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Soziale Lage von Dalit Frauen und Kindern in Indien

Unter besonderer Berücksichtigung der Community Development Society

Diplomarbeit 2008 49 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung: meine Indienexkursion

2. Intention der Arbeit

3. Die indische Gesellschaft – Geschichte, Soziales, Wirtschaft und Politik

4. Hinduismus

5. Systeme sozialer Ungleichheit
5.1 Kastenwesen
5.2 Varna und Jati

6. Dalits (Unberührbare)
6.1 Begriff
6.2 Unberührbarkeit
6.3 Soziale Situation
6.3.1 Das Leben in Dörfern und in Städten
6.3.2 Charakteristika
6.4 Rechtliche und politische Lage der Frauen im Allgemeinen
6.5 Frauen und Kinder
6.5.1 Situation
6.5.2 Vision

7. Lösungsansätze
7.1 Indische Regierung
7.2 Dalit-Bewegung und NGOs
7.3 Beispiel CDS
7.3.1 Interview mit Manoj Macwan
7.3.2. Projekte

8. Kritische Würdigung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einführung: meine Indienexkursion

Die Vorbereitungen meiner Reise nach Indien begannen bereits im Herbst 2006. Wir waren sieben Studierende der Fachhochschule Frankfurt mit Herrn Philipp Müller, Sozialarbeiter der Evangelischen Studentengemeinde in Frankfurt, der auch die Reiseleitung hatte und sich seit Jahren mit Indien eng verbunden fühlt. Er gab uns einen ersten Einblick in die indische Wirklichkeit z. B. das Kastensystem, die verbreitete Kinderarbeit und die hygienischen Zustände. Ich hatte zuvor bereits Australien 5 Monate bereist, danach die USA und nun war ich sehr auf Indien gespannt. Während meine beiden ersten Reisen vor allem meiner sprachlichen Entwicklung dienten, war das Indienpraktikum ganz anders angelegt: Es handelt sich vielmehr um ein Austauschprogramm mit Studierenden der Fachhochschule Frankfurt und Mitarbeitern der Community Development Society in Indien und beinhaltet den Besuch der National Campaign on Dalit Human Rights im Netzwerk für Menschenrechte der Dalits in Delhi und soll Einblicke in die Strukturen der Netzwerkarbeit vor Ort und deren Anbindung an internationale Organisationen gewähren.

Indien stellte ich mir als ein hektisches, übervölkertes und schmutziges Land vor, das aber andererseits fröhlich, farbenfroh und geheimnisvoll wirkt. Was wir vor Ort antrafen, war für Europäer unvorstellbar. Hygiene gibt es nicht: Exkremente von Mensch und Tier umgeben die Straßen, Müll und Kadaver kommen hinzu und der Verkehr, der Lärm, der Smog, der Gestank, halbnackte Kinder, armselige Behausungen, Kühe überall Kühe kurzum die miserablen Lebensbedingungen dominierten zunächst meine Eindrücke.

Unser erster Besuch galt der National Campaign on Dalit Human Rights mit Sitz in Neu Delhi. Die Mitarbeiter erklärten uns vor allem das Kastensystem und die damit verbundene Diskriminierung der Dalits. Die Arbeit der Aktivisten hat einen hohen Preis; so wurden einige bereits von der Polizei in Gewahrsam genommen, mit der Absicht sie von ihrer Arbeit abzubringen, einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Genauso erging es auch schon internationalen Aktivisten, die sich für die Menschenrechte der Dalits einsetzen. NCDHR hat sich zu einem großen fördernden Netzwerk von Organisationen, Gruppen sowie Freiwilligen entwickelt. Ihr Augenmerk richten sie auf die Verbesserung der Lebensumstände der Dalits. Eine Gruppe menschenrechtlicher Organisationen und Aktivisten, die sich für die Menschenrechte der Dalits in Indien einsetzt, gründete im Jahr 1998 die National Campaign on Dalit Human Rights. Menschenrechtsverletzungen werden von NCDHR dokumentiert, Opfern von Diskriminierung oder Gewalt bekommen Hilfe angeboten, es wird sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene agiert.

