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Analyse und Interpretation von Vergil, Aeneis 9,296-350

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 34 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Worte zur Nisus/Euryalus-Episode

2. Text und metrische Analyse

3. Übersetzung

4. Interpretation von Vergil, Aeneis 9, 296-350

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Worte zur Nisus/Euryalus-Episode

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die beiden Freunde Nisus und Euryalus, von denen in den hier behandelten Versen die Rede sein wird, erscheinen in der Aeneis bereits im fünften Buch, wo sie an einem Wettlauf teilnehmen und Nisus dem Euryalus zum Sieg verhilft, indem er dessen schärfsten Konkurrenten absichtlich zu Fall bringt. Dennoch werden sie später von Vergil so eingeführt, als hätte der Leser zuvor noch nichts von ihnen gehört. Diese Tatsache zählt zu den „kompositorischen Auffälligkeiten – manche sagen: Widersprüchen – der Aeneis[1]. Im neunten Buch nun, dessen Nisus/Euryalus-Episode ganz offensichtlich durch die Dolonie im zehnten Gesang der Ilias angeregt ist, schließen sich die beiden Trojaner zusammen, um durch das feindliche Lager der Rutuler hindurch zu Aeneas durchzudringen, um ihn zu Hilfe zu holen. Jedoch genügt es ihnen dabei nicht, unbemerkt durch die feindlichen Reihen zu kommen, vielmehr nutzen sie die Nachlässigkeit der betrunkenen und schlafenden Rutuler, um unter ihnen erst noch ein Blutbad anzurichten. In diesen Zusammenhang fallen die Verse, die in der folgenden Arbeit zunächst lateinisch wiedergegeben, metrisch analysiert und sodann ins Deutsche übersetzt werden sollen. Im Anschluss daran steht die sprachliche Analyse und Interpretation dieser Textstelle, wobei einige textkritische Gesichtspunkte mit berücksichtigt werden.

Den beiden Trojanern wird ihr nächtlicher Überfall auf die Feinde letztlich zum Verhängnis, da ein Beutestück, genauer ein im Dunkel der Nacht blitzender Helm, Euryalus verrät und er von einem latinischen Reitertrupp entdeckt wird. Daraufhin will sich Nisus zwar noch für seinen Kameraden opfern, doch werden schließlich beide getötet.

2. Text und metrische Analyse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Übersetzung

„Versprich dir alles, was deiner gewaltigen Vorhaben wert ist.

Denn sie soll als Mutter mir gelten und der Name Creusa fehlt ihr allein,

und nicht kleiner Dank ist ihr beschieden dafür, dass einen solchen Sohn sie gebar.

Und welche Schicksale auch immer der Tat folgen werden, bei diesem meinem Haupt schwöre ich, bei dem mein Vater zuvor zu schwören pflegte.

Was ich dir verspreche, falls du zurückkehrst und für den glücklichen Ausgang, dasselbe wird auch deiner Mutter und deinem Geschlecht erhalten bleiben.“

So sprach er unter Tränen.

Von der Schulter legte er zugleich das vergoldete Schwert ab, das Lykaon aus Knossos mit wunderbarer Kunstfertigkeit geschaffen und leicht handhabbar in die elfenbeinerne Scheide eingefügt hatte.

Mnestheus gab dem Nisus ein Fell, die Haut eines struppigen Löwen;

seinen Helm tauscht mit ihm der treue Aletes.

Sofort ziehen sie bewaffnet los; und die ganze Schar der Edelsten, Junge und Alte, geleitet sie unter Gebeten zu den Toren.

Unter ihnen ist auch der herrliche Julus, schon vor seinen Jahren männlichen Mut und Sorge in sich tragend, der ihnen noch viele Aufträge für den Vater mitgeben wollte;

aber die Winde zerstreuten alles und übergaben es den Wolken als unwirksame Gabe.

Draußen lassen sie die Gräben hinter sich, eilen durch das Dunkel der Nacht zum feindlichen Lager, zuvor jedoch sollten sie noch vielen den Tod bringen.

Überall sehen sie die im Gras hingestreckten Körper voll Schlaf und Wein, die empor gerichteten Wagen am Strand, zwischen Riemen und Rädern die Männer, zugleich sehen sie Waffen herumliegen und ebenso Weingefäße.

Folgendermaßen sprach da zuerst des Hyrtakus’ Sohn:

„Euryalus, nun muss die Tat gewagt werden, nun ruft die Gelegenheit selbst. Hier ist der Weg.

Wache du und halte weithin Ausschau, damit keine Hand sich gegen uns im Rücken erheben kann; ich aber werde hier Platz schaffen und dich durch einen breiten Durchgang führen.“

So spricht er und schweigt wieder.

Zugleich greift er den hochmütigen Rhamnes mit dem Schwert an, der zufällig auf hohen Decken liegend aus voller Brust den Schlaf herausschnarchte, selbst König und dem König Turnus der liebste Seher, doch konnte er durch die Weissagekunst das Unheil nicht abwehren.

Daneben tötet er drei Diener, die sorglos zwischen den Waffen liegen,

und den Knappen des Remus, er trifft den Wagenlenker bei den Pferden und haut ihm mit dem Schwert den hängenden Hals herunter.

Dann raubt er dem Herrn selbst das Haupt und lässt nur den Blut ausschluchzenden Rumpf zurück; es triefen der vom dunklen Blut gewärmte Boden und die Polster.

Und auch Lamyrus, Lamus und den jugendlichen Serranus, der dort bis tief in die Nacht gespielt hatte, tötet er, einen Mann mit hervorstechendem Gesicht, der hinsichtlich seiner Glieder vom starken Gott des Weines überwältigt dalag.

