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Der Weg des Träumens - Kreative Traumarbeit

Fachbuch 2008 115 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

TRÄUME - Grundlagenwissen

1. WAS IST EIN TRAUM UND WARUM TRÄUMEN WIR?
Klassische tiefenpsychologische Ansätze:
Moderne Traum-Theorien
Der Weg des Träumens
Der Traum ist ein Tor

2. TRAUMERINNERUNG

3. METHODEN DER TRAUMARBEIT
Wie hängen Traum und Kreativität zusammen?
Kreative Traumarbeit
Theater-Traum-Arbeit
Durch Traumarbeit mein Lebensskript erkennen und neu schreiben
Traum-Geschichten
Traum-Collagen
Wie können Sie Ihre ganz persönlichen Traum-Collagen herstellen?
Online-Traumarbeit
Kreative Traumgruppen

AUSGEWÄHLTE TRAUM-THEMEN

1 DAS MOTIV WASSER IM TRAUM

2 TRAUM UND PSYCHOSE
Was ist Traum und Psychose gemeinsam und was unterscheidet sie?
Die Traumentzugspsychose oder wie Träumen uns hilft, nicht verrückt zu werden

3 DIE MUTTER ALS SCHICKSALSMACHT
Die Mutter als Spinnerin
Die Große Spinnerin in der Mythologie
Die Große Spinnerin als Traumgestalt
Welche Rolle spielt die persönliche Mutter in Träumen?

4 TRAUM UND ANGST
Traum-Ich-Beobachtung - Konstruktive Traumarbeit mit feindlichen
Traumgestalten
Kann Traumarbeit Tierphobien heilen?
Wer hat Angst vor Spinnen? Männerträume – Frauenträume
Schlusswort
Die Autorin

Literaturverzeichnis

ANHANG: ARBEITSBLÄTTER TRAUM-ARBEIT
Theater-Traum-Arbeit in der Gruppe (1)
Theater-Traum-Arbeit in der Gruppe (2)
Traum-Geschichten
Traum-Collagen

Einleitung

- Sie interessieren sich für Ihre Träume?
- Sie haben immer wieder Träume, die Sie tief berühren?
- Sie möchten wissen, was Ihre Träume für Ihr Leben bedeuten?
- Sie möchten Ihre Träume nicht analysieren, sondern mit dem Herzen verstehen?
- Sie möchten sich Ihren Träumen kreativ annähern?

Dann sind Sie hier genau richtig!

Ihre Träume sind das Tor zu Ihrem kreativen Selbst. Als langjährige Traumforscherin freue ich mich, Ihnen meinen kreativen Traumarbeitsansatz vorstellen zu dürfen.

Das vorliegende Buch bietet Ihnen einen Einstieg in klassische und moderne Traum-Theorien. Sie erfahren, wie Sie Ihre Traumerinnerung verbessern und welche Möglichkeiten Sie haben, alleine, in Gruppen oder online kreativ mit Ihren Träumen zu arbeiten.

Der Schwerpunkt dieses Buches liegt auf kreativen Methoden, mit Träumen zu arbeiten – wie z.B. Theater-Arbeit, Schreiben, „Wenn das mein Traum wäre…“, Collage und multimediale kreative Traumgruppenarbeit.

Anschließend werden einige spezielle Traum-Themen beleuchtet – das Traumsymbol Wasser, Überlegungen zur Ähnlichkeit von Traum und Psychose, die Mutter im Traum als Schicksalsmacht sowie Alpträume mit Spinnen.

Treten Sie ein in die Welt der Träume – DREAM ON!

TRÄUME - Grundlagenwissen

1. WAS IST EIN TRAUM UND WARUM TRÄUMEN WIR?

„Ein Traum ist die kleine verborgene Tür zum tiefsten und intimsten Heiligtum der Seele.“ C.G.Jung

Ich betrachte ein Gemälde von zwei Frauen, sie stehen mit dem Rücken zu mir im bewegten Meer, mit nacktem Oberkörper, die rechte ohne Kopf. Sie tragen über ihren Köpfen ein großes Bild. Ich male links eine weitere kopflose Frau dazu (Traum-Ende).

Ich finde ein undefinierbares, verfaulendes Stück Fleisch, ein bleiches Herz, so groß wie ein Kindskopf. Als ich es zum Mistkübel trage, tropft faulig-gärende Flüssigkeit. Es fällt mir auch runter. Ich habe Sorge, es könnte mir was auf die Schuhe tropfen (Traum-Ende).

Viele Menschen fragen sich, was ihre nächtlichen Abenteuer bedeuten, jenes andere Leben, das eine parallele Welt zu unserem Alltag zu sein scheint.

Ist der Traum ein Spiegel meiner selbst oder ein Konglomerat von bedeutungslosem Neuronenfeuer? Sind es Bilderfluten ohne Logik, ohne Sinn und ohne Zusammenhang oder sind es bedeutungsvolle Schlüssel für offene Fragen? Ist der Traum eine "mentale Verdauung" oder können wir gar in fremde Welten reisen? Hilft der Traum mit dem Alltag zurechtzukommen oder entstehen aus diesen Bildern erst beim Erwachen Geschichten aus dumpfen Erinnerungen und Ahnungen? Ist der Traum eine Halluzination, eine Flucht aus dem Alltag oder ein Wegweiser für unsere Seele?

Das vorliegende Kapitel führt durch klassische tiefenpsychologische und moderne neurowissenschaftliche Traumtheorien und stellt im Anschluss daran mein Traumverständnis und meinen Ansatz der Traumarbeit vor.

Klassische tiefenpsychologische Ansätze

1900 erschien Sigmund Freuds "Traumdeutung". Die mit der "Traumdeutung" fundierte Psychoanalyse prägte die Diskurse und Mentalitäten des 20. Jahrhunderts entscheidend. In "Die Traumdeutung" entwickelt Freud sein topographisches Modell. Darin unterscheidet er das Unbewusste, das Vorbewusste und das Bewusste.

Das Unbewusste ist laut Freud jener Bereich der menschlichen Psyche, der dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist, ein System, das vor allem aus verdrängten oder abgewehrten Bewusstseinsinhalten besteht. Das Unbewusste beinhaltet insbesondere die Triebe bzw. deren psychische Vorstellungsrepräsentationen („Triebrepräsentanzen“). Eine umfassende Theorie von der Struktur der menschlichen Psyche legt Freud mehr als 20 Jahre später[1] in "Das Ich und das Es" vor. Vereinfachend dargestellt:

- Das Es, der dunkle, unzugängliche, unbewusste Teil unserer Persönlichkeit, bezieht seine Energie aus den menschlichen Trieben, in ihm herrschen Lustprinzip und Primärprozess: Es ist "ein Chaos, ein Kessel brodelnder Erregungen". Gleichwohl beeinflusst es unser Handeln, ohne dass es uns bewusst wäre.
- Das Ich vertritt die Persönlichkeit gegenüber der Außenwelt, es ist dem Realitätsprinzip und dem Sekundärprozess verpflichtet, indem es über Bedürfnisse und Handlungen und deren Folgen nachdenkt. Dabei ist das Ich abhängig von den Ansprüchen des Es wie auch von denen des Über-Ichs.
- Im Über-Ich hat sich der elterliche Einfluss, die Erziehung, niedergeschlagen: Das Über-Ich ist eine Art moralischer Instanz mit Geboten und Verboten.