Des Weiteren besuchten wir die Kunsthochschule „Collage of Art“ in Delhi. Hier wurden wir herzlich von dem Lehrbeauftragten Savi Sawarkar in Empfang genommen. Wir verbrachten einige Stunden und unterhielten uns angeregt mit Herrn Sawarkar; er ist selbst ein Dalit, in seinen Werken und Bildern beschäftigt er sich intensiv mit den täglichen Benachteiligungen und Erniedrigungen, auch eigene Erfahrungen kommen hierbei zum Tragen. Savi Sawarkar hat es trotz seines Status als Dalit geschafft, Lehrbeauftragter und angesehener internationaler Künstler zu werden. Er ist außerdem Mitglied des Beraterstabes der Planungskommission der indischen Regierung.

Wir verbrachten weitere drei Tage in Delhi und begannen uns allmählich, an die katastrophalen Verhältnisse zu gewöhnen. Mit dem Zug fuhren wir in rund 20 Stunden weiter nach Anand im Bundesstaat Gujarat. Die Zugfahrt war sehr anstrengend, aber wir wurden durch den herzlichen Empfang von Manoj Macwan, dem Gründer der Organisation „Community Development Society“ und seiner Familie am Bahnhof mit Blumen und Gesang reichlich entschädigt. Gujarat liegt im Nordwesten Indiens und hat eine Fläche so groß wie Westdeutschland. Die Hilfsorganisation CDS (zu deutsch sinngemäß: Gesellschaft zur Entwicklung des Gemeinwesens) ist eine in Indien registrierte Nichtregierungsorganisation und eine Non-Profit Organisation, die sich für die bedürftigste Bevölkerungsschicht, die Dalits, einsetzt; eine genaue Beschreibung enthält Punkt 7.3. Ein Interview mit Manoj Macwan vertiefte unsere Kenntnisse über die Arbeit der CDS, insbesondere hinsichtlich der Ziele, Probleme und Finanzierung (vgl. diese Arbeit, S. 34).

CDS organisierte am ersten März-Wochenende 2007 zum Holi Fest ein Picknick für die Mädchen, die an Weiterbildungskursen (z. B. Nähen) teilgenommen hatten. Holi ist ein farbenprächtiges Ereignis im Hinduismus, das von Prozessionen und Tänzen umrahmt wird und an dem große Ausgelassenheit herrscht. Auch sind die strengen Kastenregeln des Hinduismus zeitweise ganz aufgehoben. Während es bei den meisten Festen, die einen Wendepunkt in Kreislauf der Natur, den Beginn eines Kalenders usw. anzeigen, üblich ist, sich in neue Kleidung zu hüllen, ist dies bei Holi anders. Die Menschen ziehen sich alte Kleidung an, was vor allem daran liegt, dass zu Holi die Teilnehmer farbiges Wasser und Farbbeutel verspritzen. Es wird zu Ehren von Khrishna und Kama gefeiert. Holi markiert das Ende des Winters und den Beginn des Frühlings. Eine weitere symbolische Handlung ist das Bemalen mit Farbpuder.

Die rund 60 Mädchen wurden von uns auf ihrer Busfahrt an den Mahi Fluss begleitet und wir erlebten einen wunderschönen Tag. Für die indischen Mädchen war der Ausflug das einzige Fest in diesem Jahr und wir durften es gemeinsam mit ihnen erleben. Die Mädchen haben unsere Gesichter farbenfroh bemalt und wir bewarfen und gegenseitig mit buntem Farbpuder, alle waren voller Freude. Mit einem rostigen Boot legten wir an einem kleinen Strand am Mahi Fluss an, wo wir ausgelassen feierten und ein Bad genossen. Es war für uns alle ein einzigartiges Erlebnis. Erstaunlich für mich war, dass keines der Mädchen schwimmen konnte und auch kein Mädchen den Punjabi beim Baden auszog, sondern alle sich bekleidet im Wasser vergnügten. Um die Mittagszeit gab es ein reichliches indisches Essen, das die Mädchen und ihre Familien mitbrachten und mit uns teilten. Schließlich haben wir uns ein letztes Mal im Fluss erfrischt, bevor wir mit Boot und Bus zurückfuhren. Erschöpft und glücklich über den gelungenen Tag kamen wir wieder in Anand an. Ich glaube, dass dieser Ausflug ein wichtiger Teil für die Bewusstseinsbildung der indischen Mädchen darstellt: Sie waren mit uns nicht mehr die unberührbaren Dalits, sondern konnten mit uns unbeschwert herumalbern und gleichwertig auftreten.

