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Die Lyrik Karin Boyes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 46 Seiten

Skandinavistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Biographie und Werk Karin Boyes
2.1 Karin Boyes Leben
2.2 Einordnung in den literaturhistorischen Kontext
2.3 Karin Boyes Dichtung

3. Gedichtanalyse
3.1 methodisches Vorgehen
3.2 Analyse ‚Stjärnorna’
3.3 Analyse ‚Ja visst gör det ont’
3.4 Fazit

4. Schluss

5. Literaturliste

1. Einleitung

“…Mycket mörk och med stora ögon;

klädd i resdräkt, när hon försvann.

Kanske söker hon bortom sekler,

dit en spårhund ej vägen fann,

frihetspasset där Spartas hjältar

valde döden till sista man.

[…]

Denna dag stiger ned till Hades,

följd av stolta hellenska män,

mycket mörk och med stora ögon

deras syster och döda vän.“

-Hjalmar Gullberg, ‚Död Amazon’ 1941[1]

Dieses Gedicht schrieb der Dichter Hjalmar Gullberg über seine verstorbene Kollegin Karin Boye. Die Dichterin hatte sich 1941 das Leben genommen. Mit ihrem Tod setzte eine beispiellose Idealisierung ihrer Person und ihrer Werke ein. Karin Boye wird auch heute noch als Amazone empfunden – sie stellt für viele eine Person dar, die an den äußeren Umständen der 20er und 30er Jahre zerbrochen ist. Zeitlebens mit den Diskrepanzen zwischen ihrem Inneren und den äußeren Gegebenheiten im Kampf stehend, wird sie in diesem Gedicht als die Schwester der stolzen griechischen Kämpfer beschrieben, die dunkel und mit großen Augen dem Tod entgegen schreitet.

Weiteren Einfluss darauf, dass sich dieses Bild von Karin Boye durchsetzen konnte ist auch Margit Abenius – ihre erste Biografin. Bereits 1950 erschien die Biografie ‚Drabbad av Renhet’, welche ausführlich das Leben und die Werke Karin Boyes beschreibt und miteinander in Verbindung setzt.[2] So lag für Margit Abenius ein Schwerpunkt der Interpretation von Karin Boyes Dichtung auf der Tatsache, dass diese homosexuell war. Neuere Werke distanzieren sich von diesem Ansatz und geben Raum für andere Interpretationsansätze. So lässt sich hier Gunilla Domelöf nennen, die in ihrem 1986 erschienen Buch ‚I oss är en mångfald levande’ vor allem auf die Rolle Karin Boyes als feministische Autorin, sowie als Kritikerin eingeht. Camilla Hammarström bemüht sich in ihrer Biografie ‚Karin Boye’ von 1997 ein möglichst objektives Bild der Autorin darzustellen. Sie möchte ihr auf Augenhöhe begegnen und distanziert sich von Margit Abenius. Auch Barbro Gustafsson Rosenquist zeichnet in ihrem Buch ‚Att skapa en ny värld’ ein genaueres Bild von Karin Boye mit besonderem Fokus auf psychologische Einflüsse und feministische Tendenzen.

Karin Boye ist nicht nur eine bekannte schwedische Lyrikerin und Autorin, sondern hat sich auch durch ihre eigenen Übersetzungen bekannter Autoren wie T.S. Elliot oder Thomas Mann, sowie als Literaturkritikerin einen Namen in Schweden gemacht. Den meisten sind aber ihre Gedichte, sowie ihr zukunftsvisionärere Roman ‚Kallocain’ im Gedächtnis geblieben. Vor allem die Gedichte werden auch heute noch von vielen gelesen und vor allem jüngere Menschen scheinen sich in ihnen wiederzufinden.

Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, die Lyrik Karin Boyes’ vorzustellen und zu analysieren. Interessant ist hier die Frage, inwieweit sich ihre Gedichte im Laufe des Lebens gewandelt haben, ob es eine Änderung des Stils und der Themen gab. Um dies zu beantworten möchte ich zwei Gedichte aus unterschiedlichen Sammlungen Karin Boyes miteinander vergleichen, um so aufzuzeigen, wo sich ähnliche Motive finden lassen, oder ob es unterschiedliche Ansätze gibt. Zum einen analysiere ich das Gedicht ‚Stjärnorna’ aus dem 1924 erschienen ‚ Gömda Land’. Anschließend betrachte ich eines ihrer bekanntesten und oft zitierten Gedichte ‚Ja visst gör det ont’ aus ‚ För trädets skull’, welches 1934 erschien. Vorher werde ich jedoch einen ausführlichen Einblick in das Leben Karin Boys geben, um aufzuzeigen, welche potentiellen Einflüsse es auf ihre Dichtung gegeben hat. Für das Verständnis ihrer Gedichte ist nicht nur die Zeit in der sie geschrieben wurden, die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, von Bedeutung, sondern auch der persönliche Hintergrund. Karin Boye hat viel von sich selbst in ihre Dichtung eingebracht. Die Lyrik Karin Boyes kann aus verschiedenen Blickwinkeln heraus analysiert werde, Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, bei der Analyse verschiedene Aspekte mit einzubeziehen um so ein umfassendes Bild der Lyrikerin zu schaffen. Eine kurze Einordnung in den literaturhistorischen Kontext ermöglicht es Karin Boye im Vergleich zu anderen Dichtern dieser Zeit zu fassen. Durch eine, diese verschiedenen Aspekte miteinbeziehende, Analyse soll es möglich sein, die Gedichte in einem Gesamtkontext zu verstehen.

Oft wird Karin Boye in der Literaturwissenschaft mit Edith Södergran verglichen, die auch ein kurzes Leben führte und der Nachwelt ihre Gedichte hinterließ. Tatsächlich sind beide dem Modernismus zuzuordnen und ihre Gedichte behandeln durchaus ähnliche Thematiken. Vergleiche zwischen den beiden wurden bereits in vielen Aufsätzen gezogen, so dass in dieser Arbeit davon abgesehen werden soll, dieses Thema erneut aufzugreifen. Gegenseitige Einflüsse werden aber thematisiert, ebenso wie offensichtliche Einflüsse anderer Autoren auf Karin Boye.

2. Biografie und Werk Karin Boyes

2.1 Karin Boyes Leben

Karin Maria Boye wurde am 26. Oktober 1900 in Göteborg geboren, sie war das älteste von drei Kindern. Ihre Brüder Sven und Ulf wurden 1903, bzw. 1904 geboren. Fritz Boye, Karins Vater und seine neun Jahre jüngere Frau Signe gehörten zur bürgerlichen Oberschicht Göteborgs und der Haushalt der Familie war tendenziell eher altmodisch. Trotzdem wird der Vater von Karins jüngerem Bruder Ulf als „frisinnad liberal, antimilitarist och för kvinnlig rösträtt“[3] beschrieben. Radikale Ideen wurden im Hause Boye offen diskutiert.

Interessant ist an dieser Stelle, dass Margit Abenius im Verhältnis zu den Eltern – dem engen zum Vater, dem schwierigen zur Mutter – ein Wegbereiten für Karin Boyes Homosexualität sieht.[4] „… faderns egenskaper och förhållandet till fadern inte var ägnade att tända den normala kvinnligheten hos dottern.“[5]

