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Effekte von Stress, sozialer Unterstützung und Persönlichkeitsvariablen auf psychisches Befinden

Doktorarbeit / Dissertation 1998 520 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

DANKEND ERWÄHNT

VORWORT

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHER UND EMPIRISCHER HINTERGRUND
2.1 Einführung in die Problemstellung - Die Verbindung zwischen Streß und Gesundheit
2.2 Streß
2.2.1 Die Konzeptualisierung von Streß und Stressoren
2.2.2 Die Operationalisierung von Streß und Stressoren: Entwicklung von diagnostischen Meßinstrumenten
2.2.3 Scheidung / Trennung, Partnerschaftskonflikt und Prüfung als Beispiele für Streß Scheidung / Trennung, Partnerschaftskonflikt Prüfung
2.3 Soziale Unterstützung
2.3.1 Die Konzeptualisierung von sozialer Unterstützung
2.3.2 Die Operationalisierung von sozialer Unterstützung: Entwicklung von diagnostischen Instrumenten
2.3.3 Modelle zur Wirksamkeit sozialer Unterstützun
Die Vielfalt formaler Modelle
Das Haupteffekt-Modell Das Puffereffekt-Modell
2.4 Persönlichkeitsvariablen in ihrer Beziehung zu Streß und sozialer Unterstützung
2.4.1 Persönlichkeitsvariablen als Moderatoren von Streß und in Verbindung mit sozialer Unterstützung
2.4.2 Einsamkeit, Selbstwert und Ängstlichkeit
Einsamkeit
Selbstwert
Ängstlichkeit
2.5 Ableitung des psychologischen Untersuchungsgegenstands

3. METHODE
3.1 Psychologische Hypothesen
Haupthypothesen
Nebenhypothesen
Weitere interessierende Berechnungen
Testtheoretische Überprüfungen
3.2 Untersuchungsplanung
3.2.1 Versuchsplan
Studie 1
Studie 2
3.2.2 Unabhängige und abhängige Variablen
Studie 1.
Studie 2.
3.2.3 Störvariablen
Studie 1
Studie 2
3.2.4 Untersuchungsablauf
Studie 1
Studie 2
3.3 Konkretisierung der Variablen, Meßinstrumente
Studie 1.
Demographischer Fragebogen (DEFRA)
Wahrgenommener Streß - Perceived Stress Scale (PSS)
Depressivität - Beck-Depressions-Inventar (BDI)
Extraversion und Neurotizismus - Eysenck-Persön­lichkeits-Inventar (EPI)
Ängstlichkeit - State-Trait-Angst-Inventar (STAI)
Kontrollüberzeugung - IPC-Fragebogen
Soziale Unterstützung - Interpersonal Support Evaluation List (ISEL)
Soziale Erwünschtheit - „L+“-Skala
Studie 2.
Demographischer Fragebogen
Lebensereignisse als Stressoren - Psychiatric Epidemiology Research Interview (PERI)
Wahrgenommener Streß - Perceived Stress Scale (PSS)
Depressivität - Center for Epidemiological Studies Depression Scale (CES-D)
Ängstlichkeit - State-Trait-Angst-Inventar (STAI)
Einsamkeit - University of California Los Angeles Einsamkeitsskala (UCLA)
Selbstwert - Frankfurter Selbstkonzeptskala zur allgemeinen Selbstwertschätzung (FSKN-SW)
Soziale Unterstützung - Fragebogen für soziale Unterstützung (F-SOZU)
3.4 Probanden
Studie 1
Querschnittsstichprobe.
Längsschnittsstichprobe.
Studie 2
3.5 Formalisierte und operationalisierte Hypothesen
3.5.1 Formalisierung der Hypothesen
Haupthypothesen
Nebenhypothesen
Weitere interessierende Berechnungen
Testtheoretische Überprüfungen
3.5.2 Operationalisierung der Hypothesen
Unterscheidung von Teilstichproben:
Puffereffekt von sozialer Unterstützung und Interaktionseffekte von Persönlichkeitsvariablen mit und ohne Kontrollvariablen sowie Dreifach-Interaktionen
Haupteffekte von sozialer Unterstützung
Longitudinalanalysen
3.6 Untersuchungsauswertung
3.6.1 Statistische Verfahren, Testplanung, Entscheidungs­kriterien
Unterscheidung von Teilstichproben
Puffereffekte von sozialer Unterstützung
Puffereffekte von sozialer Unterstützung unter Kontrollvariablen
Dreifach-Interaktionen
Interaktionseffekte von Persönlichkeitsvariablen mit Streß
Interaktionseffekte von Persönlichkeitsvariablen mit Streß unter Kontrollvariablen
Haupteffekte von sozialer Unterstützung / sozialer Belastung
Longitudinalanalysen
Langzeitlicher Einfluß von Unterstützung auf Persönlichkeitsvariablen (Studie 1)
Langzeitlicher Einfluß von Depressivität auf Unterstützung (Studie 1)
Langzeitlicher Einfluß von wahrgenommenem Streß auf wahrgenommenen Streß mit Persönlichkeitsvariablen als Kontrollvariablen (Studie 1)
Testtheoretische Überprüfungen
Überprüfungen auf Normalverteilung
Korrelationen
Geschlechtsunterschiede
3.6.2 Beschreibung der Datenauswertung
Studie 1
Studie 2
Studie 1 und Studie 2

4. ERGEBNISSE
4.1 Demographische Daten der Stichproben
Studie 1
Studie 2
4.2 Deskriptive Daten von Skalen
4.2.1 Faktorenanalysen
Studie 1.
BDI
EPI
ISEL
SE-Skala
IPC-Fragebogen
Studie 2.
CES-D
FSKN-SW
UCLA
F-SOZU
Studie 1 und 2.
PSS
STAI
4.2.2 Verteilungsparameter der Skalen
4.2.3 Reliabilitäten der Skalen
4.3 Inwiefern unterscheiden sich Personen mit Partnertren­nung in Vergangenheit, Partnertrennung in Zukunft, Partnertrennung in Vergangenheit und Zukunft, Prüfung in Zukunft, Kontrollpersonen und Erstsemesterstuden­ten?
Ergebnisse der Tests von Haupthypothese 1
4.4 Querschnittskorrelationen
Gesamtstichprobe von Studie 2.
Teilstichproben von Studie 2.
4.5 Gibt es Geschlechtsunterschiede?
4.6 Haupteffekte von sozialer Unterstützung
4.7 Puffereffekte von sozialer Unterstützung
4.7.1 Gibt es Puffereffekte von sozialer Unterstützung?
Gesamtstichprobe von Studie 2.
Ergebnisse der Tests von Haupthypothese 2
Ergebnisse der weiteren Berechnungen
Teilstichproben von Studie 2.
Ergebnisse der Berechnungen
4.7.2 Sind Persönlichkeitsvariablen primär für den Puffer­effekt von sozialer Unterstützung verantwortlich?
Gesamtstichprobe von Studie 2.
Ergebnisse der Tests von Haupthypothese 3.a.
Ergebnisse der weiteren Berechnungen
4.7.3 Gibt es primär einen Puffereffekt von Unterstützung unter Kontrolle von Persönlichkeitsvariablen (Suppressionseffekt)?
Gesamtstichprobe von Studie 2.
Ergebnisse der Tests von Haupthypothese 3.b.
Ergebnisse der weiteren Berechnungen
Teilstichproben von Studie 2.
Ergebnisse der Berechnungen
4.8 Interaktionseffekte von Persönlichkeitsvariablen mit Streß
4.8.1 Gibt es Interaktionseffekte von Persönlichkeitsvariablen mit Streß?
Gesamtstichprobe von Studie 2.
Ergebnisse der Tests von Nebenhypothese 1
Ergebnisse der weiteren Berechnungen
Teilstichproben von Studie 2.
Ergebnisse der Berechnungen
4.8.2 Ist soziale Unterstützung / Belastung oder eine zwei­te Persönlichkeitsvariable primär für den Interak­tionseffekt von Persönlichkeitsvariablen mit Streß verantwortlich?
Studie 1.
Ergebnisse der Tests von Nebenhypothese 2.a.
Ergebnisse der weiteren Berechnungen
Gesamtstichprobe von Studie 2.
Ergebnisse der Tests von Nebenhypothese 2.a.
Ergebnisse der weiteren Berechnungen
4.8.3 Gibt es primär einen Interaktionseffekt von Persön­lichkeitsvariablen mit Streß unter Kontrolle von Unterstützung, Belastung oder einer zweiten Persön­lichkeitsvariable (Suppressionseffekt)?
Gesamtstichprobe von Studie 2.
Ergebnisse der Tests von Nebenhypothese 2.b.
Ergebnisse der weiteren Berechnungen
Teilstichproben von Studie 2.
Ergebnisse der Berechnungen
4.9 Diskriminieren Persönlichkeitsvariablen zwischen Personen, für die Unterstützung unter Streß hilfreich, hinderlich oder unwirksam ist?
Gesamtstichprobe von Studie 2.
Ergebnisse der Tests von Haupthypothese 4
Ergebnisse der weiteren Berechnungen
Teilstichproben von Studie 2.
Ergebnisse der Berechnungen
Ergebnisse der weiteren Berechnungen
4.10 Beeinflußt wahrgenommene soziale Unterstützung die Entwicklung und Erhaltung von relativ stabilen Persönlichkeitsvariablen oder von Depressivität?
Ergebnisse der Berechnungen
4.11 Beeinflußt Depressivität die Entwicklung und Erhaltung von wahrgenommener sozialer Unterstützung?
Ergebnisse der Berechnungen
4.12 Inwiefern stellt die Operationalisierung von Streß in wahrgenommenen Streß in der Form der Perceived Stress Scale (PSS) eine unabhängige Variable dar?
Ergebnisse der Berechnungen

5. DISKUSSION
5.1 Demographische und deskriptive Daten sowie Verteilungsparameter von Skalen
5.2 Gruppenunterschiede
5.3 Querschnittskorrelationen, Geschlechtsunterschiede, Haupteffekte von sozialer Unterstützung
5.4 Puffereffekte von sozialer Unterstützung
5.4.1 Gibt es Puffereffekte von sozialer Unterstützung?
5.4.2 Sind Persönlichkeitsvariablen primär für den Puffereffekt von sozialer Unterstützung verantwortlich?
5.5 Interaktionseffekte von Persönlichkeitsvariablen mit Streß
5.5.1 Gibt es Interaktionseffekte von Persönlichkeitsvaria­blen mit Streß?
5.5.2 Ist soziale Unterstützung / Belastung oder eine zweite Persönlichkeitsvariable primär für den Interaktionseffekt von Persönlichkeitsvariablen mit Streß verantwortlich?
5.6 Diskriminieren Persönlichkeitsvariablen zwischen Personen, für die Unterstützung unter Streß hilfreich, hinderlich oder unwirksam ist?
5.7 Beeinflußt wahrgenommene soziale Unterstützung die Entwicklung und Erhaltung von relativ stabilen Persönlichkeitsvariablen oder von Depressivität?

6. ZUSAMMENFASSUNG

7. LITERATURVERZEICHNIS

8. ANHÄNGE
Anhang A: Fragebogen
Anhang B: Parameter von demographischen Daten
Anhang C: Konfidenzintervalle der Korrelationskoeffizienten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1. Alter und Geschlecht (Studie 1, Querschnitts­stichprobe, N=108)

Tabelle 2. Alter und Geschlecht (Studie 2; N=275)

Tabelle 3. Familienstand (N=275)

Tabelle 4. Partner-Existenz (N=275)

Tabelle 5. Partnerschaftsdauer in Monaten (N=128)

Tabelle 6. Partnertrennung in der Vergangenheit (innerhalb der letzten zwölf Monate, N=275)

Tabelle 7. Trennungsdauer vom Partner in Monaten (N=156)

Tabelle 8. Dauer der Partnerschaft vor der Trennung in Monaten (N=157)

Tabelle 9. Kontakt zum Partner / zur Partnerin nach Partnertrennung (N=157)

Tabelle 10. Vorhandensein eines neuen Partners / einer neuen Partnerin nach einer Trennung (N=157)

Tabelle 11. Partnertrennung in Zukunft (N=272)

Tabelle 12. Anzahl der Freunde des Probanden (N=270)

Tabelle 13. Prüfung in der Vergangenheit (N=275)

Tabelle 14. Zeitpunkt der Prüfung in der Vergangenheit (in Wochen; N=76)

Tabelle 15. Art der Prüfung in der Vergangenheit (N=78)

Tabelle 16. Prüfung in der Zukunft (N=274)

Tabelle 17. Zeitpunkt der Prüfung in der Zukunft (in Wochen; N=115)

Tabelle 18. Art der Prüfung in der Zukunft (N=114)

Tabelle 19. Rotierte Faktor Matrix des Beck-Depressions-Inventars (BDI) mit Ladungen und Kommunalitä­ten der Items

Tabelle 20. Rotierte Faktor Matrix des Eysenck-Persönlich­keits-Inventars (EPI) mit Ladungen und Kommu­nalitäten der Items

Tabelle 21. Rotierte Faktor-Matrix der Interpersonal Sup­port Evaluation List (ISEL) mit Ladungen und Kommunalitäten der Items

Tabelle 22. Faktor-Matrix der SE-Skala mit Ladungen und Kommunalitäten der Items

Tabelle 23. Rotierte Faktor-Matrix des IPC-Fragebogens mit Ladungen und Kommunalitäten der Items

Tabelle 24. Faktor-Matrix der CES-D (Center for Epidemio­logical Studies Depression Scale) mit Ladun­gen und Kommunalitäten der Items

Tabelle 25. Faktor-Matrix der FSKN-SW (Frankfurter Selbst­konzeptskalen Skala Selbstwertschätzung) mit Ladungen und Kommunalitäten der Items

Tabelle 26. Faktor-Matrix der UCLA (University of Califor­nia Los Angeles Einsamkeitsskala) mit Ladun­gen und Kommunalitäten der Items

Tabelle 27. Rotierte Faktor-Matrix des F-SOZU-A (Fragebogen für soziale Unterstützung Teil A) mit Ladungen und Kommunalitäten der Items

Tabelle 28. Rotierte Faktor-Matrix der Skala für wahrge­nommenen Streß (Perceived Stress Scale) mit Ladungen und Kommunalitäten der Items

Tabelle 29. Rotierte Faktor-Matrix des State-Trait-Angst-Inventars mit Ladungen und Kommunalitäten der Items

Tabelle 30. Kennwerte der PERI-Skala für allgemeine Lebensereignisse (PERI)

Tabelle 31. Kennwerte der PERI-Subskala für mit Gewinn verbundene Lebensereignisse (PERI-G, N=275)

Tabelle 32. Kennwerte der PERI-Subskala für ambivalente Lebensereignisse (PERI-A)

Tabelle 33. Kennwerte der PERI-Subskala für mit Verlust verbundene Lebensereignisse (PERI-L)

Tabelle 34. Kennwerte der Skala für wahrgenommenen Streß (PSS)

Tabelle 35. Kennwerte der Center for Epidemiological Studies Depression Scale (CES-D)

Tabelle 36. Kennwerte der Skala State-Ängstlichkeit (Form X1 des State-Trait-Angst-Inventars; STASTATE)

Tabelle 37. Kennwerte der Skala Trait-Ängstlichkeit (Form X2 des State-Trait-Angst-Inventars; STATRAIT)

Tabelle 38. Kennwerte der University of California Los Angeles Einsamkeitsskala (UCLA)

Tabelle 39. Kennwerte der Frankfurter Selbstkonzeptskalen, Subskala Selbstwertschätzung (FSKN-SW)

Tabelle 40. Kennwerte der Subskala für emotionale Unter­stützung des Fragebogens für soziale Unter­stützung (SOZU-EU)

Tabelle 41. Kennwerte der Subskala für praktische Unter­stützung des Fragebogens für soziale Unter­stützung (SOZU-PU)

Tabelle 42. Kennwerte der Subskala für soziale Integration des Fragebogens für soziale Unterstützung (SOZU-SI)

Tabelle 43. Kennwerte der Skala für wahrgenommene soziale Unterstützung des Fragebogens für soziale Un­terstützung (WA-SOZU)

Tabelle 44. Kennwerte der Skala für soziale Belastung des Fragebogens für soziale Unterstützung (SOZU-BEL)

Tabelle 45. Kennwerte der Skala für Reziprozität der so­zialen Unterstützung des Fragebogens für so­ziale Unterstützung (SOZU-REZ)

Tabelle 46. Kennwerte der Skala für Anzahl sämtlicher Nen­nungen unterstützender Personen des Fragebo­gens für soziale Unterstützung (Teil B; NENUNT)

Tabelle 47. Kennwerte der Skala für Anzahl sämtlicher Nen­nungen belastender Personen des Fragebogens für soziale Unterstützung (Teil B; NENBEL)

Tabelle 48. Kennwerte der Skala für Anzahl der Nennungen von Unterstützung durch den Partner des Fra­gebogens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 49. Kennwerte der Skala für Anzahl der Nennungen von Belastung durch den Partner des Frage­bogens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 50. Kennwerte der Skala für Anzahl der Nennungen von Unterstützung durch den Ex-Partner des Fragebogens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 51. Kennwerte der Skala für Anzahl der Nennungen von Belastung durch den Ex-Partner des Frage­bogens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 52. Kennwerte der Skala für Anzahl der Nennungen von Unterstützung durch die Familie des Fra­gebogens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 53. Kennwerte der Skala für Anzahl der Nennungen von Belastung durch die Familie des Fragebo­gens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 54. Kennwerte der Skala für Anzahl der Nennungen von Unterstützung durch Freunde / Bekannte des Fragebogens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 55. Kennwerte der Skala für Anzahl der Nennungen von Belastung durch Freunde / Bekannte des Fragebogens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 56. Kennwerte der Skala für Anzahl sämtlicher Nen­nungen männlicher Bekannter des Fragebogens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 57. Kennwerte der Skala für Anzahl sämtlicher Nen­nungen weiblicher Bekannter des Fragebogens für soziale Unterstützung (Teil B)

Tabelle 58. Halbierungs-Konsistenzen der Skalen

Tabelle 59. Einfaktorielle Varianzanalysen von fünf (bzw. sechs) Teilstichproben mit Gruppenmittelwer­ten und Scheffé-Tests

Tabelle 60. Einfaktorielle Varianzanalysen von zu drei (bzw. vier) Gruppen zusammengefaßten Teil­stichproben mit Gruppenmittelwerten und Scheffé-Tests

Tabelle 61. Querschnittskorrelationen der Skalen, des Al­ters und Anzahl der Freunde von Studie 2 (Gesamtstichprobe)

Tabelle 62. Ausgewählte Querschnittskorrelationen von Stu­die 2

Tabelle 63. Querschnittskorrelationen der Skalen, des Al­ters und Anzahl der Freunde von Studie 2 (Teilstichproben)

Tabelle 64. t-Tests von Geschlecht als unabhängiger Variable in Studie 2

Tabelle 65. Analyse der Haupteffekte von Skalen für so­ziale Unterstützung und soziale Belastung bei der Gesamtstichprobe von Studie 2: Standard­partialregressionskoeffizienten, F-Werte und Prozent erklärte Varianz

Tabelle 66. Analyse der Puffereffekte von sozialer Unter­stützung (Gesamtstichprobe von Studie 2, N=275): Interaktion von einzelnen Maßen von Unterstützung mit verschiedenen Streßmaßen, Standardpartialregressionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 67. Analyse der Puffereffekte von sozialer Unter­stützung (Teilstichproben von Studie 2): In­teraktion von einzelnen Maßen von Unterstüt­zung mit verschiedenen Streßmaßen, Standard­partialregressionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 68. Analyse der Puffereffekte von Unterstützung mit einzelnen Persönlichkeitsvariablen als Kontrollvariablen (Gesamtstichprobe von Stu­die 2, N=275): Interaktion von einzelnen Unterstützungs- bzw. Belastungsmaßen mit ver­schiedenen Streßmaßen, Standardpartialregres­sionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 69. Analyse der Puffereffekte von Unterstützung mit einzelnen Persönlichkeitsvariablen als Kontrollvariablen (Gesamtstichprobe von Stu­die 2, N=275): Interaktion von einzelnen Unterstützungs- bzw. Belastungsmaßen mit ver­schiedenen Streßmaßen, Standardpartialregres­sionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 70. Analyse der Puffereffekte von sozialer Unter­stützung bzw. sozialer Belastung mit Lebens­ereignis-Streß und wahrgenommenem Streß unter Kontrolle von Persönlichkeitsvariablen bei Teilstichproben von Studie 2: Ergebnisse der Signifikanztests von Gruppe 1, Partnertren­nung in der Vergangenheit

Tabelle 71. Analyse der Puffereffekte von sozialer Unter­stützung bzw. sozialer Belastung mit Lebens­ereignis-Streß und wahrgenommenem Streß unter Kontrolle von Persönlichkeitsvariablen bei Teilstichproben von Studie 2: Ergebnisse der Signifikanztests von Gruppe 2, Partnertren­nung in Zukunft mit / ohne Partnertrennung in der Vergangenheit

Tabelle 72. Analyse der Puffereffekte von sozialer Unter­stützung bzw. sozialer Belastung mit Lebens­ereignis-Streß und wahrgenommenem Streß unter Kontrolle von Persönlichkeitsvariablen bei Teilstichproben von Studie 2: Ergebnisse der Signifikanztests von Gruppe 3, Kontrollgruppe mit / ohne Prüfung in Zukunft

Tabelle 73. Analyse der Interaktionseffekte von Persön­lichkeitsvariablen mit Streß (Gesamtstichpro­be von Studie 2, N=275): Interaktion einzel­ner Persönlichkeitsmerkmale mit verschiedenen Streßmaßen, Standardpartialregressionskoeffi­zienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 74. Analyse der Interaktionseffekte von Persön­lichkeitsvariablen mit Streß (Teilstichproben von Studie 2): Interaktion einzelner Persön­lichkeitsmerkmale mit verschiedenen Streß­maßen, Standardpartialregressionskoeffizien­ten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 75. Analyse der Interaktionseffekte von Persön­lichkeitsvariablen mit Streß unter gleichzei­tiger Kontrolle von einzelnen Unterstützungs­maßen bzw. zweiten Persönlichkeitsvariablen: Standardpartialregressionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs durch die Interaktion von verschiedenen Persönlich­keitsvariablen mit wahrgenommenem Streß (Studie 1)

Tabelle 76. Analyse der Interaktionseffekte zwischen Per­sönlichkeitsvariablen und Streß mit einzelnen Unterstützungs-, Belastungs- bzw. zweiten Persönlichkeitsmaßen als Kontrollvariablen (Gesamtstichprobe von Studie 2, N=275): In­teraktion von einzelnen Persönlichkeitsvaria­blen mit verschiedenen Streßmaßen, Standard­partialregressionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 77. Analyse der Interaktionseffekte zwischen Per­sönlichkeitsvariablen und Streß mit einzelnen Unterstützungs-, Belastungs- bzw. zweiten Persönlichkeitsmaßen als Kontrollvariablen (Gesamtstichprobe von Studie 2, N=275): In­teraktion von einzelnen Persönlichkeitsvaria­blen mit verschiedenen Streßmaßen, Standard­partialregressionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 78. Analyse der Interaktionseffekte von Persön­lichkeitsvariablen mit verschiedenen Streß­maßen unter Kontrolle von einzelnen Unter­stützungs- oder Belastungsmaßen oder einer zweiten Persönlichkeitsvariable bei Teil­stichproben von Studie 2: Ergebnisse der Signifikanztests von Gruppe 1, Partnertren­nung in der Vergangenheit

Tabelle 79. Analyse der Interaktionseffekte von Persön­lichkeitsvariablen mit verschiedenen Streß­maßen unter Kontrolle von einzelnen Unter­stützungs- oder Belastungsmaßen oder einer zweiten Persönlichkeitsvariable bei Teil­stichproben von Studie 2: Ergebnisse der Signifikanztests von Gruppe 2, Partnertren­nung in Zukunft mit / ohne Partnertrennung in der Vergangenheit

Tabelle 80. Analyse der Interaktionseffekte von Persön­lichkeitsvariablen mit verschiedenen Streß­maßen unter Kontrolle von einzelnen Unter­stützungs- oder Belastungsmaßen oder einer zweiten Persönlichkeitsvariable bei Teil­stichproben von Studie 2: Ergebnisse der Signifikanztests von Gruppe 3, Kontrollgruppe mit / ohne Prüfung in Zukunft

Tabelle 81. Dreifache Interaktion zwischen allgemeinen Lebensereignissen (PERI), einzelnen Unter­stützungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persönlichkeitsvariablen (Gesamtstichprobe von Studie 2, N=275): Standardpartialregres­sionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 82. Dreifache Interaktion zwischen Gewinnereignis­sen (PERI-G), einzelnen Unterstützungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persönlich­keitsvariablen (Gesamtstichprobe von Studie 2, N=275): Standardpartialregressionskoeffi­zienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 83. Dreifache Interaktion zwischen ambivalenten Lebensereignissen (PERI-A), einzelnen Unter­stützungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persönlichkeitsvariablen (Gesamtstichprobe von Studie 2, N=275): Standardpartialregres­sionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 84. Dreifache Interaktion zwischen Verlustereig­nissen (PERI-L), einzelnen Unterstützungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persön­lichkeitsvariablen (Gesamtstichprobe von Stu­die 2, N=275): Standardpartialregressions­koeffizienten, F-Werte und Prozent Varianz­zuwachs

Tabelle 85. Dreifache Interaktion zwischen wahrgenommenem Streß (PSS), einzelnen Unterstützungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persönlich­keitsvariablen (Gesamtstichprobe von Studie 2, N=275): Standardpartialregressionskoeffi­zienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 86. Dreifache Interaktion zwischen allgemeinen Le­bensereignissen (PERI), einzelnen Unterstüt­zungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persönlichkeitsvariablen bei Teilstichproben von Studie 2: Gruppe 1, Partnertrennung in der Vergangenheit; Standardpartialregres­sionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 87. Dreifache Interaktion zwischen Gewinnereignis­sen (PERI-G), einzelnen Unterstützungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persönlich­keitsvariablen bei Teilstichproben von Studie 2: Gruppe 1, Partnertrennung in der Vergan­genheit; Standardpartialregressionskoeffi­zienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 88. Dreifache Interaktion zwischen ambivalenten Lebensereignissen (PERI-A), einzelnen Unter­stützungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persönlichkeitsvariablen bei Teilstichproben von Studie 2: Gruppe 1, Partnertrennung in der Vergangenheit; Standardpartialregres­sionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 89. Dreifache Interaktion zwischen Verlustereig­nissen (PERI-L), einzelnen Unterstützungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persön­lichkeitsvariablen bei Teilstichproben von Studie 2: Gruppe 1, Partnertrennung in der Vergangenheit; Standardpartialregressions­koeffizienten, F-Werte und Prozent Varianz­zuwachs

Tabelle 90. Dreifache Interaktion zwischen wahrgenommenem Streß (PSS), einzelnen Unterstützungs- bzw. Belastungsmaßen und einzelnen Persönlich­keitsvariablen bei Teilstichproben von Studie 2: Gruppe 1, Partnertrennung in der Vergan­genheit; Standardpartialregressionskoeffi­zienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 91. Einfluß von einzelnen Unterstützungsmaßen auf Persönlichkeitsvariablen mit der Persönlich­keitsvariable als Kovariable vom 1. zum 3. Meßzeitpunkt von Studie 1: Standardpartialre­gressionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 92. Einfluß von wahrgenommenem Streß (PSS) auf wahrgenommenen Streß mit Persönlichkeitsva­riablen als Kovariable bei Studie 1: Stan­dardpartialregressionskoeffizienten, F-Werte und Prozent Varianzzuwachs

Tabelle 93. Staatsangehörigkeit (Ursprungskultur; N=273)

Tabelle 94. Anzahl der Probanden mit Anzahl von Geschwi­stern (N=273)

Tabelle 95. Anzahl von Probanden mit Geschwisterposition (N=275)

Tabelle 96. Trennungsinteresse (N=157)

Tabelle 97. Kinderanzahl der Probanden (N=275)

Tabelle 98. Wohnsituation (N=275)

Tabelle 99. Schulbildung (N=275)

Tabelle 100. Derzeitige Tätigkeit (hauptsächlich; N=275)

Tabelle 101. Dauer der beruflichen Tätigkeit im Betrieb (in Monaten, falls berufstätig; N=115)

Tabelle 102. Sozioökonomischer Status: Berufsgruppe der Ausbildung der Probanden (N=273; nach Pappi, 1973)

Tabelle 103. Sozioökonomischer Status: Berufsgruppe der Tätigkeit der Probanden (N=275; nach Pappi, 1973)

Tabelle 104. Aktivitäten in Sport- und Freizeitvereinen (N=274)

Tabelle 105. Aktivitäten in politischen Organisationen (N=274)

Tabelle 106. Aktivitäten in Bürgerinitiativen (N=274)

Tabelle 107. Aktivitäten in Interessenvertretungen (N=274)

Tabelle 108. Aktivitäten in Kirchen (N=274)

Tabelle 109. Aktivitäten in kulturellen Vereinigungen (N=274)

Tabelle 110. Aktivitäten in informellen Gruppen (N=274)

Tabelle 111. Aktivitäten in Selbsthilfegruppen (N=274)

Tabelle 112. Sonstige Aktivitäten (N=274)

Tabelle 113. Alltagskontakte zu Freunden und Bekannten (N=274)

Tabelle 114. Alltagskontakte zu Hausbewohnern und Nachbarn (N=275)

Tabelle 115. Alltagskontakte zu Familienangehörigen (N=275)

Tabelle 116. Alltagskontakte zu Arbeitskollegen und Vorge­setzten (N=275)

Tabelle 117. Aktivitäten in Interessenvertretungen (N=274)

Tabelle 118. Zeitraum des Wohnens am derzeitigen Wohnort (in Monaten; N=274)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Schematische Darstellung des Haupteffekt-Modells

Abbildung 2. Schematische Darstellung des Puffereffekt-Modells

Abbildung 3. Schematische Darstellung von gegenläufigen In­teraktionseffekten von sozialer Unterstützung und einer Persönlichkeitsvariablen am Bei­spiel von Ängstlichkeit

Abbildung 4. Schematische Darstellung eines dreifachen Interaktionseffekts von Streß, sozialer Unterstützung und einer Persönlichkeitsvariablen am Beispiel von Ängstlichkeit

Abbildung 5. Interaktionen aus Tabelle 66

Abbildung 6. Interaktionen aus Tabelle 68: Exemplarische Auswahl

Abbildung 7. Interaktionen aus Tabelle 69: Exemplarische Auswahl

Abbildung 8. Interaktionen aus Tabelle 73

Abbildung 9. Interaktionen aus Tabelle 75: Exemplarische Auswahl

Abbildung 10. Interaktionen aus Tabelle 76: Exemplarische Auswahl

Abbildung 11. Interaktionen aus Tabelle 77: Exemplarische Auswahl

Abbildung 12. Interaktionen aus Tabelle 85: Exemplarische Auswahl

Abbildung 13. Interaktionen aus Tabelle 86 bis Tabelle 90: Exemplarische Auswahl

DANKEND ERWÄHNT

Bedanken möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. Hans Werner Bierhoff, Fachbereich Psychologie der Universität Bochum, weil er mich angeregt hat, diese Dissertation zu tätigen und sich auch nach seinem Weggang aus Marburg als Zweitgutachter für meine Dissertation zur Verfügung gestellt hat. Bedanken möchte ich mich ebenfalls bei Herrn Prof. Dr. Gert Sommer, Fachbereich Psychologie der Universität Marburg, der sich bereit gefunden hat, die Erstbetreuung meiner Dissertation danach zu übernehmen und hilfreiche Kommentare zu dieser Arbeit zu geben. Mein Dank gilt ferner Frau Prof. Dr. Ingeborg Stelzl, Fachbereich Psycho-logie der Universität Marburg, für Kommentare zum Methodikteil der Arbeit.

Bedanken möchte ich mich weiterhin bei allen Menschen, die sich bereit gefunden haben, Zeit und Energie zur Verfügung zu stellen, um an meiner Untersuchung teilzunehmen, und die auf diese Weise meine Dissertation erst ermöglicht haben. Ich finde es besonders bei der heutigen schnellebigen Zeit nicht selbst-verständlich, wenn sich jemand als Untersuchungsteilnehmer für eine wissenschaftliche Forschung zur Verfügung stellt, ohne selbst unmittelbar einen greifbaren direkten Vorteil zu haben. Weiterhin ist mir beim Anfertigen dieser Arbeit immer wie¬der bewußt geworden, wieviel Vorarbeit durch andere Forscher, deren Lehrer, meiner direkten Lehrer, Universitätsdozenten, El¬tern etc. notwendig war, um eine solche Arbeit überhaupt erst möglich zu machen. Ein Literaturverzeichnis stellt insofern nur einen recht oberflächlichen und unvollständigen Hinweis auf die Mühen und Vorleistungen anderer Menschen dar. Ihnen allen soll an dieser Stelle mein ausdrücklicher Dank gelten.

VORWORT

In den letzten 25 Jahren ist das Interesse an der Erfor-schung der Gesundheit des Menschen, der Verbindung von Dia-these, Streß und Streßfolgen, ständig gewachsen. Mediziner, Psychologen, Soziologen und Biologen haben sich aus ihrem Blickwinkel und mit ihrer jeweils speziellen Herangehensweise diesem Thema zugewandt. Innerhalb der Psychologie wird über die Teilgebiete Klinische Psychologie, Gesundheitspsychologie, Ge-meindepsychologie, Sozialpsychologie und Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie dieses weite Gebiet erforscht.

Hierbei hat neben dem Streßkonzept und dem Bewältigungs-konzept diejenige Konzeptualisierung, die im angloamerikani-schen Sprachraum mit „social support“ und im deutschen Sprach-raum mit „sozialer Unterstützung“ oder „sozialem Rückhalt“ um-schrieben wird, das größte Interesse innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Forschungsgemeinschaft gefunden. Es reiht sich auch die vorliegende Arbeit in diesen allgemeinen Trend ein. Zu hoffen ist, daß mit dieser Arbeit das Wissen über das Wesen und die Wirkungen von sozialen Beziehungen und seiner Verbindungen zu anderen Merkmalen erweitert werden kann.

Es wird an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, daß Teile dieser Dissertation aus meiner Diplomarbeit (Wolf, 1991), die ich am Fachbereich Psychologie der Universität Mar-burg getätigt habe, wörtlich oder mit Änderungen übernommen wurden. Dies trifft zu für Teile des Vorworts, der Überschrif-ten der Abschnitte, der Einleitung sowie des theoretischen und empirischen Hintergrunds über Streß, soziale Unterstützung und Persönlichkeitsvariablen. Weiterhin gilt dies für Teile der Er-klärung der verwendeten Methodik im Methoden- und Ergebnisteil. In der Folge wird bei Bezeichnungen von Menschen in der Regel die männliche Sprachform gewählt, weil die ständige Nen-nung der männlichen und weiblichen Person oft sprachlich um-ständlich wirkt und vom Leser als Belastung empfunden wird. Dies ist jedoch nicht als Bevorzugung bzw. Geringschätzung ei-nes der beiden Geschlechter gemeint. In all diesen Fällen ist die männliche und weibliche Person in gleicher Weise geschätzt.

1. EINLEITUNG

Streß ist ein bekanntes Alltagsphänomen, das jeder Mensch erlebt. Die meisten Personen kennen die Erfahrung, daß sie sich „gestreßt“ fühlen. Bemerkenswert ist jedoch die Tatsache, daß sich Menschen in ihrer Reaktion auf Streß unterscheiden. Wäh­rend einige Menschen streß-reaktiv sind und in ihrer physischen und psychischen Gesundheit beeinträchtigt werden, zeigen sich andere streß-resistent und bleiben offensichtlich gesund. Was unterscheidet diese beiden Gruppen von Menschen? Welche unter­schiedlichen Faktoren führen dazu, daß eine Frau, deren Ehemann soeben verstorben ist oder ein Mann, dessen Partnerin sich von ihm getrennt hat, in der Folge eine „Depression“ entwickeln und eine andere Frau oder ein anderer Mann, denen jeweils das glei­che Schicksal widerfahren ist, nicht? Warum bekommt ein leiten­der Angestellter einer Firma einen Herzinfarkt, während sein Kollege sich bester Gesundheit erfreut? Zeichnen sich Menschen in ihrer Reaktion auf Streß durch besondere Eigenschaften aus, welche sind dies, und wie lassen sich diese Merkmale herausfin­den?

Forscher, die sich in der jüngeren Vergangenheit mit die­sen Fragen beschäftigt haben, fanden bei ihren Untersuchungen heraus, daß Personen, die verschieden auf Streß reagieren, sich unter anderem durch das ihnen zuteil werdende Ausmaß an sozia­lem Rückhalt unterscheiden. Materielle Hilfen, Sympathie und Zuwendung seitens Angehöriger, Freunde und Arbeitskollegen scheinen offensichtlich Menschen vor den schädigenden Wirkungen von Streß zu schützen. Noch nicht ausreichend geklärt ist je­doch die Frage, ob nicht bestimmte persönliche Eigenschaften von Menschen wie z.B. Ängstlichkeit oder Selbstwertschätzung für den Streß-Schutzeffekt von sozialer Unterstützung indirekt verantwortlich sind. Mehr Licht in das Dunkel dieses unklaren Sachverhalts zu bringen, ist das Ziel dieser Arbeit.

