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Versorgungsader oder Druckmittel? Die Ostseepipeline und das europäisch-russische Energiesicherheitsdilemma

Diplomarbeit 2008 93 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Das europäisch-russische Energiesicherheitsdilemma
2.1. Weiterer Aufbau der Arbeit

3. Das Minenfeld Ostseepipeline
3.1. Die Ostseepipeline als Versorgungsader
3.1.1. Ausbau der Transportkapazitäten
3.1.2. Diversifizierung der Routen
3.1.3. Die Pipeline als Wirtschaftsfaktor
3.2. Die Ostseepipeline als Druckmittel
3.2.1. Der Gashahn und die Transitfrage
3.2.2. Personalien
3.2.3. Militarisierung der Ostsee und Spionageverdacht
3.2.4. Umweltauswirkungen und Munitionsaltlasten

4. Die Energiesicherheitsdebatte
4.1. Die Herkunft des Energiesicherheitsbegriffs
4.1.1. Energiepolitische Zielstellungen
4.1.2. Das Zieldreieck im Wandel
4.2. Zwei Perspektiven
4.2.1. Die Geostrategen
4.2.2. Die Pragmatiker

5. Russland und die europäische Energiesicherheit
5.1. Russland als Bedrohung
5.1.1. Energie als Waffe
5.1.2. Nationalisierung des Energiesektors
5.1.3. Ausbleibende Investitionen
5.2. Russland als strategischer Partner
5.2.1. Ein Lieferant ohne Alternativen
5.2.2. Versorgungssicherheit contra Nachfragesicherheit
5.2.3. Geostrategische Mythen

6. Konfrontation oder Kooperation?

7. Bibliographie
7.1. Berichte, offizielle Dokumente und Stellungnahmen
7.2. Aufsätze, Fachzeitschriften, Monographien und Sammelbände
7.3. Anmerkungen zu anderen Quellen

II. ABBILDUNGEN

Abb. 1: Geplanter Trassenverlauf der Ostseepipeline

Abb. 2: TEN-E Prioritätsachsen der Europäischen Kommission

Abb. 3: Russische Erdgasexportpipelines nach Europa (bestehende und geplante)

Abb. 4: Importanteil von russischem Erdgas in den Ländern Europas

Abb. 5: Munitionsdeponien und militärische Übungsgebiete in der Ostsee

Abb. 6: Weltweites Erdgasgesamtpotential und die „Strategische Ellipse“

Abb. 7: Importpreise für russisches Erdgas in ausgewählten Ländern

Abb. 8: Erdgasimportbedarf der EU-

Abb. 9: Erdgasexportpotentiale verschiedener Länder in die EU-

III. TABELLEN

Tab. 1: Europäische Erdgasimportpipelines (bestehende und geplante)

Tab. 2: Energieinfrastrukturprojekte durch die Ostsee (bestehende und geplante)

Tab. 3: Geschätzte Kosten der Ostseepipeline

Tab. 4: Unternehmensdaten von Gazprom

Tab. 5: Berechnungen eines russischen Gasdefizits I

Tab. 6: CO2-Faktoren verschiedener Energieträger im Vergleich

Tab. 7: Die größten Erdgasreservenhalter weltweit

Tab. 8: Berechnungen eines russischen Gasdefizits II

IV. ABKÜRZUNGEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. EINLEITUNG

„Polen ist besonders empfindlich gegenüber Korridoren und Vereinbarungen über seinen Kopf hinweg. Das ist die Tradition von Locarno. Das ist die Molotow-Ribbentrop-Tradition. Das war das 20. Jahrhundert. Wir wollen keine Wiederholung davon.“1

Der damalige polnische Verteidigungsminister Radosław Sikorski bei einer sicherheitspolitischen Konferenz im April 2006 in Brüssel. Heute ist Sikorski Außenminister im Kabinett der Regierung von Donald Tusk.

„Wir brauchen eine neue Erdgaspipeline zwischen Russland und Mitteleuropa. Die europäische Versorgungssicherheit wird durch ein verbessertes Leitungsnetz erhöht. Außerdem fördert es unsere strategische Partnerschaft mit Russland – das ist das wichtigste Argument. [...]. Wir sehen keine Sicherheitsgefahr in der Erdgaspipeline [...]. Gaspipelines gibt es auf der ganzen Welt. Wir haben Gaspipelines, die von Russland nach Finnland verlaufen. Ich verstehe nicht, was für Probleme durch eine Gaspipeline in unserer Nachbarschaft verursacht werden sollten.“2

Der finnische Premierminister Matti Vanhanen in einem Interview gegenüber der Zeitung Eesti Päevaleht am 12.09.2007.

Als im September 2005 der russische Gasversorger Gazprom3 und die deutschen Energieversorgungsunternehmen (EVU) E.ON Ruhrgas und Wintershall im Beisein des russischen Präsidenten Vladimir Putin und des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder ein Abkommen über den Bau einer Nordeuropäischen Gasleitung (North European Gas Pipeline/NEGP) unterzeichneten, markierte dies eigentlich nur den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits Jahre zuvor begonnen hatte (vgl. Götz 2005: S. 1ff.). Vor dem Hintergrund, dass es zu dieser Zeit an den Transitpipelines über ukrainisches Territorium regelmäßig zu unerlaubten Entnahmen des für den Export bestimmten Erdgases kam (vgl. Guillet 2007: S. 7ff.; Pleines 2005: S. 19ff.), war nämlich schon seit Mitte der 1990er Jahre von der Energiewirtschaft die Idee einer Pipelineverbindung diskutiert worden, die die russischen Erdgaslieferungen nach (West-)Europa4 unabhängiger von den bestehenden Routen machen würde.

Gemeinsam mit den Planungen, künftig auch Gas aus den entlegenen Fördergebieten der Barentssee auf den westeuropäischen Markt zu exportieren, führten diese Überlegungen 1997 zur Bildung eines Joint-Ventures zwischen Gazprom und dem finnischen Energieversorger Neste (später Fortum) Oy. Ziel des Unterfangens sollte der Bau einer Pipeline sein, die Gas aus dem noch unerschlossenen Shtokman-Vorkommen in der Barentssee über finnischen Boden zur russischen Ostseeküste und von dort nach Schweden und – durch die Ostsee – nach Deutschland und Dänemark bringen sollte. Die zunächst unter North Transgas Pipeline firmierende Leitung erschien auch der Europäischen Kommission so wichtig, dass sie ihr im Dezember 2000 im Rahmen ihrer TEN-E5-Leitlinien den Status eines Projekts von europäischer Bedeutung und damit ihre besondere politische Unterstützung verlieh.

