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Unsichtbarkeit im Medium Film am Beispiel von "The Sixth Sense", "The Village" und "Cube"

Seminararbeit 2007 31 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I . Einleitung

II. Der Film als unsichtbares Medium, das etwas sichtbar macht

III. The Sixth Sense
III. 1) Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Sie wissen nicht, dass sie tot sind.
III. 2) Der sechste Sinn
III. 3) No quiero morir - die Illusionen der Toten

IV. The Village
IV. 1) Schein und Sein
IV. 2) Die Unaussprechlichen
IV. 3) Ivys Blindheit

V . Cube
V. 1) Das Wie und das Warum
V. 2) Der Kubus und seine Gefangenen
V. 3) Das offene Ende

VI. Schluss

Quellenangabe

I . Einleitung

Den Unsichtbaren beweist uns all das, was sichtbar ist[1] .

Diese Aussage von Euripides zeugt davon, dass schon die alten Griechen der Ansicht waren, dass Sichtbarkeit die Evidenz für die Existenz des Unsichtbaren ist. Sie ist auch ein Indikator dafür, dass das Phänomen der Unsichtbarkeit seit jeher eine große Faszination auf die Menschen ausübte. Der Glaube an Dämonen, Geister und Engel, stets anwesende, aber nicht sichtbare Wesen, durchwanderte die Geschichte wie es Kriege, Krankheiten und berühmte Königshäuser taten. Unsichtbarkeiten sind Bestandteil jahrhundertealter sowie auch der neusten Medien: die Tarnkappe aus den Nibelungen, die Nebel von Avalon, der Herr der Ringe, Geister und Maschinen, die Menschen und Dinge unsichtbar machen.

Doch Unsichtbarkeiten begegnen uns in den Medien nicht nur in Form von Geistern oder Menschen, die durch bestimmte Attribute unsichtbar werden. Es gibt viele verschiedene Arten und Facetten der Unsichtbarkeit.

Der Film als Medium, dessen Hauptausrichtungspunkt die visuelle Wahrnehmung ist, spielt ständig mit Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten. Bei den im Folgenden besprochenen Filmen spielen Unsichtbarkeiten eine dominierende Rolle und sind größtenteils mit psychologischen Faktoren verknüpft. Handelt es sich um ein Nicht-sehen-können oder um ein Nicht-sehen-wollen? Welche Denkmuster behindern die Wahrnehmung?

Eine Besonderheit von „The Sixth Sense“, „The Village“ und „Cube“ ist, dass der Zuschauer den Unsichtbarkeiten ebenso ausgeliefert ist wie die Protagonisten. Es ist längst nicht mehr üblich im Film die traditionelle Montageform einzusetzen, die dem Zuschauer eine allwissende Position ermöglicht. Er hat zwar eine Außenposition, aber dennoch ist er mitten im Geschehen, da er sich genau in die selbe Situation versetzt sieht, wie die Protagonisten - er ist ahnungslos. Es gibt keine Verweise auf die Zukunft, keine Erklärungen, der Zuschauer unterliegt den selben Wahrnehmungs-täuschungen wie die Protagonisten.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit der Frage, in welcher Form Unsichtbarkeiten in den Filmen „The Sixth Sense“, „The Village“ und „Cube“ auftauchen. Sie analysiert die Wirkung von Unsichtbarkeiten auf die Protagonisten und auf den Zuschauer und untersucht, in welcher Weise der Zuschauer mit den Unsichtbarkeiten konfrontiert wird.

II. Der Film als unsichtbares Medium, das etwas sichtbar macht

Während ich mich vordergründig damit beschäftigen werde, wie Unsichtbarkeiten in den verschiedenen Filmhandlungen thematisiert werden, so möchte ich an dieser Stelle kurz darauf eingehen, warum Unsichtbarkeiten im Medium Film an sich unabdingbar sind.

