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Das Wesen der Psychose - objektive und subjektive Theorien der Schizophrenie

Wissenschaftlicher Aufsatz 2007 32 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Das Wesen der Psychose - das Wesen „Psychose“
Was ist eine Psychose?
Psychiatrische Klassifikationen
Die Psychose als „Wesen“
Ist die Schizophrenie wirklich eine Krankheit?
Ätiologische Sichtweisen derPsychose
Psychoanalytische Erklärungsansätze
Humanethologischer Erklärungsansatz
Die gespaltene schizophrene Seele
Wissenschaftliche Mythen in der Schizophrenieforschung
Vulnerabilitätstheorie
Interdisziplinäre Theorie der Schizophrenie
Existenzanalytisches Modell der Psychose
Schizophrenie als psychospirituelle Krise
Podvolls Psychiatrie des Mitgefühls
Biomythologie der Schizophrenie
Genetische Modelle der Schizophrenie
Gibt es die Krankheit Schizophrenie überhaupt oder ist sie nur ein Mythos?
Subjektive Krankheitstheorien der Psychose

Literatur:

Psychiatrische Klassifikationen

Schizophrenie ist eine psychische Erkrankung und wird zu den „endogenen Psychosen“ gerechnet. Der Begriff „endogen“ bedeutet, dass es bis heute kein sicheres Wissen über die Ätiologie dieser Krankheit gibt. Nach den Alterspsychosen ist die Schizophrenie die am häufigsten auftretende Psychose. Schizophrenie ist kein kulturgebundenes Phänomen, sie tritt auf der ganzen Welt bei ca. 1- 2% der Bevölkerung auf.

Der Begriff Psychose (deutsch: Geisteskrankheit) bezeichnet eine uneinheitliche Gruppe von psychiatrischen Erkrankungen, die mit einem zeitweiligen weitgehenden Verlust des Realitätsbezugs einhergehen. Auffällige Symptome sind oft Wahn und Halluzinationen.[1] Schizophrenie stellt „eines der verwirrendsten und umstrittensten Konzepte der psychiatrischen Nosologie dar.“[2]

Psychiatrische Klassifikationssysteme gibt es seit fast 100 Jahren. Bleuler und Kraepelin teilten die psychischen Symptome in pathologische Gruppen ein, um die großen Krankheitsentitäten zu definieren. Sie beschreiben die psychopathologischen Kennzeichen (Symptome) von Syndromen und leiten daraus Diagnosen ab.

Für Bleuler und Kraepelin zeigt sich die Krankheit als eine Essenz, eine spezifische Entität, auffindbar durch die Symptome, in denen sie sich äußert, die Krankheit ist quasi eine botanische Spezies.[3]

Kraepelin (1856-1926) unterschied Manie, Depression, akute und chronische Schizophrenie (bei ihm „dementia praecox“, d.h. frühzeitige Verblödung).

Bleuler (1857-1940) prägte den Begriff „Schizophrenie“ und beschrieb dieses Krankheitsbild als eine Störung mit verschiedenen Ausdrucksformen und Verläufen (Gruppe der Schizophrenien).

Heute finden wir zwei auf dieser Tradition aufbauende international anerkannte Klassifikationssysteme, ICD-10[4] und DSM-IV[5]. Diese haben den Begriff Psychose quasi abgeschafft, weil die Begriffe Neurose und Psychose an die psychoanalytische Theorie gebunden sind. Bei den meisten Ärzten und Psychotherapeuten ist das traditionelle Begriffspaar Neurose/ Psychose aber nach wie vor üblich. Deshalb ist an dieser Stelle ein Bezug auf dieses Konzept unerlässlich:

Die Psychose ist eine Störung der Gesamtpersönlichkeit[6], in der Neurose hingegen ist nur ein Teil der Persönlichkeit von der Krankheit betroffen. Im Unterschied zur Neurose erleben die Erkrankten in der Psychose nicht sich selbst, sondern ihre Umwelt als verändert und erlangen zumeist im Akutstadium keine Krankheitseinsicht.

In der offiziellen Nomenklatur des ICD-10 heißt Psychose nun psychotische Störung und wird deskriptiv verwendet: „Vorkommen von Halluzinationen, wahnhaften Störungen oder bestimmten Formen schweren abnormen Verhaltens, wie schwere Erregungszustände, Überaktivität, ausgeprägte psychomotorische Hemmungen und katatone Störungen.“

Die Psychose als „Wesen“

Lehmann[7] vergleicht die psychiatrischen Anstrengungen zur Beschreibung, Erkennung und Unterteilung von Schizophrenie mit der mittelalterlichen Praxis, „durch fortwährende Beschwörungen als existente Wesen apostrophierte Teufel in allen Klassifikationsformen real werden zu lassen.“ Der Psychiater Szasz nennt die Schizophrenie „das heilige Symbol der Psychiatrie“[8].