Als es dann aber – nach zwischenzeitlichen Schwierigkeiten6 – im September 2005 zur eingangs beschriebenen Einigung über die Gründung einer Betreibergesellschaft für die landläufig zumeist als Ostseepipeline7 bezeichnete NEGP kam, machte sich in der veröffentlichten Meinung schnell der Eindruck breit, dass das Projekt unter „keinem günstigen Stern“8 stand. Sobald die konkreten Planungen bekannt wurden, stießen sie nämlich in einigen der Anrainerstaaten auf teilweise heftigen Widerspruch (vgl. Łoskot- Strachota 2006a: S. 24f.). Während dabei zu Anfang vor allem mit möglichen

Umweltschäden argumentiert wurde, gewann die Debatte schon bald an Schärfe.

„Militarisierung der Ostsee“ und „Spionage“ lauteten insbesondere von schwedischer Seite bereits kurze Zeit später die Vorwürfe (vgl. Bimboes 2007: S. 3f.). In den baltischen Staaten und in Polen wurde darüber hinaus gar die Sorge einer „neuen Achsenbildung“ zwischen Russland und Deutschland geäußert. Vor allem in Polen malten in diesem Zusammenhang Vertreter der Ende 2007 abgelösten Kaczynski-Regierung die Gefahr einer Wiederauflage deutsch-russischer „Großmachtpolitik“ an die Wand. Zur Illustration zogen sie Vergleiche nicht nur mit den polnischen Teilungen zwischen Preußen, Österreich und dem zaristischen Russland Ende des 18. Jahrhunderts, sondern auch mit dem Molotov-Ribbentrop-Pakt9 (vgl. Godzimirski 2007: S. 161ff.) – und erweckten damit den Eindruck, dass sich die beiden Nachbarn zu ihrem Vorteil einmal mehr nicht nur über Polens Kopf hinweg, sondern vor allem auch auf seine Kosten einigen würden10.

2. DAS EUROPÄISCH-RUSSISCHE ENERGIESICHERHEITSDILEMMA

Schon aus dieser kurzen Einleitung wird ersichtlich, dass die Ostseepipeline ihren anfänglichen Status als „schnöde“ Infrastrukturmaßnahme verloren hat. Wie andere Projekte der Energiewirtschaft in der Region zeigen (s. Tab. 2), wäre sie sonst längst geräuschlos verwirklicht oder zumindest auf dem besten Wege dahin. Stattdessen aber hat die NEGP eine gänzlich andere Wendung genommen und ist zum heiß umkämpften Politikum geworden. Es stellt sich die Frage nach dem „Warum“. Genau hier setzt die vorliegende Arbeit an.

Um Antworten zu finden, ist dabei zunächst ein tieferer Einstieg in die energiepolitische Diskussion um die Pipeline unerlässlich. Wie auch Jakub M. Godzimirski, Senior Research Fellow am Norwegian Institute of International Affairs (NUPI), meint, kann dadurch nämlich gezeigt werden, dass es in dieser Diskussion weniger darum geht, dass eine Gasleitung durch die Ostsee verlegt werden soll, sondern vielmehr darum, we r diese Leitung verlegen will:

„The constructivist problem with the NEGP is [...] not what is being constructed under the

Baltic Sea, but rather by whom.“11

Mit anderen Worten dreht sich der Disput um die Ostseepipeline im Kern also um die Frage, wie Russland als Bauherr und als Lieferant „am anderen Ende der Röhre“ wahrgenommen wird. Wie die vorliegende Arbeit zeigen wird, steht bei der Beantwortung dieser Frage nicht nur die Energiepolitik im Ostseeraum vor einem klaren Dilemma. Indem sie die Pipeline einerseits als (energie)wirtschaftlich notwendiges Vorhaben und damit als nützliche Versorgungsader begrüßt bzw. andererseits als (macht)politisch instrumentalisierbares Druckmittel und damit als „Sicherheitsrisiko“ (Knudsen 2007: S. 9) ablehnt, spiegelt sie vielmehr lediglich das wider, was in der breiteren wissenschaftlichen Debatte in ganz Europa bereits seit längerem zu beobachten ist – ein Streit um die Verlässlichkeit von Russland als Energielieferant.

Auch unter akademischen Experten ist nämlich diesbezüglich eine zunehmende Frontenbildung festzustellen. Grob betrachtet sind es dabei zwei

„Energiesicherheits“-Schulen, die miteinander im Zwist liegen12. Auf der einen Seite stehen die Verfechter einer „geostrategische[n] Perspektive“ (Geden/Goldthau 2007: S. 64). Sie vertreten die Annahme, dass die weltweite Energieversorgung durch eine Ansammlung gefährlicher politischer Entwicklungen zunehmenden Gefahren ausgesetzt ist. Im Hinblick auf Europa bereitet ihnen in diesem Zusammenhang vor allem Russland als „unsicherer Kantonist“ starke Kopfschmerzen, weil sie befürchten, dass der Kreml um eine (Re-) nationalisierung des Energiesektors bemüht ist, um die damit einhergehende Rohstoffmacht zu politischen Zwecken einzusetzen, und betrachten Russland deshalb zuallererst als Bedrohung für Europas Energiesicherheit.

Auf der anderen Seite stehen die Anhänger einer Denkrichtung, die man am ehesten als

„pragmatische“ Schule bezeichnen könnte. Im Gegensatz zum anderen Lager betonen sie den Marktcharakter des internationalen Energiesystems und warnen gleichzeitig vor einer zu starken Vereinnahmung der Debatte durch außen- und sicherheitspolitische Erwägungen. Sie bezweifeln nicht nur Russlands Bereitschaft, sondern auch seine grundsätzliche Fähigkeit, den Gashahn als politische Waffe zu missbrauchen. Das Land wird von ihnen weniger als

„Dämon“ europäischer Energiesicherheit begriffen denn als unersetzlicher Beitrag zur Erreichung derselben. Sie betrachten es daher in erster Linie als strategischen Partner.