Familie Boye spielte eine wichtige Rolle innerhalb der höheren Gesellschaft der Stadt, in ihrer großen Wohnung am Vasaplatsen wurde häufig zu Abendessen geladen, die Familie leistete sich Angestellte, wie Köchin, Putzfrau und Kinderfrau. Untypisch für ihre Kreise waren Signe und Fritz jedoch überaus liberal, sie wählten beide die ‚Liberalerna’ und Signe war im Frauenverbund aktiv. Politische und kulturelle Diskussionen waren in der Familie an der Tagesordnung. Zudem besaßen sie eine große Bibliothek und oft wurde abends laut vorgelesen, so dass die Kinder schon früh Zugang zu großen literarischen Werken erhielten.[6] Auch durch die Erziehung von Seiten des Kindermädchens wurden die Geschwister an die Literatur herangeführt, so las man beispielsweise die Märchen der Gebrüder Grimm, Hans Christian Andersen und Selma Lagerlöf. Karin Boye war ein aufgewecktes Kind, das sich im Alter von fünf Jahren selbst Lesen beibrachte und mit viel Phantasie für sich und ihre Brüder Geschichten ausdachte und mit Puppen vorführte.

1907 kam Karin Boye in die Schule, wo sie schon früh durch ihr ausgeprägtes Allgemeinwissen auffiel. Zwei Jahre später zog die Familie nach Stockholm, da der Vater in Frührente ging. Mit dem Umzug der Familie verschlechterte sich ihre finanzielle Situation, der Vater erhielt zwar eine gute Pension, diese reichte aber nicht an sein ursprüngliches Gehalt heran. In Stockholm besuchte Karin Boye die Åhlinska Skolan, die Familie wohnte in Birkastaden.[7]

Bereits zu Schulzeiten verfasste Karin Boye erste Geschichten und Gedichte, die Parallelen zu ihren späteren Werken erkennen lassen. Auch waren in ihrem Denken erste Motive wieder erkennbar, so beschäftigte sie sich schon früh mit asketischen Gedanken. Für Karin Boye musste alles einer Logik folgen, moralische Fragen beherrschten ihre Denkweise. Für ihre Umgebung war es nicht einfach, ihr zu folgen[8] und ihr Interesse für metaphysische Fragen, Schopenhauer und der zentralen Frage nach dem Tod waren den meisten Gleichaltrigen fremd. Das Schreiben von Texten gab der jungen Karin Boye eine Möglichkeit diese Gedanken zu kontrollieren – und die Suche nach Kontrolle war ein grundlegendes Ziel in ihrem Denken.[9]

Karin Boyes frühe Texte thematisieren Trost und Zuflucht, einige von ihnen beschreiben den Tod und eine Art Befreiung. Interessant ist, dass die frühe Lyrik bereits thematisch von einer Art Transzendenz bestimmt wird, in deren Form sich allerdings noch eine Naivität widerspiegelt, die in späteren Gedichten verschwindet.[10]

Bereits mit 14 Jahren litt Karin Boye an Depressionen, die verschiedene Gründe hatten – zum einen die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, die Camilla Hammarström in ihrer Biografie thematisiert: Signe Boye war Alkoholikerin, was auf verschiedene Art auf die Entwicklung der Kinder Einfluss nahm[11]. Camilla Hammarström schlussfolgert, dass die Flucht in Phantasiewelten und in die Literatur ein Weg war, wie Karin Boye mit dem Verhalten ihrer Mutter umgehen konnte. Die Mutter konnte ihrer Tochter keine Stütze sein und gerade in der Pubertät fand Karin Boye keinen Halt bei ihren Eltern. Zum anderen war die neu gefühlte Sexualität ein Problem für Karin, sie wusste nicht mit diesen Gefühlen umzugehen, vor allem da sich ihr Interesse auf Frauen richtete, was auch ihrer eigenen Meinung zufolge unnatürlich und somit gegen jede Logik war.

