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Das Gleichnis im Bild: Vincent van Gogh, »Der Barmherzige Samariter« (1890)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 21 Seiten

Theologie - Religion als Schulfach

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1. Bildbetrachtung im Religionsunterricht in der heutigen Welt
2.2. Warum Bildanalyse?
2.3. Bildanalyse an Hand des Werkes »Der Barmherzige Samariter« (1890) von Vincent van Gogh
2.3.1. Spontane Wahrnehmung
2.3.2. Erfassung der Bildsyntax
2.3.3. Innenkonzentration
2.3.4. Deutung des Bildes
2.3.5. Identifizierung mit dem Bild
2.4. Kreatives Gestalten

3. Wie steht das Gleichnis im Bild zum biblischen Text?

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des religionspädagogischen Hauptseminars Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter werde ich in dieser Hausarbeit das Thema Das Gleichnis im Bild: Vincent van Gogh, »Der Barmherzige Samariter « (1890) bearbeiten. Besonders wichtig erscheint in diesem Zusammenhang die Frage: Welche neuen Perspektiven lassen sich durch die künstlerische Auseinandersetzung auf das Gleichnis erschließen? Um das Gleichnis im Bild zu untersuchen, habe ich die Methode der strukturalen Bildbetrachtung gewählt. In meiner Hausarbeit werde ich folgendermaßen vorgehen: Zunächst werde ich in dem Kapitel 2. 1. Bildbetrachtung im Religionsunterricht in der heutig Welt eine kurze Standortbestimmung durchführen, da die schnellelebige pluralistische Gesellschaft, in der wir leben, Auswirkungen auf den Heranwachsenden, den Religionsunterricht und auf die Bild- betrachtung hat. Dann stelle ich die Frage: Warum Bildanalyse? (Kapitel 2. 2. ) In diesem Kapitel geht es um die Begründung und Legitimation der Bildbetrachtungsmethode. Es soll gezeigt werden, was die Bildanalyse leisten kann. Im Anschluss führe ich an Hand des Werkes »Der Barmherzige Samariter« (1890) von Vincent van Gogh die strukturale Bild- analyse durch, die sich nach Günter Lange in fünf Punkte untergliedert (Kapitel 2. 3. – 2. 3. 5.). Dann stelle ich den Aspekt des kreativen Gestaltens (Kapitel 2. 4.) vor, weil dieser bei der effizienten Auseinandersetzung mit dem Bild ratsam ist anzuwenden. Abschließend wird die Frage nach der Beziehung zwischen Bild und Text gestellt. Wie steht das Gleichnis im Bild zum biblischen Text? (Kapitel 3.). Was leistet die künstlerische Umsetzung in Bezug auf das Gleichnis?

Als ich zur Vorbereitung dieser Hausarbeit das Kunstwerk von van Gogh »Der Barmherzige Samariter« (1890) gesucht habe, fiel auf, dass das Bild in vielen Bildsammelwerken von van Gogh nicht aufgeführt ist. Es war nicht einfach, das Bild in der Bonner Universitätsbibliothek zu finden. Als ich es dann endlich gefunden hatte, durfte ich es zum Kopieren nicht ausleihen. Deswegen habe ich es aus dem Internet ausgedruckt, wodurch jedoch die Qualität des Bildes zu wünschen lässt. So ist z. B. der Mann in der linken hinteren Bildhälfte (sehr wahrscheinlich der Priester) kaum zu erkennen.

2.1. Bildbetrachtung im Religionsunterricht in der heutigen Welt

In diesem Kapitel möchte ich kurz einige Aspekte unserer aktuellen Gesellschaft anführen, die sich auf den Schüler, den Religionsunterricht und die Bildbetrachtung auswirken.