Der Film ist eine sehr komplexes Medium; viele Faktoren wirken zusammen bis es zu einer Kino- oder Fernsehpremiere kommen kann. Am Entstehungsprozess sind u.a. Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler, Maskenbilder, Kostümdesigner und Art Direktoren, Musiker, Tontechniker und Kameraleute beteiligt. Ein Filmdreh ist immer ein sehr großes Projekt; doch die meisten dieser Mitarbeiter und ihre Arbeitsmaterialien bleiben für den Zuschauer unsichtbar, trotzdem sie bei dem Dreh häufig anwesend sind.

Doch genau das ist die Voraussetzung, dass ein Film als solcher funktionieren kann. Ein Filmteam ist immer darum bemüht, dass der Zuschauer, wenn er das Endprodukt ansieht, möglichst nichts davon merkt, dass rund um die Schauspieler eine ganze Gruppe von Leuten und technischen Geräten platziert ist, die alle dazu beitragen, dass der Film als solcher sichtbar wird.

Jedem Zuschauer sind diese Tatsachen bewusst, wenn er sich einen Film anschaut. Bei dem Prozess des Filmsehens jedoch wird seine Aufmerksamkeit auf die Geschehnisse der Filmhandlung gelenkt und er vergisst dabei das ganze Rundherum. Bei ihm entsteht die Illusion, dass sich vor seinen Augen etwas Reales, etwas Wirkliches und nicht etwas Gemachtes abspiele. Durch spezielle filmische Tricks wird diese Illusion intensiviert: By means of suture, the film-discourse presents itself as a product without a producer, a discourse without an origin. It speaks. Who speaks? Things speak for themselves and of course, they tell the truth. Classical cinema establishes itself as the ventriloquist of ideology[2] .

Und genau diese Illusion des Realen ist der Effekt, auf den Regisseure und Filmemacher sehr viel Wert legen. Ihre Werke sollen möglichst glaubhaft, möglichst realistisch sein. Aufnahmen im Studio sollen nicht als solche erkennbar sein; technische Geräte, die am Bildrand zu sehen sind, gelten als gravierender Kunstfehler; und niemals darf der Zuschauer merken, dass sein Blick durch die Kameraführung gelenkt wird, es sei denn, es ist künstlerische Absicht und der Thematik angemessen. Von allem, was den Film letztendlich sichtbar macht, darf im Film keine Spur sein. Die Kameras, die Kameraleute, die Beleuchtung, die Mikrophone usw. bleiben für den Zuschauer im Verborgenen. Er soll in dem Prozess des Filmsehens nicht gestört oder abgelenkt werden. Seit einiger Zeit ist es jedoch üblich, dass man einen Extra-Dokumentar-Film dreht, meist als “Hinter den Kulissen” betitelt, der zeigt, wie der Film zustande gekommen ist.

Ein Film enthält noch weitere Elemente, die für den Zuschauer bzw. für das menschliche Auge generell unsichtbar bleiben. Er suggeriert dem Zuschauer, dass sich auf der Leinwand oder dem Bildschirm etwas bewege. Das Gesehene aber setzt sich aus Tausenden von schnell hintereinandergeschalteten Bildern zusammen, die wiederum aus Millionen von kleinen Bildpunkten bestehen, die wir Menschen nicht mit bloßem Auge wahrnehmen können. Es ist das menschliche Auge, das die Bilder zusammensetzt und Bewegung in sie bringt. Die “fehlerhafte” menschliche Wahrnehmung vollendet den Film.

III. The Sixth Sense

III. 1) Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Sie wissen nicht, dass sie tot sind.

“The Sixth Sense” ist ein Film über das Leben und den Tod. Die Thematik rührt an elementare philosophische Fragen sowie an seltene psychologische (oder metaphysische?) Phänomene. Was ist nach dem Tod? Jeder, der versucht hat, darauf eine wissenschaftlich belegbare Antwort zu finden, hat sich zu irgendeinem Zeitpunkt in Thesen und Annahmen verstrickt. Sind (lebende) Menschen überhaupt in der Lage, diese Frage zu beantworten?

