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Wie werden aus ganz normalen Menschen Massenmörder?

Welche Rolle spielen dabei gesamtgesellschaftliche Deutungsmuster, die soziale Situation der Täter und deren individuelle psychische Disposition?

Studienarbeit 2008 11 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Definitionen

2. Erklärungsansätze
2.1 Gesamtgesellschaftliche Deutungsmuster
2.1.1 in der heutigen Zeit
2.1.1.1 Akzeptanz und Verständnis von Gewalt
2.1.1.2 Gesellschaftliche Integrationsmöglichkeiten für den Einzelnen
2.1.1.3 Auswirkungen kultureller und religiöser Traditionen
2.1.2 zur Zeit des Nationalsozialismus
2.1.2.1 Klare Befehlsstruktur bewirkt Wertewandel
2.1.2.2 Mechanisierungen der Taten als psychologischer Schutz
2.2 Soziale Situation der Täter
2.2.1 Persönliche Faktoren
2.2.2 Umweltbedingte Auslöser
2.3 Individuelle psychische Disposition
2.4 Sonstige Einflussfaktoren
2.4.1 Physische Erkrankungen
2.4.2 Intoxikationen

3. Aktuelle Tendenzen

4. Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abstract

Ursprünglich war vorgesehen, dass sich diese Studienarbeit ausschließlich auf die Zeit des Nationalsozialismus bezieht. Dies ergab sich aus der Gestaltung der Lehrveranstaltung und der einschlägigen Literatur von Harald Welzer.

Während der Vorbereitung dazu wurde mir die Aktualität des Phänomens „Massenmord“ bewusst. Es ist erstaunlich, wie häufig man bei bewusster Betrachtung der Medien mit entsprechenden Gewalttaten konfrontiert wird. Dies sind beispielsweise gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Gruppen auf anderen Kontinenten oder Amoktaten im eigenen Land. Auffällig ist, dass man dabei schnell dazu neigt, die von den Medien propagierten Gründe unreflektiert übernimmt.

Allerdings lassen sich bei genauerer Betrachtung eine Vielzahl weiterer auslösender Faktoren finden. Bei deren Bewertung sind die in der Zeit des Nationalsozialismus relevanten Auslöser auf die heutige Zeit durchaus in Teilen übertragbar. Die Grausamkeit der damaligen Taten soll durch die Auseinandersetzung mit den aktuellen Geschehnissen nicht abgeschwächt werden. Es ist aus meiner Sicht gerade deshalb wichtig, sich mit den Auslösern zu befassen, um weiteren Taten vorzubeugen.

In den nachfolgenden Ausführungen befasse ich mich zunächst mit den gesamtgesellschaftlichen Deutungsmustern und im Anschluss daran mit der sozialen Situation der Täter. Daneben gehe ich kurz auf die individuelle psychische Disposition der Täter, sowie sonstige Einflussfaktoren ein. Bevor ich mit einer Zusammenfassung ende, stelle ich noch die aktuellen Tendenzen dar.

1. Definitionen

Zum leichteren Verständnis wird im Folgenden eine Reihe von zentralen Begriffen definiert.

Dies soll auch dazu dienen, eine gemeinsame Basis für die folgenden Seiten zu schaffen.

Begrifflichkeiten, die auch zur Zeit des Nationalsozialismus verwand wurden, werden durch aktuelle Definitionen ergänzt.

Die Enzyklopädie Wikipedia (2008) fasst für den Begriff Massenmord Folgendes zusammen: „Unter Massenmord versteht man den Mord an einer großen Anzahl von Menschen durch einen Staat, eine Gruppe oder eine Einzelperson. Der Massenmord ist zu unterscheiden vom Serienmord, bei dem eine Mehrzahl von einzelnen Personen, oftmals mit ähnlichen Eigenschaften, in Zeitabständen ermordet werden. Im Gegensatz zum Völkermord erfolgt beim Massenmord die Auswahl der Opfer nicht in erster Linie nach einer ethnischen Gruppe oder einer Volkszugehörigkeit; ….“ Das amerikanische „Bureau of Justice Statistics“ definiert laut Wikipedia einen Massenmord als den Mord an mindestens vier Personen am selben Ort zur selben Zeit.

Für die Definition des Täters findet man im Meyers Online Lexikon:

„Täter , Strafrecht: derjenige, der die Tat selbst (eigenhändige, unmittelbare Täterschaft) oder durch einen anderen (mittelbare Täterschaft) oder mit einem anderen gemeinschaftlich (Mittäterschaft) begeht (§ 25 StGB)….“

Für den Begriff der Gewalt ist dort Folgendes zu finden:

„Gewalt, die Anwendung von physischem oder psychischem Zwang gegenüber Menschen. […] Die Psychologie befasst sich mit Gewalt im Sinne individuellen Angriffsverhaltens unter dem Begriff Aggression. Dabei ist die Aggression eine Angriffshaltung gegenüber Tieren, Menschen oder Gegenständen oder Einrichtungen mit dem Ziel, sie zu beherrschen, zu schädigen oder zu vernichten; […]“

Schließlich noch die Definition des Begriffes Amok durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO):

"Willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblichen (fremd-) zerstörerischen Verhaltens".