Anschließend haben wir am 5. März „Khatiya Wad“ ein Tribal Dorf in Süd-Gujarat besucht. Meena, ein Mädchen, das die CDS Nähschule besucht, ist hier aufgewachsen. Das Dorf hat heute rd. 300 Einwohner, die in 60 Häusern in der Nähe des Flusses leben. Fast alle Männer sind Bauern und ernähren so ihre Familien. Das Wasser muss täglich vom Fluss geholt werden, der allerdings während der Sommerzeit von Februar bis Mai fast völlig austrocknet. Bei unserer Ankunft versammelten sich die Bewohner zu unserer Begrüßung. Wir bekamen Tee und stellten uns gegenseitig vor. Nach dem Abendessen blieben wir noch lange zusammen und tauschten unsere kulturellen Gewohnheiten aus. Alle waren sehr gespannt zu erfahren, woher der andere stammt und welche kulturellen Unterschiede bestehen. Mit erstaunten Gesichtern saß die Dorfgemeinschaft vor uns und hörte gebannt den Geschichten aus Deutschland zu. Unvorstellbar erschien, dass in Deutschland Mann und Frau ohne Ehe zusammen leben oder gar getrennt von den Eltern wohnen. Ein Land ohne Kastensystem vermochte man sich nicht vorzustellen. Aber auch wir konnten einiges Interessantes über das Leben in einem Dorf in Indien erfahren.

So erfuhren wir, dass Hochzeiten in Khatiya Wad nach wie vor von den Eltern arrangiert werden, wobei die Wünsche der Kinder aber immer mehr Berücksichtigung finden.

Auf dem Rückweg nach Anand kamen wir an einem Holi-Fest-Umzug vorbei. Es erinnerte mich an Karneval in Deutschland: Die Männer waren mit farbigen Kostümen verkleidet, führten Tänze auf und zogen so durch das ganze Dorf. Die Straßen waren überfüllt mit Menschen und wir waren froh, zum Tee in ein Haus eingeladen zu sein, wo wir einen grandiosen Überblick über den Umzug hatten und uns ein wenig von der Hitze erholen konnten.

Diese Ereignisse eröffneten uns eine neue Sicht auf die indische Bevölkerung, auf ihre Feste, Gebräuche und ihre Art zu leben. Viele Fragen konnten wir stellen und Erkenntnisse gewinnen und andererseits darlegen, welche Unterschiede zwischen deutschen und indischen Lebensweisen bestehen. Besonders beeindruckend gestaltete sich das Interview mit Manoj Macwan, der die Situation der Dalits nachhaltig beschreibt (vgl. diese Arbeit, S.34 ff.).

Ganz bewusst habe ich meinen Reisebericht als Einleitung gewählt. Nur so kann ich andeuten, welche Verbundenheit ich zu Indien aufgebaut habe. Es war mir ein Bedürfnis, meine Eindrücke nun auch wissenschaftlich fundiert zu reflektieren und zu analysieren.

2. Intention der Arbeit

Im Zusammenhang mit meiner eigenen Anschauung von der indischen Wirklichkeit hat mich ganz besonders die wirtschaftliche und soziale Situation der Dalit Frauen und Kindern berührt. Ihre gesellschaftliche Lage hat mich sehr betroffen und bewogen, diese näher zu untersuchen, auch um in Deutschland ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es in einem aufstrebenden Land wie Indien Menschen gibt, die von jeglicher sozialen Anerkennung ausgeschlossen bleiben und vor allem darzulegen, welche Chancen sich auftun, die katastrophalen Verhältnisse nachhaltig zu verbessern.

Zunächst gebe ich in Kapitel 3 einen Einblick in Geschichte, Soziales, Wirtschaft und Politik der indischen Gesellschaft, um die Rahmenbedingungen für die folgende Analyse zu schaffen. Die fundamentale Rolle der Religion für die Themenstellung beschreibt der anschließende Punkt „Hinduismus“ und in Abschnitt 5 werden die in Indien vorzufindenden Systeme sozialer Ungleichheit mit den Begriffen Kasten, Varna und Jati diskutiert. Anschließend analysiere ich die außerhalb des gesellschaftlichen Kontext stehende Gruppe der „Unberührbaren“ oder Dalits und beschreibe deren prekäre soziale Situation, um dann die im Kern des Themas stehende rechtliche und politische Lage der Dalit Frauen und Kinder zu untersuchen. Besonderes Augenmerk gilt den Lösungsansätzen von Regierung und NGOs, die Lebensumstände der Dalits zu verbessern (Kapitel 7) und den eigenen Erfahrungen bei diesen Bemühungen am Beispiel CDS. Den Abschluss bildet eine kritische Würdigung unter Einbeziehung des globalisierten Kapitalismus und der Versuch, einen Blick auf die zukünftige Entwicklung zu wagen.