Es sind die Argumente dieser beiden Energiesicherheitsschulen, derer sich die Energiepolitik des Ostseeraums in ihrer Auseinandersetzung um die Pipeline vor ihrer „Haustür“ bedient. Die Ostseepipeline als Versorgungsader oder als Druckmittel, Russland als Bedrohung oder als strategischer Partner? Der wissenschaftliche Diskurs und die energiepolitische Diskussion befinden sich, so die zentrale These der vorliegenden Arbeit, in derselben Zwickmühle unterschiedlicher Vorstellungen über Russlands Lieferverlässlichkeit und damit verbunden auch seine (künftige) Rolle für die europäische Energieversorgung. Sie sind mit anderen Worten im selben europäisch-russischen Energiesicherheitsdilemma gefangen.

2.1. Weiterer Aufbau der Arbeit

Um die Ausgangsproblematik zu veranschaulichen, wendet sich das folgende 3. Kapitel nach einer Kurzvorstellung des Vorhabens zunächst der engeren Auseinandersetzung um die Ostseepipeline zu. Anhand einer Zusammenfassung der wichtigsten Kernpunkte der Debatte soll dabei verdeutlicht werden, dass man vor allem in den projektbeteiligten Staaten und vonseiten der Europäischen Union die Gasleitung als (energie)wirtschaftlich sinnvolle Versorgungsader betrachtet und deshalb ihrem Bau zustimmend gegenüber steht, während insbesondere die bisherigen Transitstaaten13 die Pipeline als (macht)politisches Druckmittel ansehen und sie deshalb als „Pipeline of Concern“ (Cohen 2006: S. 5) ablehnen14.

Ausgehend von der Annahme, dass sich der Pipeline-Streit damit auch unter den widerstreitenden Parolen „Russland ist ein verlässlicher Lieferant“ bzw. „Russland ist ein un verlässlicher Lieferant“ lesen lässt, schlägt das 4. Kapitel im Anschluss den Bogen zur breiteren wissenschaftlichen Debatte um Europas Energiesicherheit. Nach einer kurzen Entstehungsgeschichte des Begriffs wird dabei gezeigt, dass sich auch hier zwei Lager gegenüber stehen – die Geostrategen und die Pragmatiker.

Die unterschiedlichen Standpunkte dieser beiden Lager im Hinblick auf Russlands Rolle für Europas Energiesicherheit stehen im Mittelpunkt des 5. Kapitels. Analog zum „Minenfeld Ostseepipeline“ wird auch hier eine Zweiteilung vorgenommen: Im ersten Teilabschnitt geht es zunächst um Position und Argumente derjenigen, die Russland aus geostrategischen Erwägungen heraus als Bedrohung für die europäische Energieversorgung betrachten, bevor im zweiten Teilabschnitt die Stimmen zu Wort kommen, die für eine eher ökonomische Sichtweise der europäisch-russischen Energiebeziehungen plädieren und in diesem Zusammenhang Russland als „strategischen Partner“ begreifen.

Das 6. Kapitel liefert abschließend eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit und bietet darüber hinaus auch einen Ausblick: Als Möglichkeit für eine kurzfristige Überwindung der Fronten wird darin auf die Energiecharta hingewiesen, als langfristige Lösung für das europäisch-russische Energiesicherheitsdilemma wird ein umfassender und gleichberechtigter Dialog – sowohl im Hinblick auf die Ostseepipeline als auch die wissenschaftliche Debatte betreffend – eingefordert.

Abb. 1: Geplanter Trassenverlauf der Ostseepipeline

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Nord Stream AG 2007

3. DAS MINENFELD OSTSEEPIPELINE

Bevor in die Auseinandersetzung eingestiegen wird, ist an dieser Stelle eine kurze Vorstellung des Vorhabens angebracht. Zunächst zum Unternehmenshintergrund: Im Dezember 2005 als North European Pipeline Company (NEGPC) ins Leben gerufen, hat sich die Betreibergesellschaft der Ostseepipeline im Oktober 2006 in Nord Stream AG umbenannt. Als Gründungsgesellschafter aufgetreten sind auf russischer Seite mit 51% der Anteile Gazprom und auf deutscher Seite mit jeweils 24,5% E.ON Ruhrgas und Wintershall15. Inzwischen ist der Kreis der beteiligten Unternehmen darüber hinaus um den niederländischen Gasversorger Nederlandse Gasunie erweitert worden. Er soll jeweils 4,5% der Anteile der beiden deutschen Unternehmen und damit eine Beteiligung von 9% erhalten16.

Das Konsortium hat im November 2006 eine Projektdokumentation vorgelegt, in der es sein Bauvorhaben im Detail beschreibt: „Nord Stream ist ein Erdgasbeförderungssystem über Pipelines von Russland nach Deutschland, das in Russland und Deutschland über Verbindungen zu Beförderungssystemen an Land verfügt. Die Pipeline führt durch die AWZ17 von fünf Ländern: Russland, Finnland, Dänemark, Deutschland sowie durch die territorialen Gewässer Russlands und Deutschlands. Bei voller Kapazität liefert das System 55 Milliarden m³ Erdgas18 pro Jahr an die nordwesteuropäischen Verbraucher“ (Nord Stream AG 2006: S. 1).

Im Detail vorgesehen ist dabei die Verlegung zweier Pipelinestränge auf dem Grund der Ostsee zwischen dem russischen Wyborg und dem deutschen Greifswald (vgl. Abb. 1). Der erste der beiden 1.200 km langen Stränge mit einer jährlichen Kapazität von 27,5 Mrd. m³ soll 2010 fertiggestellt werden, die Inbetriebnahme des zweiten Stranges mit identischem Volumen ist für das Jahr 2012 avisiert (vgl. ebd.: S. 95). Abzweigungen in andere Staaten sind perspektivisch möglich, konkret erwogen werden sie bislang nach Großbritannien, Finnland und Schweden19.

