Lade Inhalt...

Die autopoietische Genese psychischer Systeme - Eine systemtheoretische Betrachtung

Diplomarbeit 2008 69 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 BEGRIFFLICHKEITEN DER SYSTEMTHEORIE
2.1 Der Begriff der Autopoiesis
2.1.1 Autopoiesis nach Maturana und Varela
2.1.2 Autopoiesis nach Luhmann
2.2 Psychische Systeme
2.3 Emergenz
2.4 Strukturelle Kopplung / Interpenetration
2.5 Komplexität
2.5.1 Kontingenz
2.5.2 Doppelte Kontingenz
2.6 Sinn
2.7 Kommunikation und Wahrnehmung
2.8 Zeit, Struktur und Prozess
2.9 Beobachtung und „Blinder Fleck“
2.10 Realität durch Selbstund Fremdreferenz

3 AUTOPOIETISCHE GENESE PSYCHISCHER SYSTEME
3.1 Autopoietisches Bewusstseinssystem versus Subjektbegriff
3.2 Konsequenzen der Geschlossenheit psychischer Systeme
3.2.1 Beobachtung und Teilnahme an Kommunikation
3.2.1.1 Operation der Beobachtung
3.2.1.1.1 Alter Ego
3.2.1.1.2 Paradoxie der Selbstreferenz
3.2.1.2 Teilnahme an Kommunikation als Kontakt
3.3 Erzeugung und Reproduktion von Gedankenereignissen
3.4 Entstehung und Formung des Bewusstseins
3.4.1 Bi-Stabilität und „crossing“
3.4.2 Bedingte Fremdreferenz und Resonanz
3.4.3 Trivialmaschine versus Nicht-Trivialmaschine
3.4.3.1 Selbstintendierung, Ich, Identität
3.5 Kommunikation, Sprache und Bewusstsein
3.6 Erwartungen des Bewusstseins
3.7 Individuum: Differenz von Bewusstsein und Leben
3.7.1 Das Bewusstsein des „Beobachtetwerdens“
3.8 Autopoietische Genese

4 SOZIALISATION UND ERZIEHUNG DES BEWUSSTSEINS
4.1 Sozialisation nach Luhmann
4.2 Selbstsozialisation
4.2.1 Voraussetzungen für die Erfassung von Erwartungen
4.2.2 Abweichung und Konformität
4.3 Individualität durch Abweichung sozialer Normen
4.4 Erziehung

5 FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Strukturelle Kopplung operativ-geschlossener Systeme

Abbildung 2: Louis Kaufmans gekrümmter Pfeil

Abbildung 3: Trivialmaschine

Abbildung 4: Nicht-Trivialmaschine

Abbildung 5: Selbsterfahrung durch Selbstintendierung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Der Verfasser dieser Diplomarbeit interessiert sich bereits seit vielen Jahren für die Arbeiten Niklas Luhmanns zu einer allgemeinen Systemtheorie. Durch das Studium an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln eröffneten sich zahlreiche Möglichkeiten, das bislang erworbene Wissen durch entsprechende Lehrveranstaltungen zu erweitern und auf andere Studieninhalte zu reflektieren. Der systemtheoretischen Konzeption von Bewusstsein kam hier ein besonderes Interesse zu. Bedingt durch die gewählte Fächerkombination Psychologie / Psychiatrie und allgemeiner Heilpädagogik, in denen theoretische Ansätze dieser Art bislang wenig adaptiert wurden, eröffnete die Systemtheorie alternative Sichten auf komplexe Sachverhalte und traditionelle Theoriemodelle. Als Literaturarbeit konzeptioniert, soll diese Diplomarbeit die Ausführungen Luhmanns zu dem systemtheoretischen Sonderfall des psychischen Systems zusammenhängend verdeutlichen.

1 Einleitung

Vor dem Hintergrund einer allgemeingültigen Theorie autopoietischer Systeme befasst sich die vorliegende Arbeit mit den Ausführungen Niklas Luhmanns über die Autopoiesis des Bewusstseins und deren Besonderheit in der Systemtheorie. So können psychische Systeme fortan als operationell-geschlossene, selbstreferentiell-sinnhaft operierende Systeme, getrennt von einem in der Umwelt befindlichen Gehirn definiert werden. Luhmanns systemtheoretische Sichtweise bietet, wie im Verlauf dieser Arbeit ersichtlich werden wird, präzise Funktionsmodelle des Bewusstseins an, ohne auf nicht näher erklärbare ontologische Begrifflichkeiten zurückgreifen zu müssen.