Es gibt unglaublich viele verschiedene Entwürfe und Vorstellungen von einem möglichen Nachleben; viele von ihnen sind in Filmen dargestellt und verarbeitet worden.

Auch “The Sixth Sense” präsentiert einen “Vorschlag”, wie das Leben nach dem Tod aussehen könnte. Viele Menschen fürchten den Tod, weil sie das Sterben mit Schmerzen verbinden und sie die große Ungewissheit, die Angst vor der Leere überwältigt. Doch was wäre, wenn der Tod “bloß” das vertraute Leben abbilden würde; wenn man nicht merken würde, dass man tot ist und in diesem Glauben einfach so wie bisher weiterleben würde? Gibt es kaum eine schrecklichere Vorstellung?

Das Ganze erinnert ein wenig an Roussels Locus solus, in dem Tote Szenen ihres eigenen Lebens [imitieren]: >> Und die Illusion des Lebens war vollkommen: Beweglichkeit des Blicks, beständige Tätigkeit der Lungen, Sprache, Bewegungen, Gang, nichts fehlte. << Es handelt sich dabei >> um dasselbe Leben, nicht aber um das Leben selbst <<[3].

Eine Illusion des Lebens? Lässt man sich auf diese Vorstellung ein, so könnte man hier mit Merlau-Ponty einwenden, dass selbst wenn man davon ausgeht, [...], daß das Imaginäre der Fülle des Wahrgenommenen niemals gleichkommen kann, daß es niemals zu derselben Gewißheit führt wie die Wahrnehmung [...], so [dennoch folgende Probleme bleiben]: wenn wir unsere Anhaltpunkte verlieren können, ohne es zu wissen, so können wir auch niemals ganz sicher sein, sie zu haben, während wir sie zu haben glauben; wenn wir uns, ohne es zu merken, aus der Wahrnehmungswelt zurückziehen können, so beweist uns nichts, daß wir jemals in ihr sind, daß das Beobachtbare jemals ganz in ihr ist oder daß es aus einem anderen Gewebe verfertigt ist als der Traum[4] . Wie kann man also jemals sicher sein, dass man selbst existiert, dass man lebt, wenn es doch bloß eine Illusion des Lebens sein könnte?

Doch Merleau-Ponty findet sich nicht damit ab, dass es für die Existenzen keine Beweise gibt. Er führt seinen Gedankengang fort und kommt zu dem Schluss, dass es eine einzige, sinnlich wahrnehmbare Welt gibt, von der die Überschneidungen der Privatwelten zeugen: das Sein ist dieses seltsame Übergreifen, das bewirkt, daß mein Sichtbares - obwohl es nicht mit dem des Anderen deckungsgleich ist - dennoch für dieses offen ist, daß alle sich zu der selben sinnlichen Welt hin öffnen[5] . Die Verständigung macht uns zu Zeugen einer einzigen Welt, ebenso wie die Synergie unserer Augen bewirkt, daß wir ein einziges Ding sehen[6] . Die Kommunikation erlaubt es den Menschen, ihre Erfahrungen der sinnlich wahrnehmbaren Welt zu vergleichen und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede abzuwägen.