Derzeit befindet sich das Projekt im Rahmen der Espoo-Konvention20 der United Nations Economic Commission for Europe (UN/ECE) in der so genannten Umweltverträglichkeitsprüfung im grenzüberschreitenden Zusammenhang, an der alle von den Auswirkungen des Baus betroffenen Parteien teilnehmen. Eine in diesem Zusammenhang erforderliche Umweltverträglichkeitsstudie soll noch im Frühjahr 2008 vorgelegt werden21. In den so genannten Ursprungsstaaten, d. h. denjenigen Staaten, in deren Ausschließlichen Wirtschaftszonen die Pipeline dereinst verlaufen soll (also Russland, Finnland, Schweden, Dänemark und Deutschland) werden darüber hinaus weitere Genehmigungsverfahren nach nationalem Recht durchlaufen. Nach Deutschland (November 2006) wurde im Dezember 2007 auch in Schweden der entsprechende Bauantrag eingereicht, die Anträge in den anderen Staaten sollen im ersten Halbjahr 2008 folgen22.

3.1. Die Ostseepipeline als Versorgungsader

„Neue Wege der Gasversorgung für Europa“ - unter dieser Überschrift beschreibt die Nord Stream AG als Betreibergesellschaft in einer Hintergrund-Presseinformation den Nutzen der geplanten Ostseepipeline. Weiter heißt es da: „In Europa wächst die Nachfrage nach Erdgas als umweltfreundlichster Energieträger23. Gleichzeitig geht die Förderung in den europäischen Ländern aber zurück. Für die daher notwendigen zunehmenden Importmengen werden dringend neue Leitungskapazitäten benötigt. OAO24 Gazprom, E.ON Ruhrgas AG und Wintershall AG werden mit Nord Stream einen Großteil dieser zusätzlichen Transportkapazitäten schaffen. Die Pipeline wird Westeuropa direkt an die russischen Gasvorkommen anschließen. Nord Stream wird die russische Ostseeküste [...] mit der deutschen Küste [...] verbinden und Erdgas zunächst nach Deutschland transportieren. Von hier aus kann es z. B. nach Dänemark, Niederlande, Belgien, Großbritannien und Frankreich gelangen. Der Bedarf an Erdgasimporten in die Europäische Union [...] wird bis zum Jahr 2015 um 200 Milliarden Kubikmeter [...] wachsen25. Durch die Verbindung der weltweit größten Gasreserven mit dem europäischen Gasleitungsnetz wird Nord Stream etwa 25% dieses zusätzlichen Gasimportbedarfs der Europäischen Union decken können.“ (ders. 2007a: S. 1).

3.1.1. Aus ba u der Transportkapazitäten

Die Nord Stream AG kann bei der Begründung ihres Vorhabens die Europäische Kommission auf ihrer Seite wähnen. Aus der übergeordneten Zielstellung heraus, langfristig einen funktionierenden Binnenmarkt im Energie- und Transportsektor durchsetzen zu können, verfolgt diese nämlich bereits seit Ende der 1980 Jahre26 das erklärte Ziel, die nationalen Netze für Telekommunikation, Strom und Gas europaweit miteinander zu verknüpfen. Der Gedanke dabei: „Increasingly interlinked regional and national markets give customers the benefit of better service quality, a wider choice of energy mix and competitive prices“ (Europäische Kommission 2006a: S. 1) und damit der EU die Möglichkeit, das Zieldreieck von „sustainability, competitiveness and security of supply“ (ebd.) einzuhalten.

Den speziellen Fall der Erdgasinfrastruktur betreffend erklärt die Kommission: „Concerning natural gas there is a strongly increasing dependence on gas import in the next 20-30 years“ (ebd.). Ihre Politik zielt deshalb darauf ab, das Pipelinenetz zu diversifizieren und sicherzustellen, dass die von ihr als notwendig erachteten zusätzlichen Transportkapazitäten in Höhe von 100 Mrd. m³/a bis zum Jahr 2013 bereitgestellt werden27. Ihren Ausdruck findet diese „Netzpolitik“ in den so genannten TEN Guidelines der Kommission, wobei TEN für Trans-European Networks steht und die Gesamtheit der Netze in den Bereichen Telekommunikation, Verkehr und Energie umfasst. Das erste dieser Leitlinienpakete wurde 1996 von Europaparlament und Europäischem Rat erlassen. Für den europäischen Gas- und Stromnetzverbund enthält es einen Katalog von Vorgaben, der als TEN-E (für Trans-European Energy Networks) Guidelines bezeichnet wird. In diesen 1997, 1999, 2003 und 2006 überarbeiteten überarbeiteten Leitlinien für die transeuropäischen Energienetze (Europäisches Parlament/Europäischer Rat 2006: S. 1) werden bestimmte „priority axes“ (Europäische Kommission 2004/DG-TREN: S. 4) identifiziert, deren Ausbau eine besonders hohe Priorität für die Schaffung eines gemeinsamen Marktes und die Sicherung der künftigen Versorgung eingeräumt wird. Abb. 2 zeigt die entsprechenden Achsen für das Erdgaspipelinenetz. Die Ostseepipeline entspräche dabei den Anforderungen der Achse NG1 (NG für Natural Gas = Erdgas), die eine Verstärkung der Anbindung Großbritanniens, Nordkontinentaleuropas und des Ostseeraums an die russischen Gasvorkommen vorsieht. Neben anderen Leitungsvarianten wie Yamal II28 oder Amber29 (s. Abb. 3), die den gleichen Zweck erfüllen würden, wurde sie deshalb 2006 von der EU als „Vorhaben von gemeinsamem Interesse“ (Europäisches Parlament/Europäischer Rat 2006: S. 22) eingestuft. Fortschritte sind seither lediglich bei Nord Stream zu vermelden – die vorgeschlagenen Alternativen hingegen haben das Planungsstadium (bislang) nicht verlassen.

Die Argumentation der Europäischen Kommission, wonach die Schaffung eines einheitlichen Binnenmarktes und der Erhalt langfristiger Versorgungssicherheit im Gasbereich nur durch den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur zu gewährleisten sei30, wird in verschiedenen

EU-Mitgliedstaaten mitgetragen31. Vor allem bei den Energieversorgungsunternehmen, die sich Anteile an der Ostseepipeline gesichert (Deutschland/E.ON Ruhrgas und Wintershall und die Niederlande/Gasunie) oder aber bereits Verträge über den Bezug von Erdgas durch die NEGP abgeschlossen haben (neben E.ON Ruhrgas und Wingas aus Deutschland sind das DONG Energy/Dänemark, Gaz de France/Frankreich sowie Gazprom Marketing & Trading/Großbritannien)32, misst man Nord Stream im Hinblick auf die Gasversorgungssicherheit eine wichtige Rolle bei: „This project is of great importance for European security of supply, especially because domestic production in Europe is declining, while demand for gas as the cleanest fossil fuel is very robust“33, meint etwa Marcel Kramer, Vorstandsvorsitzender des niederländischen Energieversorgers Gasunie, der im November 2007 seine Absicht bekundet hat, dem Projekt beizutreten.

