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„Sie brauchen die Gebärmutter ja nicht mehr…“ - Frauen berichten über Gebärmutterentfernung und die Folgen

Fachbuch 2008 113 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 DIE GEBÄRMUTTER - medizinisches Grundlagenwissen
1.1 Aufbau und Lage der Gebärmutter
1.2 Funktionen der Gebärmutter
1.2.1 Die Gebärmutter als Sexualorgan
1.2.2 Einfluss der Gebärmutter auf die Eierstöcke und deren Hormonproduktion
1.2.3 Einfluss der Gebärmutter auf das Nervensystem
1.2.4 Die weiblichen Sexualhormone und ihre Rolle im ovariellen und uterinen Zyklus
1.2.5 Zusammenhänge zwischen dem Regelkreis der Sexualhormone und der Beta-Endorphine

2 Medizinisches Grundwissen über die Hysterektomie
2.1 Indikationen für eine Gebärmutterentfernung
2.2 Operationstechniken
2.3 Körperliche Reaktionen als Folge der Operation
2.4 Die Indikationendiskussion

3 Die „Krankheit Frau“
3.1 Medizingeschichtliche Betrachtung der Gebärmutter
3.2 Wissenschaftsmythen - die Erfindung der "Krankheit Frau"
3.3 Aus Sicht der Frauen: die Gebärmutter als Symbol
3.4 Selbstkonzept, Körperbild und "Vollwertigkeitsgefühl"
3.5 Das Objekt der Gynäkologie schaut zurück

4 Exkurs: Klimakterium
4.1 Ein Vergleich zwischen "natürlicher" und operationsbedingter Menopause
4.2 Einige spezielle Probleme der Wechseljahre
4.2.1 Das Ende der Reproduktionsfähigkeit
4.2.2 Klimakterium und Sexualität
4.2.3 Die Wechseljahre als Lebensabschnitt

5 Welche Bedeutung kann eine Gebärmutteroperation für die Psyche der
betroffenen Frau haben?
5.1 Hysterektomie und Depression
5.2 Hysterektomie bei psychisch gestörten Patientinnen
5.3 Risiko- Patientinnen
5.4 Untersuchungen zum Stellenwert der präoperativen Aufklärung
5.5 Hysterektomie, Sexualität und Partnerschaft

6 Interviews mit Frauen, die sich die Gebärmutter entfernen ließen

Schlusswort: Der lange Weg

Literaturverzeichnis

Vorwort

Für meine Diplomarbeit im Fach Psychologie[1] befragte ich Frauen, die sich ihre Gebärmutter herausoperieren hatten lassen. Ich wollte wissen, welche „subjektiven Theorien“ Frauen zur Bedeutung dieses wichtigen weiblichen Organs haben: wie es zu dem Entschluss zu einer Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) kam, wie sie die Operation erlebt haben, wie es ihnen nach der Operation erging, was das für ihre Sexualität und Partnerschaft bedeutete und was sie aufgrund ihrer Erfahrungen betroffenen Frauen raten.

Das Thema „Hysterektomie“ drängte sich mir geradezu auf - in Wartezimmern von Ärzten, im Autobus, sogar an der Supermarktkasse hörte ich Frauen über Gebärmutteroperationen sprechen.

Die Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) ist eine der häufigsten Operationen bei Frauen über 40. Im Frauengesundheitsbericht Bremen 2001 heißt es:

„Jede vierte Bremer Frau zwischen 50 und 54 Jahren hat keine Gebärmutter mehr, bei den 55 bis 59 Jährigen ist es bereits jede dritte und bei den 65 bis 69 Jährigen sind es 40%. In der überwiegenden Mehrzahl waren gutartige Erkrankungen der Grund für die Entfernung der Gebärmutter. Konsequenzen für gesundheitspolitisches Handeln ergeben sich in erster Linie im Zusammenhang mit der Gebärmutterentfernung. Diese richten sich vor allem darauf, dass Frauen in der Lage sind, informiert darüber zu entscheiden, ob und wie sie ihre Beschwerden behandeln bzw. auch eine Hysterektomie durchführen lassen. Hierzu gehören sowohl eine bessere Information der Frauen wie eine höhere Transparenz des Angebots von Seiten der Krankenhäuser.“

In Deutschland werden pro Jahr etwa 150.000 Gebärmutterentfernungen durchgeführt, meist wegen Blutungsstörungen oder Myomen: 70 bis 90 Prozent der Gebärmutterentfernungen wären aber unnötig, sagt der Gynäkologe Dr. Möller. Er ist einer der deutschen Gynäkologen, die derartige Beschwerden gebärmuttererhaltend operieren, d. h. wenn eine Gebärmutterentfernung notwendig ist, bietet er Methoden an, bei denen nur jener Teil der Gebärmutter entfernt wird, der die Beschwerden verursacht. Dadurch werden die Senkungsbeschwerden, die gewöhnlich in Folge einer Gebärmutterentnahme auftreten, nämlich Harninkontinenz oder sexuelle Probleme, weitgehend vermieden.

Ich wollte wissen, was Frauen dazu bewegt, sich ein so wichtiges Organ „abschwatzen“ und wegoperieren zu lassen. Ich wollte wissen, was diese Frauen mit einer Operation loswerden bzw. gewinnen wollten. Am Anfang dieser Arbeit nahm ich an, dass die Hysterektomie einen Versuch darstellte, etwas in Ordnung zu bringen, das mit dem eigenen Frausein zu tun hat - ein Versuch, Probleme auf der körperlichen Ebene zu lösen, wobei die Gebärmutter stellvertretend für etwas /jemand steht, von dem frau sich trennen will/ muss.

Nach Abschluss dieser Arbeit sehe ich die Gebärmutter nicht mehr nur als Projektionsfläche für Probleme, sondern vor allem als Chance, eine eigene, ganz subjektive Definition von Weiblichkeit zu finden:

Die Gebärmutter ist ein auch nach der Reproduktionsphase wichtiges Organ, das stark symbolisch besetzt werden kann. Die von Männern geprägten Bilder von Weiblichkeit sind in der Gesellschaft wie in unseren Köpfen sehr dominant, und es ist für viele Frauen ein langer Weg, sich hier von der Fremdbestimmung und vom Objektstatus zu befreien, ihre eigene Weiblichkeit zu finden und sich als Subjekt zu erleben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit ist hier sicher eine zentrale Frage: ganz speziell hat die positive Besetzung der Gebärmutter über die Funktion der Reproduktion hinaus etwas mit der eigenen Wertschätzung als Frau zu tun.

