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Ehe versus Liebe in „De amore libri tres“ und im Kontext der höfischen Liebe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 48 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Mittel- und Neulatein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 „Sittliche Spiegelungen“

2 Unvereinbarkeit von Ehe und Liebe bei Andreas capellanus
2.1 Ein einführender Überblick zum Werk
2.1.1 Forschungsgeschichte und Überlieferung des Textes
2.1.2 Wer war Andreas capellanus?
2.1.3 Theorien zur Schreibintention
2.2 Andreas’ Definition von Liebe
2.2.1 Eine schematische Übersicht zu den Liebes-Theorien in „de amore“
2.2.2 Wesen und Regeln der höfischen Liebe
2.2.3 „Amor est passio quaedam innata“ – Liebe als Automatismus
2.2.4 Die Rolle von Herkunft, äußeren und inneren Werten
2.2.5 amor mixtus und amor purus: Liebe, Lust und Liebesterminologie
2.3 Die Ehe – eine Nebenrolle am Hof der höfischen Liebe
2.3.1 Die Ehe im Rahmen gesetzlicher und gesellschaftlicher Vorgaben
2.3.2 Die Rolle von Jungfernschaft und Sexualität für die mittelalterliche Ehe
2.3.3 Die Formen der Ehe
2.3.4 Partnerwechsel: Treuebruch, Scheidung, Neuheirat

3 Erkenntnisse und Fragen, die bleiben

Literaturverzeichnis

Primärtexte:

Sekundärliteratur:

1 „Sittliche Spiegelungen“

Johann Wolfgang von Goethe wies einst darauf hin, dass „wiederholte sittliche Spiegelungen […] das Vergangene nicht allein lebendig erhalten, sondern sogar zu einem höheren Leben empor steigern.“ So werde man „der entoptischen Erscheinungen gedenken, welche gleichfalls von Spiegel zu Spiegel nicht etwa verbleichen, sondern sich erst recht entzünden,“ und man werde „ein Symbol gewinnen, dessen was in der Geschichte der Künste und Wissenschaften, der Kirche, auch wohl der politischen Welt sich mehrmals wiederholt hat und noch täglich wiederholt.“[1]

Diese Abhandlung mit eben jenen tiefen Worten Goethes einzuleiten, scheint umso bedeutender, als die von ihm angesprochene, nie endende „Spiegelung“ historischer Zustände und Ereignisse sich auch in der vergleichenden Betrachtung der heutigen und mittelalterlichen Gesellschaft offenbart. Die folgende Behauptung mag kühn klingen, jedoch scheint es nicht so abwegig wie manch einer vermuten könnte, dass das 20. und 21. Jahrhundert mit dem Hochmittelalter durchaus „spiegelbildliche“ Parallelen aufweisen.

Andreas capellanus, der wahrscheinliche, aus Frankreich stammende Autor von „De Amore Libri tres“, wird generell auf eben jene Zeit, genauer gesagt gegen Ende des 12. Jahrhunderts, datiert – eine Zeit des Umschwungs, herbeigeführt durch die katholische Kirche in Europa. Die Einführung des Zölibats im Jahre 1022 war bereits geschehen und die Erklärung der Ehe als siebtes Heiliges Sakrament stand bevor, ebenso wie 700 Jahre gewaltsamer Durchsetzung „gottgegebener“ Regeln durch die Kirche, deren Reichtum, Macht und Einfluss nicht nur Bauernschaft und Bürgertum, sondern auch die wohlhabenden Schichten bis hin zum Hochadel weitgehend kontrollierte.

Die katholische Kirche sagte bekanntermaßen vor allem der Häresie und der Sexualität für lange Zeit mehr oder weniger erfolgreich den Kampf an, doch sowohl Johannes Paul II. als auch Papst Benedikt XVI. wehren sich noch während des letzten Jahrhunderts und bis zum heutigen Tage dagegen, die Zeichen der Zeit zu akzeptieren und den offenbar bereits verlorenen Kampf gegen die „sündige Freizügigkeit“ aufzugeben, welche wahrscheinlich schlichtweg menschlich und somit unauslöschbar ist.

