Lade Inhalt...

Wilhelm Tell - ein Revolutionär?

Hausarbeit 2005 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wilhelm Tell – Held der Revolution.

2. Charakter des Wilhelm Tell

3. Tells Ablehnung beim Rütli-Schwur

4. Apfelschuss-Szene.
4.1. Ausgangslage.
4.2. Zerstörung und Umschwung von Tells Grundsätzen.
4.3. Sendung Tells.
4.4. Vollstrecker der Nemesis.

5. Rechtfertigung von Tells Mord.
5.1. Monolog.
5.1.1. Entstehung eines reflexiven Bewusstseins.
5.1.2. Tells Gründe für den Mord.
5.1.3. Wilhelm Tell – ein unschuldiger Mörder?.
5.2. Parricida-Szene.

6. Tells Mord – eine Privatsache.
6.1. Wiederherstellung der natürlichen Ordnung als gemeinsames Ziel
6.2. Unterschied zur Französischen Revolution.

7. Die Tat Tells als autonome Handlung im Sinne des Gemeinwohls.

8. Literaturverzeichnis.

Primärliteratur:

Sekundärliteratur:

1. Wilhelm Tell – Held der Revolution

Dieses Jahr wird ein Jubiläum gefeiert, denn vor genau 200 Jahren, im Jahr 1805, starb der deutsche Autor Friedrich Schiller. Anlässlich dessen veranstalten und zeigen die aktuellen Medien Aufführungen, Lesungen und Filme über den Dichter und Dramatiker, sowie seiner Stücke. Besonders herausgehoben und sogar mit einer neuen Freilichtaufführung des Deutschen Nationaltheaters Weimars bedacht, wird dabei sein letztes vollendetes Drama, der „Wilhelm Tell“, welches zu Lebzeiten sein größter Triumph war. Vor allem in der Schweiz, aber auch in Deutschland, wird der „Tell“ teilweise bis heute als „nationales Schauspiel“ verehrt,[1] da er die historischen Befreiungskämpfe der Schweizer gegen die Habsburger Machthaber vom Jahre 1291 dramatisch rekonstruiert und dem Land eine stolze Vergangenheit bescheinigt.[2] Die Geschichte des Freiheitskampfes der Schweizer mit Wilhelm Tell als Hauptfigur war aber auch schon vor der Veröffentlichung von Schillers Stück bei vielen Völkern äußerst populär, da die Stoffgeschichte eine unbeschreibliche Aktualität hinsichtlich der damaligen politisch historischen Ereignisse innehatte. Allen voran war es die Französische Revolution 1789, zu deren beliebtesten Geschichtslegenden der Tell-Mythos gehörte. Die Person Wilhelm Tell wurde dort zum Freiheitskämpfer und Schutzpatron der Republik ausgerufen und verehrt.[3]

Die Freiheitsidee, die Rebellion gegen den Absolutismus und letztendlich die Befreiung von Fremdherrschaft bei Tell war ausschlaggebend für die Berühmtheit des Stoffes und wohl auch für den Entschluss Schillers, das Stück zu schreiben. In der Forschungsliteratur liest man heute oft, dass die Revolution das entscheidende Thema des Stücks ist und Schiller damit Antwort auf die Französische Revolution geben will.

Wilhelm Tell als Person wird in dem Stück als Retter der Nation dargestellt, durch seine Tat wird das Volk letztendlich von der Gewaltherrschaft befreit. Denn obwohl die Schweizer Urkantone einen Aufstand planen, können sie erst etwas bewirken, nachdem Tell den Tyrannen ermordet hat. Dieses Bild des Wilhelm Tell als Mörder des Tyrannen und Held der Rebellion war seit jeher in der Stofftradition und bei den Teilnehmern der Französischen Revolution verbreitet. Im Folgenden soll nun genauer untersucht werden, ob die Hauptperson Tell in Schillers Stück wirklich als Revolutionär bezeichnet werden kann und welche Beweggründe es für sein Handeln gibt.