Das Hauptanliegen der Psychoanalyse ist es, psychische Inhalte wieder bewusst zu machen, die aufgrund von Erziehung und/oder erlittener Traumata in das Unbewusste verdrängt wurden. Die Traumdeutung ist laut Freud die „Via regia“[2] zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben.

Die klassische psychoanalytische Theorie vertritt die Ansicht, dass in den Träumen verdrängte und tabuisierte Wünsche in symbolisch verkleideter Form auftreten. Diese Wünsche drängen ins Bewusstsein, werden von diesem aber abgewehrt und von einem Zensor (Traummechanismus) in nicht unmittelbar verständliche, symbolische Bilder umgewandelt.

Träume gelten für Freud als große Rätsel, als schwer zu entschlüsselnde Bilderwelt. Die Kunst der Traumdeutung besteht darin, dieses Bilderrätsel wieder aufzulösen und auf die eigentlichen latenten Traumgedanken und Triebwünsche zu kommen, die in diesen Bildern verborgen liegen.

In der Traumdeutung empfiehlt Freud ein sorgfältiges Studium der Symbole. Mit Hilfe einer Kenntnis der Traumsymbolik sei es möglich, den Sinn ganzer Träume zu verstehen, ohne den Träumer nach seinen Einfällen befragen zu müssen. Die Traumsymbolik führt weit über den Traum hinaus. Sie beherrscht in gleicher Weise die Darstellung in den Märchen, Mythen und Sagen, in den Witzen und in der Folklore.

Ein weiterer bahnbrechender Traumforscher war der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung, der bei Bleuler[3] habilitierte, sich aber mit ihm verwarf und sich in Freuds Bewegung engagierte. Sein Buch Wandlungen und Symbole der Libido führte zum Bruch mit Freud, da Jung darin Freuds Libidotheorie kritisierte. Danach war Jung in eigener Praxis tätig und publizierte weiter.

Eine bedeutende Abweichung gegenüber Freud besteht in Jungs Annahme, dass es neben dem persönlichen Unbewussten auch ein „kollektives Unbewusstes“ gibt, eine Lagerstätte des psychischen Erbes der Menschheitsgeschichte. Freud konzipierte seine Theorie des Unbewussten dagegen stärker auf einer individuellen Ebene. Jungs Konzeption des kollektiven Unbewussten und der Archetypen ist deutlich religiös geprägt, was Freud kategorisch ablehnte.

Archetypen sind im kollektiven Unbewussten angesiedelte Urbilder menschlicher Vorstellungsmuster, die als unbewusste Wirkfaktoren das Bewusstsein strukturieren. Viele der Archetypen beruhen auf Urerfahrungen der Menschheit wie Geburt, Kindheit, Pubertät, Eltern sein, alt werden, Tod etc. Ein Archetyp ist in seiner Wirkung in symbolischen Bildern erfahrbar - in Träumen, Visionen, künstlerischen Erzeugnissen, Märchen und Mythen: z.B. das Kind, der Krieger, der Wanderer, die Mutter, der Beschützer, der Heilsbringer…

Archetypen sind Artikulationen von Energie und von besonderer Bedeutung für das Verständnis der Schizophrenie. Archetypen wirken sich in der Biographie von Menschen aus und gestalten ihre Identität, das Gesamt an Geschichten, die sie fortlaufend über sich und ihr Leben erzählen. Jung sieht die individuelle Psyche stark beeinflusst von Archetypen, wenn das Ich-Bewusstsein verunsichert oder - wie in der Psychose -zusammengebrochen ist, da sich dann die Tendenz der Gesamtpsyche verstärkt, sich nach den archetypischen Ordnungsmustern wieder neu auszurichten.[4]

In Bezug auf die Traumdeutung richtete sich Jungs Kritik besonders gegen Freuds These, der Traum sei eine Wunscherfüllung. Jung sah den Traum weniger unter Triebaspekten oder als moralisches Versteckspiel, sondern als Ausdruck einer Selbststeuerung des Organismus, um Einseitigkeiten unseres Erlebens, Denkens und Entscheidens anzuzeigen und auszugleichen. Der Traum ist somit Ausdruck einer Selbststeuerung des Organismus und das wichtigste Hilfsmittel beim Aufbau der Persönlichkeit, indem er die Richtung anzeigt, in die sich unser Leben bewegen wird. Jung sah in Träumen auch Offenbarungsbotschaften einer den einzelnen transzendierenden unbewussten Weisheit (Weltengeist).

Die im Traum geschaffenen Bilder können als Botschaften verstanden werden, die wir aufnehmen und lesen können wie Briefe eines guten Freundes.

Die Träume enthüllen unvermutete Kraftquellen und unbewusste Weisheit und zeigen einen Weg, auf dem der Mensch den Sinn seiner Existenz zu ergründen und zu erklären vermag.

Freud und Jung sind sich einig, dass der Traum eine Möglichkeit darstellt, abgespaltene Anteile - Aspekte der Persönlichkeit oder die unterschiedlichen inneren Personen - sichtbar zu machen und diese in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren.

(Traum-Anfang) Ich stehe vor einem Spiegel. Schaue meine Handflächen an - unter der Haut krabbeln dünne schwarze Würmer, die Löcher in die Haut machen. Ich bin entsetzt, zerreibe, zerquetsche sie. Sie sind überall - ich sehe sie im Spiegel auch auf meiner Stirn (Traum-Ende).

Moderne Traum-Theorien

Moderne Traumtheorien sind – anders als die klassischen tiefenpsychologischen Ansätze - meist neurowissenschaftlich begründet. Eine der meist verbreiteten wissenschaftlichen Theorien über Träume ist J. Allen Hobson ’s „Aktivations-Synthese-Hypothese“. Hobson, ein Neurowissenschaftler aus Harvard, sieht Träume als zufällige elektrische Funken während der REM-Phasen[5] im Hirnstamm[6]. Er erklärt, dass diese elektrische Aktivität seltsame, zusammenhangslose Bilder und Gefühle im Gehirn verursache. Der Cortex[7] versucht sinnhafte Traum-Erzählungen aus diesem Input herzustellen.