Interessanterweise scheint die heutige Gesellschaft genau die spiegelverkehrte Situation dessen beobachten zu können, womit das mittelalterliche Europa sich konfrontiert sah: Die katholische Kirche, die damals gerade ihren Aufstieg begonnen hatte und in den darauf folgenden Jahrhunderten eine einzigartige Vormachtstellung einnahm und behaupten konnte, verliert nun im 21. Jahrhunderts zusehends an Glaubwürdigkeit und Gläubigen. Seit 1998 treten jährlich mehr als 100.000 Menschen in Deutschland aus der römisch-katholischen Kirche aus[2], Europa löst sich aus den morschen Fesseln und legt allmählich die Scham ab, welche dank der Bemühungen des Klerus ihr Jahrhunderte langer, ständiger Begleiter gewesen war. Freie Sexualität und Promiskuität werden heute wieder in vollen Zügen ausgelebt und dabei rücken einstige Zwänge, Einschränkungen und vor allem die Warnungen der Kirche vor der Versündigung durch die „Zweckentfremdung“ des Geschlechtsverkehrs immer mehr in den Hintergrund.

Nicht viel anders wird es wohl zu Andreas capellanus’ Zeiten gewesen sein, als die so genannte höfische Liebe sich immer größerer Beliebtheit erfreute und körperliche Liebe aus Lust fast ausschließlich außerehelich und durchaus liberal-promiskuitiv und somit in „unchristlicher“ Manier praktiziert wurde. Um das Werk „de amore“ ranken sich unzählige Fragen und Theorien. Wohingegen das Werk des Kaplans Andreas lange als soziologisch bedeutendes, die tatsächlichen Zustände am mittelalterlichen Hof aufzeigend galt, wird heute an der Glaubwürdigkeit des Werkes als historisches Dokument gezweifelt.[3] Allerdings gehen die Meinungen durchaus auseinander. Donaldson beispielsweise betrachtet „de amore“ als theologische Satire der Sitten im Frankreich des 12. Jahrhunderts[4] - und die Erfahrung lehrt, dass die satirische Befassung mit einem Stoff zwar durchaus hyperbolisch angelegt, jedoch stets von der Realität motiviert ist. Doch wird nicht nur die Authenzität des Werks infrage gestellt, sondern auch die bloße Existenz der darin angeblich behandelten höfischen Liebe.

Insgesamt sieht sich der Leser also mit Datierungsnöten sowie werkinternen Widersprüchen konfrontiert, die sowohl von der stark gewandelten Weltanschauung, als auch von der scheinbaren Inkonsequenz des Autors herrühren - und gerade derartige Unsicherheiten bezüglich eines literarischen Werks scheinen ein vielversprechender Ansatz für eine Abhandlung zu sein.

Nicht nur soll im Folgenden aufgezeigt werden, was es mit der so genannten höfischen Liebe auf sich hatte, sondern es wird vor allem versucht werden, mittelalterliche Zustände und Andreas’ Beschreibungen von Liebe, Ehe und deren Zusammenhang mit Blick auf damalige sowie heutige Zeiten aufzuzeigen. Besonders interessant ist dabei sicherlich die Frage, ob es sich bei „de amore“ um eine vertrauenswürdige Quelle handelt, aus der sichere Erkenntnisse über zwischenmenschliche Beziehungen in dieser Zeit gezogen werden können und ob demnach aus der für den heutigen Leser sicherlich widersprüchlichen Aussage, Liebe und Ehe seien unmöglich miteinander zu verbinden, eine sarkastische Ernsthaftigkeit, oder vielleicht doch humoristische Ironie spricht.

2 Unvereinbarkeit von Ehe und Liebe bei Andreas capellanus

Um umfassend auf den Zusammenhang, beziehungsweise die gegenseitige Ausschließung von Liebe und Ehe in Andreas capellanus’ Schrift eingehen zu können, müssen im Folgenden, nach einer kurzen Einführung in die Überlieferungsgeschichte und den Forschungsstand zu eben jenem Werk und dessen Inhalt, die Termini `Liebe´ und `Ehe´ im Kontext der Weltanschauung des europäischen Mittelalters genau definiert werden, was in Anbetracht der vielen voneinander abweichenden Meinungen zu diesem Thema in der Forschung durchaus kein leichtes Unterfangen darstellt.