In “The Sixth Sense” aber stellt Kommunikation, der Austausch über die sinnliche Wahrnehmung, ein Problem für den jungen Cole dar. Wenn er über das spricht, was er sieht, hält man ihn für verrückt, da niemand seine Wahrnehmung teilt. Für alle Menschen in Coles Umgebung sind die Toten unsichtbar. Also wird es für ihn zur Gewohnheit, nicht darüber zu sprechen. Auch der Kinderpsychologe Malcolm Crowe glaubt seinem Patienten nicht, wenn dieser ihm endlich eröffnet, dass er Tote sehen könne. Bis zu der im Folgenden beschriebenen Szene sind die Toten auch für den Zuschauer unsichtbar und infolgedessen nicht existent. Dieser wird langsam darauf vorbereitet, die Perspektive Coles einzunehmen. War er schon in der Lage, die Stimme der Toten zu hören, als Coles Geheimnis noch das seine war, so kommt es nun über den Umweg stellvertretender Sichtbarkeiten schließlich zu einer vollkommenen Sichtbarkeit. Der Kameraausschnitt zeigt einen Temperaturregler, die Temperatur sinkt plötzlich drastisch. Wenn sie böse sind, dann wird es kalt. Der Temperaturregler ist Evidenz für die Anwesenheit eines Toten und damit eine stellvertretende Sichtbarkeit, auch wenn der Zuschauer erst später erfährt, dass die Toten den Temperaturabfall bewirken. Die nächste Einstellung zeigt Cole von hinten vor der Toilette; im Vordergrund ist der Türrahmen. Eine verschwommene Gestalt bewegt sich schnell durch das Bild, an der Tür vorbei, und verschwindet wieder, während ein schlagartiger greller Ton erklingt. Cole folgt der Gestalt; die Kamera nimmt Coles Perspektive ein: offensichtlich befindet sich jemand in der Küche, da das Licht brennt und entsprechende Geräusche verraten, dass Schubladen geöffnet werden. Der Kameraausschnitt zeigt das Gesicht von Cole; er sagt fragend: Mama? An diesem Punkt erwartet der Zuschauer schon nicht mehr, im nächsten Moment Coles Mutter zu sehen, was durch Coles ängstliche Haltung und die spannungsgeladene Hintergrundmusik bewirkt wird. Die Kamera nimmt wieder Coles Perspektive ein und zeigt eine Frau von hinten, die sich im selben Augenblick umdreht. Die Frau hat große Blutergüsse im Gesicht; sie redet mit Cole, wobei sie ihn offensichtlich nicht als Cole wahrnimmt, sondern als ihren, vermutlich ebenfalls bereits verstorbenen, Ehemann. Die Illusion ihres eigenen Lebens. Der Perspektivenwechsel ist ein filmischer Trick, der dem Zuschauer in dem Fall verständlich macht, dass in der fiktiven Realität des Filmes Geister existieren und dass Cole sie wahrnehmen kann. Der Zuschauer lässt sich auf diese Realität ein und verfolgt nun, wie auch Malcolm Crowe sich dieser Tatsache bewusst wird, obwohl ihm nicht die Möglichkeit gegeben ist, Coles Perspektive einzunehmen.

Allerdings wird auch nach dieser Szene Coles Perspektive nur unzulänglich auf den Zuschauer übertragen. Die Gestalt der Malcolm Crowe zeigt die Kamera beispielsweise nie vollständig mit Coles Augen. Die Illusion Malcolms geht nahtlos auf den Zuschauer über. Er nimmt größtenteils die, in der Realität des Filmes, verzerrte Sichtweise Malcolms ein, wodurch ihm dessen Entdeckung am Ende des Filmes auf besonders eindringliche Weise nahegebracht wird. Und doch steckt “The Sixth Sense” voller Andeutungen und Hinweise auf den Ausgang: Cole läuft zunächst vor Malcolm davon; er redet in der Gegenwart seiner Mutter Lynn nicht mit ihm; Lynn ignoriert Malcolm völlig. Bis zum Schluss bleiben außerdem folgende Fragen offen: Was ist mit Malcolm passiert, nachdem Vincent auf ihn geschossen hat? Die Bildaufschrift am Anfang der darauffolgenden Szene lautet: The Next Fall. Diese Bemerkung verrät allerdings kaum etwas über die vergangene Zeitspanne, da bei der ersten Szene keine Zeitangabe gemacht wurde. Soll diese Angabe also nur suggerieren, dass Malcolm einige Zeit brauchte, um sich von seiner Verletzung zu erholen? Und warum gelingt es Malcolm nicht mehr, die Tür zu seinem Büro zu öffnen - eine Szene, die mehrmals gezeigt wird? Die genannten Hinweise und offenen Fragen müssten den Zuschauer eigentlich misstrauisch machen. Doch wenn man ehrlich ist, hat man als Zuschauer keinen derselben bewusst wahrgenommen oder den Schluss, den die finale Szene entdeckt, vorausgesehen. Das hängt damit zusammen, dass sich der Zuschauer, um den Film zu verstehen, seines Vorwissens bedient, was auch die Orientierung an verinnerlichten Mustern der Filmform mit einschließt. Diese Muster werden als automatisierte und im Gedächtnis internalisierte Datenstrukturen oder “Schemata” aufgefasst, welche die Informationsverarbeitung organisieren. Formelemente, Genres, Stereotypen etc. können als Schemata fungieren, die Zuschauer nutzen, um den Film zu verstehen[7] .

