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Begrenzte Rationalität und schnelle, einfache Heuristiken

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 18 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Kurze Geschichte der Entscheidungsforschung

3) Rationalitätsformen nach Gigerenzer
3.1 Übersicht
3.2 „Dämonen“
3.2.1 Vollständige Rationalität
3.2.2 Optimierung unter Einschränkungen
3.3 Begrenzte Rationalität
3.3.1 Befriedigendes Problemlösen
3.3.2hnelle und einfache Heuristiken
3.4 Gegenüberstellung: vollständige und begrenzte Rationalität

4)shnelle und einfache Heuristiken
4.1 Ignorance-based Decision Mechanisms
4.2 One-reason Decision Mechanisms
4.3mple Categorizing Mechanisms That Use More Than One Cue
4.4mple Heuristics Forquentialarch Through Alternatives
4.5 Anwendungsbeispiel: Rekognitions-Heuristik am Aktienmarkt

5) Fazit

Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Entscheidungen sind in unserem Leben allgegenwärtig. In unserem Alltag treffen wir ständig eine Vielzahl von Entscheidungen. Diese reichen von relativ „trivialen“ Entscheidungen, wie „Was ziehe ich heute an?“, „Was esse ich heute?“,

„Welchen Joghurt kaufe ich?“, bis zu „essentiellen“ Entscheidungen wie „Welchen Studiengang wähle ich?“, „Welchen Partner wähle ich?“ oder „Wie lege ich gewinnbringend mein Geld an?“, die meist weitreichende Folgen nach sich ziehen. Aber nicht nur auf individueller Ebene werden Entscheidungen getroffen, auch auf kollektiver Ebene sind sie von großer, oft geschichtsträchtiger Bedeutung. Unternehmen treffen Entscheidungen über die Verwendung ihres Budgets oder die Entlassung von Mitarbeitern, Politiker treffen Entscheidungen über die Erlassung von Gesetzten oder den Beginn eines Krieges. Entscheidungssituationen, d. h., Situationen in denen wir aus einer Zahl von Alternativen wählen müssen, unterscheiden sich in den Anforderungen, die sie an uns stellen. Diese sind u. a. abhängig von der Anzahl der vorhandenen Alternativen, von den möglichen Folgen, welche die Entscheidung nach sich ziehen kann oder ob die Situation bereits bekannt oder neu für uns ist.

Auf die Frage, wie solche Entscheidungen getroffen werden, versucht die vorliegende Arbeit Antwort zu finden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Konzept der begrenzten Rationalität nach Herbert A. Simon als Gegenentwurf zum klassischen Konzept der vollständigen Rationalität. Begonnen wird mit einem kurzen Blick auf die Geschichte der Entscheidungsforschung. Seit wann gibt es diese? Wo liegen ihre Wurzeln? Welche wichtigen Theorien brachte sie hervor? Darauf folgend werden die zwei grundlegenden Rationalitätsformen, die vollständige und die unvollständige Rationalität, vorgestellt. Daran anschließend werden die Hauptkonzepte der begrenzten Rationalität, das befriedigende Problemlösen („Satisficing“) und die schnellen und einfachen Heuristiken, näher untersucht, wobei der Schwerpunkt auf letzteren liegt. Sie werden unter Punkt vier näher vorgestellt. Der Beleg, dass unter der Annahme begrenzter Rationalität erfolgreiche Entscheidungen getroffen werden können, erfolgt abschließend am Beispiel einer Untersuchung der ABC Forschergruppe.

2) Kurze Geschichte der Entscheidungsforschung

„Unter „Entscheidung“ wird ganz allgemein die (mehr oder weniger bewusste) Auswahl einer von mehreren möglichen Handlungsalternativen verstanden“ (Laux, 2005: 1).

Die Entscheidungstheorie bzw. Entscheidungsforschung ist die „Lehre von Entscheidungsinhalten, -prozessen und vom Entscheidungsverhalten bei Individual- oder Kollektiventscheidungen“ ( http://lexikon.meyers.de/meyers/Entscheidungstheorie).

Es wird unterschieden zwischen deskriptiver Entscheidungsforschung, welche das Zustandekommen von Entscheidungsprozessen empirisch untersucht und das Entscheidungsverhalten von Entscheidungsträgern beschreibt, und präskriptiver

Entscheidungsforschung (Ehrenberg, 2001: 185f.). Diese trifft normative Aussagen, d. h. sie stellt Regeln über die Analyse und Bewertung von Handlungsalternativen auf, unter der Annahme der Beachtung der Grundpostulate rationalen Verhaltens durch die Entscheidungsträger.

