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...nach Italien! Das Bild Italiens in "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung.

II. Die Darstellung Italiens im „Taugenichts
1. Aufbruch und Wanderschaft ...gen Italien hinunter
2. Mit dem Postillon durch Oberitalien
3. Vor den Toren Roms
a. Kindheitserinnerung
b. Erster Anblick der Stadt
c. Der Gang durch die Heide
4. Rom und Rückkehr nach Wien

III. Die Deutung des Italienbildes im „Taugenichts“
5. Das Land der Sehnsucht
– Italien als irdisches Paradies und Heimat der Kunst
6. Italien und Venus – Die Romantisierung des Italienbildes
7. „Gottferne und Gottnähe“ – Rom als „Kampfplatz des Glaubens“

IV. Das Bild Italiens in Eichendorffs „Taugenichts“.

V. Schluss

VI. Literatur

I. Einleitung

[...] nach Italien, nach Italien! rief ich voller Vergnügen aus, und rannte, ohne an die verschiedenen Wege zu denken, auf der Straße fort, die mir eben vor die Füße kam.1 – voller Ungestüm zieht es Eichendorffs Taugenichts nach Italien.

Joseph von Eichendorff ist selbst nie in Italien gewesen – „[...] dennoch hat interessanterweise seine bekannteste Erzählung ‘Aus dem Leben eines Taugenichts’ von 1826 das romantische Italienbild geprägt wie kaum ein anderer Text, vergleichbar nur mit dem Lied Mignons aus den ‘Lehrjahren’ Goethes.“2

Warum zieht es den Taugenichts ausgerechnet nach Italien und dort insbesondere nach Rom? Hat er dieses Land von Anfang an als Ziel vor Augen? Will er gar eine Bildungsreise á la Goethe unternehmen, wie es zur Entstehungszeit der Erzählung nicht unüblich ist?3 Oder hätte seine Reise auch eine andere Richtung nehmen können?

Eichendorff ist nicht der erste und einzige Dichter, der Italien als Schauplatz seiner Dichtung wählt. Vielmehr reiht sie sich eine lange Tradition literarischer Italienbilder ein, die ungefähr mit Goethe beginnt und bis in die Gegenwart hinein anhält.4 Die Darstellung und Symbolik Italiens nimmt dabei in der deutschen Dichtung eine wichtige „literaturhistorische Konstante“5 ein. Wie äußert sich diese bei Eichendorff? Wie gestaltet ein Dichter sprachlich eine Gegend, eine Landschaft, die er selbst noch nie bereist hat? Wie lässt er seinen Protagonisten Land und Leute erfahren? Welche Bedeutung hat Italien und seine Darstellung in Hinblick auf den gesamten Text?

Die folgende Arbeit möchte diesen Fragen auf den Grund gehen und hierzu das Italienbild in Eichendorffs Erzählung „Aus dem Leben eines Taugenichts“ untersuchen.

Dazu sollen im ersten Teil der Arbeit einschlägige Textstellen auf die Darstellung des Italienbildes hin untersucht und analysiert werden. Erste Deutungen werden an dieser Stelle weitestgehend immanent erfolgen. Im zweiten Teil der Arbeit sollen unter Einbezug der

Forschungsliteratur verschiedene Bedeutungsaspekte Italiens herausgearbeitet werden. Die Frage nach dem Italienbild Eichendorffs bildet den Abschluss der Untersuchung.

Die folgende Arbeit begrenzt sich auf die Darstellung Italiens in „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Andere Werke Eichendorffs, wie „Das Marmorbild“, „Ahnung und Gegenwart“ oder „Dichter und ihre Gesellen“6, in denen Italien ebenfalls als Motiv auftritt, können nicht berücksichtigt werden. Auch kann im Rahmen dieser Arbeit kein sich möglicherweise anbietender und die Erkenntnis fördernder Vergleich mit Italiendarstellungen anderer romantischer oder klassischer Werke erfolgen.

Dem Italienbild Eichendorffs wird in der jüngsten Forschung kaum spezielle Beachtung geschenkt. Es wird nur in allgemeinen Betrachtungen der Dichtung Eichendorffs berücksichtigt, wie bei Löhr (2003)7 und Eberhardt (2000)8. Mit der Darstellung Italiens und

Roms im „Taugenichts“ im Besonderen setzen sich vor allem Seidlin (1965)9 und, an dessen

Ergebnisse anknüpfend, Requadt (1962)10 auseinander. Weitere Deutungen finden sich bei Gendolla (2003)11, Cresti (1990)12 und Walther-Schneider/ Hasler (1985)13. Die älteste Forschungsbeiträge liegen mit Bianchi (1937)14 und Häusler (1939)15 vor. Fast ausschließlich kommentierend arbeiten ter Haar (1977)16 und Schultz (1994)17.