Meine subjektive Einstellung zu Theorie und Praxis der Mainstream-Gynäkologie ist kritisch - es behagt mir nicht, dass die FRAUEN-Heilkunde vorwiegend in männliche Hände geraten ist. Frauenforscherinnen wie auch kritische GynäkologInnen stellen fest, dass allzu oft Frauenfeindlichkeit in gynäkologischen Lehrbüchern und in der einschlägigen Fachliteratur in so genannten objektiven Theorien festgeschrieben wird. Deshalb sind Forschungen von Frauen an Frauen für Frauen besonders wichtig, gerade bei gynäkologischen Fragen.

Die operierenden Gynäkologen setzen ihre Patientinnen bezüglich möglicher negativer Folgen meist nur ungenügend in Kenntnis bzw. bagatellisieren sie die Fragen und Sorgen aber auch die Beschwerden der Frauen oft.

Tatsache ist, dass die Bedeutung des Uterus für die Gesundheit der Frau auch nach den Wechseljahren noch nicht ausreichend erforscht wurde und deshalb jeglicher Eingriff an diesem Organ sorgsam abzuwägen ist. Dem Gynäkologen obliegt hier die Pflicht, seine Patientinnen ausreichend nach dem neuesten Stand der Forschung über die Funktionen des Uterus für die Gesundheit der Frau zu informieren.

Von den 18 für meine Diplomarbeit interviewten Frauen erhielt nur eine einzige(!) von ihrem Gynäkologen Informationen über Methoden zur (Gesund-)Erhaltung des Uterus. Allen anderen wurde mit stereotypen Formulierungen ("Sie wollen sowieso keine Kinder mehr!" - "Krebsrisiko" etc.) als einzige Therapie für Myome, Senkungsbeschwerden oder Blutungen die Hysterektomie angeboten.

Die von mir befragten Frauen berichteten über die mangelnde Einfühlungsgabe ihrer männlichen Gynäkologen und „äußerten Misstrauen bezüglich ihrer Aussagen über ein Organ, das sie selbst nicht hätten und deshalb leicht als entbehrlich betrachten könnten. Und wenn frau Bedenken über die Entfernung ihrer Gebärmutter anmeldet oder gar kundtut, dieses Organ auch ohne weiteren Kinderwunsch bzw. nach den Wechseljahren behalten zu wollen, ist sie hysterisch, was sonst?

Wenn Frauen sich Gedanken über die Auswirkungen einer Hysterektomie auf ihre postoperative Sexualität machen, werden sie darauf hingewiesen, dass sowieso nur bereits vorher psychologisch auffällige Frauen nachher Probleme hätten. Der Frau wird mitgeteilt, sie leide an der "Krankheit Frau".

Wenn eine Frau sich mit psychosomatischen und/oder gynäkologischen Beschwerden zum Facharzt begibt, hat sie das (Menschen-)Recht, mit ihren Beschwerden ernst genommen zu werden.

Da sich immer mehr Forscherinnen und auf dem Gebiet der Frauengesundheit Frauen für eine Gynäkologie für Frauen engagieren, besteht die Hoffnung auf eine frauengerechte medizinische und therapeutische Versorgung.

Im 1. und 2. Kapitel des vorliegenden Buches finden Sie medizinisches Grundlagenwissen zur Bedeutung der Gebärmutter. Sie können sich über unterschiedliche Gebärmutteroperationen informieren – und in welchen Fällen Ihr Gynäkologe Ihnen wahrscheinlich zu einer Gebärmutterentfernung raten wird.

Im dritten Kapitel begleite ich Sie auf einem Streifzug durch die Rolle der Gebärmutter in der Medizingeschichte – wie die Medizin die „Krankheit Frau“ erfand. Die Betrachtung der Gebärmutter ist ambivalent - in der männlich geprägten Medizin- und Geisteswelt ebenso wie im Erleben der Frauen. Früher wie heute ranken sich um die Gebärmutter kollektive Phantasien und Symbolisierungen, die sie mit Potenz und lebensspendender Kraft, aber auch mit nervöser Schwäche oder Minderwertigkeit in Verbindung bringen.

Im vierten Kapitel erfahren Sie, welche Bedeutung eine Gebärmutteroperation für die Psyche der betroffenen Frauen haben kann.

Der 2. Teil des Buches ist den Frauen gewidmet, die so mutig waren, sich durch eine Gebärmutteroperation als Subjekte ihres Lebens kennen zu lernen. An dieser Stelle sei ihnen Dank gesagt dafür, dass sie andere Frauen durch ihre Offenheit davor bewahren wollen, sich allzu bereitwillig unter das chirurgische Messer zu legen. In biographischen Interviews erzählen Frauen, welche Bedeutung die Gebärmutter für ihr Selbsterleben und ihre weibliche Identität hat und wie es dazu kam, dass sie sich ihre Gebärmutter entfernen ließen. Sie berichten von Beschwerden vor und nach einer solchen Operation, über die frau meist nur hinter vorgehaltener Hand spricht. Allen von mir interviewten Frauen war es ein besonderes Anliegen, ihre Erfahrungen mit anderen betroffenen Frauen zu teilen.

Ich hoffe, dieses Buch kann dazu beitragen, dass Sie die bestmögliche Hilfe und Information bekommen, wenn Sie vor der Entscheidung einer Gebärmutterentfernung stehen!

1 DIE GEBÄRMUTTER - medizinisches Grundlagenwissen

1.1 Aufbau und Lage der Gebärmutter

Die Gebärmutter ist ein kräftiges Muskelorgan, das im kleinen Becken zwischen Blase und Enddarm an Bändern aufgehängt und gestützt ist, so dass sich die Gebärmutter im Beckenraum bewegen oder wachsen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Ein Blick auf die Gebärmutter (Blase, Dünn- und Dickdarm nicht abgebildet), aus: Föderation der Feministischen Frauen-Gesundheitszentren (USA)(Hg.): Frauenkörper - neu gesehen, S.67

Bei einer nicht schwangeren Frau ist die Gebärmutter etwa 7 bis 9 cm lang und hat eine längliche Form. Die Gebärmutter kann ihre Lage verändern und tendiert dazu, sich bei Berührung zurückzuziehen. Bei sexueller Stimulation, beim Orgasmus, beim Stillen und auch bei der Menstruation zieht sich die Gebärmutter ebenso zusammen. Während der Schwangerschaft nimmt die Größe der Gebärmutter um das 20 bis 30fache zu. Diese enorme Vergrößerungsfähigkeit ist in der spiralförmigen Anordnung der Gebärmuttermuskelfasern begründet.

