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Syrien unter dem französischen Mandat und die arabische Nationalbewegung

Französische Mandatspolitik, Mission Civilisatrice, Louis-Hubert Lyautey, syrischer Nationalismus

Seminararbeit 2007 11 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die arabische Nationalbewegung

3. Das französische Mandat in Syrien
3. 1 Die Rechtfertigung des französischen Mandats
3.2 Das Vorbild Lyauteys
3.3 Die französische Mandatspolitik in Syrien

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der erste Weltkrieg läutete in völkerrechtlicher Hinsicht eine bedeutende Zeitenwende ein. Zwar kann man sicherlich nicht vom Ende des Imperialismus sprechen, wohl aber vom Ende des klassi­schen Kolonialismus. Angesichts der Katastrophe des ersten Weltkrieges waren die alten heroischen Schlagworte der white mens burden oder dem Platz an der Sonne nicht mehr vor der Weltöffentlichkeit haltbar. Nicht allein der Friedensnobelpreis für Woodrow Wilson in der Folge seiner 14 Punkte zur Beilegung des Krieges mussten zu einem allgemeinen Umdenken in Form eines Interes­senausgleichs zwischen den kolonisierenden und kolonisierten Völkern führen. Die alte Einseitig­keit des klassischen Kolonialismus erlaubte der Okkupationsmacht mit erheblicher Arroganz zu be­stimmen in welcher Form die Ausbeutung der kolonisierten Völker laufen sollte. Gleichzeitig konnte man ohne tatsächliches Engagement – abgesehen von häufig grauenhaften Repressionen – postulieren, man verhelfe den rückständigen Völkern auf eine höhere Zivilisationsstufe. Diese Weltsicht wurde nun von den neuen Ansprüchen in Folge der Gründung des Völkerbundes abgelöst. Selbstverständlich konnte damit aber keine Rede vom Ende außenpolitischer Interessen der hochentwickelten Industriestaaten auf überseeische Gebiete sein, von der man sich auch weiterhin eine Bereicherung durch Rohstoffe, Markt- oder diverse geostrategische Vorteile versprach. Diese Einflussnahme benötigte nun lediglich eine neue Rechtfertigung. Der Vorsatz zur Pflege der Men­schenrechte nach europäischem Vorbild und konkrete Aufbauhilfe für eine Demokratie einerseits, sowie Aufbauhilfe für die Infrastruktur eines Interessengebietes andererseits wurden der neuen politischen Einflussnahme vorangeschickt. Dieser Anspruch aber erforderte in der immer komplexer werdenden politischen Welt des 20. Jahr­hunderts einen explodierenden Mehraufwand an Investitionen und musste aufgrund vielschichtigs­ter Interessenunterschiede sowohl in Form zahlreicher Strömungen innerhalb der Schutzmacht als auch innerhalb der zu schützenden Völkerschaft zu Konflikten führen, die über für beide Seiten un­ergiebige Kompromisse und teure Halbherzigkeiten zum zwangsläufigen Ende des Kolonialismus resultieren mussten. Als Beispiel für diese Entwicklung dient hier Syrien unter dem Mandat Frankreichs 1918 – 1946. Sehr anschaulich nämlich lässt sich darstellen, wie es Frankreich nicht gelang, dem dort aufkeimenden und in sträflicher Weise unterschätzten Nationalismus entgegenzuwirken und so sein Mandat nicht zum Erfolg führen konnte.

2. Die arabische Nationalbewegung

Nationale Bestrebungen innerhalb der Bevölkerung Syriens kamen nicht erst unter dem Eindruck der französischen Mandatsherrschaft auf, sondern haben älteren Ursprung. Die Verheißungen der modernen westlichen Staatenwelt erreichten die syrischen Araber bereits über 100 Jahre früher.

Napoleons Ägyptenexpedition 1789 offenbarte zum Einen erstmals die Schwäche des osmanischen Reiches. Man konnte in der gesamten arabischen Welt beobachten, wie weit Frankreich als europäische Macht den Franzosen in Hinblick nicht nur auf „westliche(r) Waffen, sondern auch westliche(r) Verwaltung, Wissenschaft und Kommunikationstechniken“1 überlegen war. Zum Anderen war Napoleon der erste, der die Idee der Mission Civilisatrice2 aufgriff, um den französischen Kolonialismus eine Berechtigung zu verleihen.3 Ideologisch war diese zu der Zeit in Wahrheit natürlich noch ähnlich zynisch zu verstehen wie das britische Schlagwort der „Bürde des weißen Mannes“. Jedoch leitete Napoleons Beispiel selbst innerhalb des osmanischen Reiches für das 19. Jahrhundert einen gewissen Modernisierungs- und damit einhergehend einen Säkularisierungsprozess ein, der das arabische Nationalbewusstsein in Syrien sukzessive zu stärken vermochte. Dieser nämlich hatte die Schwächung der islamischen Herrschaftslegitimation zur Folge.4 Zusätzlich kamen die nichtmuslimischen Minderheiten zu mehr Selbstbewusstsein. Sie fanden sich als ungläubige „Bürger zweiter Klasse“5 faktisch vom „Staatsvolk ausgeschlossen“.6 Sie konnten sich, angetrieben von dergestalt repressionsbedingter Solidarität, allmählich zur Bildungselite Syriens hocharbeiten. Im Zuge dessen entstanden verschiedene Organisationen mit Unabhängigkeitsbestrebungen. Dies wurde von Frankreich im frühen 20. Jahrhundert gerne als Modernisierung geduldet und gefördert.7