2. THEORETISCHER UND EMPIRISCHER HINTERGRUND

2.1 Einführung in die Problemstellung - Die Verbindung zwischen Streß und Gesundheit

Körperliche Gesundheit und psychisches Wohlbefinden sind im Leben eines Menschen die zentralen Werte. Im Bereich der psychologischen Literatur haben sich in diesem Zusammenhang in den letzten Jahren die Fachgebiete Gemeindepsychologie (M. Le­vine & Perkins, 1997; Orford, 1991; Röhrle & Sommer, 1995) und Gesundheitspsychologie zunehmend entwickelt (Bengel, 1993; Brannon & Feist, 1997; H.S. Friedman, 1992; Lohaus, 1993; Milt­ner, Birbaumer & Gerber, 1986; Paulus, 1994; R. Schwarzer, 1996, 1997; Sheridan & Radmacher, 1992; J. Siegrist, 1996; S.E. Taylor, 1995; Westermayer & Bähr, 1994).

In unserer Zeit ist eines der wichtigsten Forschungsziele der Gesundheitspsychologie der Erkenntnisgewinn über die Aus­wirkungen von Streß auf psychophysiologisches Befinden. So wur­den in den letzten 30 Jahren beständig Indizien gesammelt, die einen Zusammenhang zwischen kürzlich eingetretenen streßreichen Ereignissen und physischen und psychischen Variablen belegen. Zahlreiche Verbindungen dieser Lebensereignisse mit Depressivi­tät (z.B. Benjaminsen, 1981; G.W. Brown & Harris, 1978; George, Blazer, D. Hughes & Fowler 1989; Henderson, 1990; Paykel, Myers, Dienelt, Klerman & Pepper, 1969; Kendler, Kessler, Wal­ters, C. MacLean, M.C. Neale, Heath & Eaves, 1995), neuroti­schen Beeinträchtigungen (Tennant & G. Andrews, 1978), korona­ren Herzerkrankungen (Birbaumer, 1986a; Boman, 1988; Hinkle, 1974; Theorell, 1974; siehe Überblick bei Strube, 1991), Ver­lauf von Krebserkrankungen (Birbaumer, 1986b; Geyer, 1993; Ja­cobs & Charles, 1980), Reaktionen des Immunsystems und vor al­lem Immunsuppression (z.B. Kennedy, Kiecolt-Glaser & Glaser, 1990; Esterling, Kiecolt-Glaser, Bodnar & Glaser, 1994; siehe Überblicke bei Ader, Felten & Cohne, 1991; Glaser & Kiecolt-Glaser, 1994; Hodel, & Grob, 1993; Schedlowski & Tewes, 1996; Vollhardt, 1991), psychosomatischen Beschwerden (Frese, 1985), dem Burnout-Syndrom (einem Amalgam aus emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation und reduziertem persönlichem Leistungsvermö­gen; Burisch, 1994; Gusy, 1995; Kleiber, Enzmann & Gusy, 1993; Schaufeli, Maslach & Marek, 1993), dem posttraumatischen Bela­stungssyndrom (Davidson, D. Hughes, Blazer & George, 1991) und anderen psychischen und physischen Maßen der Beeinträchtigung des Wohlbefindens (siehe z.B. Davison & J.M. Neale, 1996, Kap. 8; B.S. Dohrenwend & B.P. Dohrenwend, 1974, 1978; Filipp, 1990; Greif, Bamberg & Semmer, 1991; Katschnig, 1980; Leplow & Ferstl, 1998; Rabkin & Struening, 1976) konnten identifiziert werden. Darüber hinaus mehren sich die Indizien, daß zusätzlich auch genetische Dispositionen die Sensibilität von Personen für induzierten Streß im Hinblick auf psychophysiologischen Distreß beeinflussen (z.B. Kendler et al., 1995).

Die dabei ermittelten Zusammenhänge zwischen Meßwerten auf Skalen, die Streß erfassen, und Meßwerten auf Skalen, die psy­chisches und physisches Befinden erfassen, sind jedoch in den meisten Fällen nur mäßig hoch, mit empirischen Korrelationen selten höher als r =.30 (S. Cohen & Hoberman, 1983; Davison & J.M. Neale, 1988, S. 227; Thoits, 1983; Wagner, Compas & Ho­well, 1988). Dies legt die Vermutung nahe, daß eine kausale Verbindung zwischen Lebensstreß und psychophysiologischen Fol­gen, sollte sie existieren, nur gering ist. Nicht alle Men­schen haben demnach in Verbindung mit Streß erhöhte Gesund­heitsprobleme.

Aus diesem Grund ist in der jüngeren Forschungsliteratur verstärkt die Diskussion aufgekommen, inwiefern individuelle Unterschiede die Beziehung zwischen streßreichen Lebensereig­nissen und Folgesymptomen moderieren (z.B. Bandura, 1977; Bla­ney & Ganellen, 1990; Frese, 1991; J.H. Johnson & I.G. Sarason, 1979a; Kobasa & Puccetti, 1983; Rosenbaum, 1990; I.G. Sarason, Pierce & B.R. Sarason, 1994; R. Schwarzer, 1992; R. Schwarzer & Leppin, 1997; R.E. Smith, J.H. Johnson & I.G. Sarason, 1978; Stone & J.M. Neale, 1984).

Neben anderen Variablen konnte dabei in erster Linie das Menschen zuteil werdende Ausmaß an sozialer Unterstützung als ein solcher diskriminierender Streßmoderator identifiziert wer­den (siehe Überblicke bei S. Cohen & Syme, 1985a; Gottlieb, 1988; Laireiter, 1993; Pierce, B.R. Sarason & I.G. Sarason, 1996; Röhrle, 1994; I.G. Sarason & B.R. Sarason, 1985a; B.R. Sarason, I.G. Sarason & Pierce, 1990a; R. Schwarzer & Leppin, 1989; Veiel & Baumann, 1992a). Forschungsergebnisse ergaben, daß soziale Unterstützung nicht nur in direktem positiven Zu­sammenhang zu psychischem und körperlichem Wohlbefinden steht, sondern darüber hinaus ein hohes Ausmaß an Unterstützung auch gegen die schädlichen Auswirkungen von Streß schützen kann.

Forscher, die diesem Schutzeffekt von sozialer Unterstüt­zung nachspürten, konnten jedoch nicht in jedem Fall einen sol­chen Puffereffekt von sozialer Unterstützung finden (z.B. Allo­way & Bebbington, 1987; S. Cohen & Wills, 1985; G.F. Koeske & R.D. Koeske, 1991). Dabei ist bisher nicht nur weitgehend unge­klärt, unter welchen speziellen Bedingungen ein Puffereffekt von sozialer Unterstützung ermittelt werden kann, sondern auch, inwiefern nicht andere stabile Persönlichkeitsvariablen wie z.B. Ängstlichkeit oder Selbstwertschätzung indirekt für den Interaktionseffekt von sozialer Unterstützung und Streß ver­antwortlich sind (S. Cohen & Syme, 1985b; S. Cohen & J.R. Ed­wards, 1989; S. Cohen, D.R. Sherrod & Clark, 1986).

Die genannten Forschungslücken ein Stück aufzufüllen und Erkenntnisgewinne in diesem bedeutenden Gebiet der Wissenschaft zu erreichen ist das Ziel der vorliegenden Arbeit. An einer Stichprobe von Personen soll daher neben dem Haupteffekt auch der Puffereffekt von sozialer Unterstützung in Verbindung mit Persönlichkeitsvariablen unter unterschiedlicher Konzeptuali­sierung von Streß analysiert werden. Weiterhin soll parallel dazu die Verbindung zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Streß untersucht werden. Und schließlich sollen mögliche Interaktio­nen zwischen Streß und Persönlichkeitsvariablen erkundet wer­den.

2.2 Streß

2.2.1 Die Konzeptualisierung von Streß und Stressoren

Streßforschung nimmt in Psychologie und verwandten Wissen­schaften einen breiten Raum ein (I.G. Sarason & Spielberger, 1975, 1976, 1979, 1980; Spielberger & I.G. Sarason, 1975, 1977, 1978; Spielberger, I.G. Sarason & Milgram, 1982; Spielberger, I.G. Sarason & Defares, 1988; Spielberger, I.G. Sarason & Stre­lau, 1989; Wortman, Sheedy, Gluhoski & Kessler, 1992; siehe Überblicke bei Avison & Gotlib, 1994; Cooper, 1996; Glaser & Kiecolt-Glaser, 1994; Goldberger & Breznitz, 1993; Gray, 1987; H.B. Kaplan, 1996; Krohne, 1998; T.W. Miller, 1996; Nitsch, 1981; Noshpitz & Coddington, 1990; Semmer, 1992; Wolff, 1997a, b, c).

In der Streß-Theorie in ihrer ursprünglichen Form (Selye, 1950), die auch heutzutage noch im medizinischen Fachbereich weit verbreitet ist, wurde Streß als eine allgemeine und unspe­zifische Anpassungsreaktion des Organismus auf jede Art von Reizen, auf die das Individuum passiv reagiert und die bei al­len Individuen konstant auftritt, angesehen. Seitdem hat in den letzten Jahren in der wissenschaftlichen Gemeinde die Konzep­tion des Transaktionalen Streß-Modells (Compas, Malcarne & Banez, 1992; Folkman, 1992; C.J. Holahan & Moos, 1994; Lazarus, 1966, 1977; Lazarus & Folkman, 1984) und in der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie in einem leicht modifi­zierten Imbalance-Modell (McGrath, 1976, 1981) am meisten Be­achtung und allgemeine Anerkennung gefunden.

Nach Lazarus ist Streß ein Phänomen der Interaktion zwi­schen einem Individuum und einem Stressor in seiner Umwelt. Es­sentiell ist demnach, daß Streß durch kognitive Prozesse zu­stande kommt. Wahrgenommene Reize bzw. Ereignisse der Umwelt werden von einer Person bewertet (primary appraisal, Ereignis­einschätzung). Gleichzeitig wird die kognitive Repräsentation der eigenen Person bzw. das Selbstmodell aktiviert (secondary appraisal, Ressourceneinschätzung). Die interne Abbildung des Ereignisses wird entweder als Herausforderung oder als Bedro­hung oder als Schaden / Verlust eingeschätzt. Bei der Aktivie­rung des kognitiven Selbstmodells werden die eigenen Kompeten­zen und Bewältigungsreserven (Coping-Ressourcen) geprüft, um den Anforderungen der Umwelt zu begegnen. Wird das Ereignis so bewertet, daß es die internen Ressourcen überfordert, so wird von dem Individuum Streß erlebt, und nur in diesem Fall sind Stressoreffekte zu erwarten. Als drei weit gefaßte Lebensbe­reiche, in denen Streß sich ereignen kann, werden dabei die Be­reiche Gesundheit bzw. materielle Güter, soziale Beziehungen und Selbstwertschätzung unterschieden.

Streß ist also nach Lazarus nicht nur die belastende Si­tuation selbst, sondern auch die Reaktion auf die Situation: Die Einwirkung objektiv streßvoller Ereignisse wird bis zu ei­nem gewissen Grade durch die Wahrnehmung bzw. kognitive Ein­schätzung des Individuums in ihrem Streßausmaß bestimmt (Laza­rus, 1966, 1977). Nach dieser Argumentation sind Ereignisse letztlich die kognitiv veränderte emotionale Antwort auf das objektive Ereignis (Lazarus, 1977). Die Antwort basiert demnach nicht nur auf irgendeiner, dem Ereignis innewohnenden Qualität, sondern auch auf persönlichen und kontextuellen Faktoren (S. Cohen, Kamarck & Mermelstein, 1983). Danach scheint es so zu sein, daß die unerwünschten Gesichtspunkte von Lebensereignis­sen mindestens so wichtig sind wie die Veränderung des Lebens durch diese Ereignisse (Mueller, D.W. Edwards & Yarvis, 1977; Redfield & Stone, 1979). Für das Transaktionale Streßmodell können empirische Belege angeführt werden (z.B. Compas, Wagner, Shavin & Vanatta, 1986).

Für die Konzeptualisierung von Streß ist weiterhin die Differenzierung von Anspannungsstreß (tension stress) und An­strengungsstreß (effort stress) von Bedeutung. Anspannungsstreß wird durch die Erkenntnis einer Soll-Ist-Diskrepanz einer Va­riablen ausgelöst (z.B. Entdecken eines Fehlers). Anstrengungs­streß wird erlebt durch eine Handlung, die unternommen wird, um die Diskrepanz zu überwinden und die von negativer Rückmeldung begleitet ist (z.B. Vermindern eines Fehlers). Für das als Re­aktion folgende Coping-Verhalten des Individuums scheinen neben Kognitionen und Emotionen auch überdauernde und kurzzeitige Mo­tivationen von Bedeutung zu sein (Apter & Svebak, 1989).

Zur definitorischen Klärung ist es weiterhin sinnvoll, zwischen Stressor (bzw. Belastung), Anforderung, Beanspruchung, Überbeanspruchung und Distreß zu unterscheiden (siehe auch bei Semmer & Udris, 1995; Wheaton, 1994). Der Begriff Stressor (bzw. Belastung) bezeichnet den externen streß-auslösenden Reiz der Umwelt, der die Wahrscheinlichkeit von Streßzuständen beim Individuum erhöht. Unter Anforderung soll das „Verlangen“ des Stressors von der externen Seite verstanden werden. Beanspru­chung kennzeichnet im neutralen Sinne die Inanspruchnahme bzw. die Auswirkungen der Belastungen auf den Organismus. Jeder Stressor (bzw. jede Belastung) stellt seinerseits eine Anforde­rung, die auf der Seite des Individuums zu einer Beanspruchung führt. Nicht jede Beanspruchung führt notwendigerweise beim In­dividuum zu Streß. Streß erfährt das Individuum nur im Falle der Überbeanspruchung (engl. strain). Mit Anforderung und Bean­spruchung werden nach dieser Definition sehr ähnliche Sachver­halte mit verschiedener Betonung beschrieben. Schließlich be­zieht sich Distreß auf die generalisierte Reaktion auf der Ver­haltensseite des Individuums bzw. auf die ausgelösten Symptome als Indikatoren von Dysfunktionalität beim psychophysiologi­schen System.

Es ist ferner zweckmäßig, aufgrund der Natur von Stresso­ren und ihrer Wirkungsweise auf das Individuum Kategorien von Stressoren zu unterscheiden. So kommt Wheaton (1994) auf Basis der Literaturübersicht der letzten 30 Jahre und empirischen Analysen zu einer Unterscheidung von sieben Kategorien von Stressoren: Kindheitstraumas, Lebensereignisse des früheren Er­wachsenseins (mindestens zwei Jahre zuvor), langfristige chro­nische Stressoren, jüngst innerhalb des letzten Jahres einge­tretene chronische Stressoren, innerhalb des letzten Jahres aufgetretene lebensverändernde Ereignisse, gegenwärtige „daily hassles“ und „Nicht-Ereignisse“ innerhalb des letzten Jahres. Es kann gezeigt werden, daß zeitlich vorausgehende Stressoren zeitlich spätere bedingen, und daß jeder dieser Stressoren ei­nen unabhängigen Beitrag zu verschiedenen psychischen und phy­sischen Distreßmaßen leistet.

In der Forschungsgeschichte über streß-auslösende Faktoren wurde dem Bereich der lebensverändernden Ereignisse die größte Aufmerksamkeit zuteil (z.B. G.W. Brown & Harris, 1978; Holmes & Rahe, 1967; Redfield & Stone, 1979; siehe Überblicke bei B.S. Dohrenwend & B.P. Dohrenwend, 1974; Montada, Filipp & Lerner, 1992). Als lebensverändernde Ereignisse bzw. kritische Lebens­ereignisse bezeichnet man „im Leben einer Person eintretende Ereignisse, die eine mehr oder minder abrupte Veränderung in der Lebenssituation einer Person mit sich bringen“ (Filipp, 1982, S. 772). Aspekte der Konzeptualisierung von kritischen Lebensereignissen sind 1. die raumzeitliche Verdichtung eines Geschehensablaufs sowohl innerhalb der Person als auch in der dinglich-sozialen Umwelt und 2. das relative Ungleichgewicht in dem bis dahin aufgebauten Passungsgefüge zwischen Person und Umwelt (Filipp, 1982).

Die ursprüngliche Forschung über kritische Lebensereig­nisse ging noch davon aus, daß lebensverändernde Ereignisse nicht notwendigerweise persönliche Katastrophen oder negative Erfahrungen darstellen müssen, sondern auch Ereignisse sein können, die nach allgemeinen Maßstäben positive Erfahrungen darstellen (z.B. Holmes & Rahe, 1967). Inzwischen konnte die Forschung jedoch nachweisen, daß nur die negativ eingeschätzten Ereignisse Distreß nach sich ziehen (J.H. Johnson & I.G. Sara­son, 1979b; Tennant & G. Andrews, 1978; Thoits, 1983; Vinokur & Selzer, 1975).

Typische lebensverändernde Ereignisse sind der Tod eines (Ehe-)Partners, die Scheidung / Trennung von einem (Ehe-)Part­ner, die Geburt oder der Tod eines Kindes, eine ernsthafte Ver­letzung oder Erkrankung, eine Anklage vor Gericht, der Beginn einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung, ein Woh­nungsumzug in eine schlechtere Wohngegend, das Scheitern an ei­ner akademischen Prüfung, der Wechsel der Arbeitsstelle ohne Beförderung oder der Verlust des Arbeitsplatzes.

Im Unterschied zu den großen, kritischen Lebensereignissen werden relativ kleine, alltägliche Unannehmlichkeiten des Le­bens als „daily hassles“ (Kanner, Coyne, C. Schaefer & Lazarus, 1981) oder Mikrostressoren (McLean, 1976) bezeichnet. Sie sind definiert als „die irritierenden, frustrierenden und bedrängen­den Anforderungen, die zu einem gewissen Grad die täglichen Verrichtungen mit der Umwelt charakterisieren“ (Kanner et al., 1981, p. 3). Stressoren von der Art der „daily hassles“ können entweder den Charakter eines Ereignisses oder eines chronischen Stressors haben. In diese Kategorie fallen solche Stressoren wie z.B. Konflikte mit dem Partner, mit Arbeitskollegen, Nach­barn oder mit Kunden, nicht funktionierendes technisches Gerät, Zeitdruck, Dinge verlegen oder verlieren, den Alltag planen, Mahlzeiten vorbereiten, Dinge am Haus oder in der Wohnung repa­rieren, warten müssen, zu viele Unterbrechungen, Formulare aus­füllen, Straßenverkehrsprobleme oder einfach nur „das Wetter“.

Viele große negative Ereignisse sind oft nur darum als stressende Lebensereignisse zu interpretieren, weil sie zu täg­lichen Mikrostressoren führen (z.B. Arbeitslosigkeit zu gerin­geren finanziellen Ressourcen, zu Verlust der sozialen Bezie­hungen zu Arbeitskollegen und bei Langzeitarbeitslosigkeit zu Verlust der Selbstwertschätzung). Entscheidend ist bei den Mi­krostressoren vor allem die Kumulation solcher Ereignisse, die zu einem Dauerzustand von kognitiv und emotional erfahrenem Streß führen kann (Eckenrode & Gore, 1990; Udris & Frese, 1988). Damit nun nicht jedes kleine Ereignis als stressend ein­gestuft wird, sind nur solche Bedingungen als Stressor zu be­zeichnen, bei denen die aversive Situation von subjektiv hoher Intensität und subjektiv längerer Zeitdauer ist und die Vermei­dung des Zustands als subjektiv wichtig bewertet wird (Greif, 1983).

Als Traumas werden solche Stressoren bezeichnet, die in ihrer Einwirkung überwältigend und als Lebenserfahrung spekta­kulär, entsetzlich oder nur tiefgehend beunruhigend sind (Wheaton, 1994). Kennzeichnend für traumatische Ereignisse ist weiterhin, daß die meisten Menschen von ihnen beeinträchtigt sind, auch wenn das Trauma nur von kurzer Dauer ist, und daß das jeweilige Trauma nur relativ wenigen Menschen in ihrem Le­ben widerfährt. Unter Traumas fallen Stressoren wie z.B. Krieg, Heckenschützenfeuer, Folter, Atomunfälle, Naturkatastrophen, Tod des Ehepartners oder eines Kindes, Raub und Vergewaltigung. Unter Kindheitstraumas sind darüber hinaus jedoch auch Erfah­rungen wie Tod eines Elternteils sowie sexueller Mißbrauch in der Kindheit, das Aufwachsen mit einem alkohol- bzw. drogenab­hängigen Elternteil, physische Gewalt und Verletzung als Kind in der elterlichen Familie, die erlebte Scheidung der Eltern und längerer Krankenhausaufenthalt in der Kindheit zu zählen.

Als chronische Stressoren bezeichnet man Stressoren, die im Vergleich zu diskreten Lebensereignissen von ihrer Natur her eher fortlaufend schwierig und beanspruchend, progredierend und heimtückisch sind (Wheaton, 1994). Sie starten nicht notwendi­gerweise mit einem Ereignis, sondern entwickeln sich allmäh­lich, als fortlaufende problematische Bedingungen in sozialen Umwelten und sozialen Rollen. Sie haben in ihrer Stimulusfunk­tion im Vergleich zu Lebensereignissen ferner einen längeren Zeitverlauf vom Anfang bis zu ihrer Lösung. Chronische Stres­soren sind in ihrem Verlauf oft unvorhersehbar und haben ein offenes Ende ohne eine Lösung zu versprechen. Sie sind verbun­den mit Faktoren wie Überlastung des Individuums, exzessiver Aufgaben- und Rollenforderung, übermäßiger Komplexität, Unge­wißheit, Konflikt, Beschränkung der Wahlfreiheit, zu geringer Belohnung oder persönlicher Bedrohung.

Chronische Stressoren entstammen typischerweise aus sozia­len Rollen mit Rollengrenzen und Rollenidentitäten (Pearlin, 1983; Wheaton, 1994). Solche Stressoren enthalten Überlastungen aus Aufgaben- und Rollenforderungen, Ungleichheit der Ressour­cen oder Belohnungen im Vergleich zu getätigten Investitionen in Rollen, das Mißlingen von Reziprozität in Rollen (als häufi­ger Grund für interpersonale Konflikte), Rollenkonflikte (re­sultierend aus der Unvereinbarkeit der Anforderungsstruktur verschiedener Rollen), Gefangenschaft in Rollen (beim Wunsch nach Ausgang aus einer sozialen Rollensituation, wenn dies nicht möglich ist), Umstrukturierungen von Rollen mit Neuzutei­lung von Verantwortlichkeiten und Erwartungen innerhalb exi­stierender Rollen und Belastungen aus dem Nicht-Besitz er­wünschter sozialer Rollen.

Beispiele für solche chronische Stressoren sind die Pflege eines dauerhaft kranken oder alten und gebrechlichen Familien­angehörigen, der sich stetig und allmählich erhöhende Alkohol­konsum eines Partners, die Drogeneinnahme eines minderjährigen Sohnes, sich eingeengt fühlen in einer sozialen Beziehung, se­xuelles Unerfülltsein, der Ablauf einer Ehescheidung über meh­rere Jahre, die Änderung der Rollenanforderungen eines allein­erziehenden Elternteils nach einer Scheidung, zu geringer Kon­takt zu Kindern nach einer Scheidung, langfristige oder wieder­holte Konflikte mit Kollegen am Arbeitsplatz, zu geringer Ar­beitslohn, ökonomische Deprivation (z.B. aufgrund von langfri­stiger Arbeitslosigkeit), erfolglose Partnersuche und unerfüll­ter Kinderwunsch (Wheaton, 1994).

Daneben sind als weitere Unterkategorie chronischer Stres­soren sogenannte Umgebungsstressoren bzw. Makrosystemstressoren abzugrenzen (Wheaton, 1994). Diese sind nicht an Rollen gebun­den, sozial diffus und allgemein in ihrem Ursprung. Unter Umge­bungsstressoren fallen Dinge wie Wirtschaftsrezession, keine oder eine geringe Anzahl offener Arbeitsstellen, Kriminalität in der Wohnumgebung, Schwierigkeiten im Wohnlebensraum, Zeit­druck (als allgemeines gesellschaftliches Phänomen) und soziale Komplexität wie z.B. Schwierigkeiten bei der Suche nach passen­den Freunden oder einem kompatiblen romantischen Partner auf­grund ungünstiger Bedingungen der Wohn- und Arbeitsumwelt.

Als Nicht-Ereignisse können solche Stressoren bezeichnet werden, die Ereignisse betreffen, die erwünscht oder erwartet sind, und die sich nicht ereignen (Gersten, Langner, Eisenberg & Orzeck, 1974). Zu dieser Kategorie von Stressoren gehören Dinge wie z.B. das Ausbleiben einer geplanten Beförderung, das Ausbleiben einer erwünschten Schwangerschaft, die Verweigerung eines Darlehns und das Nicht-Antreten einer geplanten Reise.

Wie aus der obigen Beschreibung von Stressoren zu erkennen ist, gibt es bei der Zuteilung von Stressoren zu Kategorien zum Teil die Möglichkeit der Mehrfachzuordnung. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß die einzelnen Kategorien von Stres­soren theoretisch und empirisch unterscheidbar sind und eine Zuteilung von Stressoren zu den Kategorien in der Regel ein­deutig möglich ist (Wheaton, 1994). So kann die Zuordnung zu den Kategorien „Ereignisstressor“ oder „chronischer Stressor“ von der jeweiligen Betonung abhängen, wie z.B. im Falle von „geschieden sein“ und „in Scheidung leben“.

Neben der Konzeptualisierung von Streß basierend auf den Kognitionen von Menschen (Lazarus, 1966; Lazarus & Folkman, 1984) wurden in der Forschungsliteratur weitere Konzeptionen wie z.B. nach den Antezedentien psychischer Probleme (G.W. Brown & Harris, 1978) oder der Wahrscheinlichkeit des Zusammen­treffens bzw. der wahrgenommenen Ähnlichkeit von Ereignissen erstellt (Skinner & Lei, 1980). Daneben wurden Versuche unter­nommen, auf empirischem Wege Konzeptionen zu finden (z.B. Red­field & Stone, 1979; Skinner & Lei, 1980) oder verschiedene theoretische Ansätze zu integrieren (z.B. Lucas, 1993).

In der Folge wurde als ein neuer Ansatz eine Integration der verschiedenen dimensionalen Schemata entwickelt und Lebens­ereignisse unterteilt auf den Dimensionen Wünschbarkeit (Gewinn - Verlust), Kontrollierbarkeit (ja - nein), Dauer der Folgen (kurz - lang) und Lebensbereich (physisches Befinden bzw. mate­rielle Güter, soziale Beziehungen, Leistung und soziale Rolle; Cutrona & Russell, 1990). Forschungsergebnisse zeigen, daß Un­erwünschtheit, Unkontrollierbarkeit und lange Dauer der Folgen mit Depressivität verbunden sind. Negative Lebensereignisse ha­ben größere Effekte auf psychophysiologisches Befinden als po­sitive Lebensereignisse (Thoits, 1983). Weiterhin scheint der Aspekt der Bedrohung eher zu einer affektiven Überlastung und derjenige der Unkontrollierbarkeit eher zu einer kognitiven Überlastung zu führen (Kofta & Sedek, 1989).

Eine neueres Streß-Modell stellt das der Bewahrung der so­zialen Quellen dar (Conservation of Resources Model oder COR-Modell; Hobfoll, 1988, 1989; Hobfoll, Lilly & A.P. Jackson, 1992; Hobfoll & Stephens, 1990). Das COR-Modell ist eine allge­meine Theorie der menschlichen Motivation mit besonderer Rele­vanz für die Bewältigung von Streß (Hobfoll et al., 1992). Es wurde als Antwort auf Kritik am Transaktionalen Streß-Modell (Lazarus, 1966, 1977) aufgestellt (Hobfoll, 1988; Hobfoll et al., 1992; Hobfoll & Stephens, 1990).

Das Transaktionale Streß-Modell von Streß (Lazarus, 1966, 1977), das von einer Imbalance zwischen Stressor und Bewälti­gungsquellen ausgeht, wird als tautologisch kritisiert, weil sich Stressor und Bewältigungsquellen gegenseitig definieren, und der Ansatz somit ohne einen Anker ist (Hobfoll & Stephens, 1990): Im Transaktionalen Streß-Modell werden Anforderungen als innere oder äußere Ereignisse definiert, die Ressourcen heraus­fordern. Daran anschließend können streßvolle Ereignisse nur erkannt werden, wenn sie die Bewältigungskapazität des Indivi­duums herausfordern. Umgekehrt ist Bewältigungskapazität dieje­nige Eigenschaft, die den Wirkungen von Stressoren entgegen­wirkt. Somit können Anforderungen und Bewältigungsressourcen jeweils nur dann erkannt werden, nachdem die jeweils andere Tatsache erkannt ist.

Im Transaktionalen Streß-Modell ist darüber hinaus der Be­griff der Anforderung lediglich dadurch definiert, daß das In­dividuum subjektiv eine Anforderung wahrnimmt. Es wird in dem Modell nicht angezeigt, ob ein positives oder negatives, inter­nes oder externes Ereignis in eine Anforderung resultiert (Hob­foll & Stephens, 1990). Empirische Ergebnisse zeigen jedoch, daß unerwünschte Ereignisse Streß verursachen (z.B. Thoits, 1983), und daß Menschen allgemein darüber übereinstimmen, wel­che Ereignisse unerwünscht sind (B.S. Dohrenwend, Krasnoff, Askenasy & B.P. Dohrenwend, 1978). Ferner wird auf diese Weise keine Grenze zwischen Streßreaktionen und psychischen Störungen des Individuums gezogen, was die Erforschung von Streßreaktio­nen erschwert (Hobfoll, 1988; Hobfoll & Stephens, 1990). Schließlich wird durch das Modell Streß durch Unterbelastung postuliert, was empirisch nicht bestätigt werden kann (Hobfoll, 1988). Die genannten Kritikpunkte erschweren über diese theore­tische Implikationen hinaus empirische Überprüfungen des Trans­aktionalen Streßmodells (Bastine, 1990, Kap. 5).

Im COR-Modell wird Streß definiert als eine Reaktion auf die Umwelt, in der es eine wahrgenommene Bedrohung eines Netto-Verlustes an Ressourcen, einen wahrgenommenen Netto-Verlust an Ressourcen oder eine Wahrnehmung, daß eine Investition von Res­sourcen keinen Netto-Gewinn produziert, gibt. Persönliche, in­dividuelle Wahrnehmungen werden dabei zwar als wichtig, jedoch über weite soziale Bereiche als gleichartig angesehen. Ressour­cen werden definiert als jene Objekte, persönliche Charakteri­stiken, Bedingungen oder Energien, die für ein Individuum oder eine Gruppe einen hohen Stellenwert haben oder die als ein Mit­tel dienen, um diese Objekte, persönliche Charakteristiken, Be­dingungen oder Energien zu erreichen (Hobfoll & Stephens, 1990).

Objekte sind demnach charakterisiert durch ihre physische Natur (z.B. Transportmittel). Persönliche Charakteristiken sind wertvolle Eigenschaften der eigenen Person zur Erreichung von Zielen (z.B. Selbstwertschätzung). Bedingungen sind wertvolle Zustände (z.B. Besitz). Und Energien können zur Erreichung an­derer Quellen genutzt werden (z.B. Wissen oder Geld). Weiterhin werden Verlust und negativer Wechsel bzw. Übergang als Bestand­teile von Streß angesehen (Hobfoll et al., 1992; Hobfoll & Spielberger, 1992).

Folgerungen aus dem COR-Modell sind, daß Menschen eine ak­tive Rolle in der Schaffung ihrer Umwelt und ihrer sozialen Le­bensumstände, die in Verlust oder Gewinn resultieren, spielen. Dominante Umweltbedingungen oder soziale Umstände werden jedoch ebenfalls berücksichtigt. Des weiteren benutzen Menschen Res­sourcen, um andere Ressourcen zu erhalten und zu schützen. Dies bedeutet, daß die Bewältigung von irgend etwas bestimmte Kosten nach sich zieht, weil in die Bewältigungshandlung Ressourcen investiert werden müssen. Schließlich wird davon ausgegangen, daß der Verlust oder der Gewinn von Ressourcen dazu neigt, ne­gative oder positive Spiralen hervorzubringen (Hobfoll et al., 1992). Für chronischen Streß bzw. Verlust konnte dieses Spiral­modell empirisch bestätigt werden (Lane & Hobfoll, 1992).

Auch das COR-Modell impliziert, daß als streß-auslösende Reize Stressoren in der Umwelt die Wahrscheinlichkeit des Auf­tretens von Streß erhöhen. Erste empirische Überprüfungen des COR-Modells haben inzwischen stattgefunden, wobei theoretische Modellannahmen bestätigt werden konnten (Hobfoll et al., 1992; Hobfoll & Lilly, 1993; Lane & Hobfoll, 1992). Dieses Streß-Modell kann somit als eine vielversprechende Alternative zu be­reits länger etablierten Streß-Theorien angesehen werden.

2.2.2 Die Operationalisierung von Streß und Stressoren: Entwicklung von diagnostischen Meßinstrumenten

Trotz der Verbreitung der Konzeptualisierung des Transak­tionalen Streß-Modells (Lazarus, 1966, 1977) wurde in der Ver­gangenheit in der psychologischen Forschung die Messung von Streß (siehe Gesamtüberblick bei S. Cohen, Kessler & Gordon, 1995) zumeist durch objektive Stressormaße über Listen von Le­bensereignissen relativ indirekt vorgenommen (z.B. S. Cohen & Wills, 1985; B.S. Dohrenwend et al., 1978; Holmes & Rahe, 1967; Katschnig, 1980; siehe Überblick bei R.J. Turner & Wheaton, 1995). In der Folge wurden mit ihrer Hilfe kumulierende Wirkun­gen objektiv streßvoller Ereignisse herausgefunden (S. Cohen et al., 1983). Am bekanntesten ist die mittlerweile klassische Li­ste von Lebensereignissen, die Social Readjustment Rating Scale (SRRS, Einschätzskala der sozialen Wiederanpassung; Holmes & Rahe, 1967, 1980). Sie stand als Vorbild für zahlreiche Ablei­tungen anderer Meßinstrumente, die streßvolle Ereignisse erfas­sen, wie z.B. das Life Experiences Survey (LES; I.G. Sarason, J.H. Johnson & Siegel, 1979).

Bei der Einschätzskala der sozialen Wiederanpassung (Holmes & Rahe, 1967, 1980) kreuzt der Proband lebensverändern­de Ereignisse an, die er in einem bestimmten Zeitraum erlebt hat. Diese wurden im Zuge der Validierung der Ereignisliste von einer großen Probandenstichprobe unabhängig von ihrer Er­wünschtheit nach Intensität und benötigter Zeit der Anpassung an das jeweilige Ereignis eingestuft. Es ergab sich eine Rang­reihe der Ereignisse nach der durchschnittlichen Einstufung durch die Probandenstichprobe. So wurde dem Ereignis Heirat willkürlich der Wert 500 zugeordnet. Ein Ereignis, welches von den Probanden doppelt so streßvoll eingeschätzt wurde, bekam den Wert 1000. Die Punktwerte der Ereignisse, die ein Proband aktuell ankreuzt, werden nun gewichtet und zum sogenannten „Life Change Unit Score“ (LCU-Wert für die Veränderung der Le­bensumstände) summiert.

Die Vorteile solcher objektiver Stressormaße sind nach S. Cohen et al. (1983): 1. erlauben solche Maße eine Schätzung des erhöhten Risikos für Krankheiten, die mit dem Auftreten leicht identifizierbarer Ereignisse verbunden sind. 2. ist die Meßpro­zedur oft einfach durchzuführen. 3. minimieren diese Meßtechni­ken die Wahrscheinlichkeit zahlreicher subjektiver Verzerrungen in den Wahrnehmungen und in den Berichterstattungen von Ereig­nissen.

Nachteilig ist, daß objektive Stressormaße, die lediglich das Auftreten oder Nicht-Auftreten von Lebensereignissen anzei­gen, keine Möglichkeit bieten, ein aufgetretenes Ereignis als unwichtig, neutral oder positiv einzuschätzen (S. Cohen, 1986) oder nach dem Grad der Wünschbarkeit, Kontrollierbarkeit, Dauer der Folgen und dem Lebensbereich zu unterteilen (Cutrona & Rus­sell, 1990). Eine derartige Konzeption impliziert, daß lebens­verändernde Ereignisse an sich eine Belastung sind, unabhängig davon, ob sie positiv (z.B. Heirat) oder negativ (z.B. Entlas­sung) sind (Davison & J.M. Neale, 1996, S. 215). Letzten Endes bedeutet dies, daß Ereignisse an sich die Ursache von Krankheit und Krankheitsverhalten wären (S. Cohen et al., 1983).

