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Die Wundererzählung Heilung eines Gelähmten (Markus 2, 1-12) im Religionsunterricht

Seminararbeit 1998 21 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0.1 Exposition
1.0 Exegese
1.1 Der übersetzte Text
1.2 Der synoptische Vergleich
1.3 Erklärung
1.4 Die Verkündigungsaussage

2.0 Zur Wundergläubigkeit
2.1 Das Stufenmodell nach James Fowler
2.2 Wundergläubigkeit in der Pubertät

3.0 Unterrichtsschritte
3.1 Wie könnte und sollte man die Wunder- erzählung im Religionsunterricht der Realschule einbringen?

4.0 Ergebnis

5.0 Literaturverzeichnis

0.1 Exposition

Wie verträgt sich die Wundergeschichte „Die Heilung des Gelähmten“ (Markus 2, 1-12) mit den Wundervorstellungen der Jugendlichen?

Können Jugendliche etwas mit der Heilung des Gelähmten anfangen, hat es Sinn, diese Geschichte im Religionsunterricht zu bringen?

Sind 14-jährige überhaupt noch für diese Geschichte zu motivieren?

Diese Fragen stellen sich, zumal jeder Mensch vom Kleinkindalter an verschiedene Stufen der Wundergläubigkeit durchlebt (nach James Fowler; die Stufen werde ich im Kapitel 2.0 behandeln).

Sicherlich fällt es im Zeitalter von „Viva“ und „Tamagotchi“ zunächst schwer zu glauben, man könne Jugendliche mit einer Wundergeschichte aus der Bibel begeistern (im wahrsten Sinne des Wortes).

Die Herausforderung reizt mich, da hier natürlich vor allem die Phantasie des Lehrers/ der Lehrerin, d. h. in welcher Art und Weise er/ sie die Bedeutung und Aktualität der Geschichte den Jugendlichen vermitteln kann, gefragt ist.

Ich werde zunächst mit einer Exegese beginnen, um dem Leser den ausgewählten Text zugänglich zu machen.

1. Exegese

1.1 Der übersetzte Text

1 Und als[1] er wieder nach Karfanaum kam nach Tagen, wurde bekannt, daß er im Hause ist.
2 Und viele versammelten sich, so daß bei der Tür kein Platz war. Und er redete zu ihnen das Wort.
3 Und sie kommen und bringen einen Gelähmten zu ihm, der von Vieren getragen wird.
4 Und weil sie ihn wegen der Menge nicht bis zu ihm heranbringen konnten, deckten sie das Dach ab, wo er war, gruben es auf, und lassen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.
5 Und Jesus, der ihren Glauben sieht, spricht zum Gelähmten: Kind, deine Sünden sind vergeben.
6 Einige Schriftgelehrte aber saßen dort und dachten in ihren Herzen: Was redet dieser so? Er lästert!
7 Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?
8 Und sogleich erkennt Jesus in seinem Geist, daß sie so bei sich denken, und er spricht zu ihnen: Was denkt ihr dies in euren Herzen?
9 Was ist leichter, dem Gelähmten zu sagen, deine Sünden sind vergeben, oder zu sagen, stehe auf und nimm dein Bett und gehe umher?
10 Damit ihr aber seht, daß der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben - spricht er zum Gelähmten:
11 Dir sage ich: Stehe auf, nimm dein Bett und gehe in dein Haus!
12 Und er stand auf und nahm sogleich das Bett und ging vor allen weg, so daß alle außer sich geraten, Gott preisen und sprechen: Solches haben wir noch nicht gesehen.

1.2 Der synoptische Vergleich des Markustextes 2,1-12

mit Matthäus 9,1-8[2] und Lukas 5,17-26[3]

Mk 2,1: Die genaue Ortsangabe steht bei Matthäus und Lukas nicht, allerdings ist bei Mt von „seiner Stadt“(Mt 9,1) die Rede, bei Lukas kommen „Pharisäer und Schriftgelehrte“ aus „allen Ortschaften von Galiläa und Judäa und von Jerusalem“ (Lukas 5,17) zu Jesus.