Andere Wissenschaftler stimmen mit Hobson darin überein, dass sie diese zufällige Aktivierung des Gehirns für die Entstehung von Träumen verantwortlich machen. Unser Gehirn braucht eine gewisse nächtliche Aktivität, damit wir bereit sind aufzuwachen, wenn Gefahr für uns besteht. Während der REM-Schlafphasen sind die Hirnwellen ähnlich aktiv wie im Wachzustand. Manche Wissenschaftler sehen die zufällige elektrische Stimulation als simple Übung des Gehirns, die neuralen Verbindungen aufrecht zu erhalten und Träume nur als „Unfall“ oder „Nebenprodukt“ dieses Übungsprozesses.

Wissenschaftler wie z.B. Robert Stickgold und Carlisle Smith sehen den REM-Schlaf und das Träumen als essenziell bedeutend für Lernprozesse. Sie glauben, dass wir während des Träumens in den REM-Phasen neue Verbindungen im Gehirn aufbauen und so neue Informationen im Gedächtnis konsolidieren, indem diese Informationen mit älterer, bereits gespeicherter Information verbunden werden.

Die Unlearning Theory von Crick & Mitchison behauptet das Gegenteil: dass Träume uns nicht beim Erinnern helfen, sondern dabei, triviale und nutzlose Informationen zu vergessen. Das „unlearning” reinigt sozusagen das Gedächtnis und hilft uns, neurale Verbindungen für das Speichern neuer Informationen frei zu machen.

Rosalind Cartwright u.a. sehen Träume vor allem von Bedeutung für unsere emotionale Selbstregulation. Forscher wie Milton Kramer und Ernest Hartmann glauben, dass Träume das Resultat ungelöster emotionaler Konflikte sind, die im Schlaf sichtbar werden.

Die Neurowissenschaftler Llinas und Pare postulieren Traum und Wachzustand als anders akzentuierte virtuelle Realitäten, mentale Simulationen eines zwischen verschiedenen Dichten (z.B. Wachen, Träumen, luzides Träumen) fluktuierenden phänomenalen Bewusstseins.

Wie die obigen Ausführungen deutlich zeigen, gibt es keine letztgültige Meta-Traumtheorie. Die wissenschaftlichen Erklärungen zur Bedeutung der Träume sind genauso polyphon wie die Träume selbst:

Träume werden definiert als

- Formation von Kompromissen, um halluzinatorische Wünsche zu erfüllen und gleichzeitig den Schlaf zu schützen;
- als vielsinnige Wahrnehmungssimulation;
- als physiologisches Trugbild und
- als mentale/ kognitive/ geistige Erfahrung oder Tätigkeit während des Schlafes.[8]
- Weiters als zufällige elektrische Funken während der REM-Phasen im Hirnstamm,
- als beteiligt an Lernprozessen
- wie auch als bedeutsame Botschaften aus dem Unbewussten.

Victoria Rabinow [9], eine holistische Traumforscherin, umschreibt den Traum mit unterschiedlichen therapeutischen Metaphern:

- Der Traum als alchemistisches Werkzeug der Verwandlung/ Heilung/ Entwicklung: Der Traum ist der verwundete Heiler, eine Körper-Landkarte oder eine mythische Reise.
- Der Traum als Fährte der Reise nach innen: Der Traum ist ein Trickster, ein Museum der Erinnerung, Empowerment, eine Grenze, ein Urteil, eine Identität, der Abstieg der Inanna in die Unterwelt.
- Der Traum als Werkzeug zur Heilung des Herzens: Der Traum als Ewiges Licht, als Auferstehung, als Epiphanie, als Opfer, als Rückzugsort (Sanktuarium), als Gnade.
- Der Traum als Werkzeug zur kreativen Inspiration: Der Traum als Maske, als Mandala, als Divination (Das Kartendeck des Träumers), als gemaltes Journal, als Muse, als Autobiographie, als Buch der Spiegel, als Stimme, als Märchen, als Tagebuch, als Kinderbuch, als Mysterium, als Melodrama, als Korrespondenz, als Poesie, als Mythos.
- Der Traum als Werkzeug für die Schreibtherapie: Der Traum als Labyrinth, als Fluss, als vergrabener Schatz, als Journal, als Landkarte, als Spiegel, als Brücke.

Für Swinney und Miller [10], Chaostheoretiker der Psychologie, ist ein Traum ein Strom von chaotischem undifferenziertem Bewusstsein, das durch die Psyche fließt und durch gefrorene Bewusstseinszustände in diesem Fluss geformt wird. Die Struktur, die als Traum auftaucht, ist ein holographisches Bild des tieferen Selbst.

Der Psychotherapeut Carlo Zumstein wiederum erklärt in seiner Kosmologie des schamanischen Träumens, dass Träumen eine eigene Lebensform sei, die nicht als Zeugnis des Wachlebens gedeutet werden könne. Das Bewusstsein sei wie das Meer, aus dem Inseln des Wachsens und des Träumens aufsteigen, und unsere Wachwelt ein gemeinsam erträumter Kontinent des Wachens. Träumen sei „das Erlebnis einer Rückkehr aus der uranfänglichen Aufgehobenheit in einem transzendenten Universum ins individuelle Leben der eigenen Wirklichkeit“[11], ein Ort, in dem das Bewusstsein immer wieder neu erwachen könne.

Der Weg des Träumens

Auch mein Einstieg in die Traumforschung erfolgte mit Freuds Traumdeutung. Ich begann in meinem 14. Lebensjahr ein Traumtagebuch zu führen, das mittlerweile mehr als 3000 meiner Träume enthält, die auch in einer Datenbank erfasst sind (Wir PsychologInnen lieben die Statistik.).[12]

Freuds Ansatz der Traumarbeit blieb für mich theoretisch. Erst als ich C.G. Jungs von einer tiefen Religiosität geprägte Traumarbeit entdeckte, hatte ich ein Werkzeug zur praktischen Erforschung meiner Träume in der Hand. Ausgehend vom Studium der Jungschen Psychologie[13] beschäftigte ich mich mit weiteren Ansätzen, die das Bewusstsein und das Unbewusste untersuchen, welche unendlichen Weiten unsere inneren Welten umfassen und wie das Unbewusste kartographiert werden könnte.

Nachdem ich durch die intensiven Alpträume meiner Kindheit gelernt hatte, teilweise bewusst in meine Träume einzugreifen, faszinierte mich das luzide Träumen sehr. Endlich ein Weg, „die Grenzen des Bewusstseins unendlich zu erweitern“[14] und im Traum wie eine Zauberin die Traum-Realität zu verändern!