Aber selbst in den (bislang) außen stehenden Ländern verschließen sich nicht alle Stimmen diesem Aspekt der Pipeline. Der finnische Ministerpräsident Matti Vanhanen etwa erkennt den Beitrag der NEGP zur europäischen Versorgungssicherheit an und weist den Vorwurf, die Leitung bedeute eine Sicherheitsgefahr für andere Ostseeanrainer, klar zurück (vgl. das eingangs der Arbeit stehende Zitat). In Estland kursieren sogar Überlegungen, wonach die Ostseepipeline indirekt auch der eigenen Versorgung dienlich wäre: Indem nämlich parallel zum russisch-deutschen Offshore-Strang auch das Netz im Großraum St. Petersburg ausgebaut werden soll, schüfe man gleichzeitig eine Entlastung für die stark beanspruchten Pipelines in Richtung Estland, die künftig nicht mehr zusätzlich zu dessen Bedarf auch den der Petersburger Region decken müssten (vgl. Sinijärv 2006: S. 6)34. Ähnlich in Schweden und Lettland: Hier steht zwar ein Großteil der Politik der Ostseepipeline kritisch gegenüber, einige Stimmen sehen aber nichtsdestotrotz durchaus Chancen mit dem Projekt verbunden: Die schwedische Wirtschaft etwa drängt seit längerem auf den verstärkten Einsatz von Erdgas in der Strom- und Wärmegewinnung und würde deshalb eine Anbindung an die NEGP begrüßen (vgl. Larsson 2007: S. 55). Lettland wiederum besitzt große Erdgasspeicher, die bei einem Anschluss an Nord Stream zusätzliche Erdgasmengen bereithalten und damit bei Nachfragespitzen eine stabile Versorgung gewährleisten könnten. (vgl. Sinijärv 2006: S. 6).

Russland als Lieferant des durch die NEGP nach Westeuropa transportierten Erdgases ist neben Deutschland der stärkste Befürworter des Projekts. Die Motivation liegt dabei auf der Hand: In erster Linie geht es Moskau, quasi in Umkehrung des Begriffs von der Versorgungssicherheit, um eine langfristige Nachfrage für sein, neben anderen Energieträgern, derzeit wichtigstes Wirtschaftsgut Erdgas. Im Hinblick auf diese selbst gestellte Vorgabe zukünftiger Erwartungs- oder „Nachfragesicherheit“ (Sadegh-Zadeh 2007: S. 23)35 sind die europäischen Länder aus nachvollziehbaren Gründen ein begehrter Partner. Schließlich haben sie sich über Jahrzehnte hinweg als verlässliche Abnehmer erwiesen, die ihren Zahlungspflichten stetig und zuverlässig nachgekommen sind. Im Gegensatz etwa zu den Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), von denen die meisten immer noch Gas zu Sonderkonditionen in Form ermäßigter Preise beziehen, können darüber hinaus echte „Marktpreise“36 eingefordert werden – ein erheblicher Vorteil angesichts der Tatsache, dass sich der russische Staatshaushalt zu fast 40% durch Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas finanziert und dass diese beiden Energieträger allein über 60% der Exporte des Landes ausmachen (vgl. Gaddy u. a. 2006: S. 6).

3.1.2. Div e rsifi z i e rung der Routen

Neben der Frage der (Gas-)Versorgungssicherheit ist es vor allem ein Aspekt, der die Ostseeleitung so umstritten macht, nämlich die ihr zugrunde liegende Absicht einer Diversifizierung der Transportwege. Diese wird nicht nur, wie gerade beschrieben, von der

Europäischen Kommission als wichtig erachtet, sondern vor allem auch von russischer Seite. Dafür werden neben dem sofort einleuchtenden Argument, für den Fall von Leckagen37 an den bestehenden Pipelines Ersatzrouten bereithalten und damit einem drohenden Totalausfall des Erdgasnachschubs begegnen zu können, noch andere Gründe geltend gemacht.

So wird eingewandt, dass die bislang für den Westeuropa-Export vorhandenen Erdgasleitungen ausschließlich über Land verlaufen und deshalb auf ihrem Weg in die Abnehmernationen naturgemäß eine gewisse Anzahl an Transitstaaten durchqueren, die für die auf ihrem Gebiet liegenden und nach wie vor sich in staatlichem Eigentum befindenden Abschnitte Durchleitungsgebühren erheben (vgl. Götz 2006b: S. 12). Die genaue Höhe der dabei erzielten Erlöse wird in der Regel zwar nicht der Öffentlichkeit preisgegeben, was zur Folge hat, dass auch die durch sie verursachten Mehrkosten für den Transport nicht genau zu bestimmen sind. Daraus aber, dass die betreffenden Pipelines38 in der Ukraine und in Belarus als „strategische Güter“ (ebd.) eingestuft werden, lässt sich folgern, dass die aus der Gas- Durchleitung erzielten Einnahmen für diese Länder einen nicht unwesentlichen Wirtschaftsfaktor darstellen (vgl. Larsson 2007: S. 34). Es geht also offenkundig um bedeutende Summen39 – Summen, die von russischer Seite gern reduziert oder gänzlich vermieden würden, weil sie die Exporterlöse „künstlich“ schmälern40. In diesem Sinne würde der Bau der Ostseepipeline gleich in zweifacher Hinsicht helfen: Zum einen würde durch das Vorhandensein einer die bisherigen Transitstaaten umgehenden Leitung die Möglichkeit geschaffen, Erdgas direkt und damit ohne Gebührenaufwand nach Deutschland (und zu den anderen Bestimmungsorten) zu leiten. Zum anderen würde damit der russischen Energiewirtschaft gleichzeitig ein Hebel an die Hand gegeben, der ihre Verhandlungsmacht gegenüber der Ukraine und Belarus im künftigen Transitgebühren-„Poker“41 beträchtlich erhöhte: Durch die Schaffung des „Präzedenzfalles“ NEGP würde diesen nämlich verdeutlicht, dass ihre Stellung als energiepolitisch wichtiger „middleman“ (Cohen 2006: S.