Der erste Weltkrieg hatte den Rückzug der Osmanen als Ergebnis. Das bracht die arabischen Sufara unter König Faisal und die westlichen Großmächte ins Spiel um Syrien. Unter Faisal marschierten die Araber mit britischer Unterstützung in Damaskus ein, allerdings bekräftigten die Franzosen infolge des San Remo-Abkommens ihrerseits einen Herrschaftsanspruch.8 Die Araber hatten nach dem Abzug der Osmanen also mit den Franzosen einen neuen Konkurenten um Syrien. In der Schlacht von Maisalun 1920 wurden die arabischen Truppen Faisals von den Franzosen vernichtend geschlagen und Frankreich konnte Syrien für sich protektorieren.9

Die syrische Nationalbewegung hatte also im Zuge ihrer Frankophilie falsche Hoffnung in die Großmächte gesetzt. „Ein Jahrhundert lang hatten die Nationalisten bewundernd nach Europa geblickt und sich die Ideale der liberalen und parlamentarischen Demokratie zu eigen gemacht“.10 Ihre Unterstützung für die Westmächte gegen die Osmanen während des ersten Weltkrieges fand aber keinen Dank, obwohl „ihnen die Schaffung eines unabhängigen Reiches zugesichert worden war“.11 Nur die französische Unterstützung eines gewissen frankophilen Nationalismus im Vorfeld des ersten Weltkrieges begründet, warum damit Frankreich dennoch teilweise Akzeptanz erfuhr.

Frankreich hat mit der Duldung der anti-osmanischen Modernisierung vor dem Krieg und der Annahme arabischer Hilfe während des Krieges Hoffnungen innerhalb der arabischen Nationalbewegung auf Unhabhängigkeit geweckt, daraufhin aber selbst die Macht für sich beansprucht und übernommen. Vor diesem Hintergrund aber war das französische Engagement in Syrien von vornherein unter einem schlechten Stern. Schon hier zeigt sich, dass Frankreich die syrische Gesellschaft und seine Ansprüche unterschätzt hat.

In der Folge konnten mehrere arabisch-nationale Vereinigungen entstehen, deren Ziele unterschiedlich radikal waren, von kooperativer Zusammenarbeit mit Frankreich bis zu arabischen Radikalnationalisten, die die Vorherrschaft Frankreichs komplett ablehnten.12 Unter diesen selbst entstanden in den 1930er Jahren in der Alexandrettakrise Zerwürfnisse. Insbesondere angesichts des französischen Unwillens die Abtretung der Region Alexandretta an die Türkei zu verhindern, sahen sich radikalnationalistische Kräfte in Syrien erneut von den Franzosen im Stich gelassen.13 Frankreich wollte auch hier nicht halten, was es im Wortsinne der Berufung als Schutzmacht für Syrien versprochen hatte. Allerdings zeigt sich auch nicht nur im Fall Alexandretta die anfängliche Schwäche des arabischen Nationalismus. Weder die Abspaltung des Libanon von Syrien nach dem ersten Weltkrieg konnte er verhindern, noch den Verlust Alexandrettas an die Türkei.14

[...]


1 Hanf, S. 158

2 siehe 3.1

3 Groß, S. 15

4 Arsuzi-Elamir, S.28

5 Hanf, S. 159

6 ebd., S. 159

7 Groß, S.28

8 Arsuzi-Elamir, S. 30

9 Lobmeyer, S. 25

10 Hanf, S. 163

11 ebd., 163

12 Arsuzi-Elamir, S.112ff.

13 ebd., S. 204

14 Olmert, S. 45

Details

Seiten
11
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640136759
ISBN (Buch)
9783640294992
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113264
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Syrien Mandat Nationalbewegung Proseminar Frankreich Mandatsherrschaft Völkerbund französische Kolonie Levante Nahost

Autor

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Titel: Syrien unter dem französischen Mandat und die arabische Nationalbewegung