Luzides Träumen ist die Fähigkeit, bei vollem Bewusstsein im Schlaf seine Traumwelt zu bereisen und die Träume bewusst zu steuern und zu gestalten. Die Spannweite des möglichen Erlebens im Klartraum erstreckt sich von Wahrnehmungen, Empfindungen etc., die denen im Wacherleben ganz ähnlich sind, bis hin zu phantastischen und bizarren Inhalten, die für das Träumen typisch sind.

Drohenden Gestalten im Alptraum können wir Fragen stellen wie "Wer bist du?" oder "Was willst du von mir?" Die Gestalten verschwinden oder verändern sich, verlieren ihre Bedrohlichkeit und können zur "helfenden" Kraft werden. Klarträumen oder luzides Träumen ist erlernbar.[15]

Nachdem wir weiter oben hilfreiche Funktionen des Traumes kennen gelernt haben, stellen sich nun Fragen wie: Wird der Fluss des Unbewussten gestört, wenn wir in unsere Träume eingreifen? Beraubt man den Traum seines Wesens? Bedeutet das luzide Träumen nicht gleichzeitig ein Durchbrechen von Abwehr und ist in diesem Sinne gefährlich?

Die Traumforscherin Brigitte Holzinger betont: Luzides Träumen kann auf der einen Seite zur Erforschung eigener Tiefen und Höhen dienen. In diesem Sinne kann es

prophylaktisch angewandt werden. Auf der anderen Seite können Menschen mit einer starken Neigung zum Realitätsverlust noch verwirrter werden.

Der Psychotherapeut und Tranceforscher Eberwein beschreibt luzide Momente im Traum als nahe am psychotischen Bewusstseinszustand: Das Erleben, bewusst in einer fremden, irrealen, inneren Welt zu sein, sei so bedrohlich, dass man meistens ziemlich schnell aufwache. Der entscheidende Unterschied zwischen luzidem Träumen und psychotischem Erleben sei, dass sich beim luziden Träumen ein intaktes Ich in einer Traumwelt bewege, in der Psychose hingegen bewege sich ein zerstörtes Ich in der Realität.

Wie wenig mich das jahrelange Studium der Kartographie der inneren Räume doch darauf vorbereitet hatte, luzid zu träumen! Je mehr ich mich um Luzidität im Traum bemühte, desto mehr begann sich die Wachwelt traumartig zu verändern, so dass ich mich bei Tag und bei Nacht fragen musste: „Träume ich?“

Ich sah mich selbst im Traum. Erinnerte mich an Autoren (Castaneda?), die sagen, das mache luzid - oder der Traum löse sich auf - ich sah mich einige Zeit an - dann verschmolz ich mit dieser zweiten Johanna. Die Umgebung löste sich auf. Dann war ein Auge blau, eines braun, und ich verlor mich in diesen Augen, fiel hinein (Traum Ende).

Um die Wachwelt wieder zu stabilisieren, stellte ich meine Bemühungen um Luzidität wieder ein. Ich freue mich natürlich auch jetzt über luzide Träume, forciere sie aber nicht. Ich möchte jetzt nicht so gründlich austesten, wie stabil mein Ich angesichts der Grenzenlosigkeit ist.

Nachdem ich mich vom entgrenzenden luziden Träumen wieder abgewandt und stabilisiert hatte, begann ich praktisch mit Online-Traumgruppen zu arbeiten. Diese Traumarbeit ist ein interaktiver Umgang mit Träumerinnen und deren Traumbildern; keine Deutung oder Expertinnen-Interpretation von Träumen, vielmehr ein Dialog mit den Traumbildern, das Hineingehen in Träume, "als ob es meine Träume wären". Diese Methode lernte ich von Kathy Turner und Phyllis Howling, zwei Moderatorinnen der Online-Traumgruppe DreamWheel, die die Traumarbeitsmethode von Montague Ullman anwendeten. Bei dieser Methode gibt es keine allgemeingültige richtige Deutung von Traumsymbolen. Es wird auch keine psychologische Theorie über Träume überprüft. Indem mehrere Leute einen Traum betrachten, "als ob es ihr Traum wäre", wird ein Traum von unterschiedlichen subjektiven (Ich-)Perspektiven aus betrachtet und interpretiert, keineswegs aber von einer objektiven Warte aus (die es meines Erachtens nach bei der Traumarbeit auch nicht geben kann). Das kann der Träumerin behilflich sein, ihren Traum von einer oder mehreren anderen Warten aus zu betrachten. Die Form "Wenn das mein Traum wäre..." lässt dabei nie vergessen, dass jede Interpretation immer nur eine subjektive sein kann (und auch nicht mehr sein will). Deshalb kann sie mit ihren Interpretationen die Person, deren Traum sie interpretiert, zu Suchrichtungen und zum Nachdenken anregen.

Bei Deutungen erklärt ein Traumexperte einem Laien, was sein Traum bedeutet. Der Experte geht davon aus, mehr über Träume zu wissen – obwohl auch die berühmteste Traum-Koryphäe nicht mehr über meine Traum-Symbol-Sprache wissen kann als ich selbst. Ein Traumexperte kann mir weiterhelfen, wenn er mir gute weiterführende Fragen stellt. Ein Symbollexikon kann mir weiterhelfen, wenn mir ein Symbol sehr fremd ist (wie z.B. ein Symbol aus einer fremden Religion).

Mit der Traumarbeitsmethode "Wenn das mein Traum wäre..." ist es möglich, Expertin für das eigene Innenleben zu werden, den eigenen Traumprozess, die persönliche Symbolsprache kennen zu lernen, Fragen zu stellen an das Unbewusste, anstatt bei Traumexpertinnen oder in Traumsymbolwörterbüchern nach fertigen Deutungen zu suchen.


Parallel zur Online-Traumarbeit vertiefte ich mich in das Traumsymbol Spinne und untersuchte Spinnenträume. Durch diese intensive Auseinandersetzung mit dem Symbol Spinne lernte ich viel über das kosmische Schöpfungschaos und wie man sich durch Kreativität aus dem Netz befreien und zentrieren und von neuem vernetzen kann.

Die Einladung anderer TraumforscherInnen führte mich zur 20th Conference for the Association of the Study of Dreams in Berkeley. Hier vernetzte ich mich mit anderen TraumforscherInnen wie Jeremy Taylor, Sheila Asato oder Rosemary Watts, die mich dazu inspirierten, die Traumarbeit weiter zu entwickeln und kreative Traumarbeit in face-to-face-Gruppen anzubieten.