6) nicht naturgegeben und somit auch nicht „in alle Ewigkeit“ zementiert ist. Die von russischen EVU wie Gazprom verfolgte Strategie, langfristig auch von diesen Ländern international übliche Marktpreise zu verlangen und damit eines der „Rückzugsgefechte“ (Götz 2007b: S. 21) im Kampf um die Beseitigung des sowjetischen Subventionsmodells für sich zu entscheiden, könnte einen bedeutenden Teilerfolg verbuchen. Genau diesen Charakter von Nord Stream als Beitrag zu einer Normalisierung der Beziehungen zu den GUS-Partnerstaaten unterstreicht auch Vladimir Putin, wenn er sagt, dass Russland zwar die Interessen der Gas-Tansitstaaten respektiere, der Schutz seiner eigenen ökonomischen Interessen aber im Vordergrund stehe42.

Von Abnehmerseite wird ein weiteres Argument vorgebracht, um das Streben nach einer Transportrouten-Diversifizierung zu begründen: die störungsfreie Belieferung (vgl. Rühl 2007: S. 111). Dazu muss man wissen, dass in den Transitländern Ukraine und Belarus die für den Export bestimmten Pipelines nicht vollständig von den Binnennetzen getrennt sind. Vielmehr nutzen sie gemeinsame Speicher, was zur Folge hat, dass Druckschwankungen in den Inlandsleitungen automatisch an die Transitpipelines weitergegeben werden und Störungen in der Binnenversorgung sich zugleich auf die in den Empfängerländern ankommenden Gasvolumina auswirken. Solche Störungen sind in der postsowjetischen Vergangenheit bereits mehrfach aufgetreten43. Zurückzuführen waren sie in der Regel auf Meinungsverschiedenheiten zwischen Gazprom und ihren ukrainischen bzw. weißrussischen

Handelspartnern, die sich zumeist um die Begleichung der nationalen Gasrechnungen drehten. Als Reaktion auf verspätete oder überhaupt nicht eingetroffene Zahlungen sah sich Gazprom damals einige Male zu Lieferkürzungen veranlasst, was auf Seiten der Transitländer dazu führte, dass zur Befriedigung des eigenen Bedarfs Gas entnommen wurde, das eigentlich für den Export bestimmt war. In Westeuropa wiederum verursachte dieses

„Anzapfen“ der Transitpipelines Druckabfälle an den Entnahmestellen und damit eine Unterschreitung der vertraglich vereinbarten Liefermengen. Seither stehen die Möglichkeit transitbedingter Störungen der Gasversorgung und, damit verbunden, die Suche nach entsprechenden Schutzmaßnahmen auf der Agenda europäischer Energiepolitiker ganz weit vorne (vgl. Götz 2006b: S. 5). Der NEGP kommt in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle zu.

3.1.3. Die Pipeline als Wirtschaftsfaktor

Über den direkt ersichtlichen Aspekt des Erdgastransports hinaus wird vor allem auf deutscher Seite der Osteepipeline noch eine weitere „Versorgungsfunktion“ zugeschrieben. An dem Projekt, das ein Investitionsvolumen in Milliardenhöhe bedeutet, hängen zahlreiche Arbeitsplätze. Und dies nicht etwa nur bei den beteiligten Gasversorgungsunternehmen. Gerade die zuliefernden und verarbeitenden Industrien versprechen sich lukrative Aufträge von Nord Stream: Bevor die Röhren auf dem Meeresgrund verlegt werden können, müssen sie nämlich zunächst einmal produziert werden. Deutsche Unternehmen aber sind in diesem Bereich Weltmarktführer – ein Umstand, der durch die Auftragsvergabe an den Mülheimer Röhrenhersteller Europipe unterstrichen wird: 860.000 t Rohre im Wert von über 1 Mrd. Euro soll dieser für Nord Stream anfertigen. Für das Unternehmen ist das der größte Auftrag seiner Firmengeschichte44. Aber auch andernorts blickt man dem Projekt optimistisch entgegen. Auf der Insel Rügen etwa erhofft man sich gleich in zweifacher Hinsicht einen Beschäftigungseffekt: Zum einen soll dort der Hafen Mukran zu einem zentralen Logistikstandort ausgebaut werden, zum anderen rechnet man sich gute Chancen bei der Ausschreibung für ein Beton-Ummantelungswerk für die Leitungen aus.

[...]


1 zitiert nach: http://www.focus.de/politik/ausland/polen_aid_108334.html.

2 zitiert nach: http://www.nord-stream.com/index.php?L=1.

3 Der Verfasser hat sich anstelle der deutschen („Gasprom“) bewusst für die englische Transkription („Gazprom“) entschieden. Zum einen wird diese vom Unternehmen selbst verwendet, zum anderen ist sie auch in der wissenschaftlichen Literatur wesentlich weiter verbreitet. Zur Bewahrung der Einheitlichkeit und um Verwirrung zu vermeiden, werden im Folgenden auch alle anderen russischen Begriffe englisch transkribiert. Bei direkten Zitaten, Autoren- und Titelangaben wird aus Gründen der Authentizität allerdings auf eine Anpassung verzichtet.

4 Wenn nicht näher spezifiziert, ist mit Europa im Folgenden die Gesamtheit der EU-27, also der Mitgliedstaaten der Europäischen Union gemeint. Unter Westeuropa hingegen sind die EU-15 vor der Osterweiterung von 2004 zu verstehen.

5 TEN-E steht für Trans-European Energy Networks. Mit diesem Prädikat werden Energieinfrastrukturprojekte bezeichnet, deren Bau die Europäische Kommission im Interesse der gesamten EU für prioritär erachtet (s. Kap. 3.1.1.).

6 Obwohl 2003 auch Großbritannien, das sich angesichts seiner zur Neige gehenden eigenen Erdgasvorräte zunehmend Gedanken um die künftige Versorgung machen muss, sowie Frankreich (in Form von TotalFinaElf) und die Niederlande (RoyalDutchShell) Interesse an einer Teilnahme bekundet hatten, verliefen die Planungen 2004 zunächst im Sande, weil sich Russland zwischenzeitlich entschieden hatte, das Shtokman-Erdgas zu verflüssigen, was wiederum den ursprünglich vorgesehenen finnischen Landstrang entbehrlich machte und deshalb Fortum zum Rückzug veranlasste (vgl. Götz 2005: S. 1f.)