II. Die Darstellung Italiens im „Taugenichts“

„Die Landschaften, die Gärten, die Eichendorff beschreibt, sind austauschbar, ob wir uns an der Donau oder in Italien befinden“, heißt es bei von Borries18. Und doch wird der Name

„Italien“ erwähnt, ja wird „hier zum ersten und einzigen Male innerhalb unserer Geschichte eine Lokalität eindeutig benannt und geographisch festgelegt“19, wie Seidlin feststellt.

Im Gegensatz zur Stadt Wien, der ersten Station des Taugenichts, die zunächst nur mit ihrer Initiale „W.“ (S.450,Z.7;Z.11) bezeichnet wird, wird Italien sogleich mit Namen genannt. Darüber hinaus fallen sogar differenziertere geographische Bezeichnungen wie Lombardey (S.502, Z.35) und Rom (S.521, Z.23,24,28).

Die italienische Reise des Taugenichts nimmt ungefähr zwei Drittel des ganzen Werkes ein. Sie beginnt mit dem Aufbruch des Helden am Ende des zweiten und endet mit Abschluss des achten Kapitels.

1. Aufbruch und Wanderschaft...gen Italien hinunter

Zu Beginn der Novelle ist das Reiseziel des Taugenichts ungewiss. Nicht aus dem Motiv heraus, nach Italien zu reisen, bricht er von zu Hause auf. Vielmehr zieht er in die Welt hinaus, um der trägen und einengenden Alltagswelt seines Heimatdorfes zu entfliehen und sein Glück anderswo zu suchen, denn – so singt er – Die Trägen, die zu Hause liegen/ Erquicket nicht das Morgenrot (S.448, Z.13/14). Die geschäftige, zweckorientierte Welt der Müller und Bauern, in der die Leute wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen (S.448, Z.1/2) wird dabei in Kontrast gesetzt zur poetischen und freien Welt der Wanderschaft, die der Taugenichts für sich wählt. Und so bricht er, nur mit seiner Geige unter dem Arm, auf und schlendert(e) [...] durch das lange Dorf hinaus (S.447, Z.29/30), ohne jedoch ein genaues Ziel vor Augen zu haben, was er mit den Worten Nach W. (S.450, Z.7) rasch zu überspielen sucht, als er auf den Reisewagen mit den zwei Damen trifft. Durch diese zufällige Begegnung kommt er zunächst zum Schloss der beiden Damen bei Wien. Italien findet im ersten Kapitel der Novelle noch keine Erwähnung.

In Wien nimmt die gerade begonnene Wanderschaft des Taugenichts vorläufig ein Ende. Er nimmt zunächst eine Stellung als Gärtnergehilfe auf dem Schloss an und bezieht dann Haus und Posten des Zolleinnehmers unweit des Schlosses. Zwar kommt er auch hier wieder in Berührung mit jener Philisterwelt, der er entflohen ist und die besonders der prächtig aufgeputzte Portier (S.484, Z.16) verkörpert, mit dem er sich angefreundet hat, doch hält ihn die Liebe zu einer der Damen des Schlosses. Dennoch engt dieses Leben ihn nach einer Weile ein und als ihm zusätzlich die Unerreichbarkeit der Dame, die er für eine Gräfin hält, bewusst wird, wird ihm klar: Nein, [...], fort muss ich von hier, und immer fort, so weit als der Himmel blau ist (S.487, Z.20-22). Unvermittelt bricht er auf und zieht gen Italien hinunter (S.488, Z.20).