Da eine detaillierte Ausarbeitung der elementaren Definitionen den Rahmen dieser Diplomarbeit übersteigen würde, geht der Verfasser davon aus, dass sich der Leser bereits mit den Grundzügen der Systemtheorie nach Luhmann befasst hat. Nach einer Einführung ausgewählter Grundbegriffe, wird eingehend auf das Kernthema der autopoietischen Genese psychischer Systeme eingegangen, um daraufhin die Möglichkeiten der Individualisierung durch abweichendes Verhalten, sowie Sozialisation und Erziehung eines geschlossenen Bewusstseinssystems zu betrachten.

2 Begrifflichkeiten der Systemtheorie

2.1 Der Begriff der Autopoiesis

Das Kunstwort „Autopoiesis“, (auch „autopoietisch“ oder „Autopoiesie“),

(altgriech. aúwóç, „selbst“, und woıcm, „schaffen“), bedeutet soviel wie

„Selbsterzeugung“ oder „Selbstherstellung“. Geprägt wurde dieser Begriff in den sechziger und siebziger Jahren, von dem chilenischen Biologen und Neurophysiologen Humberto Maturana.

2.1.1 Autopoiesis nach Maturana und Varela

Zusammen mit seinem Kollegen Francisco Varela nutzt Humberto Maturana den Begriff der Autopoiesis zur Beschreibung der Organisation von Leben. Beide definieren fortan ein Organisationsprinzip, dass frei von teleologischen Überlegungen und Annahmen für alle Lebewesen gelten und eindeutig auf chemische und physikalische Prozesse zurückgeführt werden kann. Maturana und Varela beschreiben ihre Überlegungen wie folgt:

“Eine autopoietische Maschine ist eine Maschine, die als ein Netzwerk von Prozessen der Produktion (Transformation und Destruktion) von Bestandteilen organisiert (als Einheit definiert) ist, das die Bestandteile erzeugt, welche

1. aufgrund ihrer Interaktionen und Transformationen kontinuierlich eben dieses Netzwerk an Prozessen (Relationen), das sie erzeugte, neu generieren und verwirklichen, und die 2. dieses Netzwerk (die Maschine) als eine konkrete Einheit in dem Raum, in dem diese Bestandteile existieren, konstruieren, indem sie den topologischen Bereich seiner Verwirklichung als Netzwerk bestimmen.”1

Wenngleich diese Definition im Wortlaut der Kybernetik verfasst wurde, sind autopoietische Systeme bei Maturana und Varela lebende Sys-

teme, die sich selbst durch einen interaktiven, zirkulären Prozess, durch ihre eigene fortlaufende Operation, produzieren und erhalten. In diesem Prozess der Selbsterzeugung konstituiert sich gleichermaßen die Differenz von System und Umwelt. Maturana und Varela haben dieses Konzept anhand einer Zelle verdeutlicht, die sich durch die Zellmembrane von ihrer Umwelt abgrenzt und ständig die Bestandteile ihrer Existenz selbst hervorbringt. Entsprechend definieren Maturana und Varela die autopoietische Organisation allgemein:

“…durch ein Netzwerk der Produktion von Bestandteilen, die 1. rekursiv an dem selben Netzwerk der Produktion von Bestandteilen mitwirken, das auch diese Bestandteile produziert, und die 2. das Netzwerk der Produktion als eine Einheit in dem Raum verwirklichen, in dem die Bestandteile sich finden.“2

Die beiden Autoren möchten betont wissen, dass autopoietische Systeme geschlossene Systeme sind. Vielzellige Organismen bezeichnet Maturana als autopoietische Systeme zweiter Ordnung. Obwohl operationell geschlossen, sind autopoietische Systeme nicht als autarke Einheit von ihrer Umwelt anzusehen, sondern gehen Bindungen ein, die als strukturelle Kopplung bezeichnet werden. Zu dieser Begrifflichkeit und deren Auswirkungen auf die Systemtheorie, wird an späterer Stelle

noch gezielt eingegangen.3

Im Gegensatz zu vielen Adaptionen des Begriffs der Autopoiesis, insistierte Humberto Maturana stets darauf, diesen Begriff ausschließlich für die Betrachtung von Leben in einer Zelle oder mehrzelligen Organismen zu nutzen. Dennoch greift der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann diesen Begriff auf und macht ihn, wenngleich erheblich erweitert, zum zentralen Begriff seines systemtheoretischen Theoriegebäudes.