Heut zu Tage leben wir in einer sehr schnelllebigen Welt, die geprägt ist durch einen hohen Einfluss der Medien. Wir werden nur so von oberflächlich verwendeten Bildern überflutet - insbesondere durch das Fernsehen durch z. B. Werbung oder Musikvideos. Michael Künne nennt als Konsequenz dieser Reizüberflutung, dass die Aufmerksamkeit der Menschen abnehme, da der Mensch nicht in der Lage sei alle Eindrücke, die auf ihn wirken, stets aufzunehmen. Außerdem befürchtet er, dass die Erinnerungsfähigkeit sinken könne.[1] Rainer Oberthür schreibt, dass Schüler unserer Zeit eher an realistische Fotographien gewöhnt seien und dass deswegen selbstgemalte Bilder ungewohnt für sie sein könnten.[2] Genau um diese selbstgemalten Bilder wird es in dieser Hausarbeit gehen. Antje Wüpper meint, dass man an der visuellen Fixierung der Schüler im Unterricht anknüpfen könne. Sie gibt allerdings zu bedenken, dass die Schüler auf schnelle Bilder eingestellt sind, was bei der folgenden Bildbetrachtung nicht der Fall ist. Dort schaut man sich nämlich nur ein einziges Bild lange und intensiv an. Dieses lange detaillierte Betrachten ist ungewohnt für die Kinder, die auf Entertainment eingestellt sind, und fordert daher ein hohes Maß an Konzentration und Geduld.[3] Neben der hohen Geschwindigkeit ist der Pluralismus ein weiteres Merkmal der heutigen Gesellschaft. Es herrscht ein Wertepluralismus, d. h. es existieren mehrere unterschiedliche Wertvorstellungen gleichzeitig nebeneinander. Diese verwirrende Vielfalt bereitet den Heranwachsenden Schwierigkeiten bei ihrer Identitätsfindung, weil es keine klar definierten Normen und Werte gibt, an denen sie sich orientieren können.[4] Der Religions- unterricht hat daher die Aufgabe auf dieses Problem einzugehen und dem Jugendlichen bei seiner Suche nach der eigenen Identität zu unterstützen. So kann der Religionsunterricht sich z. B. die anthropologischen Fragen stellen Was ist der Mensch? Was ist das Sein und der Sinn menschlichen Lebens? Wie sieht die Beziehung zwischen dem Menschen und Gott aus? Was ist mit dem Sünder?[5] Diese Fragen kann man u. a. zum Bild »Der Barmherzige Samariter« von Vincent van Gogh stellen. Zudem wir der Schüler bei der Bildanalyse zur Selbstreflexion angeregt.[6]