Weshalb er diesmal ein Ziel hat und dieses ausgerechnet Italien und nicht irgendein anderes Land ist, wird zunächst nicht deutlich. Zu Beginn des dritten Kapitels jedoch erfährt der Leser, dass der Taugenichts bereits eine vage Vorstellung von Italien hat, die offensichtlich im Gespräch mit dem Portier gewachsen ist. Weil er den Weg gen Italien nicht kennt, fragt er einen Bauern, der ihm begegnet, danach und erinnert sich in diesem Zusammenhang an die Worte des Portiers:

Wertgeschätzter Herr Einnehmer! Italien ist ein schönes Land, da sorgt der liebe Gott für alles, da kann man sich im Sonnenschein auf den Rücken legen, so wachsen einem die Rosinen ins Maul, und wenn einen die Tarantel beißt, so tanzt man mit ungemeiner Gelen- kigkeit, wenn man auch sonst nicht tanzen gelernt hat. 20

Mit diesen Worten findet zum ersten Mal eine nähere Charakterisierung Italiens statt. Italien ist für den Taugenichts das Land, wo die Pomeranzen wachsen (S.489, Z.7). Die Anspielung auf Goethes „Lied der Mignon“ im dritten Kapitel von „Wilhelm Meisters Lehrjahren“21 ist hier unverkennbar. Mignons „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“22 schwingt semantisch wie syntaktisch mit. Jedoch verliert jene so poetische Umschreibung Italiens durch die Wortwahl des Taugenichts, der „Zitronen“ durch „Pomeranzen“ und „blühen“ durch „wachsen“ ersetzt, ihren feierlichen Charakter und erscheint daher eher als parodistisches Klischee. Ähnlich klingen die Worte des Portiers. Gleichwohl entspricht das hier gezeichnete Italienbild den tradierten Vorstellungen eines paradiesgleichen Landes, wie sie im 18. Jahrhundert durch Reisebeschreibungen und panegyrische Schriften verschiedener Dichter und Denker – an deren Spitze sicherlich Goethe zu nennen ist – entwickelt worden sind23: Italien ist das Land, das mit seiner Schönheit (Italien ist ein schönes Land, S.489, Z.20) und seinem angenehmen Klima (im Sonnenschein, S.489, Z.21) lockt und in dem schlaraffenlandartige Zustände herrschen, da alles in reicher Fülle vorhanden ist: [...] da sorgt der liebe Gott für alles, da kann man sich im Sonnenschein auf den Rücken legen, so wachsen einem die Rosinen ins Maul [...] (S.489, Z.20-22). Zugleich ist es ein Ort der Lebensfreude, an dem man feiert und tanzt. Mit der Tarantel (S.489, Z.23) meint der Portier den süditalienischen Tanz Tarantella, dessen Name von einer Legende herrührt, die besagt, dass Menschen, die von der Tarantel, einer Spinnenart, gebissen worden sind, nur durch Tanzen geheilt, würden24. Neben der freudigen Ausgelassenheit des italienischen Volkes klingt in diesem Motiv das Mitreißende, Ansteckende dieser Mentalität und dieser Lebensführung an – man tanzt einfach mit, wenn man auch sonst nicht tanzen gelernt hat (S.489, Z.24).

Hat diese Charakterisierung Italiens den Taugenichts dazu veranlasst, nach Italien zu ziehen? Der Text gibt bis hierher darüber keinen Aufschluss. Der Taugenichts wandert jedenfalls voller Enthusiasmus, den diese Beschreibung Italiens bei ihm ausgelöst hat (Nein, nach Italien, nach Italien! rief ich voller Vergnügen aus, und rannte, ohne an die verschiedenen Wege zu denken, auf der Straße fort, die mir eben vor die Füße kam, S.489, Z.25-27), weiter gen Süden und begegnet dabei den beiden Malern Guido und Leonhard, die zufällig ebenfalls nach Italien wollen (S.499ff.). Gemeinsam setzen sie ihre Reise fort.

2. Mit dem Postillon durch Oberitalien

Mit dem vierten Kapitel beginnt der Aufenthalt des Taugenichts in Italien, der bis einschließlich Kapitel acht reicht. Der Taugenichts und die beiden Maler reisen auf einem Postwagen frisch nach Italien hinein (S.502, Z.4). Von der erwarteten Schönheit Italiens bekommt der Taugenichts allerdings in seiner Müdigkeit nichts mit:

Ich wollte mir doch Italien recht genau besehen, und riß die Augen

alle Viertelstunden weit auf. Aber kaum hatte ich ein Weilchen so vor mich hingesehen, [...]geriet ich in ein solches entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen, daß gar kein Rat mehr war. Da mocht´ es Tag oder Nacht, Regen oder Sonnenschein, Tyrol oder Italien sein, ich hing bald rechts, bald links, bald rücklings über den Bock herunter [...].