3. Die indische Gesellschaft – Geschichte, Soziales, Wirtschaft und Politik

Mit 1,1 Mrd. Menschen (2006) ist Indien das nach China bevölkerungsreichste Land der Erde; das jährliche Bevölkerungswachstum beträgt rd. 1,5%, wodurch sich eine absolute Zunahme der Einwohner in der Größenordnung der Bevölkerung von Nordrhein-Westfalen ergibt – jedes Jahr (vgl. domradio 2007, S. 1). Indien hat mit 351 Menschen pro Quadratkilometer die höchste Bevölkerungsdichte der Welt; in Städten leben 6000 Menschen pro Quadratkilometer. Indien ist ein sehr junges Land, mit einem großen Potenzial junger Arbeitskräfte. Rund 70% der Bevölkerung leben auf dem Dorf und gleichzeitig hat das Land die größten Mega-Städte, wie Mumbay mit 5 Mio. Einwohnern. Im Jahr 2001 waren 80,5 % der Bevölkerung Hindus, 13,4% Muslime, 2,3% Christen, 1,9 % Sikhs, 0,8% Buddhisten (vgl. Der Fischer Weltalmanach 2008, S. 218).

Die Indus-Kultur aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend stellt die älteste bekannte Zivilisation auf dem indischen Subkontinent dar. Um 1.500 v. Chr. drangen nomadisierende Rinderhirten in das Gebiet der Induskultur ein. Die politische Geschichte Indiens lag danach mehrere Jahrhunderte im Dunklen. Allerdings geht aus der religiösen Literatur (Veda) hervor, dass um das erste vorchristliche Jahrtausend demokratische Prinzipien galten und die Stellung der Frau sehr hoch war (vgl. domradio 2007, S. 2). Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. entfaltete sich der Buddhismus, der neben dem Hinduismus eine maßgebliche Geistesströmung Indiens darstellte. Im 8. und 12. Jahrhundert begannen arabische und asiatische Invasionen, die ab dem 15. Jahrhundert durch europäische Händler fortgeführt wurden. Im 19. Jahrhundert hatte England die vollständige politische Kontrolle über alle indischen Territorien.

Der Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft (Mahatma Gandhi, Jawaharlal Nehru) führte 1947 zur Unabhängigkeit und zur Teilung in zwei Staaten: Indien und Pakistan und nach drei Kriegen 1971 zur Abspaltung Ostpakistans und zur Gründung des neuen Staates Bangladesch.

Indien gliedert sich in 28 Bundesstaaten mit der Hauptstadt Neu-Delhi. Die Bundesstaaten unterscheiden sich durch Bevölkerungsgröße, Einkommen und in der sozialen und ökonomischen Entwicklung. Reichste Region ist Punjab mit einem Durchschnittseinkommen, das viereinhalb Mal höher liegt als das im ärmsten Bundesstaat Bihar. Im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung können einige Bundesstaaten (z. B. Kerala) sich durchaus mit osteuropäischen Ländern vergleichen, andere, wie Bihar, unterscheiden sich kaum von afrikanischen Staaten.

Gemäß Verfassung ist Indien eine parlamentarische, föderale Republik innerhalb des Commonwealth und bezeichnet sich als größte Demokratie der Welt. Dies erscheint vor dem Hintergrund vielfältiger Spannungspotenziale, die in den ethnischen, sprachlichen, religiösen und kastenmäßigen Differenzierungen begründet sind, keineswegs als selbstverständlich. Kastenlose, Dalits und Adivasis (Ureinwohner) machen etwa ein Fünftel der Bevölkerung aus, aber ihr politischer Einfluss bleibt gering und die gewaltige ökonomische Entwicklung des Landes geht spurlos an ihnen vorbei (vgl. Kermani 2007, S. 3). Gewalttätige Übergriffe gegen diese Gruppen bleiben ungesühnt: Vergewaltigungen von Frauen, Kinderarbeit und Schuldknechtschaft sind Beispiele für alltägliche Menschenrechtsverletzungen.