1915 zog die Familie erneut um, aufs Land nach Huddinge. In dieser Zeit wandte sich Karin Boye, auch aufgrund des Interesses ihrer Mutter, dem Buddhismus zu. Sie las Schopenhauer, der die östliche Philosophie aufnahm, und suchte nach einem Ideal, das es in der westlichen Welt nicht zu geben schien – „Idealet är behärskning och självövervinnelse.“[12] Auf der Suche nach diesem Ideal und der eigenen Position innerhalb der Gesellschaft fand Karin Boye jedoch Antworten im christlichen Glauben. Die Rektorin ihrer Schule Lydia Wahlström war aktive Christin und so gab es für die Schülerinnen christliche Ferienlager. Karin Boye besuchte 1918 erstmals das Sommerlager in Fogelstad/Södermanland[13] – zwar schien sie noch nicht vom christlichen Glauben überzeugt, wie ein Brief an eine ihrer damaligen Freundinnen Signe Karlsson zeigt, wo sie sich gegenüber einigen der Leiter und deren Ansichten eher ironisch zeigt, „Ragnhild Törner (ytterst osympatisk i sina uttalanden, så där äkta-ortodox-lagisk-asketisk-förnunftskuvande)…“[14], jedoch genoss sie die Zeit im Lager, vor allem war sie begeistert von der sechs Jahre älteren Anita Nathorst. Im Brief an Signe schrieb Karin Boye am 6. Juli 1918

Vår mamma [=Leiter im Zimmer] var Astrid Nathorsts syster, Anita Nathorst. Vet du, vem det är? O Signe, en sådan människa! Hon är så underbart! […] Jag tror, att jag skulle våga säga allt vad jag tänker och undrar till Anita och vara säker på, att hon aldrig missförstod.[15]

Anita Nathorst, die zu dieser Zeit bereits in Uppsala studierte, wird eine der engsten Freundinnen Karin Boyes. Die beiden trafen sich auch 1920 bei einem weiteren Sommerlager, dem Almnäsmötet wieder, wo Karin Boye sogar eine Gruppenleiterfunktion übernahm. Nach diesem Lager war Karin Boye deutlich begeisterter vom christlichen Glauben – in einem Brief an ihre Freundin Agnes Fellenius schrieb sie über eine der Leiterinnen Dagny Thorvall

… jag kunde inte låta bli, att tänka att hon själv mer an de allra flesta var ett av dem, ett helgon i protestantisk mening, inte fullkommlig i sig själv, men helgad av Gud, genomstrålad av Gud ‚som kristallen av ljuset’. Sådana kristaller borde alla vara, och det är underbart att se, att det finns möjlighet till det, att det verkligen finns människor, som lever i Gud [sic!].[16]

Aus dieser neuen Perspektive, dem Glauben an Gott, sah Karin Boye nun auch ihre frühere Faszination für den Buddhismus skeptisch – „När jag ännu inte trodde på Gud, såg jag skapelsens lidande och fasade: det var därför jag så ivrigt höll fast buddhismens livsförnekande pessimism.“[17] Ihre Begeisterung für den christlichen Glauben steigerte sich und es schien als hätte sie eine Perspektive gefunden, die ihre Weltanschauung unterstützte. Camilla Hammarström bringt an, dass Karin Boye im christlichen Glauben eine Art Erlösung für ihr ‚Leiden’, die Homosexualität, zu finden glaubte. Einerseits hatte sie selbst eben diese Gefühle, andererseits verurteilte sie die Schwärmerei einer anderen Teilnehmerin für sich selbst hart: “ Jag antar att hon var svärmiskt anlagd, jag fick det bekräftad genom ett brev, som hon redan skrivit till mig. Det var ganska äckligt.“[18] Einmal mehr wird hier die innere Zerrissenheit deutlich.

