚Moodle’ (www.moodle.de). Die Schüler erhalten einen passwortgeschützen Zugang über die Schule, mit dem sie unter Umständen auch von zu Hause über das Internet Zugriff erhalten. Auch hier ist es wichtig, eindeutige Verhaltensregeln festzulegen und ihre Einhaltung zu überwachen. Obwohl die Aktionen jedes Nutzers nachvollzogen werden können, ist Missbrauch wie das Löschen von Schularbeiten anderer nicht auszuschließen. Virtuelle Lernumgebungen enthalten unter anderem auch Anwendungen wie Pinwände, Chats und Instant Messenger, auf deren Gefahren schon eingegangen wurde.

Auf Platz zwei der jugendlichen Offline-Computeranwendungen fällt das Spielen von Computerspielen (vgl. mfps 2007: 33f). Computerspiele können zusammen mit anderen Nutzern offline per Netzwerk gespielt werden oder auch online über Spielseiten, vernetzt mit Spielern aus aller Welt. Zu den Konsolenspielen zählen die tragbaren ‚Handhelds’. Mit ihnen können sich mehrere Spieler vernetzen, zusammen

spielen oder Nachrichten senden. Virtuelle Welten sind Online-Spiele, in denen die Nutzer sich mit selbst gestalteten Avataren (Spielfiguren) in zweioder dreidimensionalen Welten bewegen, die sie zusammen mit anderen Spielern erkunden und formen können. (Vgl. DCSF 2007: 20f)

Die im Moment sehr stark in den Medien vertretene interaktive virtuelle Welt

‚Second life’ ist unter deutschen Jugendlichen jedoch weitestgehend unbekannt. (Vgl. mfps 2007: 40f)

Über Computerspiele können viele positive Eigenschaften wie z.B. Teamwork oder Problemlösefähigkeiten gefördert werden. (Vgl. DCSF 2007: 21)

Das digitale Lernspiel (engl. ‚Serious Games’) ‚FearNot!’ beispielsweise wírd gerade über das von der Europäischen Union geförderte Projekt ‚eCircus’ (‚Education Through Characters With Emotional-Intelligence And Roleplaying Capabilities That Understand Social Interaction’) entwickelt. In dem virtuellen Rollenspiel soll soziales Lernen gefördert werden: In einem Klassenzimmer werden Mobbingsituationen gezeigt; die Nutzer können sich nun in verschiedene Rollen begeben und den Spielverlauf beeinflussen. (Vgl. eCIRCUS 2007)

Besonders Online-Spiele, die auf das Erreichen von verschiedenen Ebenen angelegt sind, können Jugendliche leicht dazu verführt werden, ganz in die virtuelle Welt abzutauchen. Was dabei im Spiel mit ihnen geschieht, ist für Eltern kaum überschaubar. Mobbing ist auch hier möglich, indem Spieler beleidigt werden oder zum Beispiel ihr Avatar absichtlich getötet wird. (Vgl. DCSF 2007: 21)

2.4.3 Erscheinungsformen

Mobbing über Internetund Handytechnologien kann unterschiedliche Formen annehmen:

Bedrohung und Einschüchterung kann per Mobiltelefon, E-Mail oder Kommentaren in Gästebüchern und Pinwänden von Websites oder virtuellen Netzwerken erfolgen. Ziel der Attacken kann unter anderem sein, eine Reaktion zu provozieren, was auch als

‚flaming’ bezeichnet wird (von engl. ‚ in a flaming temper’, also ‚kochend vor Wut’).

Als Belästigung gilt längere Zeit andauerndes und wiederholtes Hinterlassen von Nachrichten bzw. Botschaften im Internet, das ständige Versenden von unerwünschten Nachrichten bzw.

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Details

Seiten
112
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640133390
ISBN (Buch)
9783640135042
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113458
Institution / Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,2
Schlagworte
Wenn Schüler mobben. Aspekte Neuer Medien und Herausforderungen an die Schulsozialarbeit Wenn Schüler mobben Aspekte Neue Medien Schulsozialarbeit Mobbing Sozialarbeit

Autor

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Titel: Wenn Schüler mobben. Aspekte Neuer Medien und Herausforderungen an die Schulsozialarbeit