Die von mir entwickelte Traumarbeitsmethode ist eine ausdrucksfokussierte, nicht-interpretierende Art mit Träumen umzugehen. Träume können als Geschichten erzählt werden, manche Träume sind aber Theaterstücke, Bilder, Gedichte oder Collagen.

Jeder Träumer präsentiert seinen Traum in der Gruppe. Die GruppenteilnehmerInnen geben kreatives Feedback zu dem Traum im Fokus: Singen, Summen, Tanzen, Musizieren, Malen, Collagieren, Schreiben… Bei dieser Traumarbeit geht es nicht um Interpretation oder Analyse, sondern um die Vertiefung des Traumprozesses mit Hilfe einer Gruppe, die sich in das Energiefeld des Traumes hineinbewegt und das Erlebte künstlerisch ausdrückt. Die „Übersetzung“ des Traumes in Kunst, die mit nach Hause genommen werden kann, ermöglicht einen fortlaufenden Dialog mit dem Traum.

Heute sehe ich meinen Ansatz der Traumarbeit so:

Der Traum ist ein Tor

Jeder Traum ist eine Manifestation des lenkenden und ordnenden Zentrums im Inneren der Persönlichkeit.[16] Traumarbeit kann im Lauf der Zeit ein Gefühl des Eingebundenseins in eine beständige, unterstützende, nährende und führende Matrix vermitteln, eine Verbindung mit einer unerschöpflichen Quelle.

Ich sehe Träume als Briefe aus dem Unbewussten, Sinn stiftende Erzählungen der Nacht, kostbare Schätze und als reiche Fundgrube für künstlerische Inspiration und Selbsterkenntnis. Außer Träumen sind Schreiben und Fotocollagen für mich die wichtigsten Tore zu den Schatzkammern des Unbewussten.

Wenn ein Traumbild reif ist und ins Bewusstsein drängt, kann man damit "spielen", man kann es aufnehmen, beschreiben, zusammenfassen, neu ordnen, ablegen und erneut aufnehmen, es malen, tanzen, singen, in Geschichten oder Gedichte verwandeln...

Ich sehe Traumbilder auch als Metaphern oder Spiegelbilder der Wachwelt. Jeder Traum ist eine eigene Welt und deshalb eine Perspektive auf alle anderen Welten, auch auf das Wachleben. Dieses überlappende Imaginarium – die Bedeutung einer Geschichte durch die Linse einer anderen Geschichte zu finden – mag wie eine Spiegelhalle erscheinen. Eine Reise in den Spiegel, die uns neue (Spiegel-)Bilder von uns zeigen kann, wenn wir Augen haben, um zu sehen.

2. TRAUMERINNERUNG

Jede Nacht träumen wir bis zu sieben Träume – fast ein Drittel unseres Schlafes verbringen wir mit Träumen– leider meist ohne dass wir uns morgens daran erinnern.

Normalerweise erinnern wir uns nur an einen Traum, wenn wir unmittelbar aus ihm aufgewacht sind – doch selbst dann gerät er rasch in Vergessenheit und scheint sich manchmal aufzulösen, während wir uns noch bemühen, ihn festzuhalten. Die meisten Träume, an die wir uns spontan erinnern, stammen aus der letzten langen REM-Periode vor dem Erwachen am Morgen. Diese REM-Periode genießen wir meist am Wochenende, wenn wir Gelegenheit haben, ohne Wecker aufzuwachen.

Wenn wir aufwachen und uns an den Traum erinnern, ist es das Beste, ihn sofort niederzuschreiben, statt weiter dahinzudämmern oder aus dem Bett zu springen. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass selbst die klarste Traumerinnerung plötzlich verschwinden kann, wenn ich mich nach dem Erwachen umdrehe oder aufsetze. Idealerweise liegen Traumtagebuch und Stift neben dem Bett, gut erreichbar, ohne die Aufwachposition zu verändern.

Falls Sie zu den Menschen gehören, die sich fast nie an ihre Träume erinnern, kann es für Sie hilfreich sein, sich vor dem Einschlafen vorzunehmen, sich an Ihre Träume erinnern zu wollen. Zum Beispiel mit dem Satz: "Heute Nacht erinnere ich mich an meine Träume." Das funktioniert natürlich nicht von heute auf morgen – wie bei der Aneignung jeder anderen neuen Routine sollten Sie mit etwa zwei Wochen rechnen, bis die ersten Erfolge eintreten!

Meine eigene Traumerinnerung habe ich mit unterschiedlichsten Methoden trainiert – zum Beispiel den Wecker auf drei Uhr morgens stellen. Die beste spontane Traumerinnerung hatte ich in der Babyzeit meiner Kinder – wenn ich mehrmals pro Nacht aufgeweckt wurde, konnte ich mich an bis zu acht Träume pro Nacht erinnern! Alkohol in geringer Dosis erzeugt ebenfalls unruhigen Schlaf und damit eine bessere Traumerinnerung. Leichter Schlaf, zum Beispiel ein Mittagsschläfchen, ist fast immer von Traumerinnerung gekrönt.

Besonders wichtig ist natürlich auch die Einstellung zum Träumen – wenn wir unsere Träume als wichtig und wertvoll erachten, können wir uns ebenfalls besser an Träume erinnern.

Die Traumliteratur ist voll von „großen“ mystisch anmutenden Traumerlebnissen. Ich habe mittlerweile mehr als 3000 Träume aufgeschrieben - die meisten Träume sind allerdings keine „großen“, sondern so genannte banale Träume, in denen wir nicht magischen Wesen in bizarren Szenerien begegnen, sondern eher alltägliche Szenen erleben. Ich war mit meinem Unbewussten immer wieder unzufrieden, weil es mir scheinbar nur Kieselsteine (so banale Träume) statt Gold und Edelsteinen (spirituelle Träume, luzide Träume...) schenkte. Das führte in solchen Zeiten bei mir dazu, dass ich die erinnerten Träume gar nicht aufschreiben wollte, weil ich sie banal, langweilig, nichtssagend usw. fand. Und mein Unbewusstes reagierte dann meist prompt auf diese geringschätzige Haltung von mir - denn dann erinnerte ich mich eine Zeitlang gar nicht mehr an meine Träume!

Eine dankbare, wertschätzende Haltung gegenüber jedem erinnerten Traum-Fitzelchen, und wenn es noch so banal und bedeutungslos erscheinen mag, pflegt die Beziehung zum Unbewussten. Wir essen ja auch nicht jeden Tag Kuchen, sondern öfters mal Brot...

Ich sehe solche Zeiten, in denen ich wenig oder "nur" Banales erinnere, als Zeiten, in denen ich keine "Bodenschätze" abbaue, sondern das, was ich vorher geerntet hab (an Träumen, Einsichten und anderem Material), zu ordnen, zu verarbeiten usw. Und während dieser Ordnungsphasen entspinnt sich ein neuer Dialog mit dem Unbewussten - und auf einmal kommen wieder neue, glitzernde, spannende Träume als Antwort...