Ein weiteres Problem ist, daß die Items einer Skala wie des SRRS nicht systematisch alle wichtigen potentiell belasten­den Ereignisse abdecken können. Chronische Stressoren werden, wenn überhaupt, nur durch ihre Verbindung zu Lebensereignissen erfaßt. Durch die Methode der retrospektiven Erhebung ist da­rüber hinaus immer damit zu rechnen, daß Lebensereignisse ver­zerrt erinnert oder vergessen werden (Davison & J.M. Neale, 1996, S. 214).

Ferner wird durch eine solche Konzeptualisierung die sub­jektiv eingeschätzte Streßhöhe direkt an der Anzahl der Ereig­nisse festgemacht. In die Messung gehen so nicht andere Quellen der Streßeinschätzung ein wie z.B. chronische Stressoren oder „daily hassles“ (S. Cohen, 1986). Ebenso steht eine solche Kon­zeption von Streß entgegen der Sichtweise, daß Personen aktiv mit ihrer Umwelt interagieren und potentiell bedrohliche oder herausfordernde Stressoren unter Berücksichtigung ihrer eigenen Bewältigungsressourcen interpretieren (Lazarus, 1966, 1977; Lazarus & Folkman, 1984; Hobfoll, 1988, 1989; Hobfoll et al., 1992; Hobfoll & Stephens, 1990).

Als Antwort auf diese Kritik wurden neue Fragebogen zur Messung von Lebensereignissen entwickelt, wie das Psychiatric Epidemiology Research Instrument (PERI; B.S. Dohrenwend et al., 1978). Es beinhaltet neben der Möglichkeit der Gewichtung der Ereignisse die vorteilhafte Möglichkeit, Gruppen von Ereig­nissen nach ihrer Wünschbarkeit in verlustreiche Lebensereig­nisse, ambivalente Lebensereignisse und gewinnbringende Lebens­ereignisse zu kategorisieren, eine Unterscheidung, die sich nicht nur theoretisch, sondern auch empirisch als valide er­weist (Kale & Stenmark, 1983). Auf einer weiteren Dimension lassen sich Ereignisse zudem in drei weiteren Kategorien, in Ereignisse, die mögliche Indikatoren körperlicher Krankheit sind, in Ereignisse, die mögliche Folgen der psychischen Ver­fassung des Probanden sind, und in Ereignisse, die von Krank­heit und psychischer Verfassung unabhängig sind, einteilen. Diese Operationalisierung erfüllt also somit bereits einige Forderungen an eine moderne Konzeptualisierung von Streß und Stressoren (Cutrona & Russell, 1990). Das PERI gilt als einer der besten Life-Event-Fragebögen (Davison & J.M. Neale, 1988, S. 226).

In der weiteren Folge wurden zahlreiche Meßinstrumente entwickelt, die globalen und ereignisspezifischen wahrgenomme­nen Streß erfassen (S. Cohen et al., 1983). Die Modifikationen enthielten auch eine Einstufung des Streßausmaßes bzw. eine Einschätzung der Einwirkung von jedem streßhaften Ereignis. Es zeigte sich, daß Streßmaße, die auf einer Selbstbeurteilung der Streßhaftigkeit des Ereignisses beruhen, ein besserer Prädiktor für psychologische und gesundheitliche Folgen sind, als Maße, die nur einfach die Ereignisse aufzählen oder Einstufungen nor­mativer Anpassungen vornehmen (I.G. Sarason et al., 1979; Vino­kur & Selzer, 1975). Die Erhöhungen der empirischen Verbindun­gen zwischen diesen Prädiktormaßen und Gesundheitsmaßen als Kriterien sind allerdings nur gering, da die so erstellten Streßmaße auf den Maßen, die die Ereignisse aufzählen, aufbauen und insofern von diesen abhängen (Lei & Skinner, 1980).

Solche subjektiv bewertenden Streßmaße haben nach S. Cohen et al. (1983) folgende Nachteile: Das Berechnen allgemeiner wahrgenommener Streßstufen auf der Basis der Reaktionen auf in­dividuelle Ereignisse geht davon aus, daß wahrgenommene Streß­stufen sehr hoch mit der Anzahl der berichteten Ereignisse kor­relieren, eine Annahme, die nicht den wahren Gegebenheiten ent­sprechen muß. Die Maße sind nicht sensitiv gegenüber chroni­schem Streß von ständigen Lebensumständen, gegen Streß von Er­eignissen, die sich im Leben von engen Freunden und der Familie ereignen, gegen Erwartungen betreffs zukünftiger Ereignisse und gegen Ereignisse, die nicht in der Liste auf der Skala aufge­zählt werden.

Subjektive Streßmaße, die die Reaktion auf spezifische Stressoren erfassen, wurden ebenfalls entwickelt und in der Forschung angewendet (S. Cohen et al., 1983). Sie haben fol­gende Nachteile: Es ist schwierig und zeitaufwendig, jedes Mal für jeden Stressor, den man studieren will, ein individuelles Maß zu entwickeln und psychometrisch zu validieren. Es ist fraglich, ob Maße, die die wahrgenommene Reaktion von einem spezifischen Stressor erfassen sollen, wirklich die Bewertungen einer Person, die sich auf diesen Stressor beziehen, erfassen, und nicht die, die auf einen anderen Stressor zurückzuführen sind (Gochman, 1979; Keating, 1979; Worchel & Teddlie, 1976). Weiter implizieren solche Maße die Unabhängigkeit des streßrei­chen Ereignisses von dem Auftreten einer Krankheit. Jedenfalls ist es wahrscheinlich, daß der Krankheitsprozeß nicht nur von einem besonderen Ereignis, sondern auch von dem allgemeinen Streßniveau der Person betroffen ist (S. Cohen et al., 1983).

Ferner konnte neuerdings gezeigt werden, daß genetische Faktoren einen Einfluß auf Persönlichkeitsvariablen und Lebens­ereignisse ausüben. Persönlichkeitsvariablen wiederum beein­flussen das Auftreten von Lebensereignissen (z.B. Magnus, Diener, Fujita & Pavot, 1993; Saudino, Pedersen, Lichtenstein, McClearn & Plomin, 1997; Zautra, Guarnaccia & B.P. Dohrenwend, 1986; siehe Überblick bei Loehlin, 1992; Plomin & McClearn, 1993). So sagte Extraversion positive Lebensereignisse vorher und Neurotizismus negative Lebensereignisse sowie die Gesamt­zahl der Ereignisse. Gleichzeitig waren positive und negative Lebensereignisse miteinander in positivem korrelativen Zusam­menhang (Magnus et al., 1993). Neurotizismus, Extraversion und Kultiviertheit (openness to experience) können kontrollierbare, erwünschte und unerwünschte Lebensereignisse vorhersagen, nicht aber unkontrollierbare. Dabei sind die Persönlichkeitsvariablen auf das Auftreten der objektiven Ereignisse bezogen. Sie sind nicht lediglich Ergebnisse von Wahrnehmungsphänomenen der Per­sönlichkeit (Saudino et al., 1997).

Meßinstrumente für das objektive Auftreten von streßrei­chen Lebensereignissen, die Ereignisse von sehr gutartig bis sehr verheerend aufweisen, beinhalten und vermischen zahlreiche unterschiedliche Ereignisse, die sehr verschiedene Arten von Anpassungsleistungen des Individuums erfordern (Wilcox & Vern­berg, 1985; Hobfoll & Stephens, 1990). Die damit verbundenen Streßreaktionen sind das Ergebnis von sehr unterschiedlichen Anforderungen, die an das Individuum gestellt werden.

In der Folge wird bei der Untersuchung des Schutzeffekts von sozialer Unterstützung gegen die schädlichen Einflüsse von Streß empirisch ein über alle Ereignisse positiver Effekt von Unterstützung gefunden. Damit wird angezeigt, daß soziale Un­terstützung einen positiven Effekt für Menschen mit multiplen Stressoren hat. Jedoch können so keine Informationen darüber gewonnen werden, was dieser Effekt hinsichtlich eines bestimm­ten Stressors bedeutet (Cohen & Wills, 1985; Hobfoll & Ste­phens, 1990; I.G. Sarason & B.R. Sarason, 1985b).

Als Lösung dieses Problems müßte eine Kategorisierung von Lebensereignissen vorgenommen werden. Jedoch mangelt es bislang an elaborierten Theorien und empirischen Daten zur Kategori­sierung von Ereignissen (Hobfoll & Stephens, 1990). Es ist so­mit schwierig, die Arten der Beziehungen zwischen Stressoren und sozialer Unterstützung, die durch das Spezifitätsmodell (S. Cohen & McKay, 1984) postuliert werden, zu identifizieren. Das Streßmaß sollte aber so gewählt werden, daß die Wahrscheinlich­keit der Entdeckung der Beziehung zwischen Stressor und Unter­stützung maximiert wird (Wilcox & Vernberg, 1985).

Allen Skalen für gravierende Lebensereignisse gemeinsam sind die Nachteile, daß sie sich exklusiv auf einschneidende Ereignisse konzentrieren, die einen diskreten und zeitlich identifizierbaren Anfang haben. Nicht adäquat damit erfaßt wer­den können Langzeitschwierigkeiten (Armut oder chronische Krankheit), chronische Lebensbelastungen (interpersonale Kon­flikte in engen und familiären Beziehungen, Langzeitpflege ei­nes Familienangehörigen), die täglichen Kleinigkeiten (Zeit­druck, tägliche Mißgeschicke) und Frustrationen bzw. Enttäu­schungen (Cochrane, 1988). Auch die Messung von chronischen Stressoren wirft erhebliche Probleme auf, z.B. in Bezug auf die adäquate Erfassung und die Vollständigkeit der zu ermittelnden Stressoren (siehe Überblick über Maße bei Lepore, 1995).

Als weitere spezielle Probleme von Skalen für Lebenser­eignisse sind zu nennen: die relativ hohe Retest-Reliabilität von gravierenden und die geringere Retest-Reliabilität von we­niger schwerwiegenden Lebensereignissen (Wittchen, Essau, Hecht, Teder & Pfister, 1989); die relativ geringe Retest-Re­liabilität innerhalb kurzer Meßintervalle; die Verwendung von Items, die entweder psychische Symptome repräsentieren oder ei­ne Folge davon sind; die Gewichtung von Items auf der Skala von tatsächlich in der Realität zusammen auftretenden Ereignissen, die in den Ereignislisten einzeln aufgeführt sind, und das Pro­blem der Standardisierung des Antwortverhaltens der Probanden bei diesen Items; die allgemein besonders große Notwendigkeit einer präzisen Instruktion der Probanden; die unterschiedliche Praxis der Operationalisierung in Studien, z.B. bezüglich der verschiedenen Zeitperioden für das Erfassen und Summieren der Ereignisse oder das differierende Zusammenziehen von verschie­denen Arten von Ereignissen zu Skalen (Monroe & McQuaid, 1994).

In Ergänzung zu Maßen für gravierende Lebensereignisse wurden auch Skalen für „daily hassles“ und tägliche Ereignisse entwickelt (z.B. Zautra et al., 1986; siehe Überblick bei Eckenrode & Bolger, 1995). Bei dieser Kategorie von Stressoren ist damit zu rechnen, daß sie von psychischem Distreß in hohem Maße abhängig sind (B.S. Dohrenwend, B.P. Dohrenwend, Dodson & Shrout, 1984; B.P. Dohrenwend & Shrout, 1985). So läßt sich der Zusammenhang zwischen Streß und psychologischer Dysfunktion durch alltägliche Mikrostressoren und nicht durch kritische Le­bensereignisse erklären (Kanner et al., 1981; Wagner et al., 1988). Es kann ferner gezeigt werden, daß tägliche Lebensereig­nisse die Beziehung zwischen gravierenden Lebensereignissen und psychologischen Symptomen mediieren. Kritische Lebensereignisse führen zu erhöhten täglichen Stressoren. Der erhöhte tägliche Streß führt zu psychologischen Folgesymptomen. Die Schlußfolge­rung daraus lautet, daß Streß durch tägliche Ereignisse eine unabhängige und eine abhängige Variable gleichzeitig ist (Banks & Gannon, 1988; Wagner et al., 1988).

Diagnostische Verfahren im deutschen Sprachraum zur Mes­sung von Streß und Lebensereignissen liegen zumeist auf zwei Arten vor. Zum einen existieren deutsche Adaptationen anglo­amerikanischer Instrumente, wie im Falle der Social Readjust­ment Rating Scale (SRRS; Holmes & Rahe, 1980). Zum anderen gibt es interne Manuskripte an Forschungseinrichtungen, wie im Falle des Forschungsinstruments zur Erfassung bedeutsamer Lebenser­eignisse (FEBL; Ahammer, Angleitner, Braukmann, Filipp & Olbrich, 1980) oder der Münchner Ereignisliste (MEL; Maier-Diewald, Wittchen, Hecht & Werner-Eilert, 1983; Wittchen et al., 1989).

Bei der Entwicklung des FEBL wurden angloamerikanische Er­hebungsmethoden zum Vorbild genommen (z.B. LES; I.G. Sarason et al., 1979; PERI; B.S. Dohrenwend et al., 1978). Aus verschie­denen Verfahren der Lebensereignis-Forschung wurden 151 Le­bensereignisse zusammengestellt. Anschließend wurde eine Klas­sifikation von Lebensereignissen nach objektivierten Ereignis­parametern als Ergebnisse eines Expertenratings vorgenommen. Im FEBL wird nach Zeitpunkt, Häufigkeit und Dauer jedes Ereignis­ses in der Biographie des Probanden gefragt. Darüber hinaus werden auch subjektive Einschätzungen der Wahrnehmung und Be­wertung von Lebensereignissen registriert. Befunde zu test­theoretischen Gütekriterien liegen für das FEBL bisher nicht vor (Ahammer et al., 1980).

Ein weiteres, besonders aufwendiges und flexibel anwend­bares deutsches Verfahren ist die Münchner Ereignisliste (MEL; Maier-Diewald et al., 1983). Sie besteht aus 85 spezifischen, aktuellen und chronischen Lebensereignissen, die vom Probanden als zutreffend angekreuzt werden sollen bzw. es ist die Zahl des Auftretens in einem Jahr einzutragen. Nach dem Ausfüllen der Liste erfolgt ein strukturiertes Interview durch einen Testleiter.

Mit der Münchner Ereignisliste können kritische Lebenser­eignisse auf mehreren Ebenen und damit mehrdimensional analy­siert werden, während bei vielen anderen Instrumenten nur Häu­figkeiten ausgezählt werden. In diesem Konzept werden drei Ar­ten von Ereignisparametern unterschieden: 1. objektive Ereig­nisparameter (Zeitpunkt des Eintretens, Häufigkeit, Dauer, zeitliche Dichte), 2. subjektive Ereignisparameter (individuel­le Bewertungen eines Ereignisses durch die betroffene Person nach den subjektiven Parametern „positiv versus negativ“ und Ausmaß der Belastung) und 3. objektivierte Ereignisparameter (durch Expertenurteile oder theoretische Gleichsetzung zugeord­nete Merkmale von Ereignissen). Die Auswertung kann zusätzlich erfolgen hinsichtlich der Beschreibung von Lebensverläufen und hinsichtlich der Verlaufsauswertungen (z.B. über eine Analyse von Zusammenhängen zwischen Lebensereignissen und Lebensbedin­gungen sowie anderen Verlaufsparametern, die Zeitrasterung des Befragungszeitraums, eine Zeitreihenanalyse etc.).

In der Münchner Ereignisliste werden nun neben negativen Ereignissen auch positive Ereignisse (Heirat, Genesung etc.) und überdauernde Zustände (Phasen gesundheitlicher Stabilität, chronische Belastungen) sowie stützende Faktoren hinsichtlich der drei Ereignisparameter erhoben. Dabei werden in der Regel negative und belastende Ereignisse berücksichtigt, weniger po­sitive Ereignisse, die unter Umständen auch Schutzwirkungen ausüben können. Ziel ist es, in objektiver Weise Lebensläufe und Lebensveränderungen zu beschreiben sowie Lebensbedingungen und spezifische Aspekte des Lebensstils erfassen zu können.

Der Nachteil dieses Verfahrens besteht unter anderem da­rin, daß es nur im Einzeltest und nicht allein durch den Pro­banden, sondern nur mit einen zusätzlichen Testleiter durchge­führt werden kann. Durchführung und Auswertung können dagegen als objektiv gelten. Schließlich liegen Daten zur Reliabilität und Validität der Münchner Ereignisliste im speziellen und von Lebensereignisskalen allgemein nicht vor.

Um den Problemen der Skalen für Lebensereignisse auszuwei­chen und den genannten Faktoren Rechnung zu tragen, wurden in der weiteren Folge Maße für Streßeinschätzung entwickelt (siehe Überblick bei Monroe & J.M. Kelley, 1995). So haben S. Cohen und seine Kollegen (S. Cohen et al., 1983; S. Cohen & G.M. Wil­liamson, 1988) ein Maß für allgemeine Stufen von wahrgenommenen Streß entwickelt, die Perceived Stress Scale (PSS). Die PSS soll den Grad messen, in dem Situationen von Personen als streßvoll eingeschätzt werden. Die Items wurden entworfen, um den Ausprägungsgrad, in dem Beantworter ihr Leben unvorherseh­bar, unkontrollierbar und überlastend einstufen, zu erfassen (S. Cohen et al., 1983). Die drei genannten Faktoren gelten als zentrale Bestandteile der Streßerfahrung (Averill, 1973; Laza­rus, 1966, 1977; Seligman, 1992). Die PSS ist dafür vorgesehen, die Rolle von unspezifischem, eingeschätztem Streß in der Ätio­logie von Krankheit und Verhaltensstörungen zu untersuchen und ein Kriteriumsmaß von erlebten Stufen des Stresses zu sein (S. Cohen et al., 1983).

Zur PSS liegen inzwischen mehrere Veröffentlichungen vor (z.B. S. Cohen, 1986; S. Cohen et al., 1983; S. Cohen, Tyrrell & A.P. Smith, 1993; S. Cohen & G.M. Williamson, 1988). Für die angloamerikanische Originalversion mit 14 Items sowie für die deutschen Adaptationen mit 34 Items (bzw. 14 Items) konnten je­weils befriedigende Testgütekriterien ermittelt werden (anglo­amerikanische Originalversion: S. Cohen et al., 1983; S. Cohen, 1986; deutsche Adaptation: Wolf, 1991). Die Halbierungs-Konsi­stenzen liegen in der Originalversion zwischen .84 und .86 und in den deutschen Versionen zwischen .83 und .93. Retest-Relia­bilitäten werden in der Originalversion mit .85 (zweitägiges Intervall) und .55 (sechswöchiges Intervall) und in der deut­schen Adaptation zwischen .25 (17-wöchiges Intervall) und .60 (achtwöchiges Intervall) angegeben. Die relativ niedrige Retest-Reliabilität über ein längeres Zeitintervall entspricht bezüglich eines Zustandsmaßes, wie es die PSS darstellt, der Erwartung (S. Cohen et al., 1983).

In angloamerikanischen Untersuchungen korrelierte die PSS mit Anzahl von Lebensereignissen moderat (r =.17 bis .39; S. Co­hen et al., 1983) und mit Depressivität, gemessen mit der Cen­ter for Epidemiologic Studies Depression Scale (CES-D; Radloff, 1977) mittelhoch (r =.55; S. Cohen, 1986) und in der deutschen Langform mit der deutschen Adaptation des Beck-Depressions-Inventars (Kammer, 1983) ebenfalls mittelhoch (r =.53; Wolf, 1991). Die PSS erwies sich als unabhängig von zeitlich voraus­gehenden psychischen Symptomen (S. Cohen et al., 1993; S. Cohen & G.M. Williamson, 1988). Die PSS scheint ein valideres Maß für augenblicklichen wahrgenommenen Streß zu sein als Maße für ein­zelne Mikrostressoren (S. Cohen, 1986).

Kritisch zu bewerten ist, daß eine solche Streß-Konzeptua­lisierung wie diejenige der PSS möglicherweise zu einem hohen Anteil eine Persönlichkeitsvariable, Neurotizismus oder ein Synonym für andere abhängige Distreßvariablen wie Ängstlichkeit oder Depressivität darstellt.

2.2.3 Scheidung / Trennung, Partnerschaftskonflikt und Prüfung als Beispiele für Streß

Scheidung / Trennung, Partnerschaftskonflikt

Stressoren gelten als potentiell unterschiedlich streß­voll was auch durch empirische Untersuchungen bestätigt werden konnte (z.B. Holmes & Rahe, 1967; B.S. Dohrenwend et al., 1978). So ergaben Einstufungen des potentiellen Streßausmaßes, daß die beiden Ereignisse „Scheidung vom Ehegatten“ und „Tren­nung ohne Scheidung“ vom Ehegatten bzw. vom Partner nach dem Lebensereignis „Tod des Ehegatten“ Rang zwei und drei unter al­len möglichen streßvollen Ereignissen einnahmen (Holmes & Rahe, 1967; B.S. Dohrenwend et al., 1978).

Auf die Vorgeschichte von Scheidung / Trennung, die Ent­stehung, die Entwicklung und den Verlauf von engen, intimen und romantischen Beziehungen und Gesichtspunkte der Qualität und Dauer von Partnerschaften und engen Beziehungen im allgemeinen (Bierhoff & Grau, 1995, 1997; Braiker & H.H. Kelley, 1979; Car­penter, 1993; Hahlweg, 1986, 1998; R.H. Lauer, J.C. Lauer & Kerr, 1990; Levinger, 1980; siehe Überblicke bei Amelang, Ah­rens & Bierhoff, 1995a,b; Bierhoff, 1993, 1998, Kap. II.2; Brehm, 1992; Buunk, 1996; Duck, 1996; Erber & Gilmour, 1994; Fletcher & Fincham, 1991; Fletcher & Fitness, 1996; Hassebrauck & Niketta, 1993; Hatfield & Rapson, 1993; Henss, 1992; W.H. Jones & Perlman, 1987a, 1991a, 1991b; Kalbfleisch, 1993; McKin­ney & Sprecher, 1991; Perlman & W.H. Jones, 1993), Determinan­ten der Ehestabilität und ehelichen Zufriedenheit (Cohan & Bradbury, 1997; Karney & Bradbury, 1995; Veroff, Douvan & Hat­chett, 1995; siehe Überblicke bei Beach, Sandeen & O’Leary, 1990; Bradbury, 1997) und die Ursachen von Scheidung / Trennung einer romantischen Beziehung im besonderen (z.B. Jockin, McGue & Lykken, 1996; Kurdek, 1993; Matthias, 1993; Schneider, 1990; siehe Überblicke bei Cochrane, 1988; Gottmann, 1994; Kitson, 1992; Levinger & Moles, 1979) kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden.

Aus allgemeiner streß-theoretischer Sicht kann das Lebens­ereignis einer Scheidung / Trennung im Durchschnitt als vorher­sehbares Ereignis, unerwünschter Verlust, kontrollierbar, lang andauernd in den Folgen, global die meisten Lebensbereiche be­treffend (physisch-materielle Güter, soziale Beziehungen und soziale Rollen) und überlastend angesehen werden (Lazarus, 1966; Lazarus & Folkman, 1984; Cutrona & Russell, 1990; Selig­man, 1992).

Aus Sicht des COR-Modells (Hobfoll et al., 1992) werden durch eine Scheidung / Trennung Ressourcen bedroht und / oder gehen tatsächlich verloren. Gleichzeitig erweisen sich in der Vergangenheit getätigte Investitionen von Ressourcen zum Teil als Fehlinvestitionen. Diese Ressourcen sind 1. Objekte wie ma­terielle Haushaltsgegenstände, die aufgeteilt werden müssen, 2. Bedingungen wie Besitzstatus und Status einer zumindest nach außen hin intakt erscheinenden Ehe oder romantischen Beziehung, die verloren gehen, 3. persönliche Charakteristiken wie Selbst­wertschätzung oder soziale Kompetenz, die in Frage gestellt werden, und 4. Energien wie Einkommen oder soziale Unterstüt­zung, die vermindert werden. Neben dem Erleben von Verlust ist eine Scheidung / Trennung ein Übergang in eine neue Lebenspha­se. Somit sind nach dem COR-Modell sämtliche Bedingungen, unter denen Menschen Streß erleben, in hohem Maße erfüllt.

Für Konflikte in intimen Beziehungen und aktuellen Part­nerschaftsstreß (siehe Überblick bei Cahn, 1992) gelten im Prinzip ähnliche Bedingungen wie bei einer tatsächlichen Tren­nung, besonders, wenn der Beziehungsstreß chronisch wird, einer der Partner an eine Trennung denkt und eine solche näher rückt (Fosson, 1988; Kiecolt-Glaser, Malarkey, Cacioppo & Glaser, 1994). Es dürfte jedoch einen graduellen Unterschied zwischen aktuellem Streß in der Partnerschaft und einer faktischen Tren­nung vom Partner geben: Je weniger mindestens einer der betei­ligten Partner eine aktuelle Trennung in Erwägung zieht, desto weniger herrschen Kognitionen an aktuellen Verlust von Res­sourcen vor und desto mehr dürfte der Bedrohungsaspekt von Res­sourcen demgegenüber stärker in den Vordergrund treten.

In einer Untersuchung von Booth und Amato (1991) konnte gezeigt werden, daß der Ablauf eines Partnerschaftskonflikts mit einer Scheidung / Trennung sich am besten als der Verlauf einer Krise beschreiben läßt: Der Scheidung / Trennung vorange­hend stieg das Ausmaß des erlebten Stresses bei später getrenn­ten Personen im Vergleich zu ständig verheirateten Menschen an. Dieses erhöhte Streßmaß war bis zu zwei Jahre nachweisbar, bis es auf das Vergleichsniveau von verheiratet gebliebenen Perso­nen zurückging.

Soziale Netzwerke, Familie und besonders romantische Part­nerbeziehungen können das Auftreten und die Bewertung von streßreichen Lebensereignissen beeinflussen. Sie sind aber auch selbst eine mögliche Quelle für streßreiche interpersonale Er­eignisse (Cahn, 1992; Glasl, 1994; Sommer & Fydrich, 1989), wie z.B. soziale Konflikte und Verluste (S. Cohen, 1992; Rook, 1992). Solche Ereignisse sind verbunden mit zahlreichen Über­gängen und erforderlichen Anpassungsleistungen der beteiligten Personen (Cowan & Hetherington, 1991). Forschungsergebnisse zeigen, daß interpersonale Lebensereignisse und interpersonale Konflikte eine sehr wichtige Rolle als Risikofaktor für psychi­schen und physischen Distreß spielen und stärkere Folgen auf das psychologische Befinden haben als nicht-soziale Stressoren (z.B. Bolger, DeLongis, Kessler & Schilling, 1989; G.W. Brown & Harris, 1989; Brenner, Fiore & Limacher, 1989; Fiore, J. Becker & Coppel, 1983; Harris, 1992; Kiecolt-Glaser et al., 1994; Man­ne & Zautra, 1989; Monroe & Simons, 1991; Rook, 1992; Schulz & Rau, 1985; Thoits, 1985; Wheaton, 1990).

Allgemein wird nach Fosson (1988) in einer intimen Bezie­hung oder einer Familie Streß erlebt, wenn die Rollen überfor­dernd sind, eine Änderung notwendig ist, negative Gefühle von einem distreßten Familienmitglied geteilt werden, Gefühle von Liebe und Zuneigung einseitig gegeben und nicht erwidert werden oder gar mit negativen Gefühlen beantwortet werden, Erwartungen und entgegengebrachte Leistungen diskonkordant sind, die Kommu­nikation zweideutig ist, Grenzen unzureichend gezogen sind, Mitglieder sich unzureichend unterstützt fühlen und übergene­rationale Allianzen überaus wichtig sind. Streß kommt dann in der Familie auf, wenn sie in einem Übergang begriffen ist, ein schlecht funktionierendes Organisationsmuster hat, wenn sie Mitglieder mit allgemein zu unterschiedlichen Persönlichkeits­eigenschaften und Einstellungen hat, wenn sie als Mitglieder Individuen mit schwierigen persönlichen Eigenschaften hat, wenn sie in Interaktionen involviert ist, die die Emotionen zwischen den Mitgliedern verletzen, und wenn eine Nicht-Übereinstimmung in Rollenfragen existiert (Fosson, 1988; Karney & Bradbury, 1995).

Aus kognitionstheoretischer Sicht ist davon auszugehen, daß in sozialen Interaktionen im allgemeinen und in romanti­schen Partnerbeziehungen im besonderen jeder Mensch bestimmte individuelle Kognitionen darüber hat, wie sich der andere Part­ner verhalten sollte (Acitelly & Holmberg, 1993). Da sich diese Vorstellungen und Erwartungen nicht in allen Fällen decken (Matthias, 1993), sind in Auseinandersetzung mit der physischen und sozialen Umwelt ständige Abstimmungsprozesse zwischen den Partnern erforderlich. Diese Herausforderungen der Umwelt kön­nen als komplexe Stressoren (Hahlweg, 1995) angesehen werden, die gemeinsam und erfolgreich bewältigt werden müssen, um eine befriedigende Entwicklung der Partnerbeziehung zu gewährlei­sten. Solche komplexen Stressoren in einer romantischen und fa­miliären Beziehung sind z.B. Heirat / Zusammenleben, Eltern­schaft oder gemeinsames Alter (Chapman, Hobfoll & Ritter, 1997; Lewis, 1984, zitiert nach Hahlweg, 1995, S. 120, 149). Daneben können als weitere Stressoren unerwartete Lebensereignisse (wie z.B. Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Umzug mit Verlust des so­zialen Netzwerks) auftreten, deren Bewältigung in einer Part­nerschaft bzw. Familie ebenfalls flexible auf einander abge­stimmte Verhaltensänderungen der beiden Partner bzw. der Mit­glieder erfordert (Hahlweg, 1995).

Eine andere Art von speziellen Beziehungs-Stressoren sind enttäuschte Erwartungen von Partnern (Karney & Bradbury, 1995). Diese Stressoren treten z.B. nach anfänglicher Idealisierungs­tendenz der subjektiv empfundenen Schwächen des Partners auf (C. Hendrick & S.S. Hendrick, 1988), oder wenn Harmonisierungs­tendenzen zu Beginn einer Partnerschaft zum Vermeiden von Aus­einandersetzungen bei schon erkannten Differenzen führen, oder wenn Erwartungen und Bedürfnisse zu Beginn der Beziehung nicht klar artikuliert werden (z.B. unterschiedliche Bedürfnisse be­züglich Distanz-Nähe, Zärtlichkeit, Sexualität oder nach Frei­räumen in der Beziehung).

Weitere Beziehungs-Stressoren sind als Mikrostressoren die „alltäglichen Kleinigkeiten“ (Karney & Bradbury, 1995). Damit gemeint sind Verhaltensweisen des Partners, die für sich allein nicht störend wirken, jedoch durch die Dauer oder Häufigkeit des Auftretens oder den Kontext, in dem sie auftreten, für den Partner subjektiv emotional aversiv werden und somit nicht mehr tolerierbar erscheinen (z.B. bestimmte Gesten, Redensarten, Un­ordnung oder sonstige habituelle Mikroverhaltensweisen). Als weitere Mikrostressoren kann man in Abgrenzung dazu habituelle Makroverhaltensweisen, wie z.B. regelmäßigen, erhöhten Alkohol­konsum, mit den damit verbundenen und daraus folgenden den Partner und die romantische Beziehung belastenden Handlungen, unterscheiden.

Die Bewältigung dieser Stressoren ist oft verbunden mit der subjektiv als notwendig erachteten Veränderung vor allem des anderen Partners. Jener ist jedoch oft trotz des interak­tional-kommunikativen Beeinflussens durch seinen Partner und dem damit verbundenen eigenen subjektiv wahrgenommenen Streß nicht bereit oder in der Lage, den entsprechend geäußerten Wün­schen seines Partners nachzukommen. Antwortet der Partner da­raufhin mit dem Mittel der Bestrafung bzw. mit Zwang (Kritik, Drohungen oder Beschimpfungen), um das Verhalten zu ändern, kann es früher oder später zum sogenannten Zwangsprozeß kommen (Patterson & Reid, 1970): Beide Partner werden in Zukunft wech­selseitig mit Mitteln des Zwanges versuchen, sich durchzuset­zen. In der Folge entstehen wechselseitig aversive Emotionen, die als belastender Streß erlebt werden. Dies führt im weiteren Verlauf dazu, daß sich die Beziehung durch positive Rückkopp­lung und wechselseitige Bestrafung ständig weiter verschlech­tert (Hahlweg, 1995).

Äußert im Verlauf des Konflikts einer der Partner einmal Feindseligkeit gegenüber dem anderen Partner, ist es wahr­scheinlich, daß daraufhin der andere Partner mit Feindseligkeit antwortet. In der Folge der Interaktion wird mit hoher Wahr­scheinlichkeit die Häufigkeit der feindseligen Äußerungen eska­lieren (Gaelick, Bodenhausen & Wyer, 1985). Es ist allgemein davon auszugehen, daß negatives Kommunikationsverhalten eher erwidert wird als positive Kommunikation (z.B. Gottmann, Mark­man & Notarius, 1977). In ähnlicher Weise führen eine Reihe von Verhaltensweisen in der Kommunikation mit hoher Wahrschein­lichkeit zu einer Konflikteskalation wie insbesondere Drohun­gen, Versprechungen, Herbeiführen von Schuld und passive Mani­pulationen (C.M. Rubin & J.Z. Rubin, 1993).

Schließlich können Konflikteskalationen oder bei konflikt­vermeidenden Paaren ein Nebeneinanderherleben mit emotionaler Trennung entstehen. Forschungsergebnisse zeigen, daß soziale Stressoren wie z.B. eheliche oder die romantische Partnerschaft betreffende Konflikte das alltägliche emotionale Befinden stär­ker beeinträchtigen als nicht-soziale Stressoren (Bolger, De­Longis, Kessler & Schilling, 1989; Thoits, 1982). Ferner konnte gezeigt werden, daß Menschen, die in romantischen bzw. eheli­chen Beziehungen ein hohes Ausmaß an Konflikten erleben, ein schlechteres psychisches Befinden aufweisen als Single-Personen (Gove, M. Hughes & Style, 1983) oder Personen in wohltuenden, konfliktarmen romantischen Beziehungen (z.B. Gottmann, 1979). Interpersonale Konflikte in engen, partnerschaftlichen, roman­tischen und ehelichen Beziehungen an sich sind jedoch durchaus die Regel und können für Menschen als Bestandteil der normalen Bewältigung des Lebensalltags angesehen werden (McGonagle, Kessler & Schilling, 1992).

Aus austauschtheoretischer Sicht (Thibaut & H.H. Kelley, 1959) wird eine Scheidung / Trennung dann wahrscheinlicher, wenn die Beibehaltung der romantischen Beziehung in der subjek­tiven Bewertung mindestens eines Partners unter der Berücksich­tigung von positiven und negativen Konsequenzen (Bruttogewinn und Bruttoverlust) entweder keinen Nettogewinn mehr verspricht und damit als Nettoverlust eingeschätzt wird, oder das Ver­gleichsniveau mit anderen Alternativen wie das getrennte Dasein oder andere soziale bzw. romantische Beziehungen einen größeren Nettogewinn oder weniger Nettoverlust verspricht.

Nach dem Abhängigkeits-Modell von Trennungen (Drigotas & Rusbult, 1992) hängen Trennungsentscheidungen in einer Partner­schaft von dem Grad der Abhängigkeit von einer Beziehung ab. Abhängigkeit ist nach dem Abhängigkeits-Modell dann gegeben, wenn wichtige Ergebnisse der augenblicklichen Beziehung auf an­dere Weise nicht verfügbar sind oder subjektiv nicht verfügbar erscheinen.

Mangelnde Kommunikations- und Problemlösefertigkeiten gel­ten also als ein Hauptgrund für das Scheitern menschlicher Be­ziehungen im allgemeinen und Paarbeziehungen im besonderen (z.B. Hahlweg, 1995; Thurmaier, Engel, Eckert & Hahlweg, 1992; Schulz von Thun, 1987; Trommsdorf & John, 1992; Watzlawick, Beavin & D.D. Jackson, 1982; Zimmer, 1983). Untersuchungsergeb­nisse in der wissenschaftlichen Forschung (z.B. Gottmann, 1994; Hahlweg, 1986) und (nach Hahlweg, 1995) die Meinung von Prakti­kern stimmen darin überein, daß bei Partnerschaftsproblemen und dem damit verbundenen Streß in der romantischen Partnerbezie­hung die meisten Paare viel zu spät qualifizierte fachliche Be­ratung aufsuchen. Ihre negativen, stressenden Interaktionsmu­ster haben sich dann zumeist so stabilisiert, daß eine Verände­rung kaum möglich erscheint (Hahlweg, 1995; Sher & Weiss, 1991).

So konnten die Faktoren geringe Bindung, geringe Bereit­schaft in die Beziehung zu investieren, interpersonale Konflik­te und Asymmetrie in der Partnerschaft die Trennung vom Partner zwölf Monate im voraus vorhersagen (Bierhoff, 1995a).