1920 beendete Karin Boye ihre Schulzeit und wechselte für ein Jahr an das Södra Seminariet in Stockholm, wo sie eine Ausbildung zur Volksschullehrerin machte. War sie immer eine gute Schülerin gewesen, so geriet sie hier an ihre Grenzen; das hohe Lerntempo forderte sie.[19] Hinzu kam, dass sie sich mit dem christlichen Glauben, den einhergehenden Moralvorstellungen und ihrer eigenen Sexualität im Konflikt befand, sie hatte sich in eine ihrer Mitstudentinnen verliebt. Später verarbeitete sie diese Zeit in ihrem Roman ‚Kris’, der 1934 erschien. Karin Boye beschäftigte sich zur Zeit des Seminars mit Nietzsche und las sein Werk ‚So sprach Zarathustra’. Hier wird Gottes Tod verkündet und das Verlangen des Körpers nicht verdammt, wie es der christliche Glauben tut. In Nietzsches Gedanken fand Karin Boye was sie gesucht hat;

Genom Nietzsche hade Karin Boye fått syn på det skapande jagets möjligheter. […] Mötet […] öppnade möjligheten att […] söka erövra viljan, att inte längre se det självhävande jaget och livsviljan som ett problem utan ett kraftkälla att skapande bottna i.[20]

Nachdem sich Karin vom christlichen Glauben distanzierte, begann sie nicht als Lehrerin zu arbeiten, sondern zog nach Ende des Seminars nach Uppsala, wo sie 1921 begann zu studieren. Hier studierte sie zuerst Griechisch, anschließend Nordische Sprachen und Literaturgeschichte. Der Beginn in Uppsala hatte großen Einfluss auf Karin Boyes Ansichten. In einer bisher von Männern geprägten studentischen Welt, hatten es die Frauen schwer sich durchzusetzen.[21] Sie fühlte sich als Frau diskriminiert, da man entweder als Konkurrenz gesehen wurde oder aber als Ziel der romantischen Eskapaden – beides wollte Karin Boye nicht sein. Das vorherrschende Frauenbild zu Beginn der 20er Jahre widersprach ihren Ansichten[22]. Auch wenn das Frauenwahlrecht 1921 in Kraft getreten war, hatte Karin Boye, wie viele andere Frauen, das Gefühl der Kampf um die Gleichstellung war noch lange nicht vorbei, so engagierte sie sich bei der kvinnliga studentförening, deren Wortführerin sie später auch werden sollte.[23]

In dieser Zeit wurde sie mit einer Auswahl ihrer Gedichte beim Verlag Albert Bonniers in Stockholm vorstellig. Die Gedichte, die sie in ihrem Debüt veröffentlichen wollte, waren allerdings aus unterschiedlichen Zeiten, sie wurden von Karin Boye selbst ausgewählt, so dass es schwierig ist in ihrem 1922 erschienenen Debüt Moln ihre aktuellen Ansichten und die Einflüsse von Nietzsche festzustellen. Ebenso lassen sich noch Einflüsse ihrer christlichen Periode und auch der Beschäftigung mit dem Buddhismus und Schopenhauer erkennen. Allerdings stellt Camilla Hammarström fest, dass Karin Boye wohl erst nach der Beschäftigung mit Nietzsche das Selbstvertrauen entwickeln konnte, das sie dazu brachte, die Öffentlichkeit für ihre Lyrik zu suchen.[24] Karin Boyes Debüt wurde in der Öffentlichkeit positiv aufgenommen, häufig wurden die Gedichte mit der Dichtung Vilhelm Ekelunds verglichen, die über eine ähnlich Motivwahl und Sprache verfügten.