Und Tote sind gewöhnlich nicht die Hauptfiguren in einer Filmhandlung. Kleine Unstimmigkeiten übersieht der Zuschauer schnell. “The Sixth Sense” konfrontiert die Zuschauer zu Beginn mit den Problemen der Hauptfiguren: zum einen gibt es Malcolm, einen Kinderpsychologen, der einem seiner Patienten nicht helfen konnte und der nun eine zweite Chance zu bekommen scheint; und dann gibt es Cole, einen kleinen Jungen, der sehr unter seiner Gabe leidet, der Fähigkeit, Tote zu sehen. Für den Zuschauer steht fest: die beiden werden sich gegenseitig helfen. Bis zum Schluss hin entwickelt sich die filmische Handlung auch entsprechend der Erwartungen des Zuschauers: Cole lernt durch Malcolm seine Gabe zu kontrollieren und ein normales Leben zu führen, was in einer Schulaufführung gipfelt, in der Cole die Hauptrolle spielt; Malcolm hat seine zweite Chance ergriffen und seinen Fehler beglichen - die ideale Voraussetzung, um auch die Beziehung zu seiner Frau zu retten. Der Film könnte an dieser Stelle enden.

Doch dann kommt es zu einem Erwartungsbruch; es ist sein eigener Ehering, der Malcolm verrät, dass er selbst einer der Toten ist, vor denen sich Cole so fürchtete. Diese Entdeckung überrascht den Zuschauer gleichermaßen wie die Figur des Malcolm selbst. Die finale Szene ist für den Zuschauer mit einem Aha-Erlebnis verbunden. In Rückblenden wird ihm ins Gedächtnis gerufen, in welchen Szenen besonders deutlich auf Malcolm eigentliche Situation hingewiesen wurde. Sie erklären, warum einige Zusammenhänge in dem Film nicht ganz nachvollziehbar waren. Dass die Kommunikation zwischen ihm und Anna einen totalen Tiefpunkt erreicht hat, erklärt sich Malcolm dadurch, dass sie sauer ist, weil er sich immer mehr zurückgezogen hat. Nach dem Vorfall mit Vincent spricht Anna aber nur ein einziges Mal mit Malcolm; jedenfalls scheinbar, während sie eigentlich zu sich selbst sagt: Schöner Hochzeitstag. Bei einem Ehepaar, das in ein und demselben Haus lebt, ist das sehr unwahrscheinlich. Die Tatsache aber, dass Malcolm tot ist, macht ihr Verhalten wesentlich begreiflicher. Zudem erklären die Rückblenden, warum Malcolms Umgebung, ausgenommen Cole, ihn ignoriert: für sie ist er unsichtbar. Malcolm konnte seine Bürotür nicht öffnen, da sie durch ein Bücherregal blockiert ist, das für Malcolm unsichtbar war, weil er es so wollte.

Sämtliche bisherige Geschehnisse in dem Film werden nun durch eine völlig andere Logik bestimmt. Für den Zuschauer allerdings ist es wesentlich bequemer, sich auf die erstere Logik einzulassen und ihr zu folgen, bis ihm die “Tatsachen” offen auf den Tisch gelegt werden, ohne dass er selbst besonders viel dazu beitragen muss. Erst, wenn die Wunde an Malcolms Rücken gezeigt wird, ist der Zuschauer endgültig überzeugt, dass er einen Film sieht, in dem ein Toter die Hauptfigur darstellt.