2. Erklärungsansätze

Im Folgenden wird anhand unterschiedlicher Aspekte und Sichtweisen eine Erklärung dafür gegeben, wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden können.

Dabei muss erwähnt werden, dass diese Arbeit keine vollständige Aufzählung aller wichtigen Ursachen enthält, sondern ausgewählte Aspekte darstellt, die für das Töten als Erklärung dienen können. Unterschiedliche Ursachen machen eine Trennung zwischen der Gegenwart und der Zeit des Nationalsozialismus sinnvoll.

2.1 Gesamtgesellschaftliche Deutungsmuster

2.1.1 Gesamtgesellschaftliche Deutungsmustern der heutigen Zeit

2.1.1.1 Akzeptanz und Verständnis von Gewalt

Das Verständnis einer Gesellschaft von Gewalt und damit auch die Akzeptanz bzw. die möglichen negativen Sanktionen haben einen starken Einfluss auf das Verhalten der Gesellschaftsmitglieder. Ist der Besitz von Waffen in Deutschland in der Regel bestimmten Gruppen (Schützen, Jäger, usw.) vorbehalten, so ist es in Amerika fast normal, eine eigene Waffe zu besitzen. Die Lebensverhältnisse sind in Amerika, im Vergleich zu Deutschland, geprägt von einer höheren Kriminalität und brutaleren Gewalttaten. Die Verfügbarkeit und der weit verbreitete Besitz von Waffen senkt mit Sicherheit die Hemmschwelle, diese tatsächlich zu benutzen. Neben dem Besitz von Schusswaffen ist ein weiterer Umstand zu berücksichtigen. Dies ist innerfamiliäre Gewalt. Ob diese aufgedeckt oder verschwiegen wird, hängt von der Zivilcourage Außenstehender (z.B. Nachbarn) ab. Leider ist Letzteres häufig der Fall. Oft wird dabei vergessen, dass auch psychische Übergriffe und verbale Attacken eine Form von Gewalt sind.

2.1.1.2 Gesellschaftliche Integrationsmöglichkeiten für den Einzelnen

Eng damit verbunden sind die gesellschaftlichen Integrationsmöglichkeiten für den Einzelnen. Kulturen mit stark ausgeprägtem Gemeinschaftssinn sorgen mit der Integration zugleich für eine soziale Kontrolle. Weniger integrierte Personen fallen (in) der Masse weit weniger auf. Der vermeindlich „unscheinbare Nachbar von nebenan“ könnte bereits erste Zeichen einer negativen Veränderung der Persönlichkeit aufweisen. Dies kann aber beispielsweise durch die Anonymität und die Individualisierung einer Großstadt, lange verborgen bleiben. Ausschlaggebend ist dafür allerdings nicht nur die Integrationsbereitschaft der Gesellschaft, sondern auch die des Individuums. Eine Abgrenzung erfolgt dadurch, dass der Einzelne „mit dem Strom schwimmt“, ohne sich wirklich einbinden zu lassen. Die sozialen Kontakte sind auf Oberflächlichkeiten beschränkt und erlauben keinen Einblick in die Gedankenwelt der Person.

2.1.1.3 Auswirkungen kultureller und religiöser Traditionen

Der nächste Aspekt betrifft vor allem Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund.

Kulturelle und religiöse Traditionen und eine entsprechende Erziehung können stark von unseren Wertvorstellungen abweichen. Vor allem in abendländischen Kulturen wird die Religion auch heute noch teilweise zur Legitimation von Selbstmordattentaten oder Ehrenmorden verwendet. Kränkungen, Beleidigungen oder von den religiösen Vorstellungen abweichendes Verhalten von Familienmitgliedern können zum Auslöser plötzlicher Gewaltausbrüche werden. Vorher „normale Menschen“ löschen so häufig ganze Familien aus und werden dafür, zu unserem völligen Unverständnis, als „Ehrenretter“ gefeiert.

Das Leben einzelner Menschen tritt hinter die religiösen Wertvorstellungen. Dies führt dazu, dass bestehende Konflikte häufig durch Gewalt gelöst werden. Dadurch entstehen die bekannten Blutsfehden zwischen einzelnen Familien.

2.1.2 Gesamtgesellschaftliche Deutungsmustern zur Zeit des Nationalsozialismus

2.1.2.1 Klare Befehlsstruktur bewirkt Wertewandel

Ganz andere Auslöser und Gegebenheiten bestimmten die Zeit des Nationalsozialismus.