7 Im Folgenden werden die Bezeichnungen Nordeuropäische Gasleitung, NEGP, Ostseepipeline, Ostseegasleitung, Nord Stream etc. synonym verwendet. Dabei geht es ausschließlich um bessere Lesbarkeit und nicht etwa darum, den Leser zu verwirren.

8 zitiert nach: „Ostsee-Pipeline verzögert sich, in: Handelsblatt vom 09.04.2007.

9 Mit dem Molotov-Ribbentrop-Pakt (auch als Hitler-Stalin-Pakt bekannt) schlossen Nazi-Deutschland und die Sowjetunion 1939 ein Nichtangriffsabkommen. In einem geheimen Zusatzprotokoll steckten sie darüber hinaus für den Fall einer „territorial-politischen Umgestaltung Europas“ ihre „Interessensphären“ in Ostmitteleuropa ab: Finnland, Estland, Lettland und der Ostteil Polens sollten demnach der Sowjetunion, Litauen und der Westteil Polens dem deutschen Reich zufallen (vgl. Müller, Helmut H. 2002: S. 279ff.).

10 Das eingangs der vorliegenden Arbeit angeführte Zitat des ehemaligen Verteidigungs- und heutigen Außenministers Radosław Sikorski stellt hierbei nur ein besonders pointiertes Beispiel für solcherlei Warn- Rhetorik von polnischer Seite dar.

11 zitiert nach: http://www.brcinfo.com/bms/bm.php?id=7.

12 Die vom Verfasser im Folgenden vorgenommene Zweiteilung ist zwangsläufig vereinfachend. Selbstverständlich gibt es unter den mit der Energiesicherheitsthematik befassten Autoren zahlreiche „Schattierungen“. Diese in all ihren Facetten abzubilden, würde aber nicht nur den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen, sondern vor allem auch das hier entwickelte Energiesicherheitsdilemma seiner Klarheit berauben.

13 An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass es sich beim größten Teil der für die vorliegende Arbeit relevanten Staaten um Demokratien mit verbrieften Rechten der Meinungsfreiheit handelt. Eine einzige „staatliche“ Haltung gegenüber der Ostseepipeline ist deshalb in keinem von ihnen auszumachen. Vielmehr existiert eine breite Vielfalt an Meinungen. Wenn also im Folgenden von einer „deutschen“, „polnischen“, „russischen“ etc. Position die Rede ist, ist damit die dort herrschende „demokratische Mehrheitsmeinung“ gemeint, von der angenommen wird, dass sie sich in der jeweiligen Position der Regierung widerspiegelt. Anders formuliert: Mit der hier zum Gegenstand erhobenen Debatte um die Ostseepipeline ist in erster Linie das gemeint, was Jakub M. Godzimirski, Senior Research Fellow am Norwegian Institute of International Affairs (NUPI), als den „official European NEGP discourse“ (Godzimirski 2007: S. 164) bezeichnet.

14 Zwei Äußerungen, die erst dieser Tage im Rahmen einer Anhörung zum Thema vor dem Auswärtigen Ausschuss des Europäischen Parlaments getätigt wurden, scheinen die Richtigkeit der hier vorgenommenen Verdichtung schon vorab zu bestätigen: Während EU-Energie-Kommissar Andris Piebalgs im Anschluss an die Veranstaltung mitteilen ließ, dass er die Ostseepipeline vor allem als wichtigen Beitrag zur europäischen Versorgungssicherheit begreife, erklärte der als Experte geladene Keith C. Smith, Senior Associate am Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS): „It is not out of line to believe that the goal [...] may be [...] to exercise political influence over its neighbours.“ (vgl. eine Dow J ones -Meldung vom 29.01.2008 mit der Überschrift „Nord Stream Needed To Meet EU Gas demands“).

15 vgl. http://www.nord-stream.com/company.html?&L=1.

16 Ein entsprechendes Memorandum of Understanding wurde im November 2007 unterzeichnet (vgl. http://www.wintershall.com/pi-nord-stream-071106.html?&L=1).

17 Bei der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) eines Staates handelt es sich um das Seegebiet jenseits seines Küstenmeeres bis zu einer Erstreckung von 200 Seemeilen (daher auch 200-Meilen-Zone). In diesem Gebiet kann der betroffene Küstenstaat in begrenztem Umfang souveräne Rechte und Hoheitsbefugnisse wahrnehmen, etwa bei der Ausbeutung von Bodenschätzen.

18 Zunächst vorgesehen ist die Einspeisung von Erdgas aus dem Erdgasfeld Yuzhno-Russkoye. Später besteht zusätzlich die Möglichkeit einer Belieferung aus den noch unerschlossenen Vorkommen auf der Yamal- Halbinsel und in der Barentssee (vgl. http://www.nord-stream.com/gas_for_europe.html?&L=1).

19 vgl. http://russlandonline.ru/negp/morenews.php?iditem=152.

20 vgl. http://www.umweltbundesamt.at/umweltschutz/uvpsupemas/espooverfahren/.

21 vgl. http://www.nord-stream.com/eia.html?&L=1.

22 vgl. http://www.nord-stream.com/news_list.html?&L=1.

23 Erdgas weist unter den fossilen Energieträgern den geringsten spezifischen CO2-Ausstoß auf (s. Kap. 5.2.).

24 Die Abkürzung OAO steht abgekürzt für russ. „Otkrytoe Aktsionernoe Obshchestvo“ und bedeutet zu dts. so viel wie Offene Aktiengesellschaft. Nach russischem Aktionärsrecht wird damit ein Unternehmen bezeichnet, dessen Aktien im Gegensatz zu denen einer Geschlossenen Aktiengesellschaft offen an der Börse gehandelt werden. Bei einer Geschlossenen Aktiengesellschaft hingegen sind die Anteile auf maximal 50 Shareholder verteilt.

25 Die Nord Stream AG beruft sich bei dieser Angabe auf Prognosen der Beratungsgesellschaft Global Insight.

26 vgl. http://ec.europa.eu/ten/index_en.html.

27 Tab. 1. zeigt die wichtigsten derzeit geplanten europäischen Importpipeline-Projekte, die, wenn sie alle verwirklicht würden, eine zusätzliche Gesamtkapazität von 108-141 Mrd m³/a bereitstellen könnten.