Mk 2,2: Mt erwähnt nichts von einer großen Versammlung, Lk erst später, als der Gelähmte mit seinen Helfern in Erscheinung tritt (Lk 5,19).

Mk 2,3: Mk wechselt zu Präsens.

Mt hat die Zahl der Leute, die den Gelähmten tragen, nicht übernommen, er bemüht sich, die Vorgeschichte möglichst knapp zu erzählen.

Lk hingegen widmet dieser Szene eine weitere Ausführung, nämlich die, daß die Träger (deren Anzahl er auch nicht nennt) versuchen, den

Gelähmten vor Jesus hinzulegen (Lk 5,18).

Mk 2,4: Mt läßt diesen Passus ganz aus. Lk erwähnt nicht, daß das Dach abgedeckt wird. Bei ihm ist zudem von einem „Ziegeldach“ die Rede (Lk 5,19).

Mk 2,5: Bei Lk spricht Jesus den Gelähmten nicht mit „Kind“ oder „mein Sohn“ an, sondern mit „Mensch“(Lk 5,19). Dabei stellt sich die Frage, ob Jesus hier überhaupt nur den Gelähmten direkt anspricht oder eben jeden, der zu ihm gekommen ist.

Mk 2,6: Mt berichtet (Mt 8,3): „Etliche der Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst“. Bei dieser Formulierung muß Jesus nicht unbedingt ihre Gedanken erkannt sondern kann eventuelle Unmutsäußerungen gehört haben. Bei Lukas ist sogar die wörtliche Rede aufgeführt (Lk 5,21), die Schriftgelehrten „diskutieren“, so daß zunächst der Eindruck entsteht, als sprächen sie ihre Gedanken aus.

Mk 2,7: Diese Fragestellung taucht bei Mt nicht auf, er beläßt es bei „dieser lästert“ (Mt 9,3), während Lukas exakt denselben Wortlaut benutzt wie Markus (Lk 5,21b).

Mk 2,8: Mt berichtet, daß Jesus die Gedanken „sah“ [gr. idon ], was den Eindruck hinterläßt, er könne Gedanken lesen, wo hingegen er bei Lukas die Gedanken „erkennt“ [gr. eidos ], also im Sinne von „sich denken können“.

Mk 2,9: Mt 9,5 und Lk 5,23 haben in etwa denselben Wortlaut wie Mk, nur daß dieser den Vergleich zwischen Sündenvergebung und Heilung noch deutlicher konkretisiert und auf den vorliegenden Fall bezieht, indem er auch das Aufnehmen des Bettes aufzählt.

Mk 2,10+11: Diese beiden Verse stimmen im Wortlaut mit Mt 9,6 und Lk 5,24 überein.

Mk 2,12: In Lk 5,25 wird zusätzlich betont, daß der Geheilte Gott pries. Bei Mt 9,8 „fürchteten sich die Volksmengen sehr“ und Gott wurde gepriesen, weil er „solche Macht den Menschen gab“, Lukas berichtet in 5,26 hingegen nüchtern: „Außerordentliches haben wir heute gesehen.“

Für Markus ist die Jesu Demonstration seiner Vollmacht ein Beweis,

daß „Gottes Herrschaft sich durchzusetzen beginnt“[4].

Der gedankliche Vorwurf der Lästerung, der von den Schriftgelehrten

ausgeht[5], weist schon auf das Kreuz und somit Markus 3,6 hin, wo die Pharisäer mit den Anhängern des Herodes über die Art berieten, wie sie Jesus umbringen könnten.

Markus verzichtet diesmal auf ein Schweigegebot. Jesus offenbart sich vor allen Leuten als Menschensohn[6]. „Die uneingeschränkte Offenbarung, daß Jesus der Menschensohn ist, kann überall dort erfolgen, wo sichergestellt ist, daß diese Offenbarung auf das Kreuz hinausläuft. Damit ist von der Vollmacht des Menschensohnes nichts zurückgenommen, doch sie ist in das richtige Lot gebracht. Markus hat diese Ausrichtung der Offenbarung durch den einsetzenden erheblichen Widerstand in 2,6 („Was redet dieser so, er lästert!“) und 3,6 (s.o.) gewahrt gesehen“[7].

