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Zur Darstellung der Erziehungsproblematik unter besonderer Berücksichtigung des Generationenkonflikts in ausgesuchten Texten Christine Nöstlingers

Examensarbeit 2007 72 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung
1.1. Untersuchungsgegenstand, Methodik und Zielstellung
1.2. Definitionen: Erziehungsstile und Erziehungscharakteristika
1.3. Zur Auswahl der Texte

2. Untersuchung ausgewählter Texte von Christine Nöstlinger
2.1. "Ilse Janda, 14 oder Die Ilse ist weg"
2.1.1. Inhaltlicher Überblick
2.1.2. Vier unterschiedliche Erziehungsauffassungen
2.1.2.1. Die Mutter
2.1.2.2. Kurt
2.1.2.3. Oma Janda
2.1.2.4. Die Amtsrätin
2.1.3. Zusammenfassung
2.2. "Andreas oder die unteren sieben Achtel des Eisbergs"
2.2.1. Inhaltlicher Überblick
2.2.2. Drei Erziehungspersonen
2.2.2.1. Die Mutter
2.2.2.2. Der Vater
2.2.2.3. Der Großvater
2.2.3. Zusammenfassung
2.3. "Olfi Obermeier und der Ödipus"
2.3.1. Inhaltlicher Überblick
2.3.2. Das Leben im Generationenhaushalt
2.3.3. Der Vater
2.3.4. Zusammenfassung
2.4. Maikäfer flieg!
2.4.1. Inhaltlicher Überblick
2.4.2. Eine andere Zeit - Eine andere Erziehung
2.4.3. Zusammenfassung

3. Autobiografische Aspekte bei Christine Nöstlinger
3.1. Vorwort zu den biografischen Angaben
3.2. Christine Nöstlinger als Kind
3.3. Christine Nöstlinger als Erwachsene
3.4. Erziehung in Roman und Wirklichkeit

4. Zusammenfassung und Schlussbetrachtungen

5. Literaturangaben
5.1. Primärtexte
5.2. Sekundärliteratur
5.3. Sonstige Hilfsmittel

1. Einleitung

1.1. Untersuchungsgegenstand, Methodik und Zielstellung

Die Texte Christine Nöstlingers sind in den meisten Fällen der Kinder- und Jugendliteratur zuzuordnen[1]. Die Autorin gehört sicherlich zu den bekanntesten und auch produktivsten Kinder- und Jugendbuchautoren des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum.

Gerade letzterer Aspekt macht die Auseinandersetzung mit „ausgewählten Texten“ problematisch, begegnet dem Leser doch eine Fülle von über Einhundert Publikationen von Bilderbüchern und Romanen zwischen 1970 und 2001[2]. Daher erscheint es erforderlich, die Auswahl der Texte zu erörtern[3].

Die Untersuchung ihrer Texte hinsichtlich der Erziehung, mit einem besonderen Augenmerk auf generationsspezifische Ausprägungen, macht es zunächst jedoch notwendig, sich Gedanken über Erziehung im Allgemeinen zu machen. Was ist unter „Erziehung“ zu verstehen? Im Rahmen einer literaturwissenschaftlichen Betrachtung ist es sicherlich weder möglich noch notwendig, eine Fülle von Theorien und Ansichten pädagogischer Natur zu erörtern. Für die folgende Betrachtung sei daher die zwar sehr verallgemeinernde, jedoch akzeptable Definition Webers gewählt:

„Erziehung meint die in sozialer Interaktion erfolgende absichtliche Lernhilfe. Sie wird immer dann erforderlich, wenn ein Mensch eine Lernaufgabe nicht selbständig zu bewältigen vermag. Die Lernhilfen erstrecken sich nicht nur auf den Erwerb von instrumentellem Wissen und Können, sondern auch auf die Aneignung von Normen und Einstellungen. Da die kulturelle Lebensweise dem Menschen weder gebrauchsfertig angeboren ist noch sich von selbst biomechanisch entwickelt, ist er auf Lernen angewiesen.“[4]

Der entscheidende und daher im Laufe der Untersuchung relevante Aspekt dieser Definition ist die Betrachtung von Erziehung als soziale Interaktion, also als interpersoneller Umgang von Erzieher und Kind.

Das Ziel dieser Untersuchung muss es daher sein, diese soziale Interaktion zu analysieren, wobei die Fragestellung im Vordergrund stehen soll, ob es Unterschiede hinsichtlich der verschiedenen Erziehergenerationen[5] gibt. Welche Auffassung von Erziehung vertreten die unterschiedlichen Erziehungspersonen? Und welches Urteil fällen diesbezüglich die Autorin und nicht zuletzt der Leser über die Qualität dieser Erziehung?