Trotz der in der Einleitung bereits angesprochenen immensen Bedeutung von Entscheidungs- und Entscheidungsfindungsprozessen, gibt es die Entscheidungsforschung als eigene wissenschaftliche Disziplin erst seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals bestand ein großes Interesse an kognitiver Psychologie, insbesondere im Bereich der „Gedächtnisforschung“, Denkprozessen, und Problemlösungsprozessen (Arkes, Connolly, Hammond, 2000: 3). Zu dieser Zeit hielt die Computertechnologie verstärkt Einzug in die Wissenschaft und so wurde es u. a. möglich, menschliche Informations- verarbeitungsprozesse am Computer zu simulieren.

Die Wurzeln der Entscheidungsforschung reichen sogar bis ins 18. Jahrhundert zurück und finden sich in drei unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen: in der Philosophie mit dem Utilitarismus nach Jeremy Bentham (1748-1832) in der Ökonomie mit dem homo oeconomicus nach John Stuart Mill (1806-1873), dessen Anfänge sich auch schon beim schottischen Moralphilosophen Adam Smith (1723-1790) finden lassen und in der Mathematik mit der Wahrscheinlichkeitstheorie nach Jakob Bernoulli (1654- 1705) und Pierre-Simon Laplace (1749-1829). Der Utilitarismus bewertet eine Handlung nur in Hinblick auf ihren Nutzen. „Moralisch gut handelt, wer den Nutzen [...] unter dem Gesichtspunkt des Interesses der Allgemeinheit maximiert“ (Jungermann, Fischer, Pfister, 1998: 4). Die Philosophie modifizierte diese Sichtweise und entwarf mit dem homo oeconomicus einen egoistischen, rational und nutzenmaximierend handelnden, vollständig informierten Akteur mit stabiler Präferenzordnung, der gerade durch diese Eigenschaften dem Wohle der Allgemeinheit dient. Die Mathematik ermöglichte schließlich die Verbindung von Nutzen- und Wahrscheinlichkeitstheorie.

Zu einer der ersten Theorien auf dem Gebiet der Entscheidungsforschung als eigene wissenschaftliche Disziplin gehört die „Erwartungs-Nutzen-Theorie“ (EU-Theorie) von Oskar Morgenstern und John von Neumann (Jungermann, Fischer, Pfister, 1998: 5). Dieser Theorie zufolge berechnet sich der Wert einer Alternative als Produkt aus der Wahrscheinlichkeit der zu erwartenden Konsequenzen und dem Wert dieser Konsequenzen. Eine rationale Wahl ist in diesem Sinne die Wahl der Alternative, mit dem höchsten Produkt aus Auftrittswahrscheinlichkeit und Nutzen. Die EU-Theorie basiert auf dem Akteur als klassischem homo oeconomicus. Um eine psychologische Komponente erweitert wurde diese Theorie durch Leonard Savage und ist bekannt als „Theorie des subjektiv erwarteten Nutzens“ (SEU-Theorie). Wie der Name bereits besagt, berechnet sich der Wert einer Alternative laut dieser Theorie aus dem Produkt der subjektiv erwarteten Auftrittswahrscheinlichkeit und des subjektiv erwarteten Nutzens dieser Alternative. Einer der wichtigsten Gegenentwürfe zur „Erwartungs-Nutzen-Theorie“ ist die „Prospect Theory“ von Daniel Kahnemann und Amos Tversky. Sie versucht ein realistischeres Bild des Entscheidungsprozesses zu zeichnen, indem sie Situationen der Unsicherheit berücksichtigt, d. h. Alternativen, deren Ausgang bzw. deren Konsequenzen ungewiss sind.

Die Entscheidungsforschung ist ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, mit welcher sich heute eine einer Vielzahl von Wissenschaften befasst: die Ökonomie, die Mathematik, die Psychologie, die Philosophie, die Rechtswissenschaften, die Medizin und die Ingenieurswissenschaften (Jungermann, Fischer, Pfister, 1998: 5f.).