2.1.2 Autopoiesis nach Luhmann

In seinem Aufsatz zur Autopoiesis des Bewusstseins4 hervor:

hebt Luhmann

“Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren.”5

Luhmann weitet den Begriff der Autopoiesis aus, indem er ihn auf andere Systemarten, wie beispielsweise dem psychischen und sozialen System, anwendet. Zwar bedingen soziale wie auch psychische Systeme Leben, doch führt diese Feststellung nicht zu der logischen Konsequenz, dass diese Systeme auch „lebende“ Systeme sind. Durch die Einbeziehung von Elementen wird der Aspekt der Reproduktion eines Systems unterstrichen, da diese nur möglich ist, wenn Elemente oder Ereignisse im bestehenden System zeitweise erneuert werden müssen. Reproduktion heißt in diesem Zusammenhang auch die Reproduktion von Systemgrenzen, durch Zustandsbestimmung interner und externer Bedingungen. Insofern bedeutet Autopoiesis bei Luhmann, die Produktion des Systems durch sich selbst.6 Geschlossenheit und Autonomie eines Systems heißt jedoch nicht, dass es ohne energetischen oder materiellen Unterbau autark funktioniert und somit keinerlei Relationen zur Umwelt existieren. Diese Relationen bestehen, doch sind sie in anderen Realitätsdimensionen vorzufinden als die Autopoiesis selbst. Durch die organisationelle Geschlossenheit autopoietischer Systeme, ist ein Input oder Output von Einheit in das bzw. aus dem jeweiligen System nicht möglich.7

Ein Konzept selbstreferentiell-geschlossener

Systeme widerspricht der Luhmannschen Theorie nach nicht dem Anspruch der Umweltoffenheit solcher Systeme. Umweltoffenheit ist eher als eine erweiterte Form des Umweltkontaktes zu betrachten, da erst mit ihr die für das System erfassbare Umweltkomplexität möglich wird. Auch hier weicht Luhmann von dem ursprünglichen Konzept der Autopoiesis nach Maturana und Varela ab, die zur Herstellung von System / Umweltbeziehungen einen Beobachter in Form eines anderen Systems erforderlich sahen.

Aufbauend auf dieser Grundlage setzt Luhmann die Begriffe Beobachtung8 und Selbstbeobachtung9 auf die Ebene einer allgemeinen Systemtheorie und verbindet sie mit dem von ihm erneuerten Begriff der Autopoiesis. Durch diese Neuanordnung wird Selbstbeobachtung zu einer bedingenden Komponente für die autopoietische Reproduktion, auf deren Basis sich nun neuropysiologische und organische Systeme von Sinn10 konstitutierenden bzw. sinnhaft operierenden Systemen wie dem psychischen und sozialen System unterscheiden lassen. Alle benannten Systeme prozessieren nach dem konstituierenden Gesetz der Selbstreferenz. Dennoch unterscheiden sich sinnhafte Systeme grundsätzlich dadurch, dass sie Systemgrenzen und Umwelten, durch Selbstbeobachtung und Internalisierung der Differenz von System und Umwelt, in ihre Reproduktion einbeziehen können. Luhmann führt hierzu aus:

“Gerade auf dieser Grundlage ergibt sich dann die Möglichkeit, organische und neurophysiologische Systeme (Zellen, Nervensysteme, Immunsysteme usw.) von Sinn konstituierenden psychischen und sozialen Systemen zu unterscheiden…[…]…Sie nehmen für die Prozesse selbstreferentieller Systeme (nicht: an sich!) Sinn an, so daß solche Systeme mit der Differenz von System und Umwelt intern operieren können.“11

2.2 Psychische Systeme

Das psychische System oder Bewusstsein ist nicht zu verwechseln mit dem Gehirn, welches ein eigenes System darstellt. Beide Systeme sind füreinander nicht zugänglich und arbeiten völlig überschneidungsfrei. Bewusstsein kann jedoch nicht ohne neurophysiologische Prozesse gebildet werden und benötigt daher das Gehirn als notwendige Umweltbedingung. Das Bewusstsein stellt gegenüber dem Gehirn eine hö- here bzw. emergente Ordnungsebene dar. Beide Systeme sind strukturell gekoppelt und versorgen sich gegenseitig mit Komplexität.