Auch die Dalits verhielten sich nicht immer friedlich. Am 30.11. 2006 kam es zu schweren Unruhen, in deren Verlauf Dalits staatliche Einrichtungen verwüsteten und Personenzüge in Brand gesteckt wurden. Anlass war, dass Hindus die Statue des Dalit-Führers Ambedkar im nordindischen Kanpur verunstaltet hatten (vgl. Der Fischer Weltalmanach 2008, S. 223).

Indien boomt! Über neun Prozent Wirtschaftswachstum jährlich; weltweit konkurrenz-fähig sind die Informationstechnologie, Pharmazie, Biotechnologie, Raumfahrttechnik, Nuklearindustrie und der Dienstleistungssektor. Aber die wohl bald viertgrößte Volkswirtschaft der Welt wird beim Pro-Kopf-Einkommen noch auf Jahrzehnte weit unter dem der entwickelten Welt liegen und fast der gesamte Reichtum in der Hand weniger verbleiben (vgl. Sommer 2008, S. 8).

Als Beispiel für die kapitalistische Erfolgsgeschichte weniger gilt Ratan Tata, dessen Tata Group knapp 100 Unternehmen aller Branchen umfasst, 300.000 Mitarbeiter zählt, 30 Mrd. US- Dollar umsetzt und heute das billigste Auto der Welt „People’s car“ für 2.500 Dollar bauen lässt, wodurch das Auto für Menschen auf dem aufstrebenden Subkontinent erschwinglich sein soll (vgl. Frankfurter Neue Presse 2008, S. 7). Dabei fließt ein großer Teil des Unternehmensgewinns in humane Projekte wie die Armutsbekämpfung in den indischen Dörfern oder in die Förderung von Bildungseinrichtungen (vgl. Lamparter und Petersen 2008, S. 23). Zwar kommt der wachsende Wohlstand in den Städten zum Tragen, an dem rund 200 Millionen Menschen mit Mobiltelefonen, Hochhäusern und Shopping Malls teilhaben. 800 Millionen Inder haben wenig oder gar nichts vom Wirtschaftswachstum. „Niemand in Indien würde bestreiten, dass das Elend weiterhin jeder Beschreibung spottet“ (Ebenda, S. 3). In keinem anderen Land hungern mehr Menschen als in Indien. Zwar versucht die Regierung durch staatliche Maßnahmen z. B. in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Berufsausbildung Fortschritte zu erreichen, aber die Benachteiligten werden seit vielen Jahren so nicht hinreichend begünstigt. Extreme Armut hat in Indien noch immer Massencharakter. Bei Verwendung der üblichen Armutsindizes lebten 2004/05 rd. 300 Millionen Inder in absoluter Armut, das heißt, sie hatten ein Pro-Kopf-Einkommen von einem Dollar oder weniger pro Tag zur Verfügung. Das waren immerhin 27,8 Prozent der Gesamtbevölkerung und ein gutes Drittel der weltweit Armen überhaupt; jedoch ist die Zahl der absolut Armen in Indien seit den 1970er Jahren rückläufig, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung, der noch 1972/73 51,5% betrug, ist drastisch gefallen (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2007, S. 13). Arme Bevölkerungsgruppen leben zu 70 Prozent auf dem Land und setzen sich dort aus Landarbeitern und Kleinbauern zusammen. In städtischen Armutsfamilien gehen fast alle Mitglieder einer Beschäftigung nach, sie werden aber nur sehr gering entlohnt. Die Armutsbekämpfung hat in Indien bereits in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch die Regierung begonnen, insbesondere durch die Finanzierung ländlicher Entwicklungsprogramme. In einer zweiten Phase stellte die Regierung verbilligte Kredite für einkommenssteigernde Investitionen in ländlichen Regionen zur Verfügung und es wurden Nahrungsmittel zu günstigen Preisen verteilt. Diese Maßnahmen sollten die Situation der Armen verbessern, ohne jedoch die Macht- und Vermögensverhältnisse anzutasten. Die Auswirkungen auf die Lage der Landbevölkerung waren eher gering. Viele hatten ihre Investitionsgüter nach wenigen Jahren verloren oder verkauft.

Im Jahre 2005 hat die Regierung ein Beschäftigungsprogramm aufgelegt, in dem Arbeit für 100 Tage pro Jahr für je eine Person ländlicher Haushalte zum Mindestlohn garantiert wird. Außerdem gibt es nach wie vor subventionierte Lebensmittel in Fair Price Shops, um dem Hunger zu begegnen (vgl. ebenda, S. 25).