So war ich, ich weiß selbst nicht wie, durch halb Welschland, das sie dort Lombardey nennen, durchgekommen, als wir an einem schönen Abend vor einem Wirtshause auf dem Lande stillhielten.25

Bildungsdurst und Interesse an den landschaftlichen und örtlichen Begebenheiten scheinen dem Taugenichts kein Ansporn gewesen zu sein, nach Italien zu reisen. Zumindest beeindruckt die neue, fremde Umgebung ihn nicht derartig, dass er seine Müdigkeit darüber vergisst. Der Italienreisende also bekommt von seiner Umgebung zunächst nichts mit. Im Wirtshaus angekommen jedoch macht er erste Bekanntschaft mit der fremden Kultur: Der Anblick, der sich ihm dort bietet, ist in seinen Augen ziemlich lüderlich (S.503, Z.7). Er nimmt die Menschen, die dort zu Abend essen, in ihrer Andersartigkeit wahr und stellt fest, dass die Mägde nachlässig frisiert (mit zerzottelten Haaren, S.503, Z.8) und unordentlich gekleidet sind (die offnen Halstücher unordentlich um das gelbe Fell, S.503, Z.9) und die

Knechte kurze, dicke Haarzöpfe (S.503, Z.13) tragen. Sie erinnern ihn an Begegnungen aus seiner Kindheit, an die kuriosen Leute [...] mit Mausefallen und Barometern und Bildern (S.503, Z.15-17). Laut Schultz spielt Eichendorff hier auf die zahlreichen reisenden Händler aus dem Habsburgischen Herrschaftsgebiet an, die mit exotischen Artikeln gen Norden zogen26. Den Eindruck des Exotischen, Fremden, den diese bei dem Kind hinterlassen haben mögen, sieht der junge Mann nun bestätigt: Den fremden Menschen im Wirtshaus haftet etwas Verwegenes, fast Unheimliches an. Jedenfalls fühlt der Taugenichts sich unangenehm angestarrt ([...] sie glotzten mich zuweilen von der Seite an, S.503, Z.11). Eine weitere Begegnung bestätigt den Eindruck des Unheimlichen: Während der Taugenichts isst, kommt ein Männlein (S.503, Z.20) auf ihn zu, das sich durch einen großen grauslichen Kopf mit einer langen römischen Adlernase (S.503, Z.24/25) auszeichnet und versucht, mit ihm deutsch zu reden. Die Kommunikation artet in einen babilonischen Diskurs (S.504, Z.7) aus und der Taugenichts fühlt sich nicht verstanden, verspottet und verlassen:

Denn mir war in dem fremden Lande nicht anders, als wäre ich mit

meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief ins Meer versenkt, und allerlei unbekanntes Gewürm ringelte sich und rauschte da in der Einsamkeit um mich her, und glotzte und schnappte nach mir.27

Mit diesen Worten kommt endgültig das Unbehagen zum Ausdruck, das der Taugenichts bei seiner Ankunft in Italien spürt. Von der paradiesgleichen, ausgelassenen Welt, wie der Portier sie seinem Freund verheißen hat, ist hier keine Spur: Der Eichendorffsche Held hat das Gefühl der Sache nicht gewachsen, haltlos zu sein und fühlt sich einsam und bedroht.

Als er versucht, der unangenehmen Situation im Wirtshaus zu entfliehen und vor die Tür tritt, kommt er zum ersten Mal mit der Landschaft in Berührung. Diese weist Weinberge (S.504, Z.16) auf und wirkt in der nächtlichen Sommernacht geheimnisvoll: dazwischen blitzte es manchmal von ferne, und die ganze Gegend zitterte und säuselte im Mondenschein (S.504, Z.17-19). Zugleich geht der unheimliche Eindruck, den die Fremde an diesem ersten Abend auf den Taugenichts macht, nicht verloren:

Ja manchmal kam es mir vor, als schlüpfte eine lange dunkle Gestalt hinter den Haselnusssträuchen vor dem Haus vorüber und guckte durch die Zweige,

dann war alles auf einmal wieder still.28

Zwar ist der Taugenichts nun in Italien, doch hat das Reisen, wenngleich er noch immer kein Ziel vor Augen hat, noch kein Ende: ich [...] wusste doch eigentlich gar nicht, wohin und weswegen ich just mit so ausnehmender Geschwindigkeit fortreisen sollte (S.507, Z.3-5). Mit fortschreitender Reise, die er inzwischen wieder allein angetreten hat, wird er zunehmend mit

Land und Leuten vertraut. Die Rolle des fremden Außenseiters beginnt ihm zu gefallen, denn er stellt fest, dass nicht alle Italiener eine bedrohliche Wirkung auf ihn haben und er genießt – zumindest in Bezug auf die Frauen – seinen Sonderstatus: [...] ich grüßte die Mädchen an den Fenstern wie ein alter Bekannter, die sich dann immer sehr verwunderten, und mir noch lange neugierig nachguckten (S.507, Z.11-14).