Zu den Begriffen Emergenz und strukturelle Kopplung wird in den folgenden beiden Kapiteln noch erklärend Bezug genommen. Psychische und soziale Systeme haben sich in einem coevolutionären Prozess entwickelt und bedingen sich daher gegenseitig als Umwelt. Als evolutionäre Errungenschaft brachten beide Systeme „Sinn“ als unausweichliche und unnegierbare Form ihrer Komplexität hervor.

Zunächst kann das theoretische Konstrukt der geschlossenen selbstreferentiellen Reproduktion direkt auf das psychische System angewendet werden. Versteht man das Bewusstsein als ein aus Gedanken und Vorstellungen bestehendes und sich selbst konstituierendes geschlossenes System, welches unaufhörlich aus Gedankenelementen neue Gedankenelemente rekursiv generiert, ist das Bewusstsein – schon per Definition – ein autopoietisches System. Luhmann verschärft die Bedingung der Reproduktion dadurch, dass er den Faktor Zeit einbringt und das Zeitmoment der Elemente mit Ereignissen beschreibt. Aufgrund der temporalen Natur von Ereignissen, verweisen diese noch direkter auf die Notwendigkeit der Reproduktion. Ereignisse sind, dies

scheint immanent, zeitlich begrenzt, da es ohne zeitliche Determinanten keinen Entstehungsmoment für ein Ereignis gäbe. Im Falle des psychischen Systems, sind Gedanken und Vorstellungen rekursive Ereignisse des Bewusstseins, deren temporale Determinanten ein Intervall eines sinnhaften Kontinuums sind. Folglich wird das psychische System zum Selbsterhalt gezwungen, indem es Gedanken aus Gedanken produziert, die im Moment des Auftauchens bereits wieder entschwinden. Das Bewusstseinssystem besteht als Selbsttransformation12 und dient in seiner Eigenschaft der Anpassung an Umweltbe- dingungen was letztlich wiederum der Kontinuität der eigenen Autopoiesis dient.

2.3 Emergenz

Emergenz steht in Luhmanns Theorie zunächst für eine höhere Ordnungsebene. Am Beispiel Gehirn / Bewusstsein besetzt das Bewusstsein eine emergente Ordnungsebene zum Gehirn, da es eine eigene strukturelle Komplexität besitzt und damit seine eigene Autopoiesis fortführt, die jedoch nicht unmittelbar auf die Eigenschaft seiner biologischen Komponente (Gehirn) zurückzuführen ist. Die Emergenz autopoietischer Systeme führt zu spezifischen Relationen zueinander, die nicht direkt durch die Kognition13 des Systems stattfinden. Dies wäre nur eine interne Kognitionsleistung des Systems und somit nicht relevant für das jeweils andere System. Emergente Systeme sind in ihrer Eigenkomplexität unabhängig von ihrem Materialunterbau, können also von geringerer Komplexität sein als Systeme niederer Ordnung, was auch bedeutet, dass die notwendige Komplexität eines Systems nicht vorgegeben ist.14 Vor diesem Hintergrund stellt Luhmann fest:

“Emergenz ist demnach nicht einfach Akkumulation von Komplexität, sondern Unterbrechung und Neubeginn des Aufbaus von Komplexität.”15

2.4 Strukturelle Kopplung / Interpenetration

Das Konzept der strukturellen Kopplung16, ebenfalls ein Begriff den Niklas Luhmann von Humberto Maturana übernahm und modifizierte, beschreibt die Anpassung autopoietischer Systeme an ihre Umweltbedingungen. Durch strukturelle Kopplung bzw. Interpenetration, beide Begriffe werden im Verlauf dieser Arbeit benutzt, wird jedes System in seiner Kognition irritiert, so dass Umweltbedingungen, trotz operativer Geschlossenheit des Systems, Einfluss haben können.