Die Antwort auf diese Frage soll im Laufe dieser Arbeit ermittelt werden, indem in ausgewählten Texten die Erziehungspersonen charakterisiert und hinsichtlich ihrer Interaktion mit den im jeweiligen Text vorkommenden Kindern und Jugendlichen ergründet werden soll. Nach dieser individuellen Untersuchung der Figuren soll jeweils zusammenfassend eine vergleichende Betrachtung des Erziehungskonzepts erfolgen, welches sich vor allem auf Abweichungen zwischen den Generationen konzentriert.

Aufschluss über die Einstellung der Autorin soll eine Analyse des autobiografischen Aspekts bei Christine Nöstlinger geben, welche sich an die Einzelbetrachtung der Texte anschließt.

1.2. Definitionen: Erziehungsstile und Erziehungscharakteristika

In den Texten Christine Nöstlingers begegnen dem Leser verschiedene erziehende Personen, welche ihren jeweiligen Erziehungsstil vertreten. Doch was ist unter „Erziehungsstil“ zu verstehen? Weber gibt darauf folgende Antwort:

„Unter einem Erziehungsstil versteht man eine relativ sinneinheitlich ausgeprägte Grundmöglichkeit erzieherischen Verhaltens, die durch einen typischen Komplex von Erziehungspraktiken charakterisiert werden kann. Eine solche als Erziehungsstil interpretierte Kombination von Erziehungsmaßnahmen läßt sich nicht allein durch den Zufall erklären, sondern sie wird von mehr oder weniger reflektierten Erziehungsvorstellungen und -grundsätzen bestimmt. Jeder Erziehungsstil ist von spezifischen soziokulturellen Bedingungen abhängig und hat entsprechende, nur ihm eigentümliche Folgen für die derart Erzogenen.“[6]

Insbesondere die Gegenüberstellung von autoritären Erziehungsstrategien auf der einen und liberalen bzw. antipädagogischen Erziehungskonzepten auf der anderen Seite prägen die Auseinandersetzung Nöstlingers mit Erziehungstheorien. In diesem Abschnitt sollen in der gebotenen Kürze die Grundzüge beider Erziehungsphilosophien dargestellt und deren entscheidende Charakteristika erläutert werden. Grundlage dazu bilden das Werk Webers[7] und die gemeinsame Publikation Braunmühls, Kupffers und Ostermeyers[8], welche beide aus der Mitte der 1970er Jahre stammen und somit dem Erkenntnisstand entsprechen, der der Zeit des Entstehens der ausgewählten Texte Nöstlingers angemessen erscheint.[9] Ergänzt werden die theoretischen Standpunkte von der Darstellung Schilchers[10], welche sich zwar vornehmlich mit literarischen Texten der 1990er Jahre beschäftigt, deren Beschreibung unterschiedlicher Erziehungsstile jedoch sicherlich auch Gültigkeit für die 70er und 80er Jahre besitzen dürfte.

Die grundlegenden Merkmale eines autoritären Erziehungsstils sind nach Weber folgende:

„Es herrschen die heteronomen, d. h. vom Erzieher ausgehenden Lenkungsmaßnahmen vor, durch die alle Einzelheiten des Verhaltens, gestützt auf Übermacht, festgelegt, kontrolliert und durchgesetzt werden. Zur Erreichung dieses Zieles verwendet man zahlreiche, bis in Detail gehende Verbote und Gebote, Befehle und Anordnungen, die in der Regel nur die nächsten Schritte des Vorgehens betreffen. Spontane Absichten und Wünsche der Kinder und Jugendlichen bleiben meist unberücksichtigt. Ihr Tun und Lassen wird ständig überwacht und kontrolliert. Schon bei gering abweichendem Verhalten folgen rasch Gegenmaßnahmen. Der widerspruchslosen und bedingungslosen Unterwerfung dienen meist verletzende und demütigende persönliche Kritik, scharfes Tadeln und Zurechtweisen, einschüchternde Warnungen, Drohungen und Strafen verschiedenster Art. Dabei schreckt man auch vor körperlicher Züchtigung nicht zurück.“[11]

Folgt man der Aussage Webers, bestimmt die hierarchische Auffassung eines überlegenen Erziehers und eines untergeordneten Kindes bzw. Jugendlichen das Konzept der autoritären Erziehung. Schilcher, die den autoritären Erziehungsstil in ihrer Untersuchung eher den Vätern in der Kinderliteratur der 90er Jahre zuordnet, charakterisiert diesen folgendermaßen:

„Väter, die einen autoritären Erziehungsstil praktizieren, erwarten von ihren Kindern absolute Unterwerfung unter ihre Vorstellungen, respektieren ihre Kinder nicht als eigenständige Persönlichkeiten, sondern machen ihnen Vorschriften über ihre Lebensentscheidungen und -weisen, haben an ihre Kinder überfordernde Leistungserwartungen, agieren niemals liebevoll, tendieren zu Gewaltanwendung, dulden keine Erklärungen und lassen sich auf keine Gespräche ein.“[12]

Der autoritäre Erzieher hat Verfügungsgewalt gegenüber dem Kind und reguliert dessen Leben streng. Befehle, Anordnungen, das Aussprechen von Geboten und Verboten sowie das sofortige Bestrafen von kleinsten Abweichungen von der gewünschten Verhaltensweise kennzeichnen auch den Stil autoritärer Erziehungspersonen in den Texten Christine Nöstlingers.

Dem gegenüber stellen Braunmühl, Kupffer und Ostermeyer den Begriff der „Antipädagogik“, einer Erziehungsphilosophie, die auf folgender Feststellung basiert:

„Im Unterschied dazu ist die Behauptung von Pädagogen, Kinder seien prinzipiell erziehungsbedürftig, ohne Schwierigkeiten zu widerlegen: Kinder wie Erwachsene lernen an Sachen, Problemen, Erfahrungen, und wenn deren Wirklichkeit nicht durch pädagogische Manipulation verfälscht wird, behalten sie ein starkes Lernbedürfnis, das sie selbstbestimmt und selbstverantwortlich befriedigen – nicht isoliert von ihrer Umgebung, aber im gleichberechtigten Austausch mit ihr.“[13]

Die Forderung dieser antipädagogischen Denkweise ist demnach nicht eine „Sich-selbst-überlassung“ des Kindes, sondern vielmehr eine, wie der Titel des angegebenen Werkes verdeutlicht, Gleichberechtigung des Kindes. Wichtigster Aspekt ist dabei die Akzeptanz des Kindes als Persönlichkeit mit dem Recht auf freie Entfaltung.

Die Antipädagogik richtet sich vor allem gegen die vorherrschende hierarchische Vorstellung, welche die Basis der Erziehung ausmacht.

Oelkers und Lehmann fassen die Einstellung der antipädagogischen Strömung folgendermaßen zusammen:

„Schon hier wird deutlich, daß die Antipädagogen ein ausschließlich negatives Bild von Erziehung, ihren Motiven und Folgen zeichnen. Sie unterscheiden nicht länger zwischen ‚guter’ und ‚schlechter’ Erziehung oder verantwortungsvollen und verantwortungslosen Erziehern. Für sie ist schon die erzieherische Intention amoralisch und das Ergebnis prinzipiell katastrophal.“[14]

Dieser radikale Ansatz ist bereits in der von Weber beschriebenen „antiautoritären Erziehung liberaler Prägung“[15] nach dem Konzept von A. S. Neill erkennbar:

„Neills oberste Leitvorstellung ist das individuelle Glück der Kinder. Darunter versteht er Wohlbefinden und Ausgeglichenheit, ihre Lebenserfüllung, zu der es dort kommt, wo sie Interesse finden und sich spontan engagieren.“[16]

Der autoritäre und der liberal-antiautoritäre Ansatz treffen bei Christine Nöstlinger häufig in Person unterschiedlicher Erziehertypen aufeinander, bzw. werden von einander unabhängig beschrieben.[17]

1.3. Zur Auswahl der Texte

Betrachtet man die Texte Nöstlingers verschiedener Schaffensperioden, so fällt ein gewisser Wandel in der Thematik auf. Pramper äußert sich diesbezüglich wie folgt:

„In der ersten Schaffensphase geht es der Autorin vor allem um Erziehungsfragen der Autorin, in der sie gegen autoritäre Erziehungspraktiken anschreibt und für die Gleichberechtigung der Kinder kämpft. Kinder sollen nicht Objekte der Beziehung sein, sie haben Recht auf ihre persönliche Individualität (auch ihre persönliche Sicht der Dinge), und sie traut es ihnen auch zu, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Aufgabe des Erwachsenen ist dabei nicht das Erziehen, sondern das behutsame Begleiten.“[18]

