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Berichterstattung aus Bagdad - Journalismus unter erschwerten Bedingungen

Seminararbeit 2005 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jon Lee Andersons „Fall of Baghdad“ als Beispiel für unilateralen Journalismus
2.1 Das Buch und sein Autor
2.2 Überleben in Bagdad als unabhängiger Journalist
2.2.1 Vorüberlegungen und Vorbereitungen Andersons
2.2.2 Erschwerung der Berichterstattung
2.2.3 Folgen für die unilaterale Berichterstattung
2.2.4 Die Bedeutung von Beziehungen für Erfolge Andersons
2.2.5 Mitten in Bagdad – abgeschnitten von der Welt
2.3 Andersons Doppelrolle – Journalist und Amerikaner

3. Embedded – Als Journalist bei den Marines
3.1 Wie einer von ihnen – die Gefahr der Solidarität
3.2 Mitten im Geschehen – und doch unwissend?
3.3 Kritische Berichterstattung trotz Einbettung

4. Embedded versus Unilateral
4.1 Gemeinsamkeiten zwischen unilateralen und eingebetteten Journalisten
4.2 Einbettung auf der „anderen Seite“

5. Resümee

6. Literatur

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit möchte ich die gefährliche und unverzichtbare Arbeit unabhängiger Journalisten während des Irakkriegs 2003 beschreiben, die viel riskierten, um der Welt einen möglichst neutrale Sicht auf die Kriegsgeschehnisse in Bagdad zu geben. Dabei wird mein Hauptaugenmerk auf dem Buch „The Fall of Baghdad“ (2005) des amerikanischen Journalisten Jon Lee Anderson liegen. Als Berichterstatter für das Magazin „The New Yorker“ hielt er sich im Zeitraum von 2000 bis 2004 mehrere Monate im Irak auf und hielt seine Beobachtungen in der regelmäßigen Kolumne „Letter from Baghdad“ fest, die auch den Hauptbestandteil seines Buches ausmacht. Der Schwerpunkt seiner Berichterstattung liegt dabei auf den Menschen, die er vor, während und nach dem Krieg im Irak traf, und auf Erlebnissen der alltäglichen Art. Die Reihe seiner Interviewpartner ist breit gefächert und umfasst den ehemaligen irakischen Außenminister Tariq Aziz genauso wie ein verletztes Kind. Zudem beschreibt er auch ausführlich und oft mit leichter Ironie die Beschwerlichkeiten, die sich ihm und seinen Kollegen bei ihrer Arbeit in den Weg stellen.

Anschließend möchte ich die Arbeitsbedingungen und -ergebnisse der unabhängigen, so genannten unilateralen[1] Journalisten mit denen der „embedded journalists“, also in die US-Armee eingebetteten Journalisten vergleichen. Dabei konzentriere ich mich auf das Buch „embedded – The Media at War in Iraq“ von Bill Katovsky und Timothy Carlson (2003). Es enthält 59 Niederschriften von Interviews[2], die die Autoren 2003 kurz nach Beendigung des eigentlichen Krieges mit eingebetteten und auch einigen unilateralen Journalisten, irakischen Übersetzern und Offizieren führten. Oft sehr persönlich berichten die Befragten von ihren Erlebnissen während der Kriegszeit. Anhand einiger Beispiele aus diesem Sammelband will ich die Vorteile, aber auch Gefahren dieser neuen Form der Kriegsberichterstattung für den Journalismus aufzeigen.

2. Jon Lee Andersons „Fall of Baghdad“ als Beispiel für unilateralen Journalismus

Jon Anderson entschied sich, als unabhängiger Journalist direkt in Bagdad auf den Anfang des Krieges zu warten und dann auch von dort über die Kriegsgeschehnisse zu berichten. Die Alternative dazu wäre gewesen, sich in die US-Armee einbetten zu lassen oder in Iran auf den Kriegsanfang zu warten, um dann einzureisen. Seine Entscheidung enthielt einige Risiken, aber auch den großen Reiz, den Wandel der irakischen Gesellschaft zu beobachten und während des Krieges mitten im Geschehen zu sein.