2.1 Ein einführender Überblick zum Werk

2.1.1 Forschungsgeschichte und Überlieferung des Textes

Wenn man bedenkt, dass die intensive Forschungsgeschichte um Andreas capellanus und das Werk, das möglicherweise aus seiner Feder stammt, nun schon mehr als 100 Jahre beträgt, muss es durchaus verwundern, dass die fundamentalen Fragen, wie beispielsweise der exakte Entstehungszeitraum des Liebestraktats, sowie Aussage und Authentizität des Inhalts bisher nicht eindeutig geklärt werden konnten. Nachvollziehbar wird diese Tatsache allerdings, sobald man sich vor Augen führt, wie zahlreich die Widersprüche und – zumindest für den neuzeitlichen Leser – mehrdeutigen Informationen sind, welche die drei Bücher über die Liebe offenbaren.

Abgesehen von der mehr oder minder spekulativen Datierung des Werkes auf das späte 12. Jahrhundert[5], sind auch die Stationen, welche „de amore“ historisch durchlaufen hat, lediglich an wenigen Eckpfeilern festzumachen. Obgleich es diverse knappe Erwähnungen in der italienischen Literatur gibt, in welchen das Werk, ebenso wie in einigen italienischen Handschriften, als „Walters Buch“ bezeichnet wird, besteht die berechtigte Vermutung, dass das Traktat erst im Spätmittelalter erste größere Beachtung und Streuung fand. Wir wissen dies, weil Dantes Zeitgenossen das Werk offenbar begeistert lasen.[6] Aus bisher nicht erschlossenen Gründen ist die durchaus kontroverse Schrift im Jahre 1350 sogar im königlichen Urkundenarchiv Frankreichs verzeichnet.[7] Drucke des Werkes gibt es erstmals vor 1500 und aus den Anfangsjahren des 17. Jahrhunderts.

Im Jahre 1774, nachdem es seit Jehan de Nostredames Erwähnung desselben in dessen Lehrwerk zur okzitanisch-provenzalischen Liebesdichtung keine weiteren bekannten schriftlichen Verweise auf das Werk gibt, nahm Sainte-Palaye Andreas’ Schrift in die „Histoire littéraire des Troubadours“ auf. Zwischen 1816 und 1821 veröffentlichte Francois Raynouard, nachdem er nach eigenen Angaben auf eine Handschrift aus dem 14. Jahrhundert gestoßen war[8], eine erste, fünf Bücher umfassende, Ausgabe der „de amore libri tres“ mit ausführlichen Erklärungen seines Rezensenten Claude Fauriel.[9] Raynouard vertrat stets die feste Meinung, Andreas capellanus habe in seinem aus drei Büchern bestehenden Traktat tatsächliche Zustände im 12. Jahrhundert darstellen wollen und fertigte demzufolge ein gedankliches Konstrukt aus vermeintlich historischen Fakten, welche er „de amore“, sowie anderen mittelalterlichen Texten, wie „Arrests d’Amour“ von Martial d’Auvergne, entnahm.[10] Obwohl Raynouards Theorien, welche sich zum Teil mit den Ansichten Legrand D’Aussys bezüglich Glaubwürdigkeit und Wahrheitsgehalt der Schriften über die höfische Liebe decken[11], besonders seit dem 20. Jahrhundert stark von Kritikern wie Donaldson und E. Talbot infrage gestellt werden, darf sein Beitrag jedoch durchaus nicht unterschätzt werden. Eben jene Thesen nämlich, welche zum Teil bereits glaubhaft widerlegt wurden, haben die Literwissenschaft erst dazu geführt, die Bandbreite von interpretatorischen Möglichkeiten in diesem Bereich zu erkennen.

Für Henri Beyle, auch bekannt als Stendhal, bildete Raynouards Edition zusammen mit dem Druck von 1610 das Fundament für die Hintergrundinformationen, welche er in seinem 1822 erschienenen Buch „De l’amour“ liefert.[12] Dieses Werk rückte Andreas und sein Traktat endlich wieder vollends ins öffentliche Interesse, wodurch auch die verhältnismäßig hohe Dichte von Forschungs- und Interpretationsansätzen seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu erklären ist, die bis heute anhält.