Ein weiterhin wichtiges Phänomen ist, daß psychologische Forschung demonstriert hat, daß gerade unangenehme, emotional aversive Ereignisse Attributionen auslösen (Hewstone, 1989; Holtzworth-Munroe & Jacobsen, 1985; H.H. Kelley, 1967). Men­schen sind also insbesondere unter belastenden Situationen mo­tiviert, Erklärungen und Rechtfertigungen zu finden und Ursa­chen zu identifizieren, um kognitive Kontrolle zu gewinnen und den unangenehmen Zustand schnell zu beenden (Orvis, H.H. Kelley & Butler, 1976). Zufriedene emotionale Zustände führen in der Regel kaum zu Attributionen. Insofern sind zwischenmenschliche Konflikte und speziell Partnerkonflikte nicht nur Auslöser von Attributionen, sondern auch und gerade für die sogenannten At­tributionsfehler wie z.B. für den fundamentalen Attributions­fehler (Einflüsse von Personen auf die Geschicke der Welt über­schätzen) und den Akteur-Beobachter-Fehler (jeweiliger Beobach­ter oder Außenstehender bewertet eher die Persönlichkeit eines Akteurs als Ursache für dessen Handlungen und Akteur selbst er­klärt seine Handlungen eher durch äußere Umstände; Fiedler & Ströhm, 1995; Nisbett & Ross, 1980; siehe Überblick bei Bier­hoff, 1998, Kap. III.3).

In besonders konflikthaften Beziehungen können solche sy­stematischen kognitiven Verzerrungen von sozialen Interaktionen die positive Rückkopplung negativer Interaktionen noch ver­schärfen. Ferner tragen bestimmte persönliche Eigenschaften wie Depressivität und Neurotizismus erheblich dazu bei, negative Attributionen für Ereignisse in der Paarbeziehung zu machen. Gleichzeitig ist das Fehlen negativer Attributionen mit der Zu­friedenheit in der Partnerschaft korreliert (Fiedler & Ströhm, 1995; Fincham & Bradbury, 1991; Karney, Bradbury, Fincham & Sullivan, 1994). In der Folge treten dann oft Spiralen von Ver­haltensinteraktionen und Attributionen auf. Durch unangepaßte Attributionen werden aversive Emotionen und erlebter Streß mit direkt aus den Attributionen vorhersagbarem Risiko für eine Scheidung weiter verstärkt (Fincham & Bradbury, 1993).

Weiterhin sind u.a. auch Phänomene der interpersonalen Konzept- bzw. Eindrucksbildung wie zentral-periphere Eigen­schaften für die Beurteilung der Paarbeziehung von Bedeutung (Hassebrauck, 1995). Eigenschaften sind dann zentral, wenn sie mit den meisten anderen Eigenschaften einer definierten Reihe von Eigenschaften korrelieren. Sie sind peripher, wenn sie mit den anderen Eigenschaften und damit mit zentralen Eigenschaften einer Reihe nicht korrelieren. So wurde in einer Anzahl von Un­tersuchungen gefunden, daß die Eigenschaften „warm“ und „kalt“ den Gesamteindruck einer Person stark bestimmen und damit den Status einer zentralen Eigenschaft innehaben (siehe Überblick bei Bierhoff, 1998, Kap. III.1).

Die Eindrucksbildung des einen Partners beim anderen Part­ner hängt nun u.a. davon ab, ob bestimmte wahrgenommene Eigen­schaften des Partners zentral sind. Wird z.B. der andere Part­ner im Zuge von überdauernden Konflikten als emotional „kalt“ eingeschätzt und ist diese Eigenschaft zentral, so kann es sein, daß seine übrigen persönlichen Eigenschaften ebenfalls als „kalt“ und damit als negativ bewertet werden: Eine witzige Kommunikation des Partners wird als dumm und nicht als humor­voll wahrgenommen. Dieses Phänomen der Personenwahrnehmung kann zudem dazu beitragen, daß eine solche Paarbeziehung streßvoller erlebt wird als mit einem emotional „warmen“ Partner.

Des weiteren folgen aus partnerschaftlichem Streß und Un­zufriedenheit mit der eigenen romantischen Beziehung größere Affiliationsbedürfnisse und mehr aufwärts gerichtete Vergleiche mit anderen glücklichen Paaren (Buunk, Vanyperen, S.E. Taylor & Collins, 1991). Aufwärts gerichtete soziale Vergleiche dürften den erlebten Streß und die Unzufriedenheit jedoch eher erhöhen (siehe Überblick bei Bierhoff, 1998, Kap. II.1).

In Verlauf von unglücklichen Beziehungen erweist sich in vielen Fällen für mindestens einen der beiden Partner Schei­dung / Trennung als realistische, unter Kosten-Nutzen-Erwägun­gen positive Alternative zu einer unbefriedigenden Partner­schaft (Hahlweg, 1995). So konnte in einer Untersuchung gefun­den werden, daß in 85% der Fälle ein Partner mehr an der Auflö­sung interessiert gewesen sei als der andere (Hill, Z. Rubin & Peplau, 1976). Die Konsequenzen einer Scheidung / Trennung im­plizieren jedoch für beide Partner einen belastenden Prozeß, unabhängig davon, welcher der beiden Partner die Initiative zur Trennung ergreift (Kahlenberg, 1993; Weiss, 1980; siehe Über­blicke bei Fthenakis, Niesel & Kunze, 1982; Pledge, 1992; S.J. Price & McKenry, 1988; Wallerstein & Kelly, 1980).

Trennung / Scheidung einer ehelichen Partnerschaft erfor­dert die Lösung einer ganzen Reihe verschiedener Teilprobleme und somit die gleichzeitige Bewältigung unterschiedlicher An­forderungen. Die persönlichen Ressourcen der betroffenen Perso­nen werden in erheblicher Weise beansprucht. Dies betrifft psy­chische Aspekte wie die emotionale Bewältigung der Trennung (z.B. Überwindung von Ängstlichkeit und Depressivität) oder das Finden einer neuen Identität (Single statt Ehepartner), psychi­sche und soziale Aspekte wie die Änderung der gemeinsamen Be­ziehung zu den Kindern, die Neuorientierung im sozialen Netz­werk und die Änderung von Alltagsverhalten (z.B. neue Haus­haltsaufgaben wie Kochen und Einkauf, Behördengänge), den juri­stischen Aspekt der Scheidung vor Gericht oder die Neuregelung des persönlichen Finanzhaushalts.

Zentraler Faktor der Trennung ist der emotionale Bindungs­verlust (Weiss, 1976). Nach der Bindungstheorie (Bowlby, 1983, 1984, 1986) macht jeder Mensch von seiner Geburt an die grund­legende Lernerfahrung, emotional von der Bindung an andere Men­schen abhängig zu sein, die ihm Vertrauen, Sicherheit und Ge­borgenheit vermittelt. Später wird diese familiäre Bindungser­fahrung von den Eltern auf andere enge, intime soziale Bezie­hungen mit Menschen wie den romantischen Partner übertragen (Shaver & Hazan, 1993). Als „romantischer Partner“ wird jene Person bezeichnet, auf die ein Mensch mit leidenschaftlicher Liebe reagiert (physisch-sexueller Anziehung mit angenehm em­pfundener physiologischer Erregung, Bindung, Wunsch des Umsor­gens und Vertrauen; siehe ausführlich bei Bierhoff, 1995b).

So existieren in glücklichen und unglücklichen Paarbezie­hungen auch bei nachlassender Liebe Bindungsbanden, die den In­dividuen Sicherheit vermitteln (Weiss, 1976). Die Bindungen werden durch gemeinsame emotionale Erlebnisse und Erfahrungen erzeugt und gefördert, sowie durch Barrieren, die durch Verhei­ratung gegen andere intime Beziehungen errichtet werden, gefe­stigt.

Eine Partnertrennung führt zu einem Zerreißen der Bindung und damit zur emotionalen Verwirrung, dem sogenannten Tren­nungs-Distreß-Syndrom (Weiss, 1976). Das Management der ambi­valenten Gefühle gegenüber dem vormaligen Partner ist eine der zentralen Aufgaben von Menschen mit Scheidung / Trennung von ihrem Partner oder ihrer Partnerin (S/T-Personen). Die Organi­sation der Aufmerksamkeit erfolgt um das Konzept der verlorenen Person. Liebe, Wunsch nach Wiederverbindung und Schuldgefühle wegen des produzierten Verlustes lösen sich ab mit Angst, Ru­helosigkeit, Ärger wegen des Bindungsverlustes und Feindselig­keit gegenüber der Person ab. Die Bindung an den Partner und die persönliche Beziehung wird weiter am Leben gehalten durch Überführung der vorhandenen Emotionen in Ärger und Feindselig­keit gegenüber der verlorenen Person. Das beschriebene Phänomen wird schwächer, wenn längere Zeit ohne Kontakt mit dem vorhe­rigen Partner vergeht (Weiss, 1976).

Unter all den beschriebenen Begleiterscheinungen einer Scheidung / Trennung nimmt es nicht wunder, daß S/T-Personen im Durchschnitt in ihrem psychophysiologischen Befinden erheblich beeinträchtigt sind (Cochrane, 1988; Weiss, 1976, 1980). Sie haben ein deutlich erhöhtes Erkrankungs- und Unfallrisiko im Vergleich zu verheirateten Personen. Sie sind häufiger an Ver­kehrsunfällen beteiligt, begehen öfter Selbstmord, und haben eine erhöhte Rate klinisch-psychiatrischer Störungen des Befin­dens. Sie nehmen häufiger als Patienten Ärzte in Anspruch als Personen mit Partner (Bloom, Asher & White, 1978). S/T-Personen leiden mehr an akuten und chronischen Krankheiten als Verhei­ratete oder Singles (Verbrugge, 1979), und sie suchen häufiger das Gesundheitssystem auf (Somers, 1979).

Die psychische Anpassung nach einer Scheidung / Trennung nimmt typischerweise mehrere Jahre in Anspruch (Wallerstein & Kelly, 1980; Weiss, 1980). Innerhalb des ersten Jahres nach der Trennung ist die berichtete Belastung am größten (Bloom, Hodges, Kern & McFaddin, 1985). Die Beziehung der beiden Part­ner zueinander im ersten Jahr nach der Trennung ist geprägt von starker Ambivalenz, die im Verlaufe des zweiten Jahres abnimmt. In den ersten 12 Monaten nach der Trennung fühlen sich S/T-Per­sonen ängstlicher (Hetherington, M. Cox & R. Cox, 1978), zeigen deutlich mehr depressive Symptome als verheiratete Personen (Blumenthal, 1967; Hetherington et al., 1978), fühlen sich är­gerlicher und in allen Lebensbereichen inkompetenter. Sie nei­gen zu der Ansicht, als Partner und Elternteil versagt zu haben und berichten von Schwierigkeiten, sozialen Kontakt aufzuneh­men. Freunde und Bekanntschaften zerbrechen, weil sie primär zum Bekanntenkreis des Partners gehören. Männer klagen zum Teil über sexuelle Probleme und zumeist über Schwierigkeiten am Ar­beitsplatz. Männer und Frauen berichten generell von einem des­organisierten Lebensalltag, wie z.B. unregelmäßige Mahlzeiten und Probleme bei der Haushaltsführung. Ferner werden Einschrän­kungen durch das infolge der Scheidung geminderte Einkommen be­klagt (Hetherington et al., 1978). Niedriges Einkommen nach ei­ner Scheidung trägt wiederum bei zu psychophysiologischen Di­streß (z.B. Booth & Amato, 1991).

Trennung in westlichen Ländern wird bedingt durch die ver­änderten Bedingungen des ehelichen Zusammenlebens in zunehmen­dem Maße von Frauen initiiert (Bierhoff, 1998, Kap. II.1). Es gibt eine Reihe von Unterschieden zwischen Männer und Frauen, was die Bewältigung der Scheidung / Trennung und die psychophy­siologischen Folgen anbelangt (z.B. Bloom & Caldwell, 1981; Pledge, 1992). So haben Frauen durchschnittlich mehr Depressi­vität als Männer nach einer Trennung (Dean, 1986). Mütter füh­len sich generell physisch unattraktiver und fühlen sich durch den Identitäts- und Statusverlust belastet. Väter fühlen sich entwurzelt und beklagen die Trennung von ihren Kindern. Männer berichten Belastung durch die neue Rolle als separierter El­ternteil, ihr psychischer Distreß allgemein und ihr Alkohol­konsum sind erhöht (Umberson & Williams, 1993). Sie sind nach einer Scheidung jedoch oft finanziell besser gestellt als die Frauen und damit verbunden ist oft ihr psychisches Befinden besser (Clarke & Bailey, 1989).

Forschungsergebnisse sprechen weiterhin dafür, daß bei S/T-Personen gegenüber verheirateten Personen bei Frauen und Männern das Immunsystem geschwächt ist, und es eine geringere Fähigkeit besitzt, Viren abzuwehren (Kennedy et al., 1990). Gleichzeitig wurde gefunden, daß innerhalb der Gruppe der ver­heirateten Frauen diejenigen eine bessere Funktion ihres Im­munsystems aufwiesen, die eine bessere Qualität der romanti­schen Beziehung hatten. Kurz nach der Scheidung war bei S/T-Frauen verglichen mit verheirateten Frauen das Immunsystem be­sonders stark geschwächt. Intensiv weitergeführter Kontakt zum Ex-Ehemann nach der Trennung war ebenfalls verbunden mit ge­schwächtem Immunsystem, mit größerer Beeinträchtigung des psy­chischen Befindens und Einsamkeitsempfinden.

Es konnten auch Faktoren für S/T-Personen identifiziert werden, die die Bewältigung der Scheidung / Trennung begünsti­gen (S.M. Johnson & Alevizos, 1978, zitiert nach Hahlweg, 1995, S. 141, 149). Dies sind positive Einstellungen, wie unter ande­rem die Entschiedenheit zur Trennung, das Fehlen von Schuld- und Versagensgefühlen, der Abbruch des Kontakts, der Glaube an die eigene Selbständigkeit und neue befriedigende sexuelle Kon­takte. Auch müssen bei der Betrachtung des streßhaften Lebens­ereignisses Scheidung / Trennung die vermutlichen Belastungen der Aufrechterhaltung einer unbefriedigenden und konflikthaften Partnerbeziehung berücksichtigt werden. Das Ereignis der Tren­nung kann auch positive Konsequenzen haben, wie z.B. die Be­freiung aus einer unbefriedigenden, konfliktbeladenen und bela­stenden sozialen Situation, die Erhöhung von persönlicher Selb­ständigkeit und Kompetenz und ein besseres Sexualleben. Spe­ziell für Frauen könnte die Befreiung von Aufgaben, die vorher nur für die Ehemänner zu leisten waren, ebenso wie eine bessere persönliche Kontrolle über die finanziellen Mittel, sowie eine bessere Beziehung zu den Kindern mögliche positive Konsequenzen des belastenden Lebensereignisses Trennung sein (C.A. Brown, Feldberg, Fox & Kohen, 1976). Soziale Unterstützung von alten oder neuen sozialen Beziehungen kann erheblich die Streßfolgen von Scheidung / Trennung mildern (McKenry & S.J. Price, 1991).

Die Konsequenzen und die Streßfolgen der unmittelbar an der Scheidung / Trennung beteiligten Kinder soll hier nur kurz angesprochen werden (siehe Emery, 1988; Emery & Forehand, 1994; Fthenakis et al., 1982; Hetherington & Arasteh, 1988; Hethe­rington et al., 1978; Hetherington, M. Cox & R. Cox, 1979; Hof­mann-Hausner & Bastine, 1995; S.J. Price & McKenry, 1988; Sand­ler, Wolchik & Braver, 1985; Stevenson & Black, 1995; Textor, 1989; Wallerstein & Kelly, 1980; Wallerstein, 1983). Insgesamt ist zu konstatieren, daß gesicherte Belege dafür vorliegen, daß die betroffenen Kinder des Streßereignisses Scheidung / Tren­nung einem deutlich erhöhten Risiko einer Beeinträchtigung des psychophysiologischen Befindens ausgesetzt sind und die Schei­dung nicht selten über einen längeren Zeitraum erhebliche Be­einträchtigungen des physischen, psychischen und sozialen Wohl­befindens nach sich zieht (z.B. Tucker, Friedman, Schwartz, Criqui, Tomlinson-Keasey & Wingard, 1997). Dabei gelingt in der Mehrzahl der Fälle die Bewältigung der Scheidung durch die Kin­der jedoch relativ gut (Stevenson & Black, 1995).

Die Belastung der Kinder kann zu einem großen Maße zurück­geführt werden auf väterliche Abwesenheit, weitere familiäre Dysfunktion und Konflikte nach der Scheidung sowie ökonomische Deprivation als Folge der Scheidung und weniger auf die Schei­dung für sich (Stevenson & Black, 1995). Die Nachteile durch die Scheidung können bis ins Erwachsensein nachwirken (Amato & Booth, 1991; Kuh & M. MacLean, 1990; Landermann, George & Bla­zer, 1991; Tucker et al., 1997). Auch die Anpassung und die Streßfolgen der beteiligten Kinder werden durch ein hohes Maß an sozialer Unterstützung für die Kinder positiv beeinflußt (Wolchik, Ruehlman, Braver & Sandler, 1989).

Prüfung

Tests bzw. Prüfungen als allgemeine akademische Anforde­rungen (R. Schwarzer & Jerusalem, 1989) sind Stressoren, denen praktisch alle Menschen wiederholt im Leben ausgesetzt sind. Dabei ist davon auszugehen, daß jede Person ein mehr oder weni­ger großes Ausmaß an Streß und in der Folge Ängstlichkeit in Form des Spezialfalls der sogenannten Test-Ängstlichkeit wahr­nimmt (z.B. P. Becker, 1982; I.G. Sarason, 1984; R. Schwarzer & Jerusalem, 1989; siehe Überblicke bei Hagtvet, 1989; Hagtvet & Johnsen, 1992; H.M. van der Ploeg, R. Schwarzer & Spielberger, 1983, 1984, 1985; I.G. Sarason, 1980; R. Schwarzer, H.M. van der Ploeg & Spielberger, 1982, 1987, 1989). Das zu vermutende Ausmaß an Streß vor einer Prüfung dürfte jedoch in der Regel geringer sein als bei einer Scheidung oder Trennung (Holmes & Rahe, 1967; B.S. Dohrenwend et al., 1978).

Auf Basis des Transaktionalen Streßmodells kann das Le­bensereignis Prüfung im Durchschnitt als vorhersehbares Ereig­nis, erwünschter Gewinn, kontrollierbar, lang andauernd in den Folgen, den Lebensbereich Leistung betreffend und relativ bela­stend angesehen werden (Lazarus, 1966; Lazarus & Folkman, 1984; Cutrona & Russell, 1990; Seligman, 1992). Es ist danach eher ein mittelhohes Streßerleben bei einer Prüfung anzunehmen.

Aus Sicht des COR-Modells (Hobfoll et al., 1992) werden durch eine Prüfung in erster Linie Ressourcen bedroht bzw. es droht eine Investition ohne möglicherweise ausreichenden nach­folgenden Gewinn. Ein aktueller Verlust ist nicht gegeben. Die betroffenen Ressourcen umfassen weiterhin nur einen relativ eng umgrenzten Bereich. Die Ressourcenkategorie Objekte ist nicht bzw. nicht direkt betroffen. Die Ressourcenkategorien Bedingun­gen wie der Status einer bestandenen Prüfung, persönliche Cha­rakteristiken wie Selbstwertschätzung oder kognitive Fähigkei­ten und Energien wie Prüfungszeugnis, welches die Tür zu Ein­kommen und materiellem Wohlstand öffnet, sind jedoch unmittel­bar bedroht. Eine nicht bestandene Prüfung verhindert mögli­cherweise den Übergang in eine neue Lebensphase, während das Bestehen jenen ermöglicht. Insofern ergeben sich für das Indi­viduum nach dem Ereignis unterschiedliche zu leistende Anpas­sungsprozesse, die antizipiert werden. Nach dem COR-Modell sind damit bei einer Prüfung Bedingungen, unter denen Menschen Streß erleben, zu einem großen Teil erfüllt. Jedoch ist nach dem COR-Modell davon auszugehen, daß bei diesem Ereignis im Durch­schnitt in deutlich geringerem Maße Streß erlebt wird wie ver­gleichsweise bei einer Scheidung / Trennung.

Primär von Belang sind bei diesem Lebensereignis Kognitio­nen bzw. Erwartungen an zukünftige Ereignisse und deren antizi­pierte Folgen (Wine, 1980). Prüfungen stellen eine öffentliche Bewertung der eigenen Person dar, womit eine Bedrohung des Selbstkonzepts verbunden ist. Die öffentliche Befangenheit wird vergrößert und die eigene Selbstwirksamkeit in Frage gestellt (R. Schwarzer & Jerusalem, 1989). Die Reaktionen auf Tests las­sen sich so statt als Prüfungsangst besser als Spezialfall ei­ner allgemeinen Bewertungs-Ängstlichkeit beschreiben (Wine, 1980). Es ist ferner davon auszugehen, daß der subjektiv erleb­te Streß im allgemeinen nicht nach, sondern vor dem eigentli­chen Eintritt des Stressors und zu Beginn des Streßereignisses auftritt (Röhrle, Linkenheil & Graf, 1990).

In der Forschung konnten dabei unter dem Stressor Prüfung bzw. Test empirisch zwei Faktoren der Prüfungsangst identifi­ziert werden: 1. eine mit physiologischer Erregung verbundene emotionale Komponente, die als Emotionalität bezeichnet wird, und 2. eine kognitive Komponente, die Besorgtheit genannt wird (Deffenbacher, 1980; Wine, 1971, 1980). Emotionalität bezeich­net die affektiv-physiologische Erfahrung der erhöhten autono­men Erregung, während Besorgtheit aufgabenirrelevante, auf die eigene Person zentrierte Kognitionen wie Gedanken an die Lei­stung, Konsequenzen des Scheiterns, negative Selbstbewertung sowie die Bewertung des eigenen Könnens relativ zu anderen um­faßt. Empirisch variiert Emotionalität mit der zeitlichen Nähe der Prüfung und Hinweisreizen, die den Beginn des Tests signa­lisieren. Besorgtheit variiert dagegen mit Hinweisreizen, die ein mögliches Scheitern anzeigen.

Besorgtheit ist korreliert mit Emotionalität und stellt von beiden die wichtigere Komponente unter dem Stressor Prüfung dar (Deffenbacher, 1980). Besorgtheit ist ferner korreliert mit niedriger Leistungserwartung und schlechterer Leistung bzw. schlechteren Noten in der Prüfung. Während Emotionalität unmit­telbar vor und zu Beginn der Prüfung ansteigt, ist die Kompo­nente Besorgtheit bereits mehrere Tage bis einer Woche vor der Prüfung deutlich erhöht. Die physiologische Erregung ist bei hoch und niedrig ängstlichen Personen gleich. Niedrig Ängstli­che richten ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die eigentli­che Aufgabe, während hoch Ängstliche ihre Aufmerksamkeit ver­teilen auf die Aufgabe und sich selbst bzw. ihre innere Wahr­nehmung (Holroyd & Appel, 1980; Wine, 1980).

Besonders Kognitionen an das antizipierte zukünftige mög­liche Nichtbestehen oder auch Bestehen der Prüfung sind mit ei­nem hohen Maß an Selbstwertbedrohung gekennzeichnet (R. Schwar­zer, 1987) und können durch die kognitive Interferenz Lei­stungsstörungen zur Folge haben, die besonders die Leistung in der Prüfung negativ beeinträchtigen (I.G. Sarason, 1984; I.G. Sarason, B.R. Sarason, Keefe, Hayes & Shearin, 1986).

Als teilweise konkurrierendes Modell zur kognitiven Inter­ferenz steht die Auffassung, daß Test-Ängstlichkeit unmittelbar vor und in der Prüfung durch ineffektive Studierverhaltenswei­sen bestimmt wird, die durch erniedrigte Aufgabeninvolviertheit wie vermindertes Engagement in Lernaktivitäten und Vermei­dungstendenzen zu Defiziten im Lernen während der Vorberei­tungszeit führen (Hodapp & Henneberger, 1983). Die Wichtigkeit der Lernvorbereitung auf einen Test ist unmittelbar einleuch­tend. Beide Modelle haben eine gewisse Plausibilität und dürf­ten bis zu einem gewissen Grade zutreffend sein. Welches der beiden Modelle eher zutrifft, kognitive Interferenz oder Aufga­beninvolviertheit, und wie die beiden Faktoren in Beziehung zu­einander stehen, scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht genauer geklärt zu sein. So kann z.B. auch gezeigt werden, daß Test-Ängstlichkeit und Bemühen im Tagesverlauf variieren (A.P. Smith, 1985).

2.3 Soziale Unterstützung

2.3.1 Die Konzeptualisierung von sozialer Unterstützung

In der Forschung über individuelle Unterschiede als Mode­ratoren des Streßverarbeitungsprozesses wurde jenem Aspekt in­dividueller Differenzen die größte Aufmerksamkeit zuteil, der in der Literatur zumeist mit den Begriffen „soziale Unterstüt­zung“, „soziales Netzwerk“, „sozialer Rückhalt“ oder „social support“ umschrieben wird (z.B. Berkman & Syme, 1979; R.D. Caplan, 1972; S. Cohen & Hoberman, 1983; Dean & Lin, 1977; Hel­ler, 1979; Henderson, 1977; Henderson, Byrne & Duncan-Jones, 1981; Keupp & Röhrle, 1987; Kobasa & Puccetti, 1983; I.G. Sara­son et al., 1994; siehe Überblicke bei S. Cohen & Syme, 1985a; Cutrona, 1996a; Gottlieb, 1988; Laireiter, 1993; Pierce et al., 1996; Röhrle, 1994; I.G. Sarason & B.R. Sarason, 1985a; B.R. Sarason, I.G. Sarason & Pierce, 1990a; R. Schwarzer & Leppin, 1989; Veiel & Baumann, 1992a). Dabei wird i.a. implizit von der Annahme ausgegangen, daß soziale Beziehungen hilfreich und pro­blemlösend die Anpassung an streßreiche Lebensereignisse er­leichtern und auf diese Weise die Verwundbarkeit für streß-bezogene Störungen des psychophysischen Befindens vermindern (Rook, 1985).

Die Bezeichnung für den umrissenen Forschungsbereich, um den es sich hier handelt, ist nicht klar festgelegt (z.B. R. Schwarzer & Leppin, 1989). Am weitesten Verbreitung und den größten Bekanntheitsgrad hat im deutschen Sprachraum der Aus­druck „soziale Unterstützung“ gefunden. Aus diesem Grund wird er im Verlauf dieser Arbeit in der Regel verwendet.

Im Laufe der mittlerweile seit 25 Jahren durchgeführten Forschungen über soziale Unterstützung wurden zahlreiche unter­schiedliche Konzeptualisierungen erstellt (z.B. Antonucci & Depner, 1982; G. Caplan, 1974; Cobb, 1976; S. Cohen & McKay, 1984; S. Cohen & Syme, 1985b; Hobfoll et al., 1992; House, 1981; Laireiter & Baumann, 1992; Moos & Mitchell, 1982; B.R. Sarason, Shearin, Pierce & I.G. Sarason, 1987; Shumaker & Brownell, 1984; Sommer & Fydrich, 1989, 1991; Thoits, 1982, 1985; Wilcox & Vernberg, 1985; Wills, 1985; Wortman & Conway, 1985).

Eine sehr allgemeine Definition von sozialer Unterstützung lautet: „Social support is defined as the resources provided by other persons.“ (S. Cohen & Syme, 1985b, p. 4). Die Autoren er­klären also soziale Unterstützung als die Ressourcen oder Hilfsquellen, die von anderen Personen geliefert werden. So­ziale Unterstützung kann nach dieser Definition aus Informatio­nen oder materiellen Dingen bestehen und sowohl positive als auch negative Folgen haben. Eingeschlossen sind darin sowohl beobachtbare, objektiv vorhandene als auch nicht beobachtbare, subjektiv wahrgenommene Aspekte von sozialer Unterstützung.

Im folgenden wird in Anlehnung an das COR-Modell (Hobfoll et al., 1992) eine eigene Definition vorgeschlagen. Soziale Un­terstützung wird allgemein definiert als „eine Interaktion bzw. Kommunikation, die von anderen Personen ausgehend, real und / oder aus Sicht des Empfängers wahrgenommen, einen Gewinn oder einen Entwicklungsschub oder die Abwehr einer Bedrohung von wertgeschätzten Objekten, Eigenschaften, Zuständen oder Ener­gien beim Empfänger fördert oder herbeiführt“. Dabei kann der Geber die Wirkung der Interaktion bzw. Kommunikation auf den Empfänger beabsichtigen oder nicht intendieren.

In einer älteren Definition von G. Caplan (1974) wurde so­ziale Unterstützung aufgefaßt als Lieferung von Rückmeldung, Wertschätzung, materiellen Gegenständen und als Stärkung der unterstützten Person zur Beherrschung der Umwelt. In neueren Arbeiten werden eher andere Aspekte betont, wie soziale Inte­gration, Bindung an wichtige andere Menschen in der Lebensspan­ne (Mikulincer & Florian, 1997; Ptacek, 1996) und soziale Un­terstützung als stabiles individuelles Persönlichkeitsmerkmal in der Form eines erworbenen „Sinns für Akzeptanz“ (sense of acceptance; B.R. Sarason et al., 1987; B.R. Sarason, Pierce & I.G. Sarason, 1990; I.G. Sarason, B.R. Sarason & Pierce, 1992).

In ähnlicher Weise zu berücksichtigende Aspekte von sozia­ler Unterstützung können auch unter Heranziehen des COR-Modells gefolgert werden (Hobfoll et al., 1992). Danach ist zum einen in Betracht zu ziehen, daß soziale Unterstützung ein bedeuten­der Einflußfaktor ist, durch den die Verfügbarkeit von Ressour­cen für Menschen über das vorhandene eigene Niveau hinaus er­weitert wird. Zum anderen haben aus sozialen Bindungen entstam­mende soziale Ressourcen die wichtige Funktion, die eigenen Selbstkonzepte bzw. die eigene Identität zu finden, zu schützen und zu erhalten.

Die verschiedenen Forschergruppen entwickelten jeweils ih­re eigenen Konzeptionen, die sich zum Teil ähneln. Die einzel­nen Konzeptionen stellen jedoch auch grundsätzlich unterschied­liche Standpunkte über soziale Unterstützung dar. So existieren z.B. Konzeptualisierungen als objektive Netzwerkmaße (Berkman & Syme, 1979), als tatsächlich gegebene soziale Unterstützung (Barrera, Sandler & Ramsey, 1981) oder als vom Empfänger sub­jektiv wahrgenommene soziale Unterstützung (I.G. Sarason, H.M. Levine, Basham & B.R. Sarason, 1983; Sommer & Fydrich, 1989).

Es handelt sich somit nicht um ein einheitliches, enges, sondern um ein heterogenes, globales Konstrukt, das unter dem Begriff soziale Unterstützung subsumiert wird. So wird auch in neuerer Zeit gefordert, die Konzeptualisierung von sozialer Un­terstützung genauer zu klären, das Konzept aufzuspalten, und statt eines globalen, mehrere eng umrissene, klarer definierte Konstrukte von sozialer Unterstützung zu schaffen und zu ver­wenden (Barrera, 1986; Laireiter & Baumann, 1992; O’Reilly, 1988; B.R. Sarason, I.G. Sarason & Pierce, 1990b; R. Schwarzer & Leppin, 1989; Thoits, 1992; Veiel & Baumann, 1992b).

Konzeptionell unterteilen lassen sich unter dieser Prä­misse soziale Integration (soziale Einbettung, Partizipation und Involviertheit im sozialen Leben mit Gütern und Werten in­klusive den Zugriff auf die sozialen Ressourcen und Unterstüt­zungssysteme), soziales Netzwerk (gesamtes und partielles Netz­werk mit Knoten und ihren wechselseitigen Verbindungen), Netz­werkquellen (Unterstützungsnetzwerk, an das sich eine Person für Unterstützung routinemäßig wendet), unterstützende Umgebung (unterstützendes Klima mit interpersonaler Kohäsion, Invol­viertheit, Ausdrucksfähigkeit und einem geringem Anteil an Kon­flikt), sich tatsächlich abspielende (gegebene und empfangene) soziale Unterstützung und wahrgenommene soziale Unterstützung (bestehend aus Kognition bzw. Verfügbarkeit von Unterstützung und Evaluation bzw. Zufriedenheit von Unterstützung; Laireiter & Baumann, 1992; B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b).

Auch wurde, nachdem die einzelnen Konzepte zunächst zusam­menhanglos nebeneinander standen, in jüngerer Zeit damit begon­nen, eine vergleichende Untersuchung von verschiedenen Konzep­tionen durchzuführen (Dunkel-Schetter & Bennett, 1990; Lairei­ter & Baumann, 1992; B.R. Sarason et al., 1987) oder verschie­dene Konzeptualisierungen zusammenzuführen (Hobfoll et al., 1992). Allgemein wird die Notwendigkeit einer leitenden Theorie gesehen, die zu einem Verständnis der Mechanismen, die soziale Unterstützung einerseits und psychophysiologisches Befinden an­dererseits betreffen, führen (Cutrona & Russell, 1990; B.R. Sa­rason, I.G. Sarason et al., 1990b; Veiel & Baumann, 1992b).

In die Konzeptualisierung von sozialer Unterstützung gehen zumeist zwei unbewiesene Annahmen ein. Die eine ist, daß so­ziale Unterstützung in spezifischen, beobachtbaren Transaktio­nen abgewickelt wird, und die zweite, daß soziale Unterstützung ein unipolares Konstrukt sei (Coyne, Ellard & D.A.F. Smith, 1990).

Ein Aspekt der Konzeption von psychologisch-inhaltlichen Modellen von Unterstützung ist, ob soziale Unterstützung als eindimensionales, globales (Cobb, 1976; B.R. Sarason et al., 1987) oder als mehrdimensionales, funktionales Konstrukt (S. Cohen & McKay, 1984; Hobfoll et al., 1992) aufgefaßt wird. Au­toren, die die Auffassung vertreten, daß soziale Unterstützung ein eindimensionales Konstrukt ist, gehen zumeist davon aus, daß emotionale Unterstützung den Hauptbestandteil der Konzep­tion ausmacht, wie z.B. B.R. Sarason et al. (1987), für die das Gefühl, von anderen geliebt und akzeptiert zu werden, sowie sich in Beziehungen zu befinden, in welchen die Kommunikation offen ist, der entscheidende Aspekt von sozialer Unterstützung ist.

Konstrukte der Mehrdimensionalität basieren zumeist auf Intuition und allgemeinem Verständnis und selten auf elabo­rierte wissenschaftliche Theorien oder empirische Daten bzw. Faktorenanalysen (Peplau, 1985). Sie können in der Regel nach den folgenden Arten oder Komponenten von sozialer Unterstützung unterschieden werden: Instrumentelle Unterstützung (materielle Unterstützung; materielle, finanzielle oder praktische Hilfe), informationelle Unterstützung (Ratschläge; Vermittlung von Wis­sen; Hilfe beim Problemlösen), Einschätzungs-Unterstützung (Be­wertungs-Unterstützung; Unterstützung durch Wertschätzung; In­formationen über das eigene Verhalten), emotionale Unterstüt­zung (positive Gefühle, Nähe und Vertrauen erleben; Unterstüt­zung für das Selbstwertgefühl; einen positiven Vergleich mit anderen ziehen; Gefühl der Zugehörigkeit erleben; Gefühl des Rückhalts; Gefühl der Akzeptanz), Unterstützung durch soziale Integration (Zugehörigkeits-Unterstützung; Zusammensein; ge­meinsame Aktivitäten; positiver sozialer Kontakt; Übereinstim­mung von Lebensvorstellungen und Werten) und Status-Unterstüt­zung (Unterstützung, die Sicherheit durch soziale Rollenzu­schreibung, die von anderen Personen kommt, vermittelt; S. Co­hen & McKay, 1984; Cutrona & Russell, 1990; R. Schwarzer & Lep­pin, 1989; Sommer & Fydrich, 1989; Wills, 1985). Überschneidun­gen der einzelnen Unterstützungsarten sind bei einer solchen Aufteilung nahezu zwangsläufig gegeben, was nicht als Nachteil angesehen werden muß.

Zwei weitere Aspekte des Konstrukts Unterstützung werden in neuerer Zeit in der Forschungsliteratur in Bezug auf soziale Beziehungen stärker betont: Soziale Belastung und Reziprozität der sozialen Unterstützung (Graebe, 1991). Den Kontrapunkt zum Nutzen der sozialen Unterstützung bildet die Dimension der Ko­sten von sozialen Beziehungen in Form des Antipoden „soziale Belastung“ bzw. „sozialer Streß“ (Harris, 1992; R.M. Kaplan & Toshima, 1990; Kessler, McLeod & Wethington, 1985; Laireiter & Lettner, 1993; Lettner, Sölva & Baumann, 1996; Rook, 1985, 1992; Sommer & Fydrich, 1989).

Soziale Belastung ist von bloßer fehlender sozialer Unter­stützung zu unterscheiden (Sommer & Fydrich, 1989). Dabei scheint es zweckmäßig zu sein, soziale Unterstützung und sozia­le Belastung als zwei unabhängige Dimensionen zu betrachten (Beach, J.K. Martin, Blum & Roman, 1993; Lettner et al., 1996). Der Einfachheit halber wird im folgenden in vielen Fällen al­lein „Unterstützung“ erwähnt, wenngleich Unterstützung und Be­lastung gemeint sind.