Als nachhaltig wirksam erweisen sich die Initiativen der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) besonders an der Basis der Bevölkerung. Sie gründen Selbsthilfegruppen, sind Anwälte von Dalits und vieles mehr (vgl. dies Arbeit, S. 29ff). Eine wesentliche Ursache für den Ausschluss großer Teile der Bevölkerung vom gesellschaftlichen Leben und vom wirtschaftlichen Aufschwung liegt im Kastensystem, dass seine Wurzeln im Hinduismus hat.

4. Hinduismus

Die Religion gründet sich weder auf einen einzelnen Religionsstifter, noch gibt es ein verbindliches heiliges Buch; auch eine Instanz wie die Kirche im Christentum fehlt ebenso, wie ein gemeinschaftliches Symbol wie Kreuz oder Halbmond (vgl. Kakar 2007, S. 12). Bei dem Begriff „Hinduismus“ handelt es sich um eine Bezeichnung, die Kolonialherren für alle die Inder verwendeten, die nicht in der Lage waren, eine Religion für sich zu benennen; dies geschah im Zusammenhang mit Volkszählungen Ende des 19. Jahrhunderts (vgl. Michaels 1998, S. 27 f.). Diese Sichtweise behielten

die Inder auch nach der Unabhängigkeit 1955 bei: Ein Inder ist dann ein Hindu, wenn er nicht einer anderen Religion angehört (vgl. Schlensog 2006, S. 528). Die modernen Hindus hatte zudem ein politisches Interesse, eine eigene Identität gegenüber anderen (Briten, Muslime) zu entwickeln (vgl. ebenda, S. 528 f.). Der Begriff Hinduismus hat seit seiner Einführung im 19. Jahrhundert eine stetige Ausweitung erfahren (vgl. Stietencron 2001, S. 35 f.). Heute kann davon ausgegangen werden, dass es in Indien faktisch verschiedene Formen des Hinduismus gibt, die sich in Stiftern, Glaubenslehren, Götterwelt, Ritualen und Trägern erheblich unterscheiden (vgl. Michaels 1998, S. 33).

Die Grundlage der hinduistischen Weltanschauung bildet – trotz aller Unterschiede – die Vorstellung, dass sich die Seele nach dem Tod wieder verkörpert und dass jede Tat eine entsprechende moralische Relevanz für die Wiedergeburt auf Erden hat (vgl. Stietencron 1976, S. 118 ff.). Gemeint ist der Begriff „ Karma “, der für den endlosen Zyklus der Wiedergeburten steht, in dem die Seele voranschreitet oder sich zurückentwickelt. Karma bezeichnet zugleich die Kontrolle dieser Bewegung durch die eigenen Handlungen: Man erntet, was man sät. So macht das Karma-Gesetz das Unrecht in der Welt erklärbar und erträglich, in dem es Gerechtigkeit in der Zukunft verspricht (vgl. ebenda, S. 118 ff.). Das Erlösungsziel heißt „ Moksa “ und stellt die Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiederverkörperung dar, also die Erlösung aus der Welt. Den Maßstab für das menschliche Handeln und dessen karmische Folgen liefert der „ Dharma “ (vgl. Halbfass 1981, S. 366). Der Dharma ist „die Gesamtheit der Pflichten, die auf den einzelnen, seinen Status (varna) und seinem Lebensstadium gemäß zukommen und die er erfüllen muss, um nicht zu fallen.“ (Sontheimer 1980, S.406). Nach der Karmalehre ergeben sich verschiedene gesellschaftliche Rollen des Einzelnen aus seinem früheren Leben. Deshalb sind die Menschen ungleich (körperlich, geistig, materiell); je nachdem haben sie verschiedene Rechte und Pflichten. Dharma der Brahmanen z. B. ist zu lehren, der Vaisya, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben (vgl. Hacker 1978, S. 496 ff). Die Dharma haben stets das Prinzip eines auf wechselseitiger Abhängigkeit und Arbeitsteilung beruhenden Kosmos vor Augen: einen Organismus, dessen Einzelteile alle voneinander und füreinander leben und alle haben die Möglichkeit der Reifung bis hin zur Erlösung: „Ein kontinuierlicher Prozess der Verwandlung, in dem die Energie, das Bewusstsein und die Gestaltungstypen einschließlich der grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen erhalten bleiben, während die individuellen Existenzen entstehen und vergehen.“ (Stietencron 1993, S. 108).