1924 erschien bereits die zweite Lyriksammlung von Karin Boye, erneut im Albert Bonniers Verlag. Die in Gömda Land publizierten Gedichte, entstanden alle in den ersten Jahren, die Karin Boye an der Universität verbrachte. Interessanterweise lässt sich in vielen der Gedichte erkennen, dass Karin Boye zu dieser Zeit mit der nordischen Literatur, speziell der Edda, beschäftigt war. Diese Gedichtsammlung hat dazu beigetragen, den Mythos zu erschaffen, der nach ihrem frühen Tod entstand – sie wurde als eine Art Walküre oder Todesengel gesehen. Die Gedichte strahlen alle eine gewissen Kühle aus und eine Art Todessehnsucht.[25] Die Suche nach Reinheit, wie Margit Abenius ihre Biografie über Karin Boye nannte, lässt sich hier sehr gut erkennen. An späterer Stelle dieser Arbeit soll das Gedicht Stjärnorna analysiert werden. Erwähnt werden sollte auch das bekannte Gedicht Sköldmon, was von vielen als äußerst verstörend empfunden wird, jedoch oft als charakteristisch für Karin Boyes Verfassertätigkeit beschrieben wird. Hammarström kann diese Auffassung nicht ganz nachvollziehen, erklärt sie sich aber wie folgt:

Att Karin Boye kom att bli sköldmon och amazon i svensk litteratur beror nog på den klassiska, heroiska hållning som framför allt hennes tidiga dikter har, men har kanske än mer att göra med att hon var lesbisk. […] Vid den här tiden lät man i ännu högre grad än idag obekymmrat författarens liv och verk smälta samman till en enhet som bildade grogrunden för mytologiseringen av diktargeniet.[26]

Karin Boyes Werke waren natürlich auch an der Universität in Uppsala bekannt und sie errang eine gewisse Berühmtheit in Studentenkreisen. Wie Margit Abenius, die zwar mit ihr gemeinsam in Uppsala studierte, aber kein enge Freundin war[27], in der Biografie ‚Drabbad av Renhet’ beschrieb, traf man sich in diversen Klubs und diskutierte Themen, die die Studenten beschäftigten, unter anderem auch Sigmund Freud und seine psychoanalytischen Ansätze, die später noch eine Rolle für Karin Boye spielen sollten.[28]

1925, in ihrem letzten Jahr in Uppsala wurde Karin Boye Mitglied bei der Studentenvereinigung Clarté. In dieser linksgerichteten Runde, die antimilitärisch und sozialistisch eingestellt war, wurden anfangs vor allem kulturelle Themen diskutiert und Karin Boye war aktiv dabei. Auch erschienen viele ihrer Gedichte erstmals in der Clarté-Zeitschrift, einige tragen unübersehbar politische Züge.[29] Bei der Clarté traf Karin Boye auch ihren zukünftigen Ehemann, den sieben Jahre jüngeren Leif Björk, den sie 1929 heiratete, die Ehe hielt jedoch nur zwei Jahre.

1926 beendete sie ihr Studium in Uppsala und studierte weiter in Stockholm Geschichte. Ein Jahr später erschien ihre dritte Gedichtsammlung Härdarna – der Titel trägt gleich eine dreifache Bedeutung: Feuerstelle und Herd, aber auch Brutstätte oder Zentrum. In dieser Sammlung finden sich ungewöhnlich viele Liebesgedichte, die zu Beginn stehen – an wen diese gerichtet sind, kann nur spekuliert werden. Mit dieser Sammlung traf Karin Boye auch erstmals auf Kritik von Kollegen – Harry Martinsson sagte über ihre Dichtung „…att svagheten i Karin Boyes poesi ligger i dess brist på färgrik mångfald, att den rör sig i en idévärld utan kontakt med verkligheten.“[30] Trotzdem gelang Karin Boye mit dieser dritten Sammlung der offizielle Durchbruch – so schrieb Hagar Olsson

Svala – det är kanske ordet för Karin Boyes dikt. Den är icke stark som örnen […] men det höte icke [sic!] heller till sparvarnas gråa och tjättrade släckte. […] Det är andra toner än man är van att höra i nutida rikssvensk poesi. […] man möter en ärlig själ , som ser med ganska illusionslösa ögon på det som är […] det är med andra ord – inspirerad.[31]

1931 gründete Karin Boye gemeinsam mit Josef Riwkin und Erik Mesterton die Kulturzeitschrift Spektrum, auch Gunnar Ekelöf beteiligte sich.[32] Die Zeitschrift gilt auch heute noch als Wegbereiter des Modernismus in Schweden. In dieser Zeitschrift wurden psychoanalytische Ansätze erklärt und vermittelt, sie hatte ihren Schwerpunkt also nicht ausschließlich auf Literatur, sondern die Redaktion beschäftigte sich auch mit Themen wie dem schwedischen Volksheim, Architektur und Psychologie. Karin Boye wurde hier zudem zur Literaturkritikerin und betätigte sich als Übersetzerin. Ihre Ansichten zur Literaturkritik formulierte sie in einem Aufsatz – es wird deutlich, dass sie das Ziel verfolgte eine Symbolsprache zu verwenden, die Gefühle sichtbar macht, aber ohne die unbewussten Gedanken und somit eine Tiefe zu verdrängen. Der Leser wird als aktiver und mitwirkender Teil gesehen, der einen Text immer auf Grundlage seiner eigenen Erfahrungen rezipiert. Die Aufgaben eines Kritikers besteht nach Karin Boye darin, dem Leser dabei zu helfen, das entsprechende Werk zu verstehen und für sich selbst einen Zusammenhang zu erschaffen, nicht ein Werturteil abzugeben, dass auf subjektiven Empfindungen beruht.[33]

[...]


[1] Zitiert nach: http://www.karinboye.se/verk/dikter/dikter/dod-amason.shtml [20.Juni 2008]

[2] Drabbad av renhet basieret auf dem Werk und Briefe von Karin Boye, aber auch auf Gespräche mit Angehörigen

[3] Hammarström 1997: 15

[4] Wichtig ist, hier festzuhalten, dass Margit Abenius Werk ‚Drabbad av renhet’ in den 50er Jahren erschien und somit heutzutage nicht unkommentiert gelesen werden sollte – einige Ansichten scheinen heute veraltet und müssen im Kontext ihrer Zeit gesehen werden.

[5] Hammarström 1997: 15

[6] Hammarström 1997: 16/17

[7] Hammarström 1997: 19

[8] Abenius 1950: 32/33

[9] Hammarström 1997: 20

[10] Hammarström 1997: 24ff

[11] Hammarström 1997: 17ff

[12] Hammarström 1997: 36ff

[13] Fogelstads Hof wurde später das Zentrum der so genannten Fogelstads-Gruppe, die unter anderem eine Schule für Frauenrechte errichteten.

[14] Helgesson 2000: 38

[15] Helgesson 2000: 35

[16] Helgesson 2000: 45

[17] Helgesson 2000: 46

[18] Helgesson 2000: 44

[19] Hammarström 1997: 41

[20] Hammarström 1997: 47

[21] Gustafsson 1988: 48

[22] Gustafsson Rosenquist 1999: 120f

[23] Gerade neuere Interpretationen ihrer Werke bedienen sich verstärkt einer feministischen Lesart und interpretieren ihre Lyrik und Prosa anhand des ‘kvinnosyn’ – an dieser Stelle seine zum Beispiel Paulina Helgesson und Barbro Gustvasson Rosenquist genannt.

[24] Hammarström 1997: 49

[25] Hammarström 1997: 59ff

[26] Hammarström 1997: 70

[27] Hammarström unterstellt ihr gar, Profit aus der Bekanntschaft mit Karin Boye schlagen zu wollen, da sie in ihrer Biografie vieles nur vom Hören-Sagen berichtet.

[28] Abenius 1950: 101ff

[29] Gustavsson 1988: 50ff

[30] Hammarström 1997: 84

[31] Zitiert nach Hammarström 1997: 86

[32] Hammarström 1997: 112ff

[33] Hammarström 1997: 119

Details

Seiten
46
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640125562
ISBN (Buch)
9783640386796
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112986
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Nordisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Lyrik Karin Boyes Jahrhunderts

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Titel: Die Lyrik Karin Boyes