Karnein, ein bedeutender Erforscher des Werkes, identifizierte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter anderem insgesamt sieben Handschriften mit dem ursprünglich vollständigen Text von „de amore“, sowie einige andere Manuskripte mit Fragmenten des Werkes, welche alle auf das 13., 14. und 15. Jahrhundert datiert werden können. Trojel stützte sich bei seiner Textausgabe, nach welcher sich Fritz Peter Knapp mit seiner für diese Arbeit größtenteils verwendeten Edition richtet, fast ausschließlich auf die Mailänder Handschrift A und Handschrift B aus Wolfenbüttel, obwohl beide erst auf das 15. Jahrhundert datiert werden können.[13]

2.1.2 Wer war Andreas capellanus?

Obgleich von Beginn bis Ende dieser Abhandlung ein gewisser Andreas capellanus als Autor des Liebestraktats „de amore“ genannt wird, muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass es durchaus keine eindeutigen Beweise dafür gibt, dass das Werk tatsächlich aus der Feder eines Kaplans namens Andreas stammt. Dieser Name ist lediglich in zwölf Handschriften überhaupt überliefert, wovon elf ihn zusätzlich als Kaplan bezeichnen und wiederum sieben diesen näher bestimmen: So wird Andreas capellanus in drei Handschriften entweder zum „päpstlichen Hofkaplan“, oder zum „capellanus regi(u)s“, wohingegen zwei weitere Handschriften aus dem 15.[14] und eine andere aus dem 14. Jahrhundert[15] noch exakter sind und ihn entweder als „capellanus regis francie“, oder im Titel als „francorum aule regie capellanus“ bzw. im Text als „regine capellanus“ bezeichnen.[16]

Diese handschriftlichen Angaben sind verständlicherweise der Grund dafür, dass Andreas mehrheitlich als Autor von „de amore libri tres“ identifiziert geglaubt ist. Eine gute Stellung und fundierte Ausbildung des Autors, welche für die Tätigkeit bei Hofe nicht nur angemessen, sondern auch essentiell gewesen sein musste, kann bei Andreas capellanus durchaus vorausgesetzt werden. Die Amtsbezeichnung „capellanus“ sagt allerdings über die Art seiner Tätigkeit bei Hofe nicht viel aus. Capellani gehörten zur Hofkapelle, der capella curiae oder aulae, und waren Beamte von geringerem klerikalen Rang, wozu unter anderem Juristen, Seelsorger, Verwalter und Diplomaten gehörten.[17] Welchem Fachbereich Andreas capellanus zuzuordnen ist, kann aufgrund des derzeitigen Forschungsstands also nicht eindeutig festgestellt werden, obgleich der Schreibstil und die akribische Strukturierung des Textes durchaus, aber nicht ausschließlich, für ein juristisches Know-how sprechen.[18]

Doch von welchem Königshof kann hier die Rede sein? Interessanterweise ist in besagtem fraglichen Zeitraum ein `Gualtherus cambellanus´ - genauer gesagt sogar zwei Männer mit dem Namen `Walter´, nämlich Vater und Sohn - als Leiter der Kanzlei des französischen Königs Philipp II. Auguste[19] (1180-1223)[20] belegt. Der Sohn, so Knapp, sei um 1163 geboren worden, könne demnach durchaus der in „de amore“ angesprochene Adressat sein. Zwar konnte bisher am selben Hofe und in der passenden Zeit kein `Andreas´ belegt werden, jedoch taucht zwischen 1182 und 1186 in den Urkunden von Troyes, also in der Umgebung der mehrfach erwähnten und zitierten Gräfin Marie de Champagne – eine Förderin höfischer Literatur und demnach wohl nicht willkürlich als Expertin in Liebesangelegenheiten hinzugezogen - ein `Andreas capellanus´ auf.[21] Obgleich über diesen Mann oder sein Amt nichts weiter überliefert wird, hat die Forschung allgemein für eine Datierung des Werks frühestens das Jahr 1186, in welchem Andreas zuletzt in diesem Umkreis erwähnt wurde, festgesetzt.[22]