Angesichts dieser Aussage, welche den Überblick über das enorm umfangreiche Werk ein wenig vereinfacht, ist es nachvollziehbar, die Auswahl der Texte auf diese erste Schaffensperiode zu beschränken. Bestärkt wird diese Vorgehensweise durch die von Ewers aufgestellte These häufiger Kehrtwenden Nöstlingers im pädagogischen Spannungsfeld von Eltern und Kindern, die er als kinderliteraturtheoretische Veränderungen ausmacht, die zu analysieren den Blick jedoch zu weit vom eigentlichen Thema dieser Untersuchung ablenken würde.[19] Die Konzentration auf eine einzelne Schaffensphase Nöstlingers ist demnach nahe liegend. Nach Ewers und Pramper ist diese erste Schaffensperiode auf die 70er und Anfänge der 80er Jahre beschränkt. Nun ist es für eine Untersuchung, die ihr Augenmerk auf den Generationenkonflikt richten soll, sicherlich notwendig, Texte auszuwählen, die zumindest mehrere Generationen beinhalten. Zudem muss von Anfang an verdeutlicht werden, dass eine detaillierte Analyse aufwendig ist, was wiederum die Anzahl der zu untersuchenden Texte eingrenzt, sodass im Höchstfalle ein bis zwei Texte eine intensivere Betrachtung erfahren können.

Ein besonders gut geeignetes Beispiel für Erziehungsfragen bei Nöstlinger und zudem das Kriterium einer aktiv partizipierenden Großelterngeneration erfüllend ist der Roman „Ilse Janda, 14“, der neben Mutter und Stiefvater auch die Erziehungseinstellung gleich zweier Großmütter beinhaltet. Diesem Text wird im Folgenden die größte Aufmerksamkeit zuteil, da er auch beispielhaft die Auseinandersetzung autoritärer und antiautoritärer Konzepte verdeutlicht.

Ebenfalls aufschlussreich erscheint der als „Erwachsenenliteratur“ erschienene Roman „Andreas oder Die unteren sieben Achtel des Eisberges“, welcher die katastrophalen Folgen fehlender erzieherischer Aufmerksamkeit beschreibt und gleichzeitig die Problematik der machtlosen Großelterngeneration behandelt.

Diese beiden Texte sollen im Laufe dieser Arbeit intensiver betrachtet werden. Dazu kommt, um das Ungleichgewicht zwischen Generationenkonflikt vs. Geschlechterkonflikt zu erfassen, der Roman „Olfi Obermeier und der Ödipus“, der zwar eine Fülle von Erziehungspersonen mehrerer Generationen (Großmutter, Mutter, Schwestern), jedoch keine Vaterfigur beinhaltet.

Zuletzt soll auch der Zeitfaktor in die Überlegungen mit eingebunden werden, der gleichzeitig auf den autobiografischen Aspekt in der Erziehungsauffassung Christine Nöstlingers hinweist. Zu diesem Zweck sollte einer der autobiografischen Kindheitsromane der Autorin vorgestellt werden, in diesem Falle „Maikäfer flieg!“, der gleichzeitig die Kindheit der Elterngeneration der 70er und 80er Jahre in die Überlegungen zu Nöstlingers Erziehungskonzeption einbezieht.

2. Untersuchung Ausgewählter Texte von Christine Nöstlinger

2.1. Ilse Janda, 14 oder Die Ilse ist weg

2.1.1. Inhaltlicher Überblick

Der Jugendroman „Ilse Janda, 14 oder die Ilse ist weg“[20] von 1974 wird aus der Sicht von Erika Janda erzählt. Sie ist 12 Jahre alt und wächst in einer Familie auf, die durch Scheidung und erneute Heirat der Mutter zusammengeführt wurde. Sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Ilse sind Töchter aus erster Ehe und somit den Problemen, die eine solche Familienkonstellation mit sich bringt, ausgeliefert. Aus diesem Grund spielt insbesondere Oma Janda eine entscheidende Rolle im Leben Erikas:

„Zuerst, nach der Scheidung, wohnten die Ilse und ich bei der Oma: bei der Mutter vom Papa. Der Papa hatte die alte Wohnung behalten. Die Mama zog zu ihren Eltern und am Samstag und am Sonntag wohnten wir auch bei ihren Eltern. Die Mama war damals Sekretärin bei einer Zeitung.

In der Zeitungsredaktion lernte sie den Kurt kennen. Der war dort Redakteur. Zwei Jahre später hat sie ihn geheiratet und wir sind von der Oma weg zum Kurt gezogen. Dann hat die Mama den Oliver und die Tatjana bekommen.“[21]

Man kann in diesem Zusammenhang von einer mehrmaligen Entwurzelung Ilses und Erikas sprechen, die zunächst mit sieben bzw. fünf Jahren[22] die gewohnte Familienumgebung verlassen müssen. Dem Text ist zu entnehmen, dass beide Kinder mindestens zwei Jahre lang bei ihrer Großmutter väterlicherseits gelebt haben. Darauf folgt erneut eine Umstellung, welche dem Umzug zum Stiefvater geschuldet ist.