In der Literatur finden sich an einigen Stellen inhaltli­che Beschreibungen von sozialer Belastung (Minuchin, 1974; Rook, 1985; Sommer & Fydrich, 1989). Im allgemeinen werden un­ter sozialer Belastung Komponenten von sozialen Beziehungen wie Kontrolle, Einengung, Kritik, Abwertung, Zurückweisung, Über­forderung, Überbehütung, Distanzlosigkeit, Unwille der Gabe von Unterstützung, Verletzung der Privatsphäre, Vertrauensbruch, Ausbeutung, Unterstützung bei impliziter Verpflichtung zur Ge­genleistung oder ambivalente Gabe von Unterstützung in Kombi­nation mit starkem Druck in Richtung psychischer Konformität mit Androhung von Ausschluß und Isolation subsumiert.

Auf dieser Grundlage soll eine explizite Definition von sozialer Belastung in Anlehnung an das COR-Modell (Hobfoll et al., 1992) unternommen werden. Soziale Belastung wird definiert als „eine Interaktion bzw. Kommunikation, die von anderen Per­sonen ausgehend, real und / oder aus Sicht des Empfängers wahr­genommen, einen Verlust oder eine Entwicklungshemmung oder eine Bedrohung von wertgeschätzten Objekten, Eigenschaften, Zustän­den oder Energien beim Empfänger fördert oder herbeiführt“. Da­bei kann der Geber die Wirkung der Interaktion bzw. Kommunika­tion auf den Empfänger beabsichtigen oder nicht intendieren.

Die Gabe von sozialer Unterstützung kann dysfunktionales Rollenverhalten oder Abhängigkeit des Empfängers verstärken (DiMatteo & R. Hays, 1981) oder sein gesundheitsgefährdendes Verhalten verstärken (Burg & Seeman, 1994). Die Wahrnehmung von sozialer Unterstützung kann beim Empfänger zu Gefühlen der Schuld und Schande führen (J.D. Fisher, Nadler & Whitcher-Alag­na, 1982; E. Walster, G.W. Walster & Berscheid, 1978) oder bei Unangepaßtheit der vom Geber gutgemeinten Unterstützung den Di­streß des Empfängers intensivieren (Cutrona & Russell, 1990; Wortman & Dunkel-Schetter, 1979; Wortman & Lehmann, 1985). Um hilfreich zu sein muß eine Passung von sozialer Unterstützung und Streß gegeben sein (Cutrona & Russell, 1990; Röhrle, 1994, Kap. 4.4).

Als Extremfall sozialer Belastung kann das in neuester Zeit öffentlich stark diskutierte „Mobbing“ (Leymann, 1993; Zu­schlag, 1997) angesehen werden. Darunter versteht man konflikt­belastete zwischenmenschliche Interaktion bzw. Kommunikation (vornehmlich am Arbeitsplatz), bei der die angegriffene Perso­nen unterlegen ist und von einem oder mehreren anderen Personen systematisch und über längere Zeit (mindestens einmal pro Wo­che, ein halbes Jahr lang) mit dem Ziel und / oder dem Effekt des sozialen Ausstoßes angegriffen wird (Leymann, 1993). Inso­fern dürften also fließende Übergänge vom Bereich sozialer Un­terstützung über soziale Belastung und soziale Konflikte zum Bereich von allgemeinen Mikrostressoren gegeben sein. Es ergibt sich, daß für zukünftige Forschung eine kombinierte Analyse von Unterstützung und Belastung zu fordern ist (Fydrich, Scheib & Sommer, 1988; Rook, 1992; Schuster, Kessler & Aseltine, 1990; Sommer & Fydrich, 1989).

Als zweiter Aspekt rückt der Gesichtspunkt der Reziprozi­tät der sozialen Unterstützung, also neben dem Nehmen zusätz­lich das Geben, verstanden im Kontext von normalem Rollenver­halten, stärker in das Forschungsinteresse (Antonucci & J.S. Jackson, 1990; Heller, R.H. Price & Hogg, 1990; siehe Überblick bei Bierhoff, 1998, Kap. II.3). Neben der Perspektive der Ge­genseitigkeit, dem stärkeren Fokus auf den Geber, der Adäquat­heit der Unterstützung für den Empfänger, Gründe für mögliche Fehlschläge von Unterstützung bei Geber und Empfänger und den Kosten der Lieferung von sozialer Unterstützung für den Geber betreffen diese Gesichtspunkte weiterhin auch die Differenzie­rung der Wahrnehmung von Unterstützung bei Geber und Nehmer (Rook, 1992; Harris, 1992). Dies betrifft nicht nur die unter­schiedlichen Perspektiven, Wahrnehmungen und Bewertungen von Unterstützungshandlungen (Antonucci & Israel, 1986). So kann z.B. empfangene soziale Unterstützung zu einem als unangenehm erlebten Spannungszustand, zur Bedrohung des Selbstwerts und zu Gefühlen der Schuld und Schande führen, wenn der Empfänger nicht selbst soziale Unterstützung geben kann oder bereits ge­geben hat (Buunk, Doosje, Jans & Hopstaken, 1993; J.D. Fisher et al., 1982; E. Walster et al., 1978).

Die Auffassung von der Mehrdimensionalität von sozialer Unterstützung wird in Theorien zumeist vertreten. Sie wurde je­doch in der Praxis in der Vergangenheit oft nicht entsprechend umgesetzt (S. Cohen & Wills, 1985; R. Schwarzer & Leppin, 1989). In neuerer Zeit scheint sich jedoch die Auffassung von der Mehrdimensionalität durchzusetzen (z.B. Cutrona & Russell, 1990). Empirisch gibt es sowohl Belege für die Auffassung der Eindimensionalität (M.A. Brown, 1986; B.R. Sarason et al., 1987) wie auch für diejenige von der Mehrdimensionalität (S. Cohen & Wills, 1985; Dunkel-Schetter, Folkman & Lazarus, 1987).

Einige Autoren gehen noch einen Schritt weiter und vertre­ten explizit ein Stressor-Spezifitäts-Modell der sozialen Un­terstützung. Das Stressor-Spezifitäts-Modell beinhaltet, daß ganz bestimmte Arten von sozialer Unterstützung zu bestimmten streßreichen Ereignissen passen müssen, um zu nützen (Argyle, 1992; S. Cohen & McKay, 1984; S. Cohen, 1992; Cutrona & Rus­sell, 1990; Röhrle, 1994, Kap. 4.4; Wilcox & Vernberg, 1985; Wills, 1985). Für dieses Modell gibt es ebenfalls zahlreiche Belege (S. Cohen & Hoberman, 1983; S. Cohen et al., 1986; Cu­trona & Russell, 1990; Kobasa & Pucetti, 1983).

Obendrein können mehrere verschiedene Komponenten von so­zialer Unterstützung im Verlauf eines Stressors zu unterschied­lichen Zeiten passend sein (Cutrona & Russell, 1990; Röhrle, 1994, Kap. 4.4). So kann unmittelbar nach dem Verlust einer en­gen sozialen Beziehung ein besonders hoher Bedarf an emotiona­ler Unterstützung bestehen, während im späteren Verlauf eher informationelle oder finanzielle Unterstützung gebraucht wird. Diese Argumente sprechen für eine mehrdimensionale Konzeptua­lisierung von sozialer Unterstützung.

Daneben gibt es als weiteren Forschungsbereich, der mit soziale Unterstützung eng verwandt ist, das theoretische Kon­strukt der „Kameradschaft“. Soziale Unterstützung wird eher auf ein konkretes Ziel gerichtet und als Hilfe zur Problemlösung oder Streßbewältigung angesehen. Im Unterschied dazu wird Ka­meradschaft eher als frei bzw. spontan motiviert und als weni­ger zweckgebunden verstanden. Kameradschaft umfaßt z.B. gemein­same Freizeitaktivität, private Späße und Rituale sowie spiele­rische, unzensierte Spontaneität. Empirisch wurden nur höch­stens mittelmäßige Korrelationen zwischen Maßen für soziale Un­terstützung und solchen für Kameradschaft gefunden (Rook, 1990).

Schließlich existiert im Wissenschaftsbereich der Soziolo­gie der Aspekt der „sozialen Isolation“ (Durkheim, 1897 / 1951). Hierbei wird die Perspektive der Regulation des Verhal­tens durch soziale Beziehungen einschließlich Hemmung von ab­weichendem Sozialverhalten, Veranlassung von Rollenverhalten und gesundheitsfördernden habituellen Verhaltensweisen betont. Im Unterschied zu der Auffassung über Rückmeldung im Kontext sozialer Unterstützung wird Regulation in der soziologischen Isolationstheorie nicht notwendigerweise zur Problemlösung ver­standen und muß auch nicht bestätigend gegeben werden, um vor­teilhaft für den Empfänger zu sein (Rook, 1985).

2.3.2 Die Operationalisierung von sozialer Unterstützung: Entwicklung von diagnostischen Instrumenten

Eng in Zusammenhang mit der Konzeptualisierung von sozia­ler Unterstützung steht deren Operationalisierung in Meßinstru­mente. Diese ist, der Vielfältigkeit der Konzeptionen entspre­chend, breit gefächert (siehe Überblicke über Meßverfahren bei Barrera, 1986; Bruhn & Philips, 1984; House & Kahn, 1985; Pfingstmann & Baumann, 1987; Sommer & Fydrich, 1989; Tardy, 1985; Vaux, 1988, 1992). Die drei Hauptunterscheidungskatego­rien sind die Konzeptionen in soziale Netzwerkmaße, in tatsäch­lich sich abspielende (empfangene oder gegebene) Unterstützung und in subjektiv wahrgenommene Unterstützung (House & Kahn, 1985; B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b; R. Schwarzer & Leppin, 1989).

Soziale Netzwerkmaße sind relativ objektiv. Sie analysie­ren die Struktur des sozialen Netzwerks, entwerfen eine weite Bandbreite sozialer Kontakte und Beziehungen, und sie erfassen neben der Zentralperson auch das Netz der Beziehungen der Rand­personen (House & Kahn, 1985). Die bloße Existenz eines sozia­len Netzwerks bedeutet jedoch noch nicht, daß dieses Netzwerk unterstützend ist, oder daß die Unterstützung des Netzwerks größer ist als die Belastung durch Konflikte in denselben Be­ziehungen (B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b).

Unterschieden werden können Netzwerkkonzeptionen und die daraus abgeleiteten Operationalisierungen in Maße für soziale Integration, die die bloße Präsens von anderen Personen erfas­sen und in Begriffe der Existenz oder Quantität von sozialen Beziehungen gefaßt sind (z.B. Familienstand, Anzahl der Freun­de, Häufigkeit der Sozialkontakte etc.), in Maße für das sozia­le Netz, die in Begriffe der objektiven Struktur des sozialen Netzwerks gefaßt sind (z.B. Größe, Dichte, Reziprozität etc.), und in Maße, die in Begriffe des spezifischen funktionalen In­halts von Beziehungen bzw. Interaktionen oder der funktionalen Verfügbarkeit gefaßt sind (z.B. „Haben Sie jemand, mit dem Sie dieses Problem besprechen können?“).

Maße, die die Existenz oder Quantität der sozialen Bezie­hungen oder eine Art sozialen Netzwerkindex (B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b) erfassen, sind relativ objektiv, im all­gemeinen einigermaßen reliabel, und sie sind leicht zu erstel­len (House & Kahn, 1985). Sie tendieren in geringerem Maße da­zu, mit anderen Variablen wie Streß oder Gesundheit konfundiert zu sein. In Untersuchungen konnten Beziehungen solcher Maße zu Gesundheitsvariablen ermittelt werden (z.B. Berkman & Syme, 1979; House, Robbins & Metzner, 1982). Andererseits sind sie recht primitive Maße für die Erforschung der sozialen Welt ei­nes Individuums (House & Kahn, 1985). Der ermittelte Zusammen­hang zwischen Netzwerkmaßen (z.B. Fragebogen zum sozialen Netz­werk und zur Sozialen Unterstützung „SONET“, Baumann, Lairei­ter, Pfingstmann & Schwarzenbacher, 1987; Social Network List „SNL“, Stokes, 1983) einerseits und Maßen der Verfügbarkeit oder Adäquatheit andererseits sind nur gering (Seeman & Berk­man, 1988). Ebenso sind die Zusammenhänge von Netzwerkmaßen zu Wohlbefinden und psychischen Störungen klein (Lakey & C.J. Lutz, 1996).

Auch für die Maße der objektiven Netzwerkstruktur konnten Verbindungen zu Gesundheitsmaßen herausgefunden werden (Haines & Hurlbert, 1992; Israel, 1982), doch ist der ermittelte empi­rische Zusammenhang eher gering. Die empirische Nützlichkeit solcher Maße ist geringer als diejenige der bloßen Existenz oder der Quantität der sozialen Beziehungen. Die Effektivität des Aufwands im Vergleich zum Nutzen einer Netzwerkanalyse ist noch nicht belegt, und die Validität der durch die Zentralper­son gelieferten Netzwerkdaten ist auch noch nicht ermittelt worden (House & Kahn, 1985). Ein grundsätzliches Problem ist der Mangel an Informationen über die Reliabilität solcher Netz­werkmaße (O’Reilly, 1988). Insgesamt konnte die Nützlichkeit der sozialen Netzwerkanalyse für die Beziehung zwischen sozia­ler Unterstützung und psychophysiologischem Befinden bisher nicht überzeugend belegt werden (B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b).

Eine weitere Konzeptualisierung und meßmethodische Umset­zung von sozialer Unterstützung ist die Kategorie der objektiv-tatsächlich sich abspielenden Unterstützungshandlungen. Diese Konzeption läßt sich unterscheiden in gegebene Unterstützung aus Sicht des Unterstützungsgebers und erhaltene Unterstützung aus Sicht des Unterstützungsempfängers. Empirische Ergebnisse zeigen, daß Messungen von gegebener Unterstützung und empfange­ner Unterstützung nicht zu identischen Ergebnissen führen. Das Ausmaß der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit ausgedrückt im Grad der Übereinstimmung der Angaben von Gebern und Empfängern von tatsächlich gegebener Unterstützung liegt bei 50 bis 60 Prozent (Antonucci & Israel, 1986). Ferner ist das Ausmaß an tatsächlich empfangener Unterstützung oft mit Streß positiv korreliert (z.B. S. Cohen & Hoberman, 1983; Sandler & Barrera, 1984). Zurückgeführt werden kann dies auf die Wahrnehmungen von Unterstützern, daß ein Individuum unter Streß Hilfe benötigt, wonach Unterstützung dann gegeben wird, also dem sogenannten Mobilisierungseffekt (B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b; R. Schwarzer & Leppin, 1992). Mit wahrgenommener Verfügbarkeit von sozialer Unterstützung schließlich steht tatsächlich em­pfangene soziale Unterstützung nur in geringem Zusammenhang (Lakey & C.J. Lutz, 1996; McCormick, Siegert & Walkey, 1987; Norris & Kaniasty, 1996; siehe Überblick bei Dunkel-Schetter & Bennett, 1990).

Konzeptualisierungen, die tatsächliche Unterstützung bein­halten, sind seltener und werden in der Regel durch Befragung des Individuums nach in der Vergangenheit vergebener oder er­haltener Unterstützung gebildet (Wilcox & Vernberg, 1985). For­scher, die die Messung tatsächlicher und damit objektiver Un­terstützung befürworten (z.B. Henderson et al., 1981; Hender­son, Duncan-Jones, Byrne & Scott, 1980), argumentieren, daß bei einer Konzeption von subjektiv wahrgenommener Unterstützung in­dividuelle Unterschiede mit eingehen und das Maß verzerren. Aus pragmatischen Gründen ist jedoch eine operationale Definition tatsächlicher sozialer Unterstützung problematisch, weil durch das Befragen der Person doch subjektive Momente mit eingehen (Wilcox & Vernberg, 1985). Auch tatsächliche Unterstützung ist über den Geber und / oder Empfänger und damit subjektiv defi­niert. Eine objektive Definition wäre höchstens über Resultate der sozialen Unterstützung wie z.B. psychisches Befinden oder die Beobachtung und Registrierung von Unterstützungshandlungen durch einen „neutralen“ Forscher möglich. Hinzu kommt die Unge­nauigkeit, die durch das meist rückschauende Abfragen vergange­ner Ereignisse mit in das Maß eingeht. Insofern ist es einfa­cher, ein Maß der wahrgenommenen sozialen Unterstützung zu ent­werfen, als ein Maß, das die tatsächliche Unterstützung erfaßt.

Zumeist wurde Unterstützung in der Vergangenheit als sub­jektiv wahrgenommene Unterstützung konzeptualisiert (z.B. S. Cohen & Hoberman, 1983; I.G. Sarason et al., 1983; Sommer & Fydrich, 1989). Fürsprecher einer Konzeptualisierung, die wahr­genommene soziale Unterstützung beinhaltet (z.B. Sommer & Fyd­rich, 1989; R.J. Turner, 1981), vertreten die Ansicht, daß der kognitive Verarbeitungsprozeß des Individuums, also die Inter­pretation der Umwelt durch das Individuum, das Hauptmittel ist, mit dem soziale Unterstützung Streß und dessen Bewältigung be­einflußt. Soziale Unterstützung wird in diesem Fall als Ergeb­nis der Interaktion des Netzwerkverhaltens und der kognitiven Einschätzung einer Person aufgefaßt (B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b; R. Schwarzer & Leppin, 1989; Sommer & Fydrich, 1989).

Noch einen Schritt weiter geht die Auffassung von B.R. Sa­rason und Kollegen (B.R. Sarason, Pierce et al., 1990; I.G. Sa­rason, B.R. Sarason & Shearin, 1986), wahrgenommene soziale Un­terstützung in erster Linie als eine Persönlichkeitseigenschaft zu deuten und als „Sinn für Akzeptanz“ (sense of acceptance) zu bezeichnen. Für diese Auffassung existieren empirische Belege (Lakey & C.J. Lutz, 1996): So ist wahrgenommene soziale Unter­stützung höher mit Persönlichkeitsvariablen korreliert als mit Aspekten der sozialen Umwelt (Lakey & Cassidy, 1990), ist so stabil wie eine traditionelle Persönlichkeitsvariable (I.G. Sa­rason, B.R. Sarason & Shearin, 1986) und ist mit Voreingenom­menheit bei der Interpretation von sozialen Informationen ver­bunden (Lakey & Cassidy, 1990). In einer neuen Studie konnte gezeigt werden, daß die Beurteilung der Wahrnehmung von sozia­ler Unterstützung von Charakteristiken der sozialen Umwelt bzw. des Gebers, des Empfängers und vor allem der Interaktion von beiden abhängt (Lakey, McCabe, Fisicaro & Drew, 1996). Die Ähn­lichkeit zwischen Geber und Empfänger scheint für die Unter­stützungsbeurteilung des Empfängers von Unterstützungshandlun­gen von großer Bedeutung zu sein (Lakey & C.J. Lutz, 1996).

Maße für wahrgenommene soziale Unterstützung können kate­gorisiert werden in die Dimensionen Verfügbarkeit versus Zu­friedenheit, globale Verfügbarkeit von Unterstützung versus Aufzählung von Unterstützern in Situationen mit folgendem Sum­mieren über Situationen bzw. Aufzählung von Situationen mit Un­terstützern mit folgendem Summieren über Unterstützer, allge­meiner Status des Auftretens versus potentieller Verfügbarkeit bei Notwendigkeit und einzelne Funktionen versus einem globalen Faktor (z.B. S. Cohen & Hoberman, 1983; Henderson et al., 1981; I.G. Sarason et al., 1983; siehe Überblick bei Sommer & Fyd­rich, 1989).

Die Angaben über den Zusammenhang zwischen Maßen für Ver­fügbarkeit von sozialer Unterstützung und Maßen der Zufrieden­heit differieren recht stark. Sie reichen von einer geringen Korrelation (r =.30 bis .40; B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b) bis zu einer mittleren bis hohen Korrelation (i.a. r =.39 bis .88; Sommer & Fydrich, 1989). Globale Maße der Verfügbar­keit, Summen-Scores von Unterstützern über Situationen und Sum­men-Scores von Situationen über Unterstützer sind alle drei un­tereinander nur gering bis mittelmäßig miteinander korreliert, so daß nicht davon ausgegangen werden kann, daß die drei Maße dasselbe Phänomen erfassen (B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b).

Einige Autoren behaupten, daß ein globales Maß der Verfüg­barkeit von wahrgenommener Unterstützung mit Persönlichkeits­variablen wie z.B. Einsamkeitsempfinden konfundiert sind (Cu­trona & Russell, 1990; B.R. Sarason, Pierce et al., 1990; B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b). Bei Erfassung als allge­meinen Status der Verfügbarkeit könnte es sich in Wirklichkeit wiederum um die Erfassung eines stabilen Persönlichkeitsmerk­mals handeln, während es sich bei der Erfassung der potentiel­len Verfügbarkeit eher um ein auf Erfahrung beruhendes Maß han­deln könnte (B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b). Die Konzeption als Generalfaktor führt zu dem Konstrukt, welches als „Sinn für Akzeptanz“ (sense of acceptance; B.R. Sarason, Pierce et al., 1990) bezeichnet werden kann, während der funk­tionale Ansatz der Erfassung von wahrgenommener sozialer Unter­stützung oft zu korrelierten Subskalen führt, jedoch darüber hinaus zur Prüfung der Puffer-Hypothese von sozialer Unterstüt­zung geeignet ist (B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b).

Nachteilig könnte sein, daß Konzeptionen der wahrgenomme­nen Unterstützung Gefahr laufen, aufgrund von Stimmungen der befragten Person Antwortverzerrungen ausgesetzt zu sein, wofür empirische Hinweise gefunden wurden (L.H. Cohen, Towbes & Flocco, 1988). Ein weiterer Kritikpunkt an einem auf die sub­jektive Wahrnehmung des Individuums zentrierten Konzept von Un­terstützung ist das Problem der Vernachlässigung des interak­tionalen Kontexts (Coyne & DeLongis, 1986). Soziale Aspekte des Bewältigungsprozesses von Streß im Sinne der Systemtheorie (Boulding, 1968), unter die auch soziale Unterstützung einge­ordnet werden kann, werden ausgeklammert.

Nach Wilcox und Vernberg (1985) zeigt die empirische Lite­ratur an, daß Gesundheit und psychisches Wohlbefinden durch ob­jektive und subjektive Charakteristiken unterstützender Bezie­hungen beeinflußt werden. Ein wichtiges Ergebnis der For­schungsliteratur ist jedoch, daß wahrgenommene soziale Unter­stützung am ehesten mit psychophysischem Wohlbefinden positiv korreliert ist, nicht aber tatsächlich empfangene Unterstützung (Antonucci & Israel, 1986; Blazer, 1982; Kessler & McLeod, 1984; Sandler & Barrera, 1984; Wethington & Kessler, 1986), welche mit Wohlbefinden unkorreliert oder gar negativ korre­liert ist (Ganster, Fusilier & Mayes, 1986) oder mit Störungs­symptomen des Befindens und negativen Lebensereignissen positiv korreliert ist (Wood, 1984). Der Zusammenhang zwischen wahrge­nommener sozialer Unterstützung und psychophysischen Befinden ist kein Artefakt (Cutrona, 1989).

Eine Konzeptualisierung in subjektiv wahrgenommene Unter­stützung scheint demnach ein besserer Prädiktor für psychologi­sche Symptome zu sein als Konzeptionen in objektiven Begriffen des sozialen Netzwerks (George et al., 1989), in Begriffen der sozialen Einbettung (Barrera, 1986) oder in Begriffen der er­haltenen Unterstützung (B.R. Sarason et al., 1987; R. Schwarzer & Leppin, 1989). So scheint speziell zwischen wahrgenommener emotionaler Unterstützung und Depressivität der stärkste Zusam­menhang zu bestehen (R. Schwarzer & Leppin, 1989).

Die Validierung der aus den verschiedenen Konzeptionen ab­geleiteten Meßverfahren wurde erst begonnen und vielfach erst im geringen Maße durchgeführt. Eine Klärung der Konzeptionen ist in der Zukunft notwendig (Laireiter & Baumann, 1992; B.R. Sarason & I.G. Sarason et al., 1990b; Veiel & Baumann, 1992b). Nicht immer werden von den Autoren, die Maße sozialer Unter­stützung veröffentlichen, testtheoretische Daten über die ein­gesetzten Meßinstrumente angegeben (R. Schwarzer & Leppin, 1989; Sommer & Fydrich, 1989). Oft wurden in der Vergangenheit auf die Schnelle ein paar Items gebildet, die dann zu einem Ge­samtpunktwert für soziale Unterstützung summiert wurden, ohne eine erforderliche Ermittlung der Testgütekriterien anzustellen (S. Cohen & Wills, 1985; R. Schwarzer & Leppin, 1989; Vaux, 1992). Im Kontrast dazu existieren jedoch auch positive Bei­spiele (z.B. S. Cohen, Mermelstein, Kamarck & Hoberman, 1985; I.G. Sarason et al., 1983; Sommer & Fydrich, 1989, 1991). Erst in jüngerer Zeit werden vergleichende Untersuchungen zu den verschiedenen Verfahren berichtet (B.R. Sarason et al., 1987).

Bei einem so komplexen Konstrukt wie es soziale Unterstüt­zung darstellt ist die Erfassung mit nur einem eng gefaßten Meßinstrument für alle Forschungsbereiche nicht möglich und statt dessen der Einsatz mehrerer unterschiedlicher Testverfah­ren wünschenswert. Für die jeweils spezifische Fragestellung ist das jeweils passende Meßinstrument einzusetzen (Laireiter & Baumann, 1992; R. Schwarzer & Leppin, 1989; Vaux, 1992).

Im deutschen Sprachraum existieren bisher u.a. folgende Maße für soziale Unterstützung: der Fragebogen zur sozialen Un­terstützung (F-SOZU; Sommer & Fydrich, 1989, 1991), eine deut­sche Adaptation des Social Support Questionnaire (SSQ; Original von I.G. Sarason, H.M. Levine, Basham, & B.R. Sarason, 1983) von Quast und I.G. Sarason (1986; zitiert nach R. Schwarzer & Leppin, 1989, S. 93, 276), eine deutsche Adaptation der Kurz­fassung des SSQ von Leppin, Quast und I.G. Sarason (1986; zi­tiert nach R. Schwarzer & Leppin, 1989, S. 93, 271), das Mann­heimer Interview für soziale Unterstützung (MISU bzw. MISS in der englischsprachigen Version; Veiel, 1990) und eine deutsche Adaptation der Interpersonal Support Evaluation List (ISEL; S. Cohen & Hoberman, 1983; S. Cohen & McKay, 1984; S. Cohen et al., 1985; Rathner, Schulte & Dunkel, 1996; Wolf, 1991).

Obwohl die angloamerikanische Originalversion des ISEL recht gut abgesichert ist (S. Cohen et al., 1985), konnte die deutsche Adaptation des ISEL in einer eigenen Studie in den Testgütekriterien keine voll befriedigenden Ergebnisse zeitigen (Wolf, 1991). Die faktorielle Validität des englischsprachigen ISEL wurde mehrfach untersucht (Brookings & Bolton, 1988; New­comb, 1990a). Ergebnis war, daß das Vier-Faktoren-Modell die vier Subskalen des ISEL bestätigte, daß jedoch auch ein laten­ter Generalfaktor für soziale Unterstützung gefunden wurde. Die daraus abgeleitete Empfehlung war, bei zukünftigen Untersuchun­gen die vier Subskalen und den Gesamtpunktwert aller vier Ska­len mit in die Berechnungen einzubeziehen. Eine Überprüfung der faktoriellen Struktur einer deutschen Version hat neuerdings stattgefunden und konnte die faktorielle Struktur bestätigen (Rathner et al., 1996).

Es erscheint aus den genannten Gründen die Anwendung eines anderen deutschen Meßinstruments für eine weitere Studie als empfehlenswert. Hierfür bietet sich der recht gut psychome­trisch validierte F-SOZU (Sommer & Fydrich, 1989, 1991) an.

Der F-SOZU bringt diverse Vorteile mit sich: 1. Mit dem F-SOZU wird die subjektiv wahrgenommene soziale Unterstützung erfaßt. Damit geht das individuelle Erleben der Person mit in die Messung ein. Es ist zu erwarten, daß das so erstellte Maß ein besserer Prädiktor für psychophysische Folgen ist als ob­jektive Maße (S. Cohen & Syme, 1985b; Lakey & C.J. Lutz, 1996). 2. Das Maß erfüllt die Forderung, verschiedene Komponenten der funktionalen Verfügbarkeit von sozialer Unterstützung zu erfas­sen (S. Cohen & Syme, 1985b; Kessler & McLeod, 1985). 3. Das Meßinstrument erfaßt zusätzlich soziale Belastung und Rezipro­zität der sozialen Unterstützung. 4. Es bietet auch zusätzlich quantitative Netzwerkskalen für Unterstützung und Belastung an. 5. Nach dem Stressor-Spezifitäts-Modell sind Puffereffekte nur dann zu erwarten, wenn der Typ der Unterstützung zu dem vom Stressor geforderten Bedarf an Bewältigung paßt. Das Meßin­strument F-SOZU erfaßt verschiedene Komponenten von wahrgenom­mener Unterstützung und ist demnach zum Test der Puffer-Hypo­these der sozialen Unterstützung geeignet (S. Cohen & Hoberman, 1983; S. Cohen & McKay, 1984; Wills, 1985). 6. Funktionale Maße wie der F-SOZU erlauben das Erkennen individueller Differenzen in Bezug auf die Nachfrage von Unterstützung (Wills, 1985). 7. Das Meßinstrument ist testgütemäßig recht gut validiert. Ergeb­nisse zur Reliabilität, Interkorrelation der Skalen, der fakto­riellen Validität sowie der konvergenten und diskriminanten Va­lidität sind als gut zu bezeichnen und konnten auch wiederholt werden (Franke, 1994; Sommer & Fydrich, 1989, 1991). Der F-SOZU erfüllt somit eine ganze Reihe, der in der Literatur geforder­ten Kriterien an ein Unterstützungsmaß (Vaux, 1992).

Kritisch zu beurteilen an dem Verfahren ist die testtheo­retisch geringe Schwierigkeit der Items der Skalen des F-SOZU. Dies führt zu Deckeneffekten der Verteilung und unter Umständen zu Problemen mit der Homogenität der Varianzen. Die F-SOZU-Subskalen dürften so ihre größte Sensitivität bei der Messung der unteren und mittleren Bereiche der Verteilung haben. Im F-SOZU könnte so nicht die Menge an sozialer Unterstützung, sondern eher eine Perspektive sozialer Isolation erfaßt werden, weil die Skalen stärker am unteren Ende des Spektrums differen­zieren.

2.3.3 Modelle zur Wirksamkeit sozialer Unterstützung

Die Vielfalt formaler Modelle

Eng in Verbindung zur Konzeptualisierung von sozialer Un­terstützung in den eher psychologisch-inhaltlichen Modellen stehen die Vorstellungen über die Wirkungsweise von Unterstüt­zung auf Gesundheit und Wohlbefinden in den eher formalen Mo­dellen. Dabei wird in der Forschungsliteratur von der Hypothese ausgegangen, daß unterschiedliche Komponenten von sozialer Un­terstützung zu verschiedenen formalen Modellen zugeordnet wer­den können (R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.2; Wills, 1985).

Zwei formale Modelle wurden in der Vergangenheit vornehm­lich konzeptualisiert und empirisch geprüft: das Haupteffekt-Modell (additive Modell, Kompensationsmodell) und das Pufferef­fekt-Modell (interaktive bzw. multiplikative Modell; S. Cohen & Syme, 1985b; Röhrle, 1994, Kap 4.5; R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.2). Die psychologisch inhaltlichen Komponenten ob­jektives Netzwerk, Status-Unterstützung und soziale Integration werden eher dem Haupteffekt-Modell zugeordnet und Bewertungs-Unterstützung, Motivations-Unterstützung und Informations-Un­terstützung eher dem Puffereffekt-Modell. Ferner werden instru­mentelle Unterstützung und emotionale Unterstützung mit beiden Modellen verbunden (R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.2; Wills, 1985).

Haupteffekte sind also eher dann zu erwarten, wenn das Maß der Unterstützung durch Begriffe der Existenz oder Quantität der sozialen Beziehungen, durch Begriffe der objektiven Struk­tur des sozialen Netzwerks oder der sozialen Identität defi­niert wird. Puffereffekte treten eher dann auf, wenn das Maß der sozialen Unterstützung in Begriffe des funktionalen Inhalts oder der funktionalen Verfügbarkeit gefaßt wird (S. Cohen & Syme, 1985b; House & Kahn, 1985; R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.2; Thoits, 1985; Wills, 1985).

Empirische Forschungsergebnisse zeigen, daß diese Modell­vorstellungen zum Teil bestätigt werden konnten, und daß es insgesamt für die Angemessenheit des Haupteffekt-Modells und des Puffereffekt-Modells Belege gibt (S. Cohen et al., 1986; Henderson, 1992; Henderson et al., 1981; Kessler & McLeod, 1985; Kobasa & Pucetti, 1983; Sandler & Lakey, 1982; Wills, 1985; Wills & Cleary, 1996). Die Modelle sind also nicht in Konkurrenz zueinander anzusehen, sondern als zwei Seiten der­selben Medaille zu begreifen.

In neuerer Zeit werden das Haupteffekt-Modell und das Puf­fereffekt-Modell von sozialer Unterstützung kausal und zeitlich genauer differenziert (Röhrle, 1994, Kap. 4.5). So gibt es ne­ben den beiden genannten Modellen von einigen Autoren weitere Ansätze: Ellgring (1990) unterscheidet vier Modelle. R. Schwar­zer und Leppin (1989) argumentieren, daß die Aufteilung in zwei Modelle, die die Wirkungsweise von sozialer Unterstützung be­schreiben, die komplexe reale Welt zu sehr vereinfacht und zei­gen als Ergänzungen zu den beiden genannten Modellen acht Kau­salmodelle über den möglichen Wirkungszusammenhang von sozialer Unterstützung, Stressor und Distreß auf. Insgesamt werden nun soziale Unterstützung, Stressor und Distreß in theoretischen Modellen in nahezu jede mögliche kausale Beziehung und zeitli­che Reihenfolge gebracht (Röhrle, 1994, Kap. 4.5).

Als weitere Modelle des Wirkungszusammenhangs von sozialer Unterstützung, Stressor und Distreß sind neben den beiden ge­nannten Modellen zu nennen (R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.2): die Präventions-Modelle (Schild-Modelle), die Mobilisie­rungs-Modelle (Trigger-Modelle) und das Verringerungs-Modell. Während das Haupteffekt-Modell, die Präventions-Modelle und das Verringerungs-Modell von einer negativen Korrelation zwischen Stressor und sozialer Unterstützung ausgehen, enthalten die Mo­bilisierungs-Modelle und das darunter eingeordnete Pufferef­fekt-Modell die Annahme einer positiven Korrelation zwischen Stressor und Unterstützung.

Das Haupteffekt-Modell enthält die Annahme, daß Stressor und soziale Unterstützung unabhängig voneinander auf das psy­chophysische Befinden einwirken: Der Stressor erhöht den Di­streß und soziale Unterstützung vermindert den Distreß. Nur wenn Streß und Unterstützung ungleich stark sind, verändert sich das Befinden. Ist der Streß stärker als die soziale Unter­stützung, so kann Unterstützung unter Umständen wenigstens ei­nen Teil der Stressorwirkung abfangen.

Beim Haupteffekt-Modell wird implizit davon ausgegangen, daß ein im Querschnitts-Design ermittelter korrelativer Zusam­menhang eine kausale Wirkung von sozialer Unterstützung auf ein Kriterium für psychophysisches Befinden (z.B. Depressivität) ausdrückt. Diese Annahme ist jedoch problematisch, da sie nicht grundsätzlich als bestätigt angesehen werden kann (Dooley, 1985; Pfaff, 1989). Als alternative Erklärungen für einen zeit­kontingenten korrelativen Zusammenhang kommen nämlich in Frage: 1. konzeptuelles Überlappen der Meßinstrumente von sozialer Un­terstützung und dem Maß für psychophysisches Befinden, 2. Scheinzusammenhänge aufgrund der Erhebungsmethode wie z.B. sys­tematische Antworttendenzen der Probanden, 3. Scheinzusammen­hänge aufgrund des Einflusses einer dritten Variablen wie z.B. Kontrollüberzeugung oder Selbstwertschätzung und 4. das Vor­liegen einer umgekehrten kausalen Beziehung von psychophysi­schem Befinden auf soziale Unterstützung.

Reverse Kausalität von psychophysischem Befinden auf so­ziale Unterstützung kann ferner auf vier verschiedene Arten auftreten (Pfaff, 1989) und beinhaltet am Beispiel von Depres­sivität aufgezeigt folgende Möglichkeiten: 1. depressives Ver­halten unterminiert die soziale Unterstützungsbereitschaft der Mitmenschen, 2. depressive Personen nehmen dieselbe objektive soziale Umwelt negativer wahr und / oder machen negativere An­gaben als Personen ohne Depressivität, 3. Personen mit über­dauernder Depressivität tendieren zur Aufsuche von Netzwerken mit geringerem Unterstützungspotential, und 4. es besteht eine Wechselbeziehung zwischen sozialer Unterstützung und Depressi­vität.