2.2. Warum Bildanalyse?

In wie fern kann die Bildanalyse im Religionsunterricht zur Entwicklung des Heran- wachsenden beitragen? Warum ist eine Bildanalyse sinnvoll? Werner H. Ritter findet Bilder wegen ihrer „ästhetisch-sinnlichen Dimension“[7] für die religiöse Erziehung sehr wichtig. Angesichts einer Welt voller Bilder wirkt seiner Meinung nach die ausschließliche Verwendung von Texten unbefriedigend. Der Mensch begreift seit Kindesalter an die Welt in Bildern. Die bildlich-ikonographische Perzeption kommt vor der kognitiven/ verbalen Perzeption, die im Laufe der Zeit immer stärker wird ohne die bildlich-ikonographische zu verdrängen. Deswegen ist der Seh- und Imaginationsprozess wichtig für die religiöse Bildung.[8] Lange schreibt, dass der Seh-Sinn dominiere. „Augen-Wissen ist konturierter und dringt in tiefere Seelenschichten.“[9] Peter Orth behauptet, dass Schüler lieber Bilder als Texte bevorzugen. Er bezeichnet Bilder als „locus theologicus“ und behauptet, dass Bilder „Unanschauliches anschaulich“[10] machen können. Sie bieten einen tieferen Blick in die Realität und machen oft noch nicht Wahrgenommenes bzw. Selbstverständliches bewusst.[11] Wüpper ist der Meinung, dass „der differenzierte Umgang mit Kunst (...) zu einer Sensibilisierung der Wahrnehmung führen“[12] könne. Dies ermöglicht ein besseres Zurecht- kommen in der heutigen Welt.[13] Die Schärfung der Wahrnehmung ist laut Albrecht Grözinger wichtig, da die Wahrnehmung die Vorraussetzung für Entscheidungen sei. Die Entscheidung wiederum ist die Voraussetzung für das Handeln. Demnach leitet das bewusste Wahr- nehmen zum aktiven Handeln an. Zudem ist die Wahrnehmung die Vorraussetzung für die Gottesoffenbarung. Nur wenn man bewusst und genau wahrnimmt, ist man fähig die Offenbarung Gottes in der Welt zu erkennen. Daher hat die Kunst die Aufgabe eingefahrene Sichtweisen, routinierte Erfahrungen und Selbstverständliches mit einem anderen Blick zu beleuchten, so dass religiöse Erfahrungen ermöglicht werden.[14] Wüpper warnt jedoch davor die Kraft der Bilder zu überschätzen. Bilder sind nämlich immanent und können somit keine Offenbarung auslösen. Dies kann nur Gott allein.[15] Bilder können im Unterricht verschiedene Funktionen einnehmen. Sie können z. B. zur Überprüfung oder zur Wiederholung (Rekapitulationsfunktion) des Gelernten oder zum Wiedereinstieg (Aktivierungsfunktion) in die Stunde dienen. „Bilder erhöhen die Aufmerksamkeit, das Interesse und die Freude am Lernen und animieren zur weiteren Beschäftigung mit dem Text oder Thema.“[16] Wüpper glaubt, dass die Schüler sich besser an das an Hand des gemalten Bildes Gelernte erinnern, weil Alltägliches wie z. B. eine Fotographie schneller vergessen wird.[17] Durch die Bildanalyse erkennen die Schüler die „Relativität der eigenen Wahrnehmung“[18]. Sie lernen andere Meinungen (die ihrer Mitschüler oder die des Lehrers) zu akzeptieren und eventuell ihre eigene Meinung zu revidieren.[19] Dabei sollte die Lebenswelt der Schüler beachtet werden. Außerdem möchte man dem Schüler eine Kombination aus Sehen und Denken bzw. Wissen verdeutlichen. Diese Ganzheitlichkeit findet sich auch in der Kombination von Emotionen (bei der Bildanalyse wird u. a. nach den Gefühlen des Betrachters gefragt), Kognition und Praxis (das kreative Gestalten spielt bei der Bildbearbeitung ebenfalls eine Rolle) wieder. Der Schüler soll durch die Bilduntersuchung zu neuen Erkenntnissen und Anregungen kommen und bereits vorhandenes Wissen festigen.[20]

2.3. Bildanalyse an Hand des Werkes »Der Barmherzige Samariter« (1890) von Vincent van Gogh

Nachdem ich im letzten Kapitel die Bildanalyse legitimiert habe und gezeigt habe, was sie leisten kann, werde ich nun einen praktischen Teil anschließen. Ich werde nicht nur eine Bildanalyse beschreiben, sondern auch praktisch durchführen an Hand des Kunstwerkes »Der Barmherzige Samariter« von Vincent van Gogh. Dabei folge ich den fünf Schritten der Bildanalyse nach Günter Lange.

Die theologische Bildbetrachtung orientiert sich an der Kunstwissenschaft, hat aber eigene Schwerpunkte und „befragt Bilder unter eigenen Perspektiven“.[21] Nach Manfred Wickelhaus und Alex Stock gibt es zwei Methoden der Bildhermeneutik:

1) Der Bildvergleich
2) Die strukturale Bildanalyse[22]