Wie glücklich, hätte er jenes Spiel die ganze Nacht hindurch betrieben und bis zum Morgen weitergeführt.

Hungrig wie ein Löwe, der in vollen Schafställen Verwirrung stiftet – denn ungeheurer Hunger reizt – frisst und zerrt er das zarte und vor Angst stumme Schaf, er brüllt mit blutigem Maul.

Nicht geringer ist das Blutbad des Euryalus;

er brennt und wütet auch selbst und attackiert wahllos viel Volk ohne Namen,

auch Fadus, Herbesus, Rhoetus und Abaris, die nichts ahnten:

Rhoetus allerdings war aufgewacht und sah alles, versuchte aber, sich hinter einem Mischkrug zu verstecken, weil er sich sehr fürchtete;

als er sich erhob, stieß Euryalus ihm das Schwert zur Gänze aus der Nähe in die feindliche Brust und zog es bluttriefend wieder heraus.

Jener speit das purpurrote Leben aus und erbricht im Sterben mit Blut vermischten Wein.

Der brausende Euryalus aber lässt nicht ab von seinem heimlichen Angriff.

4. Interpretation von Vergil, Aeneis 9, 296-350

Nach der Bitte des Euryalus an Ascanius, sich seiner Mutter anzunehmen und sie zu trösten, da er sie ohne Verabschiedung zurücklassen muss[2], beginnt nun wiederum Ascanius weinend zu sprechen. Euryalus soll sich demnach alles versprechen, was seiner gewaltigen Vorhaben wert ist (sponde digna tuis ingentibus omnia coeptis). Dabei ist es zwar Ascanius selbst, der dieses Versprechen gibt, er autorisiert aber quasi Euryalus selbst, es auszusprechen. Das Verbum des Versprechens, das sich in diesem Zusammenhang findet, spondere, verwendet Vergil in seinen Werken lediglich dreimal und nur in der Aeneis (außer an dieser Stelle noch in 5,18 und in 12, 637)[3]. Unklar ist, welches Objekt zu spondere zu ergänzen ist[4]. Zum einen könnte man aus dem Vers selbst die Wendung tuis ingentibus coeptis ergänzen, wogegen allerdings deren Zugehörigkeit als Ablativ zum Adjektiv digna spricht. Zum anderen könnte man erwägen, die Mutter des Euryalus als Dativobjekt zu ergänzen, der ja das Versprechen gilt. Als wahrscheinlichste Möglichkeit jedoch erscheint mir das Hinzufügen des Dativs tibi, wobei der gesamte Ausdruck dann im Deutschen durch ‚sich selbst etwas versprechen’ wiedergegeben werden kann. Für diese Wahl spricht auch eine Parallelstelle in 10,549, in der ein Synonym zu spondere, nämlich promittere, mit dem Dativ sibi verbunden ist.

Insbesondere gibt Ascanius zu verstehen, dass die Mutter des Euryalus ihm wie seine eigene sein soll, wozu ihr nur noch der Name Creusa, also der seiner wirklichen Mutter, fehle (namque erit ista mihi genetrix nomenque Creusae / solum defuerit). Er will sie also genau so behandeln, als wäre sie seine Mutter selbst. Mit diesen Worten nimmt Ascanius die Worte der Bitte des Euryalus aus Vers 284f., genetrix…est mihi, wieder auf. Dabei wird ihre Bezeichnung als genetrix besonders durch die Umrahmung dieser Vokabel durch die Penthemimeres und die Hephthemimeres betont. Die Verbindung zwischen den beiden Müttern wird durch einen Chiasmus (erit ista mihi genetrixnomenque Creusae solum defuerit) unterstrichen. Das Futur II defuerit bezeichnet im vorliegenden Fall den „Ausdruck der sicheren Erwartung“[5], also gewissermaßen das verlässliche Einlösen des von Ascanius gegebenen Versprechens.

[...]


[1] Suerbaum, Werner: Vergils »Aeneis«. Epos zwischen Geschichte und Gegenwart. Stuttgart 1999 (= Reclams Universal-Bibliothek Nr. 17618). S. 369.

[2] Vgl.: P. Vergili Maronis: Opera. Recognovit brevique adnotatione critica instruxit R.A.B. Mynors. Oxford 1969. Aen. Lib. IX, 284-292. (Alle weiteren zitierten Textstellen der Aeneis beziehen sich ebenfalls auf diese Ausgabe, sie werden im Folgenden jedoch nur noch kurz durch Nennung von Buch und Versen angegeben)

[3] Vgl.: Concordantia Vergiliana. Curavit Manfred Wacht. Band II. Hildesheim/Zürich/New York 1996 (= Alpha-Omega: Reihe A, Lexika, Indizes, Konkordanzen zur klassischen Philologie; 154). S. 1151.

[4] Vgl.: Dingel, Joachim: Kommentar zum 9. Buch der Aeneis Vergils. Heidelberg 1997 (=Wissenschaftliche Kommentare zu griechischen und lateinischen Schriftstellern). S. 134.

[5] Leumann, M. / Hofmann, J.B. / Szantyr, Anton: Lateinische Grammatik. Auf der Grundlage des Werkes von Friedrich Stolz und Joseph Hermann Schmalz. Zweiter Band: Lateinische Syntax und Stilistik von J.B. Hofmann. Neu bearbeitet von Anton Szantyr. 2. Auflage. München 1972. S. 323.

Details

Seiten
34
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640127832
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112880
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Lehrstuhl für klassische Philologie (Latein)
Note
1,0
Schlagworte
Analyse Interpretation Vergil Aeneis

Autor

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Titel: Analyse und Interpretation von Vergil, Aeneis 9,296-350