Die Krankheit als Wesenheit im Sinne einer botanischen Spezies ist 21. Jahrhundert im Verschwinden begriffen, man fasst sie nur noch als abstraktes Raster über der Zukunft des kranken Individuums auf. Die psychische Krankheit wird als Veränderung im Inneren der Persönlichkeit, eine innere Desorganisation ihrer Strukturen und ein progressives Abweichen von ihrer Zukunft gesehent:

„Je mehr die Einheit des Menschen als ein Ganzes aufgefasst wird, desto mehr verflüchtigt sich die Wirklichkeit der Krankheit als einer spezifischen Entität; und umso vordringlicher wird anstelle der Analyse der natürlichen Formen der Krankheit die Beschreibung des Individuums in seinen pathologischen Reaktionen auf seine Situation.“[9]

Der erste Blick auf das Wesen „Psychose“ hat es nicht entschleiert – ist es ein Trugbild, eine Halluzination, eine Chimäre? Und die Schizophrenie – ist das wirklich eine Krankheit? Was verbirgt sich unter dem Etikett „Schizophrenie“?

Ist die Schizophrenie wirklich eine Krankheit?

„Es ist unverständlich, daher ist es unheimlich, daher ist es psychotisch, weil es unheimlich ist, weil es psychotisch ist, weil es unverständlich ist.“[10]

Für Leferink ist die Schizophrenie „eine, wenn nicht die Krankheit der Moderne“[11], da die Krankheit des modernen Subjekts die Unsicherheit und Verzweiflung über die von kulturellen Wurzeln und Traditionen mehr und mehr abgeschnittene eigene Existenz sei. Die Schizophrenie sei „wie ein Spiegel, in dem die bekannten oder auch die unausgesprochenen Gedanken einer Epoche reflektiert werden.“[12]

Ist Psychose ein anderer Wirklichkeitsbereich, das Reich des Jenseits, eine Überflutung des Ich-Bewusstseins vom Unbewussten, eine gescheiterte schamanische Reise, eine Geisteskrankheit, ein biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn?

All das und viel mehr kann ich mit einer Definition in ein gut verschnürtes Paket einpacken und beschriften mit dem Label „Psychose“. Und wenn ich dieses Paket öffne, sehe ich… Eine Blutspur am Strand, ein weinendes Kind, in meine Nase dringt der Gestank nach Verwesung, ein Lachen aus verzerrenden Spiegeln, lauf…

Wer steht da auf der Bühne? Der gefährliche, unberechenbare Wahnsinnige?[13] Der sensible, an der Gesellschaft leidende Rebell? Der arme Betroffene, der unschuldig in die Fänge der Psychiatrie geraten ist und dort richtig verrückt gemacht wurde? Der eigentlich völlig normale und sehr begabte junge Mensch, bei dem biochemische Prozesse verrückt spielen?

Die Psychose ist bereits beim Versuch, eine Definition oder ein gültiges kulturelles Bild zu finden, wie ein glitschiger Fisch, der sich dem Begreifen entwindet, ein verschwommenes Trugbild:[14] “Ist es nicht gerade das Wesen der Geisteskrankheit, im Gegensatz zum normalen Verhalten, dass sie zwar erklärt werden kann, jedem Begreifen aber widersteht?“[15], fragt Foucault. Wie können wir hier klarer sehen?

Ätiologische Sichtweisen derPsychose

Es gibt mehrere ätiologische Sichtweisen der Psychose, wie bei allen psychischen Erkrankungen. Heute gehen wir wird kaum mehr von einer monokausalen Erklärung der Psychose aus, denn die Psychose entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel von Körper, Seele und sozialer Wirklichkeit. Durch diese vielschichtig einwirkenden Variablen gleicht keine auftretende Psychose einer anderen. Jeder macht aus der Schizophrenie seine eigene Sache – das heißt, die Schizophrenien von Forschern wie Freud, Bleuler oder Laing und die Erzählungen von Psychoseerfahrenen sind psychologisch und phänomenologisch sehr unterschiedliche Konstruktionen.

Gibt es eine gültige Sichtweise der Schizophrenie?

„Die Wahrheit der Verrücktheit ist nicht in einem bestimmten Bild, sondern in der Mannigfaltigkeit der Bilder und Diskurse kodiert.“[16]

Im Folgenden betrachten wir das Wesen „Psychose“ mit verschiedenen „Brillen“: Wir finden psychoanalytische, neurophilosophische, klinisch-psychologische, humanethologische, psychiatriekritische, entwicklungspsychologische, soziologische, philosophische, existenzanalytische, biochemische, mythologische, subjektive und spirituelle Erklärungsansätze.

Psychoanalytische Erklärungsansätze

Mit der Brille der Psychoanalyse sehen wir Psychose als Ausdruck des Unbewussten: Für Freud[17] ist die Psychose eine pathologische Schwächung der „kritischen Zensur“ oder eine „Verstärkung der unbewussten Erregungen“. Er wagt nicht, psychotisch Erkrankte analytisch zu behandeln, da er die Schizophrenie zu den „narzisstischen“ Erkrankungen zählt, bei denen der Patient nicht übertragungsfähig sei.