Man unterscheidet den Uteruskörper (Corpus uteri), der die oberen zwei Drittel des Organs ausmacht, den Gebärmuttergrund (Fundus), der die oberste Kuppe bildet, und den Gebärmutterhals (Cervix uteri), der in die Vagina hineinreicht (siehe Abb. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Die weibliche Gebärmutter, hervorgehoben ist die Zervix. Aus: Cutler/ Minker: Die fragwürdige Operation, S. 45

Die Außenwand der Gebärmutter (Myometrium) besteht aus glatter Muskulatur, deren Kontraktionen vom vegetativen Nervensystem sowie von Hormonausschüttungen beeinflusst werden (z.B. zieht sich die Gebärmutter bei hohem Östrogenspiegel als Ganzes zusammen, während sich bei hohem Progesteronspiegel nur einzelne Muskelpartien zu Klümpchen zusammenziehen). Die innere Schleimhaut (Endometrium) ist weich und schwammig und während der prämenstruellen Phase in jedem Zyklus mit zahlreichen Blutgefäßen durchsetzt (siehe Abb. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Die Gebärmutterschleimhaut. Aus: Föderation der Feministischen Frauen-Gesundheitszentren (USA)(Hg.): Frauenkörper - neu gesehen

Sobald der Gelbkörper (Corpus luteum) in den letzten sieben Tagen vor der nächsten Blutung zu schrumpfen beginnt und immer weniger Östrogene und Progesteron produziert, verändert sich auch das Endometrium entsprechend (Aufbaustopp und Beginn des Schleimhautabbaus). Das Gewebe wird nicht mehr genügend mit Sauerstoff versorgt, die Blutgefäße verkümmern, die Zellen sterben ab (außer die Frau ist inzwischen schwanger geworden - dann wird aus dem Endometrium das nährende Nest für das befruchtete Ei, das sich in ihr einnistet). Das Blut unter der Oberfläche sammelt sich in kleinen Pools, die platzen, wenn sie gefüllt sind. Blut und tote Zellen von der obersten Schicht des Endometriums treten als Menstruationsblut aus. Durch den Verlust von Blut und anderen Flüssigkeiten beginnt die Schleimhaut zu schrumpfen. Die Schleimhaut wird während der Menstruation aber nicht vollständig abgestoßen. Die untere Zellschicht bleibt erhalten und beginnt sofort, sich wieder aufzubauen. Sie wird zur obersten Schicht der Zellen, die im nächsten Zyklus abgestoßen werden.

Das untere Ende der Gebärmutter (die Cervix) unterscheidet sich strukturell vom Gebärmutterkörper. Es hat nur etwa 20 % seiner Muskelmasse, dafür besitzt es aber zahlreiche Nervenendigungen, die elektrische Impulse an Rückenmark und Gehirn weiterleiten, wenn sie durch Berührung stimuliert werden. Die Cervix verbindet außerdem die Vagina mit dem Gebärmutterkörper und produziert den sogenannten Cervixschleim.

1.2 Funktionen der Gebärmutter

Viele der Gesundheitsstörungen, als deren Therapie heute Hysterektomien und Ovarektomien (Eierstockentfernungen) verschrieben werden, sind noch ungenügend erforscht. Zwar werden ständig neue Erkenntnisse über die Physiologie des weiblichen Reproduktionstrakts gewonnen, aber vieles ist einfach noch nicht bekannt.

Wenn Frauen also bis jetzt weisgemacht wurde, nach dem Aufhören ihrer Gebärfähigkeit sei ihre Gebärmutter nutzlos, entspricht das nicht dem neuesten Stand der Wissenschaft und stellt einen groben Irrtum dar. Es stimmt nicht, dass die Gebärmutter lediglich ein sogenanntes "Erfolgsorgan" für eine mögliche Schwangerschaft darstellt und dieser Eingriff keinen Einfluss auf die Hormonbildung und das sexuelle Leben hat!

Neuere Studien weisen auf die Vielfältigkeit der Gebärmutterfunktionen über die Aufgabe als "Fruchthalter" hinaus hin, ebenso auf die Interaktionen zwischen der Gebärmutter und anderen Organen (wie z.B. den Eierstöcken). Informationen über die Bedeutung der Gebärmutter werden v.a. aus Organstudien mit systematischen Analysen der Beschwerden von Frauen nach Gebärmutterentfernungen gewonnen.

Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft lassen sich folgende Funktionen der Gebärmutter ableiten:

- Fruchthalter
- Sexualorgan
- Einfluss auf die Eierstöcke und deren Hormonproduktion
- Einfluss auf das Nervensystem

1.2.1 Die Gebärmutter als Sexualorgan

In den Lehrbüchern der Gynäkologie wird ebenso wie in Publikationen der Frauengesundheitsbewegung auf die Bedeutung der Gebärmutter für das sexuelle Empfinden der Frau hingewiesen:

"Auch dem Uteruskorpus wird eine kontrahierende Wirkung am Höhepunkt des Orgasmus (Akme) zugeschrieben (...) Der Orgasmus wird in Klitorisgegend, Scheide und Uterus mit Ausstrahlung ins Becken empfunden." (Gitsch & Janisch, 1991)

Trotzdem ist es heute noch üblich, dass Gynäkologen ihren Patientinnen versichern, dass nach einer Gebärmutterentfernung keine Veränderung ihres Sexuallebens stattfände.

Mit der steigenden Anzahl von Hysterektomiepatientinnen, die über Einbußen ihres Sexuallebens klagten, richtete sich das medizinische Interesse auf die Erforschung der Bedeutung der Gebärmutter für das Sexualleben.