2. Charakter des Wilhelm Tell

Im Laufe des Stückes wird klar, dass für Tells Handeln v.a. sein individueller Charakter ausschlaggebend ist. Denn geht man zunächst einmal nur von seiner Arbeit als Jäger aus, findet man an ihm alle Eigenschaften, die ein solcher Beruf erfordert: „Er ist zäh, wetterfest und vertraut mit der Gebirgswelt. Sein Auge ist scharf, sein Arm stark.“[4] Mut, Umsichtigkeit und schnelle Berechnung zeichnen ihn ebenso aus, wie die Erfahrung in langem Lauern und Beschleichen des Wildes. Die Tatsache, dass er Tag für Tag allein in den Bergen unterwegs und auf sich allein gestellt ist, kann als Ursache für seine Schweigsamkeit und Verschlossenheit angesehen werden. Trotzdem genießt er bei seinen Landsleuten hohes Ansehen, da er ebenso bekannt für seine Hilfsbereitschaft und Entschlossenheit ist. So bemerkt Ruodi, der Fischer, nach seiner eigenen Hilflosigkeit gegenüber dem bedrängten Baumgarten: „Wohl bessre Männer tun´s dem Tell nicht nach, / Es gibt nicht zwei, wie der ist, im Gebirge“ (Vers 163, 164)[5]. Tell erscheint schon zu Beginn des Stücks als Lebensretter in der Not, als er den verfolgten Baumgarten vor den Reitern des Landvogts zur Flucht verhilft. Obwohl er Baumgarten noch nicht mal kennt, zeigt er gegenüber ihm eine selbstlose Hilfsbereitschaft: „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“ (Vers 139), und stets im Vertrauen auf Gott hilft er jedem, der in Not ist, auch wenn er dabei sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Diese Berufung zum Retter bleibt auch im weiteren Verlauf des Stücks bestehen.[6]

Eine weitere wichtige Eigenschaft der Hauptperson, die aus seiner Natur resultiert und wiederholt im Drama vorkommt, ist die Beschreibung Tells als „Mann der Tat und nicht der Rede“: „Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft, / Die Stunde dringt, dem Mann muss Hülfe werden“ (Vers 148, 149). Wie im folgenden Abschnitt noch mal erwähnt wird, führt Tell selbst diesen bestimmten Wesenszug an sich auf, als er Gründe für seine Ablehnung beim Rütli-Schwur angibt.

Was zudem in der Baumgarten-Szene nur kurz angemerkt wird („tröstet ihr / Mein Weib, wenn mir was Menschliches begegnet, / Ich hab getan, was ich nicht lassen konnte“, Vers 158 - 160), sich aber im Laufe des Stücks immer mehr herauskristallisiert, ist der Umstand, dass die Familie für Tell das Wichtigste im Leben ist, und er alles dafür tut würde, um seine Frau und Kinder zu beschützen.

Tells Charakter wird im Folgenden noch öfters angeschnitten werden, da durch sein Verhalten und Handeln bei den Ereignissen des Dramas stets sein Wesen durchscheint und als Beweggrund dafür angesehen werden kann.

3. Tells Ablehnung beim Rütli-Schwur

Wie wir am Anfang schon gehört haben, ist die Tat Tells entscheidend für den Erfolg der Rebellion gegen die Fremdherrschaft. Und doch nimmt Tell an dem Aufstand seiner Landsleute nicht teil, sondern hält sich vom Rütli-Schwur fern und distanziert sich nachdrücklich von der öffentlichen Sache. Obwohl Stauffacher ihn von der Notwendigkeit einer Teilnahme überzeugen will, hält Tell an seinen Grundsätzen fest, die Schiller an dieser Stelle in zahlreichen Sentenzen formuliert hat. Es stellt sich die Frage, ob die Hilfsbereitschaft und Entschlossenheit in Tells Charakter dieser ablehnenden Haltung gegenüber seinen Landesgenossen nicht widerspricht. Hintergrund für seine Ablehnung ist jedoch Tells Vertrauen in eine friedliche Weltordnung. Er glaubt, dass jedermann in Frieden leben kann, wenn man die Machthaber, d.h. in diesem Fall die Vögte nicht provoziert. Tell beschreibt seine Ansichten im Gespräch mit Stauffacher folgendermaßen: „Ein jeder lebe still bei sich daheim, / Dem Friedlichen gewährt man gern den Frieden.“ (Vers 427, 428) und „Die Schlange sticht nicht ungereizt. / Sie werden endlich doch von selbst ermüden, / Wenn sie die Lande ruhig bleiben sehn“ (Vers 429 - 431). Anders ausgedrückt, kann man sagen, dass Tell von allen am ehesten bereit ist, sich unter die Tyrannei zu beugen, indem er sagt „Die einz´ge Tat ist jetzt Geduld und Schweigen“ (Vers 420), in der Hoffnung sein eigenes Leben in Frieden führen zu können. Dennoch darf man nicht außer Acht lassen, dass er trotz seiner ablehnenden Haltung gegenüber den Ratschlüssen auf dem Rütli, stets bereit ist zu helfen, falls seine Hilfe zu einer bestimmten Tat benötigt wird. Dieser Wesenszug Tells, kein Mann des Rats, sondern der Tat zu sein, wird hier wiederum explizit von Schiller genannt: „Doch was ihr tut, lasst mich aus eurem Rat, / Ich kann nicht lange prüfen oder wählen, / Bedürft ihr meiner zu bestimmter Tat, / Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen“ (Vers 442 – 445). Tell distanziert sich also deutlich von irgendwelchen ausgeklügelten Beratschlagungen, er vertraut auf seine Weise der Hilfe, wenn eine konkrete Tat nötig ist.[7] Er selbst sieht sich nicht als Organisator oder Führerfigur, sondern möchte sich seine friedliche Welt der Familie und des Berufs bewahren. Dazu vertraut er auf sein Selbsthelfertum, wenn er z.B. sagt: „Beim Schiffbruch hilft der Einzelne sich leichter.“ (Vers 433) und „Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst“ (Vers 435), sowie „Der Starke ist am mächtigsten allein“ (Vers 437). Er vertraut sich selbst in der Not und bezweifelt, dass ein Bund stark genug wäre, um die Tyrannei zu beugen.