Eine klare Befehlsstruktur veränderte das Werteverständnis der „Täter“ und ermöglichte unter anderem die unzähligen Morde.

Dazu ein Zitat des Autors Harald Welzer:

„Das ist aus meiner Sicht darauf zurück zu führen, dass die Täter vor Ort innerhalb eines Referenzrahmens gehandelt haben, der keinen Zweifel an der Notwendigkeit und Richtigkeit der Handlungen aufkommen ließ; in dieser Hinsicht war das wechselseitig normativ abgestimmte Gefüge, dass die Männer praktisch bildeten hermetisch und durch keinerlei Kritik von außen in Frage gestellt. …“ (vgl. Welzer, 2005, S. 216)

Ehemals bestehende Werte verloren ihre Geltung. Die von außen vorgegebenen Werte dominierten in der Gruppe. Welzer beschreibt dies als: „Kultur der emotionalen Übereinstimmung“.

(vgl. Welzer, 2005, S. 267)

Zwar hätte es grundsätzlich die Möglichkeit gegeben, sich den Befehlen zu widersetzen, doch stand dem die Gruppendynamik entgegen. Das dafür notwendige Maß an psychischer Autonomie war bei den Betroffenen nicht mehr gegeben. Die Vorgesetzten übernahmen Verantwortung und erreichten durch klare Befehle, dass ein kritisches Nachdenken vermieden wurde. Zudem existierte aus Sicht der Täter aus der Gesellschaft heraus eine Verpflichtung, die „nicht-lebenswerten“ Menschen zu töten. (vgl. Welzer, 2005, S. 247)

2.1.2.2 Mechanisierung der Taten als psychologischer Schutz

Welzer beschreibt die Ausführungen der Massenmorde als eine „Mechanisierung der Taten“. Aus Vernehmungsprotokollen zieht Welzer den Schluss: „Dass die Tötungsarbeit zwar als Zumutung, aber doch als unvermeidbar wahrgenommen wurde, ebenso wie das Akkordhafte, Mechanische, aber auch das Perfektionistische der Arbeit, schließlich die Arbeitsteiligkeit des Tötens selbst.“ (vgl. Welzer, 2005, S. 260)

Anfangs bestand zumindest vereinzelt Kindern gegenüber noch eine gewisse Hemmschwelle. Innerhalb weniger Monate wurden die Tötungen Normalität und reines Handwerk und auch diese Hemmung fiel.

Es fand eine Entwicklung des Tötungsprozesses statt, die es den Mördern ermöglichte, eine emotionale Distanz zu den Opfern zu wahren. Die Hinrichtungen erfolgten oft ohne Pausen, so dass für die Täter keine Zeit zum Nachdenken blieb.

Auch Jahre danach, dies belegen Vernehmungen der Täter, empfinden diese weder Schuldgefühle noch Reue. (vgl. Welzer, 2005, S. 218-219)

2.2 Soziale Situation der Täter

Neben den beschriebenen gesamtgesellschaftlichen Deutungsmustern hat auch die soziale Situation des Menschen einen Einfluss darauf, ob er zum Täter wird oder nicht.

Unterschieden werden kann hierbei zwischen den persönlichen/ interpersonalen und den umweltbedingten Faktoren.

2.2.1 Persönliche Faktoren

Zu den persönlichen Faktoren gehören demographische, sowie Persönlichkeitsmerkmale einer Person. Füllgrabe (1983) verweist darauf, das sich das Verhalten nach dem Alter, dem Geschlecht und dem Status der Person richtet. (vgl. Füllgrabe, 1983, S. 34)

Hinzufügen möchte ich noch persönliche Ressourcen, sowie Gewalterfahrungen. Schwierige finanzielle Verhältnisse können sowohl den persönlichen, als auch den Umweltfaktoren zugeordnet werden.

Anhand des Phänomens der Amoktaten werden einzelne der oben genannten Faktoren nachfolgend näher dargestellt. Beim Alter von Amoktätern lässt sich eine auffällige Verteilung auf die Altersgruppe der 14-20-jährigen und der 30-40-jährigen feststellen. (vgl. Adler, 2000 in LKA-NRW (3/2007), S. 4) Bei Amoktaten in Schulen geht man davon aus, dass 95% der Täter männlich sind. (vgl. Robertz, 2004 in LKA-NRW (3/2007), S. 4)

Diese Quote deckt sich mit den Zahlen, die man bei anderen Gewalttaten findet. Auch dort sind die männlichen Täter stark dominierend.

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Details

Seiten
11
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640141982
ISBN (Buch)
9783640144006
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113392
Institution / Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1
Schlagworte
Menschen Massenmörder Armut Bildung“

Autor

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Titel: Wie werden aus ganz normalen Menschen Massenmörder?