Diese komplizierten Lebens- und Familienverhältnisse erscheinen besonders Ilse unerträglich. Während die Oma aufgrund der gemeinsamen Zeit offensichtlich Sympathie entgegengebracht wird, erscheint das Verhältnis zur Mutter, der Ilse möglicherweise die Schuld für die ständigen Wendungen in ihrem Leben anlastet, zunehmend gespannter. So ist Ilse entsprechend erbost, wenn sich die Mutter negativ über Oma Janda, zu der diese die Beziehung nach der Scheidung von ihrem Mann offenbar als beendet betrachtet, äußert.[23] Auch das offensichtlich häufige Schimpfen der Mutter erträgt Ilse nicht länger, sodass sie zunächst ihren leiblichen Vater um Hilfe ersucht und, als der ihr diese verweigert[24], schließlich von zu Hause wegläuft, ohne jemanden über ihr Ziel in Kenntnis zu setzen. Sogar ihrer Schwester tischt sie eine Lüge diesbezüglich auf.

Auf diese Weise wird die Familie in eine Extremsituation hineinversetzt. Da die älteste Tochter verschwunden ist, steht nun Erika zunehmend im Fokus. Vier Erwachsene, deren Einstellungen gegenüber Erika enorm unterschiedlich erscheinen, partizipieren nunmehr an Erikas Erziehung. Dazu gehören Mutter und Stiefvater sowie Oma Janda, diese jedoch ohne Einverständnis der Mutter, und die Amtsrätin, die Mutter des Stiefvaters Kurt.

Als Erika herausfindet, dass Ilse sie hinsichtlich ihres Fluchtziels belogen hat, stellt sie eigenständige Recherchen an. Zusammen mit dem Alibaba, einem Jungen, den sie erst im Laufe ihrer Suche nach Anhaltspunkten kennen lernt und zu dem sie eine tiefe Freundschaft entwickelt, kann sie den Aufenthaltsort Ilses in Erfahrung bringen, die gemeinsam mit einem Studenten nach Italien gereist ist.

Sie wendet sich mit dieser Neuigkeit an die einzige erwachsene Person, zu der sie offenbar Vertrauen hat: Oma Janda. Diese steht ihr, ungeachtet der Tatsache, dass sie im Haus ihrer ehemaligen Schwiegertochter nicht unbedingt willkommen ist, zur Seite, als Erika ihre Erkenntnisse der Mutter und der Amtsrätin beibringt.

Auf diese Weise gelingt es der Mutter und Kurt, Ilse wieder nach Hause zu holen.

Bezüglich des Themas dieser Arbeit spielen insbesondere die an der Erziehung partizipierenden Erwachsenen eine Rolle. Vernachlässigt werden können hingegen die Eltern der Mutter, mit welchen sich die Mutter bereits vor Beginn der Handlung des Romans überwirft, wodurch sie im Leben von Ilse und Erika keine Rolle mehr spielen, sowie der leibliche Vater der beiden Mädchen, der abgesehen von Ilses Hilferuf nicht mehr in Erscheinung tritt und sicherlich auch aufgrund seiner ausbleibenden Hilfe bzw. der Tatsache, dass die Mutter eine „Einmischung seinerseits in die Erziehung meiner Kinder“[25] nicht wünscht, keinen Einfluss auf seine Töchter hat. Ebenso können bei der Betrachtung die beiden anderen Großväter vernachlässigt werden. Der Mann der Amtsrätin wird zwar von Erika als nett bezeichnet, tritt jedoch im Laufe der Handlung nicht in Erscheinung. Opa Janda leidet offenbar an der Alzheimerschen Krankheit, welche die Beziehung zu seinen Enkeltöchtern belastet und deretwegen er als Erziehungsperson ausfällt:

„Früher war auch der Opa – der Vater vom Papa – sehr nett. Doch jetzt ist er schon total verkalkt und redet sehr komisch. Manchmal fängt die Oma sogar an zu weinen, weil er so komisch redet. Er murmelt immer vor sich hin und beim letzten Besuch hat er mich gefragt, wie ich heiße und wer ich bin. (…) Ich gehe jeden Donnerstag nach der Schule zur Oma und zum Opa. Früher ging die Ilse mit mir. Bis vor einem Jahr. Bis der Opa so verkalkt und komisch wurde.“[26]

Somit bleiben für die Betrachtung nur noch Mutter, Stiefvater, Oma Janda und die Amtsrätin, welche im Folgenden charakterisiert und hinsichtlich ihrer Erziehungsauffassung untersucht werden sollen.