Dass es sich überhaupt um einen französischen Königshof handelt, ist jedoch, trotz der vielen Hinweise im Text auf ein französisches Setting, auch nicht eindeutig. Offensichtlich wurde vom Schreiber des Pariser Codex 8758 zu dem ursprünglichen „aule regie capellanus“ ein „francorum“ nachträglich hinzugefügt, welches von späteren Herausgebern, darunter Karnein, – vielleicht unzutreffend - mit übernommen wurde.[23]

Liebertz-Grün veröffentlichte 1987 eine weitere, ganz andere Theorie, welche die These vertrat, dass es sich um einen fiktiven Hof des Königs der Liebe und somit bei Andreas um den königlichen Hofkaplans des Herrschers Amor handle. Diese Lesart bestätigt auch Knapp.[24]

Die meisten auf uns gekommenen Manuskripte, so muss man entgegen der vielen Diskussionen um Andeas capellanus und seinen (Königs-)Hof nun aber noch hinzufügen, nennen den Verfasser gar nicht, wohingegen andere wiederum die Namen Alanus, Pogius, Eneas Silvius oder Albertanus angeben.[25] Diese Situation stellt die Forschung natürlich vor ein Dilemma, jedoch soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit dennoch Andreas capellanus als Verfasser vorausgesetzt werden – dieses Problem anzugehen bedarf einer separaten Abhandlung.

Interessanterweise spricht jedoch mitunter ein weiterer Punkt für Andreas als Autor. In Buch I,vi,385 erhält der Leser den ersten von diesen direkten Verweisen auf besagten Andreas und eine beweiskräftige Aussage darüber, dass Andreas capellanus tatsächlich Verfasser des Werkes sein könnte:

„Nam ea [ratio de amore] caecus continetur et amens, quos ab amoris curia penitus esse remotos amatoris Andreae, aulae regiae capellani, evidenter nobis doctrina demonstrat.“

Diese Worte legt der Verfasser einem hochadeligen Herrn in den Mund, der gerade in ein Gespräch mit einer Adeligen vertieft ist. Nicht nur wird hier auf den königlichen Hofplan Andreas Bezug genommen, sondern der Sprecher zitiert hier aus dem ersten Buch von „de amore“ und verweist dabei auf dessen Autor, den „amator Andreas,“ dessen Feder er als Figur ja auch selbst entsprungen ist.

Über weitere persönliche Umstände liegen uns keine handfesten Angaben vor.[26] Die berechtigte Frage, weshalb er sich als Geistlicher überhaupt soviel mit weltlichen Beziehungen und Sexualität beschäftigte, obliegt daher bloßen Vermutungen. Allerdings scheint eine Erwähnung im 2. Buch etwas mehr über den Verfasser zu verraten:

„Nam et nos excellentissimi amoris concitamur aculeis, quamvis inde nullum sumpsimus nec speramus assumere fructum. Nam tantae altitudinis cogimur amore languescere, quod nulli licet exprimere verbo, nec supplicantium audemus iure potiri, et sic demum compellimur proprii corporis sentire naufragia. Sed quamvis in tanta sumus audacter et improvide tempestatis unda prolapsi, de novo tamen amore cogitare non possumus vel alium liberationis modum exquirere.“ (II,vi,22)

Offenbar ist der Autor selbst in einem Liebesdilemma und ließ sich gerade deshalb vielleicht einerseits ungern dazu drängen, Walter über die Mysterien der Liebe aufzuklären, andererseits mag er dessen Bitte als Anlass gesehen haben, seinen Liebeskummer durch das Schreiben zu verarbeiten und dabei gleichzeitig seinem jungen Adressaten vor der Grausamkeit der Liebe zu warnen. Auffallend ist außerdem, dass Andreas hier, wie an vielen anderen Stellen ebenfalls, die Perspektive ändert, indem er sowohl in der 1. Person Singular spricht, wie beispielsweise nur vier Zeilen vor gerade angeführtem Zitat („Scio tamen […]“, II,vi,21) und dann auf einmal wieder in die 1. Person Plural umschaltet, wie er es in II,vi,22 tut. Es ist recht unwahrscheinlich, dass dieser Wechsel willkürlich auftritt, vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass Andreas sich in den „wir“-Stellen einerseits von dem Gesagten distanzieren möchte, beispielsweise wenn er etwas intimes äußert, wie in obigem Zitat, andererseits mag er damit bewusst einen etwas feierlicheren Ton anschlagen, um der Tragweite seiner lehrhaften Worte mehr Ausdruck und Autorität zu verleihen. Dies pflegt er zum Beispiel gerne zu tun, wenn er selbst zitiert, generelle Weisheiten von sich gibt oder in Allegorien spricht, wie in II,vi,25: „Videmus enim aliquando aliquem purum bibendi vinum habere appetitum, et eidem postmodum aquam solam vel mixtum cum ea bibere vinum similiter svadet appetitus.“