Mittlerweile schätze ich diese Phasen genauso wie die üppigen, prächtigen, inspirierenden Traumgeschenke - denn was nützen alle Schätze der Welt, wenn man sie nicht verwenden kann, weil man keine Zeit dafür hat, sie in Ruhe zu betrachten?

3. METHODEN DER TRAUMARBEIT

Wie hängen Traum und Kreativität zusammen?

Ernest Hartmann sagt, dass das Gehirn beim Träumen andere Verbindungen herstellen kann als im Wachsein. Träumen stellt Symbole in den Netzen des Gehirns breitere Verbindungen durch Metaphern her, die von den dominanten Emotionen des Träumenden geleitet werden. Der grundlegende Mechanismus des Träumens ist laut Hartmann mit der künstlerischen Kreativität identisch:

Künstlerische Kreativität umfasst – wie das Träumen – das Herstellen neuer Verbindungen, die nicht vom Zufall, sondern von einem dominanten Gefühl gelenkt sind. Das Kunstwerk kontextualisiert, dem Traum sehr ähnlich, das emotionale Thema der Person, die es hervorbringt.

Ähnlich heißt jedoch nicht identisch. Ein Kunstwerk enthält ein zusätzliches Element – es muss auf irgendeine Weise sowohl die emotionale Befindlichkeit des Publikums als auch des Künstlers ausdrücken. Dies ist ein Aspekt, der beim Träumen nicht auftritt. Außer man betrachtet den Traum als etwas, das der träumende Geist einem anderen Wesen, dem Geist im Wachzustand, mitteilt. Darüber hinaus spielt auch die Logik beim kreativen Denken eine wichtige Rolle. Der Hauptbestandteil der schöpferischen Arbeit ist, einen zunächst roh aus dem Unbewussten geborenen Gegenstand zu vollenden.

Selbstverständlich können aber Kunstwerke auf Träumen basieren – indem der Traum eine neue Verbindung schafft, die ausreicht, um ein neues Kunstwerk zu schaffen. Ein berühmtes Beispiel für Kunst, die auf einem Traum basiert, ist die Geschichte von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson.

Auch Montague Ullman vergleicht den Träumer mit dem Künstler: „Der Unterschied zwischen dem Träumer und dem Künstler liegt nicht im Bereich der Kreativität, sondern in der Art des Publikums, für das das Produkt des kreativen Schaffens bestimmt ist. Der Künstler wendet sich an ein äußeres Publikum: andere Menschen oder die Welt im Allgemeinen. Der Träumer befasst sich damit, einer Kommunikation mit sich selber Gestalt zu geben (...) Der Künstler ist sich seiner Rolle als Künstler bewusst. Der Träumer ist ein unbewusster Künstler, ein Künstler wider Willen. Der wahre Künstler ist sich auch seiner Beziehung zu dem von ihm geschaffenen Werk bewusst. Für den Träumer bedarf es dagegen einiger Mühe, sich diese Beziehung klar zu machen.“

Nachdem wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Traum und Kunst betrachtet haben, wenden wir uns der kreativen Funktion der Träume zu:

Peter Schellenbaum schlägt Kreativträume als neue Traumkategorie vor. Er versteht darunter Träume, in denen der Träumer einen neuen Strang seines Lebensentwurfs bis zu einer vorläufigen Lösung „durchzieht“:

Im Kreativtraum folgt – wie in der antiken Tragödie – auf die Exposition (Ort, Zeit und Personen der Handlung) die Verwicklung (in der die Spannung durch wachsende Komplikationen steigt), dann die Kulmination oder Peripetie (wo etwas Entscheidendes geschieht oder umschlägt) und schließlich die Lysis (Lösung, das durch die Traumarbeit erzeugte Resultat).

Schellenbaum zieht es allerdings vor, an Stelle der Struktur des antiken Dramas die Geburtsmetapher zu gebrauchen – also erstens: das alte Leben vor der symbolischen Schwangerschaft(Exposition), zweitens: die Seelenschwangerschaft (Verwicklung), drittens: der Eintritt in den Geburtskanal, bei dem Entscheidendes geschieht (Kulmination) und viertens: die Geburt (Lysis), Wandlung zu einem neuen Leben (wobei Wandlungssymbole meist mit Schwangerschaft und Geburt zu tun haben.).

Der Kreativtraum dient dabei laut Schellenbaum nicht – wie die antike Tragödie – der Katharsis aus der komplexhaften Schicksalsverfallenheit des Helden (bis zum tragischen Ende) – sondern einem neuen Lebensentwurf, wie ein neues Gemälde von der inneren Bestimmung, eine kreative Landkarte der inneren Reise.

Auch Kathryn Gay verwendet Schwangerschafts- und Geburtsmetaphern für Kreativität: Sie weist darauf hin, dass für jeden kreativen Akt das männliche Prinzip der Aggression und das weibliche Prinzip der Rezeption notwendig seien. In diesem Sinne kann Sex im Traum als der Beginn kreativen Schaffens gelesen werden. Genießt der Träumer Sex im Traum oder fürchtet er sich? Das zeigt auch, wie er seiner Kreativität im Wachleben gegenüber steht.

Die nächste Stufe ist dann die Schwangerschaft. Im Traum zeigt sie an, dass der Träumer eine Idee hat, die sich aus dem Inneren manifestieren möchte. In dem Moment, in dem die Geburt beginnt, wird die neue Idee geboren. Der Träumer kann sich fragen, wie gut er alles für die neue Idee vorbereitet hat:

Traum

Eine Freundin gebar so nebenbei und viel zu früh ihr Baby - es fiel in den Dreck, ich putzte es, es schiss auf meinen Teppich, es gab nichts für das Baby, keine Windeln, kein Gewand.

In der Mythologie[17] finden wir das Prinzip der (sexuellen)Vereinigung von männlicher und weiblicher Energie, um etwas Neues zu schaffen. Wenn wir nun unsere Träume von Sexualität, Schwangerschaft und Geburt als Metaphern für kreative Impulse und deren Ausreifung betrachten, können wir einiges über unseren inneren kreativen Prozess aus den Träumen lernen. Es ist nicht nur für Künstlerinnen interessant, aufmerksam ihre Träume, die Briefe aus dem Unbewussten, lesen. Die Interaktion mit dem eigenen Werk, den Traum- Babys gibt uns wertvolle Hinweise, wohin und in welcher Form die kreative Energie fließt.