Neben der Sensibilität der mit zahlreichen Nervenendigungen besetzten Cervix spielen auch die Gebärmutterkontraktionen für das orgasmische Erleben der Frau eine Rolle. Die Gebärmutter hat ebenso beim Geschlechtsverkehr auf die Scheidenfeuchtigkeit einen Einfluss. Die Feuchtigkeit der Scheide rührt aus zwei Quellen her: der Sekretion aus den Scheidenwänden (vaginales Transsudat) und dem Cervixschleim. Nach einer Hysterektomie, bei der auch die Cervix entfernt wurde (siehe Abb.6 und 7), fehlt die Hälfte des Systems, das die Scheide befeuchtet, was zu Scheidentrockenheit und damit verbunden zu sexuellen Problemen führen kann.

1.2.2 Einfluss der Gebärmutter auf die Eierstöcke und deren Hormonproduktion

Die Gesundheit der Eierstöcke hängt entscheidend von der Gebärmutter ab. Bestimmte Substanzen der Gebärmutter beeinflussen offensichtlich die Hormonproduktion. Obwohl das noch nicht genauer erforscht wurde, ist bekannt, dass bei vielen Frauen, denen vor der Menopause die Gebärmutter herausoperiert wurde, die nicht entfernten Eierstöcke aufhörten, in zyklischem Rhythmus Hormone zu produzieren.

Dr. Korbei, ein kritischer Wiener Gynäkologe, weist darauf hin, dass nach einer Gebärmutterentfernung vermehrt Zystenbildungen in den Ovarien auftreten, was dann weitere Operationen nach sich ziehen kann (persönliches Gespräch mit Dr. Korbei, 1998).

In vielen Studien wurden bereits Zusammenhänge zwischen einer Hysterektomie und dem anschließenden Auftreten von klimakterischen Beschwerden aufgezeigt. Innerhalb von drei Tagen nach der Operation lässt die Produktion der Eierstockhormone zeitweilig (manchmal auch dauerhaft) nach: Es kreisen deutlich weniger Östrogene, Progesteron, Androstendion und Testosteron im Blut. Ebenfalls unmittelbar nach der Operation verändert sich auch die Ausschüttung der Hormone LH, FSH sowie der Beta-Endorphine.

Aus zahlreichen Publikationen zur Rolle der Prostaglandine im Körper der Frau ist heute bekannt, dass Prostaglandine aus der Gebärmutter in die Venen zwischen der Gebärmutter und den Eierstöcken gelangen und von dort aus direkt in die Eierstöcke wandern. Da Prostaglandine auch eine wichtige Rolle für die Gelbkörperphase spielen, könnte ihr Vorhandensein in der Cervix erklären, warum die Eierstöcke bei annähernd 50% der hysterektomierten Frauen aufhören zu arbeiten. Die Frauen, deren Eierstöcke nach einer Hysterektomie weiterarbeiten, erhalten vermutlich die für die Funktion der Eierstöcke so wichtigen Prostaglandine durch sexuelle Aktivität, da Prostaglandine auch im männlichen Samen vorhanden sind (Cutler 1984).

1.2.3 Einfluss der Gebärmutter auf das Nervensystem

Die Gebärmutter ist eng mit dem Nervensystem verbunden. Eine Gebärmutterentfernung beeinträchtigt daher das Funktionieren des Nervensystems und damit auch die ganze Frau.

In drei wesentlichen Bereichen können Störungen entstehen:

- Der Beitrag der Gebärmutter zur Beta-Endorphin-Produktion: Die Gebärmutter beeinflusst die Beta-Endorphine auf zwei Wegen: Es werden Beta-Endorphine im Endometrium produziert. Weiters beeinflusst die Gebärmutter aufgrund ihrer Verbindung mit dem ovariellen Zyklus die Ausschüttung von Beta-Endorphinen im Gehirn und in der Hirnanhangdrüse. Nach einer Hysterektomie entfällt dieser positive Einfluss.
- Die Prostaglandin-Produktion der Cervix: Prostaglandine beeinflussen das Nervensystem auf vielfache Weise. Wird die Gebärmutter mitsamt der Cervix entfernt, fällt diese Prostaglandin-Produktionsstätte auch weg. Defizite sind anschließend mehr als wahrscheinlich. Bislang gibt es jedoch noch keine Studien, die den Effekten solcher Defizite nachgegangen wären.
- Sensible Nervenendigungen der Cervix: Wie bereits erwähnt, enden im Muttermund zahlreiche sensible Nerven, die Impulse bis ins Gehirn weiterleiten. Dort werden dann entsprechende Hormonausschüttungen und andere Reaktionen (etwa Lustempfinden) ausgelöst. Wird die Gebärmutter samt der Cervix herausoperiert, fehlt dieses Aktions-Reaktions-Muster mit noch unerforschten Auswirkungen auf das Gesamtbefinden der Frau.

1.2.4 Die weiblichen Sexualhormone und ihre Rolle im ovariellen und uterinen Zyklus

Physiologisch gibt es den ovariellen und den uterinen Zyklus. Diese Zyklen sind über ein kompliziertes Nerven- und Hormonsystem miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig. Mit den anatomischen Veränderungen im ovariellen Zyklus treten synchron dazu charakteristische Veränderungen im Endometrium auf. Diese Aufeinanderfolge von Änderungen wird Menstrual- oder uteriner Zyklus genannt.

Die Steuerung der weiblichen Hormonausschüttungen ist ein zyklischer Vorgang. Im Lauf eines Menstrualzyklus werden Hormone in wechselnden Mengen abgegeben, was im Folgenden vereinfacht dargestellt werden soll:

Der Hypothalamus regt die Hypophyse zur Hormonproduktion an. Die Hypophysenhormone wirken auf die Hormonabgabe im Eierstock: In der ersten Hälfte des Menstruationszyklus (follikuläre Zyklusphase) werden unter dem Einfluss des FSH in den Graafschen Follikeln die Östrogene Östron und Östradiol gebildet. Die Östrogene regen das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut an. In der zweiten Hälfte des Menstruationszyklus (luteale Phase) bewirkt das LH den Follikelsprung. Nach der Ovulation wandelt sich der Follikel unter dem Einfluss von LH und LHT unter der Einlagerung von Lipiden zum Gelbkörper um. Im Gelbkörper werden in der lutealen Phase die Gestagene (v.a. Progesteron) aufgebaut. Das Progesteron ist für die Vorbereitung der Implantation eines befruchteten Eis zuständig.