Unsichtbarkeiten sind in “The Sixth Sense” unterbewusst gewollte Unsichtbarkeiten. Die Dinge sind nicht faktisch unsichtbar; ihre Nicht-Sichtbarkeit ist nicht in der Realität festgeschrieben. Die Unsichtbarkeit bestimmter Dinge ist ein Vorgang, der sich rein auf gedanklicher Ebene, in den Köpfen der Wahrnehmenden abspielt.

III. 2) Der sechste Sinn

“The Sixth Sense” thematisiert eine Form der Wahrnehmung, das Geistersehen, das in den Bereich des Übersinnlichen fällt. Gemeint ist die Wahrnehmung von Dingen, die, wie der Begriff schon verdeutlicht, nicht durch die dem Menschen eigenen fünf Sinne erfasst werden können. Der sechste Sinn ist in “The Sixth Sense” eine Gabe, die nur wenigen Menschen zuteil wird. Doch auch außerhalb der Fiktion des Filmes gibt es Menschen, die behaupten, die Gabe zu besitzen, Geister sehen zu können. Die Allgemeinheit verurteilt diese Geisterseher als Schwindler, als Verrückte. An dieser Stelle müssen wir erneut auf Merleau-Pontys Theorie von den Privatwelten zurückgreifen. Die Geister, die von bestimmten Menschen gesehen werden, haben in der Wahrnehmungswelt der anderen keinen Platz. Auch die Wahrnehmungen, die Privatwelten der Geisterseher überschneiden sich mit anderen Privatwelten; auch sie sind Zeugen der realen Welt. Doch tauschen sie sich mit andern Menschen über das Wahrnehmen von Geistern aus, so finden sich keine Entsprechungen oder Parallelitäten in den Privatwelten der anderen. Zu wenige Menschen besitzen den sechsten Sinn, als dass man bei den anderen von einer Unfähigkeit wahrzunehmen sprechen könnte. Das Geistersehen spielt sich nach der Meinung derer, die den sechsten Sinn nicht besitzen, lediglich in der Vorstellung ab. Wenn man nun nach Merleau-Pontys Theorie verfährt, so muss man dieser Behauptung Recht geben. Denn die Verständigung macht uns zu Zeugen einer einzigen Welt[8] und wenn die Elemente der Privatwelten nicht identisch oder ähnlich sind, so muss man davon ausgehen, dass die Geister, die gesehen werden, nicht Teil der realen Welt sind.

[...]


[1] Euripides (180.407 v. Chr.) www.aphorismen.de/display_aphorismen/php?xanarioID=80dc5727505f28664a881a41cod81d78

[2] Dayan, Daniel : The Tutor-Code of Classical Cinema. In: Movies and Methods. Hg. v. Nochols Bilt.

Los Angeles/London/Berkeley: University of California Press 1976. S. 451.

[3] Held, Gerd: Der Einhornschinder. Vision und Emanation, die Krise der Bilder. In: Unter

Argusaugen. Zu einer Ästhetik des Unsichtbaren. Hg. V. Gerd Held, Carola Hilmes, Dietrich Mathy.

Würzburg: Königshausen und Neumann 1997. S.91.

[4] Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare. 3. Auflage. München: Fink 2004. S.21

[5] ebd. S 275.

[6] ebd. S. 27.

[7] Stephen Lowry: Film - Wahrnehmung - Subjekt. Theorien des Filmzuschauers. In: Montage/AV 1,1

(1992). S. 116.

www.montage-av.de/pdf/011_1992_ Stephen _ Lowry _Film_Wahrnehmung_Subjekt.pdf (17.03.2007)

[8] Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare. 3. Auflage. München: Fink 2004.

S.275.

Details

Seiten
31
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640132171
ISBN (Buch)
9783640134755
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113050
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Literary, Culture and Media Studies
Note
1,3
Schlagworte
Unsichtbarkeit Medium Film Beispiel Sixth Sense Village Cube Intermedialität

Autor

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