“Strukturelle Kopplungen beschränken den Bereich möglicher Strukturen, mit denen ein System seine Autopoiesis durchführen kann.”17

Abstrakt formuliert bedeutet dies, dass Reduktion von Komplexität die Bedingung für die Steigerung von Komplexität darstellt. Strukturelle Kopplung vermittelt sozusagen die Umweltbedingungen und bietet dem jeweiligen System die Möglichkeit, ohne eine obligate Strukturdeterminanz, Umweltexpressionen trotz operativer Geschlossenheit in das eigene System hochselektiv einzubringen.

Das Bewusstsein steht in struktureller Kopplung zum Gehirn oder auch zum sozialen System, da es ohne neurophysiologischen Prozesse oder Komplexität anderer Bewusstseinssysteme, nicht existieren könnte. Folgende Abbildung möge diesen Aspekt verdeutlichen.18

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Strukturelle Kopplung operativ-geschlossener Systeme

“Auf diesen Theoriegrundlagen wird man erwarten müssen, daß strukturelle Kopplungen immer hochselektiv eingerichtet sind, also viel mehr ausschließen als einschlie- ßen. Das kann man am Beispiel von Augen und Ohren erkennen, die Irritationen des Gehirns nur über eine sehr schmale Bandbreite vermitteln können.“19

Die Umwelt eines Systems liegt zunächst in einer Form vor, die für das jeweilige System keine Information trägt. Luhmann bedient sich in diesem Zusammenhang der Terminologie der Computerbranche und bezeichnet diese Form als „analoge“ Verhältnisse, die es zu „digitalisieren“ gilt.20

Im Falle des sozialen Systems geschieht diese Digitalisie-

rung durch Kommunikation, z.B. Sprache, die alle Informationen in serielle Einheiten umwandelt. Sprache schließt in diesem Zusammenhang viele Optionen aus, um dadurch selbst komplex zu werden. Erneut gilt das Prinzip: Reduktion als Bedingung für Aufbau von hoher Komplexität. Eine weitere Voraussetzung für strukturelle Kopplung, stellt die systeminterne Produktion von Möglichkeitsüberschüssen dar. Diese werden innerhalb psychischer und sozialer Systeme durch Sinn erzeugt und ermöglichen den Umgang mit Freiheitseinschränkungen.

Obwohl die jeweiligen Systeme über den Umgang mit neuer Komplexität durch strukturelle Kopplung auf Basis Ihrer eigenen Systemlogik verfahren und damit die Interpenetration selbst regulieren können, bleibt die strukturelle Kopplung selbst für sie jedoch intransparent und damit unverfügbar.

“Kein System kann über seine strukturellen Kopplungen disponieren. Sie bleiben für das System selbst unsichtbar, weil sie ja nicht Operationen beisteuern können.“21

2.5 Komplexität

Im bisherigen Verlauf dieser Arbeit wurde der Begriff Komplexität22 weitestgehend undefiniert verwendet, was jedoch in folgenden Ausführungen zu Verständnisproblemen führen könnte. Was ist Komplexität?

“Komplexität ist keine Operation, ist also nichts, was ein System tut oder was in ihm geschieht, sondern ist ein Begriff der Beobachtung und Beschreibung (inklusive Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung).23

Luhmann beschreibt Komplexität zunächst als Begrifflichkeit, die demnach nur anhand ihrer konstituierenden Unterscheidung, also ihrer Form, definiert werden kann:

“Die Form der Komplexität ist also, kurz gesagt, die Notwendigkeit des Durchhaltens einer nur selektiven Verknüpfung der Elemente, oder in anderen Worten: die selektive Organisation der Autopoiesis des Systems.”24

Komplexität wird im Kontext systemtheoretischer Analyse psychischer Systeme, auf Basis der Begriffe Element und Relation definiert.