Erkenntnisse über kausale Beziehungen sind wissenschafts­theoretisch am ehesten durch Longitudinalstudien zu gewinnen. Das Haupteffekt-Modell läßt sich somit lediglich unter Einbe­ziehung von Longitudinaldaten aus einer Stichprobe exakt bestä­tigen. Eine plausible Interpretation von Querschnittskorrela­tionen als Haupteffekt von sozialer Unterstützung sollte zum gegenwärtigen Zeitpunkt wenigstens unter Einbeziehung von Lon­gitudinaldaten des bisherigen Forschungsstands unternommen wer­den (G.W. Brown & Harris, 1986; Greenglass et al., 1994; Hen­derson, 1992; Holahan & Moos, 1991; Monroe & S.L. Johnson, 1992; Norris & Kaniasty, 1996; Veiel, 1992; Wills & Cleary, 1996).

Das einfache Präventions-Modell beinhaltet, daß soziale Unterstützung präventiv wirkt, z.B. die Häufigkeit von Stresso­ren günstig beeinflussen kann und damit indirekt den folgenden Distreß vermindert. Das weniger restriktive Präventions-Modell geht darüber hinaus davon aus, daß soziale Unterstützung auch den Distreß direkt vermindert.

Nach den Mobilisierungs-Modellen kann soziale Unterstüt­zung gestärkt oder geschwächt durch die Einwirkung von Stresso­ren aktiviert und wirksam werden (Röhrle, 1994, Kap. 4.5; R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.2). Das einfache Mobilisie­rungs-Modell bzw. additive Puffereffekt-Modell (Wheaton, 1985) enthält die Annahme, daß Stressoren die Auslöser von verstärk­ter sozialer Unterstützung sind. Die so aktivierte, erhöhte so­ziale Unterstützung soll daraufhin erlebten Distreß verhindern. Unterstützung wird als Mediator zwischen Stressor und Distreß in einer Kausalkette gesehen (Baron & Kenny, 1986). Das additi­ve Puffereffekt-Modell hat nur wenig theoretische Beachtung und fast keine empirische Bedeutung erlangt, weil eine solche au­tomatische Aktivierung von sozialer Unterstützung als Folge von Stressoren mit der Wirkung eines Null-Summen-Ergebnisses für Distreß schwer vorstellbar erscheint (Pfaff, 1989).

Bei dem bekanntesten Mobilisierungs-Modell, dem interakti­ven Puffereffekt-Modell, erhöht der Stressor die soziale Unter­stützung und den Distreß, und gleichzeitig vermindert Unter­stützung den durch Stressoren erhöhten Distreß (R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.2; Wheaton, 1985). Der interaktive Puf­fereffekt gehört als Untergruppe zur Kategorie der Interak­tionseffekte (Pfaff, 1989). Soziale Unterstützung wird hierbei als Moderator und nicht als Mediator angesehen (Baron & Kenny, 1986). Ein Moderator ist eine Variable, die die Beziehung zwi­schen einer unabhängigen Variablen und einer abhängigen Varia­blen so beeinflußt, daß diese Beziehung in Abhängigkeit von dem Ausprägungsgrad des Moderators variiert. Im vorher gesagten und im folgenden ist immer dieser interaktive Puffereffekt gemeint, wenn vom Puffereffekt-Modell gesprochen wird.

Das Puffereffekt-Modell ist wie das Haupteffekt-Modell ein zeitkontingentes Modell. Es wird dabei in gleicher Weise im­plizit davon ausgegangen, daß in Querschnitts-Designs ermittel­te korrelative Zusammenhänge eine kausale Wirkung von sozialer Unterstützung und Stressoren auf psychophysisches Befinden aus­drücken. Diese Annahme ist jedoch genauso problematisch, wie oben bezogen auf das Haupteffekt-Modell dargelegt. Es gelten die gleichen Restriktionen, und es sind die gleichen alterna­tiven Erklärungen zu berücksichtigen: 1. Konfundierung der Meß­instrumente von sozialer Unterstützung, Stressor bzw. Streß und dem Maß für psychophysisches Befinden, 2. Scheinzusammenhänge aufgrund der Erhebungsmethode, 3. Scheinzusammenhänge aufgrund des Einflusses einer vierten (Persönlichkeits-)Variablen wie z.B. Kontrollüberzeugung oder Selbstwertschätzung (S. Cohen et al., 1986), 4. das Vorliegen von umgekehrten kausalen Beziehun­gen und einer Vielzahl von Wechselwirkungen von einem Maß für psychophysisches Befinden auf soziale Unterstützung oder / und Stressoren bzw. Streß und 5. eine noch größere Anzahl multipler Wechselwirkungen unter Einschluß von Persönlichkeitsvariablen (Pfaff, 1989; R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.2; Veiel, 1992).

Beim verzögerten Mobilisierungs-Modell erhöht der Stressor zwar den Distreß, jedoch nicht bzw. in geringem Maße die sozia­le Unterstützung; erst der beobachtete erhöhte Distreß des In­dividuums führt zur Aktivierung des sozialen Netzwerks und der Unterstützung. Das langfristige Mobilisierungs-Modell erweitert das verzögerte insofern, daß durch die erhöhte soziale Unter­stützung erst zu einem späteren Zeitpunkt weiterer Distreß ver­mindert wird. Beim Verringerungs-Modell wird von einer Konfun­dierung von Streß und sozialer Unterstützung ausgegangen. Dies gilt z.B. für den Stressor einer Ehescheidung, wobei das Streß­ereignis nicht nur den Distreß erhöht, sondern implizit eine Verminderung von sozialer Unterstützung zur Folge hat (R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.2).

Die bisherigen empirischen Forschungsergebnisse zu den meisten Präventions- und Mobilisierungsmodellen sind eher rar und uneinheitlich (siehe zusammenfassend Röhrle, 1994, Kap. 4.5). Erst in neuester Zeit werden komplexere Modelle in Longi­tudinal-Designs getestet (z.B. Norris & Kaniasty, 1996; Wills & Cleary, 1996).

Möglichkeiten zur Überprüfung verschiedener Modelle so­zialer Unterstützung zeigen Dooley (1985), Landermann, George, Campbell und Blazer (1989), Newcomb (1990a) und Pfaff (1989) auf. Das Haupt- und das Puffereffekt-Modell als zeitkontingente Modelle von Stressoren, sozialer Unterstützung und Distreß wer­den in der Regel mit Hilfe von Querschnitts-Designs analysiert (Cohen & Wills, 1985; Pfaff, 1989; Wills & Cleary, 1996). Für die Überprüfung anderer Modelle des zeitlichen Verlaufs wie z.B. für Präventions-Modelle und die zeitlich verlaufenden Mo­bilisierungs-Modelle und eine sicherere Interpretation von Kau­salität sind Longitudinalstudien und Strukturgleichungsmodelle die geeigneten Methoden (LISREL; Jöreskog & Sörbom, 1989, 1993; z.B. Norris & Kaniasty, 1996; Wills & Cleary, 1996).

Neben der Diskussion von formalen Modellen wird die psy­chologische Wirkungsweise von sozialer Unterstützung in der bisherigen Forschungsliteratur nur in geringem Maße themati­siert. Dabei diskutierte Wirkmechanismen sind, daß soziale Un­terstützung den Selbstwert, die Motivation, die Erfolgserwar­tung und die Verfügbarkeit eigener Fähigkeiten erhöht. Behin­dernde emotionale Erregung wird reduziert und die Einschätzung von Streß und den eigenen Fähigkeiten wird positiv verändert. Ferner wird ein Einfluß auf den Problemlösungsprozeß und den Eigensteuerungsprozeß postuliert (Veränderung der Einstellung zu einem Problem, Suche von problemrelevanten Informationen, Veränderung von Erwartungen an die eigenen Kompetenzen, reali­stische Zielsetzung und konkrete Hilfe bei der Zielerreichung). Des weiteren könnten die vermehrten und intensiveren positiven Erfahrungen, die durch soziale Unterstützung gemacht werden, direkt das Wohlbefinden steigern und auf diese Weise indirekt das Ertragen und Bewältigen negativer Ereignisse erleichtern. Schließlich beeinflußt soziale Unterstützung gesundheitsrele­vantes Verhalten positiv, z.B. durch vermehrtes körperliches Training, gesunde Ernährung, Einnahme erforderlicher Medikamen­te und Aufsuchen professioneller Hilfe (Sommer & Fydrich, 1989).

Neuerdings im Gespräch als wichtige Wirkfaktoren sind die Vermittlung von Autonomie an den Unterstützten und das Erleben von Verbundenheit zu anderen Personen (Boggiano, 1998; Ryan & Solky, 1996). Auf diese Weise kann soziale Unterstützung Vor­aussetzung für gelingende Entspannung und damit für Streßabbau sein (K. Siegrist, 1995).

Das Haupteffekt-Modell

Das Haupteffekt-Modell beinhaltet, daß soziale Unterstüt­zung unabhängig von der Stressorstärke bzw. vom Ausmaß des er­lebten Stresses Gesundheit und psychisches Wohlbefinden erhöht (S. Cohen & Syme, 1985b). Der postulierte Zusammenhang zwischen Streß und einem Maß für psychophysisches Befinden (z.B. Depres­sivität) ist nach der Haupteffekt-Hypothese unter jeder Streß­höhe gleich. Diese Beziehung mit dem allgemeinen Kriterium des Distresses ist schematisch in Abbildung 1 illustriert.

Das methodische Standardverfahren zur Ermittlung eines solchen Haupteffekts von sozialer Unterstützung ist die biva­riate Korrelationsanalyse bzw. univariate Regressionsanalyse mit sozialer Unterstützung als Prädiktor auf ein Kriterium für psychophysisches Befinden (Buunk & Peeters, 1994; Pfaff, 1989; R. Schwarzer & Leppin, 1989). Eine konservative Alternative für den Test der Haupteffekt-Hypothese ist die multiple Regres­sionsanalyse mit einem Stressor-Maß als erstem und sozialer Un­terstützung als zweitem Prädiktor auf ein Kriterium für psy­chophysisches Befinden (Buunk & Peeters, 1994). Genau genommen werden dabei zwei Haupteffekte, nämlich einer von Streß und ei­ner von Unterstützung geprüft.

Abbildung 1. Schematische Darstellung des Haupteffekt-Modells

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die psychologische Forschung über Unterstützung hat mitt­lerweile zeitkontingente korrelative Zusammenhänge zwischen so­zialer Unterstützung und psychophysischem Befinden als wissen­schaftliche Indizien für das Haupteffekt-Modell in zahlreichen empirischen Untersuchungen belegt (z.B. Argyle, 1992; Costa, Zonderman & McCrae, 1985; S. Cohen & Wills, 1985; El Bassel, Guterman, Bargal & Su, 1998; Henderson, 1992; Kessler & McLeod, 1985; R. Schwarzer & Leppin, 1989, 1992).

Vor allem enge romantische Partnerschaftsbeziehungen, ge­wöhnlich verbunden mit der gesellschaftlichen Institution einer Ehe, und familiäre Beziehungen, aber auch Beziehungen aus Freundschaften und Bekanntschaften wie auch zu Arbeitskollegen konnten in ihren positiven Verbindungen zum psychophysischen Wohlbefinden identifiziert werden (Argyle, 1992; Cutrona, 1996a; House, 1981). So kann z.B. am Arbeitsplatz bei Kranken­schwestern ein enger negativer Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung von Arbeitskollegen und dem Burnout-Syndrom ge­funden werden (Duquette, Kerouac, Sandhu & Beaudet, 1994; East­burg, M. Williamson, Gorsuch & Ridley, 1994). Ebenso kann die Unterstützung von Familie und Freunden als Prädiktor für Burn­out ausgemacht werden (Greenglass, Fiksenbaum & Burke, 1994). Gleichzeitig legen Longitudinalstudien nahe, daß soziale Unter­stützung das Befinden beeinflußt und nicht umgekehrt (G.W. Brown & Harris, 1986; Greenglass et al., 1994; Henderson, 1992; C.J. Holahan & Moos, 1991; Monroe & S.L. Johnson, 1992).

Forschungsergebnisse belegen zunehmend, daß soziale Netz­werke, Bekanntschaften sowie enge Beziehungen im allgemeinen und freundschaftliche, familiäre und romantische Partnerbezie­hungen im besonderen, eine große Bedeutung für die Entwicklung von physischem und psychischem Wohlbefinden und dessen Störun­gen haben (Burman & Margolin, 1992; Hahlweg & M.J. Goldstein, 1987; Jacob, 1987; Leff & C.E. Vaughn, 1976; Seiffge-Krenke, 1993; Thomson & Vaux, 1986; C.E. Vaughn, Snyder, S. Jones, Freeman & Falloon, 1984).

Enge Beziehungen wie die Bande zu Familienangehörigen oder romantische Partnerschaften gelten jedoch nicht nur als die Hauptquelle von Unterstützung, sondern auch als Hauptquelle für soziale Konflikte und soziale Belastung, den Antipoden von Un­terstützung (Argyle & Furnham, 1983; Cutrona, 1996b). Auch zeigt sich zunehmend, daß soziale Unterstützung nicht immer hilfreich ist, und die Beziehung zwischen sozialer Unterstüt­zung und psychischem Wohlbefinden komplizierter ist, als sie sich durch einen einfachen positiven korrelativen Zusammenhang erschöpfend beschreiben läßt (Revenson, Schiaffino, Majerovitz & Gibofsky, 1991; Veiel, Kuhner, Brill & Ihle, 1992).

Physische und psychologische Maße scheinen sich in ihrem Zusammenhang mit sozialer Unterstützung zu unterscheiden. So konnten deutliche Indizien daraufhin aufgezeigt werden, daß der empirische Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung und dem Indikator für psychischem Befinden „Depressivität“ (z.B. Reis & Meyer-Probst, 1995; siehe Überblick bei Henderson, 1992) deut­lich höher und konsistenter ist, nämlich im Bereich ca. r =-.20 bis -.30 (Metaanalyse von R. Schwarzer & Leppin, 1989), als die Verbindung zwischen sozialer Unterstützung und „physischer Symptomatik“ (Berkman, 1985; Wallston, Alagna, B.M. DeVellis & R.F. DeVellis, 1983), mit einem durch Metaanalyse geschätzten ca. r =-.05 bis -.10 (Metaanalysen von R. Schwarzer & Leppin, 1989, 1992).

In einer neuesten Literaturübersicht kommen jedoch Uchino, Cacioppo und Kiecolt-Glaser (1996) zu dem Schluß, daß soziale Unterstützung mit wohltuenden Wirkungen auf Bereiche des kar­diovaskulären und des endokrinen Systems sowie des Immunsystems zuverlässig in Verbindung gebracht werden kann. Dabei werden parallel potentielle, auf Gesundheit bezogene Verhaltensweisen für diesen Effekt nicht verantwortlich gemacht. Soziale Unter­stützung von der Familie wird als wichtig eingeschätzt, und emotionale Unterstützung erscheint als zumindest eine wichtige Dimension von sozialer Unterstützung.

Es zeigen subjektive Gesundheitsindikatoren für körperli­ches Befinden (z.B. Beschreibungen des körperlichen Gesund­heitsbefindens oder von körperlichen Krankheitssymptomen) einen höheren Zusammenhang zu Unterstützungsvariablen als eher ob­jektive Indikatoren (z.B. Schwere der Krankheit oder Sterb­lichkeit; R. Schwarzer & Leppin, 1992).

Die gefundenen Ergebnisse sind insofern plausibel, da auch theoretisch ein höherer Zusammenhang von Unterstützung und rein psychologischen Kriteriumsmaßen im Vergleich zu eher physiolo­gischen Kriteriumsmaßen erwartet werden kann. Man kann davon ausgehen, daß auch der wahre Zusammenhang zwischen sozialer Un­terstützung und Depressivität relativ am größten ist (R. Schwarzer & Leppin, 1989). Gleichzeitig kann davon ausgegangen werden, daß Depressivität in Verbindung mit Stressoren nur ein Konstrukt mit Beispielfunktion für psychischen Distreß ist (Hobfoll et al., 1992). Die genaue Verbindung zwischen Streß, Persönlichkeit und sozialen Faktoren einerseits, sowie Depres­sivität und klinischer Depression andererseits ist bis dato von der Forschung nicht aufgeklärt (siehe Überblicke bei J. Becker, & Kleinman, 1991; Hautzinger & de Jong-Meyer, 1994; Wollman & Stricker, 1990).

Zusammenhänge zwischen Maßen für Unterstützung und Maßen für physische Gesundheit sind insgesamt eher inkonsistent. Dies könnte unter anderem an dem Mobilisierungseffekt des unterstüt­zenden Umfelds bei Eintritt einer körperlichen Krankheit liegen (R. Schwarzer & Leppin, 1991, 1992). Ein Mobilisierungseffekt führt zu einer positiven Korrelation zwischen Unterstützung und Distreß. Unterstützung scheint ferner in der Verbindung mit körperlicher Krankheit vor allem für adaptives Krankheitsver­halten nutzbringend zu sein (R.M. Kaplan & Toshima, 1990) bzw. Gesundheitsverhalten allgemein zu fördern (Wills & Cleary, 1996).

Daraus folgt, daß in einer empirischen Untersuchung, in der man einen Effekt in der Verbindung zwischen sozialer Unter­stützung und einem Maß für psychophysischem Befinden aufdecken will, die Messung von Depressivität als Maß für Befinden am ehesten geeignet ist. Depressivität hängt wiederum mit physio­logischen Variablen zusammen. So kann eine korrelative Verbin­dung zwischen Depressivität und Schwächung von Abwehrindikato­ren des Immunsystems aufgezeigt werden (Herbert & S. Cohen, 1993).

Mißt man Depressivität in Zusammenhang mit sozialer Unter­stützung, weist unter den Maßen für Depressivität das Beck-Depressions-Inventar (BDI; Original von Beck, Ward, Mendelson, Mock & Erbaugh, 1961; deutsche Adaptationen von Hautzinger, Bailer, Worall & Keller, 1994; Kammer, 1983) mit einer metaana­lytisch geschätzten Korrelation von r =-.27 den größten linearen Zusammenhang mit Unterstützung auf (R. Schwarzer & Leppin, 1989). Will man in einer Untersuchung also eine lineare Korre­lation zwischen den beiden Variablen soziale Unterstützung und Depressivität enthüllen, sollte als Meßinstrument am besten das BDI gewählt werden. Das BDI ist international eines der am häu­figsten eingesetzten Instrumente zur Messung von Depressivität und das meist benutzte Maß im deutschen Sprachraum (Beck & Steer, 1984; Beck, Steer & Garbin, 1988; Hautzinger et al., 1994; Kammer, 1983; Richter, Werner & Bastine, 1994).

Allerdings hat dieses Maß den Nachteil, daß es ursprüng­lich von den Autoren (Beck et al., 1961) für klinische Stich­proben konzipiert ist, und von daher weniger für Populationen aus der Normalbevölkerung geeignet erscheint, obwohl es mitt­lerweile auch viel an nicht-klinischen Stichproben angewandt wird (Kammer, 1983; Richter et al., 1994). Probleme des BDI sind die unzureichende testtheoretische Konzeptualisierung und die fragliche Konstruktvalidität, die hohe Itemschwierigkeit, die fragliche Interpretationsobjektivität wegen variabler Cut-off-Werte und fehlender repräsentativer Normierung, die um­strittene, stichprobenabhängige faktorielle Validität, die In­stabilität der Meßwerte bei kurzen Zeitabständen (z.B. von ei­nem Tag) und die geringe diskriminante Validität zu Ängstlich­keit. Positiv zu bewerten ist die hohe Konsistenz, die hohe In­haltsvalidität, die differentielle Validität zwischen depressiv und nicht-depressiv, die Änderungssensitivität und die interna­tionale Verbreitung (Beck & Steer, 1984; Beck et al., 1988; Ge­bauer, 1997; Hautzinger et al., 1994; Richter et al., 1994).

Als alternatives Instrument zur Messung von Depressivität für nicht-klinische, epidemiologische Stichproben bietet sich die Center for Epidemiological Studies Depression Scale an (CES-D; Original von Radloff, 1977; deutsche Adaptation von Hautzinger, 1988). Die CES-D-Skala wurde speziell für Untersu­chungen in der Allgemeinbevölkerung konzipiert. Die linearen Zusammenhänge mit sozialer Unterstützung sind etwas niedriger als die des BDI, mit einer metaanalytisch geschätzten Korrela­tion von r =-.18 zwischen der CES-D-Skala und Unterstützung (R. Schwarzer & Leppin, 1989). Die CES-D-Skala wurde in einer Rei­he von Untersuchungen im angloamerikanischen Original und auch in der deutschen Adaptation bereits eingesetzt und hat sich in beiden Versionen in empirischen Untersuchungen testgütemäßig bisher gut bewährt (Ensel, 1986; Radloff, 1977; Hautzinger, 1988; Hautzinger, 1990; Weyerer, Geiger-Kabisch & Denzinger, 1992).

Die CES-D-Skala ist im deutschen Sprachraum relativ zum BDI weniger verbreitet und mit diesem hoch korreliert (r =.81 bis .84; Hautzinger, 1988). Die Halbierungs-Konsistenz (Cron­bach’s alpha) der CES-D-Skala wird mit r tt=.84 bis .91 angegeben (Ensel, 1986; Radloff, 1977). Die Retest-Reliabilitäten liegen zwischen r =.63 (studentische Stichprobe mit 4-Wochen-Intervall; Hautzinger, 1988) bzw. r =.67 (4-Wochen-Intervall; Ensel, 1986) über r =.55 (schwangere Frauen mit 10- bis 14-Wochen-Intervall; Hautzinger, 1988) bis zu r =.41 (1-Jahres-Intervall; Ensel, 1986). Untersuchungen zur faktoriellen Validität ergaben entwe­der vier Faktoren (Radloff, 1977) oder einen Faktor (Hautzin­ger, 1988). Eine Anwendung der CES-D-Skala als Alternative zum BDI im deutschen Sprachraum ist nach den vorliegenden Ergeb­nissen möglich. Das Etablieren eines weiteren Instruments zur Messung von Depressivität im deutschen Sprachraum als Alterna­tive zum BDI erscheint wegen dessen Mängel und zur Erhöhung der methodischen Vielfalt in der Forschung zweckmäßig.

Eine aktuelle Diskussion über Probleme der Methodik der Messung von Depressivität und klinischer Depression ist bei Tennen, Hall und Affleck (1995) sowie Weary, J.A. Edwards und Jacobsen (1995) zu finden.

Das Puffereffekt-Modell

Das Puffereffekt-Modell geht im Kontrast zum Haupteffekt-Modell davon aus, daß ein verschiedener Grad an sozialer Unter­stützung Menschen vor den schädigenden Effekten von Streß un­terschiedlich schützt. Das Puffermodell besagt, daß Menschen, die einem hohen Maß von Streß ausgesetzt sind, durch einen ho­hen Grad an sozialer Unterstützung gegen die negativen Folgen von Streß geschützt sind. Parallel sind Personen mit wenig so­zialer Unterstützung bei hohem Streß nicht oder nur in geringem Maß vor schädlichen Streßfolgen bewahrt. Im Unterschied dazu ist für Personen mit wenig Streß das Ausmaß der sozialen Un­terstützung relativ unerheblich (S. Cohen & Hoberman, 1983; Pfaff, 1989; R. Schwarzer & Leppin, 1989).

Konkret sagt die Puffer-Hypothese aus, daß zwischen Streß und psychologischen Symptomen bei geringer sozialer Unterstüt­zung ein Zusammenhang besteht, bei hoher sozialer Unterstützung jedoch nicht oder nur in geringem Maße (z.B. S. Cohen et al., 1986). Nach Gore (1985) fließen in die Streß-Puffer-Hypothese der sozialen Unterstützung zwei Annahmen mit ein: Soziale Un­terstützung gleicht die Wirkung von Streß auf die Gesundheit und das psychische Wohlbefinden aus oder moderiert sie, und so­ziale Unterstützung ist ein Schutzfaktor, der in Verbindung mit Streß operiert. In diesem Gesichtspunkt unterscheidet sich das Puffereffekt-Modell von dem Haupteffekt-Modell.

Das Puffereffekt-Modell wird mit dem allgemeinen Kriterium des Distresses schematisch in Abbildung 2 illustriert. Die Ge­rade für Personen mit geringer sozialer Unterstützung steigt im Verlauf von geringem Streß zu hohem Streß deutlich steiler an als die Gerade für Personen mit einem hohen Ausmaß an sozialer Unterstützung. Eine Zunahme von Streß bedeutet also für Perso­nen mit geringer sozialer Unterstützung ein erhebliches Maß an Distreß (z.B. Depressivität).

Abbildung 2. Schematische Darstellung des Puffereffekt-Modells

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei Personen mit hoher sozialer Unterstützung ist dagegen kein Anstieg des Distresses vorhanden. Dieses schematische Bei­spiel stellt als Modell den Idealfall eines Puffereffekts dar. Hierbei besteht bei einem hohen Ausmaß an sozialer Unterstüt­zung eine Null-Korrelation zwischen Streß und abhängigem Di­streß.

Empirisch ist dieser Idealfall nicht in jedem Fall vorzu­finden (Pfaff, 1989). So kann z.B. die Gerade für die Personen mit hoher sozialer Unterstützung nicht einen exakt waagerech­ten, sondern einen leicht ansteigenden Verlauf haben, der je­doch deutlich geringer ist, als für Personen mit geringer so­zialer Unterstützung. In diesem Fall ist nur eine teilweise Schutzwirkung von Unterstützung vorhanden. Fällt die Gerade für hoch unterstützte Personen bei hohem Streß gar ab, würde sozia­le Unterstützung bei hohem Streß gegenüber niedrigem Streß das psychische Befinden sogar verbessern. Letzteres würde dem Wachstumsmodell unter Streß entsprechen (C.J. Holahan & Moos, 1990; J.A. Schaefer & Moos, 1992). Kreuzen sich die beiden Ge­raden mit hoher und niedriger sozialer Unterstützung bei nied­rigem Streß, würde viel soziale Unterstützung das psychische Befinden bei einem Mangel an Streß negativ beeinflussen (Pfaff, 1989).

Die Einführung des Moderators soziale Unterstützung in das Modell des Streßverarbeitungsprozesses führt dazu, daß mit ei­nem solchen Puffereffekt-Modell im Vergleich zu einfachen addi­tiven Streßmodellen der Anteil der erklärten Varianz und damit der Erklärungswert des Gesamtmodells erhöht werden kann. Ferner postuliert ein solches Modell, daß bestimmte Gesetzmäßigkeiten nicht für alle Menschen gleich sein müssen und erzwingt damit eine größere Präzision beim Nachdenken über psychosoziale Ge­setzmäßigkeiten (Pfaff, 1989).

Zur Überprüfung des Puffereffekt-Modells sind vier Metho­den bekannt (Pfaff, 1989): 1. Vergleich der Regressionen von Subgruppen (S. Cohen & Wills, 1985; Newcomb, 1990a), 2. „stress-attenuation“-Analyse (Billings & Moos, 1982), 3. Gleichgewichts- und „excess“-Modelle (Southwood, 1978) und mul­tiple Regressionsanalyse mit Kreuzprodukttermen an der Gesamt­stichprobe (Aiken & West, 1991; J. Cohen & P. Cohen, 1983; S. Cohen & Wills, 1985; Pfaff, 1989; Wills & Cleary, 1996).

Die Untergruppenbildung durch Spaltung der Stichprobe am Median in zwei Subgruppen mit niedriger und hoher Unterstützung und getrennter Regressionsanalyse mit Streß als Prädiktor und psychophysischem Befinden als Kriterium (S. Cohen & Wills, 1985; Newcomb, 1990a) ist für den Test einer Interaktion unge­eignet, da diese Methode sehr stichprobenabhängig ist (Blalock, 1979; Finney, Mitchell, Cronkite & Moos, 1984; S. Cohen & J.R. Edwards, 1989). Die Gegenüberstellung der Korrelationen zwi­schen Streß und Distreß beider Subgruppen vergleicht lediglich die Stärke der Beziehung und nicht die bei der Puffereffekt-Hypothese interessierende Form der Beziehung (Steigungen der Geraden) über die Untergruppen hinweg. Es kann sich somit durch verschiedene Varianz der Variablen in den beiden Subgruppen ei­ne unterschiedliche Korrelation zeigen, ohne daß die Steigungen der Geraden verschieden sind (Pfaff, 1989; S. Cohen & J.R. Edwards, 1989; siehe auch Baron & Kenny, 1986).

Die „stress-attenuation“-Analyse (Billings & Moos, 1982) führt als Test eher zur Entdeckung eines Mediators als zu der eines Moderators und ist damit zur Überprüfung des Pufferef­fekt-Modells nicht geeignet. Die Gleichgewichts- und „excess“-Modelle (Southwood, 1978) sind für den Test der Puffereffekt-Hypothese ungeeignet, weil sie mit dem Puffereffekt-Modell un­vereinbare theoretische Grundlagen haben (Pfaff, 1989).

Das wissenschaftlich-methodische Standardverfahren zur Er­mittlung eines solchen Puffereffekts von sozialer Unterstützung ist somit die Bildung von Prädiktoren als Kreuzproduktterme aus Streß und Unterstützung in multiplen Regressionsanalysen in Hinsicht auf ein Kriteriumsmaß für psychophysisches Befinden an der Gesamtstichprobe (Aiken & West, 1991; J. Cohen & P. Cohen, 1983; S. Cohen & Wills, 1985; Pfaff, 1989; Wills & Cleary, 1996). Genau genommen wird mit Hilfe eines ersten Prädiktors ein Haupteffekt von Streß, mit einem zweiten Prädiktor ein Haupteffekt von sozialer Unterstützung und mit einem dritten Kreuzprodukt-Prädiktor die Puffereffekt-Hypothese geprüft.

Voraussetzungen für dieses methodische Verfahren zur Prü­fung des Puffereffekt-Modells sind kontinuierliche Variablen, lineare Beziehungen zwischen den einzelnen Variablen und ein entsprechendes Vorzeichen des Regressionskoeffizienten des Kreuzproduktterms von Streß und Unterstützung (bei einer abhän­gigen Variablen für negatives psychophysisches Befinden wie z.B. Depressivität ein negatives Vorzeichen). Nichtlineare Mo­deratoreffekte können mit dieser Methode nicht entdeckt werden (Finney et al., 1984; House, 1981; Veiel, 1992). Die Kombina­tion von linearer Regression mit multiplikativen Modellen zeigt im Vergleich zu logistischen und log-linearen Modellen die stärksten Puffereffekte und ein vollständigeres Bild der Daten­struktur als beide Methoden für sich (Veiel, 1992).

Ein Puffereffekt von sozialer Unterstützung wird dann als gegeben angesehen, wenn der Kreuzproduktterm aus Streß und Un­terstützung über die Haupteffekte der beiden einzelnen Varia­blen Streß und Unterstützung hinaus einen signifikanten Beitrag zur erklärten Varianz des Kriteriums des psychophysischen Be­findens leistet. Dieses Verfahren läßt für den Prädiktor, der aus dem Kreuzproduktterm aus Streß und Unterstützung besteht, in einem dritten Regressionsschritt nur einen relativ geringen Restanteil an erklärbarer Varianz übrig und ist insofern als eher konservativer Test für die Puffereffekt-Hypothese anzuse­hen.

Neben empirischen Belegen für einen linearen Zusammenhang zwischen Unterstützung und psychophysischem Befinden bzw. einem Haupteffekt von Unterstützung führt die Forschung auch zahl­reiche Indizien dafür an, daß soziale Unterstützung Menschen auch vor den schädigenden Effekten von streßreichen Lebenser­eignissen schützen kann (z.B. Berkman, 1985; G.W. Brown & Har­ris, 1978; S. Cohen & Hoberman, 1983; S. Cohen et al., 1986; siehe Überblicke bei S. Cohen, 1988; S. Cohen & Wills, 1985; Cutrona, 1996a; Henderson, 1992; House, Landis & Umberson, 1988; Kessler & McLeod, 1985; Leavy, 1983; Pierce, B.R. Sarason & I.G. Sarason, 1996). So kann u.a. auch gezeigt werden, daß soziale Unterstützung bei Scheidung oder einer Biopsie von Frauen die negativen psychophysischen Folgen mindern kann (Gar­vin, Kalter & Hansell, 1993; Levy, Herberman, Whiteside, Sanzo, Lee & Kirkwood, 1990) oder bei Jugendlichen der Drogenkonsum durch elterliche Unterstützung vermindert ist (Wills & Cleary, 1996). Die Puffereffekt-Hypothese von sozialer Unterstützung kann insofern als in zahlreichen Fällen belegt gelten.

Ein präziser Test der Puffer-Hypothese ist nur bei gege­bener Spezifität von Stressor und Unterstützung möglich (Wills, 1985). Dieser Aspekt nimmt Bezug auf das Stressor-Spezifitäts-Modell der sozialen Unterstützung (S. Cohen & McKay, 1984). Da­nach kann Unterstützung nur dann vor den streßbedingten schäd­lichen Wirkungen schützen, wenn der Typ der gelieferten sozia­len Unterstützung zu dem vom Stressor geforderten Bedarf an Be­wältigung paßt (Cohen & Wills, 1985; Cutrona & Russell, 1987, 1990; Wilcox & Vernberg, 1985; Wills, 1985).

So kann bei Stressoren nach den Typen Valenz (positives versus negatives Ereignis), Kontrollierbarkeit, Dauer und nach Lebensbereichen (sozialer Beziehungsstreß, besondere Bürden und soziale Rollen- bzw. Leistungsanforderungen) unterschieden wer­den (Cutrona & Russell, 1990). Mit dieser Konzeptualisierung konnte in einer Literaturübersicht gefunden werden, daß bei un­kontrollierbaren Lebensereignissen, für die emotionszentrierte Streßbewältigungsformen als adäquat angesehen werden, Unter­stützung durch konkrete Hilfen die Streßfolgen am meisten mil­derte. Für kontrollierbare Lebensereignisse, für die problem­fokussierte Bewältigungsformen als adäquat angesehen werden, erwies sich erwartungsgemäß Unterstützung durch Ratschläge, In­formationen, Wertschätzung und Rückmeldung als optimale Streß­schutzfunktion (Cutrona & Russell, 1990).

So sind Puffereffekte eher durch Maße der Verfügbarkeit zu erwarten. Maße der Verfügbarkeit der sozialen Unterstützung können im Unterschied zu Maßen, die die bloße Existenz einer Unterstützung feststellen, das Augenmerk auf die spezifischen Funktionen einzelner Unterstützungshandlungen richten und damit spezifische Komponenten von sozialer Unterstützung erfassen (S. Cohen et al., 1985).

Weiterhin wurden Puffereffekte von sozialer Unterstützung in der Vergangenheit empirisch in erster Linie dann gefunden, wenn die Konzeption in ein Meßinstrument für wahrgenommene Un­terstützung umgesetzt wurde und nur in geringem Maße, wenn ein Maß für tatsächlich empfangene Unterstützung verwendet wurde (Kaniasty & Norris, 1992; Wethington & Kessler, 1986; Kessler, 1992).

Dies könnte jedoch u.a. an der unspezifischen Operationa­lisierung der verwendeten Maße in den bisherigen Untersuchun­gen für tatsächlich empfangene Unterstützung liegen (z.B. L.H. Cohen, McGowan, Fooskas & Rose, 1984; Wethington & Kessler, 1986). Danach müßte zum einen stärker der Kontext der empfange­nen Unterstützung, d.h. die spezifische streßvolle Situation, der zeitliche Kontext und der Prozeß der Aktivierung von Unter­stützung, berücksichtigt werden. Zum anderen müßten die verwen­deten Maße für tatsächlich empfangene Unterstützung, Streß und Befinden in ihrem Grad der Spezifität vergleichbar sein (Dun­kel-Schetter & Bennett, 1990). Möglich ist auch, daß für den Rezipienten nicht bemerkbare Anteile von Unterstützung einen größeren wohltuenden Effekt auf das psychophysische Befinden ausüben als diejenigen Anteile, die für ihn selbst sichtbar und explizit kommunizierbar sind (Liebermann, 1982).

Neben der Annahme, daß der Puffereffekt von Unterstützung durch die aktuelle Lieferung aus der sozialen Umgebung und durch die Spezifität von Stressor und Unterstützung entsteht (S. Cohen & McKay, 1984; S. Cohen & Wills, 1985), gibt es als weitere Hypothese für das Zustandekommen eines Puffereffekts von wahrgenommener Unterstützung die Vorstellung, daß Unter­stützung als stabiles Persönlichkeitsmerkmal Veränderungen der Kognitionen oder des Selbstkonzepts bewirkt. Danach führen le­bensgeschichtlich frühe Erfahrungen mit Beziehungsbindungen zu kognitiven Schemata über soziale Beziehungen (z.B. M. Diehl, Elnick, Bourbeau & Labouvie-Vief, 1998; Graves, Wang, Mead, J.V. Johnson & Klag, 1998; Mikulincer & Florian, 1997; Ptacek, 1996) und Unterstützungserwartungen zu einem individuell erwor­benen „Sinn für Akzeptanz“ (sense of acceptance; B.R. Sarason, G.R. Pierce et al., 1990). Für die Angemessenheit beider Hypo­thesen, Puffereffekt durch Spezifität von Stressor und Unter­stützung und Puffereffekt durch Veränderungen der Kognitionen oder des Selbstkonzepts, gibt es empirische Belege (S. Cohen, 1992).