Die Landschaft Italiens, wie der Taugenichts sie erfährt und schildert, ist ambivalent: Einerseits erscheint sie ihm als prächtige Landschaft (S.507, Z.32), die besonders im Sonnenuntergang wie ein Meer von Glanz und Funken (S.507, Z.33/34) ihre Schönheit entfaltet. Andererseits jedoch enthält sie unheimliche und bedrohliche Elemente wie ein wüstes Gebürge [...] mit grauen Schluchten (S.507, Z.35). Diese schauerliche Seite der italienischen Landschaft setzt der wandernde Held mit Tod in Verbindung: Er empfindet die Schluchten wie ein großes Grabgewölbe (S.508, Z.6/7) und das Rauschen der Wasserfälle wie den Ruf eines Käuzchens – ein altes Motiv des Todes, der durch das Käuzchen seinen nächsten Kandidaten zu sich ruft: Komm mit, Komm mit (S.508, Z.10).

Die Landschaft, durch die der Taugenichts bisweilen zieht, verliert aber wieder an Unheimlichkeit. Als sie sich vor ihm nur noch als weite stille Runde von Bergen, Wäldern und Tälern (S.508/509, Z.37/1) präsentiert, erreicht er ein großes altes Schloss mit vielen Türmen (S.509, Z.2), seine nächste Zwischenstation. Hier bestätigen sich nun tatsächlich die Prophezeiungen des Portiers, denn der Taugenichts gesteht:

Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sich´s ein Mensch nur immer in der Welt wünschen kann. Der gute Portier! er wusste wohl was er sprach, wenn er immer zu sagen pflegte, dass in Italien einem die Rosinen von selbst in den Mund wüchsen. Ich lebte auf dem einsamen Schlosse wie ein verwunschener Prinz.

Wo ich hintrat, hatten die Leute eine große Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon alle wußten, dass ich keinen Heller in der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: „Tischchen deck dich!“ so standen auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und Parmesankäse da. Ich ließ mir´s wohlschmecken, schlief in dem prächtigen Himmelbett, ging im Garten spazieren, musizierte und half wohl auch manchmal in der Gärtnerei nach.29

Hier zeigt sich Italien nun also wahrhaftig als ein Paradies, als ein Schlaraffenland und Ort der Muße, in dem es sich wie von selbst lebt. Darüber hinaus schöpft der genießende Held wieder neue Kraft aus einem geheimnisvollen Brief, den er erhält und den er für einen Liebesbrief Aurelies, seiner angebeten Gräfin aus Wien hält. Schon vor diesem Ereignis jedoch stellt der Taugenichts fest, dass Italien bereits seine Wirkung auf ihn gemacht hat:

[...] auch hatte ich in Italien so ein gewisses feuriges Auge bekommen, sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbart, wie ich zu Hause gewesen war, nur auf der Oberlippe zeigten sich erst ein paar Flaumfedern.30

[...]


1 Eichendorff, Joseph von: Aus dem Leben eines Taugenichts, in: Eichendorff, Joseph von: Werke in sechs Bänden, hg. v. Wolfgang Frühwald, Brigitte Schillbach u. Hartwig Schultz, Frankfurt/M.1985-1993, Bd.II: Ahnung und Gegenwart. Erzählungen I, hg. v. Wolfgang Frühwald u. Brigitte Schillbach, Frankfurt/M.1985 [=DKV], S.489, Z.25-27. (Im Folgenden zitiert nach dem Namen des Verlags als: DKV).

2 Gendolla, Peter: Arkadien. Zum Italienbild von Archholtz bis Heine, in: Kraemer, Stefanie/ Gendolla, Peter: Italien. Eine Bibliographie zu Italienreisen in der deutschen Literatur, Frankfurt 2003, S.103.

3 Vgl. Grimm, Gunter E.: Italien, Land deutscher Sehnsucht, in: Ders.: Italien-Dichtung. Erzählungen von der Romantik bis zur Gegenwart, Stuttgart 1988, S.7-34.