Eine neue Sichtweise auf psychotisch erkrankte Menschen entwickelte der Neopsychoanalytiker Harry Stack Sullivan.[18] Ihm zufolge gehen sowohl Psychose als auch Neurose auf Lebenserfahrungen zurück; die Übergänge zwischen beiden Störungen sind fließend. Er sieht die Schizophrenie als einen „Versuch, durch Regression auf frühere Denkprozesse, auf infantile oder sogar pränatale geistige Funktionsweisen komplexere Lebenserfahrungen erfolgreich zu integrieren, die bisher nicht in einer funktionellen Einheit strukturiert waren.“[19]

Der Schweizer Psychiater Adolf Meyer sieht im Schizophrenen einen Menschen, der entscheidende „Lebenstechniken“ nicht gelernt habe. Sein Zusammenbruch erfolge, wenn er Belastungen ausgesetzt sei, denen er sich nicht gewachsen fühle.

Auch C.G.Jung[20] versucht, Ausdrucksformen und Ideen des Wahns aus der Lebensgeschichte der Betroffenen abzuleiten.[21] In der analytischen Psychologie wird Schizophrenie als Ausdruck eines unbewältigten psychischen Konflikts gesehen. Im Gegensatz zu Freud geht Jung davon aus, dass bei Schizophrenen nicht das Bewusstsein besonders schwach, sondern vielmehr das Unbewusste besonders stark entwickelt ist. Ob es zu einer Psychose kommt, hängt nicht von den Inhalten des Unbewussten ab, sondern von der Kapazität, diese zu verarbeiten.

Gaetano Benedetti, ein Schweizer Psychoanalytiker, zeigt uns Psychose als Entwicklung [22]: Die Entstehung einer psychotischen Struktur reicht zurück in die Zeit, als das Kind noch keine Objekte wahrnehmen konnte, bis in die ersten Lebenswochen, bis zum Trauma der Geburt und möglicherweise weiter zurück bis in den Mutterleib.[23] Das Wesen der Psychose ist uns in dem Maß unverständlich, wie wir uns nicht mehr in die vorsprachliche Realität eines Kindes in diesem Alter hineinversetzen können. Das psychotische Erleben kann nur umschrieben und angedeutet werden, weil es die Begriffe sprengt. Benedetti geht davon aus, dass einer Psychose eine langsame Entwicklung vorausgeht, bis zum Kulminationspunkt, in der in die Psychose hinein gesprungen wird, oft in der Pubertät. Der Rückzug in eigene innere seelische Räume, in Tagträume und Fantasien, eine wichtige Voraussetzung zur Entwicklung von Identität, findet in dieser Zeit verstärkt statt. Entwickelt sich dieser Rückzug zu einem autistischen Rückzug:[24], bezeichnet Benedetti diesen Zustand als „Moratorium“, als eine Art Pause in der Auseinandersetzung mit der unfassbaren Wirklichkeit.

Die Psychose kann auch als Realitätsbezugsstörung gesehen werden: Lempp[25] erklärt die Entwicklung einer Psychose als Störung der inneren Balance durch Überreizung und gleichzeitig die Bedrohung der Identität durch Isolation. Aus der Überreizung entstehen paranoide Vorstellungen, aus der Isolation Wahnvorstellungen.

Krausz[26] sieht jeden Menschen grundsätzlich als schizophreniefähig, weil er „von vornherein die Fähigkeit zu schizophrenem Denken und Erleben in sich trägt…weil er schon in seiner Kindheit und weil er jede Nacht im Traum so gedacht und erlebt hat.“

[...]


[1] Foucault 1968, S.17f

[2] DSM-III-R (S.208).

[3] Foucault 1968, S.17f

[4] Internationale Klassifikation psychischer Störungen

[5] Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen

[6] Denken, Affekte, Bewusstseinskontrolle

[7] Lehmann

[8] Stevens

[9] Foucault 1968, S.21

[10] Laing 1983, S.68

[11] Deleuze und Guattari: "Sie ist unsere ‘Krankheit’, die des modernen Menschen." 1974, S. 169

[12] Leferink S.4

[13] Das Stigma psychischer Erkrankungen wird auch als "zweite Krankheit" bezeichnet. Das Stereotyp der Gefährlichkeit von schizophren Erkrankter ist gerade für die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Patienten ein großes Hindernis. Dabei wird das Gefahrenpotenzial durch schizophren Erkrankte von Laien stark überschätzt.

[14] Während meiner Psychose war ich wieder und wieder damit beschäftigt, diesen Fisch zu fangen, zu zerlegen, wieder zusammenzusetzen, zu beschreiben, zu benennen, zu essen, zu verdauen, zu erbrechen, wieder auszuscheiden.

[15] Foucault 1968, S.73

[16] Leferink S.6

[17] Freud 1900, S.511

[18] Chicagoer Sociological School

[19] Sullivan 1924, zit. nach Bock

[20] 1939

[21] Stern (1977) glaubt, dass das gesamte Jung’sche Werk aus einem lebenslangen Kampf mit der eigenen Schizophrenie entstanden sei.

[22] Benedetti 1964

[23] Vgl. Eberwein

[24] Benedetti 1947

[25] Lempp 1984

[26] Krausz 1990

Details

Seiten
32
Jahr
2007
ISBN (Buch)
9783640123797
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112657
Schlagworte
Wesen Psychose Theorien Schizophrenie

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