Susanne, eine Bildhauerin mit drei Kindern, die sich für ihre Skulpturen immer wieder von ihren Träumen inspirieren lässt, sagt dazu: „Weibliche Kreativität bedeutet für mich, mit den eigenen kreativen Werken eine Beziehung eingehen wie zu den eigenen Kindern – denn sobald du sie mal in die Welt gesetzt hast, bist du für sie verantwortlich, und sie lassen dir auch keine Ruhe mehr, bis sie fertig, erwachsen sind und du sie in die Welt hinaus schicken kannst...“

Bei der kreativen Arbeit mit Träumen finde ich es besonders wichtig, die Handlungsanweisungen des Traumes umzusetzen – als erster Schritt bietet sich hier der künstlerische Ausdruck des Traumes an. Klausbernd Vollmar merkt zur künstlerischen Traumarbeit an, dass dabei die Energien bewusst ins Unbewusste zurück geleitet werden, wo sie entstanden sind.

Kreative Traumarbeit

Theater-Traum-Arbeit

Eine Möglichkeit der kreativen Traumarbeit stellt das Theater dar. Theater ist holistisch – es öffnet das Tor zur Traumwelt, zur "inbetween" world. Innere Traum-Bilder können sich auf der Bühne körperlich und verbal manifestieren.

Marie Elliot-Gartner setzt in ihrem „Mythotheatrics" Traum-Bilder auf der Bühne in Szene. Dabei sollen die Teilnehmer lernen, körperlich in den Traum einzutreten und ihn zu erweitern. "Mythotheatrics" ist angewandte aktive Imagination live on stage – bildlich, sinnlich, intellektuell und synästhetisch.

In der psychodramatischen Traumarbeit von Bermúdez liegt der Schwerpunkt auf Vorstellungen und inneren Bildern: Der Protagonist wird veranlasst, nicht den gesamten Trauminhalt zu inszenieren, sondern den Inhalt auf ein (bzw. 2- 3) Bilder zu verdichten. Diese Bilder werden entweder mit Personen oder mithilfe verschiedener Stoffteile als eine Art Skulptur dargestellt. Im Rollentausch mit den einzelnen Teilen des Bildes wird in Form eines inneren Monologes die Bedeutung der Elemente erhellt. Folgende Fragen können im Anschluss daran gestellt werden, verbunden mit der Aufforderung, diese weiteren Bilder auch darzustellen:

Wie sah das Bild unmittelbar vor dem jetzigen Zustand aus? Wie wird das Bild sich weiterentwickeln? Wie sieht die beste Entwicklung des Bildes aus? Wie sieht die schlimmste Entwicklung aus?

Abschließend erfolgt noch die Aufforderung, eine Geschichte zu erzählen, die die verschiedenen Stadien des Bildes miteinander verbindet.

Nach Auffassung von Bermúdez erfolgt das Verstehen des Traumbildes nicht linear
und intellektuell, sondern ganzheitlich. Es kann als inneres Modell eines Symptoms oder eines Konfliktes verstanden werden. Durch den inneren Dialog wird die Verbindung vom Bild zum Wort geschaffen.

Francesca Ferrentelli und Martha Peacock gehen im Phenomenological Dream Theater wie folgt vor: Zuerst wird der Traum detailliert erzählt, mit der Intention, dass die anderen Gruppenteilnehmer den Traum „sehen“ können. So kann die Essenz des Traumes in den Raum treten. Wenn die Teilnehmer den Traum klar „sehen“, werden die Rollen verteilt und der Traum wird in Szene gesetzt. Dabei soll der Traum betreten werden – aber nicht interpretiert! Ohne Interpretation kann der Traum seine Absichten enthüllen: Die Schauspieler werden emotional von dem Traum berührt. Der Träumer, die Schauspieler und das Publikum verlassen das Theater im Idealfall mit einem tiefen emotionalen Verständnis der Botschaft des Traumes.

Durch Traumarbeit mein Lebensskript erkennen und neu schreiben

Unsere Träume sind Geschichten, in denen wir nach dem Erwachen unsere Erinnerungen ans Träumen erzählen. Bei Traumarbeit haben wir es immer mit der Übersetzung des Traumes in eine andere Sprache, einer Traum-Erzählung zu tun.

Wie kann ich durch Traumarbeit mein Lebens-Skript erkennen?

Wenn ich den Traum neu schreibe, „als ob es mein Traum wäre…“, welchen Nutzen habe ich davon?

Nach dem Denken der Gestalttherapie wie auch der Transaktionsanalyse ist alles im Traum ein Aspekt der Persönlichkeit des Träumers, und so schreibt man, wenn man träumt, sein eigenes Lebensskript.

Der Psychoanalytiker Mentzos vergleicht den Traum mit einem Theaterstück oder Film, dessen Autor und Regisseur wir sind. Für den therapeutischen Umgang mit Träumen beinhaltet diese Sicht die Möglichkeit, in wacher Phantasietätigkeit das Drehbuch oder einzelne Szenen daraus umzuschreiben, fortzusetzen, zu einem guten Ende zu bringen etc. - ein Vorgehen, das beispielsweise der Psychoanalytiker Gaetano Benedetti für die Behandlung psychotisch erkrankter Menschen höchst eindrucksvoller Weise nutzte.

Besonders faszinierend finde ich den Einsatz der Theatermetapher in der Traumarbeit: Inszeniert ein Mensch eher melodramatisch oder komisch, liebt er modernes Theater oder klassische Inszenierungen, sind es durchgängige Erzählungen oder mosaikhafte Kombinationen von Szenerien, die dennoch Themen abhandeln?

Traum-Geschichten

Manche Träume sind so fremd für mein Tagesbewusstsein, dass sie mich geradezu herausfordern, daraus eine Geschichte, ein Gedicht oder eine Collage zu machen, anstatt sie zu deuten und analytisch verstehen zu wollen. Dieses Werk ist dann wie eine Frage an mein Unbewusstes – und in den Träumen kommt dann auch die Antwort zur Weiterentwicklung des in dem Werk aufgegriffenen Fadens.

Ein Beispiel für diese Methode:

Der Traum: Ich bin ein Dämon

Ich gehe zu einer Ärztin. Hier soll ich Heilsitzungen machen. Ein verrückter alter Mann wird gleichzeitig von ihr behandelt, er hat schreckliche Bilder gemalt. Er hext mir ein rotes Muster ins Gesicht. Ich bin ein Dämon. Andere Menschen kommen ins Zimmer der Ärztin. Die Dämonen, auch ich, stürzen sich sexuell auf sie. Dann war ich allein mit dem alten Mann. Ich saß auf einem Schaukelstuhl und schrieb eine Geschichte. Er lullte mich aber ein, es war sehr heiß, ich legte das Schreibzeug weg, schlief ein.