Des weiteren kann an weiblichen Zwillingen gezeigt werden, daß genetische Faktoren und Umweltfaktoren zu gleichen Anteilen gemeinsam soziale Unterstützung bedingen. Danach scheinen Gene und Umwelt über den Umweg soziale Unterstützung für den Puf­fereffekt von Unterstützung auf Depressivität verantwortlich zu sein (Kessler, Kendler, Heath, M.C. Neale & Eaves, 1992). Die Hypothesen, daß empfangene Unterstützung den Puffereffekt von wahrgenommener Unterstützung als Mediator hervorbringt, daß wahrgenommene Unterstützung entweder den erhöhten Gebrauch oder die erhöhte Wirksamkeit von bestimmten Bewältigungsstrategien fördert, oder daß es einen verborgenen genetischen Faktor gibt, der die Wahrnehmung von Unterstützung und die Anpassung an Streß zugleich beeinflußt, konnten nicht bestätigt werden (Kessler, Kendler, Heath, M.C. Neale & Eaves, 1994). Es scheint jedoch zu sein, daß soziale Unterstützung allgemein um so eher in Anspruch genommen wird, je beeinträchtigender und neuartiger die Belastungssituation für die betreffende Person ist (Rei­cherts, 1993).

Es gibt allerdings neben den empirischen Belegen, die für das Puffereffekt-Modell sprechen, auch Argumente dagegen. So zeigt Veiel (1987, 1992) in seinem Computersimulationsmodell eine alternative Interpretation für das Puffereffekt-Modell durch Schwelleneffekte auf. Schwelleneffekt bedeutet in diesem Zusammenhang, daß es für soziale Unterstützung möglicherweise einen bestimmten Grenzpunkt geben kann, ab dem eine gegebene Menge an Unterstützung nicht weiter zum Wohlbefinden beiträgt und so ein statistischer Interaktionseffekt zustande kommt. Da­bei wird davon ausgegangen, daß das Aufkommen einer Depression intraindividuell nicht kontinuierlich verläuft, sondern durch ein Übertreten einer Schwelle plötzlich aufkommt. Dies führt zu unechten Puffereffekten.

Gegen Schwelleneffekte richten sich Methoden wie Stratifi­zierung der Stichprobe, Differenzierung von Streßmaßen, mehrere konzeptuell unterschiedliche und intern homogene Unterstüt­zungsmaße, Einschließung von mehreren alternativen abhängigen Variablen in das Untersuchungs-Design (z.B. Depressivität, Ängstlichkeit oder psychophysische Beschwerden; Veiel, 1987).

Daneben sind bei der Analyse und Interpretation vorhande­ner und nicht-vorhandener statistischer Puffereffekte eine gan­ze Reihe von möglichen methodischen Problemen zu beachten (Veiel, 1992). Dazu gehört die Unechtheit von Korrelationen, also die Beeinflussung von Streß, sozialer Unterstützung und Distreß durch eine vierte Variable. Bei aggregierten Maßen für Streß, Unterstützung und Distreß ist eine theoretische a-prio­ri-Erklärung der zugrunde liegenden psychologischen Prozesse notwendig. Bei spezifischen Maßen ist dies nicht unbedingt er­forderlich, weil die Daten hierbei eher für sich sprechen kön­nen. Logistische und log-lineare Verfahren führen eher zu einer Unterschätzung von Puffereffekten. Zu beachten ist weiterhin, daß eine Nichtlinearität des Zusammenhangs von Streß oder Un­terstützung einerseits und Befinden andererseits in Kombination mit einer geringen Korrelation zwischen Streß und Unterstützung in der linearen Regressionsanalyse zu falschen Ergebnissen füh­ren kann. Auch im Verlaufe von Longitudinal-Designs ermittelte empirische Puffereffekte können aufgrund von Mobilisierung oder Verminderung von Unterstützung als Folge eines Stressors un­echte Puffereffekte sein (siehe ausführlich bei Veiel, 1992).

Das Argument, daß die in den meisten Studien gefundenen signifikanten Puffereffekte nur einen kleinen Anteil an Varianz aufklären (teilweise unter 1%; z.B. S. Cohen et al., 1986) und somit praktisch irrelevant sind, wird durch Rosenthal entkräf­tet, der aufzeigt, daß auch sehr kleine Effektgrößen praktisch wichtig sein können (Rosenthal, 1991; Rosenthal & D.B. Rubin, 1982; siehe auch Diskussion bei S. Cohen & J.R. Edwards, 1989).

So erscheint es weiterhin wichtig, anzumerken, daß es Er­eignisse und Bedingungsfaktoren geben kann, die empirisch nicht nur zu negativen direkten Effekten (also einer positiven Korre­lation zwischen Unterstützung und Symptomen), sondern auch zu negativen Puffereffekten von Unterstützung führen können (Buunk & Peeters, 1994; Cummings, 1988; Ganster et al., 1987). So kann soziale Unterstützung z.B. unter Streß am Arbeitsplatz in Orga­nisationen als Vulnerabilitätsfaktor wirken.

Drei Bedingungsfaktoren werden für eine solche Verschlech­terung des psychophysischen Befindens durch soziale Unterstüt­zung bei Streß am Arbeitsplatz diskutiert (Buunk, 1990; Buunk & Peeters, 1994): 1. Soziale Unterstützung kann bei öffentlicher Präsenz anderer Personen Streß erhöhen, der sozial mißbilligte Gefühle wie z.B. Ängstlichkeit, Neurotizismus, Verwirrung und andere persönliche Probleme impliziert. 2. Soziale Unterstüt­zung kann unter Streß über direkte soziale Einflußprozesse wie sozialer Vergleich und Modellernen bzw. Imitation, durch die eine Person eine noch negativere Sicht einer Situation entwik­kelt als zuvor, Streß vergrößern. Und 3. kann soziale Unter­stützung unter Streß als Wirkung der Hilfe von anderen Personen negative Seiteneffekte, wie z.B. Induzieren von Gefühlen der Ungleichheit, Unterminierung von Gefühlen von Kompetenz und Kontrolle sowie Bedrohungen der Selbstwertschätzung, auslösen und somit anfänglichen Streß eskalieren.

Eine latente Parallelität von negativen und positiven Puf­fereffekten von sozialer Unterstützung würde empirisch zu einem Nicht-Auftreten von Interaktionseffekten führen. Dieses Phäno­men könnte für bisherige inkonsistente Untersuchungsergebnisse zum Puffereffekt von sozialer Unterstützung teilweise verant­wortlich sein.

Vilhjalmsson (1993) prüfte das Hauptmodell und das Puffer­modell von sozialer Unterstützung für die abhängige dichotome Variable „klinische Depression“. Er konnte zeigen, daß die Wahl des Modells bei Dichotomisieren der abhängigen Variablen von der Spezifikation der funktionalen Form der Beziehung zwischen Streß und klinischer Depression (lineare Wahrscheinlichkeits-Spezifikation für das Puffermodell einerseits oder Logit- bzw. Probit-Spezifikation für das Hauptmodell andererseits) abhängt. Danach kommt er bei seiner Reanalyse bereits publizierter Stu­dien zu dem Schluß, daß für diesen Fall das Haupteffekt- bzw. Belastungsmodell sich mit dem empirischem Datenmaterial besser bestätigen läßt als ein Puffer- bzw. Vulnerabilitätsmodell.

Alloway und Bebbington (1987) kommen in ihrer Literatur­übersicht zu dem Schluß, daß in empirischen Untersuchungen die Belege für den Puffereffekt von sozialer Unterstützung inkonsi­stent sind und folgern daraus, daß ein möglicher Puffereffekt von Unterstützung, falls überhaupt vorhanden, wahrscheinlich nicht sehr groß ist. Sie halten es für möglich, daß empirische Puffereffekte durch Konfundierung von Meßinstrumenten entste­hen. Dagegen kommen S. Cohen und Wills (1985) zu dem Schluß, das Puffereffekte nicht durch eine Konfundierung des Maßes für Streß und desjenigen von sozialer Unterstützung entstehen. Die­ses Problem ist weiterhin als nicht endgültig geklärt anzuse­hen.

Schließlich folgern G.F. Koeske und R.D. Koeske (1991) in ihrer Literaturübersicht, daß der Puffereffekt von sozialer Un­terstützung aufgrund methodischer Einschränkungen empirischer Untersuchungen unterschätzt wird: 1. Die konservative Methode der Subtraktion der beiden Varianzen der Haupteffekte von Streß und Unterstützung vor dem Interaktionsterm aus beiden Variablen führt ohne Notwendigkeit zu einer Unterschätzung der wirklich interessierenden Hypothese potentieller Interaktionseffekte. 2. Unelaborierte Konzeptualisierungen der Mechanismen von Stresso­ren zu psychophysischem Befinden führen zu theoretisch unzurei­chend konzipierten Untersuchungs-Designs. 3. Durch die Verwen­dung globaler Maße für Streßereignisse sinkt die Wahrschein­lichkeit des Aufdeckens statistischer Interaktionseffekte höhe­rer Ordnung. 4. In ähnlicher Weise vermindert die Erhebung he­terogener Stichproben die Wahrscheinlichkeit des Auftretens statistischer Interaktionseffekte. Und 5. können unterschiedli­che nichtlineare Beziehungen der beiden Subgruppen mit hoher und niedriger sozialer Unterstützung, z.B. durch reverses Puf­fern für Personen mit geringer sozialer Unterstützung und hohem Streß, zu einem Nicht-Auftreten eines statistischen Interak­tionseffekts in der Gesamtstichprobe führen.

Zur Erhöhung der Stärke der statistischen Prozeduren wer­den von G.F. Koeske und R.D. Koeske (1991) alternierend vorge­schlagen: 1. Überprüfung der Regressionsoberflächen (Champoux & Peters, 1987) als Ergänzung zur multiplen Regressionsanalyse, 2. Test der Signifikanz der Differenz zwischen den Steigungen der beiden Geraden von geringer und hoher Unterstützung (Wil­cox, 1981) als Zusatz zur multiplen Regressionsanalyse, und 3. bei Messung von Streß und sozialer Unterstützung als gruppierte Variablen die Anwendung der Kontrastanalyse (Rosenthal & Ros­now, 1985).

Die Forschungen scheinen weiterhin speziell darauf hinzu­weisen, daß bestimmte Unterstützungsarten eine Pufferfunktion gegen streßinduzierte psychologische Symptome haben und andere nicht (z.B. S. Cohen & Hoberman, 1983; S. Cohen et al., 1986; Henderson et al., 1981). So konnten z.B. in einer Untersuchung an geschiedenen Frauen mit Kindern materielle Unterstützung und elterliche Unterstützung als Prädiktoren für Depressivität identifiziert werden (Tetzloff & Barrera, 1987).

Im Vergleich dazu haben Studien an amerikanischen College-Studenten gezeigt, daß wahrgenommene Verfügbarkeit von Unter­stützung mit den drei Komponenten Zugehörigkeits-Unterstützung, Bewertungs-Unterstützung, Selbstwert-Unterstützung und dem Ge­samtwert für soziale Unterstützung einen Puffereffekt auf De­pressivität aufwies und materielle Unterstützung hingegen nicht (L.H. Cohen et al., 1984; S. Cohen & Hoberman, 1983; S. Cohen et al., 1985; S. Cohen et al., 1986). In einer eigenen Unter­suchung an deutschen Erstsemesterstudenten konnten demgegenüber nur Puffereffekte für materielle Unterstützung und Zugehörig­keits-Unterstützung, jedoch kein Puffereffekt für Bewertungs-Unterstützung, Selbstwert-Unterstützung und den Gesamtwert von sozialer Unterstützung gefunden werden (Wolf, 1991).

Schließlich konnte in der Forschung in Verbindung mit Streß und physischen Symptomen ein Puffereffekt für materielle Unterstützung, Zugehörigkeits-Unterstützung und Selbstwert-Unterstützung, nicht aber für Bewertungs-Unterstützung gefunden werden (S. Cohen & Hoberman, 1983).

Bei der Untersuchung des Puffereffekt-Modells sind wie im Laufe dieses Abschnitts aufgezeigt eine ganze Reihe von metho­dischen Faktoren zu beachten. Als Resümee sind nach meiner An­sicht die Analysen des Puffereffekts von sozialer Unterstützung mit Daten auf Intervallskalenniveau in der Kombination von li­nearer Regression mit multiplikativen Modellen durchzuführen (Veiel, 1992). Die Anwendung der multiplen Regression mit Kreuzprodukttermen zur Analyse des Puffereffekts ermöglicht ferner einen guten Vergleich mit bisherigen Forschungen, die ebenfalls mit dieser Methode unternommen wurden. Andere Metho­den wie z.B. Bildung von Subgruppen haben vergleichsweise große methodische Einschränkungen wie Informationsverlust, Stichpro­benabhängigkeit oder erschweren Vergleichsmöglichkeiten mit dem bisherigen Forschungsstand oder sind bisher in der Unterstüt­zungsforschung nicht bewährt.

Die eher konservative methodische Prüfung des Pufferef­fekt-Modells ist von der Forschung explizit beabsichtigt. Durch eine entsprechende Berücksichtigung dieses Faktors bei der In­terpretation von Ergebnissen kann dies in Rechnung gestellt werden. Beim Design der Untersuchung, bei der verwendeten Erhe­bungsmethodik und der statistischen Auswertung sowie der Inter­pretation von empirisch aufgetretenen oder nicht aufgetretenen Puffereffekten sind Ergebnisse sorgfältig nach möglichen Ein­schränkungen zu überprüfen und gegebenenfalls alternative Er­klärungen zu diskutieren (Veiel, 1987, 1992).

2.4 Persönlichkeitsvariablen in ihrer Beziehung zu Streß und sozialer Unterstützung

2.4.1 Persönlichkeitsvariablen als Moderatoren von Streß und in Verbindung mit sozialer Unterstützung

Es gibt basierend auf Forschungen der letzten 15 Jahre Gründe zu der Annahme, daß außer sozialer Unterstützung auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale als Streßmoderatoren bzw. als Puffer gegen Streß in Betracht zu ziehen sind (Brandstätter, 1995; S. Cohen et al., 1986; S. Cohen & J.R. Edwards, 1989; Röhrle, 1994, Kap. 6).

In Frage kommt dafür eine große Anzahl von Variablen: Kon­trollüberzeugung (locus of control; Eckenrode, 1983; J.H. John­son & I.G. Sarason, 1979a; Lefcourt, R.A. Martin & Saleh, 1984; Lefcourt, R.S. Miller, Ware & Sherk, 1981; Sandler & Lakey, 1982; I.G. Sarason et al., 1979), Erlebnissuche (sensation seeking; J.H. Johnson & I.G. Sarason, 1979a; R.E. Smith et al., 1978; R.E. Smith, Ptacek & Smoll, 1992), Erregungssuche (arou­sal seeking; J.H. Johnson & I.G. Sarason, 1979a), negative Ein­stellungen (negativistic attitudes; z.B. Feindseligkeit oder auf Menschen, das Leben und die Gesellschaft bezogene pessimi­stische Einstellungen; Hansson et al., 1984; T.W. Smith & Pope, 1991), privates Selbstbewußtsein (private self-consciousness; die Fähigkeit, versteckte interne Aspekte des Selbst wahrzuneh­men und sich darauf zu konzentrieren; Mullen & Suls, 1982), Wi­derstandskraft (hardiness; ein Konstrukt aus Kontrolle, Ziel­strebigkeit und Herausforderung; Kobasa, 1979; Kobasa & Pucet­ti, 1983; Rahim, 1990b; siehe Überblick bei Orr & Westman, 1990), Ängstlichkeit (anxiety; I.G. Sarason et al., 1979), Trait-Ängstlichkeit (trait-anxiety; Depue & Monroe, 1985; Wolf, 1991), Neurotizismus (neuroticism; S. Cohen & Wills, 1985; De­pue & Monroe, 1985; Henderson et al., 1981; Payne, 1988; Wolf, 1991), Extraversion (extraversion; S. Cohen & Wills, 1985; Wolf, 1991), Maskulinität (masculinity; männliche Geschlechts­rollenorientierung; z.B. Baucom, 1983; W.H. Jones, Chernovetz & Hansson, 1978; Roos & L.H. Cohen, 1987), Selbstwirksamkeitser­wartung (self-efficacy; Bandura, 1977; siehe Überblick bei R. Schwarzer, 1992), Selbstkonzept der Kompetenz (sense of maste­ry; Hobfoll & Leiberman, 1989; Pearlin, Lieberman, Menaghan & Mullan, 1981), geringes Selbstbild (poor self-regard; z.B. niedrige Selbstwertschätzung und Sozialkonzepte; Hansson, W.H. Jones & Carpenter, 1984), Komplexität des Selbstkonzepts (self-complexity; Linville, 1987), Selbstöffnung (self-disclosure; Derlega, Metts, Petronio, & Margulis, 1993), Vertrauen und Ver­trauenswürdigkeit (trust and trustworthiness; Bierhoff, 1992; Petermann, 1996), Optimismus (optimism; Chang, 1998; Seger­strom, S.E. Taylor, Kemeny & Fahey, 1998), Bewältigungsfähig­keiten (Coping; z.B. Carver & Scheier, 1994; Stone & J.M. Neale, 1984; siehe Überblicke bei Carpenter, 1992; Eckenrode, 1991), Lageorientierung (Kuhl, 1983), konstruktives Denken (constructive thinking; Epstein, 1992), Ich-Stärke (ego-strength; Worden & Sobel, 1978, zitiert nach R. Schwarzer & Leppin, 1989, S. 70, 283), das Gefühl von Kohärenz im Leben (sense of coherence; ein Konstrukt aus Begreifbarkeit „compre­hensibility“, Handhabbarkeit „manageability“ und Bedeutungsfül­le „meaningfulness“; Antonovsky, 1979, 1987), Sinn und Bedeu­tung im Leben (Visotsky, Hamburg, Goss & Lebovitz, 1961), Selbstaktualisierung (self-actualization; Ford & Procidano, 1990), Autonomie sowie soziale Abhängigkeit (S. Reynolds & Gil­bert, 1991), Ruhe-Bewahren sowie Leicht-Nehmen von Ereignissen (Rhodewalt, R.B. Hays, Chemers & Wysocki, 1984), Kultiviert­heit, Freundlichkeit sowie Gewissenhaftigkeit (openness to ex­perience, agreeableness, conscientiousness; Costa & McCrae, 1992; Digman, 1990; Goldberg, 1993; siehe Überblick bei Wig­gins, 1996) und physischer sowie psychosozialer Lebensstil (Do­naldson, 1993).

Auf der anderen Seite gibt es auch Hinweise auf direkte Verbindungen von sozialer Unterstützung mit Persönlichkeitsva­riablen wie z.B. Ängstlichkeit (I.G. Sarason & B.R. Sarason, 1985b; Teichman, 1978; Wolf, 1991; Zimmermann & Buchwald, 1996), Neurotizismus (Costa, Zonderman & McCrae, 1985; Levin & Stokes, 1986; Parkes, 1986; I.G. Sarason & B.R. Sarason, 1985b; Wolf, 1991), Extraversion (Costa, Zonderman & McCrae, 1985; Levin & Stokes, 1986; Parkes, 1986; I.G. Sarason & B.R. Sara­son, 1985b; Wolf, 1991), Feindseligkeit (hostility; I.G. Sara­son & B.R. Sarason, 1985b), Ärger und Neugier (Zimmermann & Buchwald, 1996), Kontrollüberzeugung (Eckenrode, 1983; Fusi­lier, Ganster & Mayes, 1987; Sandler & Lakey, 1982), Selbst­wertschätzung (self-esteem; G.W. Brown, B. Andrews, Harris, Adler & Bridge, 1986; Dunkel-Schetter, Folkman & Lazarus, 1987; Newcomb, 1990b), Maskulinität (Roos & L.H. Cohen, 1987), Selbstwirksamkeit (C.K. Holahan & C.J. Holahan, 1987; Zimmer­mann & Buchwald, 1996), soziale Fähigkeiten und soziale Kompe­tenz (social skills and social competence; S. Cohen et al., 1986; Heller, 1979; Heller & Lakey, 1985; Röhrle & Sommer, 1993, 1994; Sommer & Fydrich, 1989), Optimismus (optimism; Scheier, Weintraub & Carver, 1986), Coping (Scheier, Weintraub & Carver, 1986; Dunkel-Schetter, Folkman & Lazarus, 1987), per­sönliches Durchsetzungsvermögen (personal assertiveness; El­liott & Gramling, 1990) und anderen Persönlichkeitsvariablen (I.G. Sarason & B.R. Sarason, 1982).

Ebenfalls werden in der Literatur Beziehungen zwischen Ge­schlecht und sozialer Unterstützung genannt (Defares, Brandjes, Nass & J.D. van der Ploeg, 1985; Fuchs & Leppin, 1992; Lef­court, 1985; R. Schwarzer & Leppin, 1989). So fanden z.B. zahl­reiche Untersuchungen, daß Frauen mehr erhaltene emotionale Un­terstützung angaben als Männer (Henderson et al., 1981; Hirsch, 1979; Stokes & Wilson, 1984). Auch scheinen Frauen mehr emotio­nale Unterstützung zu geben als Männer (Belle, 1982; Vanfossen, 1981). Ferner gibt es Hinweise darauf, daß Unterschichtpersonen weniger soziale Unterstützung erhalten als Angehörige der Mit­tel- oder Oberschicht (G.W. Brown & Harris, 1986; siehe zusam­menfassend Röhrle, 1994, Kap. 6.4).

In jüngerer Zeit wurden auch vermehrt Studien durchge­führt, die Effekte unter Streß zwischen Persönlichkeitsvaria­blen und sozialer Unterstützung in Konkurrenz zueinander erfor­schen. So konnte festgestellt werden, daß hoch ängstliche Stu­denten weniger emotionale Unterstützung nachsuchten als wenig ängstliche (Caldwell & Reinhart, 1988). Neurotizismus konnte in zwei Untersuchungen das psychophysische Befinden besser vorher­sagen als soziale Unterstützung (Henderson et al., 1981; Payne, 1988). Und positive Lebensereignisse konnten wie Unterstützung als Streßpuffer gegen negative Lebensereignisse identifiziert werden (Cohen & Hoberman, 1983).

Ferner scheinen soziale Unterstützung und negative Le­bensereignisse nur für Personen mit internaler Kontrollüberzeu­gung einen Interaktionseffekt aufzuweisen, nicht aber für Per­sonen mit externaler Kontrollüberzeugung (Cauce, Hannan & Sar­geant, 1992; Sandler & Lakey, 1982). Es scheint möglicherweise dafür kulturelle Unterschiede zu geben, denn für amerikanische College-Studenten konnte dieses Ergebnis bestätigt werden, für chinesische jedoch nicht (Liang & Bogat, 1994). Es scheint fer­ner, daß internale Personen während Streßperioden mehr soziale Unterstützung nachsuchen als externale Personen (Grace & Schill, 1986). Es konnte gefunden werden, daß Kontrollüberzeu­gung und soziale Unterstützung gemeinsam die Reaktionen auf Ar­beitsstreß bestimmten (Daniels & Guppy, 1994; Fusilier, Ganster & Mayes, 1987). Lefcourt (1985) kam zu dem Schluß, daß Personen mit internaler Kontrollüberzeugung unter Streß mehr soziale Un­terstützung benötigen als Externale, daß Internale mehr davon profitieren und mehr unter ihrer Abwesenheit leiden. In der ei­genen Untersuchung wurden eher schwache Effekte für Kontroll­überzeugung in Verbindung mit Streß und Unterstützung gefunden (Wolf, 1991).

Kobasa und Pucetti (1983) berichteten von einem stärkeren Effekt der Variablen Widerstandskraft im Vergleich zu sozialer Unterstützung auf das gesundheitliche Befinden. Eine neue Un­tersuchung fand nur minimale Hinweise auf einen Puffereffekt von Widerstandskraft und sozialer Unterstützung (L.A. King, D.W. King, Fairbank, Keane & Adams, 1998).

Bei einer Gruppe von Frauen, die eine Biopsie in Zukunft vor sich hatte, konnte ein stärkerer Effekt der Persönlich­keitsvariablen Selbstvertrauen und Selbstkonzept der Kompetenz (sense of mastery) auf den Distreß der Frauen im Vergleich mit der Wirkung von sozialer Unterstützung gefunden werden (Hobfoll & Walfisch, 1984). Es scheint, daß soziale Unterstützung die Wirkungen von Streß auf Depressivität eher für Personen mit ma­skuliner Geschlechtsrollenorientierung abmildert (Roos & L.H. Cohen, 1987). So zeigten sich auch geschlechtsspezifische Wir­kungen von sportlicher Aktivität und sozialer Unterstützung zu­sammen (Fuchs & Leppin, 1992).

Des weiteren moderieren am Arbeitsplatz Handlungsspielraum und soziale Unterstützung beide den Zusammenhang zwischen Stressoren und Befindensbeeinträchtigungen (Frese & Semmer, 1991). Es kann auch gezeigt werden, daß psychosoziale Faktoren wie z.B. Persönlichkeitseigenschaften, habituelle Verhaltens­weisen wie z.B. Ernährungsgewohnheiten und soziale Unterstüt­zung das Immunsystem beeinflussen (Bergler & Zipperling, 1991).

In diesem Zusammenhang wurde in neuerer Zeit in der Lite­ratur verstärkt das Thema diskutiert, inwiefern soziale Unter­stützung als Stellvertreter für andere stabile Persönlich­keitsmerkmale wirkt (S. Cohen & Syme, 1985b; S. Cohen et al., 1986; Hansson et al., 1984; Heller, 1979; Henderson, 1992; Hen­derson et al., 1981). Drei Modelle stehen dafür in erster Linie zur Auswahl (S. Cohen et al., 1986): 1. Stabile Persönlich­keitsmerkmale sind primär für den Puffereffekt von sozialer Un­terstützung verantwortlich. 2. Soziale Unterstützung ist nur für Personen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen nützlich. 3. Stabile Persönlichkeitsvariablen beeinflussen die Entwick­lung und Erhaltung der Wahrnehmung von sozialer Unterstützung.

Fernerhin sind noch die Hypothesen möglich, daß soziale Unterstützung primär für einen solchen möglichen Puffereffekt von Persönlichkeitsmerkmalen verantwortlich ist, indem Inter­aktionseffekte von Streß und Persönlichkeitsvariablen sich durch den Puffereffekt von Unterstützung erklären lassen, oder daß die Wahrnehmung von Unterstützung die Entwicklung und Er­haltung von relativ stabilen Persönlichkeitsmerkmalen wie z.B. Ängstlichkeit oder Selbstwertschätzung beeinflußt. Einige die­ser Fragen wurden bereits überprüft (S. Cohen et al., 1986, S. Cohen & J.R. Edwards, 1989; Wolf, 1991). Die bisherigen Unter­suchungen sind jedoch entweder widersprüchlich oder leiden an methodischen Unzulänglichkeiten (siehe Überblick bei S. Cohen & J.R. Edwards, 1989).

Puffereffekte von sozialer Unterstützung traten selbst dann noch auf, nachdem die Effekte durch soziale Fertigkeiten wie soziale Kompetenz, soziale Ängstlichkeit und Selbstenthül­lung kontrolliert wurden. Keine Hinweise ergaben sich darauf, daß der Puffereffekt der sozialen Unterstützung für Personen mit verschiedener Ausprägung der genannten drei Merkmale unter­schiedlich operiert. Soziale Fertigkeiten konnten allerdings zum Teil als Prädiktoren für die Wahrnehmung von sozialer Un­terstützung und die Bildung von Freundschaften identifiziert werden. Weiterhin wurde ein Puffereffekt für die Persönlich­keitsvariable soziale Ängstlichkeit, nicht jedoch für Selbst­öffnung und soziale Kompetenz gefunden (S. Cohen et al., 1986).

In einer anderen Untersuchung konnte jedoch kein Pufferef­fekt unter Streß von Unterstützung auf Ängstlichkeit unter Kon­trolle der Persönlichkeitsvariablen Extraversion und Neuroti­zismus festgestellt werden (Bolger & Eckenrode, 1991).

In der eigenen Untersuchung an deutschen Erstsemesterstu­denten (Wolf, 1991) konnten ferner empirische Puffereffekte von Unterstützung, die ohne Persönlichkeitsmerkmale als Kontroll­variablen ermittelt wurden, in jedem Fall durch alternierendes Einsetzen von State-Ängstlichkeit, Trait-Ängstlichkeit oder Neurotizismus und teilweise durch Extraversion erklärt werden. Die zu Kontrollanalysen herangezogenen Interaktionseffekte von Unterstützung waren dabei zwar größtenteils signifikant, jedoch ziemlich klein (3.57%-5.28% erklärte Varianz). Darüber hinaus wurden Trait-Ängstlichkeit oder Neurotizismus hauptsächlich und State-Ängstlichkeit bzw. Extraversion teilweise selbst als Streßpuffer identifiziert.

Zusätzlich waren vor allem Trait-Ängstlichkeit und in ge­ringerem Maße auch Neurotizismus, State-Ängstlichkeit, Extra­version und Kontrollüberzeugung Prädiktoren für die Wahrnehmung von sozialer Unterstützung und die Bildung von Freundschaften. Keine Hinweise ergaben sich jedoch darauf, daß der Puffereffekt von sozialer Unterstützung für Personen mit verschiedener Aus­prägung dieser fünf Persönlichkeitsvariablen unterschiedlich operierte (Wolf, 1991).

Negative Affektivität (bzw. Neurotizismus), soziale An­nehmlichkeit (agreeableness) und soziale Kompetenz konnten als Prädiktoren für die Entwicklung von wahrgenommener sozialer Un­terstützung in neuen sozialen Umgebungen ausgemacht werden (La­key, 1989; Lakey & Dickinson, 1994).

S. Cohen und J.R. Edwards (1989) kommen in ihrer Übersicht zu dem Schluß, daß bisherige Untersuchungen am ehesten für ei­nen Streß-Schutz-Effekt von Kontrollüberzeugung sprechen. Für Variablen wie soziale Interessen, Fehlen von Anomie bzw. Ent­fremdung, Typ-A-B-Verhalten, Bewältigungsstile, Bewältigungs­flexibilität und Bewältigungskomplexität, Erlebnissuche, priva­tes Selbstbewußtsein und Widerstandskraft und Selbstwertschät­zung ist die bisherige allerdings dürftige Forschungslage un­klar oder spricht eher gegen einen Puffereffekt dieser Persön­lichkeitsvariablen. In einer neuesten Untersuchung wird von ei­nem Puffereffekt von Selbstwert berichtet (Fernandez, Mutran & Reitzes, 1998).

Die Befundlage ist also bis dato weiterhin insgesamt un­klar. Möglicherweise waren die Erstsemesterstudenten bei der Untersuchung von Wolf (1991) keinem hohen Streß ausgesetzt, und deshalb konnten nur sehr geringe Puffereffekte für Unterstüt­zung identifiziert werden. Unter dieser Hypothese wäre somit die Untersuchung an einer Gruppe von Menschen, die einem star­ken Maß an Streß ausgesetzt sind in ähnlicher Weise mit teil­weise den gleichen Persönlichkeitsvariablen zu wiederholen. Of­fen bleibt obendrein nach diesen Untersuchungen weiterhin, ob nicht andere Persönlichkeitsvariablen, außer denen, die bei den genannten Untersuchungen fokussiert wurden, sich für einen Ein­fluß auf soziale Unterstützung in der postulierten Weise ver­antwortlich zeichnen.

Eine weitere Annahme neben den drei weiter oben nach S. Cohen et al. (1986) genannten Hypothesen wurde in diesem Zusam­menhang bisher noch nicht in der Forschungsliteratur disku­tiert. Es ist theoretisch möglich, daß soziale Unterstützung für Personen mit unterschiedlichen Ausprägungen von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen jeweils einen Schutzeffekt aufweist, parallel jedoch für verschiedene Persönlichkeitsausprägungen unter Streß graduell unterschiedlich nützlich ist. Dies wäre z.B. der Fall, wenn Personen mit hoher Ängstlichkeit, niedriger Selbstwertschätzung oder externaler Kontrollüberzeugung unter hohem Streß hohe und niedrige soziale Unterstützung relativ besser nutzen können als Personen mit niedriger Ängstlichkeit, hoher Selbstwertschätzung oder internaler Kontrollüberzeugung. Persönlichkeitsvariablen würden so in empirischen Untersuchun­gen einen potentiellen Puffereffekt von sozialer Unterstützung unterdrücken oder umgekehrt Unterstützung würde einen poten­tiellen Interaktionseffekt von Persönlichkeitsvariablen ver­schleiern. In einem solchen Fall würden Persönlichkeitsvaria­blen und Unterstützung unter Streß gegenläufige Interaktions­effekte aufweisen (siehe auch Buunk, 1990; Buunk & Peeters, 1994). Bei multiplen Regressionen würde es sich regressions­analytisch in einem solchen Szenario um Suppressionseffekte der beiden Kreuzproduktterme von Streß und Unterstützung sowie Streß und der Persönlichkeitsvariablen handeln (Bortz, 1979; J.M. Diehl & Kohr, 1983). Wie sich eine solche Variablenkon­stellation von Streß, sozialer Unterstützung und der beispiel­haften Persönlichkeitsvariablen Ängstlichkeit als Prädiktoren und Distreß als Kriterium graphisch darstellt, ist in Abbildung 3 illustriert.

Abbildung 3. Schematische Darstellung von gegenläufigen Interaktions­effekten von sozialer Unterstützung und einer Persönlichkeitsvariablen am Beispiel von Ängstlichkeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die schematische Abbildung zeigt jeweils einen Haupteffekt von Streß, sozialer Unterstützung und Ängstlichkeit auf Di­streß. Wichtig anzumerken zu diesem Beispiel ist weiterhin, daß keine Dreifach-Interaktion von Streß, sozialer Unterstützung und Ängstlichkeit gegeben ist. Würde man in diesem Beispiel den üblicherweise durchgeführten „einfachen“ regressionsanalyti­schen Test eines Interaktionseffekts von Unterstützung und Streß (1. Prädiktor = Streß, 2. Prädiktor = Unterstützung, 3. Prädiktor = Streß * Unterstützung) durchführen, fände man kei­nen signifikanten Effekt des Kreuzproduktterms. Erst das vorhe­rige Einsetzen des Kreuzproduktterms aus Ängstlichkeit und Streß als 3. Prädiktor und die Prüfung des Interaktionsterms von Streß und Unterstützung als 4. Prädiktor würde einen signi­fikanten Interaktionseffekt von Unterstützung und Streß enthül­len (Suppressionseffekt). Man würde einen Puffereffekt von Un­terstützung unter hohem Streß getrennt für Personen mit hoher und niedriger Ängstlichkeit konstatieren können, jedoch keinen für das gesamte Kontinuum der ängstlichen Personen.

Umgekehrt würde in dem obigen Beispiel ein „einfacher“ re­gressionsanalytischer Test eines Interaktionseffekts von Ängst­lichkeit und Streß (1. Prädiktor = Streß, 2. Prädiktor = Ängst­lichkeit, 3. Prädiktor = Streß * Ängstlichkeit) keinen signifi­kanten Effekt des Kreuzproduktterms aus Streß und Ängstlichkeit aufzeigen. Das vorherige Einsetzen des Kreuzproduktterms aus Unterstützung und Streß als 3. Prädiktor und die Prüfung des Interaktionsterms von Streß und Ängstlichkeit als 4. Prädiktor würde jedoch einen signifikanten Interaktionseffekt von Ängst­lichkeit und Streß enthüllen (Suppressionseffekt). Dabei würde man einen Interaktionseffekt von Ängstlichkeit und Streß unter niedrigem Streß feststellen, also einen gegenläufigen Interak­tionseffekt zu sozialer Unterstützung. Ein derartiger Effekt ist theoretisch für jede Persönlichkeitsvariable im Zusammen­hang mit Unterstützung denkbar, also z.B. auch für Selbstwert­schätzung oder Kontrollüberzeugung.

Dies wäre beispielsweise dann möglich, wenn Personen unter hohem Streß mit viel Unterstützung im Vergleich zu wenig unter­stützten Personen vor den negativen Auswirkungen von Streß ge­schützt sind; ferner wäre unter niedrigem Streß das Ausmaß der Unterstützung relativ unerheblich. Parallel dazu müßten Perso­nen unter niedrigem Streß mit geringer Ängstlichkeit oder hohem Selbstwert im Vergleich zu Personen mit hoher Ängstlichkeit oder geringem Selbstwert ein besseres psychisches Befinden auf­weisen; ferner würde das Ausmaß an Ängstlichkeit oder Selbst­wert bei hohem Streß zunehmend relativ unerheblich. Je höher also der Streß, desto mehr würden in einem solchen Fall Unter­schiede in Persönlichkeitsmerkmalen und damit deren Wirkung auf psychophysischen Folgedistreß nivelliert.