Die Karma- oder Reinkarnationslehre prägt das religiös-kulturelle Selbstverständnis der Inder. Westliche Beobachter sind mehr denn je davon überzeugt, dass diese Lehre „die eigentliche Ursache sei für den allgemein verbreiteten Fatalismus der Inder und für die katastrophale soziale und wirtschaftliche Situation im Land“ (Schlensog 2006, S. 542). Die Ungleichheit der Menschen in der Karmalehre bildet sich im Kastenwesen ab.

5. Systeme sozialer Ungleichheit

5.1 Kastenwesen

Der Begriff Kaste geht auf das portugiesische Wort „casta“ zurück (vgl. Fuchs 1999, S. 52), das reine Rasse oder Gattung bedeutet (vgl. Bronger 1996, S. 119). Die Portugiesen als frühere Kolonialherren versuchten damit, ein Phänomen der Abgrenzung und hierarchischen Anordnung von Gruppen zu benennen, das sie aus ihrer eigenen Kultur nicht kannten.

Der Term Kaste stammt damit nicht aus der indischen Sprache und hat dort auch keine genaues Äquivalent (vgl. Galanter 1984, S. 7). Etymologisch lässt sich auch eine Verbindung mit dem lateinischen Wort castus herstellen, das die Bedeutung von „keusch“ bzw. „rein“ hat (vgl. Dharampal-Frick 1994, S. 182). Gelegentlich findet sich der Begriff Kaste seit dem 17. Jahrhundert auch in englischen und holländischen Berichten, und zwar im Sinne von Geschlecht bzw. Stamm (vgl. ebenda, S. 183); in Deutschland kommt er seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Anwendung (vgl. ebenda, S. 184). Die Kaste wird in Übereinstimmung mit dem indischen Begriff jati als eine Geburtsgemeinschaft gesehen, die aufgrund verschiedener Gemeinsamkeiten, insbesondere einem gemeinsamen traditionellen Beruf, auftritt (vgl. Stein, 2002, S. 83). Die regionale Ausdehnung und die Größe einer Kaste kann sehr unterschiedlich sein.

5.2 Varna und Jati

In Indien selbst gab es schon seit langer Zeit zwei Begriff für das, was in Europa als Kaste bezeichnet wird: varna und jati. Varna umfasst vier mythologisch begründete Gruppen, denen unterschiedliche Farben zugeordnet sind. Das Konzept entwickelte sich wahrscheinlich aus der Hymne der Rig Veda, in der erzählt wird, wie die Götter die Welt erschaffen, in dem sie Virat-Purnsha, den kosmischen Urriesen, opfern: „Als sie den Purnsha auseinanderlegten, in wie viele Teile teilten sie ihn? Was ward sein Mund, was seine Arme, was werden seine Schenkel, was seine Füße genannt? Sein Mund ward zum Brahmanen (weiße Farbe) seine Arme wurden zum Kshatriya gemacht(rote Farbe), seine beiden Schenkel zum Vaishya (gelbe Farbe), aus seinen beiden Füßen entstand der Shudra (schwarze Farbe)“ (Rothermund 1995, S. 114). Die Angehörigen der ersten drei Varna werden als „Zweimalgeborene“, die Varna der Shudra als „Einmalgeborene“ bezeichnet (vgl. ebenda, S. 115). In eine Varna wird man hineingeboren, ein Varna ist vom Prinzip her endogam, die Varna bilden ein hierarchisches System sozialer Ränge (vgl. Schetelich 1989, S. 39). Als Priester und Gelehrte sind die Brahmanen die Kenner und Lehrer der heiligen Schriften, als Krieger und Könige gelten die Kshatriya als für die Wehrhaftigkeit des Gemeinwesens nach außen und die Verwaltung nach innen zuständig. Die Vaishyas (Händler und Bauern) bilden das Fundament der Wirtschaft. Die niederen Dienste für die Gemeinschaft (Landarbeiter und Handwerker) werden den Shudras zugewiesen, die vielfach verachtet und als minderwertig behandelt werden.

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Details

Seiten
49
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640141838
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112339
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Lage Dalit Frauen Kindern Indien

Autor

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Titel: Soziale Lage von Dalit Frauen und Kindern in Indien