Im dritten Buch macht er seiner negativen Meinung über Liebe und Frauen dann auch in schärferem Ton Luft, doch auch in den ersten beiden Büchern lässt es sich Andreas nicht nehmen, Walter nachdrücklich immer wieder vor „amor“ zu warnen:

„Hoc ergo tuo pectori volo semper esse affixum, Gualteri amice, quod, si tali amor libramine uteretur, ut nautas suos post multarum procellarum inundationem in quietis semper portum deduceret, me suae servitutis perpetuo vinculis obligarem.“ (I,iv,3)

Aus der Praefatio entnehmen wir Andreas Exordialtopik. Offenbar hatte sich besagter Walter zuvor bei ersterem Rat bezüglich „amor honestus“ erbeten, was wohl voraussetzt, dass der Autor von seinem Schützling als diesbezüglich nicht unerfahren betrachtet wird - beziehungsweise Andreas sich selbst, falls es sich bei Walter um einen fiktiven Adressaten handelt, was aufgrund des bloßen Vornamens sowie der Tatsache, dass jeder Autor einen begründeten Anlass zum Schreiben eines Lehrwerkes brauchte, auch nicht undenkbar ist - als einen kompetenten Berater in Liebesfragen, als einen arbiter, vorstellt. Bereits dies mag dem Leser seltsam erscheinen, da es sich alles andere als von selbst versteht, dass ein Geistlicher als Lehrmeister eines Fachs auftritt, über welches er rein theoretisch, vor allem nach der Einführung des Zölibats, gar nichts wissen dürfte. Benton verwirft außerdem die durchaus verbreitete These, „de amore“ sei im Auftrag der Marie de Champagne verfasst worden, wodurch der Intentionsfrage etwas hätte ausgewichen werden können. Weder sei zu belegen, so Benton, noch auszuschließen, dass „unser“ Andreas Marie de Champagne persönlich gekannt, geschweige denn von ihr beauftragt ein Werk geschrieben habe. Des Weiteren mag das Traktat zwar an einen Walter, sei er nun real oder fiktiv, adressiert gewesen sein, sei deshalb aber sicherlich nicht nur für ihn als private Lektüre vorgesehen, sondern gleichzeitig einer breiteren Leserschaft angedacht gewesen.[27]

Das Werk „de amore“ wird zwar allgemein gegen Ende des 12. Jahrhunderts datiert, jedoch bestehen durchaus bisher unausräumbare Unsicherheiten über das exakte Entstehungsdatum der Schrift und somit auch über die Lebensdaten des Autors.[28] Auch die vorkommenden Figuren können bislang nicht alle eindeutig identifiziert und zugeordnet werden, was die Datierungsnot in hohem Maße lindern würde.

2.1.3 Theorien zur Schreibintention

Man könnte ironischerweise sagen, dass Andreas capellanus mit seinem exzeptionellen Lehrwerk über die Liebe, aus welchem man sich lange Zeit die Enthüllung der Rätsel aufgebenden höfischen Liebe und Minne versprochen hatte, die heutige Forschung um dieses Thema völlig auf den Kopf gestellt hat. Die Tatsache, dass es jahrzehntelang als grundlegendes Lehrwerk zur höfischen Liebe gelesen wurde und eben diese Lehren regelmäßig zur Interpretation mittelalterlicher Gedichte wie Chaucers „Troilus and Criseyde“ zu Rate gezogen wurden[29], machen es der heutigen Literaturwissenschaft zur Aufgabe, eben jene fest verankerten Ansichten zu lösen, genau zu überprüfen und gegebenenfalls zu widerlegen, um der jüngeren Forschung den Weg für neue, bestenfalls Erleuchtung bringende Erkenntnisse zu ebnen.