2.1.2. Vier unterschiedliche Erziehungsauffassungen

2.1.2.1. Die Mutter

Die Mutter scheint von den bestehenden Verhältnissen überfordert. Es ist ihr nicht möglich, sich um ihre vier Kinder gleichermaßen zu kümmern und dabei auf die Bedürfnisse jedes einzelnen entsprechend einzugehen. Aus diesem Grund setzt sie die Prioritäten nicht auf die Bedürfnisse ihrer Kinder, sondern nur auf den Anschein eines harmonischen Familienlebens:

„Nur an der makellosen Fassade ist eine der Mutterfiguren Nöstlingers in ‚Ilse Janda 14 oder die Ilse ist weg’ von 1974 interessiert. Die Bedürfnisse der Kinder haben sich dieser unterzuordnen. Ihre Bemühungen sieht sie als Grundlage für den familiären Frieden…“[27]

Dilewsky bezeichnet diesen Muttertypus als „der autoritäre, von seiner Lebenssituation überforderte und stets den Erziehungsregeln folgende Typus“[28], er geht jedoch nicht darauf ein, welche „Erziehungsregeln“ dies sein könnten. Denkbar wäre es, im Zusammenhang mit „Ilse Janda“ von einem Erziehungsklischee zu sprechen. Die Mutter, wie bereits erwähnt von der Situation und damit auch von ihrem Erziehungsauftrag überfordert, argumentiert nicht sondern beschimpft die Töchter und bestraft sie unangemessen („Die nächste Woche war entsetzlich. Die Mama hielt die Ilse wie einen Kettenhund. Wie einen Kettenhund, der auf Hausarbeit abgerichtet ist.“[29] ) bzw. droht mit Strafen, die sie selbst nicht durchzusetzen imstande ist:

„Dann hörte ich noch, wie die Mama von der Ilse eine Entschuldigung verlangte und ihr alle möglichen und unmöglichen Strafen androhte, wenn sie sich nicht sofort entschuldigte.“[30]

Inwieweit sich die Vorstellungen der Mutter von einer „gesunden“ Familie von dem unterscheiden, was generell als erfülltes Familienleben, nämlich einer Atmosphäre der Geborgenheit, der Zuneigung und des gegenseitigen Vertrauens, betrachtet werden kann, wird in ihrer Beschreibung des eigenen Erziehungsziels deutlich:

„Ich will meine Kinder nicht unglücklich machen. Wirklich nicht. Ich wollte nur, dass sie ordentlich erzogen werden und anständige Manieren haben und sich richtig benehmen und, und alles! (…) Was glaubst du, was das für verzogene Kinder waren, als ich sie von der alten Janda zurückgeholt habe? Die haben doch bei der Alten alles tun können! Alles machen können! So raunzig und lästig und verwöhnt wie die waren, ha, da wäre unsere Ehe schon nach einem halben Jahr flöten gegangen!“[31]

Ihr Hauptanliegen ist also in der von Fuchs beschriebenen Aufrechterhaltung des äußeren Anscheins zu suchen und der Grundlage des familiären Friedens.

Aus dieser Aussage geht jedoch gleichermaßen hervor, dass sie niemand anderen als gleichberechtigten Partner bei der Erziehung der Kinder akzeptieren kann. So verschließt sie sich jeglicher Einmischung durch den leiblichen Vater der beiden Mädchen:

„Und dann erklärte sie dem Papa, dass sich die Ilse im Moment schauderhaft aufführe, dass sie jetzt anscheinend ganz durchdrehe und dass sie nun glaube ihren Vater um Hilfe anflehen zu müssen. Doch – und dabei wurde die Stimme der Mama ziemlich drohend – dazu sei aber gar kein Anlass und außerdem verbitte sie sich eine Einmischung in die Erziehung ihrer Kinder.“[32]

Gleichzeitig ist eine zwiespältige Einstellung gegenüber dem Stiefvater Kurt erkennbar, den sie zwar einerseits gerne in der Rolle des Vaters sehen würde, andererseits allerdings nicht in der Lage ist, ihn als tatsächliche Vaterfigur zu akzeptieren. So behauptet sie zwar einerseits, dass ihre Ehe zum Scheitern verurteilt wäre, verfolgte sie nicht ihre Erziehungsziele derart konsequent, wie sie dies zu tun glaubt (siehe oben), und lässt sich sogar dazu hinreißen, zwischen den Kindern zu differenzieren („Der Kurt protestierte.(…) er halte nämlich viel mehr aus als sie. ‚Ja, bei deinen eigenen Kindern, bei denen schon, aber nicht bei meinen!’ rief die Mama.“[33] ), verlangt jedoch andererseits eine stärkere Partizipierung an der erzieherischen Verantwortung:

„Die Mama wurde fuchsteufelswild und rief, der Kurt habe eben keine Autorität und darum sei er mit schuld daran, dass die Ilse so geworden ist. Er habe eben nie die Vaterstelle an ihr vertreten.“[34]

Wie sehr sie mit ihrer Erziehungsaufgabe überfordert ist, ist sowohl an ihren heftigen Reaktionen, dem Schimpfen und der Androhung diverser Strafen, an fehlgeleiteter Wut („’Viel zu gut geht es ihr! Das ist es!’ hat die Mama dann gerufen; und auf einmal ist sie wie eine Furie ins Badezimmer galoppiert. Sie hat den Spiegelschrank aufgerissen und ‚Da, da, da, alles hat sie!’ gekreischt und dabei hat sie die ganzen Kosmetiksachen von der Ilse aus dem Schrank geworfen.“[35] ), an der Unfähigkeit zu einem konstruktiven Gespräch und einer Fixierung auf die eigene psychische Belastung („Ihr geht mir auf die Nerven!“[36] ) als auch an physischer Verletzlichkeit („Doch als ich nach Hause kam, lag die Mama schon wieder im Bett und hatte einen Umschlag auf dem Kopf.“[37] ) festzustellen.

Hinsichtlich der Beziehung zu ihrer Tochter erscheint eine Textstelle besonders aufschlussreich. Es handelt sich dabei um eine Aussage Erikas, welche sie im Dialog mit Oma Janda trifft. Sie beschreibt letztlich das Problem der Erziehung der Mutter:

„’Bitte, Oma’ sagte ich und war nahe am Heulen.

‚Warum redest du denn nicht selber mit ihr [der Mutter, Anm. des Autors]? Du kannst ihr doch genau dasselbe sagen, was du mir gesagt hast! Du hast ja nichts getan!’

‚Ich kann mit der Mama nicht reden.’ Jetzt schluchzte ich.

‚Und warum nicht?’

Ich schluchzte weiter und zuckte mit den Schultern. ‚Ich weiß nicht, warum, aber es geht nicht, und außerdem ist sie jetzt böse mit mir, weil ich im Kino war.“[38]

Die Unfähigkeit der Mutter zu einem offenen Gespräch mit ihren Kindern, ihre nachtragende Art und ihre Überforderung mit erzieherischen Problemen charakterisieren ihren tendenziell autoritären und den Kindern offensichtlich unangenehmen Erziehungsstil.

2.1.2.2. Kurt

Als Stiefvater von Ilse und Erika muss Kurt von Beginn an um Akzeptanz kämpfen, was ihm jedoch nicht recht gelingen will. Im Gegenteil verdeutlicht insbesondere Ilse, dass sie ihn weder als Erziehungs- noch Autoritätsperson geschweige denn als Vater betrachten kann:

„Kurt, das geht dich überhaupt nichts an. Dir bin ich gar keine Rechenschaft schuldig! Nur weil du meine Mutter geheiratet hast, kannst du dich noch lange nicht vor mir aufspielen.“[39]

Dieser Tatsache ist Kurt sich allerdings bewusst, ebenso wie den Schwierigkeiten, die sich aus seiner Situation ergeben. Von seiner Frau darauf angesprochen, er habe die Vaterstelle nicht ausreichend vertreten, reagiert er erbost:

„Der Kurt hat gesagt: ’Bist du total übergeschnappt? Wie stellst du dir denn das vor? Dass ich nicht lache! Vaterstelle! Was ist denn das? Und überhaupt! Die Ilse, die hat mich schon vom ersten Tag an so angeschaut, als ob sie mich umbringen wollte!’“[40]

Das gravierende Problem des Stiefvaters Kurt sieht Fuchs im unklaren Status des neuen Lebenspartners:

„Die Rolle des neuen Partners ist nicht gesellschaftlich vordefiniert, es kann Rivalität in der emotionalen Beziehung mit dem Kind um den Partner entstehen bzw. das Kind verhält sich loyal gegenüber dem leiblichen Elternteil. Auch diese statistischen Ergebnisse erweckt Nöstlinger mit ihren Figuren zum Leben, wenn Stiefväter nicht ernst genommen werden oder an ihnen der Konflikt mit der Mutter ausgetragen wird.“[41]