3) Rationalitätsformen

3.1 Übersicht

Was ist Rationalität? Hillmann definiert sie als „Orientierungsprinzip für individuelles und soziales Handeln“ (Hillmann, 2006: 728), der Duden als „Vernünftigkeit“ oder „von der Vernunft geleitetes Verhalten“ (Duden, 2006: 831). Laut Diekmann und Voss hingegen kann man „Rationalität [...] definieren als Handeln in Übereinstimmung mit den Annahmen (Axiomen) einer Entscheidungstheorie.“ „Da es mehrere Entscheidungstheorien gibt, gibt es entsprechend auch mehrere Rationalitätsbestimmungen“ (Diekmann, Voss, 2004: 13).

Somit gibt es nicht die eine Rationalität, sondern viele verschiedene Arten von Rationalität. Gerd Gigerenzer wagte eine Einteilung der verschiedenen Rationalitätsarten (Gigerenzer, Todd, 1999: 7):

Abb. 1: Arten von Rationalität

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zunächst unterteilt er Rationalität grob in „Dämonen“, als Anspielung auf die „menschliche Superintelligenz“ nach Pierre-Simon Laplace (Gigerenzer, 2001: 37) und in eingeschränkte Rationalität. Zu den „Dämonen“ zählen das Konzept der vollständigen Rationalität sowie das Konzept der Optimierung unter Einschränkungen. Die eingeschränkte Rationalität unterteilt er weiter in befriedigendes Problemlösen (satisficing) und schnelle und einfache Heuristiken.

3.2 „Dämonen“

Wie bereits erwähnt, spielt Gigerenzer mit „Dämonen“ auf die „menschliche Superintelligenz“ nach Pierre-Simon Laplace (1749-1827) an. Der Physiker entwarf 1814 das Weltbild der klassischen Physik, welches er wie folgt beschrieb:

"Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge seines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiß; Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen. Der menschliche Geist bietet in der Vollkommenheit, die er der Astronomie zu geben gewußt hat, ein kleines Abbild dieser Intelligenz". (Höfling, 1981: 387)

Die Konzepte der vollständigen Rationalität und der Optimierung unter Einschränkungen übernehmen dieses Weltbild und gehen davon aus, dass die menschliche Vernunft eine Art „Superintelligenz“ mit unbegrenzten Ressourcen an Zeit, Wissen sowie einem unbegrenzten Rechenvermögen ist (Gigerenzer, 2001: 37). Damit stellen sie den Menschen auf eine Stufe mit Gott, sie sehen ihn als gottähnlichen Dämon, als überirdische Macht (Gigerenzer, 1999: 9).

3.2.1 Vollständige Rationalität

Das Konzept der vollständigen oder auch globalen Rationalität basiert auf dem „Laplace- Dämon“. Der vollständig rationale Akteur hat unbeschränkten Zugang zu Informationen, unbeschränkte Kapazitäten der Informationsverarbeitung sowie ein unbeschränktes Erinnerungsvermögen. Ziel seiner Handlungen ist die Maximierung seines Nutzens, bzw. eine Optimierung. Damit entspricht er im Wesentlichen dem klassischen Modell des homo oeconomicus. Kosten der Suche nach Informationen bleiben in diesem Modell unberücksichtigt. Auch beschreibt dieses Konzept nicht, wie Menschen tatsächlich denken. Der eigentliche Prozess, welcher in einer Entscheidung mündet, findet keine Berücksichtigung.

Auf Grund dieser Schwächen geriet das Konzept im 20. Jahrhundert massiv unter Kritik und wurde vielfach als „unrealistisch“ bezeichnet. Dies betrifft insbesondere den Zu den bekanntesten Theorien, welche das Konzept der „vollständigen Rationalität“ anwenden, gehören die SEU-Theorie (s. S.4) sowie das Bayes-Modell, bzw. Bayes-Theorem, benannt nach dem Mathematiker Thomas Bayes (1702-1761). Dieses zeigt einen der Weg der Berechnung bedingter Wahrscheinlichkeiten auf und ermöglicht es, Schlussfolgerungen in Situationen mit Unsicherheit zu ziehen.

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Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640133024
ISBN (Buch)
9783640134823
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113078
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Soziologie I
Note
1,0
Schlagworte
Begrenzte Rationalität Heuristiken Sozialstruktur Rational Choice Theorien

Autor

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Titel: Begrenzte Rationalität und schnelle, einfache Heuristiken