2.1 Das Buch und sein Autor

Das Buch „The Fall of Baghdad“ wurde – angeblich unbeabsichtigt – kurz vor der Präsidentschaftswahlen im Jahr 2004 in den USA veröffentlicht und zeigt die Politik der Regierung Bush und deren Kriegsstrategien nicht im besten Licht. „I am aware this is very polemical“, gibt Anderson zu (Anderson zitiert in Birnbaum 2004). Trotzdem möchte er mit dem Buch eigentlich keinen politischen Einfluss auf die Amerikaner nehmen, sondern ihnen stattdessen mit einer relativ objektiven Sichtweise Denkanstöße geben. Es liegt ihm am Herzen, Zeugnis abzulegen über seine Beobachtungen vom Niedergang einer Stadt, welchen er als historisches Ereignis bezeichnet. Dies tut er jedoch mit dem Erzählen von kleinen, alltäglichen Begebenheiten. „[,,,] in the small moments [.] I saw lie the seeds to many of the larger issues“(Anderson zitiert in Birnbaum 2004).

Anderson sieht sich selbst inzwischen nicht mehr als Kriegsreporter, sondern einfach als Journalist, der im Krieg arbeitet. Doch eine gewisse Faszination gegenüber Kriegen und Konflikten kann er nicht leugnen. Schon für einige seiner anderen Werke, wie beispielsweise „The Lion's Grave: Dispatches from Afghanistan“ (2002) oder „Guerrillas: Journeys in the Insurgent World“ (1992) begab er sich in Krisengebiete und lebte beispielsweise eine Zeitlang bei den Muhajedin, den so genannten „Heiligen Kriegern“, um zu recherchieren.

Schon als Kind wohnte Jon Lee Anderson nie lange an einem Ort, da sein Vater als Diplomat arbeitete. Das bereitete ihn gut auf sein späteres Journalistenleben vor. Seit 1979 arbeitet er als Journalist, zuerst hauptsächlich in Lateinamerika, später auch in den USA und in diversen Krisenregionen. Inzwischen lebt er seit einigen Jahren mit seiner Familie in England und schreibt regelmäßig für The New Yorker.

The Fall of Baghdad“ wurde von den Kritikern und Käufern hoch gelobt, besonders für seine relativ neutrale Sichtweise auf den Irakkrieg. Es sei ein guter Ausgleich für die schlechte Nachrichtenlage der Presse und ein Gegenpart zum eingebetteten Journalismus (vgl. Reviews: www.amazon.com). Auch Andersons Erzählstil, der manchmal eher literarisch als journalistisch ist, packt und fesselt den Leser, ohne jedoch pathetisch zu wirken. Obwohl Anderson in der Ich-Perspektive schreibt, bleibt er meist distanziert und gibt wenig Einblick in seine Emotionen. Wenn er es allerdings tut, dann mit großem Effekt. Die Stellen des Buches, in denen er seine Trauer oder Angst beschreibt, sind mitunter die einprägsamsten.

Er schreibt detailliert, beschreibt die Leute, die er trifft, haargenau, und nimmt jede Geschichte, die er hört, ernst. Doch er verliert sich nicht im Detail – im Gegenteil, sein Buch ist keine Aneinanderreihung kleiner Begebenheiten. Erzählungen von seinen eigenen, alltäglichen Tätigkeiten, Gespräche mit anderen und Berichte über Kriegshandlungen wechseln sich auf angenehme Weise ab. Er schafft es auch, den Irakkrieg und den daraus resultierenden Widerstand in einen historischen Bezug zu setzen: immer wieder gibt er geschichtliche Rückblicke, besucht beispielsweise die Nachkommen eines berühmten Widerstandkämpfer der 1920er Jahre, Scheich Dhari, und knüpft somit Zusammenhänge zur heutigen Situation.

2.2 Überleben in Bagdad als unabhängiger Journalist

Das Überleben in Bagdad zur Zeit des Krieges war eine Herausforderung – wobei damit sowohl das körperliche als auch das berufliche Überleben als Journalist gemeint ist. Es bedurfte guter Vorbereitung, Glück, Professionalität; auch hilfreiche Kontakte zu einflussreichen Irakern konnten nicht schaden.

2.2.1 Vorüberlegungen und Vorbereitungen Andersons

Jon Lee Anderson reiste mit der Absicht in den Irak, die Hintergründe über die Tyrannei Saddam Husseins herauszufinden und dessen Fall zu beobachten (vgl. Anderson 2004: Preface). Dies mag auch erklären, wieso er sich nicht, wie viele seiner Kollegen, in die Hände amerikanischer Truppen begab, denn mit den Arbeitsbedingungen eines eingebetteten Journalisten hätte er wohl kaum einen solchen Einblick in das irakische Lebens vor, während und nach der Invasion bekommen.

Wie die meisten seiner Landsleute ist auch er bei seiner Einreise überzeugt, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt; an eine angebliche Verbindung zwischen dem Irak und Al-Qaida glaubt er jedoch nicht. Um im Fall eines erwarteten chemischen Angriffs gewappnet zu sein, wird er von seiner Redaktion mit Schutzanzügen, schusssicheren Helmen und Gasmasken ausgerüstet, und besucht ein Seminar zum Überleben in einer solchen Situation. Er und seine Kollegen rechnen mit allem: „The Iraq war had begun to acquire the psychological dimension of an impending apocalypse, in which everything seemed possible.“ (ebd. S. 29) Mit einigem Galgenhumor beschreibt Anderson den Ablauf eines solchen Seminars, an dessen Ende allen klar ist, dass es im Falle eines Falles kaum eine Überlebenschance gibt. Trotzalldem – mit einem Seminar-Zeugnis und der dazugehörigen Ausrüstung ausgestattet, reist er Mitte Februar 2003 im Irak ein.

2.2.2 Erschwerung der Berichterstattung

Journalistisches Arbeiten in Krisengebieten ist immer eingeschränkt, vor allem wenn in den entsprechenden Ländern die Pressefreiheit nicht oberste Priorität hat. So hat meist die amtierende Regierung ein wachsames Auge auf einheimische und ausländische Journalisten. In Bagdad zur Zeit des Irakkriegs wird die Arbeit der unabhängigen Berichterstatter sogar von mehreren Seiten erschwert:

So standen die Berichterstatter zum einen – wie es typisch ist für Staaten mit despotischer Herrschaft – immer unter der Kontrolle des irakischen Informationsministeriums, das ausländische Reporter während dieses Krieges zwar ausdrücklich willkommen hieß, damit diese von den erwarteten zivilen Opfer der amerikanischen Invasion berichten konnten. Kritik am irakischen System war dabei jedoch nicht erwünscht. So wurden den Journalisten bis auf wenige Ausnahmen nur 10-Tages-Visa ausgestellt, die bei Nicht-Einhaltung der Regeln des Ministeriums, die je nach Situation gelockert oder verschärft werden konnten, nicht erneuert wurden. Die Visumsverlängerung wurde zudem zu einem riesigen Kostenfaktor, da Bestechungen in immenser Höhe von Seiten der Beamten des Informationsministeriums erwartet wurden. Satellitentelefone und eigenes Internet waren verboten, Nachrichten an die Redaktionen durften nur vom Ministerium aus verschickt werden, für Internetarbeit gab es ein Internetcafé. Dass diese Kommunikation überwacht wurde, versteht sich fast von selbst. So benutzte Jon Lee Anderson trotz den Drohungen des Ministeriums sein Satellitentelefon und Internet vom Hotelzimmer aus – allerdings immer mit der Angst, erwischt und des Landes verwiesen zu werden, wie es den Reportern von CNN passiert war. Auch durften die Journalisten nur in vom Ministerium ausgewählten Hotels wohnen, in denen sie leichter kontrolliert werden konnten: „You always felt as though you were being watched“ (ebd. S. 80).

[...]


[1] Die Bezeichnung „unilateral“ scheint sich im englischen Sprachgebrauch eingebürgert zu haben, um akkredierte, aber nicht in der Armee eingebettete Journalisten zu bezeichnen. (vgl. Katovsky 2004: Introduction, S. IX)

[2] Ich werde diese Niederschriften in der folgenden Zitation und in der Literaturangabe wie Beiträge in einem Sammelband behandeln, d.h. die Interviewten als Autoren der Texte aufführen.

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640136452
ISBN (Buch)
9783640136919
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112309
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Berichterstattung Bagdad Journalismus Bedingungen Refexionskurs

Autor

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Titel: Berichterstattung aus Bagdad - Journalismus unter erschwerten Bedingungen