Im Folgenden werde ich die strukturale Bildanalyse anwenden. Außer diesen beiden Methoden nennen Stock und Wickelhaus die Bildmeditation,[23] auf die ich aber nicht näher eingehen werde. Die strukturale Bildanalyse hat im Unterschied zur Bildmeditation eine systematische und methodische Intention. Sie kann die Bildanalyse leiten, dient dabei als Orientierung, ist allerdings flexibel und nicht streng einzuhalten.[24] Im Vorfeld der Bildbe- trachtung hat der Lehrer einige Punkte zu beachten. Zunächst einmal sollte er sich Basis- kenntnisse der Bildanalyse aneignen.[25] Außerdem muss er ein Bild auswählen, das zum Unterrichtsthema passt. In unserem Fall entscheiden wir uns für das Werk »Der Barmherzige Samariter« von Vincent van Gogh. Dann muss der Lehrer sich selbst mit dem Bild ausgiebig beschäftigen. Dabei hat er sich Fragen zu stellen wie z. B. : Bietet das Bild genügend Möglichkeiten zur Identifizierung? Können die Schüler die ikonographischen Zeichen deuten und die theologische Aussage verstehen? Ruft das Bild Gefühle hervor? Wenn ja, welche? Hinzu kommt, dass der Lehrer die technisch-organisatorische Planung des Unterrichts bedenken muss. Er muss entscheiden, ob er das Bild z. B. per Diaprojektor oder Overhead- projektor präsentiert,[26] wobei eine Verdunkelung des Klassenraums zu empfehlen ist, weil das Bild so besser wirkt und eine besondere Atmosphäre erzeugt wird. Bei der Verdunkelung wird der Raum ausschließlich vom mediumausgehenden Licht erhellt. Dies lenkt die Aufmerksamkeit auf das Bild.[27] Zudem sollte ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Schüler und dem Lehrer bestehen, was den Schüler motiviert sich mit Themen, die seine Persönlichkeit betreffen, auseinander zusetzten.[28] Bei der Bildbetrachtung sind stets zwei Ebenen zu berücksichtigen:

[...]


[1] Vgl. Michael Künne, Bildbetrachtung im Wandel, Kunstwerke und Photos unter bilddidaktischen Aspekten in Konzeptionen westdeutscher evangelischer Religionspädagogik 1945-1996 (Ästhetik-Theologie-Liturgik; Bd. 8) Münster 1999, 199f.

[2] Vgl. Rainer Oberthür, Sehen lernen, Unterricht mit Bildern Relindis Agethens aus dem Grundschul- werk von Hubertus Halbfas (Religionspädagogische Perspektiven; Bd. 6) Essen 1988, 42.

[3] Vgl. Antje Wüpper, Wahrnehmung lernen - Aspekte religionspädagogischer Bildbetrachtung am Beispiel religiöser Kunst des Expressionismus, Ein Beitrag zum religionspädagogischem Umgang mit Kunst (Symbol-Mythos-Medien; Bd. 4) Münster 2000, 90.

[4] Vgl. ebd. 20-24.

[5] Vgl. ebd. 275.277.

[6] Vgl. Gottfried Bitter, Art. „III.2.2 Ästhetische Bildung“. In: NHRPG, 233-238, hier: 237.

[7] Vgl. Werner H. Ritter, Art. „II.2.2 Gott - Gottesbilder“. In: NHRPG, 89-93, hier: 90.

[8] Vgl. ebd. 90-92.

[9] Günter Lange, Art. „II.1.5 Bildwerke“. In: NHRPG, 75-78, hier: 76.

[10] Peter Orth, Art. „V.2.5 Umgang mit Bildern“. In: NHRPG, 489-493, hier: 490.

[11] Vgl. ebd.

[12] Wüpper, Wahrnehmung lernen (2000) 27.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. ebd. 62.

[15] Vgl. ebd. 121.

[16] Ebd. 116.

[17] Vgl. ebd.

[18] Ebd. 128.

[19] Vgl. ebd. 129.

[20] Vgl. ebd. 130.

[21] Manfred Wickelhaus/ Alex Stock, Bildtheologie und Bilddidaktik, Studien zur religiösen Bildwelt, Düsseldorf 1981, 9.

[22] Vgl. ebd. 10.

[23] Vgl. ebd. 36.

[24] Vgl. ebd. 38.

[25] Vgl. Wüpper, Wahrnehmung lernen (2000) 89.

[26] Vgl. Orth, Art. „V.2.5 Umgang mit Bildern“. In: NHRPG, 489-493, hier: 492.

[27] Vgl. Oberthür, Sehen lernen (1988) 37.

[28] Vgl. Gunther Otto/ Maria Otto, Auslegen, Ästhetische Erziehung als Praxis des Auslegens in Bildern und des Auslegens von Bildern, Seelze 1987, 116.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640122158
ISBN (Buch)
9783640124169
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112918
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Schlagworte
Gleichnis Bild Vincent Gogh Barmherzige Samariter« Barmherzigen Samariter

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