Die Hormone des Eierstocks regeln das Schleimhautwachstum in der Gebärmutter, ihre Menge wirkt auf die Hypophyse zurück: Bei hohem Hormonspiegel wird die Hypophysentätigkeit gehemmt, wodurch die Hormonproduktion der Hypophyse und in Folge auch die der Eierstöcke nachlässt. Die fehlenden Eierstockhormone bewirken eine Ablösung der Schleimhaut und regen die Hypophyse wieder zu vermehrter Hormonproduktion an.

1.2.5 Zusammenhänge zwischen dem Regelkreis der Sexualhormone und der Beta-Endorphine

Die Gebärmutter und die Eierstöcke spielen neben der Aufrechterhaltung des Kreislaufs der weiblichen Sexualhormone auch eine Rolle im Kreislauf der Beta-Endorphine und der im weiblichen Hormonhaushalt in geringerer Menge vorhandenen männlichen Sexualhormone Androstendion und Testosteron.

Androstendion wird in den Fettzellen des Körpers in Östron umgewandelt. Östron scheint wichtig für den Schutz vor Osteoporose zu sein. Menstruierende Frauen produzieren die Hälfte dieses Hormons in den Eierstöcken. So besteht nach einer Hysterektomie eine hohe Wahrscheinlichkeit für das Absinken des Androstendionspiegels und damit einhergehend ein erhöhtes Osteoporoserisiko.

Testosteron, das ebenfalls zu 50 % in den Eierstöcken produziert wird, ist wichtig für die Erhaltung der Libido. Eine häufig geäußerte Klage von Frauen nach Gebärmutteroperationen stellt den Verlust bzw. das Nachlassen des sexuellen Verlangens dar.

Die Beta-Endorphine haben einen wesentlichen Einfluss auf die Schmerztoleranz und das allgemeine Wohlbefinden. Frauen mit normalem Monatszyklus produzieren um die Zeit ihres Eisprungs herum ca. fünfmal so viele Beta-Endorphine wie sonst. Frauen mit unregelmäßigen Zyklen mit gestörtem Östrogen-Progesteron-Rhythmus sowie Frauen, die unter dem Prämenstruellen Syndrom (PMS) leiden und zu Depressionen neigen, haben nicht diesen Beta-Endorphin-Anstieg, der ein Charakteristikum eines normalen Zyklus darstellt. Auch nach den Wechseljahren sowie nach einer Eierstockentfernung sinkt der Beta-Endorphin-Spiegel beträchtlich.

Wie es sich mit den Beta-Endorphinen nach einer Hysterektomie verhält, wurde bislang noch nicht untersucht. Es ist möglich, dass die Unterbrechung der Verbindung zwischen den Eierstöcken und der Gebärmutter (wie das bei einer Hysterektomie mit Erhaltung der Eierstöcke der Fall ist) einen postoperativen Abfall des Beta-Endorphin-Spiegels nach sich ziehen kann, was die Häufigkeit von Depressionen nach einer Hysterektomie erklären könnte.

2 Medizinisches Grundwissen über die Hysterektomie

Die Hysterektomie ist eine der am häufigsten durchgeführten Operationen an Frauen. Mit 50 - 55 % führt die Hysterektomie die Liste aller gynäkologischen Operationen als Spitzenreiterin an. Die Gebärmutterentfernung ist die zweithäufigste Operation an 40 - 49jährigen Frauen.

Diese hohen Zahlen sind vor allem auf folgende Gründe zurückzuführen:

- Jahrzehntelang wurde von vielen (männlichen) Gynäkologen die Bedeutung der Gebärmutter für die Gesundheit und das Selbstwertgefühl nicht erkannt bzw. gegenüber den (vermeintlichen) Vorzügen der Operation nicht genügend berücksichtigt.
- Um als Fachärzte auf dem Gebiet der Gynäkologie anerkannt zu werden, müssen Assistenzärzte während ihrer Ausbildungszeit 30 bis 40 Hysterektomien im Operationskatalog vorweisen. Beide Zahlen gelten für Deutschland. In der Schweiz liegt die Zahl seit 1990 sogar bei 50. Dieser Druck verleitet dazu, die Indikation für einen solchen Eingriff großzügiger als nötig zu handhaben und ihn auch Patientinnen vorzuschlagen, die mit nichtoperativen Methoden behandelt werden könnten.
- Von allen Fachärzten haben Gynäkologen in Deutschland die meisten Belegbetten in Kliniken.

Bis vor wenigen Jahren waren nur rund 20% aller Hysterektomien medizinisch als "unbedingt notwendig" einzustufen. Zahlen aus der Schweiz belegen, dass Gynäkologinnen nur halb so oft Gebärmutterentfernungen vornehmen wie ihre männlichen Kollegen. Nach einem WHO-Bericht über die Effekte einer Informationskampagne auf die Häufigkeit von Hysterektomien wurde deutlich, dass nur 7,4 % der Gebärmutterentfernungen mit Krebs oder Krebsvorstadien zu tun hatten. Vielmehr spielten das Vorhandensein von Krankenhausbetten, das Geschlecht des Operateurs, die Art der Krankenversicherung und das Aufsuchen einer zweiten Meinung vor dem geplanten Eingriff eine Rolle.

Der Hysterektomieboom der 70er und 80er Jahre ist inzwischen etwas abgeklungen, dennoch ist noch immer kein Idealzustand erreicht, weil keineswegs jede Hysterektomie einer streng gestellten Indikation unterliegt.

2.1 Indikationen für eine Gebärmutterentfernung

Gitsch & Janisch (1991) weisen auf folgende Indikationen zur Hysterektomie hin:

- Bei Karzinom (PAP IV) der Cervix sollte bei Frauen ab 40 sofort eine Hysterektomie durchgeführt werden, bei Kinderwunschpatientinnen hingegen sei vorerst eine Konisation mit dreimonatiger zytologischer Kontrolle durchzuführen, wobei erst bei neuerlicher Diagnose eines Carcinoma in situ (=der Krebs beschränkt sich auf die Gebärmutterschleimhaut) die Hysterektomie durchzuführen sei. Dr. Korbei betont, dass in der Praxis bei allen Frauen und nicht nur bei Kinderwunschpatientinnen zuerst eine Konisation durchgeführt werde.