Da über den Autor des so kontrovers diskutierten Werkes kaum Informationen offen liegen, kann auch über die Schreibintention des Andreas capellanus nichts Sicheres gesagt werden. Selbstverständlich gibt es unzählige Theorien und noch mehr ungelöste Fragen zur Aussage des Traktats, obgleich der Autor zumindest aus dem Zweck seines Schreibens kein Geheimnis macht. Was bisher allerdings als eine der größten Verständnisbarrieren betrachtet wird, ist der vermeintlich überraschende Meinungsumschwung des Autors im dritten Buch, verglichen mit den ersten beiden. Während er in Buch I und II als Lehrmeister, stellenweise schon warnend, jedoch die Liebe nicht verbannend[30], in Ovidianischer Tradition über die Liebe spricht, widerlegt und verurteilt er im dritten Buch („de reprobatione amoris“) gänzlich das Verhalten der zuvor beschriebenen Liebenden und behauptet unter anderem sogar, dass Frauen grundsätzlich keine Liebe erwidern könnten („nulla femina mutuum rependit amorem“, III,116), die Einlassung eines Mannes auf die Liebe folglich einer Sackgasse gleichkäme. Diese Meinung widerspricht zwar vollkommen der Aussage, welche er in I,v,5 tätigt („Cur vero citius in muliere amor quam in masculis exardescit, alibi forte docebo.“), was jedoch nichts an der Tatsache ändert, dass Andreas im dritten Buch kein gutes Haar an den Frauen und an der Liebe zu denselben lässt. Er rät Walter mit seinen Ausführungen energisch, sich nicht der Verdammnis bringenden Liebe zu einer Frau hinzugeben (III,118 u. 119), sondern seine Liebe ganz Gott zu schenken und statt einer weltlichen Hochzeit lieber die „nuptias divinas“ (III,120) einzugehen.[31]

Doch liegt hier wirklich ein plötzlicher Intentionswechsel des Autors vor? – Bereits im Prolog macht Andreas doch deutlich, er erfülle die Bitte des Walter nur widerwillig auf dessen unablässiges Drängen und aufgrund seiner Zuneigung zu ihm („assidua tuae dilectionis instantia“), sei aber der Meinung, dass kluge junge Männer [wie Walter] sich nicht mit der Liebesjagd befassen sollen („nec deceat, quemquam prudentem huiusmodi vacare venatibus“). Andreas macht also von Anfang an keinen Hehl aus seiner despektierlichen Haltung gegenüber der Liebe und mag vielleicht von Beginn an im Sinn gehabt haben, Walter die jugendliche Leichtsinnigkeit gegenüber der Liebe auszutreiben. Dennoch spricht er selbst im „finale capitulum et conclusio libri“[32] zu recht von einer im dritten Buch für den Leser entstandenen „duplex sententia“ (III,117), erklärt jedoch, indem er seine Worte aus dem Prolog wiederholt, dass er Walters, aus jugendlicher Unüberlegtheit („simplici et iuvenili petitioni“) erfolgtem, Wunsch nach Aufklärung „subtiliter et fideliter“ (III,117) nachgekommen sei, damit dieser ihm nicht „tarditas“ vorwerfen könne (III,i,1). Dies ist erneut ein Begriff, der einige interpretatorische Freiheit und somit eine Reihe verschiedener Übersetzungen zulässt.[33] In Anbetracht der Tatsache, dass „tarditas“, laut Georges, durchgehend Bedeutungen hat, die sowohl mit körperlicher als auch geistiger Langsamkeit oder Trägheit konnotiert sind, könnte dies vom Autor durchaus eine - möglicherweise sogar sarkastische - Anspielung auf den Altersunterschied zwischen ihm selbst und seinem Adressaten sein, durch welche Andreas, der Lehrmeister in Liebesangelegenheiten, mit einem überlegenen Augenzwinkern klarstellen will, dass er trotz seines Alters durchaus noch in der geistigen Verfassung sei, ein akribisch durchdachtes Werk über die Liebe zu verfassen und einem Jungspund Lektionen in einem Fach zu erteilen, in welchem er selbst Experte ist. Liest man beispielsweise diese Stelle auf eben genannte, eine persönliche Note des Autors enthüllende Art, so spräche dies durchaus für die Nicht-Fiktivität des Walter.