Insbesondere der letzte von Fuchs genannte Aspekt scheint in der Beziehung zwischen Stiefvater und Tochter vorzuliegen. Eine Loyalität zur leiblichen Mutter ist nicht zu erkennen, wohl aber eindeutige Demonstrationen der Unzufriedenheit mit den Entscheidungen der Mutter, jeden, mit dem sie selbst keinen Kontakt pflegen möchte, gleichsam aus dem Leben der Töchter zu entfernen (wie z. B. den leiblichen Vater, dem sie lediglich das vom Gericht vorgeschriebene Besuchsrecht gewährt, oder die Großeltern mütterlicherseits) und ihnen im Gegenzug eine neue Familienstruktur vorzusetzen, die sie für richtig hält. Dieser Konflikt zwischen Mutter und Tochter Ilse wird neben der offenen Rebellion gegen die Mutter auch an Kurt ausgetragen. Dabei wird nach dem Charakter Kurts oder dessen erzieherischen Fähigkeiten gar nicht gefragt. Ilse ist nicht in der Lage, Kurt so etwas wie eine Chance zu geben, ohne jedoch eine echte Abneigung gegen ihn zu hegen. Deutlich wird dies auch in der Behandlung der Stiefgeschwister, denen Ilse zwar keine Akzeptanz entgegenbringt, wenn Mutter oder Stiefvater zugegen sind, die sie jedoch im Grunde nicht schlecht behandelt, wenn kein Anlass zur Auflehnung, mit anderen Worten kein Elternteil da ist. Dieser Konflikt mit Stiefvater und Halbgeschwistern äußert sich am deutlichsten in der Meerschweinchen-Episode:

Ilse wird ein Meerschweinchen angeboten, welches sie gegen den Willen der Mutter und dank der Fürsprache Kurts behält. Nach einem Jahr wird das Meerschweinchen unabsichtlich von der noch sehr kleinen Tatjana getötet:

„Am Abend kam der Kurt zu uns ins Zimmer. Er machte ein ziemlich hilfloses Gesicht. Und dann fragte er, ob er der Ilse ein neues Meerschweinchen kaufen darf.

Die Ilse schaute ihn starr an und sagte:

‚Kauf deinen eigenen Kindern eines!’

Da sah der Kurt noch hilfloser aus.“[42]

[...]


[1] Eine Ausnahme bildet „Andreas oder Die unteren sieben Achtel des Eisbergs“, vgl. Abschnitt 2.2.1..

[2] Vgl. Fuchs, 2001, S. 173 – 217.

[3] Vgl. Abschnitt 1.3..

[4] Weber, 1974, S. 15.

[5] Der Konflikt zwischen Kindern und ihren Erziehern sei hier aus dem „Generationenkonflikt“ ausgenommen. Diese Untersuchung behandelt lediglich den Generationenkonflikt zwischen den Erziehergenerationen.

[6] Weber, 1974, S. 15f.

[7] Vgl. Weber, 1974.

[8] Vgl. Braunmühl / Kupffer/ Ostermeyer, 1976.

[9] Vgl. Abschnitt 1.3.

[10] Vgl. Schilcher, 2001.

[11] Weber, 1974, S. 16.

[12] Schilcher, 2001, S. 124.

[13] Braunmühl / Kupffer / Ostermeyer, 1976, S. 18.

[14] Oelkers / Lehmann, 1990, S. 20.

[15] Weber, 1974, S. 37.

[16] Ebd., S. 45.

[17] Vgl. Nöstlinger, 2005; Nöstlinger 2006 (b) u. a..

[18] Pramper, 2007, S. 16.

[19] Vgl. Ewers, 2003.

[20] Im Folgenden lediglich als „Ilse Janda“ bezeichnet.

[21] Nöstlinger, 2006, S. 8.

[22] Vgl. ebd., S. 7.

[23] Vgl. Abschnitt 2.2.3..

[24] Vgl. Nöstlinger, 2006, S. 41f.

[25] Ebd., S. 41.

[26] Ebd., S. 8f.

[27] Fuchs, 2001, S. 67.

[28] Dilewsky, 1993, S.233.

[29] Nöstlinger, 2006, S. 43.

[30] Ebd., S. 32.

[31] Ebd., S. 140f.

[32] Ebd., S. 41.

[33] Ebd., S. 141.

[34] Ebd., S. 46.

[35] Ebd., S. 36.

[36] Ebd., S. 35.

[37] Ebd., S. 94.

[38] Ebd., S. 163.

[39] Ebd., S. 31.

[40] Ebd., S. 46.

[41] Fuchs, 2001, S. 68.

[42] Nöstlinger, 2006, S. 24f.

Details

Seiten
72
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640128679
ISBN (Buch)
9783640130177
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112574
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,3
Schlagworte
Darstellung Erziehungsproblematik Berücksichtigung Generationenkonflikts Texten Christine Nöstlingers

Autor

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Titel: Zur Darstellung der Erziehungsproblematik unter besonderer Berücksichtigung des Generationenkonflikts in ausgesuchten Texten Christine Nöstlingers