- Die Diagnose Gebärmutterkörperkrebs erfordert eine Hysterektomie einschließlich der Entfernung der Eierstöcke.
- Bei einer Insuffizienz des Beckenbodens und des Bandapparates kann es, besonders nach wiederholten Geburten, zu einer Senkung der Gebärmutter und/oder der Vagina kommen (Descensus uteri et vaginae).Die Patientinnen haben ein ständiges Druckgefühl nach unten, Harninkontinenz sowie Defäkationsbeschwerden; weiters klagen sie über ziehende Rückenschmerzen. Bei der Diagnose Descensus vaginae, Descensus uteri oder Prolapsus uteri (Uterusvorfall) sollten nach Versagen von Physikotherapie, Hormontherapie oder Pessartherapie chirurgische Verfahren wie Beckenbodenplastiken etc. zur Anwendung kommen, wobei bei "erfülltem Familienplan" eine Kombination dieser Maßnahmen mit einer vaginalen Hysterektomie empfohlen wird. Die Begründung: Die Belassung des Uterus besonders in Retroflexio würde den Keim zu einem Rezidiv bilden.

Weitere Haupt-Indikationen sind auch beschwerdefreie Myome (obwohl sich Myome im Wechsel zurückbilden und kein Krebsrisiko darstellen!), Blutungsanomalien oder schwere Dysmenorrhöen.

Die erweiterten und relativen Indikationen zur Hysterektomie, die zum Operations- Boom der 70er und 80er Jahre führten, haben eine Kontroverse um Sinn und Unsinn der operativen Maßnahme entzündet.

2.2 Operationstechniken

Die Operation kann auf vaginalem oder abdominalem Wege vorgenommen werden, wobei die vaginale Hysterektomie wegen der geringeren postoperativen Morbidität bevorzugt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.gynecare.at/bgdisplay.jhtml?itemname=hysterectomy_treatment_options&mi=1

Bei der subtotalen Gebärmutterentfernung, bleibt die Cervix erhalten. Diese Operation wird wegen der Bedeutung der Cervix für das Sexualleben und wegen des verringerten Risikos einer postoperativen Harninkontinenz als die beste Lösung betrachtet. Laut Dr. Korbei ist die subtotale Gebärmutterentfernung allerdings die umstrittenste Operationstechnik, da das Krebsrisiko in der Cervix am höchsten ist und gerade dieser Teil der Gebärmutter belassen wird. Oberarzt Dr. Hauser (Semmelweisklinik, Wien) hat eine neue Operationstechnik entwickelt, bei der die Cervix erhalten bleibt, während der Krebs aus der Schleimhaut im Cervixkanal ausgestanzt wird (Gebärmutterkrebs bildet sich in annähernd 90 % der Fälle in der Schleimhaut, nicht aber im Muskelgewebe).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Subtotale Gebärmutterentfernung oder laparoskopische suprazervikale Hysterektomie (LSH)

Bei der totalen Gebärmutterentfernung, wird die Cervix mitentfernt; die Eileiter und die Eierstöcke bleiben jedoch erhalten. Wenn eine Gebärmutter- plus Cervixentfernung aus medizinischen Gründen notwendig ist, wird bei Frauen bis etwa Mitte Vierzig meistens versucht, wenigstens die hormonproduzierenden Eierstöcke zu erhalten, damit die Wechseljahre nicht früher beginnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Totale Gebärmutterentfernung, Quelle:

http://www.gynecare.at/bgdisplay.jhtml?itemname=hysterectomy_types

Bei der so genannten totalen Hysterektomie plus unilateraler oder bilateraler Salpingo-Ovarektomie, wird die Hysterektomie auch auf die benachbarten Organbereiche ausgedehnt.

2.3 Körperliche Reaktionen als Folge der Operation

Eine Gebärmutteroperation gehört zu den so genannten "großen" Operationen. Eine Hysterektomie mit bilateraler Salpingo-Ovarektomie ist eine noch ernstere Operation.

Früher ging man davon aus, dass sich für eine Patientin mit totaler Gebärmutterentfernung nach einer Heilungsdauer von zwei bis drei Wochen keinerlei körperliche Folgeerscheinungen erwarten lassen. In den letzten Jahren wurden allerdings Hunderte von Studien veröffentlicht, welche die erheblichen Risiken einer Hysterektomie dokumentieren:

- Veränderungen des hormonellen Milieus: Neue Studien haben gezeigt, dass es bei hysterektomierten Frauen zwei bis vier Jahre früher zum Anstieg des FSH und Abfall des Estradiols und damit zur Menopause kommt als bei der durchschnittlichen Frau. Folgende Hormonausfallserscheinungen können auftreten: Vasomotorische Beschwerden wie Hitzewallungen und Schweißausbrüche (auch bei Hysterektomie mit Belassung der Eierstöcke) werden durch pulsatile LH-Ausschüttung verursacht; weiters zu verzeichnen sind Schlafstörungen, Gewichtszunahme um mehr als fünf Kilogramm bei 60 % der Frauen sowie Verlust des subcutanen Fettpolsters. Zusätzlich kommt es auch zu einer Dehydrierung der Schleimhäute (Auge, Harnblase, Scheide) und in der Folge zu Reizblase, veränderter Scheidenflora und Kolpitis. Die Folgen sind Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und häufige Harnwegsinfekte.
- Früheres Altern: Frauen, die ihre Gebärmutter verlieren, kommen fünf Jahre früher ins Klimakterium als andere. Verlieren sie auch noch beide Eierstöcke, setzt die Menopause sofort ein. Findet die Operation erst nach den Wechseljahren statt, wirkt sich das ebenfalls auf die Frauen aus - sie altern rascher.
- Risiken für die Gesundheit des Knochengerüsts: Alle Sexualhormone spielen eine wichtige Rolle in der Erhaltung der Knochensubstanz. Sowohl die Ovarektomie als auch die Hysterektomie erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Osteoporose.
- Risiken für die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems: Das Risiko, eine Arteriosklerose oder einer koronare Herzkrankheit zu bekommen, ist für Frauen nach einer Hysterektomie drei- bis fünfmal höher als für Frauen der gleichen Altersgruppe, die nicht operiert wurden.
- Harninkontinenz: Schon allein aufgrund dieser medizinischen Folgeerscheinungen sollte eine Hysterektomie, wenn sie nicht wegen lebensbedrohender Probleme zwingend ist, sehr sorgfältig abgewogen werden.

2.4 Die Indikationendiskussion

Die rapide Zunahme der Gebärmutterentfernungen lässt sich vor allem durch eine Erweiterung der Indikationen auf weniger gravierende gynäkologische Beschwerden erklären. In den letzten zwanzig Jahren wurden rund 80% der Frauen aufgrund sogenannter "weicher Indikationen" hysterektomiert: wegen verdächtiger Zellveränderungen, die aber noch keinen Krebs bedeuteten; als Mittel zur Sterilisation; wegen "Krebsphobie" der Patientin; wegen harmloser, weil wenig Beschwerden bereitender Myome oder Lageveränderungen der Gebärmutter.

Abgesehen von der Frage der organischen Beschwerden nach einer Hysterektomie, die erst in den letzten Jahren genauer erforscht wurden, hat die Frage nach der psychischen Be- oder Entlastung durch die Hysterektomie besonders im Bereich der erweiterten Indikation zu einer kontrovers geführten, oft polemischen und ideologisierten Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern des Eingriffs geführt.

Die Auseinandersetzung um die "prophylaktische" Hysterektomie oder die "Erhebung gynäkologischer Bagatellbefunde oder Normvarianten in den Rang einer operationsträchtigen Erkrankung" soll im Folgenden dargestellt werden.

Dr. Wright propagierte die prophylaktische Hysterektomie nach Abschluss der Familienplanung, um ein "nutzloses, blutendes, symptomproduzierendes und potenziell krebsgefährdetes Organ" zu entfernen. Er führte auch noch eine Reihe von Vorteilen an, die sich außerdem aus dieser Operation ergeben würden, wobei er das Risiko von Gebärmutteroperationen bagatellisiert: die Beseitigung von Menstruationsbeschwerden; die sichere Vermeidung einer ungewollten Schwangerschaft (Wegfall der Notwendigkeit der Kontrazeption); keine weiteren Eingriffe wie Kürettagen oder Konisationen; keine Angst mehr vor Gebärmutterkrebs. Seiner Meinung nach sollten die Eierstöcke mit entfernt werden, da eine Hormontherapie einfach und billig sei und auch die prämenstruellen Spannungen damit beseitigt werden könnten.

Dieser sicherlich extremen Anschauung setzt Müller (1984) sarkastisch entgegen:

"Um einer Krebsvorsorge mit einer Operation zu begegnen, könnte man genauso sagen, man sollte einer Frau auch die Brüste amputieren."

In den 60er und 70er Jahren sprachen sich viele Ärzte für die Gebärmutteroperation aus, auch wenn als Diagnose nur ein Descensus uteri festgestellt wurde. Im "in biologischer und statistischer Hinsicht unerheblichen Uterus" wurde eine Gefahrenquelle gesehen, die bei der relativ großen Wahrscheinlichkeit späterer maligner und benigner Erkrankungen nicht zu unterschätzen sei. Doch – ist das Risiko für Frauen wirklich so groß, an Genitalkrebsen zu sterben?

Die Sterblichkeit an Genitalkrebsen macht ca. 15 - 20 % der Gesamtsterblichkeit bei Frauen aus. Frauen leiden wesentlich häufiger an kardiovaskulären Erkrankungen im Verhältnis zu anderen Todesursachen!

Sogar als Sterilisations- oder Schwangerschaftsunterbrechungsmethode findet die Entfernung der Gebärmutter Befürworter in der medizinischen Fachliteratur: bei abgeschlossenem Familienplan und einem Mindestalter von fünfunddreißig Jahren wird Hysterektomie gut geheißen; weiters bei Multiparen, bei denen weitere Schwangerschaften ein Risiko für Leben und Gesundheit bedeuten - und in jedem Alter bei schweren Grundkrankheiten, die eine Schwangerschaft nicht zulassen (womit die Autoren das Gebiet der Eugenik betreten und eindeutig ihr Fachgebiet überschreiten).

Massive Kritik am so genannten "Hysterektomie-Boom" übt Dr. Ehret, die eine Klinik zur Nachbetreuung hysterektomierter Patientinnen leitet. Sie weist auf psychische Folgeerscheinungen wie psychosomatische Beschwerden und depressive Verstimmungen bis zu psychotischen Episoden hin. Auch die somatischen Beschwerden durch Narben, Adhäsionen und Hämatome wurden bei ihrer Kritik an erweiterten Indikationsstellungen angeführt.

3 Die „Krankheit Frau“

3.1 Medizingeschichtliche Betrachtung der Gebärmutter

Welche symbolische Bedeutung hat die Gebärmutter im kulturhistorischen und medizingeschichtlichen Zusammenhang?

Die klassische Antike hat uns neben eher praktischen geburtshilflich-gynäkologischen Schriften auch theoretische Abhandlungen über "das Wesen der Frau" hinterlassen, welche die Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Manne festhalten. So sieht z.B. Plato die Gebärmutter als Strafe der Götter und als Ursache für mannigfaltige Krankheiten und hysterische Zustände, als ein Lebewesen mit der innewohnenden Begierde nach Gebären eines Kindes, das im Körper der Frau umherzuwandern beginne, wenn sie kein Kind bekäme.

Fischer-Homberger fasst in ihrer medizinhistorischen Arbeit zum Thema "Krankheit Frau" die Bedeutung der Gebärmutter im historischen Verlauf der Entwicklung der Gynäkologie wie folgt zusammen:

"In gewissem Sinne ist der Uterus ja der Inbegriff eines Organs der Einbildungen. Im traditionell-aristotelischen Sinn ist er physiologischerweise dazu geschaffen, eine Einbildung, das Bild des Mannes nämlich, zu empfangen. In der aristotelischen Tradition wird der Zeugungsakt ja weitgehend als die Übertragung des Bildes vom Mann auf die Frau verstanden bzw. als Einwirkung eines an den männlichen Samen gebundenen "formenden Prinzips" auf das Menstrualblut, die Materie, aus welcher das Kind dann "gebildet" wird." (Fischer-Homberger 1979)

Als bestes Heilmittel gegen die Wanderungen der Gebärmutter empfahl Hippokrates die Schwangerschaft. Erst Soramus von Ephesos (um 100 n.Chr.) und Galen von Pergamon (2. Jahrh.) brachen mit der Theorie vom wandernden Uterus.

Ein Sprung ins 19. Jahrhundert, das die heutige Medizin entscheidend geprägt hat: Damals bestand eine ganz spezifische wissenschaftliche (!) Vorstellung von der Frau - ihre einzige Aufgabe bestand in der Reproduktion. Alle anderen Bereiche, v.a. aber der intellektuelle und sexuelle, konnten ihrem Geist und Körper nur schaden. Nachdem seit Ende des 19. Jahrhunderts durch eine zunehmende Verbesserung der Operationstechnik und Anästhesie die Mortalitätsrate bei Hysterektomien gesunken war, konnte man die Gebärmutterentfernung als eine allgemein verwendbare therapeutische Maßnahme betrachten.

Nachdem lange Zeit die Bedeutung der Funktionen der Gebärmutter über die Funktion als Gebärorgan hinaus für die Psyche, das Verhalten und die Sexualität der Frau umstritten war, verlagerte sich nun das Forschungsinteresse der Gynäkologen und Psychiater auf die psychischen Folgeerscheinungen von Gebärmutteroperationen.

3.2 Wissenschaftsmythen - die Erfindung der "Krankheit Frau"

Welche medizinischen Metaphern wurden zur Darstellung der Gebärmutter und ihrer Funktionen in Schriften aus den Fachgebieten Gynäkologie, Reproduktionstechnologie, Genetik und Medizinsoziologie geprägt? Im Folgenden wollen wir die Kultur der Medizin, die gesellschaftliche Rolle der Gynäkologie und medizinische Metaphern kritisch betrachten.

Martin versuchte mit qualitativen Interviews der Frage nachzugehen, wie Frauen auf wissenschaftliche Metaphern in Bezug auf ihren Körper reagieren. In ihren Analysen gynäkologischer Lehrbücher stellt sie fest,

"...dass die Vorstellungswelt der Medizin zwei Bilder enthält: den Uterus als Maschine, die das Baby produziert, und die Mutter als die durch ihre Arbeit das Baby produzierende (...Der Arzt wird überwiegend als Kontrollor/ Vorarbeiter /Manager während des Arbeitsprozesses betrachtet." (Martin 1989, S.86)

In ihrer Studie unterscheidet die Autorin die Reaktion von Arbeiter- und Mittelschichtfrauen auf diese Betrachtungsmodelle. Sie stellte fest, dass v.a. die Mittelschichtsfrauen die wissenschaftliche Anwendung von Produktionsmodellen auf den weiblichen Körper, in denen die Menstruation als Produktionsausfall gesehen und dadurch das Gebären zum entscheidenden positiven Kriterium des Frauseins stilisiert wird, akzeptieren und verinnerlichen. Arbeiterfrauen hingegen hätten die Anwendung von Produktionsmodellen auf ihren Körper zurückgewiesen, wobei Martin vermutet, dass das darauf zurückzuführen sei, dass sie in unserer Gesellschaft von Erwerbstätigkeit in der Produktion weniger zu erwarten hätten als Mittelschichtsfrauen.

Martin resümiert, dass das Verlangen der Frauen, zu einem ganzheitlichen Sinn des Körpererlebens zu finden, sich in der Frauengesundheitsbewegung in der Suche nach einer alternativen "kulturellen Grammatik" für weibliche Erlebnisse wie Menstruation, Gebären, Menopause etc. widerspiegle.

Corea sammelte in ihrer kritischen Arbeit zu den Entwicklungen in der Reproduktionstechnologie u.a. diesem Forschungsgebiet zugrunde liegende Menschenbildannahmen und Bewertungen der Gebärmutter. Sie zitiert namhafte Gynäkologen und Ethiker, deren Forschungen auf die Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter hinzielen, so z.B. Dr. Fletcher, der den Fötus aus der "finsteren, unzugänglichen Gebärmutter "herausnehmen und sein Leben bei Licht betrachten möchte. Oder Dr. Leach, der die Gebärmutter als "die gefährlichste Umgebung, in der Menschen zu leben haben" beschreibt. Weitere Uterusbilder von Gynäkologen und Geburtshelfern des 19. und 20. Jahrhunderts umfassen Metaphern wie "Grab", "Gefängnis" oder "Todesschleuder":

"Wir kommen zu der Erkenntnis, dass die Gebärmutter ein düster dräuender Ort ist, eine lebensgefährliche Umgebung. Wir sollten unseren möglichen Kindern einen Platz wünschen, an dem sie unter bestmöglicher Aufsicht und bestmöglichem Schutz sind." (Fletcher, 1974, zit. nach Corea, 1985)

Schindele kritisiert die im Aufschwung begriffene vorgeburtliche Diagnostik, in deren Mittelpunkt die Interessen des Fötus stehen, während die Frau zur "Gebärmaschine" degradiert werde. Auch sie zitiert verschiedene typische Ansichten von Gynäkologen und Reproduktionstechnikern, die "Licht in das Dunkel des weiblichen Gebärapparates" bringen wollen, indem sie den intrauterinen Raum medizinisch erschließen. Der Mutterleib wird zum gefährlichen Ort umgedeutet, um den lebenden Embryo wissenschaftlich erforschen zu können, der Ultraschall zum "öffentlichen Blick in die Gebärmutter".

Brockmann sieht in diesem staatlichen und medizinischen Zugriff auf den weiblichen Körper den Ausdruck einer gesellschaftlichen Herabwertung von Frauen und die Selbstverständlichkeit ihrer Entmündigung durch Experten. Sie bezeichnet die hinter den Maßnahmen der vorgeburtlichen Diagnostik stehenden Ansichten als hartnäckige Bilder des Weiblichkeitsklischees, nämlich die Identifikation der Frau als Gebär-Mutter und Kinds-Mutter, die als soziale und als Rechts-Person hinter Kind und Fötus zurücktreten soll.

[...]


[1] Meine Diplomarbeit wurde 1997 abgeschlossen. Daher ist die verwendete Fachliteratur v.a. aus den 80er und 90er Jahren. Da ein Großteil der derzeit (2010) praktizierenden GynäkologInnen ihr Studium in dieser Zeit absolvierte, ist davon auszugehen, dass die in meiner Arbeit beschriebenen Lehrmeinungen der Gynäkologie leider noch kein „alter Hut“, sondern aktuell sind.

Details

Seiten
113
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640128761
ISBN (Buch)
9783640130221
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112689
Schlagworte
Gebärmutter Frauen Gebärmutterentfernung Folgen

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Titel: „Sie brauchen die Gebärmutter ja nicht mehr…“ - Frauen berichten über Gebärmutterentfernung und die Folgen