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang von: „Wiederholte Spiegelungen", in: „Sämtliche Werke nach Epochen seines

Schaffens. Münchner Ausgabe“, Karl Richter et al., 20 Bde., Carl Hanser, München, 1985ff., Band 14, S. 569.

[2] wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenaustritt#Zahl_der_Austritte; aufgerufen am 02.09.07.

[3] Gaffney, Barbara Marie: “Andreas Capellanus and the myth of courtly love”, Xerox University Microfilms,

Arizona State University, Michigan, 1977, S. 47.

[4] Ebd., S. 48.

[5] Vgl. Schlösser, Felix: “Andreas Capellanus – Seine Minnelehre und das christliche Weltbild um 1200”, Bonn,

1959, S. 49.

[6] Gaffney, 1977, S. 116.

[7] Knapp, Fritz Peter (Hrsg.): „Andreas aulae regiae capellanus / königlicher Hofkaplan: De amore libri tres / Drei

Bücher von der Liebe“, Text nach Ausgabe von E. Trojel, Walter de Gruyter, Berlin, 2006, S. 595f.

[8] Gaffney, 1977, S. 93.

[9] Knapp, 2006, S. 591.

[10] Gaffney, 1977, S. 105.

[11] Ebd., S. 106.

[12] Knapp, 2006, S. 591.

[13] Ebd., S. 593f.

[14] Hs. C (Rom, Bibl. Vaticana, Ottob. Lat. 1463A) und Hs. F (Florenz, Bibl. Medicea Laurenziana, Cod. Gadd.

178).

[15] Hs. D (Paris, B.N., ms. Lat. 8758).

[16] Knapp, 2006, S. 595.

[17] Ebd., S. 595.

[18] Ebd., S. 597.

[19] Ebd., S. 596.

[20] http://de.wikipedia.org/wiki/Stammliste_der_Kapetinger#Von_Philipp_II._August_bis_Philipp_III._der_K.C3.BChne; aufgerufen am 19.09.2007.

[21] Auch Schlösser bestätigt dies auf S. 44f.

[22] Knapp, 2006 S. 596.

[23] Ebd., S. 597.

[24] Ebd., S. 598.

[25] Ebd., S. 594f.

[26] Schnell, Rüdiger: „Andreas Capellanus – Zur Rezeption des römischen und kanonischen Rechts in De Amore“,

Wilhelm Fink Verlag, München, 1982, S.11.

[27] Gaffney, 1977, S. 128.

[28] Schnell, 1982, S. 11.

[29] Gaffney, 1977, S.5.

[30] Schlösser, 1959, S. 182.

[31] Rajna äußerte die Vermutung, Andreas sei aufgrund der kirchlichen Abneigung gegenüber seines ursprünglich

aus nur zwei Büchern bestehenden Traktats dazu gezwungen gewesen, seine doch recht weltlichen Äußerungen

mit einem weiteren Buch zu widerlegen. Diese „unsichere und willkürliche“ Interpretation verwirft Schlösser

auf S. 187 allerdings.

[32] Knapp gibt im Kommentar auf S. 585 an, dass Hs. D diese Zwischenüberschrift angibt.

[33] Knapp übersetzt „tarditas“ mit „Trägheit“, Neumann mit „Versäumnis“; beide Übersetzungen sind hier zu

neutral und wörtlich und helfen dem Leser nicht sehr dabei, den Sinn dahinter zu begreifen.

Details

Seiten
48
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640129188
ISBN (Buch)
9783640130597
Dateigröße
837 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112953
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Klassische Philologie
Note
1,00
Schlagworte
Liebe Kontext Sexualität Texten Mittelalters

Autor

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