Komplexität mit selektiven Beziehungen zwischen Elementen, die nur durch Systembildung zustande kommt, wird auch als „organisierte Komplexität“ bezeichnet. Das bedeutet jedoch nicht, dass bei steigender Anzahl von Elementen innerhalb eines Systems, jedes Element in Beziehung zu jedem anderen gesetzt werden kann. Dies geht nur bis zu einem gewissen Grad der Komplexität innerhalb des Systems, wobei die Grenzen der Verkünpfungskapazität schnell erreicht sind. Auf Grundlage dieser Erkenntnis definiert Luhmann:

“Als komplex wollen wir eine zusammenhängende Menge von Elementen bezeichnen, wenn auf Grund immanenter Beschränkungen der Verknüpfungskapazität der Elemente nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft sein kann. Der Begriff >>immanente Beschränkung<< verweist auf die für das System nicht verfügbare Binnenkomplexität der Elemente, die zugleich deren

>>Einheitsfähigkeit<< ermöglicht. Insofern ist Komplexität ein sich selbst bedingender Sachverhalt: …“25

Durch die Beschränkung der Verknüpfungskapazität entsteht ein Selektionszwang in der Relation zwischen den Elementen. Die Selektion qualifiziert bestimmte Elemente als geeignet, obwohl es auch andere qualifizierte Möglichkeiten gibt und geht damit ein Risiko des Verfehlens der optimalen Auswahl ein.

2.5.1 Kontingenz

Die Ausführungen zur Komplexität zeigen, dass die reale Verknüpfungsfähigkeit von Elementen seine Grenzen hat. Durch diese Begrenzung ist das System gezwungen Selektionen zu betreiben, die in Kombination auch anders möglich wären. Diesen Sachverhalt bezeichnet Luhmann als kontingent:

“Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein

kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (zu Erfahrendes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen.”26

Kontingenz beschreibt die Selektion redundanter Relationen von Elementen zueinander. Etwas ist wie es ist, aber es hätte auch anders sein können. Der Terminus Kontingenz bedeutet damit aber auch Risiko:

“Er gibt zugleich den Hinweis auf die Möglichkeit des Verfehlens der günstigsten Formung.”27

Wenn alle sichtbare Ordnung auf einer Komplexität beruht, heißt das auch, dass diese Ordnung nicht zwangsläufig die beste Form der Ordnung ist, da die Selektion der Elemente im Rahmen einer Kontingenz vollzogen wurde.

2.5.2 Doppelte Kontingenz

Bezogen auf die Selektionsmöglichkeiten von Anschlussoperationen zweier sinnhaft operierender Systeme, wird der Begriff der doppelten Kontingenz verwendet.28 Zwei psychische Systeme, die sich gegenseitig beobachten und sich beobachtet sehen, unterstellen sich gegenseitig die Beeinflussbarkeit des jeweils anderen Systems durch sich

selbst. Diese Systeme handeln, trotz ihrer geschlossenen Operationsweise, im Verhältnis zueinander und produzieren kontingente Anschlussoperationen. Da beide Systeme diesen Prozess vollziehen, handelt es sich um doppelte Kontingenz. Das Resultat ist eine autokatalytische Erzeugung von sozialen Systemen.29

2.6 Sinn

Wie bereits ausgeführt, haben psychische und soziale Systeme in einem coevolutionären Entstehungsprozess „Sinn“ als konstituive Form ihrer Komplexität und Selbstreferenz ausgebildet. Sinn, rein phänomenologisch betrachtet, stellt sich in seiner Form als Überhang von möglichen Verweisungen dar, während die Intention zentraler Ausgangspunkt, beispielsweise einer Handlung ist. Diesen Überhang an möglichen Verweisungen beschreibt Luhmann wie folgt:

“Etwas steht im Mittelpunkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns.”30

Die Verweisung selbst ist immer Standpunkt der Wirklichkeit, muss sich jedoch nicht ausschließlich auf mutmaßlich Wirkliches beziehen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Bewusstsein auch unwirkliche oder gar unmögliche Optionen bedient. Sinn schafft folglich Redundanz und zwingt durch die Verweisungsstruktur der Sinnform zur Selektion. Redundanz hat hier eine zentrale Sicherheitsfunktion:

“Man kann zum Ausgangspunkt zurückkehren und einen anderen Weg wählen.”31

Weiterhin heißt Selektion nicht Reduktion von Komplexität. Vielmehr regeneriert Sinn mit jeder neuen Verweisung die Weltkomplexität, remoduliert aber den Selektionszwang auf der Basis von naheliegenden oder qualifizierten Anschlussmöglichkeiten. Dabei werden bestimmte Möglichkeiten vorerst ausgeschlossen, während andere (naheliegende) aktualisiert werden, die wiederum dem Prinzip der Sinnhaftigkeit unterstehen.