28 Yamal II sieht die Verlegung eines zweiten Leitungsstrangs entlang der bereits existierenden Yamal I- Pipeline vor. Diese verläuft von Russland über die Transitstaaten Belarus und Polen nach Deutschland.

29 Amber (engl. für Bernstein) ist als landgestützte (Onshore-)Alternative zur Offshore-Variante Nord Stream konzipiert worden. Statt auf dem Grund der Ostsee würde diese Pipeline, von Russland kommend, zunächst Lettland, Litauen und Polen durchqueren, bevor sie deutschen Boden erreichte.

30 Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso hat diese Argumentation erst jüngst bei einem Besuch in Tallinn bekräftigt, wo er sagte, dass die Ostseepipeline zwar nicht alle Versorgungsprobleme der EU lösen könne, aber dennoch von europäischem Interesse sei, weil es sich um ein Projekt handele, dass Abwechslung in die Situation auf dem Energiemarkt in Europa bringen werde (vgl. http://russlandonline.ru/negp/morenews.php?iditem=205).

31 In Deutschland hält auch der nach gängiger Ansicht unter Angela Merkel in den Beziehungen zu Russland eingeleitete Atmosphärenwechsel – weg von der oftmals beschworenen „Männerfreundschaft“ zwischen ihrem Amtsvorgänger und Präsident Putin und hin zu einem eher nüchternen Arbeitsverhältnis – die Bundesregierung nicht davon ab, Nord Stream weiterhin ihre grundsätzliche Unterstützung zuteil werden zu lassen (vgl. http://russlandonline.ru/negp/morenews.php?iditem=170).

32 Die einzelnen Verträge umfassen folgende Volumina: DONG Energy 1 Mrd., E.ON Ruhrgas 4 Mrd., Gaz de France 2,5 Mrd., Gazprom Marketing & Trading 4 Mrd. und Wingas 9 Mrd. Kubikmeter pro Jahr (m³/a). Damit sind momentan insgesamt 20,5 Mrd. m³/a verkauft; (vgl. http://www.nord- stream.com/gas_for_europe.html?&L=1).

33 zitiert nach: http://www.nvnederlandsegasunie.nl/en/news.htm.

34 Finnland und Estland planen außerdem derzeit den Bau einer eigenen Unterwasserverbindung namens Baltic Connector. Im Falle eines finnischen Nord Stream-Anschlusses könnte dadurch langfristig auch Gas aus der NEGP nach Estland strömen (vgl. Sinijärv 2006: S. 6).

35 zum Begriff der Nachfragesicherheit s. Kap. 5.2.2.

36 Während etwa die Staaten der EU diesen „Marktpreis“ bezahlen, der 2007 bei etwa 260 US-Dollar pro 1.000 m³ lag, beziehen die Ukraine und Belarus Erdgas auch nach den „Gaskrisen“ immer noch zu einem Vorzugspreis von 130 bzw. 100 USD pro 1.000 m³ (vgl. Abb. 7). Dazu, dass es einen weltweit einheitlichen Marktpreis für Erdgas eigentlich nicht gibt, s. Kap. 5.2.3.

37 Als Ursache in Betracht gezogen werden dafür neben Unfällen auch terroristische Anschläge (vgl. Larsson 2007: S. 37f.).

38 Den wichtigsten bestehenden Transitkorridor für russisches Erdgas nach Nordwesteuropa bildet das (zu Sowjetzeiten angelegte) Leitungsnetz durch die Ukraine (vgl. Tab. 1; Abb. 3). Sein Hauptstrang Uzhgorod (auf der Karte Brotherhood genannt), der nach der Ukraine die Slowakei und Tschechien durchquert, befördert derzeit etwa 100 Mrd. m³/a (vgl. Energy research Centre of the Netherlands u. a. 2006: S. 46). Alle Stränge zusammengenommen sind auf eine Gesamtkapazität von 175 Mrd. m³/a ausgelegt (vgl. Götz 2005: S.3).

39 Energie-Experten gehen davon aus, dass etwa Polen allein aus der Yamal I-Pipeline, die mit einer Kapazität von 32 Mrd. m³/a zu den kleineren Leitungen zählt, jährliche Transiteinnahmen zwischen 150 und 230 Mio. USD erzielt (vgl. Larsson 2007: S. 34). Bei der für die NEGP vorgesehenen Betriebszeit von ca. 50 Jahren kämen dieser Rechnung nach Durchleitungsgebühren in Milliarden-Höhe zusammen.

40 Der in Kontinentaleuropa übliche Preisbildungsmechanismus für Erdgas sieht vor, dass die Transitkosten vom Exporteur getragen werden. Der Importeur hingegen zahlt nur für den (Weiter-)Transport ab der eigenen Landesgrenze. Dieser Mechanismus wird als netback pricing bezeichnet (vgl. Energy Charter Secretariat 2007: S. 152ff).

41 Erst kürzlich, am 24.01.2008, lief unter der Schlagzeile „Kiew will mehr Geld für Transit von russischem Gas“ eine Meldung von Dow J ones Newsw ir es über die Ticker, derzufolge die ukrainische Regierung plant, von Gazprom eine Verfünffachung der bisherigen Durchleitungsgebühren zu verlangen, nämlich von zur Zeit 1,79 auf künftig 9,32 USD pro 1.000 m³ Gas und 100km Strecke.

42 vgl. http://www.negp.info/news/news17.html.

43 Zu den größten Zwischenfällen im Zusammenhang mit dem Transit von Erdgas kam es 1993, 1995 und 2006 in der Ukraine sowie 2003 und 2004 in Belarus (vgl. Götz 2006b: S. 12). Die jüngste energiebezogene Auseinandersetzung zwischen Russland und Belarus im Winter 2006/07 drehte sich hingegen um Öl.

44 vgl. eine Meldung des Deu t schen Depeschend i ens t es (ddp) vom 08.11.2007 mit der Überschrift „Vertrag über Stahlrohrlieferung für Ostseepipeline unterzeichnet“.

Details

Seiten
93
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640122004
ISBN (Buch)
9783656562566
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112534
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,5
Schlagworte
Versorgungsader Druckmittel Ostseepipeline Energiesicherheitsdilemma

Autor

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Titel: Versorgungsader oder Druckmittel? Die Ostseepipeline und das europäisch-russische Energiesicherheitsdilemma