Alternativ könnte dieses beispielhafte Szenario auch so interpretiert werden, daß unter hohem Streß für Personen mit einem bestimmten Ausprägungsgrad einer Persönlichkeitsvariablen (z.B. hoher Ängstlichkeit) ein geringeres Maß an Unterstützung ab einem gewissen Punkt bei wenig unterstützten Personen nicht weiter schadet. Anders interpretiert könnte für Personen mit der gegenteiligen Ausprägung einer Persönlichkeitsvariablen (z.B. niedriger Ängstlichkeit) ein höheres Maß an Unterstützung bei viel unterstützten Menschen nicht weiter nützen.

Gegenläufige Interaktionseffekte von Persönlichkeitsvaria­blen und sozialer Unterstützung könnten für inkonsistente Er­gebnisse in der Forschung über das Vorhandensein von Pufferef­fekten von sozialer Unterstützung verantwortlich sein (S. Cohen & Wills, 1985; Henderson, 1992; Kessler & McLeod, 1985; Leavy, 1983; Veiel, 1992), denn bei einer einfachen Analyse einer In­teraktion mit Streß und Unterstützung auf ein Kriteriumsmaß würde eben kein Puffereffekt gefunden. Solche Effekte könnten unter Streß bei Personen mit verschiedenen Ausprägungsgraden an einer Persönlichkeitsvariablen auftreten z.B. durch Unter­schiede in der ausgedrückten Dringlichkeit von benötigter Un­terstützung, durch unterschiedliche Mobilisierung von Unter­stützung aufgrund von Differenzen in der Sympathie oder der so­zialen Erwünschtheit oder durch effektivere Nutzung von Unter­stützung.

Schließlich ist noch denkbar, daß soziale Unterstützung nur Personen mit bestimmten Ausprägungsgraden auf den Persön­lichkeitsvariablen schützt. Dies könnte z.B. dann gegeben sein, wenn wenig ängstliche Personen eher dazu in der Lage sind, ver­fügbare Personen in ihrer Nähe zu Unterstützungshandlungen zu mobilisieren, oder wenn wenig ängstliche Personen Unterstützung wirksamer nutzen als ängstliche (S. Cohen et al., 1986). In diesem Fall ergäbe sich ein dreifacher Interaktionseffekt zwi­schen Streß, sozialer Unterstützung und Ängstlichkeit. Diese Möglichkeit ist an einem schematischen Beispiel in Abbildung 4 illustriert.

Abbildung 4. Schematische Darstellung eines dreifachen Interaktions­effekts von Streß, sozialer Unterstützung und einer Persönlichkeitsva­riablen am Beispiel von Ängstlichkeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine wissenschaftliche Überprüfung dieser gesamten Pro­blemstellung steht beim vorliegenden Forschungsstand noch wei­terhin aus. Die beschriebenen Aspekte sind außerdem nicht nur von wissenschaftlicher, sondern auch von gesundheitspolitischer Bedeutung. Die Forschung über soziale Unterstützung kann die Politik erst dann beeinflussen, wenn klargestellt worden ist, daß nicht primär persönliche Merkmale die soziale Unterstützung und die Streßfolgen variieren, sondern die soziale Unterstüt­zung Menschen vor den negativen Folgen von Streß schützt (Kies­ler, 1985). Insgesamt ist zu konstatieren, daß in diesem Be­reich weitere Forschung dringend notwendig ist (S. Cohen & J.R. Edwards, 1989).

2.4.2 Einsamkeit, Selbstwert und Ängstlichkeit

Einsamkeit

Eine andere Quelle für die Erkundung der Beziehungen von sozialer Unterstützung mit anderen Variablen bildet das For­schungsgebiet über Einsamkeit (W.H. Jones, 1985; Peplau, 1985; Rook, 1985; siehe Überblicke bei Elbing, 1991; Schwab, 1997), das gewissermaßen die Kehrseite der Medaille zum Forschungsbe­reich Unterstützung darstellt (Peplau, 1985). In der klinisch-psychologischen Literatur wird dabei Einsamkeitsempfinden zu­meist eindimensional rein negativ als defizitärer Zustand defi­niert (z.B. Rook, 1985; Peplau, 1985; Perlman, 1989). Dagegen steht die Auffassung, den Begriff Einsamkeit in drei qualitati­ven Abstufungen zu definieren (Elbing, 1991): 1. in einen Zu­stand des negativen, defizitären, aversiven Erlebens von Ein­samkeit, 2. in ein indifferentes, gleichgültiges, neutrales Ge­trenntsein von anderen Personen und 3. in ein Für-sich-Sein-Wollen als angestrebter positiver Erlebensbereich des Allein­seins (objektives Alleinsein).

Ausgehend von dieser Basis werden in der Literatur zahl­reiche mehrdimensionale Modelle der Einsamkeit aufgezeigt, die an dieser Stelle nicht im einzelnen aufgeführt werden können (siehe Überblick bei Elbing, 1991, Kap. 2). Wie in anderen psy­chologischen Fachgebieten auch sind hier psychodynamische Mo­dellansätze, humanistische Ansätze, systemtheoretische Ansätze, kognitions- und attributionstheoretische Ansätze, austauscht­heoretische Ansätze und kognitions-verstärkungstheoretische An­satz vertreten.

Die meisten dieser Ansätze mit Ausnahme des kognitions- und attributionstheoretischen Ansatzes leiden am Mangel der em­pirischen Forschungsergebnisse (Elbing, 1991). Empirisch am be­sten abgesichert sind die kognitions- und attributionstheore­tischen Ansätze der sogenannten UCLA-Gruppe (University of Ca­lifornia Los Angeles; z.B. Hojat & Crandall, 1989; Peplau & Perlman, 1982), die allerdings eher von einer Eindimensionali­tät des Konstruktes Einsamkeit ausgehen und dieses in einem Forschungsinstrument, der UCLA-Einsamkeitsskala (Russell, Pe­plau & Cutrona, 1980; deutsche Fassung: Stephan & Fäth, 1989; neuerdings revidierte deutsche Fassung: Döring & Bortz, 1993), operationalisiert haben. Danach wird Einsamkeit definiert als der psychologische Zustand, der von einer wahrgenommenen Dis­krepanz zwischen idealen und wahrgenommen sozialen Beziehungen resultiert (Peplau, Miceli & Morasch, 1982; W.H. Jones & Moore, 1989). Wahrgenommene subjektive psychische Einsamkeit ist inso­fern zu unterscheiden von objektivem physischen Alleinsein (Elbing, 1991, Kap. 1).

Basierend auf der Bindungstheorie (Bowlby, 1983, 1984, 1986) kann Einsamkeit als eine Resultante von zwei Stadien, so­ziale Isolation (Abwesenheit eines Platzes in einer akzeptie­renden Gemeinschaft) und emotionale Isolation (Abwesenheit ei­ner Bindungsfigur) konzeptuell angesehen werden (Weiss, 1973; Mullins, D.P. Johnson & Andersson, 1989; Andersson, Mullins & D.P. Johnson, 1989), wobei der Konstruktteil der sozialen Iso­lation eher als fragwürdig in der Literatur diskutiert wird (z.B. Weiss, 1989). In einer neuesten Untersuchung konnte je­doch die Begründung aus der Bindungstheorie mit den Faktoren emotionale und soziale Einsamkeit empirisch bestätigt werden (W. Stroebe, M. Stroebe, Abakoumkin & Schut, 1996). Danach be­einflußt wahrgenommene soziale Unterstützung psychophysische Symptome über soziale Einsamkeit und der Ehestatus über emotio­nale Einsamkeit. Die meisten theoretischen Fragen in der Ein­samkeitsforschung sind noch als ungelöst zu betrachten, wie z.B. die ungeklärte Unterscheidung zwischen Zustands- und Ei­genschafts-Einsamkeit (z.B. W.H. Jones, 1989; Peplau, 1985; Weiss, 1989).

Es konnte in zahlreichen Untersuchungen gezeigt werden, daß Einsamkeit durch die Abwesenheit von subjektiv befriedigen­den sozialen Beziehungen charakterisiert ist (R. Schwarzer & Leppin, 1989, Kap. 2.4) und mit zahlreichen anderen Persönlich­keitsvariablen korreliert ist (W.H. Jones, 1985). Die gefunde­nen Zusammenhänge mit Netzwerkmaßen der sozialen Unterstützung sind dabei nur mäßig hoch (r <=-.30; W.H. Jones & Moore, 1989). Mit Einsamkeit sind die folgenden Variablen negativ korreliert: Anzahl der Freunde, soziale Zufriedenheit, Häufigkeit von Kon­takten und der wahrgenommenen Nähe zu Familie und Freunden (Auhagen & R. Schwarzer, 1994; W.H. Jones & Russell, 1982).

Mittelhohe Korrelationen konnten zwischen Einsamkeit (UCLA; Russell et al., 1980) und der Verfügbarkeit von Unter­stützung (SSQ; I.G. Sarason et al., 1983; r =-.34 bis -.43) und zwischen Einsamkeit und der Zufriedenheit mit Unterstützung (SSQ; I.G. Sarason et al., 1983; r =-.52 bis -.59) gefunden wer­den (W.H. Jones & Moore, 1989; Pierce, I.G. Sarason & B.R. Sarason, 1991; B.R. Sarason, I.G. Sarason, Hacker & Basham, 1985). Schließlich zeigte eine Untersuchung (Newcomb & Bentler, 1986), daß soziale Unterstützung und Einsamkeitsempfinden mit einem latenten Faktor höherer Ordnung, nämlich der Bindung an das soziale Netzwerk erklärt werden können. Einsamkeit kann als Folge eines Mangels an tatsächlicher sozialer Unterstützung oder als Folge fehlender wahrgenommener sozialer Unterstützung angesehen werden.

Mit Einsamkeit positiv korreliert sind die Variablen in­adäquate soziale Fähigkeiten und Mangel an sozialer Kompetenz (z.B. Scheu, soziale Ängstlichkeit, Introversion, geringe Durchsetzungsfähigkeit etc.; Horowitz & French, 1979; W.H. Jones, Freemon & Goswick, 1981; W.H. Jones, 1985; Stephan & Fäth, 1989), Ängstlichkeit (Russell et al., 1980), Neurotizis­mus (Stephan & Fäth, 1989), Depressivität (Gaudin, Polansky, Kilpatrick & Shilton, 1993; W.H. Jones et al., 1981; Russell et al., 1980; Stephan & Fäth, 1989), psychosomatische Beschwerden (Stephan & Fäth, 1989), niedriges Selbstbild (z.B. niedrige Selbstwertschätzung und niedriges Sozialkonzept; Goswick & W.H. Jones, 1981; Peplau, Miceli & Morasch, 1982), Empfindlichkeit gegen Zurückweisung (Russell et al., 1980) und negative Ein­stellungen (wie z.B. Feindseligkeit, externale Kontrollüber­zeugung und pessimistische Einstellungen in Bezug auf Menschen, das Leben und die Gesellschaft), die zur Zurückweisung anderer Personen führen (W.H. Jones et al., 1981). Daneben konnten auch Verbindungen zwischen Einsamkeitsempfinden und neurobiochemi­schen Variablen (Hojat & Vogel, 1989) bzw. dem Immunsystem (Kennedy et al., 1990) und kardiovaskulärer Mortalität (R.B. Olsen, J. Olsen, Gunner-Svensson & Waldstrom, 1991) gefunden werden.

Diese Gruppen von Persönlichkeitsvariablen bzw. persönli­chen Beziehungskompetenzen sind imstande, den Prozeß der Bezie­hungsbildung und Beziehungsänderung auf verschiedene Weisen zu beeinflussen (W.H. Jones, 1985). Konzeptionelle Überschneidun­gen der beiden Konzepte über Einsamkeit und sozialer Unter­stützung sind offensichtlich. Es liegt somit nahe, mit Einsam­keit verbundene Persönlichkeitsvariablen auch mit sozialer Un­terstützung in Verbindung zu bringen. Obwohl von der Literatur für zukünftige Forschung vorgeschlagen (z.B. Peplau, 1985), gibt es jedoch bisher in diesem Bereich nur wenige Untersuchun­gen.

Die bisherige Forschung über Einsamkeit beschäftigt sich primär mit Begleiterscheinungen, der direkten Bewältigung und den unmittelbaren Folgen des Stressors Einsamkeit selber (siehe Elbing, 1991; Hojat & Crandall, 1989). Hier liegt ein Unter­schied zum Forschungsbereich über soziale Unterstützung, in dem gerade die Moderatorfunktion von Unterstützung unter Streß eine zentrale Rolle einnimmt. Es kann jedoch aufgrund des bestehen­den Forschungsstandes zum Zusammenhang zu anderen Persönlich­keitsvariablen und zu psychophysischen Symptomen davon ausge­gangen werden, daß Einsamkeitsempfinden bei Einwirkung von (weiteren) Stressoren als Vulnerabilitätsfaktor wirkt, der die Wahrscheinlichkeit von Distreß erhöht.

So beeinflußte wahrgenommene soziale Unterstützung Distreß indirekt durch die Einwirkung auf Einsamkeit zwei Jahre nach Teilnahme an Kampfhandlungen im Krieg. Einsamkeit war der ein­zige direkte Prädiktor von durch Kriegserlebnisse verursachten Distreß (Solomon, Waysman & Mikulincer, 1990). Die Funktion von sozialer Unterstützung als Prädiktor von Einsamkeit konnte auch durch eine Studie von Rokach (1989) bestätigt werden.

Selbstwert

Eine weitere Variable, die an dieser Stelle näher betrach­tet werden soll, ist das theoretische Konstrukt des Selbst­werts. Die Konzeptualisierung dieses psychologischen Konstrukts wurde maßgeblich von Rosenberg geprägt (Rosenberg, 1965, 1979; Rosenberg & H.B. Kaplan, 1982). Selbstwertschätzung kann defi­niert werden als Summe der positiven und negativen Bewertungen der einzelnen Vorstellungen einer Person über sich selbst (Frey & Benning, 1983). Eine andere Definition von Selbstwertgefühl lautet „die Einstellungen zur eigenen Person, die sich auf Selbstachtung, auf Gefühle der Zufriedenheit oder Unzufrieden­heit mit der eigenen Person - auch im Vergleich mit anderen Gleichaltrigen - ebenso auf Gefühle von Nützlichkeit beziehen“ (Deusinger, 1986, S. 34). Der Selbstwert ist ein zentrales Subkonstrukt der eigenen Selbstkonzepte (siehe Überblick bei Bracken, 1996). In der psychologischen Forschung nimmt das Konstrukt Selbstwert einen hohen aktuellen Stellenwert ein (z.B. Hannover, 1997; Staudinger & Greve, 1997; Schütz, 1997).

Der Prozeß der Bildung des Selbstwerts beinhaltet die drei Prinzipien bedachte Bewertung, sozialer Vergleich und Selbst-Attribution (Rosenberg, 1979). Bedachte Bewertung bezieht sich auf die Interpretation einer Person in Hinsicht auf diejenigen Ansichten, die andere von ihr haben. Sozialer Vergleich refe­riert darauf, daß mangels objektiver Information über die eige­ne Person diese sich selbst aufgrund des Vergleichs mit anderen bewertet. Selbst-Attribution drückt aus, daß eine Person die Tendenz hat, aus der Beobachtung der eigenen Handlungen Schlüs­se über sich selbst zu ziehen. Daraus folgt, daß die Selbst­wertschätzung durch zukünftige soziale Lernerfahrungen modifi­zierbar ist.

Selbstwertschätzung scheint als internes Meßinstrument für soziale Beziehungen zu fungieren, das als Kontrollanzeige für die Reaktionen anderer Personen funktioniert. Selbstwert stellt insofern für das Individuum eine Alarmfunktion eines möglichen sozialen Ausstoßes dar (Leary, Tambor, Terdal & Downs, 1995). Ferner kann nun belegt werden, daß die Wichtigkeit des jeweili­gen Bereiches der eigenen Selbstkonzepte über die Einwirkungs­stärke der Selbstkonzepte auf den Selbstwert entscheidet (Pel­ham, 1995). Spezifische Selbst-Ansichten scheinen eher kogniti­ve Reaktionen vorherzusagen und die allgemeine Selbstwertschät­zung eher emotionale Reaktionen (Dutton & J.D. Brown, 1997).

Ein Faktor, der im Zusammenhang mit der Betrachtung von Selbstwertschätzung von großer Bedeutung zu sein scheint, ist die Stabilität der Selbstwertschätzung, besonders bei Personen mit hoher Selbstwertschätzung (Kernis & Waschull, 1995). So konnte unter anderem gefunden werden, daß die Stabilität der Selbstwertschätzung als ein Moderator der Beziehung zwischen Selbstwertschätzung und depressiven Symptomen fungiert (Kernis, Grannemann & Mathis, 1991).

Der Selbstwert kann dazu beitragen, ein soziales Stütz­system auszuformen, das größer ist und sich verantwortlich für das Individuum verhält (Dunkel-Schetter et al., 1987). Je bes­ser sich eine Person bezogen auf sich selbst fühlt, desto mehr Sicherheit hat sie bei der Befriedigung ihrer persönlichen Be­dürfnisse, und eine selbstvertraute, selbstsichere Person wird als Mitglied von sozialen Unterstützungsnetzwerken wertge­schätzt. Umgekehrt mangelt es Personen mit geringem Selbstwert an Selbstvertrauen und Geschick, um ihre Bedürfnisse zu befrie­digen. Sie erscheinen als ein potentielles Mitglied, das ande­ren Unterstützungsnetzwerken wenig anzubieten hat.

Andererseits ist theoretisch zu erwarten, daß ein soziales Stützsystem den Selbstwert beeinflussen kann, was aus den drei oben genannten Prinzipien bedachte Bewertung, sozialer Ver­gleich und Selbst-Attribution zu schlußfolgern ist (Rosenberg, 1979).

Theoretisch ist insofern im allgemeinen von einem positi­ven Zusammenhang zwischen Selbstwertschätzung und sozialer Un­terstützung auszugehen (B.R. Sarason, Pierce et al., 1990). So­ziale Unterstützung kann jedoch auch die Selbstwertschätzung bedrohen, wenn sie beim Empfänger zu Gefühlen der Schuld und Schande führt (J.D. Fisher et al., 1982; E. Walster et al., 1978), was zu einer negativen Korrelation zwischen Unterstüt­zung und Selbstwert führen müßte.

Empirisch ist hohe Selbstwertschätzung mit sozialer Unter­stützung im allgemeinen positiv und mit Depressivität und Ängstlichkeit negativ korreliert (z.B. G.W. Brown et al., 1986; Dean, 1986; Newcomb, 1990b; Seiffge-Krenke, 1993). Selbstwert­schätzung konnte ferner als zeitlicher Prädiktor für Depressi­vität identifiziert werden (G.W. Brown, B. Andrews, Bifulco & Veiel, 1990). Weiterhin können Selbstwertschätzung und Depres­sivität mit Attributionen in Verbindung gebracht werden (Tennen & Herzberger, 1987). Selbstwert ist weiterhin mit Einsamkeit negativ (Russell et al., 1980) und mit sozialer Kompetenz posi­tiv korreliert (Dean, 1986).

Die Verbindung zwischen Selbstwert und sozialer Unterstüt­zung ist jedoch durchaus komplexer Natur. So konnte z.B. bei Schülern, die ein hohes Maß an wahrgenommener sozialer Unter­stützung berichten, eine positive Korrelation zwischen Selbst­wert und Unterstützung gefunden werden. Bei Schülern mit gerin­ger wahrgenommener Unterstützung dagegen fand sich eine nega­tive Korrelation von Selbstwert und Unterstützung (Hirsch, Engel-Levy, Du Bois & Harvesty, 1990).

Der Zusammenhang zwischen Selbstwert und Zufriedenheit mit Unterstützung scheint tendenziell höher zu sein als derjenige von Selbstwert und tatsächlicher Unterstützung. Zudem kann so­ziale Unterstützung bei Geschiedenen Selbstwertschätzung, De­pressivität und Ängstlichkeit vorhersagen (Waggener & Galassi, 1993). Längsschnittlich gesehen ist wohl am ehesten mit einem bidirektionalen Einfluß zwischen sozialer Unterstützung und Selbstwert zu rechnen (Newcomb, 1990b), ein empirisches Ergeb­nis, welches oben genannten theoretischen Modellvorstellungen entspricht.

Im COR-Modell (Hobfoll, 1988, 1989; Hobfoll et al., 1992; Hobfoll & Lilly, 1993; Hobfoll & Stephens, 1990) nimmt hohe Selbstwertschätzung die Stellung einer Schlüssel-Ressource bei der Bewältigung von Streß ein. Hohe Selbstwertschätzung gilt als eine der robusten Ressourcen zur Streßbewältigung, die be­sonders widerstandsfähig gegen Bedrohungen des Verlusts sind (Hobfoll & Lilly, 1993). Selbstwert nimmt die Stellung einer persönlichen Ressource ein, die zusammen mit sozialen Ressour­cen, d.h. sozialer Unterstützung, die Anpassung an Stressoren verbessern kann (Hobfoll, Freedy, Lane & Geller, 1990).

So scheint unter Streß sowohl ein Defizit an Selbstwert­schätzung als auch ein Mangel an sozialer Unterstützung durch die jeweilige andere Ressource ausgeglichen werden zu können (Hobfoll & Leiberman, 1987). Empirisch konnte niedrige Selbst­wertschätzung als Vulnerabilitätsfaktor für Depressivität unter der Einwirkung von Stressoren identifiziert werden (G.W. Brown & Harris, 1986; H.B. Kaplan, Robbins & S.S. Martin, 1983). So kann Selbstwert auch als Mediator unter dem Stressor Arbeitslo­sigkeit den Distreß beeinflussen (Kessler, J.B. Turner & House, 1988; Pearlin et al., 1981).

Ängstlichkeit

Ein weiteres, sehr stark beforschtes Konstrukt, das gleichzeitig in besonderem Maße in Verbindung zu Streß steht, bildet das psychologische Konstrukt der Ängstlichkeit (z.B. I.G. Sarason & Spielberger, 1975, 1976, 1979, 1980; R. Schwar­zer, 1987; Spielberger, 1972a, 1972b; Spielberger & I.G. Sara­son, 1975, 1977, 1978; Spielberger et al., 1982, 1988, 1989; siehe Überblick bei Gray, 1987). Ängstlichkeit kann als eine Basisemotion des Menschen angesehen werden und ist in Verbin­dung mit Stressoren und dem Streßverarbeitungsprozeß von grund­legender Bedeutung (Lazarus, 1966, 1977; Lazarus & Folkman, 1984).

Für den Begriff Ängstlichkeit gibt es wohl bis zum heuti­gen Tage keine einheitliche Theorie und Definition (siehe Über­blick bei Amelang & Bartussek, 1997). Es können grob unter­schieden werden die klinisch-psychologische Sichtweise (Freud, 1968), die allgemein-psychologische Betrachtungsweise (Zweifak­torentheorie der Angst von Mowrer, 1960) und die differential-psychologische Perspektive (Spielberger, 1972b).

Aus differential-psychologischer Auffassung kann unter­schieden werden zwischen Furcht und Angst. Furcht wird von die­sem Standpunkt definiert als Reizkonstellation, die zum Erken­nen einer realen physischen oder psychischen Gefahr führt (Spielberger, 1972b, S.30). In Abgrenzung hierzu wird Angst de­finiert als „... emotionale Reaktion auf das Erkennen oder ver­meintliche Erkennen einer Gefahr, unabhängig davon, ob diese Gefahr auch objektiv gegeben ist“.

Angst allgemein läßt sich dann weiter aufgliedern in eine als stimmungsmäßig verstandene Zustands-Ängstlichkeit, die ein aktuelles Geschehen von relativ kurzer Dauer bezeichnet, und in Eigenschafts-Ängstlichkeit, die als ein relativ zeitlich über­dauernde Persönlichkeitsdisposition angesehen wird (Amelang & Bartussek, 1997; Cattell, 1966b). Diese Unterscheidung kann als relativ gut empirisch abgesichert gelten (Cattell, 1966b; Lamb, 1978; Laux, Glanzmann, Schaffner & Spielberger, 1980).

Ängstlichkeit ist in engem positivem Zusammenhang zu kör­perlichen Krankheitssymptomen (z.B. Laux et al., 1980; Rawson, Bloomer & Kendall, 1994) und zu Depressivität (z.B. Clark & Watson, 1991; Laux et al., 1980; Rawson et al., 1994; Wolf, 1991) zu sehen. Die Korrelationen zwischen Ängstlichkeit und Depressivität liegen im allgemeinen im Bereich r =.45 bis .85. Der Zusammenhang zwischen Ängstlichkeit und Depressivität ist nicht auf unreliable Skalen oder auf inhärente Einschränkungen von Selbstbeschreibungen zurück zu führen. Beide Variablen kön­nen unabhängig voneinander auf zwei jeweils zweipolige Persön­lichkeitsvariablen, positive Affektivität und negative Affekti­vität, bezogen werden, die als Zustands- und Eigenschaftsvaria­ble operationalisiert werden können (Clark & Watson, 1991).

Die Zusammenhänge zwischen State-Ängstlichkeit und Trait-Ängstlichkeit einerseits und dem mit letzterem konzeptuell eng verwandten Merkmal Neurotizismus liegen im allgemeinen im Be­reich r =.55 bis .85 (Laux et al., 1980; Wolf, 1991).

State-Ängstlichkeit und Trait-Ängstlichkeit sind positiv korreliert mit Streß (z.B. Laux et al., 1980; I.G. Sarason et al., 1979; Depue & Monroe, 1985; Wolf, 1991). So liegen die Korrelationen mit negativ eingeschätzten Lebensereignissen im Bereich r =.33 bis .50 (Laux et al., 1980), mit wahrgenommenem Streß im Bereich r =.49 bis .67 (Wolf, 1991). Personen, die sich zu einer Psychotherapie in einer Klinik befanden, hatten im Vergleich zu Personen, die keine Psychotherapie machten, deut­lich erhöhte Werte für Trait-Ängstlichkeit (Laux et al., 1980). Die Persönlichkeitsvariable Ängstlichkeit ist ein zentraler Faktor für die Streßverarbeitung. Für dieses Postulat sprechen als Indizien auch physiologische und neuroendokrine Muster, die unter Streß und bei Ängstlichkeit sehr ähnlich sind (H.I. Kap­lan & Sadock, 1994).

State-Ängstlichkeit und Trait-Ängstlichkeit sind beide ne­gativ korreliert mit wahrgenommener sozialer Unterstützung (r = -.19 bis -.57 mit den ISEL-Subskalen von S. Cohen & Hoberman, 1983, und r =-.35 bis -.41 mit der Gesamtskala des ISEL; Wolf, 1991). Ähnliche geringe bis mittlere Korrelationen wurden ge­funden zwischen sozialer Ängstlichkeit und wahrgenommener so­zialer Unterstützung (r =-.15 bis -.49 mit den ISEL-Subskalen und r =-.36 bis -.41 mit der Gesamtskala des ISEL; S. Cohen et al., 1986) und zwischen Ängstlichkeit und wahrgenommener sozia­ler Unterstützung (r =-.22 bis -.36 mit den ISEL-Subskalen; Ka­niasty & Norris, 1992). Für tatsächlich empfangene Unterstüt­zung wurden dagegen signifikante positive Zusammenhänge heraus­gefunden (r =.08 bis .17 bei N =690; Kaniasty & Norris, 1992). Bei schwangeren Frauen mit niedrigem Selbstkonzept der Kompe­tenz war größere Intimität mit dem Ehemann verbunden mit nied­riger Ängstlichkeit, jedoch war größere Intimität mit der Fami­lie verbunden mit größerer Ängstlichkeit (Hobfoll & Leiberman, 1989).

Wahrgenommene soziale Unterstützung (Bewertungs-Unterstüt­zung, materielle Unterstützung und Selbstwert-Unterstützung) wies bei Opfern von Kriminalität Puffereffekte auf die abhängi­gen Variablen Depressivität und Ängstlichkeit auf. Tatsächlich erhaltene Unterstützung (Informations-Unterstützung und mate­rielle Unterstützung) zeigte im Unterschied dazu Puffereffekte auf die abhängige Variable „Angst vor Kriminalität“ (Kaniasty & Norris, 1992).

Weiterhin konnten für State-Ängstlichkeit, Trait-Ängst­lichkeit, für das mit letzterem verwandte Merkmal Neurotizismus und für soziale Ängstlichkeit Interaktionseffekte unter wahrge­nommenem Streß mit Depressivität als abhängiger Variable gefun­den werden (S. Cohen et al., 1986; Wolf, 1991). Eine Replika­tion dieser Ergebnisse mit einer anderen Stichprobe ist zur Ab­sicherung des Forschungsstandes zu empfehlen.

Falls ein Puffereffekt von Unterstützung in einer Unter­suchung gefunden werden kann, ist somit eine mögliche alterna­tive Erklärung eines solchen Puffereffekts von sozialer Unter­stützung durch State-Ängstlichkeit, Trait-Ängstlichkeit, sozia­le Ängstlichkeit, Ängstlichkeit oder Neurotizismus nicht auszu­schließen.

2.5 Ableitung des psychologischen Untersuchungsgegenstands

In der beabsichtigten Untersuchung sollen die Wirkung von Streß auf psychisches Befinden und die moderierenden Effekte von sozialer Unterstützung / Belastung und Persönlichkeitsva­riablen analysiert werden. Besonders interessieren hierbei mög­liche Interaktionseffekte von Unterstützung und Persönlich­keitsvariablen mit Streß, die als sogenannte Puffereffekte be­zeichnet werden können.

Als Gesamtstichprobe (im folgenden als Studie 2 bezeich­net) soll eine Gruppe von Menschen mit hohem Streß für die Un­tersuchung akquiriert werden, um einen potentiell vorhandenen Streß-Schutzeffekt von Unterstützung entdecken zu können. Ein Puffereffekt von sozialer Unterstützung ist theoretisch nur bei hohem Streß zu erwarten (S. Cohen & Wills, 1985). Die Gesamt­stichprobe soll in mehrere Subgruppen unterteilt werden, um Teilgruppeneffekte zu identifizieren und um Vergleiche der Gruppen zu ermöglichen. Die wesentlichen psychologischen Hypo­thesen sollen sowohl an der Gesamtstichprobe als auch an den Teilstichproben untersucht werden.

Scheidung / Trennung und interpersonale Lebensereignisse gelten als besonders starke Streßereignisse und somit als be­sonders gravierende Risikofaktoren für Störungen des psycho­physischen Befindens (S. Cohen, 1992). Hinzu kommt die Beson­derheit, daß für Personen mit Scheidung / Trennung gerade die wichtigste Quelle für soziale Unterstützung, nämlich der Part­ner oder die Partnerin, verloren gegangen ist, und dieser Per­sonenkreis sich somit von verheirateten oder nicht geschiedenen Personen im Ausmaß der Unterstützung unterscheiden dürfte (R. Hughes, 1988).

Enge Beziehungen, wie beispielsweise diejenigen zu Fami­lienangehörigen oder romantische Partnerschaften, gelten nicht nur als die Hauptquelle von Unterstützung, sondern auch als Hauptquelle für soziale Konflikte und soziale Belastung (Argyle & Furnham, 1983). Deshalb sollen Personen, die sich in einem aktuellen Partnerschaftskonflikt befinden oder sich vielleicht sogar einer möglichen Scheidung / Trennung von ihrem Partner oder ihrer Partnerin gegenübersehen, mit in die beabsichtigte Untersuchung aufgenommen werden.

Zum Vergleich von Subgruppen und um die Stichprobenvarianz der Gesamtstichprobe und damit die Wahrscheinlichkeit des Ent­deckens von Effekten zu erhöhen, sollen als weitere Personen­gruppe Menschen mit voraussichtlich geringerem Ausmaß an Streß mit in die Untersuchung aufgenommen werden. Als eine solche Personengruppe kommen Menschen in Frage, die sich vor einer Prüfung befinden. Ferner sollen Menschen, die keinen expliziten Streß erleben, also die sich keinem der Streßereignisse Schei­dung / Trennung, aktueller Partnerschaftskonflikt oder Prüfung gegenübersehen, untersucht werden. Erstsemesterstudenten sol­len, so weit möglich, als weitere Kontrollgruppe mit herangezo­gen werden (Wolf, 1991; im folgenden als Studie 1 bezeichnet).

Die unabhängige Variable Streß soll für die vorliegende Studie zum einen als Lebensereignis-Streß (Streß, der durch die Stressorkategorie „gravierende Lebensereignisse“ verursacht wird) und zum anderen als wahrgenommener Streß (Streß, der als Folge aller Arten von Stressoren subjektiv wahrgenommen wird) gefaßt werden. Die Vorteile beider Konzeptualisierungen sollen genutzt und die jeweiligen Nachteile ausgeglichen werden (siehe Abschn. 2.2). Die wesentlichen Analysen sollen für beide Streß­konzepte getrennt unternommen werden. Gleichzeitig können so die Verbindungen der beiden Streßkonzepte zu dritten Variablen in vergleichender Weise analysiert werden.

Weiterhin sollen Lebensereignisse unterteilt werden, indem zwischen besonders verlustreichen, ambivalenten oder neutralen Lebensereignissen und Gewinn bringenden Ereignissen unterteilt werden soll. Eine solche Unterteilung unterschiedlicher Lebens­ereignisse in der Forschung wird immer wieder in der Literatur gefordert, da nicht zu erwarten ist, daß alle Arten von Lebens­ereignisse für die betroffenen Menschen gleich bedeutsam sind (z.B. S. Cohen, 1986; Cutrona & Russell, 1990; Kale & Stenmark, 1983). Zusätzlich soll die Validität des Konzepts von wahrge­nommenem Streß als unabhängige Variable überprüft werden. Schließlich kann die Erfassung mehrerer Faktoren von Streß da­zu dienlich sein, unechte Puffereffekte, wie z.B. Schwellenef­fekte, plausibel oder unplausibel zu machen (Veiel, 1987, 1992).

Soziale Unterstützung soll als wahrgenommene Verfügbarkeit von sozialer Unterstützung konzeptualisiert werden. Diese Kon­zeptualisierung von Unterstützung ist deshalb für die beabsich­tigte Untersuchung geeignet, weil die wahrgenommene Verfügbar­keit von sozialer Unterstützung nicht nur am stärksten mit psy­chophysischem Befinden negativ korreliert ist, sondern auch im Vergleich zu anderen Konzepten von Unterstützung als eindeutig­ster Streßpuffer identifiziert worden ist (S. Cohen, 1992; S. Cohen et al., 1986; S. Cohen & Wills, 1985; Kessler & McLeod, 1985; B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b; R. Schwarzer & Leppin, 1989; R.J. Turner, 1992; Wethington & Kessler, 1986).

Gleichzeitig sollen von dem Konstrukt soziale Unterstüt­zung möglichst viele Facetten in der beabsichtigten Untersu­chung analysiert werden. So soll auch neben dem Aspekt des Neh­mens von Unterstützung der Aspekt des Gebens durch ein Maß für die Reziprozität der sozialen Unterstützung mit einbezogen wer­den. Mögliche Kosten von sozialen Beziehungen sollen gerade auch bei der angezielten Gruppe von Menschen durch Messung von sozialer Belastung mit in die Untersuchung aufgenommen werden. Ein solcher multifunktionaler Ansatz für Unterstützung wird in der Literatur ebenso angeraten wie ein multifaktorielles For­schungsvorgehen zur Erforschung der Beziehung Streß, Unter­stützung und psychophysischem Befinden (z.B. S. Cohen et al., 1986; S. Cohen & J.R. Edwards, 1989; Kessler, 1992; Rook, 1992; R. Schwarzer & Leppin, 1989; Veiel, 1987, 1992).

Schließlich erscheint es ratsam, auch Indikatoren für das soziale Netzwerk mit aufzunehmen, um z.B. die Anzahl der unter­stützenden oder belastenden Personen, Unterstützung und Bela­stung durch spezielle Personengruppen wie den Partner, den ge­schiedenen Ex-Partner oder Freunde zu erfassen, wie es von nam­haften Autoren der Literatur empfohlen wird (z.B. B.R. Sarason, I.G. Sarason et al., 1990b).

In Querschnittsanalysen sollen die Wirkungen der Einfluß­faktoren Streß und Unterstützung auf einen Indikator für psy­chisches oder physisches Befinden untersucht werden. Als ein solcher Indikator bietet sich die Erfassung von Depressivität an. Depressivität gilt als ein zentraler Indikator für psychi­sches Befinden (z.B. Wollman & Stricker, 1990). Der lineare Zu­sammenhang zwischen sozialer Unterstützung und der psychischen Variablen Depressivität gilt im Vergleich zu anderen Indikato­ren für psychophysisches Befinden als besonders gut belegt (S. Cohen, 1992; R. Schwarzer & Leppin, 1989). Die Pufferwirkungen von Unterstützung speziell auf Depressivität als abhängiger Va­riable sind ebenfalls gut gesichert (z.B. S. Cohen, 1992; S. Cohen & Hoberman, 1983; S. Cohen et al., 1986).

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Details

Seiten
520
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783640104291
ISBN (Buch)
9783640102013
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112218
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Fachbereich Psychologie
Note
gut
Schlagworte
Effekte Stress Unterstützung Persönlichkeitsvariablen Befinden

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Titel: Effekte von Stress, sozialer Unterstützung und Persönlichkeitsvariablen auf psychisches Befinden