Diese Gründe, die er für seine Ablehnung angibt, spiegeln den Individualisten Tell sehr gut wieder. Jedoch werden seine Überzeugungen im Laufe des Dramas aufgrund der Ereignisse eine Veränderung erfahren.

4. Apfelschuss-Szene

4.1. Ausgangslage

Das entscheidende Ereignis, welches Tell in seinen Grundsätzen erschüttert, ist der Apfelschuss auf seinen Sohn im 3. Aufzug, 3. Szene. In der Forschungsliteratur herrscht Einigkeit darüber, dass diese Szene Mittelpunkt des dramatischen Geschehens, sowie Bedeutungszentrum ist.[8] Zwei Szenen vor dieser Haupt- und Schlussszene des 3. Aufzugs, wird Tell nach längerer Abwesenheit wieder in das Geschehen eingeführt. Die erste Szene des Aufzugs ist folglich dazu da, wichtige Informationen zu geben, die für das weitere Verständnis des Dramas entscheidend sind. So wird hier die Bedeutung des Familiären in Tells Leben und Persönlichkeit durch ein intimes Idylle-Bild dargestellt, da dies wichtig für die Beurteilung von Tells späteren Handelns ist. Außerdem erfährt der Leser den Grund für Geßlers besonderen Hass auf Tell, nämlich die Begegnung im Gebirge, als sie sich allein gegenüberstanden und Tell Zeuge von Geßlers Schwäche wurde.[9]

Angelpunkt in der Apfelschuss-Szene ist der Hut auf der Stange, welcher als Herrschafts- und Demütigungssymbol im Stück verstanden wird, den Tell schließlich, unwissend hinsichtlich der möglichen Folgen, nicht grüßt und somit das darauffolgende dramatische Geschehen auslöst. In der Französischen Revolution hat der Hut dagegen eine andere Bedeutung, nämlich als Freiheitssymbol. In weit früherer Zeit galt er auch als spezifisches Wahrzeichen des Tyrannenmordes. Am Schluss des Dramas gibt Schiller diesem Symbol die alte Bedeutung zurück, indem die Schweizer ihn zum Zeichen der Freiheit deklarieren („Es soll der Freiheit ewig Zeichen sein“, Vers 2922).[10]

[...]


[1] vgl. Philipp Reclam (Hrsg.) (2004): Friedrich Schiller: Wilhelm Tell – Schauspiel. Stuttgart., S. 154

[2] vgl. Darsow, Götz-Lothar (2000): Friedrich Schiller. – Sammlung Metzler 330. Stuttgart, Weimar, S. 213

[3] vgl. Alt, Peter-André (2004): Friedrich Schiller. München, S. 111

[4] Woyte, Prof. Dr. Oswald (1960)38: Erläuterungen zu Schillers Wilhelm Tell. – Königs Erläuterungen 1. Hollfeld, S. 46

[5] Philipp Reclam (Hrsg.) (2004): Friedrich Schiller: Wilhelm Tell – Schauspiel. Stuttgart.

[6] vgl. Ueding, Gert (1979): Wilhelm Tell. Hinderer, W. (Hrsg.): Schillers Dramen: neue Interpretationen. Stuttgart, S. 276

[7] vgl. Knobloch, Hans-Jörg (1998): Wilhelm Tell. Koopmann, H. (Hrsg.): Schiller-Handbuch. Stuttgart, S. 497

[8] vgl. Ueding (1979), S. 281

[9] vgl. Tischer, Heinz (1977)2: Schillers „Wilhelm Tell“. – Analysen und Reflexionen 5. Hollfeld, S. 36, 37

[10] vgl. Ueding (1979), S. 282

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640107582
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112078
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,0
Schlagworte
Wilhelm Tell Revolutionär

Autor

Zurück

Titel: Wilhelm Tell - ein Revolutionär?