Die Geschichte: DER ROTE DÄMON, Ó Johanna Vedral 2000

Im Schlaf hatte ich bunte Fische ausgeatmet. Sie verfingen sich im Dickicht meiner Locken. Silbrig gekräuselte Lippen flüsterten in seinen Nacken von langen Liebesstunden. Doch als er sich umdrehte, trug sein Gesicht die Zeichnung des roten Dämons. Er küsste mich eisig, und ich war ihm verfallen, er berührte meine Brüste mit seinen Fingerspitzen, und ich sank in die wogenden Fische.

Mit leichter Hand malte er ein jungfräulich blau schimmerndes Weiß über mein Gesicht, er löschte es aus mit wenigen Pinselstrichen, denn mein Gesicht war alt geworden und passte nicht mehr in die Szene. Er schenkte mir traumumflorte Wimpern und eine kühne Nase. Aus meinem breiten, vollen Mund troff ein dünner Faden Blut. Das leckte er mit eifriger Zunge auf, bevor er mir seine Finger in die Ohren stieß. Ich schloss die Augen fester und hatte nicht vor, aus diesem Traum aufzutauchen. Er würde mich nie so weit bekommen, dass ich in sein Gesicht schaue.

Er setzte mich auf einen Schaukelstuhl und wiegte mich mit seinem hypnotischen Gesang. Meine Locken kringelten sich wie ein Korb voll Schlangen in meinem Schoß. Ich sah, was man nur mit geschlossenen Augen sehen kann, wenn Bilder geboren werden und im All der Dunkelheit wieder verglühen. Seufzer in Rot und pastellfarbene Wolken, die Gesichter verhüllen und sie dann doch preisgeben. Dicke Tränen tropften in meine leeren Hände, ich hatte doch ein Buch gehabt, um darin zu schreiben, es war mir entglitten, er hatte es mir genommen. Nun war ich außer mir, und ich öffnete meine Augen und hielt sie doch geschlossen, ich konnte mich nur mehr nach seiner Melodie bewegen.

Er trug jetzt die Maske eines alten Mannes, doch er war kein gütiger Großvater. Ich war auf dem Schaukelstuhl zusammengesunken wie eine nasse Stoffpuppe, er hob mich hoch und warf mich in ein finsteres Eck, zu all den anderen kaputten Puppen, die mich mit ihren leblosen Glasaugen anschrien.

Eine der Puppen trug ein Kleid, das mit kleinen Spiegelchen bestickt war, ich musste mein Gesicht im Spiegel wiederfinden. Beliebige Gesichter fand ich in den kleinen Spiegeln, und sein Gelächter schnitt mir ins Herz. Ich hatte vergessen, welches mein Gesicht war, und als er in mir lachte, zerfielen die Gesichter in tausend Scherben, die mich in den Augen schmerzten, so dass ich in das schwarze Meer der Bewusstlosigkeit versank, um mich an neue Ufer spülen zu lassen, in eine neue Dämmerung.

Traum-Collagen

In der Collage erfährt die Spannung zwischen Wirklichkeit und Illusion eine Steigerung durch die Verwandlung eines simplen Papierschnipsels in Kunst. Es ist kein Zufall, dass die Erfindung der Collage zu Jahrhundertbeginn mit der Erfindung des Films und der Entwicklung vielschichtiger Darstellungsinhalte, die aus dem Unbewussten bezogen werden, zusammenfällt.

[...]


[1] 1923

[2] Via regia, lat. Königsweg

[3] Bleuler (1857-1939), ein Schweizer Psychiater, der vor allem durch seine Beschreibung der Schizophrenie (1911: Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien) bekannt geworden ist, mit der er den bisherigen Begriff Dementia praecox von Emil Kraepelin ersetzte.

[4] Vgl. Roesler

[5] Als REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) wird eine Schlafphase bezeichnet, die unter anderem durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichnet ist. Weitere Merkmale sind ein niedriger Tonus der quergestreiften Muskulatur und ein bestimmtes Aktivationsmuster im EEG – Thetawellen mit einer Frequenz von 4 bis 8 Hz und langsame Alphawellen. Bei Erwachsenen nimmt der REM-Schlaf etwa 20 % bis 25% des Schlafes ein Die meisten Träume finden in dieser Phase statt.

[6] Der Hirnstamm verbindet das Gehirn mit dem Rückenmark und ist für die allgemeinen Lebensfunktionen zuständig. Seine Strukturen kontrollieren die Herzfrequenz, den Blutdruck, die Atmung und das Wach-Schlafzentrum.

[7] Der Cortex cerebri ist die phylogenetisch jüngste und am weitesten entwickelte Hirnregion. Er dient höheren Funktionen wie z.B. Verarbeitung von Sinneswahrnehmung, Sehen, Lesen, Hören, Sprechen, Planung und Ausführung von Willkürbewegungen, Bewusstsein, komplexem Denken, Persönlichkeit, etc.

[8] Bosinelli und Cicogna 1984, S.7ff. zit. nach Holzinger 1994, S.12ff.

[9] http://victoriadreams.com

[10] Graywolf Fred Swinney and Iona Miller 1992

[11] Zumstein 2003, S. 114

[12] Alchera, www.mythwell.com

[13] Im Psychologiestudium wird Jungs Psychologie bedauerlicherweise nur als Fußnote abgehandelt. Die inneren Welten werden in den Fächern Psychopathologie und Psychiatrie in aus der Botanik hergeleiteten Klassifikationssystemen wie Schmetterlinge mit psychiatrischen Etiketten aufgespießt.

[14] Nina Hagen

[15] siehe dazu Holzinger 1997

[16] des Selbst der Jungschen Terminologie

[17] In der Hindu-Mythologie beispielsweise finden wir Shiva, den ältesten Gott der vedischen männlichen Trinität Brahma-Visnuh-Shiva als Sohn, Liebhaber und Opfer der Großen Göttin. Shiva steht in körperlichem Kontakt mit seiner Shakti, dem aktiven weiblichen Prinzip, der wirkenden und wesentlichen Ursache des Universums, der Maya, die die verschiedenen Elemente und Seinsformen entwickelt. Seine Macht beruht auf der tantrischen Vereinigung mit Kali, seiner weiblichen Energie, ohne die er nicht handeln kann. Shiva und Shakti vereinigen sich, um Bindu, den Schöpfungsfunken, die Saat des Universums hervorzubringen.

Details

Seiten
115
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640125449
ISBN (Buch)
9783640126316
Dateigröße
834 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112656
Schlagworte
Träumens Kreative Traumarbeit

Autor

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Titel: Der Weg des Träumens - Kreative Traumarbeit