“Sinn verweist immer wieder auf Sinn und nie aus Sinnhaftem hinaus auf etwas anderes.”32

Sinnhaft-operierende Systeme können Komplexität nur in der Form von Sinn verarbeiten. Es gibt für sie keine alternative Operationsweise als die der Sinnform, da diese Systeme selbst unausschließbarer Bestandteil ihrer sinnhaften Verweisungen sind. Der Versuch auf etwas

„ohne Sinn“ bzw. Nicht-sinnhaftes zu verweisen, wäre eine Negation von Sinn, die ihrerseits wiederum Sinn benötigt um überhaupt anschlussfähig zu sein.

“Sinn ist eine unnegierbare, eine differenzlose Kategorie”33

2.7 Kommunikation und Wahrnehmung

Um eine Erklärung des systemtheoretischen Begriffs der Kommunikation zu leisten, ist es notwendig, vorab die Differenz von psychischen und sozialen Systemen zu betonen. Psychische Systeme operieren selbstreferentiell auf der Basis von Bewusstsein, dessen Letztelemente Ereignisse sind, während soziale Systeme dies auf Basis der Kommunikation leisten. Beide autopoietische Systeme vollziehen ihren eigenen Modus der Reproduktion. Soziale Systeme können kein Bewusstsein hervorbringen und psychische Systeme keine Kommunikation. Kommunikation selbst bringt alle Elemente aus denen es besteht durch sich selbst, also durch die Kommunikation hervor. Demzufolge ist ein Kommunikationssystem ein typisches autopoietisches System per Definition.

“Ein Kommunikationssystem ist ein vollständig geschlossenes System.“34

[...]


1 Maturana, 1982, S.170-235.

2 Maturana, 1982, S. 158.

3 Siehe hierzu Kapitel 2.3.

4 Vgl. Luhmann, 1995, S. 55 – 122.

5 Luhmann, 1995, Band 6, S. 56.

6 Vgl. Luhmann, 1998a, S. 97, sowie Luhmann, 1992, S. 289.

7 Vgl. Luhmann, 1995, S.56.

8 Siehe hierzu Kapitel 2.8.

9 Siehe hierzu Kapitel 2.9 ff.

10 Siehe hierzu Kapitel 2.5.

11 Luhmann, 1987, S. 64.

12 Vgl. Luhmann, 1995, S.57.

13 Vgl. Luhmann, 1998a, S. 120 ff.

14 Vgl. Luhmann, 1987, S. 44.

15 Luhmann, 1987, S. 44.

16 Vgl. Luhmann, 1998a, S. 100.

17 Luhmann, 1998a, S. 100.

18 Quelle: Eigene Darstellung

19 Luhmann, 2000, S. 374

20 Vgl. Luhmann, 1998a, S. 101.

21 Luhmann, 2000, S. 375.

22 Vgl. Luhmann, 1987, S. 41 ff.

23 Luhmann, 1998, Band 1, S. 136.

24 Luhmann, 1998, Band 1, S. 138.

25 Luhmann, 1987, S. 46.

26 Luhmann, 1987, S.152.

27 Luhmann, 1987, S. 47.

28 Vgl. Luhmann, 1987, S. 148 ff.

29 Vgl. Luhmann, 1987, S. 177.

30 Luhmann, 1987, S. 93.

31 Luhmann, 1987, S. 94.

32 Luhmann, 1987, S. 96.

33 Luhmann, 1987, S. 96.

34 Luhmann, 1995, S. 118.

Details

Seiten
69
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640140237
ISBN (Buch)
9783640140497
Dateigröße
835 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113278
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
Genese Systeme Eine Betrachtung

Autor

Zurück

Titel: Die autopoietische Genese psychischer Systeme - Eine systemtheoretische Betrachtung