Lade Inhalt...

Die richtig in Ordnung sind

Rassismus und Sozialdarwinismus als Droge. Das lange Nachwirken gesellschaftlicher Gifte

Essay 2000 9 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Die richtig in Ordnung sind<

Rassismus und Sozialdarwinismus als Droge: Das lange Nachwirken gesellschaftlicher Gifte

(Erschienen: in: zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, Heft 12/2000, S. 10-12.)

Auch das Deutschland der 30er Jahre hatte seine Droge: Rassismus und Gewalt - und den Sozialdarwinismus, der auf leiseren Sohlen daherkam. Rassismus und Gewalt werden heute öffentlich bekämpft. Sozialdarwinismus (dagegen) scheint in den Annalen der Geschichtsschreiber zureichend entsorgt.

Derweil beobachten wir das paradoxe Phänomen, daß der Nationalsozialismus um so größere Schatten wirft, je weiter wir uns zeitlich von ihm entfernen.

Die Angst vor diesen Schatten wird von den neuen rechtsradikalen Gewalttätern systematisch genutzt. Und kaum übersehbar ist auch: Der Politik fehlt es im Umgang mit dem rechtsradikalen Rassismus offenbar an Mitteln, die über den Tag und den Anlaß hinausweisen.

Rassismus ist eine Droge die Gewalt hervorbringt und diese nach außen verbreitet. Und deshalb ist seine Wirkung für alle lebensgefährlich, die sich (wie heute alle fremdartig Ausehenden) außerhalb einer rassistisch definierten Gemeinschaft befinden oder aber (wie 1935 die Juden) dorthin gesellt werden. Ob zum Beispiel ein NPD-Verbot dazu beitragen wird, der rechtsextremistischen Gewaltszene wirksam Einhalt sie gebieten, ist für alle diejenigen unter uns, die das Stigma des vermeintlich Fremdartigen tragen, von entscheidender, vielleicht sogar von lebenswichtiger Bedeutung.

Und dennoch wird das gesellschaftliche Problem, dadurch lediglich entschärft, aber keineswegs gelöst. Nicht etwa deshalb, weil sich durch die Illegalisierung der militante Rechtsextremismus möglicherweise verschiebt und dadurch, wie einige Kritiker meinen, viel schwieriger erkennbar- und greifbar wird. Viel gefährlicher erscheint mir die Aussicht, daß viele Politiker das Problem mit dem Verbot als erledigt betrachten werden. Obwohl sie damit im Kern nur eine kleine gesellschaftliche Handgranate entschärft bzw. einigen politisch bedeutungslosen Klein-Dealer ihr Handwerk gelegt haben.

Die Droge, die sie im Angebot haben, heißt Rassismus und Gewalt. Aber gegen diese Droge ist die deutsche Gesellschaft bereits seit dem 8. Mai 1945 immun, als dem nationalsozialistischen Drogenrausch der, wie er noch Jahrzehnte später in der Alltagssprache genannt wurde, >Zusammenbruch< folgte.

Alle Re-Educationsmaßnahmen - von den Nürnberger Prozessen bis zur antifaschistischen Pädagogik der altbundesdeutschen Gesamtschulen - liefen darauf hinnaus, die Westdeutschen mit ihren im Rassismus- und Gewaltrausch begangenen Verbrechen zu konfrontieren. Das war zwar moralisch notwendig, therapeutisch jedoch wenig effektiv, zumal die Deutschen zwischen 1933 und 1945 noch mit einer anderen, für Normalbürger viel schwerer zu handhabenden Droge Umgang gehabt haben.

Wer überlebt, hat recht

Schon am Ende der Weimarer Republik hatten die Nationalsozialisten, neben dem Rassismus eine zweite Droge im Angebot, durch die sie zum Groß-Dealer wurden: den Sozialdarwinismus.

Diese Droge hieß damals selbstverständlich nicht so. Denn unter ihrem wirklichen Namen hätte sie der breiten Bevölkerung und speziell >dem deutschen Arbeiter< nicht einmal von der sogenannten >Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei< verkauft werden können.

Der Sozialdarwinismus war nämlich ursprünglich eine Entdeckung des zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals beschlich selbst die wohlgesonnenen Teile des Bürgertums, angesichts des quantitativen Anwachsens und der selbstbewußter werdenden Interessenvertretung des Industrieproletariats, ein immer tieferes Gefühl der Bedrohung, das die Arbeiter als wilde Tiere erscheinen ließ.

[...]

Details

Seiten
9
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783640133192
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113113
Note
Schlagworte
Ordnung

Autor

Zurück

Titel: Die richtig in Ordnung sind