Matthäus sieht im gegebenen Markustext seinen persönlichen Glauben bestätigt. Er spricht von dem, „was die Vollmacht des Menschensohns für seine Gemeinde bedeutet. Ist der Menschensohn derjenige, dem alle Gewalt im Himmel und auf der Erde gegeben ist, so bedeutet das, daß seine Vollmacht weiter geschieht, überall dort, wo er bei den Seinen ist, all Tage bis ans Ende der Welt.“[8]

Diese Geschichte weist laut Matthäus auf die Anwesenheit Gottes durch Jesus Christus auf der Erde und auf „die Wirklichkeit, aus der die Gemeinde durch den Menschensohn dauernd lebt“, hin[9].

Zum ersten Mal zeigt sich in dieser Geschichte ein offener Konflikt zwischen Jesus und den Schriftgelehrten, dessen Fortgang im Matthäusevangelium bis zur Kreuzigung noch eine immense Bedeutung zuteil wird. Auch wenn die freudige Reaktion der Menschen am Ende die Empörung der Schriftgelehrten überschattet, so werden letztere doch wieder als Gegner Jesu in Erscheinung treten[10].

Für Lukas hängen Sünde und Leiden, in diesem Fall die Lähmung, eng zusammen, wobei er aber nicht damit aussagen will, daß der Gelähmte entsprechend viel gesündigt haben muß. Diese Krankheiten gibt es, weil die Menschen sich von Gott abgewandt haben; somit darf jetzt das Leiden und die Schuld dieses Einzelnen nicht direkt miteinander in Verbindung gebracht werden.

Lukas legt Wert darauf, daß Jesus die Hoffnung gibt, daß alles Leiden durch seine Auferstehung überwunden werden wird, er aber schon jetzt als Menschensohn Sünden vergeben kann.

Die Wunderheilung weist in diesem Falle auf die Sündenvergebung hin, denn „wenn die Verweigerung der Buße [gr. metanoia ] in den Tod“ führt, „wird die Vergebung der Sünde zur Wiederherstellung des Lebens führen“.

Für Lukas sind die eigentlichen Menschen, die „zur Umkehr aufgerufen werden müssen“ die Pharisäer und Schriftgelehrten[11].

[...]


[1] Aus: Joachim Gnilka, Das Markus-Evangelium, in: Evangelisch-Katholischer Kommentar zum NT - Das Markus-Evangelium, (1.Teilband), Benziger/ Neukirchener Verlag 1978.

[2] Übersetzung aus: Ulrich Lenz, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum NT - Das Matthäus-Evangelium, (2.Teilband), Benziger/ Neukirchener Verlag 1990.

[3] Übersetzung aus: Francois Bovon, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum NT - Das Lukas-Evangelium, (1.Teilband), Benziger/ Neukirchener Verlag 1989.

[4] Joachim Gnilka, Das Markus-Evangelium, in: Evangelisch-Katholischer Kommentar zum NT - Das Markus-Evangelium, (1.Teilband), Benziger/ Neukirchener Verlag 1978, S. 102.

[5] a. a. O.

[6] a. a. O.

[7] a. a. O.

[8] Ulrich Lenz, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum NT - Das Matthäus-Evangelium, (2.Teilband), Benziger/ Neukirchener Verlag 1990, S.38f.

[9] A. a. O. S.39.

[10] A. a. O.

[11] Francois Bovon, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum NT - Das Lukas-Evangelium, (1.Teilband), Benziger/ Neukirchener Verlag 1989, S.251.

Details

Seiten
21
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638175159
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11327
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Theologie
Note
gut
Schlagworte
Religion Neutestamentlich Wundergeschichten Religionspädagogik Exegese

Autor

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