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Winckelmann, Antikensehnsucht und Dresdner Antikenkäufe im 18. Jahrhundert

Hausarbeit 2006 28 Seiten

Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Geschichtlicher Hintergrund
1.1 Die Wiedergeburt der Antike
1.2 Die Entstehung von Sammlungen
1.3 Der Barock

2. Dresden
2.1 Der Aufbau der Dresdner Sammlungen unter Friedrich August I
2.1.1 Die Gemäldegallerie
2.1.2 Die Skulpturensammlung
2.2 Die Sammlungen unter Friedrich August II
2.3 Rokoko und Klassizismus in Dresden

3. Johann Joachim Winckelmann
3.1 Zum Leben Winckelmanns
3.2 Winckelmanns Leben und Wirken in Dresden und Nöthnitz
3.2.1 Nöthnitz
3.2.2 Dresden
3.3 Das Dresdner Jahr
3.4 Winckelmann in Italien
3.5 Das Werk und die Bedeutung Winckelmanns

Schlusswort

Bibliographie

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen

Einleitung

„Es war nicht bloß ein neues Schauspiel für Sinne und Geist, nicht bloß ein neuer Inhalt des Wissens. Es war eine ganz andere Art des Wissens, eine Erkenntnis aus Dingen statt aus Büchern, eine Erkenntnis aus Anschauung und Empfindung, statt aus Worten und Begriffen. Diesen Unterschied brachte sich Winckelmann damals mit Leidenschaft zum Bewußtsein: er wurde zu entscheidendem Einfluß auf sein Leben. In dieser neuen Welt findet er endlich sein neues Element. [...] Indem er sich selbst findet, fühlt er zum ersten Mal auch den Antrieb, öffentlich zu sprechen. Schlummernde Kräfte treten nun hervor; und indem der Erfolg das Selbstgefühl weckt, geht ihm das Dasein neu auf; er tritt in das aufgeregte Leben der Künstlerkreise ein: er fühlt sich zum ersten Mal frei und glücklich. Im dankbaren Gefühl dieser seiner Wiedergeburt nennt er noch später, von Rom aus, Sachsen sein geliebtes Land, ja er wirft sich eine Passion, „eine fanatische Liebe gegen Sachsen“ vor.“[1]

In meiner Hausarbeit über Winckelmann, Antikensehnsucht und Dresdner Antikenkäufe im 18. Jahrhundert, gebe ich einen Einblick in die Zeit des Augusteischen Zeitalters, erkläre die Bedeutung der Antike für Dresden und beschreibe das Leben Winckelmanns, das durch Antikensehnsucht, Dresden und seinen Italienaufenthalt stark geprägt wurde.

1. Geschichtlicher Hintergrund

1.1 Die Wiedergeburt der Antike

Zur Zeit der Renaissance, mit dem Auffinden bedeutender antiker Kunstschätze[2], erwachte in Italien das Interesse an der eigenen Vergangenheit. Man studierte Literatur, Architektur und Kunst, alles was Auskunft über Macht und Schönheit des großen Römischen Reiches gab. Die Vorstellungen von der perfekt organisierten Gesellschaft und der weitentwickelten Wissenschaft erweckten eine Sehnsucht nach der alten Lebensweise. Man kopierte Literatur, Architektur und Kunst, und ließ damit die Antike wieder aufleben.

1.2 Die Entstehung von Sammlungen

Gesammelt wurden antike Kunstschätze, vor allem Skulpturen, auch von Künstlern und Gelehrten während des Humanismus’ zu Studienzwecken. Mitte des 16. Jahrhunderts errichteten Fürsten, aber auch reiche Adlige, Sammlungen, um ihre Intellektualität, ihre Finanzkraft und ihre Vorlieben widerzuspiegeln.[3] Unter diesen Gesichtspunkten wurde auch 1560 die Kunstkammer der Dresdner Residenz gegründet[4]. Gerade fürstliche Sammlungen entwickelten eine Form musealer Präsentation, indem sie die Antiken in die Architektur einbanden. Eigens zu diesem Zweck wurden häufig Kabinette und Galerien errichtet und Fassaden, Prunksäle und Skulpturen von Bildhauern ergänzt und überarbeitet. Diesseits der Alpen blieb das Münchner Antiquarium lange Zeit die „einzige monumentale Antikengalerie“.[5]

1.3 Der Barock (1600-1720)

Ebenso wie die Renaissance, wird die Epoche des Barock im Wesentlichen von Italien dominiert. Auch die Gegenreformation, der Totalitätsanspruch der katholischen Kirche und der absolutistische Herrscherkult werden durch die Tradition der Antike bestimmt. Die fürstlichen Prachtbauten und die kirchliche Barockarchitektur verwenden variierte Elemente der antiken Tempel-Architektur, ohne sie völlig preiszugeben. Es geht um Stärke und Demonstration von Macht und Reichtum. Überreichtum, Fülle, Prunk und Protz resultieren aus dem Wunsch zu beeindrucken, dienen aber auch der Einschüchterung.

Man beschäftigte sich zwar auch mit der Sprache und setzte sich mit monumentalen Überlieferungen auseinander, doch lange Zeit blieb die Frage nach historischen Zusammenhängen außer Acht.[6] Natürlich waren die lateinische Sprache und das römische Denken noch allgegenwärtig, doch sie hielten sich im Gleichgewicht mit christlichen Riten und Regeln, die alle Lebensbereiche durchdrangen.

Nach Heres’ Ansicht war die Aufnahme antiken Formen- und Gedankenguts nur im Rahmen dieses kirchlichen Totalitätsanspruchs überhaupt möglich. Vor allem in der plastischen Kunst blieben die über Renaissance und Manierismus tradierten Vorbilder lebendig.[7] Besonders antike Herrscherallegorien gewannen, durch die feudale Herrschaftsstruktur im Barock, eine dominierende Bedeutung und auch Schäferszenen waren sehr beliebt, da sie der Vorstellung einer antiken Idylle entsprachen. Diese Bildsujets waren es auch, die Winckelmanns Interesse am antiken Leben weckten und so rühmte er in seinen ersten sächsischen Jahren besonders die Nymphen und Schäfer van der Werffs Abb.2 und Dietrichs.[8]

2. Dresden

Die Dresdner Architektur wurde bis ins 17. Jahrhundert hinein von der Renaissance dominiert. Das sieht man daran, dass das Schloss, die darum gruppierten Bauten des Hofes und der Stadtkern von einem starken Festungsgürtel umgeben waren. 1679 errichtete Kurfürst Johann Georg II den Großen Garten vor den Mauern der Stadt mit dem eleganten Palais Abb.3. Damit beginnt in Dresden der Barock.[9] Unter Kurfürst Friedrich August I, August dem Starken, wurde die Residenzstadt Dresden zu einer der prächtigsten Städte Europas. Fasziniert von seiner Italienreise und seinem Aufenthalt in Venedig wollte er ein neues, einheitliches und repräsentatives Stadtbild schaffen, indem er die Stadt jenseits der Elbe ausbauen ließ. Neben dem Japanischen Palais entstanden während seiner Herrschaft der Zwinger und das Schloss Pillnitz. Dabei ging es ihm nicht um die einzelnen Bauten, sondern um eine großartige Gesamtplanung, entsprechend den französischen Vorbildern, die den absolutistischen Herrscheranspruch, sowie Macht, Prunk und Glanz demonstrieren sollte.

2.1 Der Aufbau der Dresdner Sammlungen unter Friedrich August I

Zu seinem Regierungsantritt übernahm Friedrich August I ein reiches museales Erbe, um dessen Erhaltung und Vermehrung er stets bemüht war.[10] Um 1719 kümmerte er sich um eine intensive Reorganisation der Dresdner Sammlung und während seiner gesamte Regierungszeit setzte er immer wieder neue Projekte, eine optimale Gliederung und die Aufteilung aller Sammlungsbereiche durch. Dadurch entwickelte er einen ausgeprägten Sinn für die museale Spezifik.[11]

2.1.1 Die Gemäldegalerie

Um 1700 war es an den Fürstenhöfen üblich, Gemälde zu kaufen und Bildgalerien anzulegen. August der Starke folgte also einem Trend seiner Zeit, wenn er in bedeutendem Umfang Gemälde erwarb. Dabei ging es nicht nur um die Liebe zur oder das Wissen über Kunst, sondern auch um die repräsentative Funktion einer Galerie oder Saals im Schloss. Einer der wichtigsten Kunstagenten August des Starken war der Oberhofarchitekt Baron Leplat, der neben einzelnen Werken ganze Kollektionen aus Italien, aber vor allem aus niederländischen und flämischen Städten erwarb. 1722 richtete er die Galerie im Stallgebäude am Jüdenhof mit fast 2000 Gemälden ein.[12]

Durch die Platzierung in Paradezimmern wurden die meisten Neuerwerbungen in das höfische Zeremoniell mit einbezogen, nur wenige wurden zeitweise in der Kunstkammer untergebracht. Die Bildergalerie bestand aus einer langen Hängewand mit gegenüberliegenden Fensterreihen, so konnte sie höfisch-repräsentativ und gleichzeitig museal wirken.[13]

2.1.2 Die Antikensammlung

Zeugnisse antiker Kultur gab es schon in der alten Kunstkammer. Mit der Gründung einer repräsentativen Sammlung von Antiken knüpfte August der Starke an die Berliner Tradition an.[14] Dort war 1703 das Berliner Antikenkabinett als erste komplexe Antikensammlung nördlich der Alpen entstanden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass August der Starke diese kennen lernte und eine ähnliche Sammlung in Dresden besitzen wollte.[15] Bereits 1715 versuchte sein Sohn Friedrich August II antike Statuen aus Rom zu erwerben, aber es gelang ihm erst 1721, einzelne Originale nach Dresden zu holen, so zum Beispiel aus dem Vatikan den Commodus als HerculesAbb.4 mit dem Telephosknaben und den Antinous-Mercur oder aus der Villa Medici den Sien mit dem Bachusknaben und die Aphrodite KallipygosAbb.5. Aber den Kern der Dresdner Antikensammlung bildeten Skulpturen aus der Brandenburgischen Sammlung, Antiken des Kanonikus Giovan Pietro Bellori und des Fürsten Agostino Chigi, die ab 1723 erworben worden waren.[16] Es folgten Antiken des Kardinals Albani[17], mit dessen Ankauf Raymond Leplat beauftragt worden war. Diese machten die Sammlung erst zu einer chose royale.[18] Infolgedessen war die Dresdner Antikensammlung zu einer international bekannten und anerkannten Sammlung herangewachsen, von welcher der Bildhauer Bartholomeo Cavaceppo sagte, dass sie es mit dem Kapitol in Rom aufnehmen, ja um den Vorzug streiten könne.[19]

Die antiken Skulpturen waren von 1728 bis 1785 in einem Pavillon im Großen Garten untergebracht, deren Aufbewahrung Winckelmann in seiner Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung des Schönen stark kritisiert. Zwar gesteht er Dresden den größten Schatz an Antiken aller nicht-italienischen Städte zu, doch könne er „das Vorzüglichste von Schönheit nicht angeben, weil die besten Statuen in einem Schuppen von Brettern, wie Heringe gepacket standen und zu sehen, aber nicht zu betrachten waren. Einige waren bequemer gestellet, und unter denselben sind drei bekleidete weibliche Figuren, welche die ersten herkulanischen Entdeckungen sind“[20]

Die eben erwähnten drei HerkulanerinnenAbb.6, sowie die Antiken des sächsischen Generalfeldmarschalls August Christoph Graf wurden von Leplat um 1740, unter der Regierung Friedrich August II erworben.[21]

2.2 Die Dresdner Sammlungen unter Friedrich August II

Nach dem Tod seines Vaters, der sich als „Bauherr großartiger Stadt-, Palast- und Gartenanlagen [...]“[22] einen Namen gemacht hatte, übernahm Friedrich August II 1733 die Regierung. Da ihm sein enger Vertrauter Heinrich von Brühl „die Last der Geschäfte vollständig abnahm“, konnte sich Kurfürst Friedrich August II, König August III von Polen, ganz seiner Sammelleidenschaft hingeben.[23] Unter ihm erreichte die Gemäldegalerie in nur 30 Jahren einen außerordentlichen Ruf. Aus Modena erhielt er 1745 die besten Bilder, so zum Beispiel Tizians ZinsgroschenAbb.7, Correggios Altarbilder Abb.8 oder auch Holbeins Morette. 1754 erwarb er die Sixtinische Madonna Raffaels Abb.9, die noch heute das Glanzstück der Dresdner Sammlung darstellt. Doch wie bei seinem Vater, ging sein Interesse nicht über das Sammeln hinaus und so bekamen auch die Gemälde keinen angemessen repräsentativen Raum, obwohl er sich fast ausschließlich auf die Gemäldesammlung konzentrierte und die antiken Skulpturen außer Acht ließ.[24]

Politisch befand sich Sachsen damals im Umschwung, denn Brühls Geschäfte beschworen eine innen- und außenpolitische Krise herauf.[25] Auch in der Kunst kam es zu entscheidenden Neuerungen. Francesco Algarotti plante für August III einen Museumskomplex, bei dem zwei neue Aspekte neben den absolutistischen Herrscherkult traten: die Kunstsammlung wird einerseits als Kunsttempel begriffen, „der seine Weihe von antiken Bauformen und Allegorien empfängt und der [andrerseits] vor allem der Bildung, der Erziehung dient“.[26] Das ist es auch, was Winckelmann etwa 10 Jahre später in seinen Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und BildhauerkunstAbb.10 anspricht.

Justi beschreibt die sich wandelnde politische als auch künstlerische Situation zu dieser Zeit sehr treffend: „Auch innerhalb des Zauberkreises dieser fürstlichen Schöpfungen hatte sich bereits der Zweifel geregt und erhob sich mit wachsender Zuversicht, ähnlich wie jene demokratischen Ideen mitten in dem noch unangefochtenen Walten fürstlicher Allmacht“.[27] Damit wird deutlich, dass nicht Winckelmann diese neue Meinung nach Dresden brachte, sondern „nur“ von ihr ergriffen wurde, und dass er der erste war, der darum kämpfte sie durchzusetzen. „Unter diesen [seinen] Schriften sind diese Dresdner auch die einzigen geblieben, die an die Kunst der Zeit sich richteten und auf sie praktisch einzuwirken beanspruchten“[28]

[...]


[1] Brief an Stosch, 30. August, Justi 1955, S.7-8.

[2] zum Beispiel wurde 1506 der LaokoonAbb.1 gefunden, der von da ab die Kunst stark beeinflusste.

[3] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.28.

[4] Sekundarquelle: Vgl. Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert 1991, S.29.

[5] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.77.

[6] Heres 1989, S.9.

[7] Heres 1989, S.9.

[8] Heres 1989, S.10-11; Heres: Winkelmann in Sachsen, 1991, S.74.

[9] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.27.

[10] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.35.

[11] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.28.

[12] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.63.

[13] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.63.

[14] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.77.

[15] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.77.

[16] Justi 1955, S.43.

[17] Justi spricht vom Erwerb von 32 Antiken, während Heres vom Ankauf von 34 spricht Vgl. Justi 1955, S.43 und Heres 1991, S.79.

[18] Justi 1955, S.43.

[19] Justi 1955, S.43-44.

[20] Winckelmann in Justi 1955, S.45.

[21] Zimmermann 1977, S.48-49.

[22] Justi 1955, S.21.

[23] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.55.

[24] Zimmermann 1977, S.54.

[25] Heres: Winkelmann in Sachsen, 1991, S.57.

[26] Heres: Dresdner Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert, 1991, S.100.

[27] Justi 1955, S.21.

[28] Justi 1955, S.22; Heres: Winkelmann in Sachsen, 1991, S.110.

Details

Seiten
28
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640136629
ISBN (Buch)
9783640386802
Dateigröße
2.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113203
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Winckelmann Antikensehnsucht Dresdner Antikenkäufe Jahrhundert Proseminar Dresden Italien

Autor

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Titel: Winckelmann, Antikensehnsucht und Dresdner Antikenkäufe im 18. Jahrhundert