4 Vgl. Ebd., S.7ff sowie Emrich, Wilhelm: Das Bild Italiens in der deutschen Dichtung, in: Ders.: Geist und Widergeist. Wahrheit und Lüge der Literatur, Frankfurt 1965, S.258-286.

5 Cresti, Silvia: Das Italienbild in der Spätromantik: Exil, Fremde und Heimat in „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Joseph von Eichendorff, in: Germania – Romania. Studien zur Begegnung der deutschen und romanischen Kultur, hg. v. Giulia Cantarutti und Hans Schumacher (Berliner Beiträge zur neueren deutschen Literaturgeschichte 14), Frankfurt am Main/ Bern 1990, S.126.

6 Mit diesen drei Werken Eichendorffs werden nur die wichtigsten bezüglich der Italiendarstellung aufgezählt. Zur ausführlicheren Darstellung Italiens in der Dichtung Eichendorffs siehe das Kapitel „Italien in Eichendorffs Werken“ bei: Bianchi, Italien in Eichendorffs Dichtung. Eine Untersuchung, Bologna 1937, S.3-120.

7 Löhr, Katja: Sehnsucht als poetologisches Prinzip bei Eichendorff, Würzburg 2003.

8 Eberhardt, Otto: Eichendorffs „Taugenichts“. Quellen und Bedeutungshintergrund. Untersuchungen zum poetischen Verfahren Eichendorffs, Würzburg 2000.

9 Seidlin, Otto: Versuche über Eichendorff, Göttingen 1965.

10 Requadt, Paul: Die Bildersprache der deutschen Italiendichtung von Goethe bis Benn, München/ Bern 1962.

11 Gendolla, Arkadien, S.79-119.

12 Cresti, Italienbild in der Spätromantik, S.125-136.

13 Walther-Schneider, Margret/ Hasler, Martina: Die Kunst in Rom. Zum 7. und 8. Kapitel von Eichendorffs Erzählung „Aus dem Leben eines Taugenichts“, in: Aurora 45 (1985), S.49-62.

14 Bianchi, Italien in Eichendorffs Dichtung.

15 Häusler, Regina: Das Bild Italiens in der deutschen Romantik, Bern 1939.

16 ter Haar, Carel: Joseph von Eichendorff „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Text, Materialien, Kommentar, München/ Wien 1977.

17 Schultz, Hartwig: Joseph von Eichendorff. Aus dem Leben eines Taugenichts. Erläuterungen und Dokumente, Stuttgart 1994.

18 Borries, Erika und Ernst von: Deutsche Literaturgeschichte, Band 5, Romantik, München32003, S.199.

19 Seidlin, Otto: Eichendorffs symbolische Landschaft, in: Stöcklein, Paul (Hg.): Eichendorff heute. Stimmen der Forschung mit einer Bibliographie, Darmstadt 1966, S.220.

20 DKV, S.489, Z.19-24.

21 Goethe, Johann Wolfgang von: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Textkritisch durchgesehen und mit Anmerkungen versehen v. Erich Trunz u.a., Hamburg 1948ff, Bd.7: Romane und Novellen II. Wilhelm Meisters Lehrjahre, hg. v. Erich Trunz, Hamburg 41959. Auf diese Anspielung weist auch ter Haar hin, vgl. ter Haar, Eichendorff, S.100.

22 Goethe, HA, 7, S.145, Z.1.

23 Vgl. Grimm, Land deutscher Sehnsucht, S.7ff.

24 Vgl. Schultz, Erläuterungen, S.16.

25 DKV, S.502, Z.20-37.

26 Schultz vermutet, Eichendorff beziehe dieses Wissen aus literarischen Quellen und verweist dabei u.a. auf den Barometer-Händler in Hoffmanns „Sandmann“, vgl. Schultz, Erläuterungen, S.19.

27 DKV, S.504, Z.9-14.

28 DKV, S.504, Z.19-22.

29 DKV, S.514, Z.23-35.

30 DKV, S.510, Z.25-28.

Details

Seiten
30
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640107650
ISBN (Buch)
9783640109562
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112091
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar II
Note
2,0
Schlagworte
Italien Bild Italiens Leben Taugenichts Joseph Eichendorff Prosa Romantik

Autor

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Titel: ...nach Italien! Das Bild Italiens in "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff